Ad Hoc-Gruppe: Selbständiger Erwerb im digitalen Kapitalismus und seine Einbettung in Markt, Haushalt und Kultur am 21.9.2020

von Nele Dittmar

Aufhänger für die Ad Hoc-Gruppe „Selbständiger Erwerb im digitalen Kapitalismus“ auf dem DGS-Kongress war die Frage, ob und wie sich das Spannungsverhältnis zwischen Autonomie (z.B. von Vorgesetzten) und Abhängigkeiten (z.B. von Marktzwängen), das für solo-selbstständige Erwerbsarbeit prägend ist, im „digitalen Kapitalismus“ verändert. Welche Rolle spielen die großen Plattformunternehmen, die mit Philipp Staab als „proprietäre Märkte“ begriffen werden können? Welchen Einfluss haben Formen und Techniken der Arbeitsorganisation, die mit dem Begriff „digitaler Taylorismus“ belegt werden? Dabei sollte Selbstständigkeit (bzw. im Kontext der Ad hoc-Gruppe: Solo-Selbstständigkeit) aber nicht nur als eingebettet in den Markt oder in Märkte, sondern auch in „Kultur“ und „Haushalt“ begriffen werden. Entsprechend wurden die sechs Vorträge der Session gruppiert.

Zunächst setzte sich Christopher Grieser von der TU Berlin mit dem Begriff der „Plattform“ auseinander. In der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion ist der Plattformbegriff zwar allgegenwärtig, er bleibt jedoch theoretisch unzureichend ausgearbeitet. Es lassen sich zwei Stränge in der Forschung identifizieren, in denen einerseits Plattformen als Markt-Intermediäre gesehen werden, andererseits als technische Infrastruktur. Ausgehend von der empirischen Beobachtung, dass Plattformen immer weniger nur als eine dieser beiden Varianten auftreten, entwickelte Grieser seinen eigenen Begriff von Plattformen als infrastrukturzentrierte, zentral organisierte Märkte. Dabei wird die Infrastruktur durch die Plattform kontrolliert und deren Nutzung ist zentral für die Marktteilnahme. Als Infrastruktur werden kollektiv nutzbare, sozio-technische Ressourcen verstanden. Die Integration der Dimensionen „Markt“ und „Infrastruktur“ erlaubt es, verschiedene Plattformen mit einem Konzept in den Blick zu bekommen und in einem Koordinatensystem gemäß dem Grad der Infrastrukturorientierung und dem Grad der Marktorganisation einzuordnen. Sei beides besonders stark ausgeprägt, komme das in den Blick, was Staab als „proprietärer Markt“ bezeichnet. Als letztes beleuchtete Grieser Implikationen für selbstständige Erwerbsarbeit auf Plattformen in den beiden Dimensionen „Markt“ und „Infrastruktur“. „Plattformarbeit“ biete niedrige Einstiegshürden (aufgrund geringer Transaktionskosten und dem Zugang zu sozio-technischen Ressourcen), führe zu einer Homogenisierung von Kreativ-Erzeugnissen (über algorithmisch erzeugte Bewertungen und eine vereinheitlichende Tendenz der Technik) und verringere die Autonomie Selbstständiger durch mehrfache Plattformabhängigkeit (aufgrund der Nachfrageaggregation durch Plattformen und der Abhängigkeit von Plattformressourcen).

Im zweiten Vortrag beleuchteten Dominik Klaus (Universität Wien) und Johanna Hofbauer (Wirtschaftsuniversität Wien) ein neu entstehendes „digitales“ Tätigkeitsfeld: die virtuelle Assistenz. Eine virtuelle Assistenz bietet – selbst solo-selbstständig – organisatorische und administrative Dienstleistungen (z.B. E-Mails sortieren, Präsentationen vorbereiten) für fast ausschließlich ebenfalls solo-selbstständige Kund*innen an. Bei der virtuellen Assistenz handelt es sich um ein feminisiertes Arbeitsfeld, oft wird die Tätigkeit als Neben- oder Brückentätigkeit ausgeführt und noch besteht ein unklares Kompetenzprofil. Wie bei anderen selbstständigen Tätigkeiten gestaltet sich z.B. die Grenzziehung zwischen „Arbeit“ und „Leben“ schwierig. Klaus und Hofbauer beschrieben das neue Feld anhand einer ersten Typisierung der Arbeitenden: virtuelle Assistenzen des ersten Typs – „reisend arbeiten“ – verdienen sich quasi am Strand ein wenig dazu. „Vereinbarkeitsorientiert arbeiten“ vor allem Mütter mit Sorgeverpflichtungen. „Karriereorientiert arbeiten“ schließlich diejenigen, die mit einer höheren Arbeitsauslastung und eigenen Spezialisierungen arbeiten, sowie ihrerseits schon „Ausbildungsangebote“ für virtuelle Assistenzen anbieten. Innerhalb des Feldes lassen sich – mit Blick auf die gebildeten Typen – Distinktionsversuche beobachten, die vor dem Hintergrund von Befürchtungen einer Entwertung des „Berufs“ und einer verstärkten Preiskonkurrenz zu sehen sind.

Die nächsten beiden Beiträge thematisierten unterschiedliche Formen der Solo-Selbstständigkeit im Online-Raum, bei denen insbesondere Entgrenzung und Grenzziehungen zwischen „Öffentlichem“ und „Privatem“ eine Rolle spielen. Fabian Hoose und Sophie Rosenbohm vom IAQ an der Universität Duisburg-Essen beschäftigten sich mit der digitalen Solo-Selbstständigkeit von (Video-)Blogger*innen. Sie gingen insbesondere den Fragen nach, welche Motive für und Ansprüche an ihre Tätigkeit (Video-)Blogger formulieren und ob bzw. wie Plattformregeln ihre Arbeitspraktiken beeinflussen. Als Antriebsfedern, der Tätigkeit zum Erwerb nachzugehen, sehen die Blogger*innen die Möglichkeit, selbstbestimmt und ohne Chef*in zu arbeiten, einer kreativen Tätigkeit nachzugehen und etwas für eine Community zu tun, die auch direkt Feedback gibt. Diesen Motiven der individuellen Freiheit und Selbstverwirklichung stehen allerdings Abhängigkeiten gegenüber: einerseits sind auch die (Video-)Blogger*innen mit den „klassischen“ Herausforderungen Solo-Selbstständiger konfrontiert, wie der Entgrenzung von Arbeit und Leben und fehlender sozialer Absicherung. Hinzu kommen spezifische Abhängigkeiten durch Plattformen und ihre Algorithmen. Beispielsweise zwingen die Empfehlungsmechanismen auf Plattformen dazu, „Inhaltskonjunkturen“ zu befolgen und sie verlangen regelmäßige Aktivität. Hinzu kommen Ansprüche der „Community“, die zum Beispiel die permanente Verfügbarkeit „ihrer“ Blogger*innen erwartet, und eine schwierige Grenzziehung zwischen dem, was öffentlich gemacht wird und dem, was privat bleiben soll. Um diesen Abhängigkeiten zu entkommen, so ein Fazit der Präsentierenden, sehen einige (Video-)Blogger*innen ihre Tätigkeit nur als Ausgangspunkt für eine Weiterentwicklung ihrer Selbstständigkeit.

Der zweite Vortrag in diesem Block von Simone Schneider (University of Cambridge) befasste sich mit der digitalen Solo-Selbstständigkeit von „adult webcam performers“. Hierbei geht es um die Arbeit meist weiblicher Sexarbeiter*innen im Internet, angeboten auf Plattformen, die für ihre Vermittlungsleistung einen (recht großen) Teil der Einnahmen der Sexarbeiter*innen erhalten. Diese Arbeit ist prekär, zum Beispiel aufgrund wechselnden Einkommens, die Sexarbeiter*innen werden aber insbesondere mit dem Versprechen großer Autonomie bei der Arbeit geworben. Schneider arbeitete in ihrem Vortrag die Grenzziehungsarbeit der Sexarbeiter*innen um die Aspekte „intimacy“ und „authenticity“ heraus. Beides werde von den Kund*innen eingefordert, so dass die Sexarbeiter*innen vermitteln müssten, ihre Tätigkeit gerade nicht als Arbeit zu verstehen, auch wenn sie selbst davon leben. Gleichzeitig versuchen sie die Grenze zu ihrem Privatleben aufrechtzuerhalten bzw. in ständiger Grenzarbeit neu zu ziehen. Besonderheiten der digitalen Sexarbeit sieht Schneider insbesondere in dieser Dynamik der Grenzarbeit und der Online-Offline-Grenze. Intimität und Authentizität können „angeboten“ werden, solange sie im Online-Raum verbleiben. Dieses Angebot birgt aber gleichzeitig die Gefahr, dass die Kund*innen ihrerseits versuchen, die Online-Offline-Grenze zu durchbrechen. Ein Risiko, für dessen Management die Sexarbeiter*innen selbst verantwortlich sind. Neben mangelnder Unterstützung seitens der Plattformen seien die „digitalen“ Sexarbeiter*innen im Gegensatz zu „analogen“ besonders vereinzelt.

Die letzten beiden Vorträge befassten sich – so könnte man zusammenfassen – mit Integration und Teilhabe über plattformvermittelte Arbeit. Iris Nowak und Wiebke Frieß von der Universität Hamburg stellten erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt zum Thema „Teilhabe durch Crowdworking“ vor. Das Projekt geht der Frage nach, wie Personen mit erschwerter Partizipation am Erwerbsleben – konkret: Menschen mit Beeinträchtigungen, Sorgeverpflichtungen und aus strukturschwachen Regionen – über Crowdwork Teilhabechancen eröffnet werden könnten. Crowdwork wird als komplett online erbrachte Tätigkeit definiert. Obwohl verschiedene Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, lässt sich sagen, dass Crowdwork zurzeit in Deutschland noch nicht sehr verbreitet ist. Darüber hinaus gibt es kaum Studien zu Crowdwork und Menschen mit geringeren Partizipationsmöglichkeiten am Erwerbsleben. Es lassen sich aber einigen Annahmen formulieren, inwiefern Crowdwork für diese Menschen Chancen auf Teilhabe bietet: beispielsweise durch die Flexibilität von Ort und Zeit bei Crowdwork, den Wegfall des Arbeitswegs, die Nicht-Sichtbarkeit des Körpers oder die nicht-verbale Kommunikation. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass diese theoretischen Vorteile so nicht zum Tragen kommen. Es bestehen zum Beispiel technische Zugangs- und Nutzungshürden und die große Flexibilität der Arbeit ist beispielweise nicht vorteilhaft für viele Menschen mit psychischen Einschränkungen. Die Präsentierenden folgern, dass auch Crowdwork strukturell an einer/m gesunden „Normalarbeiter*in“ ohne Sorgeverpflichtung orientiert sei. Gleichzeitig zeigen erste Erhebungen des Projekts, dass insb. Menschen mit Beeinträchtigungen beim Crowdwork überrepräsentiert sind und auch ihre Beeinträchtigung als Grund für ihre Tätigkeit „in der Crowd“ angeben.

Als letzte präsentierte Jasmin Schreyer von der Universität Stuttgart ihre Ergebnisse aus Untersuchungen im Bereich der Essenlieferdienste. In ihrem Vortrag „Solo-selbstständige Erwerbsarbeit: Monopole versus Kooperative“ verglich sie die Plattform Foodora (mittlerweile in Lieferando aufgegangen) mit der Kurier-Kooperative „Crow“. Den Grundprinzipien von Plattformorganisationen (Organisation, Partizipation, Technik) stellte sie die Grundprinzipien von Kooperativen gegenüber. Dem Prinzip der Identität gemäß sind die Arbeitenden auch die Eigentümer. Das Prinzip Demokratie wird verwirklicht über den Grundsatz: ein Mitglied – eine Stimme. Das Prinzip „Förderung/Subsistenz“ zielt auf ein Einkommen zur Reproduktionssicherung. Ein großer Unterschied zwischen Foodora/Lieferando und der Kooperative ist in der Rolle der Technik zu sehen. Während im ersten Fall Technik als Macht- und Disziplinierungsinstrument eingesetzt wird und die Kommunikation mit den „Riders“ (fast) ausschließlich digital abläuft, bildet die App im Falle der Kooperative nicht den zentralen Koordinationsmechanismus, vielmehr wird diese menschlichen Dispatchern überlassen. Außerdem wird im Fall der Kooperative das Risiko der Erwerbsarbeit zum Teil wieder von den einzelnen Riders in das Kollektiv verlagert, was aber auch mit dem Druck einhergeht, sich dort ständig aktiv einzubringen. Damit zeigte sich auch bei diesem Beispiel „digitaler“ Solo-Selbstständigkeit die Problematik (die im Feld aber nicht als solche empfunden wird) der Verwischung der Grenze zwischen Arbeit und Leben. In der Diskussion zu beiden Beiträgen wurde aufgeworfen, dass das integrative Prinzip der Kooperative selbst ausschließend wirken kann, weil Menschen mit anderen Verpflichtungen (z.B. Sorge für andere) die Teilhabe daran erschwert sein könnte.

Abschließend strich Isabell Stamm drei Konfliktlinien heraus, die selbstständige Erwerbsarbeit im digitalen Kapitalismus zu prägen scheinen: Autonomie steht besonderen Abhängigkeiten gegenüber, in vielen Fällen steht die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit unter (Aushandlungs-)Druck und den an „gute Arbeit“ gestellten Ansprüchen und Erwartungen steht oft Prekarität gegenüber.

Die Ad Hoc-Gruppe „Selbstständiger Erwerb im digitalen Kapitalismus“ wurde organisiert von Andrea Bührmann, Lena Schürmann und Isabell Stamm und war eine Veranstaltung des Arbeitskreises „Die Arbeit der Selbstständigen“ der DGS-Sektion Arbeits- und Industriesoziologie.

Sektion Arbeits- und Industriesoziologie: Future of Work in the Platform Economy

von Oliver Giering

Digitale Plattformen zur Arbeitsvermittlung mit innovativen Geschäftsmodellen und neuartigen Formen von Arbeitsorganisation beschäftigten seit einigen Jahren zunehmend die (sozialwissenschaftliche) Forschung. Oftmals werden disruptive Entwicklungen und eine umfassende Transformation, stellenweise sogar eine Uberisierung ganzer Organisationsformen proklamiert. Anstelle betrieblicher Arbeitsorganisation mit entsprechendem Regulierungsrahmen, tritt nun die sogenannte Plattformökonomie, die Arbeitsleistung über Plattformen direkt koordiniert oder aber Arbeit im und über das Internet in hohem Maße steuert. Allerdings verbleibt der Begriff der Plattform dabei weitestgehend unscharf und umfasst vielfältige Bereiche, was in einem äußerst heterogenen (empirischen) Forschungsfeld resultiert. Daher widmete sich auch der diesjährige DGS Kongress dem Phänomen der Plattformökonomie und fragte über die Sektion Arbeits- und Industriesoziologie nach der „Future of Work in the Platform Economy“. Die Moderation dieses Panels übernahm dabei Martin Krzywdzinski (WZB).

Zu Beginn präsentierten Juliet Schor (Boston College) und Steven Vallas (Northeastern University) einige Ergebnisse ihrer gegenwärtigen Forschung „Understanding Algorithmic Management: Preliminary Findings from the Boston Study of the Algorithmic Workplace”. Mit einem interdisziplinären Team versuchen die ForscherInnen das algorithmische Management und Mechanismen der Kontrolle über die Beschäftigten auf unterschiedlichen Plattformen zu erforschen. Ihre Forschung mit bisher 70 Interviews steht dabei ganz im Zeichen der COVID-19 Pandemie, da die Interviews vornehmlich in den letzten Monaten stattfanden. Bisher zeichneten sich vor allen Dingen drei wichtige Aspekte ab: Erstens beschleunigen Plattformen die Volatilität des Arbeitsmarktes. Während die Arbeit auf digitalen Plattformen zunächst eine Lösung für Einkommensunsicherheiten war, wird diese mit fortschreitender Zeit zum Grund für eben jene. So komme es zunehmend – auch durch die Pandemie – zu einem Überangebot an verfügbarer Arbeitskraft und damit zu einem starken Wettbewerb zwischen den Beschäftigten, der wiederum in geringeren Verdienstmöglichkeiten resultiert. Die Plattformen reagieren entsprechend mit verstärkten Mechanismen der Kontrolle und Disziplinierung (etwa der Leistung). Zudem zeige sich zweitens, dass es kaum Einheitlichkeit bezüglich der Funktionsweise von Plattformen gäbe, da unterschiedliche Plattformen ganz verschieden auf (neue) Herausforderungen reagieren. Drittens werde Kritik von Seiten der Beschäftigten an den Plattformmechanismen weitaus weniger ausgedrückt als vermutet: Plattformbeschäftigte betonen eher die Flexibilität der Arbeit. Zudem böte die Arbeit auf Plattformen Verdienstmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung oder für Menschen, die andere pflegen. Weiterhin betonten manche Befragte gar das Gefühl etwas Gutes mit ihrer Arbeit für andere Menschen zu tun, besonders in Zeiten der COVID-19 Pandemie. Schor und Vallas berichten zusammenfassend, dass das Narrativ des Endes der Arbeit überzogen sei, sehen aber gleichzeitig die Möglichkeit eines „large scale technological replacement of labor“ in bestimmten Bereichen. Sie kommen deshalb zum Schluss, dass der Fokus wohl künftig eher auf Care-Work und weiteren persönlichen Dienstleistungen liegen wird, die eine Face-to-Face Situation erfordern. Es zeige sich zudem erneut, dass die Mehrheit der Plattformbeschäftigten hauptsächlich nebenberuflich auf digitalen Plattformen arbeite.

Nachfolgend präsentierten Fabian Ferrari und Alessio Berolini (beide Oxford Internet Institute) einige Ergebnisse ihrer Forschung zum Thema: “The Tip of the Iceberg: Migration and Decent Work in Germany’s Platform Economy“. Die beiden Forscher widmeten sich der digitalen, ortsgebundenen Arbeit auf unterschiedlichen Plattformen wie Lieferando, CleverShuttle oder Beutreut.de und erstellten ein Ranking, welches die Fairness der Plattform anhand bestimmter Kriterien bewerten sollte. Für ihre Forschung wurden MigrantInnen in Deutschland befragt. Die Befragten gaben an teils verbesserte Chancen auf dem Arbeitsmarkt über plattformvermittelte Arbeit zu haben, da etwa der Einstellungsprozess vereinfacht (so komme es zu weitaus weniger Bürokratie) und die Arbeit allgemein flexibler sei. Neben einem Plus an Autonomie berichteten die Befragten aber auch von rassistischer oder sexistischer Diskriminierung in Zusammenhang mit der Plattformarbeit. Dennoch kommen die Forscher zu dem Schluss, dass Plattformarbeit grundsätzlich die Möglichkeit für MigrantInnen bereitstelle, Zugang zu Arbeit zu finden.  Sie betten ihre Arbeit jedoch in die generelle Problematik des Beschäftigungssystems ein und so seien die negativen Auswirkungen der Plattformen lediglich symptomatisch in Bezug auf die generelle, problematische Situation von migrantischen ArbeiterInnen in Deutschland abseits von Plattformen. So komme es auf dem Arbeitsmarkt teils zu einer Umgehung des Mindestlohns, zum Ausschluss aus sozialen Sicherungssystemen oder etwa zur Verschleierung von Beschäftigung durch Subunternehmen – all dies ließe sich folgerichtig dann auch auf Plattformen wiederfinden. Ihre Methodik der Bewertung der Fairness von Plattformen, als auch die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und einem entsprechenden Lobbying, könnten helfen, die Bedingungen der Plattformbeschäftigten zu verbessern.

Als dritter Vortragender stellte Heiner Heiland (TU Darmstadt) seine Forschung zu „Worker’s Voice in Platform Labor – Social Composition as Obstacle or Catalyst“ vor. Er untersuchte dazu FahrerInnen von plattformvermittelten Kurierdiensten. Heiland macht dabei die wichtige Anmerkung, dass die Plattformen, die er 2018 und 2019 noch untersuchte, in dieser Form nicht mehr existieren. Foodora und Deliveroo sind so nicht mehr präsent, sondern mittlerweile dominiere Lieferando als Quasimonopol den deutschen Markt. An dieser Stelle ist anzumerken, dass wohl viele ForscherInnen im Feld der Plattformökonomie diese allgemeine Schwierigkeit erleben: die Beständigkeit von Anbietern und Plattformen ist äußerst volatil. Heiland findet in seinem Sample besonders zwei Gruppen von KurierInnen: „Dependents“ und „Messengers“. Während Erstere tatsächlich abhängig vom realisierten Einkommen durch die Plattform sind, sind Letztere eher durch die Subkultur der KurierInnen an der Arbeit interessiert. Die Plattformen bieten vermeintlich freie, aktive, „coole“ und teils auch politische organisierte Arbeit, durch die sich diese Gruppe angesprochen fühlt, wenngleich diese Attribute in der tatsächlichen Arbeit dann kaum erfüllt werden. Dennoch sind es oft genau diese „Messengers“, die politischen Wandel innerhalb der Strukturen anstreben und teils initiieren, aber durch die hohe Fluktuationsrate und ihre vergleichsweise einfache „Exit-Option“ selten daran beteiligt sind, tatsächlich nachhaltige Strukturen zu verwirklichen. Die soziale Zusammensetzung der „Rider“ bietet also über diese Gruppe grundsätzlich Möglichkeiten einer politischen Artikulation – allzu oft scheiden die Personen aber nach kurzer Zeit wieder aus und nachhaltiger Wandel hin zu besseren Arbeitsbedingungen erscheint so kaum möglich.

Zuletzt stellte Sandra Kawalec (IAB Nürnberg) ihre Forschung zum Thema „Crowdwork and Justice Expectations“ vor. Sie untersuchte dazu eine Crowdsourcinginitiative von IBM, als auch die Gerechtigkeitserwartungen von Personen auf Crowdworkplattformen. Kawalec stellt dabei vier Bereiche heraus, die von zahlreichen Personen bezüglich ihrer Erwartungen an Plattformarbeit genannt wurden. Die erste Dimension „Performance-related Justice“ bezieht sich auf die Funktionsweise bestimmter Crowdworkingplattformen. Hierbei zeige sich häufig das Problem, dass nur das beste Ergebnis tatsächlich vergütet wird und alle anderen Einsendungen gänzlich ohne Bezahlung bleiben – obgleich viel Zeit und Arbeit in sie investiert wurde. Probleme hierbei zeigen sich auch in fehlenden, eindeutigen Aufgabenbeschreibungen und objektiven Maßnahmen zur Bewertung der Leistung. Der zweite Bereich widmet sich der „Autonomy“. Befragte berichten, dass sie über eine hohe Selbstbestimmung durch die Crowdwork verfügen und sich besser selbstverwirklichen können. Als dritten Punkt berichten Plattformbeschäftigte von einem Wunsch nach mehr Transparenz bestimmter Arbeitsprozesse und in Bezug auf Kommunikation bei der Arbeit auf Plattformen. Eine Regulierung der Plattformen wird hingegen gleichermaßen nicht unbedingt positiv bewertet, da einige Befragte Risiken sehen, ihre (finanziellen) Vorteile, die sich besonders über Plattformen ergeben, zu verlieren. Als vierten Punkt „Dignity“ äußern die Befragten hohe Erwartungen an eine menschenwürdige Arbeit, die sich nicht immer über Crowdworkplattformen realisieren lassen würden. Teils wird von sehr erniedrigenden Erfahrungen berichtet. Auch in diesem Beispiel zeigen sich vielfältige Auswirkungen, die die Arbeit auf digitalen Plattformen haben kann. Kawalec belegt diese durch entsprechende Zitate aus ihren Interviews in äußerst nachvollziehbarer und interessanter Art und Weise.

Zum Abschluss des Panels fragte Martin Krzywdzinski nach den wichtigsten Herausforderungen und Fragen, die die PanelteilnehmerInnen im Feld der Plattformökonomie sehen. Die Beantwortung dieser Frage offenbarte erneut die Vielfalt und Schwierigkeiten des Feldes, da sich unter dem Begriff der „Plattformökonomie“ nicht nur außerordentlich unterschiedliche Plattformen finden, die unterschiedliche Arbeitsleistungen bieten und Arbeit unterschiedlich organisieren; das Feld unterliegt auch einem ständigen Wandel, sowohl in Bezug auf Markteintritte und –austritte sowie Fusionen, als auch in Bezug auf staatliche Regulierungen, die selbst im Falle einer einzigen Plattform wie Uber, in verschiedenen Ländern oder gar Städten sehr unterschiedlich ausfallen können. Entsprechend vielfältig gestalteten sich auch die Antworten der Vortragenden. So betonte Kawalec, dass die COVID-19 Pandemie auch eine Chance für einige Personen sein könnte, Einkommen zu generieren, allerdings sei die Frage der Fairness der Arbeit außerordentlich relevant. Wer die Akteure sind, die diese schaffen, gelte es zu bestimmen. Gewerkschaften könnten hierbei durchaus hilfreich sein. Heiland hingegen sieht vor allen Dingen das Fehlen von repräsentativen Daten in Bezug auf die Plattformökonomie als Problem an. Zudem bezögen sich die meisten Untersuchungen auf große Städte und westliche Länder, während gerade der ländliche Bereich und Forschung aus dem Globalen Süden – auch im Kontrast zur Stadt und dem Globalen Norden – von großem Interesse wären. Für Ferrari ist besonders der Aspekt der Finanzierung vieler Plattformen von besonderem Interesse: er fragt deshalb, wie lange das Finanzierungsmodell über Venture Capital mit dem Versprechen an eine profitable Zukunft noch aufrechterhalten werden könne, wenn sich doch empirisch zeige, dass kaum eine Plattform auch nach Jahren der Marktaktivität wirklich profitabel sei. Zudem werde deutlich, dass die Plattformen sich über die Zeit – auch durch Regulierung – ändern. Plattformen müssten zunehmend Verantwortung für ihre Beschäftigten übernehmen und sie sollten dabei zeigen, dass sie auch gewillt sind, dies aktiv zu tun. Juliette Schor betonte hingegen abschließend, dass die Forschung sich vornehmlich auf die Perspektive der Beschäftigten fokussiere. Die Seite der Plattformen sei aber auch interessant, möchte man die Analyse der Plattformökonomie vorantreiben. Zudem verliefen die Diskussionen über Regulierungen relativ grundlegend und es bedürfe einer Weiterentwicklung dieser Positionen mit Berücksichtigung der jeweiligen Eigenschaften der Fälle. Vallas fügte hinzu, dass es zudem die jeweiligen Strukturen der Arbeitsmärkte, besonders in Bezug auf „race“ und „gender“, zu berücksichtigen gelte.

Insgesamt lieferte das Panel detaillierte Einblicke in unterschiedliche, teils sehr spezifische Bereiche bestimmter Plattformen, die für die Analyse der Arbeitsorganisation durchaus wertvoll sind. Interessant waren dabei die internationale Zusammensetzung der Vortragenden und das vielschichtige, heterogene Untersuchungsfeld, sowie die jeweiligen Perspektiven auf dieses. Gleichermaßen offenbarte sich aber erneut genau durch diese außerordentliche Vielfalt die Schwierigkeit, Gemeinsamkeiten bei den Untersuchungen zu formulieren, da teils sehr spezielle Plattformen im Fokus der Untersuchungen standen, die jeweils entsprechend spezifische Eigenheiten aufweisen. Verbindend verbleibt daher auch weiterhin der unscharfe Begriff der „Plattform“, der es durch seine Heterogenität und seine ständige Transformation und Wandelbarkeit schwierig macht, gemeinsame und allgemeingültige Ableitungen über die Arbeit auf Plattformen und die Organisation selbiger zu treffen.