Zur Empfehlung des DGS-Vorstandes, aus dem CHE-Ranking auszusteigen 1
Die Empfehlung des DGS-Vorstandes, aus dem CHE-Ranking auszusteigen, hat beim CHE Alarm ausgelöst. Das CHE sieht sich unberechtigter Kritik ausgesetzt und verweist auf das Informationsbedürfnis von Studierwilligen, Hochschulleitungen und Ministerien, das durch das CHE-Ranking befriedigt wird. Ich möchte hier aufzeigen, dass die Art, wie Rankings diese Informationsbedürfnisse befriedigen, Forschung und Lehre so tiefgreifend deformieren, dass sie ihre genuine Funktion für die Gesellschaft nicht mehr erfüllen können. Die Empfehlung des DGS-Vorstandes verdient deshalb vorbehaltlose Unterstützung.
Helfen Rankings bei der Wahl eines Studienortes?
Die Wahl eines Studienfaches und eines Studienortes ist keine Entscheidung, die man ein für alle Mal trifft, und es gibt eine Vielzahl von Faktoren, die dabei eine Rolle spielen. Die Aufgabe des Staates ist es, dort, wo ein Studienfach angeboten wird, für eine gute Ausstattung mit Personal und Sachmitteln zu sorgen, sodass das Fach in genügender Breite und mit verschiedenen Möglichkeiten der Spezialisierung angeboten werden kann. Die Universitäten, Fakultäten und einzelnen Institute haben insbesondere bei der Berufung von Professorinnen und Professoren und der Einstellung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf größtmögliche Originalität und Qualität in Forschung und Lehre zu achten. Wenn das alles gewährleistet ist, können sich Studierwillige auch ohne Entscheidungshilfen durch Rankings für ein Studienfach und einen Studienort entscheiden. Studienanfänger können einen Studienort wählen, weil er nicht allzu weit von zuhause entfernt ist oder gerade auch, weil er weit weg ist, weil der Freund oder die Freundin schon dort studiert, weil man von einem Freund gehört hat, dass es dort ganz interessant ist, weil der Studienort einen hohen Freizeitwert hat, weil man von der einen oder anderen Professorin schon einmal ein Interesse weckendes Interview in der Zeitung gelesen hat oder man vielleicht sogar ein Buch einer Professorin oder eines Professors gelesen hat.
Ist man mit der Wahl aus den verschiedensten Gründen nicht zufrieden, dann können das Studienfach oder der Studienort ohne weiteres gewechselt werden, wofür auch wieder alle möglichen Faktoren relevant sind. Entscheidend ist dabei, dass man zufrieden ist mit dem Studium und zu einem erfolgreichen Abschluss gelangt. Das CHE-Ranking kann einem dabei nicht helfen. Im Gegenteil, es kann sogar dafür sorgen, dass sich gar keine Zufriedenheit im Studium einstellt, weil die Orientierung am Ranking aus den Studierenden rationale Optimierer macht, die ständig frustriert werden, weil sie das Optimum nicht finden. Die Wahl eines Studienorts, der im CHE-Ranking nicht ganz oben steht, verursacht bei ihnen ein Gefühl, sich am falschen Ort zu befinden und nicht das Richtige zu tun, ein Gefühl der Inferiorität gegenüber den Studierenden an den hochrangigen Plätzen. Es beeinträchtigt ihre Studienmotivation und ihr Selbstvertrauen. Die Studierenden an einem hochrangigen Platz können ein Überlegenheitsgefühl entwickeln und sich schon als Teil einer Elite wähnen, obwohl das CHE-Ranking noch keineswegs die Position einer Elitezertifizierungsinstanz innehat. Sie können aber auch von ihrer Studiensituation enttäuscht sein, weil nicht die hohen Erwartungen erfüllt werden, die durch einen hohen CHE-Rang geweckt werden. So können hohe Forschungsreputation, hohes Drittmittelaufkommen und hohe Publikationszahlen in hochrangigen Fachzeitschriften in der Soziologie beispielsweise auch dafür stehen, dass die Professoren kaum Zeit für die Studierenden haben und die Publikationserfolge in einem so engen Spektrum an Daten und Themen erzielt werden, dass es spätestens nach dem dritten Fachsemester für die Studierenden langweilig wird, weil sie immer mehr von Demselben aufgetischt bekommen. Und es kann ein Themenspektrum sein, das weit neben den Interessen eines Studierenden liegt. Soll er oder sie dann an einen Studienort wechseln, an dem das angeboten wird, was den Erwartungen entspricht, aber möglicherweise einen „Abstieg“ in der CHE-Tabelle bedeutet?
Das CHE-Ranking erschwert einen solchen inhaltlich bestimmten Wechsel und begleitet ihn –falls er doch vollzogen wird – mit der Erzeugung eines schlechten Gewissens, sich nicht karrierefördernd verhalten zu haben. Das CHE-Ranking prämiert wie alle Rankings Größe. Kleinere Standorte belegen deshalb in aller Regel die unteren Rangplätze. Das heißt aber, dass ein solches Ranking die Wahlmöglichkeiten der Studierenden einschränkt. Auch große Standorte bilden nicht ab, was ein Fach alles zu bieten hat, schon gar nicht in Deutschland, wo wir mit unserer Lehrstuhlstruktur das Spektrum eines Faches auf Professorenebene auf die Kerngebiete einschränken. Die Vielfalt eines Faches muss sich deshalb auf eine größere Zahl von Standorten verteilen. Wer sich z.B. für Kultursoziologie interessiert, findet gerade an kleineren Standorten interessante Angebote, die dort häufig in Verbindung mit Geschichte oder Literaturwissenschaft stehen. Weil aber solche Standorte der von Rankings gepflegten Tonnenideologie nicht entsprechen, nehmen sie dort nur untergeordnete Plätze ein. Sie befinden sich im Verhältnis zu den durch Rankings herausgehobenen Standorten in einer dominierten Position im akademischen Feld. Studierende, die sich trotzdem dafür entscheiden, müssen damit leben, nach CHE-Lesart an einem Fachbereich minderer Qualität zu studieren. Der Sozialisationseffekt, den das Ranking über die Verbreitung durch ZEIT-Campus auf die Studierwilligen und Studierenden ausübt, müsste auf längere Sicht zu einer Einschränkung der Angebotsvielfalt führen. Das ist nicht im Interesse der Studierenden und auch nicht im Interesse der Fachdisziplinen.
Forschung und Lehre als Produktion von Kennziffern
Rankings üben demgemäß nur vordergründig eine Informationsfunktion für die Studierenden aus, sie schränken ihre Wahlmöglichkeiten ohne sachliche Gründe ein und erzeugen bei all denjenigen Studierenden Gefühle der Inferiorität, die nicht an einem hochrangigen Fachbereich studieren, obwohl Hochrangigkeit in keiner Weise garantiert, dass ihnen damit ein ihren Wünschen entsprechendes Curriculum geboten wird. Sie erzeugen eine Stratifikation von Fachbereichen nach hochselektiven Indikatoren, die unvermeidlich die Komplexität von Forschungs- und Lehrleistungen in einem für die Bereithaltung von Diversität und für die Offenheit der Wissensevolution unzuträglichen Umfang reduziert.
Die Indikatoren eines Rankings konstruieren eine Realität sui generis, von der die wissenschaftliche Praxis entkoppelt werden kann (Meyer und Rowan 1977), solange Rankings noch keinen verbindlichen Status haben. Je mehr sie aber diesen Status erlangen, umso mehr kolonisieren sie die wissenschaftliche Praxis und diktieren ihr, welchen Regeln sie zu folgen hat (Power 1997; Miller und Rose 2008; Sauder und Espeland 2009). Statt zu forschen und zu lehren, sind alle nur noch mit der Produktion von Kennzahlen beschäftigt, die in das Ranking eingehen. Wegen der unvermeidlichen Einengung auf wenige Kennzahlen, um aussagekräftig zu bleiben, folgt daraus, dass wichtige Elemente des Forschens und Lehrens auf der Strecke bleiben, weil sie nicht in das Schema der relevanten Indikatoren passen. Es ergibt sich eine regelrechte Verarmung der Praxis, eine Umkehrung von Zweck und Mittel. Die Bedienung der Indikatoren wird zum Selbstzweck. Das ist die Reaktivität von Rankings (Espeland und Sauder 2007). Der Praxis des Forschens und Lehrens werden neue, ihr an sich fremde Spielregeln aufoktroyiert. Alle Rankings, methodisch saubere und unsaubere, deformieren die Praxis des Forschens und Lehrens. Sie errichten eine neuartige Herrschaft der Zahlen (Porter 1995) als wesentliches Element der Gouvernementalität der Gegenwart (Foucault 2006; Bröckling et al. 2000). Zu behaupten, dass Rankings nur abbilden, was in der Realität schon existiert, ist methodologisch schlichtweg naiv. Auch 1000 Jahre Qualitätsverbesserung von Rankings werden an diesem Faktum nichts ändern.
Engführung der Wissensevolution
Je gefestigter die durch Rankings erzeugte Stratifikation der Fachbereiche ist, umso schwerer ist es für periphere Forschungsgebiete, theoretische Perspektiven und methodische Herangehensweisen, zur vollen Blüte und Anerkennung zu gelangen. Die Wissenschaft erfährt dadurch eine erhebliche Einschränkung ihres Erneuerungspotenzials. Dass Harvard, Princeton, Yale & Co. ein Abonnement auf die Nobelpreise haben, ist nur gut für diese Universitäten, ihre Professoren und ihre Absolventen, aber nicht für den Rest der Welt. Eine breitere Streuung der Nobelpreise würde auch eine größere Diversität der Forschungsprogramme zur Folge haben und dementsprechend den Erkenntnisfortschritt befeuern. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Volkswirtschaftslehre. Der jährlich im Gedenken an Alfred Nobel vergebene Preis für Volkswirtschaftslehre ist ganz überwiegend an Ökonomen gegangen, die in Chicago, Berkeley, Princeton, Columbia oder Harvard gelehrt haben bzw. lehren. Jetzt ist das Fach im Gefolge der Weltfinanzkrise selbst in eine tiefe Identitätskrise geraten. Dass das Fach so einseitig dem neoklassischen Modellplatonismus verfallen ist, hat eindeutig mit dessen fixierter Stratifikation durch den Journal-Impact-Faktor und dem dadurch geschaffenen Monopol der amerikanischen Eliteuniversitäten zu tun. Jetzt gibt es sogar Stimmen in der Ökonomie, die das Fach nicht nur auf dem schon etwas länger zaghaft eingeschlagenen Weg der Institutionenökonomik und Verhaltensökonomik auch zur Soziologie hin öffnen wollen. Die Soziologie ist gerade, weil sie sich bisher der paradigmatischen und methodischen Verengung widersetzt hat, dafür geeignet, maßgeblich zur Erneuerung des Wissens über die Dynamik und Krisenanfälligkeit einer nicht im Gleichgewicht befindlichen Wirtschaft beizutragen. Die Hierarchisierung von Standorten der Soziologie ist dafür vollkommen kontraproduktiv, national genauso wie weltweit.
Literatur
Bröckling, Ulrich, Susanne Krasmann und Thomas Lemke (Hg.). 2000. Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomie des Sozialen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Espeland, Wendy N. und Michael Sauder. 2007. „Rankings and reactivity. How public measures recreate social worlds“. In: American Journal of Sociology 113(1), S. 1-40.
Foucault, Michel. 2006. Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Meyer, John W. und Brian Rowan. 1977. „Institutionalized organizations. Formal structures as myth and ceremony“. In: American Journal of Sociology 83, S. 340-363.
Miller, Peter und Nikolas Rose. 2008. Governing the Present. Cambridge: Polity Press
Porter, Theodor M. 1995. Trust in Numbers: The Pursuit of Objectivity in Science and Public Life. Princeton: Princeton University Press.
Power, Michael. 1997. The Audit Society. History, Institutions, and Social Analysis. Princeton University Press.
Sauder, Michael und Wendy N. Espeland. 2009. „The discipline of rankings: tight coupling and organizational change“. In: American Sociological Review 74 (1), S. 63-82.
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