Manfred Prisching
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Die Misshandlung des Brühwürfels
Dieser Tage[1] kommt mir ein Interview zu Augen: Jean-Jacques Rousseau, soeben 300 Jahre alt geworden. Das dürfen Qualitätsmedien natürlich nicht verpassen, und so suchen sie Rousseau-Fachleute, zum Beispiel Literaturwissenschaftler. Einer von ihnen, der sich sprachgewaltig auch mit anderen „Gespenstern“ (recht unterhaltsam) auseinandergesetzt hat, wird befragt, warum man heute noch Rousseau lesen sollte. Die pointierte Antwort:…
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Theorie des Straktanten
Die Ameisen-Theorie (ANT[1] oder ANTheorie) hat eine neue Epoche in der Soziologie eingeleitet. Sie hat die letzten künstlichen, verwirrenden Distinktionen durchbrochen, welche sich bloß als erkenntnisverstellend erwiesen haben, jene zwischen Gesellschaft und Natur, zwischen Mensch und Technik, zwischen Person und Materie, zwischen Ich und Es, zwischen Sender und Empfänger, zwischen Schreiber und Computer, zwischen Wissenschaftler…
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Alles wird gut
Dieser Tage hatte ich eine Podiumsdiskussion mit dem Gouverneur der Österreichischen Nationalbank, einem Bankdirektor und einem Journalisten – natürlich über die aktuelle Wirtschaftskrise. Ich warnte die Herren in der Vorbesprechung, dass ich in meiner Einführung nicht allzu viel Aufbauendes sagen würde. Das mache nichts, meinten die beiden Bankleute, und der Chef der Nationalbank fügte hinzu: Er…
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Wir brauchen mehr Katastrophen
Dieser Tage gibt es einen Artikel in Nature[1], der eine plausible, aber ziemlich unangenehme Möglichkeit erörtert: dass wir nicht notwendigerweise, wie in den meisten Umweltstudien angenommen, einen langsamen ökologischen Verschlechterungsprozess über den Zeitraum des nächsten Jahrhunderts erleben könnten, sondern dass es einen „Kippeffekt“, einen Tipping Point, geben könnte, einen plötzlichen Zusammenbruch des Ökosystems. Aufgrund der…
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Die therapeutische Versuchung
Letzte Woche war ich zu Vorträgen bei einem Juristenverein und bei einem Rotarier-Club eingeladen: die Demokratie, die Korruption, die Zukunft. Eine der Erfahrungen, die jeder macht, der zuweilen einen Vortrag für ein allgemeineres Publikum hält (aber im Grunde gibt es ähnliche Erfahrungen durchaus auch in engeren wissenschaftlichen Kontexten): Man erzählt dies oder das über die…
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Text und Kontext
Die Personen weisen Verhaltensmuster auf, die von einem flexiblen, situationsangemessenen Erleben und Verhalten in charakteristischer Weise abweichen. Die persönliche und soziale Funktions- und Leistungsfähigkeit ist dadurch meistens beeinträchtigt. Es werden Handlungen gesetzt, ohne die Konsequenzen zu berücksichtigen. Es gibt häufige, unvorhersehbare und launenhafte Stimmungsschwankungen. Beziehungen sind instabil, oft treten emotionale Krisen auf. Es werden Störungen…
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An der Straßenecke in Sarajevo
Da stehe ich also, an der Straßenecke in Sarajevo, in einer Konferenzpause, und starre auf die Tafel, die daran erinnert, dass hier Gavrilo Princip das Thronfolger-Ehepaar ermordet hat. Es hat – ungewöhnlich für Mitte Mai – in den letzten Tagen geschneit, es ist unangenehm nass und kalt. Es war ein Zufall, damals: Das Bombenattentat war…
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Akademische Sprachspiele
Da flattern sie mir dieser Tage wieder auf den Schreibtisch, diese Broschüren, Qualitätszeitungsbeilagen, Projektreports, Pressemitteilungen, Jahresberichte. Und ich lese: wer die Schlüsselbereiche der Forschung aktiv für die Zukunft mitgestaltet; wo jene herausragenden Forschungsleistungen stattfinden, die unser Land international konkurrenzfähig halten; wie weit man auf dem ambitionierten Ziel vorangekommen ist, in die Gruppe der europäischen „Innovation…
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Was tun wir, wenn wir bloggen?
Ein kleiner Exkurs in die Meta-Ebene, ein in den Strom der Bloggerei eingeschobenes Moment der Selbstreflexion: Was tun wir hier? Wenn man es euphorisch formulieren möchte, dann nehmen wir an einer Revolution teil: „Revolutionen bleiben meist unbemerkt, bis sie einen kritischen Punkt erreichen und alles schlagartig verändern. Wissenschaftliche Blogs haben nicht nur das Potenzial, Revolutionen…