Mit aufmerksamkeitssteigernder Verspätung (verursacht durch das Tief „Christian“, das den Bahnverkehr nördlich von Göttingen lahmlegte) komme ich letztlich doch noch beim Literarischen Salon in Hannover an. Ich bin Gast einer Podiumsdiskussion zum Thema „Sharing-Ökonomie“. Mit auf dem Podium sitzen Heiko Grunenberg, Soziologe und Nachhaltigkeitsforscher an der Uni Lüneburg sowie Raphael Fellmer, Aktivist für ein Leben ohne Geld und Mitgründer von Foodsharing e.V.

Welche Idee ist mit der Sharing-Ökonomie verbunden?
In seinem Buch The share economy. Conquering stagflation (1984) untersuchte Martin Weizman, ob fixe oder erfolgsbezogene Vergütungen für Arbeit zu höherem Wohlstand führen. Zu seiner heutigen Bedeutung kam der Begriff Sharing-Ökonomie, als er 2009 auf der next09-Konferenz verwendet wurde, wobei das Teilen von Wissen im Mittelpunkt stand.
Inzwischen hat sich das Netz als ideale technologische Plattform der Sharing Ökonomie entwickelt und der Begriff erfuhr eine deutliche Ausweitung seiner Bedeutung. Relativ einfach können Algorithmen programmiert werden, die Angebote und Bedarfe zusammenbringen (was sich dann auf Neudeutsch „matchen“ nennt). Auf Onlineplattformen finden sich daher schnell, unkompliziert (aber nicht immer kostenlos) Menschen zusammen, um materielle und immaterielle Güter zu tauschen.
Mittlerweile wird alles Mögliche getauscht. Einige Beispiele: NeighborGoods (Dinge, die zu Hause herumliegen und die man seinen Nachbarn zugänglich machen möchte), thredUp (Tauschnetzwerk für Kinderkleidung), SwapSimple (Filme, Bücher, Videospiele) und Airbnb (Plattform für Übernachtungsplätze). Spätestens jetzt kommt die bereits in der Ankündigung der Veranstaltung gestellte Frage auf: Ist die Sharing Ökonomie „Traum aller Kapitalismusgegner oder eine ernst zu nehmende Entwicklung in Richtung nachhaltiger Produktion?“
Deutschland teilt
Zusammen mit der Sharing-Plattform Airbnb (s.o.) und dem Sozialforschungsunternehmen TNS-Emnid entstand an der Universität Lüneburg die Studie „Deutschland teilt“. Sie zeigt, dass neben der Besitz-Ökonomie („Habenwollen“) auch die Sharing-Ökonomie („Tauschenwollen“) in Deutschland zunimmt. In nüchternen Zahlen liest sich das so: Jeder zweite Deutsche hat schon einmal Erfahrungen mit alternativen Konsumformen („Ko-Konsum“) gemacht. Jeder vierte Deutsche hat schon einmal „selten gebrauchte Gegenstände“ von anderen Personen gemietet anstatt diese zu kaufen. Vor allem bei den 14- bis 29-Jährigen sind Sharing-Plattformen beliebt. Die Podiumsdiskussion in Hannover diente nun dazu, diese Entwicklung einzuschätzen und Fragen zu klären, die nicht in blanken Zahlen beantwortet werden können. Mir war dabei die Rolle des Kritikers zugedacht. Nebenbei bemerkt: Ein nicht unwesentliches Element bei „Öffentlicher Soziologie“ ist ein klares Bewusstsein darüber, welche Rolle mit unterschiedlichen Settings verbunden ist – und zugleich die Fähigkeit, sich von dieser Rolle ironisch zu distanzieren.
Neue Sozialform oder uraltes Phänomen?
Die Motive für die Teilnahme an der Sharing-Ökonomie fasst Heiko Grunenberg im Wort Coolness zusammen. Wer teilt, unterscheidet sich in seiner Lebensform sichtbar von anderen. Und damit bringt der Sozialforscher es wunderbar auf den Punkt: In der Konsumtheorie haben Konsumgüter nicht nur einen Gebrauchswert, sie geben darüber hinaus „Signale“ ab, die helfen die eigenen Identität im Konsumbürgertum zu finden, über seinen eigenen Lebensentwurf nachzudenken und diesen immer wieder zu konkretisieren. (vgl. Wolfgang Ullrich: Habenwollen. Wie funktioniert die Konsumkultur? oder wunderbar aus der Innensperspektive derMarketingtreibenden Rolf Jensen: Dream Society). Es stellt sich die Frage, ob das auch für die Negation des Konsums in der Tauschökonomie gilt? Ich meine schon.
Online-Tauschbörsen und Tausch-Apps sind nichts anderes als Biografie-Requisiten innerhalb einer zum Teil umfassenden Inszenierung des eigenen Lebens. Beides zusammen motiviert zur Fiktionalisierung der eigenen Biografie, indem ein bestimmter Ausschnitt der Wirklichkeit mit großem Distinktionspotenzial „technisch handhabbar“ gemacht wird. „Habenwollen“ (Besitzökonomie) und „Teilenwollen“ (Sharing-Ökonomie) sind unterscheiden sich hierbei nur graduell. Eigentlich besteht bei näherem Hinsehen kein Unterschied mehr zwischen der Besitz- und der Tauschökonomie. Über das, was handhabbar gemacht werden soll, legt sich niemand individuell Rechenschaft ab. In beiden Bereichen werden die Marktteilnehmer in Richtung eines sozial erwünschen Konsum oder eben Ko-Konsumverhaltens kollektiv „konditioniert“. Ich würde sogar soweit gehen und sagen, dass es sich dabei um eine hübsche, technisch überhöhte und daher zeitgemäße Form des Re-Skillings handelt, d.h. dem Wiedererlernen einst selbstverständlicher sozialer Verhaltensweisen über den Umweg der Technik (vgl. Richard Sennet: Together). Sehr deutlich kommt dies der Studie (oder Imagebroschüre?) „Sharing Economy – Die Macht des Teilens“ des Büro f21 für Zukunftsfragen zum Ausdruck: „Uralte Wirtschaftsformen werden durch Technologie neu erfunden“.
Die neue Form der Sharing Ökonomie bringt zudem neue Risiken mit sich. In der Tauschökonomie werden Rechte durch Vertrauen ersetzt. In den Tauschbeziehungen (zumal in den digital vermittelten) steigt notwendigerweise der Anteil des Vertrauens. Das kann im Extremfall zu ernsthaften juristischen Problemen führen, wenn es z.B. um Haftungsfragen geht. Verbraucherschutzrechte (für die an anderer Stelle eingetreten wird) werden innerhalb der Sharing-Ökonomie „freiwillig“ aufgegeben.
Foodsharing
Es verwundert mich daher schon, dass ausgerechnet die ehemalige Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner eine Entwicklung massiv unterstützt, die ich besonders aufmerksam verfolge. Für jemanden, der sich seit Jahren mit dem Phänomen der Lebensmitteltafeln beschäftigt, ist Foodsharing besonders interessant. Auf dieser Online-Plattform werden Lebensmittel, die „übrig“ sind, Personen angeboten, die bereit sind, diese abzuholen. Aktivisten wie Raphael Fellmer sind vorne mit dabei, die politisch erwünschte Parole von der Lebensmittelverschwendung in deutschen Haushalten zu verbreiten. Es gibt dabei aber ein Problem: Die Datengrundlage, auf der die Argumentation aufbaut, ist äußerst fragil.
Kristallkugelwissenschaft
Die Studie „Ermittlung der weggeworfenen Lebensmittelmengen und Vorschläge zur Verminderung der Wegwerfrate bei Lebensmitteln in Deutschland“ der Universität Stuttgart (Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte und Abfallwirtschaft im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz) weist privaten Haushalten eine hohe Verantwortung für das Müllproblem zu. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass jede/r Deutsche pro Jahr fast 82 Kilo Lebensmittel wegwirft. Untermauert werden die Zahlen mit suggestiven Bildern von kilometerlangen Lastwagenkolonnen, um die weggeworfene Menge zu visualisieren. Inzwischen gibt es jedoch auch Kritik an dieser Studie.
Ludgar Fischer hat sich sowohl mit den Lebensmittelgesetzen als auch mit der Müllstudie kritisch beschäftigt: „In Brüssel vergeht keine Woche ohne Konferenz über angebliche Lebensmittelvergeudung. Die EU-Kommission, einzelne Parlamentarier, der Wirtschafts- und Sozialausschuss, Handels- und Verbraucherverbände, Freunde der Erde und des langsamen Essens, Konzerne, die schnelles Essen ermöglichen, überbieten sich mit Tagungen, Symposien und Podiumsdiskussionen, auf denen wohlmeinende Menschen über eine Lösung des scheinbaren Problems diskutieren.“ In seinem programmatischen Artikel „Ab in die Tonne!“ zeigt er, dass die Zahlen der „Müllstudie“ Hochrechnungen von Schätzungen von Einzelaussagen weniger Experten oder Messungen sind. Summiert wurden Mittelwerte von Annahmen. Die ermittelte Wegwerfmenge – insbesondere die in den privaten Haushalten – hält einer ernsthaften empirischen Überprüfung nicht stand. So wurden bei den privaten Haushalten z.B. Schälabfälle, welker Salat, schrumpelige Äpfel, trockenes Brots oder abgelaufene Joghurts mitgezählt. Von denen wird niemand ernsthaft verlangen, dass diese nicht weggeworfen werden sollen. Fischer kommt zu dem Ergebnis, dass die Empfehlungen auf wackeliger Grundlage stehen: „Möglicherweise hat man hier ‚Daten’ zusammengesammelt, die für die politisch gewünschte Aussage scheinbare Belege liefern konnten.“ (vgl. Fischer, Ludger, 2013: Von Müllvermeidung wird kein Mensch satt. In: Journal Culinaire, 3, S. 129-137) Und wie sieht diese Empfehlung, ausgesprochen von Ilse Aigner aus im Journal der Hanns Seidel Stiftung aus?: „Lebensmittel gehören auf den Tisch und nicht in die Tonne.“
Lebensmittel „retten“
Hier kommen die Tafeln ins Spiel, die sich als „Lebensmittelretter“ stilisieren. Bei den Lebensmitteltafeln in Deutschland hat sich die Idee, Lebensmittel zu „retten“ in der letzten Zeit zu einer neuen, hochproblematischen Legitimationsfigur entwickelt. In diesem Revier tummelt sich auch Raphael Fellmer, der sich „Freund der Tafeln“ nennt und ebenfalls Lebensmittel „rettet“. Mehr noch: Durch die Nutzung der Sharing-Plattformen – insbesondere auch von lebensmittelretter.de – will er dazu beitragen, dass alle Menschen „echte Liebe und Menschlichkeit“ erleben. Mir ist das ein wenig zu viel Dalai Lama und zu wenig Logik. Wer davon spricht, Lebensmittel zu „retten“, stellt diese auf eine Stufe mit Menschen.
Die Rede von der „Rettung“ der Lebensmittel verdeckt das eigentliche Problem, das sich mit „Tonnenideologien“ nicht lösen lässt. Nach einer kürzlich veröffentlichten Rot-Kreuz-Studie können sich 43 Millionen Europäer kein Essen leisten und sind stattdessen auf Suppenküchen, Tafeln und Lebensmittelgutscheine angewiesen. Der Rot-Kreuz Generalsekretär Bekele Geleta bezeichnete dies als die „schlimmste humanitäre Krise seit dem 2. Weltkrieg“. Vor diesem Hintergrund gibt die „Müllstudie“ einen problematischen Weg vor, indem sie behauptet: „Unstrittig ist, dass die Weitergabe an karitative Einrichtungen wie die Tafeln ein sinnvoller Weg zur Abfallvermeidung ist, der womöglich noch intensiviert werden kann.“ Das kann man auch anders sehen:
Erstens gibt es hier ein logisches Problem. Die Abgabe von Lebensmittel an Bedürftige bei Tafeln ändert nichts am Armutsproblem. Von Müllvermeidung wird niemand satt.
Zweitens sind die inzwischen institutionalisierten Tafeln ein Beispiel für etwas, was ich das Delegationsprinzip nenne: Der Hype um die „Müllstudie“ ist ein Beispiel für die Moralisierung von Themen und Märkten. Dabei wird die Verantwortung für Nachhaltigkeit von den Produzenten zu den Konsumenten durchgereicht. Die Menschenrechtsorganisation FIAN, die für das Recht auf Nahrung eintritt, sieht die neuen Almosensysteme ebenfalls kritisch und schreibt in einem Eckpunktepapier: „Der Staat delegiert die Grundversorgung immer weiter an die Zivilgesellschaft. Das Menschenrecht auf Nahrung wird in Deutschland nicht ausreichend umgesetzt, sondern zunehmend gefährdet, weil der Staat seinen Verpflichtungen nicht angemessen nachkommt.“
Und drittens entstehen durch die (logistisch mehr oder weniger aufwendige) Umverteilungen der Konsumreste sowie die komplementären Online-Angebote wie mundraub.org, lebensmittelretter.de oder eben foodsharing.de die fragwürdige Suggestion, dass sich in Deutschland armutsbetroffene BürgerInnen scheinbar mühelos (mittels einer App bzw. Online-Plattform!) mit Lebensmitteln versorgen können. Durch die Rede vom „Retten“ der Lebensmittel tritt das Problem Armut in den Hintergrund und wird verharmlost.
Zukunft der Sharing Ökonomie und die Rolle der Soziologie
Am Ende der Podiumsdiskussion in Hannover sollen auch wir in die Kristallkugel schauen. Wir werden wir nach unseren Einschätzungen zur Sharing-Ökonomie für die nächsten 25 Jahre gefragt. Man einigt sich zunächst darauf, dass Teilen zu einer „kurzfristigen Nachhaltigkeit“ führe. Bis ich direkt ins Publikum frage, ob mir jemand erklären kann, was „kurzfristige Nachhaltigkeit“ eigentlich ist. Immerhin hat die Diskussion einige der Eckpunkte der Sharing-Ökonomie deutlich gemacht: Vertrauen als neue Währung, der Coolnessfaktor einer Lebensform und deren Distinktionspotential sowie die Möglichkeit, face-to-face-Interaktionen technisch zu stimulieren (oder zu simulieren).
An der letzten Runde auf dem Podium wurde aber deutlich, dass eine „Öffentliche Soziologie“ vor allem Wachsamkeit für rhetorische Nebelbomben mitbringen muss, die allzu gerne in Debatten eingesetzt werden. Die Soziologie kann in solchen Debatten zudem erfolgreich zeigen, wie immer wieder neue Formen längst bekannter Inhalte auftreten. Ich denke dabei an das fast zeitlose Werk Georg Simmels, der diese Wechselwirkung deutlich herausarbeitete.
Vor allem aber besteht die Aufgabe einer „Soziologie für die Öffentlichkeit“ im Rahmen solcher Debatten darin, vor den unintendierten Effekten der als „neu“ oder „besser“ angepriesenen Entwicklungen zu warnen und dabei auf die Notwendigkeit aufmerksam zu machen, Differenzkriterien und Vergleichsmaßstäbe zu nutzen, anstatt von „kurzfristiger Nachhaltigkeit“ (oder ähnlichen Bullshit) zu sprechen (vgl. Harry G. Frankfurt: On Bullshit). Mir erscheint das als ein zentraler Punkt vieler öffentlicher Debatten zu sein, innerhalb derer zwar Phänomene beschrieben werden, die aber selbst kritierenlos dahindriften. Gerade die Soziologie könnte hier eine Metaperspektive anbieten.
Nach der Veranstaltung werden diese Fragen noch bis vier Uhr morgens diskutiert. Wir teilen Wein, Käse und viele „nachhaltige“ Ideen. Ich versuche mich so gut es geht auf den Beinen zu halten. Für diesen schönen Moment, den ich für nichts auf der Welt tauschen möchte.
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