Ein kurzer Überblick über den aktuellen Zustand des Rades anstatt eines weiteren Entwurfs für seine Neuerfindung: Cas Muddes „The Far Right Today“

Dass eine Partei rechts von der Union in den Bundestag und im großen Rahmen in Landesparlamente einzieht, ist in der jüngeren deutschen Geschichte ein Novum.[1] Der sich so einstellende Eindruck einer Zeitenwende wurde durch zeitgleiche Entwicklungen in den USA (Trump) und dem Vereinigten Königreich (Brexit) noch verstärkt. Entsprechend ist die publizistische und wissenschaftliche Debatte über den jüngeren Aufstieg der Rechten hierzulande durch die Wahrnehmung geprägt, dass es sich um ein neues Phänomen handele, das neuer Erklärungen und Kategorisierungen bedürfe.

Diese Wahrnehmung trägt leider dazu bei, dass die bestehende Forschungsliteratur zu Rechtsparteien und Populismus in den aktuellen Debatten verhältnismäßig wenig Berücksichtigung findet[2] – und diese Forschungsliteratur ist umfangreich. Denn obwohl es in den letzten Jahren zweifelsohne zu qualitativen Veränderungen kam, ist die Etablierung von Rechtsparteien in europäischen Demokratien insgesamt weder neu, noch ist sie eine Wiederkehr des frühen 20. Jahrhunderts, für die man nur historische Literatur bemühen könnte: Parteien der gegenwärtigen Populist Radical Right in Italien, Frankreich, Dänemark, Österreich, Ungarn, Kroatien, der Slovakei, der Schweiz, Belgien und den Niederlanden sind schon vor Jahren oder Jahrzehnten feste Bestandteile der jeweiligen Parteiensysteme geworden – und diese Parteienfamilie war bereits vor der aktuellen Welle von Erfolgen und Aufmerksamkeit die bestbeforschte in Europa. Entsprechend sind viele der aktuell ausgefochtenen Kontroversen (Kultur vs. Ökonomie, Protestwahl vs. Überzeugungswahl etc.) bereits mehrfach durchgespielt worden.

Nichts von alldem spricht dagegen, diese Fragen weiterzuverfolgen und neu zu diskutieren. Schließlich gibt es unbestreitbar neue Entwicklungen – und selbst wenn es sie nicht gäbe, könnten neue Perspektiven doch neue Erkenntnisse bieten. Jedoch könnte die Berücksichtigung der bestehenden Literatur davon abhalten, mit allzu großem Elan in Sackgassen zu rennen, die in der Vergangenheit bereits mehrfach vermessen wurden.

Cas Muddes dieser Tage erscheinendes Buch The Far Right Today bietet die Chance, einen Überblick über den Forschungsstand der Vergangenheit und Entwicklungen der Gegenwart zu erlangen, ohne hunderte Aufsätze und Bücher zu wälzen. Anders als Teile der gegenwärtigen Publizistik zum Thema ist Muddes Buch nicht mit dem Anspruch formuliert, das Rad neu zu erfinden; vielmehr bietet es auf 180 Seiten einen in zehn Kapitel strukturierten Überblick über den aktuellen Zustand des Rades.

Cas Mudde: The Far Right Today (2019, Polity)

Positionierung auf dem Feld

Anders als die in der öffentlichen Debatte meistbeachteten Bücher wartet Muddes Band dementsprechend auch nicht mit einer einzigen griffigen These auf, durch die der Aufstieg des Rechtspopulismus mit einem Streich erklärt oder die von ihm ausgehende Gefahr für die Demokratie auf den Punkt gebrachten werden soll. Wollte man dem Buch doch eine einzige These zuschreiben, müsste diese gerade lauten, dass das Phänomen zu widersprüchlich und vielfältig ist, als dass irgendeine One-size-fits-all-Deutung aufrechtzuerhalten wäre. Gleichwohl beschränkt sich das Buch nicht auf ein informiert schulterzuckendes „It’s complicated“, sondern bietet auf Grundlage von Forschungsliteratur und Beobachtungen jüngerer Entwicklungen einen strukturierten Überblick über das Feld: Im Einzelnen geht es um Konzepte, Geschichte, Ideologie, Organisationsformen, Personen, Handlungsmuster, Ursachen, Folgen, Reaktionen und Geschlechterverhältnisse. Abgeschlossen wird der Band durch zwölf zusammenfassende Thesen sowie einen Service-Teil mit Zeitleiste, Glossar und weiterführender Literatur zu den einzelnen Kapiteln.

Dabei stellt das Buch freilich kein neutrales Spiegelbild der Forschungslandschaft im Miniaturformat dar, sondern ist durch die Positionen des Autors auf diesem Feld geprägt. Auf zwei sei hier verwiesen:

Erstens argumentiert Mudde seit vielen Jahren dafür, dass sich die Erforschung der Far Right den Parteien und ihren Ideologien selbst (also der Angebotsseite) zuwenden solle, anstatt allein auf die Wähler_innenbasis (also die Nachfrageseite) zu schauen. Für dieses Ansinnen gibt es gewichtige Argumente: Eine allein nachfrageseitig-sozialstrukturelle Perspektive könnte beispielsweise nur bedingt erklären, warum es in Spanien lange keine Partei rechts der PP im Parlament gab, die Rechtspartei Vox dann aber 2019 fast aus dem Stand mit einem zweistelligen Ergebnis einziehen konnte – eine korrespondierende kurzfristige Verschiebung der Sozialstruktur ist kaum plausibel. Neben den durch die Katalonien-Krise verursachten Dynamiken dürfte diese Verschiebung vor allem dadurch bedingt sein, dass anders als zuvor nun ein Angebot vorhanden ist, das eine zuvor zwar bestehende, aber politisch unwirksame Nachfrage aktiviert. Auch der rasante Aufstieg der AfD in Deutschland ist nicht auf entsprechend immense nachfrageseitige Verschiebungen zwischen 2012 und 2017 zurückzuführen, sondern nur mit Blick auf die Dynamiken der Partei selbst zu verstehen. Andersherum sind die grundlegenden länderübergreifenden Veränderungen in der Rechten ohne eine Einbeziehung nachfrageseitiger Dynamiken nicht zu erklären. Daher betont Mudde die Betrachtung der Angebotsseite vor allem als Korrektiv für eine allzu starke Fokussierung auf die Nachfrageseite. Im Endeffekt plädiert er dafür, Nachfrageseite, äußere Angebotsseite (wie positionieren sich die anderen Parteien), innere Angebotsseite (wie positionieren sich die Rechtsparteien) sowie kurzfristige politische (Krisen-)Dynamiken zusammenzudenken.

Zweitens positioniert sich Mudde regelmäßig gegen einen medialen, publizistischen und wissenschaftlichen Hype um die Far Right, der dieser letztlich helfe. Während sich also die meisten Forscher_innen wünschen, dass ihr Gebiet endlich mehr öffentliche Aufmerksamkeit erhält, wünscht sich Mudde zumindest etwas weniger von bestimmten Formen der Aufmerksamkeit. Dieses Unterfangen ist nicht paradox: Zwar erzeugt Mudde mit seinem eigenen Wirken inklusive des vorliegenden Buches immer wieder neue Aufmerksamkeit, jedoch geht dies erkennbar mit dem Bestreben einher, die Art der Aufmerksamkeit zu verändern – hin zu einer Betrachtung, die er für sachlich hält und die die von der Far Right für die Demokratie ausgehende Gefahr weder übertreibt noch verharmlost (eine goldene Mitte, die freilich die meisten für sich beanspruchen würden).

Definitionen und Kategorisierungen

In der gegenwärtigen Debatte wird Mudde in erster Linie für seine Definition des Populismusbegriffes zitiert – dieser zufolge ist Populismus eine dünne Ideologie, die einen Gegensatz zwischen einem als homogen gedachten guten Volk und einer korrupten Elite konstruiert und die die Herstellung echter Volkssouveränität einfordert. Jedoch betont Mudde bereits seit einiger Zeit, dass politische Gegenwartsdiagnosen weniger auf Populismus als vielmehr auf den Aufstieg und die Normalisierung der Far Right und ihrer Kernideologie des Nativismus zielen sollten – und eben dies tut er im vorliegenden Buch.

Dabei geht er in Anlehnung an Norberto Bobbio davon aus, dass die Linke und Rechte sich in erster Linie durch ihren Blick auf soziale Ungleichheiten unterschieden: Die Linke betrachte diese als künstlich und negativ, die Rechte als natürlich und positiv. Die Rechte unterscheidet Mudde dann zunächst in konservative und liberale Mainstream Right und Far Right. Letztere unterscheide sich von ersterer dadurch, dass sie liberaler Demokratie ablehnend gegenüberstehe. Innerhalb der Far Right seien dann wiederum Radical Right und Extreme Right zu unterscheiden. Die Extreme Right lehne – zum Beispiel als Neofaschismus – Demokratie offen und direkt ab. Die Radical Right dagegen berufe sich durchaus positiv auf Demokratie, lehne aber den Liberalismus ab und stehe somit im Widerspruch zur liberalen Demokratie.

Der Populismus im oben definierten Sinne dagegen liegt quer zu den meisten dieser Unterscheidungen: Populismus könne links oder rechts, Mainstream Right oder Radical Right sein – nur mit der Extreme Right sei er nicht vereinbar, weil er eine positive Berufung auf Demokratie und Volkssouveränität beinhalte.[3]

In der (großen) Schnittmenge von Radical Right und Populismus schält sich das heraus, was seit längerem im Zentrum von Muddes Forschung steht und ihm zufolge die gegenwärtige Far Right dominiert: Die Populist Radical Right. Diese zeichne sich durch eine Kombination aus drei Kernideologien aus: Erstens Nativismus verstanden als ein Nationalismus, der eine Priorisierung der eigentlichen Volkszugehörigen gegenüber migrantischen und anderen Minderheiten einfordert; zweitens Autoritarismus verstanden als Streben nach einer klar geordneten Gesellschaft, in der Abweichung bestraft sind; drittens Populismus im oben genannten Sinne. Der geläufige Begriff des Rechtspopulismus bzw. Right-Wing Populism spielt dagegen bei Mudde nur eine untergeordnete, insbesondere historische Rolle.

Cas Muddes Konzeption zur Kategorisierung von Rechtsparteien

Kontinuitäten und Veränderungen

Mudde zeichnet eine historische Skizze der Transformationen der Far Right nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Dabei unterscheidet er, wie es gängig geworden ist, mehrere „Wellen“: Die erste, als neofaschistisch beschriebene Welle von 1945 bis 1955 umfasste demnach vor allem Anhänger_innen des alten Faschismus und Nazismus, die sich im neuen politischen System zu positionieren suchten, bei Wahlen aber – vom Movimento Sociale Italiano abgesehen – marginal blieben. Die zweite, als rechtspopulistisch charakterisierte Welle von 1955 bis 1980 sei dann weniger von einem „ewiggestrigen“ Festhalten an der faschistischen Vergangenheit als von populistischem Protest gegen bestimmte Aspekte der Nachkriegsgegenwart – etwa Wohlfahrtsstaat und Bürgerrechtsbewegung – getrieben gewesen. Größere Wahlerfolge seien auch hier die Ausnahme geblieben. Dies habe sich erst mit der dritten, als Radical Right benannten Welle von 1980 bis 2000 deutlich geändert, in der sich zunächst in Westeuropa Parteien wie Vlaams Blok/Vlaams Belang, Lega Nord, Freiheitliche Partei Österreichs, Schweizerische Volkspartei und Front National in den Parteiensystemen ihrer Länder etablierten, indem sie eine nativistische Anti-Migrations-Agenda in den Mittelpunkt stellten. Nach der Transformation der mittel- und osteuropäischen Länder seien auch dort Rechtsparteien dieser dritten Welle aufgestiegen, deren Nativismus sich aber weniger gegen Migration als gegen andere Minderheiten im Inneren gerichtet habe. Mit der Jahrtausendwende habe schließlich die aktuell noch andauernde vierte Welle eingesetzt, die durch die Reaktion auf drei Entwicklungen geprägt sei: auf den islamistischen Terrorismus seit 2001, auf die ökonomische Krise seit 2008 und auf die Krise des Migrationsregimes seit 2015. Entsprechend seien die Positionierung gegen Islam und Muslim_innen, die Thematisierung bestimmter ökonomische Dynamiken und die neuerliche Ablehnung von Migration in den Fokus der Mobilisierung gerückt, wobei die Parteien ihre Erfolge in Wahlen abermals steigern konnten.

Neben den angedeuteten ideologischen Transformationen benennt Mudde vor allem in zwei weiteren Bereichen Unterschiede zwischen den Wellen: in der Wähler_innenbasis und im Grad der Marginalisierung bzw. Normalisierung. In Bezug auf die Wähler_innen beobachtet er – die zunehmenden Wahlerfolge lassen kaum einen anderen Schluss zu – eine Verbreiterung der Basis. Zunächst habe sie primär aus Anhänger_innen des alten Faschismus bestanden und sei dann von überproportional von Kleinunternehmer_innen getragen worden. In der dritten Welle habe eine Proletarisierung in dem Sinne stattgefunden, dass die Rechtsparteien nun immer mehr Arbeiter_innen mobilisieren konnten. In der vierten Welle habe sich die Basis dann quer durch alle Klassen ausgeweitet – wobei sowohl die Basis als auch das politische Personal trotz prominenter Ausnahmen disproportional männlich geblieben seien.

Parallel zu diesem Prozess habe auch eine politische Normalisierung der radikal Rechten und ihrer Ideologie stattgefunden. In der ersten Welle seien die Rechtsparteien (von Italien abgesehen) durch einen weitgehenden antifaschistischen Konsens fast völlig isoliert gewesen, was sich auch in der zweiten Welle nicht grundlegend geändert habe. In der dritten Welle sei die Ausgrenzung brüchiger geworden und in der vierten in vielen Ländern gänzlich zusammengebrochen, sodass Parteien der Far Right in verschiedenen Formen an Regierungen beteiligt waren und sind.

Radikal rechte Politik als Normalität und Pathologie

Auch wenn es in The Far Right Today nicht die eine griffige These gibt, so gibt es mit der soeben angesprochenen Frage nach Normalisierung und Mainstreaming von radikal rechten Parteien und ihren Positionen doch einen Themenkomplex, auf den das Buch immer und immer wieder zurückkommt. Seine Zentralität ist nicht zuletzt daran zu erkennen, dass sich fünf der zwölf Thesen im Abschlusskapitel darauf beziehen.

Dabei wiederholt Mudde seine bereits in der Vergangenheit prominent vertretene These, bei der Populist Radical Right handele es sich nicht um eine normale Pathologie, sondern um eine pathologische Normalität. Eine normale Pathologie (Der Begriff stammt aus einem 1967 erschienenen Aufsatz von Scheuch/Klingemann) läge vor, wenn die Far Right in allen Demokratien in stetigem, aber geringem Maße aufträte, dabei aber als klar als stigmatisierte Abweichung von der demokratischen Norm marginalisiert bliebe. Dies könne man in Bezug auf die in den meisten Demokratien präsente und weitgehend marginale Extreme Right tatsächlich sagen, nicht aber in Bezug auf die Radical Right. Diese sei heute in ganz anderer Weise Teil der Normalität liberaler Demokratien: Weder sei sie quantitativ marginal, noch seien die Parteien politisch klar ausgegrenzt (in Deutschland ist dies noch weitgehend der Fall, in vielen anderen Ländern aber nicht), noch seien ihre Inhalte von denen der Mainstream-Parteien kategorisch zu trennen. Nativistische Kampagnen gegen Migration und andere Minderheiten fänden sich eben auch im Mainstream. Zwar seien die Inhalte von Radical Right und Mainstream nicht identisch, aber die Unterschiede seien eher graduell als kategorisch. Mudde spricht sowohl davon, dass die Radical Right Inhalte des Mainstreams radikalisiere, als auch davon, dass der Mainstream Inhalte der Radical Right übernehme und somit normalisiere.

Diese Prozesse seien mitunter so weit fortgeschritten, dass bei einigen Parteien der konservativen Parteienfamilie mittlerweile unklar sei, ob sie nicht selbst der Radical Right zugerechnet werden müssten. Mudde spricht insbesondere von der britischen Conservative Party und den US-amerikanischen Republican Party, in Deutschland könnte man diese Frage auch in Bezug auf die CSU stellen.

Unklarheiten, offene Fragen und Leerstellen

Auch wenn Mudde seine Thesen mit einiger Entschlossenheit und Verweis auf Forschungsliteratur vertritt, bleiben Unklarheiten, offene Fragen und Leerstellen, von denen ich hier vier andeute:

1. In Bezug auf den zentralen Themenbereich von Normalisierung und Mainstreaming stellt sich die Frage, inwiefern nicht die umgekehrte Darstellung ebenso vertretbar wäre: In einem entsprechend weitem Zeithorizont könnte man die These vertreten, dass manche Formen nativistischer Gewalt in liberalen Nachkriegsdemokratien von vornherein völlig normalisiert waren, in den letzten Jahrzehnten aber so weit denormalisiert wurden, dass die entsprechenden Positionen heute als radikal rechts gelten. Beispielhaft sei hier auf das Massaker an über 200 Angehörigen der algerischen Minderheit durch die Pariser Polizei 1961, auf die massive staatliche Gewalt gegen die Bürgerrechtsbewegung in den USA sowie auf den staatlich organisierten Antiziganismus durch restaurierte NS-Behörden in der Bundesrepublik Deutschland verwiesen. All diese staatlich organisierte nativistische Gewalt wurde zu einer Zeit ausgeübt, als die Far Right Mudde zufolge marginal war. Analoges ließe sich auch in Bezug auf weniger drastischen gesellschaftlich normalisierten Nativismus sowie auf autoritäre Normen in den Bereichen Geschlecht und Sexualität konstatieren, die Rechtsparteien heute vertreten. Vor diesem Hintergrund erscheint das Verhältnis von Nativismus, Autoritarismus, Normalität und Far Right in der Nachkriegsgeschichte ambivalenter als es Muddes Darstellung vermuten lässt. Das Verhältnis von Normalisierung und Denormalisierung müsste mit verschiedenen Zeithorizonten in Bezug auf verschiedene Bereiche genauer reflektiert werden. In einigen dürfte der jüngere Aufstieg der Far Right dann eher als ein Rückzugsgefecht denn als Vormarsch erscheinen – oder als Anfang einer gegenläufigen Entwicklung.

2. Mudde legt großen Wert auf genaue Begriffsbildung und eine entsprechende Kategorisierung der Parteien. Dabei zeigen sich zwei Probleme: Zum einen sind viele der Parteien so fluide und unklar zu fassen, dass eine klare Kategorisierbarkeit eher die Ausnahme als die Regel ist; dies gilt umso mehr, weil eine offene Ablehnung der Demokratie politisch sehr nachteilig wäre, sodass Bekenntnisse zur Demokratie in der offiziellen Parteiliteratur zwar nicht unerheblich sind, aber auch nicht für bare Münze genommen werden müssen. Zum anderen ist schon auf rein begrifflicher Ebene zweifelhaft, ob die kategorische Trennung von extremer (also offen antidemokratischer) Rechter und Populismus wirklich so zwingend ist, wie es bei Mudde scheint. Wie Jan-Werner Müller anhand von Carl Schmitts „Demokratietheorie“ dargelegt hat, können das populistische Bekenntnis zur Volksherrschaft und das nationalsozialistische Bekenntnis zum Führerstaat durchaus zusammengehen. Beide Probleme führen dazu, dass Muddes strenge Begriffsbildung manchmal zu schematisch für den fluiden Gegenstand wirkt und mithin droht, das „extreme“ Potenzial „populistischer“ Rechtsparteien wegzudefinieren.

3. Mudde skizziert verschiedene Kontroversen der Forschungsliteratur und löst diese wiederholt so auf, dass die als Gegensätze auftretenden Seiten sich bei genauerer Betrachtung als komplementär erwiesen. Dies ist insgesamt überzeugend und könnte manchem Verrennen in Sackgassen vorbeugen. An einigen Stellen geht es aber etwas zu schnell und harmonisch. So löst Mudde die Kontroverse zwischen der Protestwahlthese (die rechten Parteien werden nur gewählt, um die Ablehnung gegen den Mainstream auszudrücken) und Überzeugungswahlthese (die rechten Parteien werden aus Zustimmung zu ihrer Ideologie gewählt) so auf, dass beides vereinbar sei: Die Wähler_innen könnten ja gerade gegen die Mainstream-Parteien protestieren, weil sie sich in ihrer radikal rechten Einstellung durch diese nicht repräsentiert sähen, und ihre Stimme den Rechten entsprechend zugleich aus Zustimmung zu deren Ideologie geben. Hinter dieser Synthese verschwindet aber der begrifflich plausible und empirisch beobachtbare Unterschied zwischen Fällen, in denen Wähler_innen mehr von der frustrierten Ablehnung der anderen Parteien oder mehr von der überzeugten Zustimmung zur Ideologie der Rechtsparteien motiviert sind (ohne dass man das eine deswegen für weniger problematisch halten müsste als das andere).

4. Mudde wählt eine relativ breit international vergleichende Perspektive, wobei er sich auf (mehr oder minder) liberale Demokratien mit gegenwärtig aktiven dezidierten Rechtsparteien beschränkt – also insbesondere auf Länder der Europäischen Union und Nordamerikas sowie auf Israel, Indien, Australien, Brasilien und Japan. In diesem breiten Panorama bildet die Türkei eine eigenartige Leerstelle: Mudde erwähnt sie nur, wenn er im Verhältnis von Religion und Far Right kurz auf die MHP als (mittlerweile) dezidiert islamische Partei der Far Right eingeht. Die regierende AKP bleibt aber außen vor, obwohl sie doch die zentralen Kriterien für Populist Radical Right Parties (Nativismus, Autoritarismus, Populismus) erfüllen dürfte und auch im internationalen Kontext betrachtet erhebliche Bedeutung hat. Ebenso wäre eine Einordnung anderer islamistischer Parteien (wie etwa der Ennahda im zunehmend liberaldemokratischen Tunesien) von Interesse gewesen.

Fazit

Unterm Strich ist Cas Muddes The Far Right Today für verschiedene Leser_innengruppen eine lohnende Lektüre: Wer die Forschungsdebatte der letzten Jahrzehnte nicht oder nur Bruchstückhaft kennt (also die meisten von uns) erhält hier einen knappen Überblick mit zahlreichen Verweisen zum Weiterlesen. Wer die Debatte doch umfänglich kennt (und wer tut das schon?), erhält ein komprimiertes Update zu Muddes 2007 erschienenem und sehr viel umfangreicherem Buch Populist Radical Right Parties in Europe sowie dem 2016 erschienenen Reader The Populist Radical Right.


[1] Oft wird vergessen, dass dies zu Beginn der Bundesrepublik durchaus Teil der Normalität war, zwischen 1961 und 2017 gab es im Bundestag jedoch keine Fraktion rechts der Union.

[2] Ein anderer Faktor dürften Publikationszwänge und die sich dadurch verstärkende Tendenz zu „Quick-and-Dirty“-Schnellschüssen sein, der wir alle unterliegen.

[3] Wie Mudde in Populist Radical Right Parties in Europe ausführlicher darlegt, hält er von der seiner Ansicht nach selbstwidersprüchlichen Kombination populistisch und extrem abgesehen fast alle anderen Möglichkeiten für plausibel und sieht auch empirische Beispiele: populistische radikale Rechte, populistische, aber nicht radikale Rechte (etwa als neoliberaler Populismus), nichtpopulistische radikale Rechte (etwa als Befürwortung nativistischer Elitendemokratie) und nichtpopulistische nichtradikale Rechte (als Mainstream-Konservatismus).

Was heißt „die Wähler_innen der Rechten ernst nehmen“? Teil V einer Kritik an Cornelia Koppetschs Gesellschaft des Zorns

Bisher habe ich vor allem zwei verwandte Aspekte problematisiert, die für Koppetschs Erklärung rechtspopulistischer Mobilisierungserfolge zentral sind: zum einen ihre Darstellung kosmopolitischer Milieus (Teil II), zum anderen ihre These einer liberal-kosmopolitischen Hegemonie (Teil IV). In diesem fünften Teil gehe ich nun auf einen Aspekt ein, der im Buch gerade durch seine Abwesenheit auffällt, nämlich den Nationalsozialismus. Ausgangs- und Endpunkt bildet dabei die Frage, was die vielfach proklamierte Forderung, man solle die Wähler_innen der Rechten ernst nehmen, eigentlich bedeutet.

Was heißt es die Wähler_innen der Rechten ernst zu nehmen?

Ich kenne keine Autor_innen, die explizit fordern würden, man solle die Wähler_innen der Rechten nicht ernst nehmen. Jedoch gibt es eine ganze Reihe von Autor_innen, die das Gegenteil fordern, nämlich diese Wähler_innen endlich einmal ernst zu nehmen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass die letztere Forderung mit ganz unterschiedlichen, in gewisser Hinsicht sogar gegensätzlichen Motiven verbunden ist.

Die einen wenden sich damit gegen das, was sie als Verharmlosung und Infantilisierung der Rechten sehen, nämlich die Unterstellung, dass diejenigen, die da Parteien mit autoritären, illiberalen, rassistischen, antisemitischen, geschichtsrevisionistischen, sexistischen usw. Inhalten wählen, es eigentlich gar nicht autoritär, illiberal, rassistisch usw. meinen, sondern bloß negativ gegen die anderen Parteien protestierten und dabei eher zufällig und gewissermaßen aus Versehen an eine rechte Partei gerieten. Damit nehme man diese Wähler_innen nicht als politische Subjekte ernst. Nähme man sie doch ernst, müsste man ihnen dagegen unterstellen, dass sie sehr wohl wissen, was sie da tun, sodass es sich um Subjekte handele, die Autoritarismus, Rassismus usw. entschieden gutheißen oder zumindest bewusst billigen. So argumentierte zuletzt beispielsweise Claus Leggewie im Deutschlandfunk; auch Hajo Funkes offener Brief an potenzielle AfD-Wähler_innen passt in diese Kategorie.

Die anderen wenden sich mit der Forderung nach dem Ernstnehmen gegen das, was sie als Pathologisierung und moralische Disqualifizierung der Wähler_innen rechter Parteien sehen, nämlich die Unterstellung, dass sie von einem allenfalls psycho-logisch zu erklärenden autoritären Hass motiviert seien. Damit nehme man diese Wähler_innen nicht als rationale politische Subjekte ernst. Nähme man sie doch ernst, müsste man zunächst einmal offen nach den rationalen Motiven fragen, die sie mit ihrer Wahlentscheidung verfolgen. So argumentiert beispielsweise Philip Manow in Politische Ökonomie des Populismus.

Cornelia Koppetsch zählt zunächst zu den wenigen Autor_innen, die beides tun. Einerseits wendet sie sich gegen die Interpretation, hinter den rechtspopulistischen Wahlentscheidungen stünden eigentlich ganz andere, irgendwie harmlosere und handhabbare, weil primär ökonomische und somit rationale Motive (38-39). Stattdessen solle man die Wähler_innen der Rechten in ihrer antiliberal-antikosmopolitischen Forderung nach einer Veränderung der gegenwärtigen Ordnung ernst nehmen. Gleichzeitig wendet sie sich aber auch gegen eine autoritarismustheoretische Deutung oder eine moralische Abqualifizierung, die die Wähler_innen der Rechten zu ganz anderen, nicht als Gegenüber ernstzunehmenden Subjekte stilisiere (13-14, 32-33, 252-253). Stattdessen solle man die Narrative der Rechten auch dergestalt inhaltlich ernstnehmen, dass man sie „auf ihren Realitätsgehalt“ (33) überprüft.

Die Abwesenheit des Nationalsozialismus in der Gesellschaft des Zorns

Eines der Felder, auf denen die Frage des „Ernstnehmens“ ausgefochten wird, ist das Verhältnis des Rechtspopulismus zu Rechtsextremismus und Nationalsozialismus. Die Vertreter_innen des Ernstnehmens im ersten Sinne argumentieren hier eher zuspitzend: Sie verweisen auf die zahllosen Überschneidungen zwischen AfD und extrem rechter Szene sowie auf die stetig wiederkehrenden den Nationalsozialismus relativierenden oder verharmlosenden Aussagen von AfD-Führungspersonal („völkisch positiv besetzen“, „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“, „Vogelschiss“ etc.). Die Entscheidung von Wähler_innen für eine solche Partei müsste dann auch als Entscheidung für rechtsextreme Gehalte und die Verharmlosung des Nationalsozialismus ernstgenommen werden.

Die Vertreter_innen des Ernstnehmens im zweiten Sinne argumentieren in dieser Frage dagegen eher relativierend: Eine Betonung der Verbindungen zwischen AfD und Rechtsextremismus bzw. Nationalsozialismus sehen sie als moralischen Maximalismus, der einer das Gegenüber ernst nehmenden politischen Auseinandersetzung eher im Wege steht.

Auf diesem Feld steht Koppetsch nicht mehr auf beiden Seiten, sondern recht deutlich auf der Seite des „Ernstnehmens“ im zweiten Sinne: Sie wendet sich explizit gegen eine Ineinssetzung oder zu starke Assoziierung des Rechtspopulismus mit Nationalsozialismus, Faschismus oder Rechtsextremismus und die damit verbundene Disqualifizierung rechtspopulistischer Parteien als ‚politisch nicht satisfaktionsfähig‘. Eine solche moralische Ablehnung des Rechtspopulismus werde dem in Realität „komplexer[em]“ „Verhältnis von politischem Protest und kulturellen Bewusstseinsformen“ (252) nicht gerecht und führe darüber hinaus dazu, dass auch die vom Rechtspopulismus „angesprochenen gesellschaftlichen Problemzusammenhänge, also Themen wie Migrationspolitik, demografische Entwicklung oder Solidarität und Zusammenhalt, mit Tabus belegt und gleichsam ‚ausgebürgert‘ werden“ (253).

Dazu passt, dass der Nationalsozialismus in Gesellschaft des Zorns nur sehr vereinzelt Erwähnung findet. Wenn es doch geschieht (10, 230, 231, 250-252), dann als indirekte Referenz, etwa als Verweis auf die Effekte, die die Erinnerung an die nationalsozialistische Vergangenheit auf die politische Kultur in Deutschland habe. Zum direkten Gegenstand der Diskussion etwa im Sinne einer Analogiebildung oder eines Vergleiches wird der Nationalsozialismus im Buch aber nicht. Mit dieser weitgehenden Ausblendung schließt Koppetsch sich an eine nicht umfassende, aber doch verbreitete Tendenz der soziologischen Theoriebildung an, in der der Nationalsozialismus oft nicht als ein Bestandteil der theoretisch zu erfassenden Moderne erscheint, sondern selbst als etwas ganz anderes „ausgebürgert“ wird.

Die Überschneidungen von AfD und extremer Rechter spricht Koppetsch zwar vereinzelt an, verortet das Problem aber am „Rand“ der Partei bzw. Bewegung. Sie verweist darauf, dass „die AfD […] Zustimmung auch in bürgerlichen Kreisen findet, die bislang keine Nähe zu rechtsextremen Weltbildern aufwiesen“ (37), und behauptet, dass sich die „meisten AfD-Anhänger [….] von dem in der Öffentlichkeit besonders sichtbaren rechtsextremen Rand“ der Partei distanzierten (135). Darauf, dass dieser „Rand“ die Partei zunehmend dominiert, ohne dass die Zustimmung unter sich in der Mitte verortenden Wähler_innen nachließe, geht sie nicht ein.

Ähnlich wie in Bezug auf die Polemik gegen den Kosmopolitismus (s. Teil II), lässt sich auch hinter der weitgehenden Aussparung des Nationalsozialismus und Marginalisierung der Rolle des Rechtsextremismus eine pädagogische Motivation vermuten: Die Assoziation von Rechtspopulismus mit Nationalsozialismus und Rechtsextremismus würde es ihrem erwarteten linksliberal-kosmopolitischen Publikum nur noch einfacher machen, sich bequem in der eigenen antirechtspopulistischen Haltung einzurichten und moralisch überlegen zu fühlen. Eine solche pädagogische Entscheidung ist aus der von Koppetsch eingenommenen Perspektive plausibel und konsequent. Daher will ich im Folgenden auch nicht argumentieren, dass sie den Nationalsozialismus hätte thematisieren sollen. Vielmehr lege ich dar, an welchen Stellen eine direkte Bezugnahme auf den Nationalsozialismus sachlogisch naheliegend gewesen wäre – nämlich im Kontext der Diskussion von Protestbewegungen und des Begriffs der Neogemeinschaften – sowie welche Konsequenzen diese Einbeziehung für die Schlussfolgerungen in Bezug auf das Ernstnehmen gehabt hätte.

Nationalsozialismus und Rechtspopulismus als Protestbewegungen

Gleich im ersten Kapitel diskutiert Koppetsch den Rechtspopulismus als eine Protestbewegung, wobei sie vor allem „1968“ und die folgenden Neuen Sozialen Bewegungen als Vergleichsreferenz heranzieht. Dabei stellt sie „1968“ und Rechtspopulismus über weite Strecken als Spiegelbilder dar.

Wie Spiegelbilder ähneln sie sich beide Seiten stark – nämlich darin, dass es jeweils Protestbewegungen seien. Koppetsch versteht „Protestbewegungen als mobilisierte Netzwerke von Gruppen und Organisationen […], die über eine gewisse Dauer hinweg versuchen, ‚sozialen Wandel durch Protest herbeizuführen, zu verhindern oder rückgängig zu machen‘“ (39 mit Zitat von Neidthardt/Rucht). Beides gelte für „1968“ und für den. Auf einer entsprechenden Abstraktionsebene betrachtet seien beide wie alle anderen Protestbewegungen auch durch das Vorliegen der gleichen Bedingungen möglich geworden:

„Damit bedeutende Protestbewegungen entstehen, müssen mindestens drei Faktoren zusammenkommen: erstens eine strukturelle Deklassierung wesentlicher Teile der Bevölkerung; zweitens eine Legitimationskrise der bestehenden Ordnung […]; und drittens strukturbedrohliche Krisenereignisse […]. Legitimationsverluste und Krisenereignisse lassen sich dann mit sozialen Benachteiligungen oder Kränkungserfahrungen unterschiedlicher Gruppen verknüpfen und verschaffen diesen Geltung weit über die Niederlage des Statusverlustes hinaus. Der Kampf für das Eigene wird so zum Kampf für die Allgemeinheit“ (42).

Jedoch erscheinen „1968“ und Rechtspopulismus in Koppetschs Darstellung auch insofern als Spiegelbilder, als sie in ihrer Ähnlichkeit seitenverkehrt bzw. gegensätzlich seien. Dies gelte genauer betrachtet schon für die drei Bedingungen: „1968“ habe eine konservativ-national-bürgerliche Ordnung der Industriemoderne ihre Legitimität verloren, aktuell dagegen eine liberal-kosmopolitisch-bürgerliche der globalen Moderne; „1968“ seien die strukturell deklassierten Milieus eher solche gewesen, die sich in ihrer Aufstiegsbewegung durch die Verhältnisse gebremst gesehen hätten, im Rechtspopulismus seien es Milieus, die einen Abstieg erlebten oder befürchteten. Dies führe dazu, dass auch die Bewegungen selbst entgegengesetzt seien: links vs. rechts, optimistisch und zukunftsorientiert vs. pessimistisch und vergangenheitsbezogen, progressiv vs. rückwärtsgewandt, individualistisch vs. kollektivistisch, inklusiv-solidarisch vs. exklusiv-solidarisch, getrieben von Furcht vs. getrieben von Angst etc.

Darüber hinaus – und hier muss die Spiegelbildmetapher enden – bilden beide Protestbewegung Koppetsch zufolge auch eine zeitliche Sequenz, die somit als eine Art Pendelbewegung erscheint. Der Erfolg von „1968“ habe gerade darin bestanden, eine neue hegemoniale Ordnung zu etablieren und einigen der Milieus, die den Protest getragen hatten, den Weg in ein neues Bürgertum zu bahnen. Gegen eben diese neue Hegemonie und dieses neue Establishment richte sich nun der rechtspopulistische Protest.

Neben „1968“ und Rechtspopulismus benennt Koppetsch auch „religiös-fundamentalistische“ (45) Bewegungen im frühen und späten 20. Jahrhundert sowie am Rande die Arbeiter_innenbewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts (29) als weitere Protestbewegungen. Sachlogisch spräche wenig dagegen, den Nationalsozialismus in seiner Entstehungsphase in die Reihe der Protestbewegungen zu stellen. Angesichts der geistesgeschichtlichen (s. „konservative Revolution“ und „neue Rechte“) sowie auch organisatorischen (Netzwerke von Altnazis <–> NPD <–> Netzwerke von späteren extremen Rechten <–> AfD) Kontinuitäten und der wiederholten geschichtsrelativistischen Äußerungen aus der AfD, läge es in einem Buch über Rechtspopulismus auch durchaus nahe, auch den Nationalsozialismus als Protestbewegung von rechts zu thematisieren.

Zumindest bis 1933 könnte man auch in Bezug auf den Nationalsozialismus argumentieren, dass es sich um „mobilisierte Netzwerke von Gruppen und Organisationen“ handelte, „die über eine gewisse Dauer hinweg versuchen, ‚sozialen Wandel durch Protest herbeizuführen, zu verhindern oder rückgängig zu machen‘“. Die drei Bedingungen für das Entstehen einer bedeutenden Protestbewegung waren sicherlich erfüllt: Die alte Ordnung des Kaiserreiches hatte sich aufgelöst und die neue republikanische Ordnung litt unter massiven Legitimationsproblemen; ökonomische, politische und gesellschaftliche Krisen kamen hinzu. Der Nationalsozialismus wurde von einem sozialstrukturell äußerst heterogenen Bündnis von Milieus getragen, die ihre Position aufgrund von Prozessen des sozialen Wandels gefährdet sahen und die ihre Erfahrungen im gemeinsamen nationalsozialistischen Narrativ bündelten. Ebenso wenig wie heute waren die Deklassierungswahrnehmungen und Statusängste der den Nationalsozialismus stützenden Milieus rein fiktiver Natur. Wenngleich Koppetsch durchaus zu Recht die These vertritt, dass Globalisierungsdynamiken die Alltagswelt der Menschen heute so stark prägen wie nie zuvor, wurden die Alltagswelten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts durch die Dynamiken der klassischen Modernisierung (Proletarisierung, Urbanisierung usw.) sicherlich nicht weniger stark zerrissen als das heute der Fall ist. Und freilich thematisierte der Nationalsozialismus – etwa mit diversen Folgen der Großen Depression, aber auch mit anderen Modernisierungsphänomen – auch reale gesellschaftliche Problemlagen und Deklassierungserfahrungen.

Eine ernsthafte Diskussion müsste darüber hinaus freilich auch die deutlichen ideologischen und organisatorischen Unterschiede zwischen Nationalsozialismus und Rechtspopulismus ebenso benennen wie die grundsätzlich andere gesellschaftliche und politische Ausgangslage.

Dennoch hätte eine solche Thematisierung des Nationalsozialismus als rechte Protestbewegung für die Argumentation in Bezug auf das „Ernstnehmen“ die Konsequenz, dass die Entgegensetzung zwischen der moralischen Ablehnung einerseits und dem Anerkennnen „komplexerer“ Realitäten andererseits an Überzeugungskraft verlöre: Die Aussage, dass sich im Nationalsozialismus zig Millionen böse Menschen zusammenschlossen, um gemeinsam Böses zu tun, ist wahr und sie ist richtig. Aber eine angemessene sozialwissenschaftliche Analyse ist es ebenso wenig, wie es in den 1920ern und 1930ern als Gegenstrategie hingereicht hätte oder heute als geschichtspolitischer Umgang hinreichte. Auch der Nationalsozialismus war ein Phänomen, dem ein „komplexer[es]“ „Verhältnis von politischem Protest und kulturellen Bewusstseinsformen“ (252) zugrunde lag, das sich durch eine einfache moralische Disqualifizierung nicht erfassen lässt – nur besteht zwischen der Analyse des komplexen Verhältnisses und der moralischen Verurteilung kein Widerspruch.

Was ist neu an Neogemeinschaften?

Der zweite Punkt, an dem eine Erwähnung des Nationalsozialismus naheläge und Konsequenzen für die Argumentation hätte, ist Koppetschs Diskussion rechtspopulistischer „Neogemeinschaften“. Mit diesem Begriff diskutiert sie (ebenso wie zwei Jahre zuvor Andreas Reckwitz in Gesellschaft der Singularitäten) Formen der Vergemeinschaftung, die sich zwar oft durch eine essenzialistische Berufung auf Tradition auszeichnen, aber ganz und gar nicht traditional sind. Koppetsch parallelisiert rechtspopulistischen Neogemeinschaften wiederum mit fundamentalistisch-religiösen Gemeinschaften, aber auch mit anderen (Ethno-)Nationalismen sowie „identitätspolitischen“ Communities insbesondere in den USA. Als Kontrastfolie dienen ihr dagegen politisierte Arbeiterkulturen der Industriemoderne, die zwar Gemeinschaften, aber gerade keine Neogemeinschaften gewesen seien.

Bezieht man den Nationalsozialismus in die Diskussion der Neogemeinschaften ein, wird deutlich, dass der Begriff entweder anders definiert werden müsste oder zeitlich gerade nicht auf die Epoche der globalen Moderne, also die letzten Jahrzehnte, eingrenzbar ist.[1] Dies lege ich im Folgenden dar, indem ich Koppetschs zentrale Aussagen über Neogemeinschaften auf den Nationalsozialismus beziehe.

„Oftmals wird davon ausgegangen, dass derartige Communities lediglich vormoderne Alltagskulturen aus traditionalen Gesellschaften reaktivierten. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um moderne politische Bewegungen, die in Reaktion auf liberale Gesellschaftsordnungen und den modernen Individualismus entstanden sind. Sie profilieren sich gegen einen erlebten Mangel an Ordnung und den Relativismus als fixe Größen, wobei sie selektiv auf Traditionsbestände zugreifen und diese zugleich neu erfinden“ (163)

Dies trifft auch auf nationalsozialistische Vergemeinschaftung zu, die keine Rückkehr zu einer realen vormodernen Vergangenheit vollzog, sondern eine spezifisch moderne Form war, mit der spezifisch moderne Erfahrungen durch die vermeintliche „Rückbesinnung“ auf eine imaginäre Vergangenheit verarbeitet wurden. Und mit diesem imaginären Charkter des Vergangenheitsbezuges stand der Nationalsozialismus auch nicht allein da: „invention of tradition“ und „imagined communities“ (letztere zitiert Koppetsch selbst), sind fast schon Klischees der Nationalismusforschung und werden auch für das 19. Jahrhundert beschrieben.

„Für das Subjekt erfüllen Neogemeinschaften nicht nur Entlastungs-, sondern auch Solidaritäts- und Vergemeinschaftungsfunktionen. Insofern können diese als kommunitäre Gegenreaktionen zu den oben beschriebenen Individualisierungstendenzen der globalen Moderne betrachtet werden. Sie bringen Gemeinschaften hervor, die dem individualistischen Regime der transnationalen Markt- und Selbstverwirklichungskultur diametral entgegengesetzt sind.“ (163)

…genau wie der Nationalsozialismus es mit der Volksgemeinschaftsideologie für die Industriemoderne und ihre entstehende Massenkultur tat.

 „Aus der Sicht der Neogemeinschaften ist Kultur […] gleichsam ›heilig‹, sie wird zur unverbrüchlichen Grundlage und zum Garanten religiöser, nationaler oder ethnischer Identitäten, welche die Errungenschaften der jeweiligen Wir-Gruppe – der Nation, des Volkes, des Christentums etc. – gegenüber Außenseitern verteidigen sollen. Dieser Prozess der Zuweisung von fixen Werten ist darauf ausgerichtet, die Eindeutigkeit der identitätsstiftenden Symbole zu bewahren.“ (164)

…genau wie es im Nationalsozialismus auch der Fall war, nur dass die fiktive, vermeintlich uralte Gemeinschaft dort zusätzlich noch biologisch als Rasse gedacht wurde – was nicht heißt, dass die Berufung auf Kultur und Volk nebensächlich gewesen wäre.

„Aus der Sicht der klassischen Modernisierungstheorie dürfte es diese Tendenzen gar nicht geben. Darin gelten kollektive Identitäten als Kennzeichen traditionaler Gesellschaften, die in der Moderne über kurz oder lang verschwinden würden. Für die Epoche der Industriemoderne war dieser Erwartungshorizont tatsächlich auch prägend gewesen, konnte allerdings nur so lange aufrechterhalten werden, wie sich die Gesellschaftsordnung noch selbstverständlich aus dem Reservoir traditioneller Bindungen und Ligaturen bediente. Bindungen an Region, Milieu und Geschlecht grundierten das Selbstgefühl bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Industriemoderne war so gesehen nie ›modern‹ gewesen.“ (164)

Auch den Nationalsozialismus hätte es aus Sicht von Modernisierungstheorien, die eine zunehmende Individualisierung und Rationalisierung behaupten, gar nicht geben dürfen – nicht zuletzt deshalb wurde Die Dialektik der Aufklärung geschrieben. Auch wenn „vormoderne“ Traditionsbestände im Laufe des 20. Jahrhunderts immer weiter abgeschmolzen sind und durch moderne Konventionen sowie postkonventionelle Beziehungen ersetzt wurden, kann der imaginäre Charakter der Vergemeinschaftung keine Differenz zwischen gegenwärtigen Neogemeinschaften und industriemodernen Vergemeinschaftungsformen wie der nationalsozialistischen markieren. Deren romantische Imaginationen waren von den realen „deutschen“ Vergangenheiten sehr viel weiter entfernt als die rechtspopulistische Imagination der guten alten Industriemoderne von den Realitäten der Bonner Republik. Ähnlich könnte man auch in Hinblick auf salafistische Neogemeinschaften (167) argumentieren, dass deren Bezugnahme auf Tradition gewissermaßen „authentischer“ ist, als die des Nationalsozialismus war. Schließlich können sich Salafist_innen nicht nur auf ihre (zweifelsohne moderne und politisch interessierte, aber doch real textbasierte) Interpretation der Tradition von Koran und Sunna berufen, sondern auch auf in mancher Hinsicht ähnliche politisierte „Rückkehrbewegungen“ vergangener, vormoderner Jahrhunderte (Ibn Tamiyya, Ibn Wahhab).

Auch weitere Züge, die Koppetsch als Charakteristika von Neogemeinschaften im Allgemeinen oder rechtspopulistischen Neogemeinschaften im Besonderen benennt, lassen sich am Nationalsozialismus finden. Auch dieser erhob den Anspruch, „dem sozial verwaisten Subjekt wieder einen moralischen Kompass, solidarische Bindungen und einen Gegenentwurf zur individualisierten Lebensführung mit ihren spezifischen Problemlagen bieten zu können“ (165). Auch dieser dachte das Volk als kulturell und sozial (und zusätzlich biologisch) homogene Einheit (165). Auch dieser glaubte an einen Nationalcharakter und an eine Mehrheit des Volkes, die gegen korrupte Eliten und äußere Andere abgegrenzt wurde (165-166). Auch er war eher eine politische denn eine auf gemeinsamen Lebenswelten fußende Gemeinschaft (167). Auch hier wurde (wie in fast jedem Nationalismus) „Kultur nicht selbstverständlich tradiert, sondern [musste] zum Gegenstand expliziter Diskursivierung und Thematisierung gemacht“ (167) werden, die notwendig mit Unschärfen verbunden war.

An einigen Punkten von Koppetschs Beschreibung rechtspopulistischer Neogemeinschaften ist es geradezu verwunderlich, warum sie nicht auf die nationalsozialistische Vergangenheit eingeht. So lesen sich die folgenden Zeilen wie eine Paraphrase von Carl Schmitts Theorie der Demokratie:

„In Kapitel 1 wurde gezeigt, dass der Rechtspopulismus ein grundsätzlich anderes Modell der Gesellschaft will. Aus der Analyse der Neogemeinschaften wird nun das grundsätzlich andere Modell des Politischen deutlich, das die Rechtspopulisten vertreten. Dieses beansprucht für sich, ‚den Volkswillen‘ unmittelbar in politische Praxis umzusetzen, und setzt die Wünschbarkeit einer Identität zwischen Regierenden und Regierten voraus. Darin ist ein Demokratiemodell unterstellt, das der Pluralität und Repräsentation den Rücken zukehrt. Unterstellt wird ein kollektives Interesse des Volkes, das unmittelbar in politisches Handeln umsetzbar ist. Dieser Antipluralismus formt auch das Verständnis der Aufgabe der Regierung. Die Anführer und Parteispitzen des Rechtspopulismus sehen sich in diesem Sinne nicht als Repräsentanten, sondern als Teil des Volkes, als Spitze einer Bewegung.“ (168)

Das einzige von Koppetsch als zentral beschriebene Charakteristikum gegenwärtiger Neogemeinschaften, das sich am Nationalsozialismus nicht finden lässt, ist die zweifellos neue virtuelle Vernetzung durch Onlinekultur. Diese Differenz ist nicht bloß technischer Natur, sondern hat Konsequenzen für die sozialen Interaktionen und die politischen Formen. Aber selbst wenn man ihre Folgen für den Charakter der Vergemeinschaftung für so grundlegend hielte, dass man diese kategorisch von vergangenen Formen unterscheidet, bleibt doch festzuhalten, dass der Nationalsozialismus die allermeisten der Eigenschaften aufweist, die Koppetsch als charakteristisch für Neogemeinschaften beschreibt.

Ungewissheit und Politik

Es geht mir an dieser Stelle nicht darum, eine Identität von Rechtspopulismus und Nationalsozialismus zu behaupten – diese besteht nicht. Es geht mir vor allem darum zu zeigen, dass Koppetschs weitgehende Aussparung von Nationalsozialismus und Rechtsextremismus sachlogisch mindestens kontingent ist, weil vieles von dem, was sie als charakteristisch für den Rechtspopulismus beschreibt, auch auf den werdenden Nationalsozialismus zutraf. Beide sind nicht identisch, aber sie stammen auch nicht aus unterschiedlichen Welten. Dies hat zwei Implikationen.

Erstens bedeutet es, dass man mit Äußerungen in Bezug auf die Zukunft vorsichtig sein sollte. Ich stimme Koppetsch (232) darin zu, dass eine rechts-revolutionäre Dynamik in der nahen Zukunft als ausgesprochen unwahrscheinlich erscheint. Jedoch darf man dabei nicht vergessen, dass die allermeisten Sozialwissenschaftler_innen Ungarn und Polen vor 10 Jahren mit großer Überzeugtheit als konsolidierte Demokratien gesehen hätten, die nicht zuletzt durch ihre Einbindung in europäische Institutionen gegen ein Zurückgleiten in Autoritarismen abgesichert sind. Ebenso wären diese Sozialwissenschaftler_innen nicht um gute Gründe verlegen gewesen, aus es überhaupt nicht zum Brexit kommen kann und es ganz und gar ausgeschlossen ist, dass ein Donald Trump Präsident wird geschweige denn die Startseite der New York Times 2019 so aussieht. Mit den Worten von Adorno und Horkheimer aus eine Fragment in der Dialektik der Aufklärung:

„Zu den Lehren der Hitlerzeit gehört die von der Dummheit des Gescheitseins. Aus wievielen sachverständigen Gründen haben ihm die Juden noch die Chancen des Aufstiegs bestritten, als dieser so klar war wie der Tag. Mir ist ein Gespräch in Erinnerung, in welchem ein Nationalökonom aus den Interessen der bayrischen Bierbrauer die Unmöglichkeit der Uniformierung Deutschlands bewies. Dann sollte nach den Gescheiten der Faschismus im Westen unmöglich sein. Die Gescheiten haben es den Barbaren überall leicht gemacht, weil sie so dumm sind. Es sind die orientierten, weitblickenden Urteile, die auf Statistik und Erfahrung beruhenden Prognosen, die Feststellungen, die damit beginnen ‚Schließlich muß ich mich hier auskennen‘, es sind die abschließenden und soliden statements, die unwahr sind.“

Die zweite Implikation ist, dass die Wähler_innen rechtspopulistischer Parteien durch einen Verweis auf die Komplexität der Dynamik von Protest und Politik nicht gegen den (zweifellos moralisch schwerwiegenden) Vorwurf der aktiven Unterstützung für die extreme Rechte in Schutz genommen werden können – auch dann nicht, wenn sie sich selbst entschieden in der gesellschaftlichen und politischen „Mitte“ verorten. Wie Claus Leggewie im eingangs genannten Beitrag darlegte, ist der Wähler kein sakrosanktes Wesen. Wie Hajo Funke im eingangs genannten offenen Brief darlegt, ist jede Stimme für die AfD bei den drei anstehenden Landtagswahlen im Herbst 2019 eine Stimme für extrem Rechte Kandidat_innen. Allen, die sich nicht gezielt gegen dieses Wissen wehren, müsste das bewusst sein. Das politisch ernst zu nehmen steht in keinem Widerspruch dazu, die Komplexität dr den rechtspopulistischen Erfolgen zugrundeliegenden Dynamiken anzuerkennen und (auch strategisch) zu reflektieren.

Im abschließenden Teil VI diskutiere ich nächste Woche die Frage, welche empirische Forschung nötig wäre, um die in Gesellschaft des Zorns formulierten Thesen zu untermauern bzw. zu prüfen.


[1] Das verdeutlichen genauer betrachtet auch schon die „religiös-fundamentalistischen“ Gemeinschaften. Schließlich bezieht sich Koppetsch primär auf Martin Riesebrodts Studie Fundamentalismus als patriarchalische Protestbewegung, die auf Untersuchungen des protestantischen Fundamentalismus in den USA der 1910er und 1920er sowie des schiitischen Islamismus im Iran der 1960er und 1970er beruht.

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