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Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)

Was bringt Academic Kindness (qualitativer) Sozialforschung?

Academic Kindness als Bedingung, Reflexionsrahmen und Agenda interpretativ-qualitativer Forschung – Ergebnisse des zweiten „MethodenRaum Qualitative Forschungspraxis“ an der Universität Freiburg (20.-21.02.2026)

Einleitung

Was trägt zum Gelingen qualitativer Forschung bei? Welche Rolle spielen institutionelle Strukturen und Arbeitsumgebungen? Wie beeinflusst akademische Arbeitskultur die Wissensproduktion qualitativer Forschung? Diese Fragen standen im Zentrum des zweiten MethodenRaum Qualitative Forschungspraxis, der im Februar 2026 im Peterhof der Universität Freiburg stattfand. Veranstaltet vom Institut für Soziologie der Universität Freiburg, unter Mitwirkung des Instituts für Qualitative Sozialforschung (iqs) und der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA), erprobten 80 Teilnehmende in 4 methodischen Workshops und kreativen Formaten alternative Wege der wissenschaftlichen Zusammenarbeit.

Das Konzept der Academic Kindness (AK) ist nicht einheitlich definiert. Als umbrella term bündelt AK Debatten um Arbeitsbedingungen und -kulturen im akademischen Kontext. Academic Kindness war Rahmenthema des MethodenRaum 2026 und wurde dabei in drei unterschiedlichen Dimensionen diskutiert: als (1) Bedingung, (2) Reflexionsrahmen und (3) Agenda interpretativ-qualitativer Forschung. (1) Die erste Dimension ist epistemologisch-konstitutiv: AK bedeutet hier eine Erkenntnisressource, die das Erkenntnispotential qualitativer Wissensproduktion erweitern kann. (2) Die zweite Dimension ist analytisch-reflexiv: Durch AK können unsichtbare Praktiken und Kulturen qualitativer Wissensproduktion sichtbar gemacht und Wissensprozesse hinsichtlich ihrer Bedingungen, Exklusionen und Machtstrukturen kritisch reflektiert werden. (3) Die dritte Dimension ist normativ-programmatisch: AK kann als Kompass für die Gestaltung einer anderen Arbeitskultur (qualitativer) Forschung dienen.

Obwohl der Begriff Academic Kindness in den letzten Jahren in wissenschaftlichen Diskursen zunehmend sichtbar wird, bleibt seine genaue Herkunft unklar. Er entstand vermutlich online als #academickindness. AK kommt also gerade nicht aus dem akademischen Zentrum, sondern entstand in Online-Räumen wie Tumblr, Twitter und Blogs, in denen Wissenschaftler*innen – oft aus marginalisierten Positionen – über die Belastungen akademischer Arbeit reflektierten und alternative Formen von Solidarität, Fürsorge und kollektiver Unterstützung entwickelten (De Welde 2022). Mittlerweile findet sie sich AK immer häufiger auch in wissenschaftlichen Debatten. So war AK zum Beispiel Thema des siebten Queer STS-Forums, das sie als Teil von „queerfeminist working cultures in academia“ (Thaler/Jauk 2022: 4) definierte.

Die konzeptuelle Offenheit des Begriffs Academic Kindness ist nicht nur eine terminologische Frage. Sie spiegelt unterschiedliche Vorstellungen davon wider, was akademische Arbeit ausmacht, wer sie unter welchen Bedingungen leisten kann und welche Praktiken dabei sichtbar gemacht oder unsichtbar gehalten werden. Es besteht dabei die Gefahr, dass AK ähnlich wie der Begriff der Resilienz zu einer Programmatik individuellen Wohlbefindens, einer „marketing technology“ (Burton 2021: 21) wird. In diesem Zuge kann AK auch in mehr Leistungsdruck und ein Diktat der Freundlichkeit transformiert werden, etwa wenn Kindness zu einem neuen „Key Performance Indicator (KPI) in academia“ (Lea et al. 2026: 83) werden soll. Eine solche Verengung des Begriffs untergräbt gerade das, was an ihm analytisch produktiv sein kann: die Möglichkeit, Praktiken und Strukturen akademischer Wissensproduktion kritisch zu befragen, anstatt sie zu reproduzieren. Gerade aufgrund der Gefahr einer solchen Vereinnahmung lohnt sich eine konzeptuelle Schärfung. Der MethodenRaum 2026 hat am Beispiel des akademischen Feldes qualitativer Forschung gezeigt, dass AK als analytisches Werkzeug fruchtbar gemacht werden kann: um Bedingungen qualitativer Wissensproduktion zu reflektieren, strukturelle Fragen sichtbar zu machen und schulenübergreifende Vernetzung zu ermöglichen. Im Folgenden werden die drei Dimensionen von AK als Ergebnis und Bündelung der Gespräche, Vorträge und Reflexionen des MethodenRaum 2026 beleuchtet.

Die drei Dimensionen von Academic Kindness

  1. Academic Kindness als epistemische Bedingung und Ressource in der Forschungspraxis

Im Kontext qualitativer Sozialforschung ist die Positioniertheit von Forschenden seit Jahrzehnten Gegenstand methodologischer Reflexion. Dass Forschende verstrickte, körperliche, in soziale Kontexte eingebettete Subjekte sind, die ihren Gegenstand in der Art seiner Erschließung mitkonstituieren, gilt im interpretativen Paradigma nicht als zu überwindende Schwierigkeit, sondern als Ausgangsbedingung des Erkenntnisprozesses (Blumer 1969; Wilson 1970). Wie produktiv mit dieser Ausgangsbedingung umgegangen werden kann, ist dabei jedoch keineswegs ausgemacht: Die Frage, ob und wie die eigene Positioniertheit von Forschenden als epistemische Ressource genutzt werden kann, bleibt eine methodologische Herausforderung. Oft werden jedoch die institutionellen Voraussetzungen dieser Herausforderung ausgeblendet: Die Bereitschaft und Fähigkeit, mit der eigenen Positioniertheit (erkenntnis-)produktiv umzugehen, ist nicht allein eine Frage der methodischen Kompetenz einzelner Forschender, sondern hängt wesentlich von den sozialen Bedingungen ab, unter denen geforscht wird. Academic Kindness bezeichnet, so die hier entwickelte These, eine dieser Bedingungen, verstanden nicht primär als interpersonale Haltung, sondern als kollektiv herzustellende Voraussetzung qualitativer Wissensproduktion. Diese Dimension von AK lässt sich in drei Aspekten entfalten, die im Rahmen des MethodenRaum 2026 ausführlich diskutiert wurden.

Gegenstandsangemessenheit und epistemische Selbstzensur

Im interpretativen Paradigma ist der Forschungsgegenstand nicht als fertiges Objekt gegeben, das nur noch beschrieben werden müsste. Er konstituiert sich vielmehr in und durch die Perspektive seiner Erschließung. Eingeübte disziplinäre Kategorien und Sehgewohnheiten formen den Gegenstand immer schon vor, noch bevor die eigentliche Analyse beginnt. Reflexivität bedeutet in diesem Verständnis nicht, Vorverständnisse zu überwinden, sondern sie produktiv in Spannung zu setzen mit dem, was das empirische Material zeigt, ein Gedanke, der in der hermeneutischen Tradition grundlegend ausgearbeitet wurde (Gadamer 1990). Gegenstandsangemessenheit im interpretativen Sinne verlangt deshalb, die eigenen disziplinären Gewohnheiten immer wieder zu befragen und Forschungszugänge zu wählen, die außerhalb eingeübter Sehgewohnheiten liegen können. Solche methodischen Entscheidungen stehen aber im Kontext sozialer und institutioneller Erwartungen im wissenschaftlichen Feld. Zugänge, die unkonventionell sind, Fragen, die tabuisiert sind oder außerhalb anerkannter Normen liegen, Positionen, die nicht unmittelbar anschlussfähig sind: Solche Zugänge setzen Forschende einem Risiko aus, das je nach institutioneller Position nicht alle gleichermaßen tragen können. Fehlt ein Umfeld, das dieses Risiko abfedert, entsteht ein epistemisches Problem, das über individuelles Vermögen weit hinausgeht: Forschende orientieren sich dann an dem, was institutionell honoriert wird, wählen etablierte Zugänge auch dort, wo diese dem Gegenstand nicht gerecht werden, und stellen anschlussfähige Fragen, auch wenn eine konsequente Auseinandersetzung mit dem empirischen Material andere Zugänge nahelegen würde. Eine solche epistemische Selbstzensur kann als strukturell erzeugte Einschränkung des methodologischen Spielraums qualitativer Forschung reflektiert werden. AK ermöglicht es, dieser Einschränkung entgegenzuwirken, da sie explizit dafür wirbt, Vertrauensräume zu schaffen. Vertrauen darauf, dass unfertige Ideen, riskante Zugänge und ungesichertes Terrain im gemeinsamen Prozess wohlwollend begleitet, reflektiert und weiterentwickelt werden.

Reflexivität als Erkenntnisquelle und die Frage der Vulnerabilität

Reflexivität gilt im Kontext qualitativer Sozialforschung als methodologisches Gütekriterium, aber was darunter verstanden wird, ist keineswegs einheitlich. In einer epistemisch schwachen Lesart zielt Reflexivität darauf ab, den Einfluss der Forschenden auf den Erkenntnisprozess zu kontrollieren und transparent zu machen. Subjektivität erscheint hier als störende Größe, die methodisch eingehegt werden muss. Im Anschluss an Haraway (1988) und Harding (1991) haben Ploder, Kühner und Langer (2024) eine epistemisch starke Lesart ausgearbeitet, in der die eigene Positionierung, Verstrickung und Befindlichkeit nicht als Quelle von Verzerrung, sondern als genuine Erkenntnisressource verstanden wird. In besonderer Intensität gilt das für stark reflexive Ansätze wie Autoethnografie, Ethnopsychoanalyse oder die Reflexive Grounded Theory. Strukturell aber berührt diese Frage alle Formen interpretativer Forschung, in denen Reflexivität als methodologisches Prinzip ernst genommen wird.

Diese Erkenntnisweise bringt eine Spannung mit sich, auf die Ploder (2022) in einem eigenen Beitrag zur epistemologischen Bedeutung von Academic Kindness aufmerksam gemacht hat: Je konsequenter Forschende ihre eigene Positionierung, ihre Emotionen und ihre Irritationen als Erkenntnisquelle einsetzen, desto mehr exponieren sie sich. Ob und wie Forschende ihre eigene Vulnerabilität im Forschungsprozess offenlegen (können), ist dabei nicht allein eine Frage individueller Bereitschaft, sondern hängt von den Bedingungen ab, unter denen sie arbeiten. Was sie über sich offenlegen, kann in Diskussionen, Gutachten und im akademischen Karrieregefüge auf Weisen wirksam werden, die reflexive Forschungspraxis erschweren. Vulnerabilität ist in diesem Zusammenhang kein individuelles Merkmal besonders empfindsamer Forschender, sondern eine strukturell erzeugte Begleiterscheinung epistemisch starker Reflexivität. Ploder beschreibt deshalb Räume geteilter Vulnerabilität als epistemische Voraussetzung reflexiver Wissensproduktion: Forschungsgruppen, Reviewkulturen und kollegiale Beziehungen, in denen Academic Kindness als geteilte Bereitschaft gelebt wird, Unfertiges ernst zu nehmen, Widersprüche auszuhalten und gemeinsam mit dem zu arbeiten, was sich noch nicht gefügt hat. Dass solche Räume entstehen und zugänglich bleiben, ist eine strukturelle Frage, die alle reflexiv arbeitenden Forschenden betrifft, unabhängig von individueller Vernetzung oder institutioneller Absicherung.

Relationale Wissensproduktion und ihre institutionellen Bedingungen

Interpretative Wissensproduktion vollzieht sich nicht als solitärer Akt, sondern ist konstitutiv in Beziehungen eingebettet: in den Austausch mit Forschungsteilnehmenden, in Forschungswerkstätten und Interpretationsgruppen sowie im kollegialen Gespräch über unfertige Analysen und ungesicherte Interpretationen. Diese relationalen Dimensionen des Forschungsprozesses treten besonders deutlich in Phasen hervor, in denen Vieldeutigkeit überwiegt, Selbstzweifel entstehen und sich das empirische Material eingeübten Kategorien widersetzt. AK bezeichnet in diesem Zusammenhang die Qualität von Räumen, in denen solche Phasen gemeinsam durchgearbeitet werden können, in denen Interpretationen verworfen, revidiert und neu verhandelt werden dürfen, ohne dass dies als Scheitern gewertet wird. Die institutionellen Bedingungen, unter denen qualitative Forschung gegenwärtig stattfindet, stehen dieser relationalen Logik jedoch in vielerlei Hinsicht entgegen. Befristete Verträge, Publikationsdruck und die zunehmende Projektförmigkeit akademischer Arbeitsbeziehungen erschweren den Aufbau von Vertrauensbeziehungen, die Zeit, Kontinuität und Verlässlichkeit voraussetzen.

Was die drei hier entfalteten Aspekte verbindet, ist die Einsicht, dass die epistemologischen Ansprüche qualitativer Forschung soziale Voraussetzungen haben, die nicht von selbst entstehen. Gegenstandsangemessenheit, Reflexivität und relationale Wissensproduktion sind methodologische Prinzipien, deren Realisierung von Räumen abhängt, in denen Vertrauen, geteilte Vulnerabilität und die Bereitschaft zur gemeinsamen Auseinandersetzung strukturell verankert sind. AK bezeichnet die Praxis, solche Räume herzustellen und zu pflegen, und erweist sich damit als kollektiv herzustellende Voraussetzung qualitativer Erkenntnisproduktion. Diese Voraussetzung zu benennen ist jedoch nur eine Seite des Arguments. Die andere besteht darin zu fragen, welche Strukturen, Kulturen und Praktiken akademischer Arbeit ihrer Entstehung entgegenstehen und wie AK als Reflexionsrahmen genau das sichtbar machen kann.

  1. Academic Kindness als Reflexionsrahmen

Als sensitizing concept im Sinne Blumers (1954) ermutigt AK analytische Fragen an Forschungsprozesse zu stellen, die unsichtbare Aspekte der Wissensproduktion sichtbar und diskutierbar machen. Dazu gehören Machtstrukturen in Beschäftigungsverhältnissen, aber auch die für viele Forschende selbstverständlichen, alltäglichen Praktiken unsichtbarer (Care-)Arbeit. All diese Aspekte liegen nicht nur „hinter“ der Forschung, sie sind konstitutiver Bestandteil der Wissensproduktion, weil sie strukturieren, welche Fragen gestellt, bearbeitet und in sozialen Prozessen weitergedacht werden können.

Bei Vorträgen, Workshops und den anschließenden Diskussionen während des MethodenRaum 2026 kam immer wieder zur Sprache, wie eng AK mit Care-Arbeit verbunden ist. (Qualitative) Forschung ist in vielfältiger Weise auf Formen der Sorge, Unterstützung und Beziehungspflege angewiesen, die selten als (wissenschaftliche) Leistung anerkannt werden (Felt 2016; Ploder et al. 2024; Puig de la Bellacasa 2017). Diese Verflechtung zeigt sich nicht nur in der Forschung selbst, sondern auch in den Bedingungen, die Forschung überhaupt ermöglichen: das meint sowohl die (re)produktive Arbeit durch Familie und Freund*innen als auch emotionale Care-Arbeit in kollegialer Zusammenarbeit oder akademischen Freund*innenschaften. Praktisch zeigt sich das zum Beispiel auch in unterstützenden wissenschaftlichen Beziehungen, in der Betreuung von Studierenden, im gemeinsamen Interpretieren von Daten oder im Aushandeln von Unsicherheiten im Forschungsprozess (Ploder et al. 2024). AK macht als analytisches Werkzeug damit jene affektive Arbeit sichtbar, die oft im Hintergrund bleibt, aber für die Produktion interpretativen Wissens unverzichtbar ist. Zugleich lässt sich AK als kritisches Gegenmoment zu akademischen Arbeitskulturen lesen, die durch Prekarität, Publikationsdruck, Konkurrenz und permanente Verfügbarkeit geprägt sind (Schulz 2020). Denn unter dem ständigen Qualifizierungsdruck und dem Anspruch auf alleinige Autor*innenschaft muss die (Care-)Arbeit anderer in der eigenen Forschung fortwährend unsichtbar gemacht werden (Kruse et al. 2012).

AK beleuchtet als Konzept nicht nur unsichtbare Unterstützungspraktiken, sondern auch Machtverhältnisse und Hierarchien. Risiken, Unsicherheiten und Vulnerabilität im Forschungsprozess sind ungleich verteilt und eng an die eigene Position gebunden. So verfügen nicht alle gleichermaßen über Zeit, Ressourcen und institutionelle Absicherung, um sich auf reflexive und riskante Forschungsprozesse einzulassen. AK lenkt den Blick darauf, wie diese Ungleichheiten in alltäglichen Interaktionen, in Zugangsmöglichkeiten und Handlungsspielräumen und in der Anerkennung von Wissen reproduziert werden (Fricker 2007; Ahmed 2017). Damit verschiebt sich die Perspektive von individuellen Haltungen hin zu den strukturellen Bedingungen, unter denen bestimmte Formen von Forschung möglich oder ausgeschlossen werden. In diesem Sinne bedeutet AK gerade nicht strukturellen Ungleichheiten oder epistemischen Ausschlüssen mit Freundlichkeit zu begegnen, sondern diese Strukturen zu benennen und sich ihnen kollektiv entgegenzustellen (Burton 2021; De Welde 2022). Eine Teilnehmerin des MethodenRaum wandte deshalb ein, dass AK manchmal auch heißen kann, eben nicht kind, sondern solidarisch unkind, also unfreundlich und wütend zu sein (siehe dazu auch: Burton 2021; De Welde 2022).

Mit dem Fokusthema AK lässt sich die Dialektik von individuell forschendem Handeln und institutionellen Strukturen, in denen qualitative Forschung stattfindet (Bethmann 2020), kritisch diskutieren. Gerade in diesem Spannungsfeld zeigt sich, dass Wissensproduktion auf kollegiale Netzwerke und akademische Freund*innenschaften angewiesen ist, in denen dann soziales Kapital über Erfolg mitentscheidet (Ploder et al. 2024). Der Zugang zu solchen Netzwerken steht jedoch nicht allen offen, wodurch sich Machtstrukturen (re)produzieren können. Zudem ist auch in Forschungsprojekten Care-Arbeit oft entlang von Geschlecht, Status oder Disziplin verteilt (Lynch 2010). Auch beim MethodenRaum 2026 zeigte sich deshalb, dass solche Austauschräume nicht automatisch solidarisch sind, sondern ebenfalls von Hierarchien, Ausschlüssen und impliziten Normen geprägt sein können. AK als Reflexionsrahmen bedeutet daher nicht, Praktiken der Fürsorge und Zusammenarbeit ungebrochen zu affirmieren, sondern sie in ihren Ambivalenzen sichtbar zu machen und kritisch zu befragen. AK ist eher eine kritische Praxis, die kontinuierlich Fragen nach gerechten, kollaborativen und reflexiven Bedingungen (qualitativer) Forschung stellt.

  1. Academic Kindness als Ansatz eines Gegenmoments

Indem Academic Kindness als Reflexionsrahmen ansonsten unsichtbare Arbeit und Machtstrukturen sichtbar und diskutierbar macht, bietet sie einen Ausgangspunkt, an dem Gegenmomente ansetzen können, die alternative Wissenspraktiken erkunden. Diese Praktiken richten sich insbesondere gegen die zunehmende Individualisierung und Ökonomisierung akademischer Arbeit und eröffnen Perspektiven auf alternative Formen wissenschaftlicher Praxis. Dabei ist entscheidend, AK nicht als moralischen Appell an individuelles Verhalten zu verstehen, sondern als kollektive Praxis (De Welde 2022), die auf eine Verschiebung wissenschaftlicher Normen und Habitusformationen zielt (Burton 2021). Im Zentrum dieser Überlegungen steht ein verändertes Selbstverständnis von Forschung als genuin kollektiver Prozess. Ein solches Selbstverständnis stellt unter anderem die Frage, welche Praktiken und Qualitäten akademischer Arbeit unter den gegenwärtigen Bedingungen systematisch entwertet werden und wie ihnen wieder Sichtbarkeit und Anerkennung verschafft werden kann.

Während des MethodenRaum 2026 wurde deutlich, wie sehr qualitative Forschung auf solche kollaborativen und unterstützenden Praktiken angewiesen ist – sei es im gemeinsamen Lesen und Kommentieren von Texten, im Durcharbeiten von Datenmaterial und Aushandeln von Interpretationen, im offenen Sprechen über Unsicherheiten im Forschungsprozess, im Teilen von Ressourcen oder im Einladen in Netzwerke. Ein Gegenmoment, das sich auf AK bezieht, zielt darauf ab, diese oftmals marginalisierten Praktiken sichtbar zu machen und als integralen Bestandteil wissenschaftlicher Arbeit anzuerkennen und dadurch auch Verschiebungen der Bewertung anzustoßen, was als relevante wissenschaftliche Leistung gilt. Anstelle einer ausschließlichen Orientierung an Output-Indikatoren wie Publikationszahlen oder Drittmitteleinwerbung eröffnet AK die Perspektive, auch relationale und unterstützende Formen akademischer Arbeit als wertvoll und notwendig anzuerkennen. Beispielhaft hierfür wären neue Ansätze in Peer Review Verfahren, in denen nicht mehr verdeckt gereviewt wird, was den Umfangston ändern und wertschätzendere Auseinandersetzungen hervorbringen kann. Zudem ermöglicht das, Review-Tätigkeiten, die angesichts erstarkenden KI-Verwendung in der Wissenschaft, immer wichtiger werden, zu honorieren. Gleichzeitig bleibt es essenziell für AK, dass solche Formen der Arbeit nicht so in Leistungslogiken integriert werden, dass aus ihnen „Key Performance Indicators“ werden (Lea et al. 2026: 83), ohne dass sie strukturelle und kulturelle Veränderungen bewirken.

Konkret eröffnet AK Möglichkeiten, bestehende Formen der Zusammenarbeit, wie sie in Interpretationsgruppen und Forschungswerkstätten vielfach bereits praktiziert werden, zu stärken und neue Formen des Zusammenarbeitens zu erproben. Dabei bleibt zu bedenken, dass strukturelle Probleme wie prekäre Beschäftigung, Machtverhältnisse oder diskriminierende Praktiken durch veränderte Interaktionen allein nicht aufgelöst werden können (Burton 2021). Einen AK-Gegenmoment verstehen wir als prozesshaftes Erproben neuer Wissenschaftskulturen, die strukturelle Veränderungen nicht ersetzen. Strukturen prägen die Praktiken akademischen Arbeitens – und umgekehrt: Praktiken können Strukturen verändern, wenn sie kollektiv und nachhaltig institutionalisiert werden. In unserem Verständnis setzt AK auf beiden Ebenen an. Im MethodenRaum 2026 betonten Studierende und Wissenschaftler*innen am Anfang ihrer Karriere wiederholt, dass die Verantwortung für die Schaffung von Räumen und Strukturen, die von AK geprägt sind, besonders bei denjenigen liegt, die in Hierarchien oben stehen – also Vorgesetzte, Dozierende, Festangestellte und besonders entfristete Beschäftigte, die über Ressourcen, Entscheidungsbefugnisse und Bewertungsmacht verfügen.

Im Folgenden schlagen wir vier Ansätze vor, in denen AK erprobt wird und weiter ausgebaut werden kann:

  • Neugestaltung kollaborativer Forschungsformate: Forschungswerkstätten und Interpretationsgruppen sind Räume, in denen eine andere Wissenschaftskultur eingeübt werden kann und bereits wird. Dissens in der Interpretation gewinnt dabei analytischen Wert, das Revidieren von Zugängen wird zum Erkenntnismoment und das gemeinsame Aushalten von Ungesichertem zur methodologischen Ressource.
  • Kollaborative Positionierung: AK zielt auf Bedingungen, unter denen unterschiedliche Formen von Expertise und sozialer Verortung systematisch in den Forschungsprozess eingebracht werden können. Das bedeutet konkret: Forschungsteams, die ihre unterschiedlichen Positionierungen als komplementäre epistemische Ressourcen begreifen und systematisch nutzen; Lehrformate, die Studierende und Forschende verschiedener Karrierestufen und Hintergründe in gemeinsame Interpretationsprozesse einbinden; und Netzwerke, die über geteilte methodologische Fragen organisiert sind, wie dies im MethodenRaum selbst der Fall ist.
  • Neuverhandlung von Qualitätskriterien: AK arbeitet darauf hin, dass sich die Maßstäbe dessen, was als rigorose Forschung gilt, verschieben. Wenn relationale, kollaborative und unterstützende Praktiken als konstitutive Bestandteile qualitativer Wissensproduktion anerkannt werden sollen, dann müssen auch die Kriterien, anhand derer Forschungsqualität bewertet wird, diese Dimensionen abbilden können. Das betrifft Förderentscheidungen, Begutachtungsprozesse und Berufungsverfahren gleichermaßen. Eine Wissenschaftsgemeinschaft, die AK ernst nimmt, entwickelt Evaluationsrahmen, die die Qualität von Forschungsprozessen, die Zugänglichkeit von Netzwerken und die Verteilung epistemischer Risiken in den Blick nehmen.
  • Wissenschaftspolitische Sichtbarmachung epistemischer Kosten: Wenn bestimmte Wissensformen und Forschungszugänge unter gegenwärtigen Strukturbedingungen systematisch nicht realisiert werden können, entstehen epistemische Verluste, die auf wissenschaftspolitischer Ebene benannt und adressiert werden müssen. AK als Gegenmoment bedeutet in diesem Sinne auch, diese Kosten und die oft unsichtbare (Care-) Arbeit hinter Forschung sichtbar zu machen.

Fazit

Der MethodenRaum 2026 hat gezeigt, dass diekritische Auseinandersetzung mit Academic Kindness produktive Perspektiven auf Strukturen, Kulturen und Praktiken akademischer Wissensproduktion eröffnet. Indem der Fokus auf die geteilten Praktiken qualitativen Forschens gelegt wurde, standen die Erfahrungen und Herausforderungen qualitativ Forschender im Mittelpunkt, was einen Gegenakzent zur Schulenbildung qualitativer Forschungsmethoden (Bethmann 2020) setzt und schulenübergreifenden Austausch ermöglicht. Die drei entfalteten Dimensionen verweisen dabei auf eine übergreifende Einsicht: AK ist keine Ergänzung zu bestehenden Forschungspraktiken, sondern die Bedingung, unter der interpretative Wissensproduktion ihre eigenen methodologischen Ansprüche einlösen kann. Individuelle Akte der Kindness und strukturelle Zwänge bleiben aufeinander bezogen und können weder getrennt noch gegeneinander ausgespielt werden. AK bedeutet kein Diktat der Freundlichkeit und kann nicht beim Verständnis großzügiger oder netter Umgangsweisen Einzelner enden (De Welde 2022; Burton 2021). Das Konzept bietet die Möglichkeit einer produktiven Auseinandersetzung mit Arbeitskulturen und -strukturen und den Anstoß, sich zu vernetzen. Academic Kindness wird als kollektive und kritische Praxis bereits erprobt. Der MethodenRaumist ein solcher Erprobungsraum: ein Ort, an dem die Frage, was qualitative Forschung trägt und ermöglicht, gemeinsam gestellt und bearbeitet wurde.

Der MethodenRaum Qualitative Forschungspraxis in Freiburg

Der MethodenRaum Qualitative Forschungspraxis fand am 20.-21. Februar 2026 im Peterhof der Universität Freiburg statt. Die Veranstaltung wurde vom Institut für Soziologie der Universität Freiburg unter konzeptioneller und fachlicher Mitarbeit des Vereins iqs (Institut für qualitative Sozialforschung) und der Stabstelle Gesellschaftlicher Wandel der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg organisiert. Insgesamt nahmen 80 Teilnehmende aller akademischen Karrierestufen sowie Referierende teil. Weitere Informationen und einen Tagungsbericht finden sie unter: https://iqs-forschung.de/aktivitaeten/.

Autorinnen:

Prof. Dr. Nicole Weydmann, Rosalie Oetinger, Silja Siller, Christin Meusel, PD Dr. Stephanie Bethmann

Literatur

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