Am Beginn des Films steht der Weltraum. Wenn der französische Filmpionier Georges Méliès 1902 seinen revuehaften Film Le voyage dans la lune über eine Reise zum Mond und zurückdreht, hält er sich nicht lange damit auf, mit dem neuen Medium am Boden kleben zu bleiben, sich den Zwängen der Schwerkraft auszusetzen, geschweige denn denen der Logik. Lieber begibt er sich auf das nächstgelegene Gestirn, da der Rationalismus der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts – Max Webers schöne, zeitgenössische Sentenz von der „Wiederverzauberung der Welt“ hin oder her –, alles Feenhafte ins Exil gezwungen hat, während Méliès auf dem Mond ungezwungen Fantasiexistenzen ansiedeln kann. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts muss man also für einen Sommernachtstraum dem Monde zu durchs Weltall hindurch reisen. Diesem Imperativ – den Weltraum zu durchkreuzen, immer auf der Suche nach einer neuen Sidereus Nuncius, einer „Nachricht von neuen Sternen“ – bleibt das aus Méliès und dem Kolportageroman hervorgehende Genre der Science Fiction auch später noch verpflichtet, ganz wie ein gewagter Schnitt von 1610 nach 1902. Der Weltraum bleibt dabei ein Ort der Sehnsucht und der Imagination, spielt aber dramaturgisch erst wieder in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine prägende Rolle.
Zunächst bleibt die Science Fiction weitgehend bodenverhaftet und erfindet Parabeln auf die Probleme der Zeit. Das Parabelhafte mit Blick auf die Gesellschaften ihrer Gegenwart wird die Science Fiction zwar nie ablegen, aber erst ab den späteren 1960er Jahren wird es vermehrt wieder im Weltraum lokalisiert. Mit Fernsehserien wie Star Trek oder Space: 1999, vor allem aber im Kino mit Produktionen wie 2001: Space Odyssey (1968), Alien (1979) oder Outland (1981), um nur einige zu nennen. 1960 identifiziert US-Präsident John F. Kennedy den Weltraum als „New Frontier“ und leitet einen gesellschaftlich breit geteilten Enthusiasmus zu dessen Erschließung ein. Während diese Welle im sozialen Diskurs nach der Mondlandung 1968 sukzessive abflaut, nimmt die Erschließung des Weltraums im Science Fiction Film Ende der 1960er erst richtig Fahrt auf, legt über etwa 15 Jahre eine Serie einschlägiger Produktionen vor und formuliert prägende Vorstellungen vom Weltraum, die nicht nur das kollektive Bewußtsein, sondern auch die Wissenschaft nachhaltig beeinflussen. Spätestens mit The Right Stuff, 1983, noch vor der Challenger Katastrophe von 1986, tritt das Genre selbstreflexiv in seine revisionistische Phase ein. Als Illusionsraum ist der Weltraum zunehmend schwerer zu vermitteln.
Heute ist die Lage paradox. Nach wie vor werden Science Fiction Filme produziert, die eine Ikonographie des Weltraums nach vorn stellen, teilweise mit gutem Erfolg. Wissenschaftler:innen geben immer wieder an, in ihren Ambitionen von Filmen wie 2001: Space Odyssey beeinflusst zu sein. Im Kern aber hat sich das Verhältnis rasant umgedreht. Nicht länger ventiliert die filmische Imagination wissenschaftliche Imaginationsräume. Vielmehr bebildert heute die Science Fiction nur noch den viel agileren, imaginativ wagemutigeren New Materialism eines zeitgenössischen Space Engineerings. Das von Elon Musk 2002 gegründete Unternehmen SpaceX signalisiert ikonisch, dass Wissenschaft und ein überaus erfolgreiches Imaginationsunternehmertum den Bilderwelten der Kulturindustrie längst den Rang abgelaufen haben. Dessen Vorstellungswelten erschließen nicht nur die eigentlich relevante Dimension der Kapitalgenerierung, sondern sind so weit gediehen, dass – in Überflügelung der von der privaten Raumfahrtindustrie als antiquiert, schwerfällig und überteuert erachteten NASA – Firmen wie SpaceX, Astronis oder Varda eine Zeitenwende in der Raumfahrt eingeleitet haben. Dabei geht es nicht länger nur um scheinbare Fantasievorhaben wie die Kolonisierung des Mars, wobei selbst die mittlerweile greifbar erscheint. Erst kürzlich kündigte Donald Trump die Gründung einer neuen Space Academy an; schon 2019 wurde die US Space Force gegründet, womit der Weltraum zur eigenständigen militärischen Gattung aufschloß. Dazu trägt die private Industrie viel bei; die Firma Firefly hat 2024 in nur 25 Stunden nach Benachrichtigung durch das Pentagon eine Rakete startklar gemacht, ein Prozess, der bis dahin mindestens Wochen dauerte; Raketen sind unterdessen wiederverwendbar;flexible und kostengünstige Weltraumsatelliten wurden entwickelt. Hinter all dem steht laut Astranis CEO John Gedmark „a new space race“, worin die USA und China darum wetteifern, den Besitz großer Eisvorkommen am Südpol des Mondes zu beanspruchen. Die chinesische Mondmission 2024 zu dessen erdabgewandten Südpol ist hier ein wichtiger Baustein. Die USA planen eine neue bemannte Mondmission frühestens für 2028, China bislang angeblich für 2030. „These pockets of ice“, so Gedmark, „are incredibly valuable” – für die Produktion von Sauerstoff und Treibstoff. “Making that real estate the most valuable real estate in the solar system.“
So einfach und zugleich überkomplex hatte Kubrick es sich 1968 nicht träumen lassen, als er noch das Arkanum des Monolithen benötigte, um den Weltraum zu motivieren. Dessen Mystik ist der Kapitallogik des New Materialism in jenem Unternehmenssegment gewichen, das sich selbst „New Space“ nennt. Hier gehen die Interessen eines fast klassischen Industriekapitals, einer interstellar expandierenden Immobilienspekulation sowie militärische und imperial-koloniale Interessen Hand in Hand. Der patriotische Geist des ganzen Vorhabens wird wiederum filmisch auf den Punkt gebracht, etwa in Jasons Carmans Produktion New Space von 2024. Wenig verhohlen betreibt dieser visual Lobbying für die New Space Industrie, indem sie die Erschließung des new space als Menschheitsaufgabe, vor allem aber als patriotische Mission anpreist. Die Gegenwart, so scheint es, ist selbst Film geworden oder führt nur noch eine groß angelegte Produktion aus, angeleitet von den New Space-Unternehmen. Da lässt sich mit dem Schlusssatz aus Christian Nybys 1951 gedrehten Science Fiction Film The Thing from another World nur ausrufen: „Watch the skies!“
Schreibe einen Kommentar