Kriege, Kriegsgesellschaft, Zeitenwende

Beitrag 7: Der Erste Weltkrieg als paradigmatischer Fall kriegsgesellschaftlicher Transformation (I) – Mobilisierungswettlauf

 Im Beitrag 6 wurden sieben kriegsgesellschaftstheoretische Basistheoreme vorgestellt, welche die Dynamik der kriegsgesellschaftlichen Transformation beschreiben: Krieg als Mobilisierungswettlauf, Mobilisierungswettlauf als Triebkraft der kriegsgesellschaftlichen Transformation, Zentrale Steuerung, Tendenziell diktatorische Spitze, Patriotische Vergemeinschaftung, Kriegsgesellschaftliches Dilemma, Zivilgesellschaftliche Transformation.

Wir müssen zur Analyse der aktuellen Situation unterscheiden erstens zwischen Kriegsgesellschaft und Zivilgesellschaft und zweitens zwischen „reiner“ Zivilgesellschaft ohne Kriegsbeteiligung und äußere Bedrohung und einer Zivilgesellschaft im Krieg mit (indirekter) Kriegsbeteiligung und äußerer Bedrohung. Meine Grundthese ist, dass sich die deutsche Gesellschaft und Politik nach wie vor weitgehend im Modus einer „reinen“ Zivilgesellschaft bewegen. Damit gefährden sie, wie andere westliche Staaten auch, das Überleben der Ukraine im russischen Angriffskrieg. Nach einer Niederlage der Ukraine könnte Russland NATO-Staaten, z. B. die baltischen Länder angreifen, und dann wäre Deutschland wie andere NATO-Staaten zu militärischem Beistand verpflichtet, wäre also Kriegspartei mit eigenen Streitkräften.

Um dem vorzubeugen, müsste die Bundesrepublik Deutschland von einer „reinen“ Zivilgesellschaft zu einer Zivilgesellschaft im Krieg werden. Eine Zivilgesellschaft im Krieg unterstützt eine Kriegsgesellschaft. Anders gesagt: Die Zivilgesellschaft im Krieg steht in einer symbiotischen Beziehung mit der unterstützten Kriegsgesellschaft. Um die Beziehung zwischen beiden zu verstehen, befassen wir uns zunächst historisch mit den Kriegsgesellschaften des Ersten Weltkriegs.

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Die Rolle von Fachgesellschaften im Kampf für gute Arbeit in der Wissenschaft – am Beispiel der DVPW

Ein Gastbeitrag von Antonia Schmid, Berlin, und Thorsten Thiel, Frankfurt am Main

 

Zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt in der Blogserie möchten wir den Blick noch einmal weg von den Diagnosen lenken – wie sie von Peter Ullrich, Richard Münch, Tino Heim und Silke van Dyk/Tilman Reitz so nachdrücklich geleistet wurden – und stattdessen auf die Frage der Organisation von prekär beschäftigten Akademiker*innen zu sprechen kommen. Dieser Punkt wurde von Peter Ullrich auch bereits im zweiten und dritten Teil seines Beitrags thematisiert (und er war auch Thema der Beiträge zu studentischen Hilfskräften und Mitarbeiter*innen sowie Lars Frers Überlegungen zum Streik). Die Perspektive, die wir hier einnehmen wollen, ist aber eine sehr viel konkretere: Wir fokussieren die Rolle der Fachgesellschaften bei der Repräsentation prekär beschäftigter Akademiker*innen und fragen nach deren Aufgaben und Möglichkeiten. Wir werden hierfür unsere Erfahrungen in einer der Schwestergesellschaften der DGS reflektieren, der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW), deren Vorstand (Thorsten Thiel) und Beirat (Antonia Schmid) wir seit 2015 angehören (Thorsten Thiel war zudem bereits in der Amtsperiode 2012-2015 Mitglied des Beirats).

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Für eine kompromisslose Diskussion der Modi von Wissensarbeit

Ein Gastbeitrag von Tino Heim, Dresden

 

Politische und akademische Debatten um die Krise der Wissensarbeit reproduzieren seit Jahren die gleichen Argumente und versanden in Symptom-Skandalisierungen, Mitleidsbekundungen für den ‚Nachwuchs‘ und Verheißungen ‚planbarer Karrieren‘. Diskutiert wird dabei mit Begriffen, die bestenfalls ideologische Funktion haben. Die gesellschaftliche Relevanz einer sich oft als ‚kritisch‘ attribuierenden Soziologie muss sich auch daran erweisen, ob diesbezügliche Diskurse in der DGS analytisch radikaler geführt werden und die Hinterfragung akademischer Hierarchien einschließen. „Für eine kompromisslose Diskussion der Modi von Wissensarbeit“ weiterlesen

Prekäre Wissensarbeit im akademischen Kapitalismus (Teil 3)

Strukturen, Subjektivitäten und Organisierungsansätze in Mittelbau und Fachgesellschaften

Ein Beitrag in drei Teilen von Peter Ullrich, Berlin

Dies ist die Fortsetzung von Teil 2 vom 13. Mai

 

3.2       Die Initiative „Für Gute Arbeit in der Wissenschaft“ in der Soziologie

Der Ansatz der Initiative, die Soziolog*innen in unterschiedlichsten Positionen umfasst (Promovierende, Postdocs, Juniorprofs, freiberuflich Forschende, außerakademisch Tätige) lässt sich als Versuch der Politisierung und ‚Indienstnahme‘ der Fachgesellschaft beschreiben (Amelung, Edinger, Rogge, u. a. 2015; Amelung, Edinger, Keil, u. a. 2015). Sie ist eines der möglichen Foren für eine Politisierung der Auseinandersetzungen über Beschäftigung in der Wissenschaft, das bisher in dieser Sache nicht in Erscheinung getreten ist. Somit handelt es sich um einen Versuch, eine Arena zu finden, in der angesichts der Abschottung der struktursetzenden Bundes- und Landespolitik Zwischenschritte zur Verbesserung der Lage des Mittelbaus erreicht werden könnten. „Prekäre Wissensarbeit im akademischen Kapitalismus (Teil 3)“ weiterlesen

Prekäre Wissensarbeit im akademischen Kapitalismus (Teil 2)

Strukturen, Subjektivitäten und Organisierungsansätze in Mittelbau und Fachgesellschaften

Ein Beitrag in drei Teilen von Peter Ullrich, Berlin

Dies ist die Fortsetzung von Teil 1 vom 09. Mai.

 

3         Handlungshindernisse und Handlungsansätze im Mittelbau

3.1       Konfliktfähigkeit und Anspruchsniveaus – Herausforderungen in der Organisation des wissenschaftlichen Prekariats

Die beschriebene Situation ist also wissenschaftsfeindlich, da sie die akademische Freiheit und die wissenschaftliche Rationalität untergräbt (Münch 2011; Demirović 2015); sie ist beschäftigtenfeindlich, weil sie inakzeptablen Flexibilisierungsdruck und hochgradig prekäre Beschäftigungsperspektiven zur Grundlage des Funktionierens der deutschen Wissenschaft macht. Und sie ist ein Problem für die Handlungsfähigkeit der betroffenen Bildungs- und Wissensarbeiter*innen und damit für den akademischen Mittelbau, das beim Organisieren dieser Interessen Berücksichtigung finden muss. Das grundlegende Problem ist die äußerst geringe Konfliktfähigkeit[1] der Beschäftigten. Sowohl ihre strukturelle Situation als auch ihre Subjektivität erschweren einen Einsatz für eine Verbesserung ihrer Situation. „Prekäre Wissensarbeit im akademischen Kapitalismus (Teil 2)“ weiterlesen

Prekäre Wissensarbeit im akademischen Kapitalismus (Teil 1)

Strukturen, Subjektivitäten und Organisierungsansätze in Mittelbau und Fachgesellschaften

Ein Beitrag in drei Teilen von Peter Ullrich, Berlin

1         Vom Leiden des „Nachwuchses“

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine der großen Zeitungen oder andere Medien das Leid der akademischen Beschäftigten thematisieren. Herzzerreißende Geschichten erzählen von höchstqualifizierten Spezialist*innen im Alter zwischen 35 und 50, die sich mit Kettenverträgen und Teilzeitstellen kürzester Laufzeit herumschlagen oder in der Blüte ihres Berufslebens gezwungen sind, aus der Wissenschaft auszusteigen und – eigentlich viel zu spät – beruflich noch einmal von vorn zu beginnen. Sie erzählen vom ewig aufgeschobenen Kinderwunsch, der sich mit der völlig unsicheren Einkommenssituation und der geforderten Mobilität schlecht verträgt, von unbezahlter Arbeit, von Stress, kurz: von hochgradig prekären Beschäftigungsverhältnissen. Und doch erzählen sie zugleich von nicht enden wollendem Engagement und grenzenloser Begeisterung der ‚Betroffenen‘, die mit Leib und Seele Wissenschaft betreiben (wollen). „Prekäre Wissensarbeit im akademischen Kapitalismus (Teil 1)“ weiterlesen