Ist der Nerd eine Sozialfigur, die interessant genug ist, um mit ihr eine Reihe von Blogbeiträgen im SozBlog zu eröffnen? Ich denke schon. In dem schönen Buch „Sozialfiguren der Gegenwart“ von Stephan Moebius und Markus Schroer (2010) tummeln sich unter anderen der Berater, der Hacker, der Amokläufer, der Dillettant und der Bürger/Weltbürger. Wutbürger und Nerd fehlen noch. Den Begriff nerd gibt es schon seit den 1950er Jahren. Er stammt ursprünglich aus einem Kinderbuch. Ab den 1980er Jahren wird er auch benutzt, um Hacker und andere computeraffine Männer zu labeln. In den 1990er Jahren taucht der Nerd vermehrt in amerikanischen Comedy-Serien auf – ich denke bspw. an Steve Urkel aus Familiy Matters.
Immer ist der sozial inkompetente und unattraktive Nerd der Inbegriff des Opfers in der Highschool-Hierarchie. Im Sinne einer „marginalisierten Männlichkeit“ (Raewyn Connell) – also einer Darstellung, die die gesellschaftlichen Erwartungen an einen ‚echten Kerl‘ nicht einlösen kann und dafür Verachtung erntet – lebt der Nerd hier sein Leben am Ende der Futterkette, wird von den Jungs geprügelt, von den Mädchen gemobbt oder im besten Falle bemitleidet. So die dominante Erzählung. Manche Nerds werden Jahrzehnte später so prominent und (erfolg)reich, dass ihre Marginalisierung sich aufhebt. Kai van Eikels reflektierte daher am letzten Sonntag in einem Beitrag zum Symposium Doing Nerd inwiefern der Ehrgeiz des Nerd von der möglichen Rache für seine frühen Kränkungen getrieben wird (van Eikels 2013).
Es spricht jedenfalls einiges dafür, dass die Figur des Nerd einen Siegeszug angetreten hat. Neben der schon beschriebenen Ächtung des Nerd als einem Anormalen spielen dabei nun auch positivere Erzählungen, das Lob des Nerd und die Umdeutung des negativ besetzten Begriffs, eine Rolle. Nicole C. Karafyllis schreibt im Glossar inflationärer Begriffe: „Wenn jemand also nerdig ist, ist er irgendwie schwierig und schräg – aber auf eine bestimmte Weise. Die US-amerikanische Sitcom The Big Bang Theory bringt dieses nerdig-Sein seit 2007 performativ zur Anschauung.“ (Karaffylis 2013, S. 99) Während Steve Urkel in Family Matters auf eine Zaubermaschine angewiesen ist, die das hässliche Entlein zum schönen Schwan (bzw. zum ‚coolen Typen‘) macht, um das Herz der vorher abweisenden Laura zu öffnen, kommen die Nerds in der Big Bang Theory schon besser zurecht.
Vermittels der Piratenpartei als sog. ‚Partei der Nerds‘ – spielt die Figur auch in der massenmedialen Öffentlichkeit von Print, TV und Radio eine immer größere Rolle. Wenngleich sich freilich nicht alle Piratinnen und Piraten als Nerds beschreiben und auch nicht alle Nerds und Nerdettes der Piratenpartei nahe stehen: Nerdiness spielt in den Selbst- und Fremdbeschreibungen der jungen Partei eine tragende Rolle. In biografischen Beschreibungen der Mitglieder erfährt der Begriff eine wehrhafte Aneignung, wird positiv gewendet und zur Quelle für Solidarität mit anderen Nerds. Auch ist ‚der Nerd‘ nun nicht mehr ausschließlich männlich. Auch Frauen beschreiben sich als Nerd, Nerdette oder Nerdine.
In kritischen Beschreibungen der Piraten reaktualisiert sich hingegen noch oft das abwertende Bild eines sexuell gehemmten, männlichen Underperformers, der mit seinem Piratenhütchen die ernste Politik gefährde und dessen Angst vor ‚echten Frauen‘ die Ablehnung von Quoten begründe (vgl. Siri/Villa 2012, vgl. auch Beitrag #3: Provokation und Ächtung des Nerd).
Nerdige Menschen sind irgendwie schwierig und schräg und das auf eine bestimmte Weise – schreibt Karafyllis. Die Nähe zum Begriff der queerness liegt auf der Hand. Es könnte sich daher lohen, den Nerd/die Nerdette als Sozialfigur, als polarisierende soziale Adresse, die positive und negative Kommentare anzieht, genauer zu betrachten.
Wird durch die Invasion der Nerds, durch die Aneignung der Nerdiness durch den angepassten und durchkapitalisierten Hipster (Greif 2012), der Figur des Nerds ihre identitätspolitische Kraft genommen? Geht die normalisierte ‚Nerdiness für alle‘ im Hipstertum auf? Müssen sich Hacker deswegen von den Nerds abgrenzen? Oder wohnt der Nerdiness doch ein subversives Potential inne, dass sich zum Beispiel in der Dekonstruktion von Geschlechtsnormativen (i.S. Judith Butlers) beweisen könnte? Und könnte es vielleicht so sein, dass die Abwehr gegen die Piratenpartei mehr mit deren Nerdiness als mit Sachpolitik und Programmatik zu tun hat? Ist es die von van Eikels diagnostizierte Angst vor der „Rache der Nerds“, die allergische Reaktionen mancher etablierter Politiker, Politikerinnen und Medienschaffenden gegen die Piraten, und auch allgemeiner gegen emphatische Netzpolitik, antreibt? Darüber werde ich im nächsten Blogbeitrag schreiben.
Blogempfehlung: Hier bloggt Kai van Eikels über Kunst, Theater, Kollektivität und vieles mehr. Und hier findet sich nun der Beitrag zur Rache der Nerds, auf den ich mich beziehe! (ergänzt am 6.5.13, 17:36)
Literatur
Judith Butler (2009). Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen. Übers. v. Karin Wördemann & Martin Stempfhuber. Berlin: Suhrkamp.
Raewyn Connell (2006). Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Wiesbaden: VS Verlag.
Kai van Eikels (2013). Die Rache der Nerds? Vortrag auf dem Symposium „Doing Nerd“ der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst und der Heinrich-Böll-Stiftung. Berlin am 28.4.2013.
Mark Greif (2012) (Hg.). Hipster. Eine transatlantische Diskussion. Berlin: Suhrkamp.
Nicole C. Karafyllis (2013). nerdig. In: Glossar inflationärer Begriffe. Begleitbuch zur Ausstellung DIE IRREGULÄREN – ÖKONOMIEN DES ABWEICHENS. Hg. von Anna Bromley et al. Berlin: NGBK.
Stephan Moebius und Markus Schroer (2010) (Hg.). Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialfiguren der Gegenwart. Berlin: Suhrkamp.
Jasmin Siri & Paula-Irene Villa (2012). Piraten. Fehlanzeige Gender? In: Christoph Bieber & Claus Leggewie (Hg.) Unter Piraten. Erkundungen in einer politischen Arena. Bielefeld: transcript.
Anmerkung: Es wird eine Soundcloud geben, auf der nicht nur der Beitrag van Eikels‘ zur „Rache der Nerds“ nachgehört werden kann, sondern die gesamte Tagung, u.a. mit Vorträgen von Nicole Karafyllis, Michael Makropoulus, Shintaro Miyazaki und Jörg Ossenkopp. Der Link folgt bald.
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