SozBlog

Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)

Soziologie und Öffentlichkeit

Anmerkungen zum Beitrag „Ist die Soziologie zu links?“ von Armin Nassehi und Irmhild Saake[1]

Eine in Theory and Society publizierte Studie[2] findet in gut einem Viertel sozialwissenschaftlicher, darunter soziologischer Abstracts von Zeitschriftenaufsätzen Aussagen, die sich politisch linken Orientierungen zuordnen ließen. Entsprechend ist das in fast dreiviertel der KI-basiert gescreenten Artikelzusammenfassungen nicht der Fall. Und ‚links‘ wird dabei nach angloamerikanisch-liberalen Maßstäben als „left-of-center“ bemessen. Von hier aus auf die Frage zu kommen, ob „die“ Soziologie, zumal die deutschsprachige, „zu links“ sei, erfordert bereits einen Sprung. Die Studie selbst liefert dazu keine genaueren Daten, schon gar keine Kriterien, inwiefern von „zu“ links zu sprechen sei. Das ist aber die Frage, die nun Armin Nassehi und Irmhild Saake auf ZEIT-Online interessiert und die sie sogleich weiter zu der Frage inspiriert, „was dies für die Wissenschaftlichkeit der Soziologie bedeutet“.

Bedeutet es etwas? Zunächst stellt die Studie einen statistischen Zusammenhang her, der bekanntlich von den auf dem Land vermehrt anzutreffenden Störchen nicht auf Kinder bringende Störche schließen lässt. Nassehi und Saake wenden Kriterien politischer Orientierung auf einen nicht politischen Gegenstand an, nämlich auf bestimmte Wissenschaften. Das mag durchaus interessant sein und natürlich könnte man dem soziologisch weiter nachgehen: Wie stellt sich das im Vergleich zu anderen Wissenschaften dar, z.B. zur Medizin oder Mathematik? Und wie fällt ein Vergleich politischer Orientierungen zu Feldern jenseits der Wissenschaft aus, z.B. in Wirtschaft, Religion oder dem Sport[3]? Und wenn es zu Differenzen kommt, wie lassen sich diese erhellen? Solange es statistische Zusammenhänge bleiben, lässt sich daraus kein unmittelbarer sachlicher Zusammenhang ableiten. Würde man annehmen, dass Sport, mit eher linken Vorstellungen betrieben, deshalb nach sportlichen Kriterien besserer oder schlechterer Sport sei? Wohl kaum. Genau dies erwarten aber Nassehi und Saake im Hinblick auf die Wissenschaftlichkeit der Soziologie.

Die Frage der Autor:innen ist zuerst eine wertende, nämlich nach dem „zu“ links. Diese ergibt in politischen Zusammenhängen einen Sinn. Wenn man selbst anderen politischen Orientierungen folgt, dann kann einem das Programm bestimmter Parteien zu links sein. Folgt man dem Text, scheint die Autor:innen eigentlich eine ganz andere Frage zu bewegen. Nämlich die, ob die Soziologie zu politisch sei, das heißt, ob in die wissenschaftliche Arbeit politische Kriterien eingehen und dadurch den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn schmälern. Das „zu links“ ergibt sich nur vermittelt: Wenn denn in sozialwissenschaftlichen Publikationen eine politische Nähe, wie in der genannten Studie ermittelt wird, eher auf der linken Seite besteht, dann wären politische Einflussnahmen auf die wissenschaftlichen Ergebnisse überwiegend links-politische. Was dabei die Bezugnahme auf „die Soziologie“ angeht: Im Text wird dies beiläufig zu „ein großer Teil der Sozialwissenschaften“ relativiert, im Übrigen aber weiter der Generaldiagnose gefolgt. Ob ein gutes Viertel, um bei den Größenverhältnissen der genannten Studie zu bleiben, ein „großer Teil“ ist, mag man so oder so sehen. Es ist jedenfalls weit davon entfernt, für „die Soziologie“ zu stehen.

Diese nun zugegebenermaßen viel weniger skandalträchtig daherkommende Frage verlangt gleichwohl danach, dass Kriterien angegeben werden, was „zu“ politisch heißen könnte und wie es sich nachteilig auf die soziologische Arbeit auswirke. Auch dabei ist es nützlich, genauer hinzusehen.

Die Autor:innen machen eine Differenz auf zwischen soziologischer Klassik, die sich für Ordnungsbildung moderner Gesellschaften interessiert habe und einem „große(n) Teil der Sozialwissenschaften“, die es heute lieber mit Karl Marx halte und sich in ihrer Arbeit „an dem modernen Versprechen der Gleichheit aller Menschen“ orientiere. Nun gehört freilich auch Marx zu den soziologischen Klassikern. Soziale Ungleichheiten sind genauso ein altbekanntes soziologisches Thema wie Ordnungsbildungen bzw. beschreiben sie selbst eine bestimmte Perspektive auf Ordnungsbildungen. In diesem Sinne gab es bekanntermaßen auch verschiedentlich Versuche, beide Forschungsperspektiven zusammenzudenken.[4] Ungleichheitsforschungen interessieren sich für hierarchische gesellschaftliche Verhältnisse, wie diese entstehen, sich reproduzieren und welche Konsequenzen daraus für die Lebenschancen der Menschen folgen. Das ist eine andere Perspektive als die, die um 1900 nach Arbeitsteilungen fragte oder später nach funktionalen Gesellschaftsdifferenzierungen, wie es Nassehi und Saake präferieren. Sind solche Forschungen deshalb per se nicht soziologisch oder nicht wissenschaftlich?

Die Autor:innen scheinen zwar einzuräumen, dass auch solche Beschreibungen soziologisch möglich wären und schränken ein: „Das Problem für eine wissenschaftliche Disziplin entsteht dort, wo die Disziplin selbst blind wird für die Voraussetzungen ihrer eigenen Fragen.“ Dies wird dann allerdings wiederum apodiktisch für soziologische Forschungen sehr allgemein behauptet: „Die Soziologie kennt keinen Ort, an dem sich darüber reden ließe (…), weil der soziologische Reflex so funktioniert, dass er immer schon weiß, dass Ungleichheit schlecht und ungerecht ist.“ Die meisten empirischen Beispiele, die sie als Belege anführen, stammen interessanterweise aus eigenen Seminaren, also aus Beobachtungen von ihren Studierenden, mithin von (Noch-)Nicht-Soziolog:innen, von (Noch-)Nicht-Wissenschaftler:innen. Bei weiteren Beispielen bleibt im Text offen, welches Ungleichheitsverständnis zugrunde gelegt wird. Darunter fallen bei Nassehi und Saake beispielsweise auch Sterbende und ihre Betreuenden.

Was beim Verweis auf in „der“ Soziologie vermeintlich undiskutierte normative Reflexe ebenfalls unterschlagen wird, ist, dass es nicht nur eine lange Tradition an Differenzierungstheorien und Ungleichheitsforschungen im Fach gibt. Vielmehr gehört zur Soziologie ebenso von Beginn an eine Auseinandersetzung damit, wie mit normativen und politischen Fragen in der wissenschaftlichen Arbeit umzugehen ist. Deshalb werden bis heute Max Webers Werturteilsfreiheit und seine Überlegungen zur „‚Objektivität‘ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“ kontrovers debattiert. Über die Jahrzehnte drehten und drehen sich weitere Kontroversen zum Beispiel darum, was soziologische Kritik sein könne, wie sich die Verhältnisse von Theorie und Praxis oder von beobachtender und teilnehmender Perspektive bestimmen ließen und inwiefern eine ‚öffentliche Soziologie‘ möglich und wünschenswert sei.

Das sind gewichtige Fragen, weil man die sozialwissenschaftliche Forschung eben nicht so einfach „als Ingenieur angehen“ kann – einen Vergleich den Nassehi und Saake ziehen. Jedenfalls ist die funktionalistische Perspektive der beiden Autor:innen nur eine mögliche in der Soziologie. Und wie leicht die Grenze von Wissenschaft zu politischer Wertung berührt und überschritten ist, zeigt nicht zuletzt der von ihnen vorgelegte Text selbst. Denn sie fordern zwar mehr Wissenschaftlichkeit von „der“ Soziologie ein. Das Forum, das sie dafür suchen, die Wochenzeitung „Die Zeit“, ist allerdings gerade kein wissenschaftliches, sondern eines der politisch-medialen Öffentlichkeit. In einem soziologischen Forum würde sich ihr Plädoyer in genau diese Kontroversen des Faches um Wissenschaftlichkeit und Normativität einreihen. Dazu könnten sie einen Beitrag liefern, der dann allerdings besser gewappnet sein müsste als vor allem durch Beobachtungen von Studierenden in ihren Seminaren gestützt zu werden.

Im geänderten Kontext, in der politischen Öffentlichkeit, nehmen die als Aufforderung zu mehr Wissenschaftlichkeit vorgetragenen Ausführungen von Nassehi und Saake einen ganz anderen Charakter an. Vor einem Publikum, dass die Fachgeschichte und -debatten nicht kennt, mag der Applaus leichter, mit weniger Begründungslasten zu haben sein. Jedoch ist auch schnell zu sehen, von woher Applaus zu erwarten ist: von weit rechts. Also von da, wo man schon immer wusste, dass das mit dem Genderwahn, der Migrationsforschung und überhaupt „der Soziologie“ bloße linke Ideologie sei.

Mehr Reflexion, die Nassehi und Saake von anderen einfordern, ist ebenso nötig, wenn wissenschaftliche Einschätzungen in der Öffentlichkeit geäußert werden sollen. Kontroversen darum, was gute Soziologie ist und wie sie fachlich gesichert werden kann, sind wichtig. Ebenso bedeutsam ist aber auch der Einsatz dafür, die politischen Bedingungen der Wissenschaftsfreiheit zu erhalten und zu fördern. Dafür setzen sich viele Wissenschaftler:innen heute ein, gerade da, wo sie in besonderer Weise auf dem Spiel steht, wie aktuell vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt.[5] In einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem wissenschaftsskeptische oder gar -feindliche Positionierungen an Lautstärke gewonnen haben, ist niemandem damit gedient, wenn sich Wissenschaftler:innen selbst mit pauschalen Urteilen in trendige Schaukämpfe stürzen. Vielmehr muss man gerade von ihnen erwarten, sorgfältiger und differenzierter zu argumentieren.


[1]Ist die Soziologie zu links?“ von Armin Nassehi und Irmhild Saake auf ZEIT Online am 25.7.2026.

[2] Manzi, James 2026: The ideological orientation of academic social science research 1960–2024. In: Theory and Society 55(25): 1-26.

[3] Vgl. zum Fußball den Beitrag Sighard Neckels „Warum linke Einstellungen die Sozialwissenschaft nicht gefährden“ vom 9.7.2026 in der FAZ.

[4] Vgl. exemplarisch Schwinn, Thomas (Hg.) 2004: Differenzierung und soziale Ungleichheit. Die zwei Soziologien und ihre Verknüpfung. Frankfurt a.M.

[5] Zum Beispiel: https://polight.uni-halle.de/podiumsdiskussion-wissenschaftsfreiheit-in-zeiten-autoritaerer-versuchungen/

Kommentare

Ein Kommentar zu „Soziologie und Öffentlichkeit“

  1. Thomas Grabka

    Danke!

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