In meinem letzen Beitrag habe ich u.a. die Frage aufgeworfen, warum die Unterscheidung zwischen Islamkritik und Islamfeindlichkeit so schwer fällt. Daher folgen hierzu einige grundlegende Überlegungen und Fragestellungen, die insbesondere für eine sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Problemfeld heute und in der nächsten Zeit von Relevanz sein werden.
Der Prozess der Sälularisierung wurde nicht unwesentlich durch Kritik vorangetrieben (und darüber hinaus durch zunehmende Kriegsmüdigkeit indirekt erkämpft). Diese Kritik ist nicht allein aus dem Christentum selbst entstanden, sondern insbesondere auch durch die Auseinandersetzung von Christen mit antiken Texten (also mit Ideen aus vorchristlichen Zeiten), Ideen anderer Kulturen (auch und insbesondere arabischer Denker) sowie mit (natur)wissenschaftlichen Erkenntnissen. Von zentraler Bedeutung war das Wechselspiel zwischen äußeren Einflüssen und interner Verarbeitung – das galt im Übringen auch für die Ideen von individueller Freiheit und Demokratie.
Religionskritik gegenüber dem Islam ist genauso notwendig, wie sie einst gegenüber dem Christentum war. Sie kann jedoch nicht in gleicher Weise vollzogen werden, denn sie steht vor grundlegend anderen Herausforderungen. Diese lassen sich in mindestens 5 Punkten zusammenfassen:
Erstens kann man die Kritik nicht an eine hierarchisch organisierte Institution richten, da die islamische Tradition diese zentrale Organisationsform nicht in vergleichbarer Weise kennt – das gilt für Muslime in Europa in ganz besonderer Weise. In den größeren Verbänden ist lediglich ein Bruchteil der in Deutschland lebenden Muslime organisiert. Die Kritik kann sich daher nicht an einen organisierten Akteur richten.
Die Kritik läuft daher zweitens immer Gefahr, zu wenige oder zu viele zu erreichen. Denn Muslime sind bereits äußerst divers (positiv formuliert) bzw. gespalten (negativ formuliert). Kritisiert man den Islam insgesamt, dann kritisiert man sehr viele Menschen zu unrecht und erweckt den Eindruck der „Sippenhaft“, wodurch man insbesondere progressive Kräfte in eine defensive Position drängt. Kritisiert man hingegen nur die extremsten Auswüchse, dann findet in aller Regel eine kritische Auseinandersetzung gar nicht statt, etwa mit dem Hinweis, diese hätten mit dem Islam nichts zu tun.
Drittens handelt es sich bei den Muslimen in Deutschland quantitativ um eine Minderheit. Nur etwa 5% der in Deutschland lebenden Menschen lassen sich irgendeiner islamischen Glaubensrichtung zuordnen. Religionskritik gegenüber einer religiösen Diaspora ist hochkomplex und birgt viele Gefahren.
Viertens sind die Angehörigen dieser Minderheit in jedem EU-Staat in einer sozial benachteiligten Position. Die Kritik hat sich also nicht nur gegen einen Teil einer quantitativen Minderheit zu richten, sondern zugleich auch gegen eine tendenziell marginalisierte Gruppe.
Als fünften Punkt könnte man hinzufügen, dass terroristische Organisationen bereits seit den 1990ern sich zum Ziel gemacht haben, die europäischen Muslime von der nicht-muslimischen Bevölkerungsmehrheit durch Angst und Hass zu isolieren, damit sie für Radikalisierung anfällig werden – eine erstaunlich erfolgreiche Strategie, in der die Schwachstellen der offenen Gesellschaften zielsicher erkannt wurden. Die Einflussnahme von Außen (sowohl Regierungen als auch theokratische Strömungen) muss immer mitbedacht werden. (Die Betrachtung internationaler Konflikte und der politisch und sozial prekären Lage vieler arabischer Staaten klammere ich an dieser Stelle aus – auch wenn sie zweifelsfrei von Relevanz ist.)
Diese Rahmenbedingungen weichen grundlegend von jenen vergangener Zeiten ab, wohingegen es inhaltlich sehr viele Gemeinsamkeiten gibt. Die Anwendung gängiger Methoden der (öffentlichen) Religionskritik kann kaum von Islamfeindlichkeit und Rassismus unterschieden werden. Allein schon die diversen Begifflichkeiten, wie etwa „Islamophobie“, „Islamfeindlichkeit“ oder „Muslimenfeindlichkeit“ sowie „antimuslimischer Rassismus“, allesamt Konzepte mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen und plausiblen Herleitungen, lassen sich auf die komplexen und diffusen Rahmenbedingungen zurückführen. Religionskritik im herkömmlichen Sinne läuft derzeit Gefahr, zu weiterer Ausgrenzung zu führen, wodurch sich die Lage zusätzlich verschärfen kann. Dies gilt unabhängig davon, ob die inhaltliche Kritik berechtigt ist oder nicht. Eine ungünstige Reaktion kann sein, dass Religionskritik ausbleibt. Vielleicht müsste man zeitgleich an der inhaltlichen Kritik und an den schwierigen Rahmenbedingungen arbeiten. Vielleicht müsste man den innerislamischen Dialog stärken. Wie diese „Vielleichts“ umgesetzt werden können oder andere funktionale Formen und Methoden der Religionskritik entwickelt werden können, bleibt auch an dieser Stelle offen.
Aber vielleicht hat der Eine oder die Andere Ideen?
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