Verschärfte Normalität im Ausnahmezustand. Transnationale Care-Arbeit in Privathaushalten unter COVID-19

Sarah Schilliger

Wenn COVID-19 etwas aufgedeckt hat, dann ist es die Fragilität des kollabierenden Gesundheits- und Pflegesystems. Das Virus wirft ein Licht auf die unterfinanzierte Care-Infrastruktur, den Mangel an Personal in Spitälern und Pflegeheimen und auf die belastenden und häufig prekären Arbeitsbedingungen von jenen Menschen, die lebensrelevante Care-Arbeit leisten (Dück 2020). Ein weiterer Aspekt, der uns im Zuge der Corona-Krise deutlich vor Augen geführt wurde: Die Abhängigkeit unseres Gesundheits- und Pflegesystems von migrantischen Care-Arbeiter*innen. In der Schweiz, wo laut OECD (2019) 47 Prozent der Ärzt*innen nicht in der Schweiz geboren sind und wo auch beim Pflegepersonal der Migrationsanteil überdurchschnittlich hoch ist, wurde deutlich, dass die Intensivstationen ohne Migrant*innen nicht funktionieren würden. Das Gesundheitssystem beruht zu einem hohen Prozentsatz auf zugewanderten Arbeitskräften und ausländischem Fachwissen – ohne sie wäre die Corona-Pandemie gar nicht zu bewältigen.

Am unmittelbarsten zeigte sich in den letzten Monaten die Abhängigkeit von migrantischen Care-Arbeiterinnen jedoch im Bereich der Senioren-Betreuung in Privathaushalten (der sog. 24h-Betreuung). Die Live-in-Betreuer*innen – allermeist sind es Frauen – betreuen ältere Menschen in deren Privathaushalt, wo sie gleichzeitig auch wohnen. Oft arbeiten sie rund um die Uhr auf Abruf. Zwischen ihren mehrwöchigen Arbeitseinsätzen reisen sie in der Regel zurück in ihr Herkunftsland – nach Polen, Ungarn, Rumänien oder in die Slowakei. Häufig kommen die Care-Arbeiterinnen über profitorientierte und transnational agierende Vermittlungs- und Verleih-Agenturen nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz. Mit ein paar Mausklicks kann heute ein transnationales Care-Arrangement organisiert werden (Schilliger 2015; Chau 2020 für die Schweiz; für Österreich und Deutschland siehe Aulenbacher/Lutz/Schwiter 2021).

Breakdown im Lockdown

Normalerweise bleiben transnationalen Care-Arbeiterinnen unsichtbar und von staatlicher Seite kaum anerkannt, auch wenn ihre Arbeit für das Pflegesystem in der Schweiz – und noch deutlicher in Deutschland und Österreich (Lutz/Palenga-Möllenbeck 2010; Aulenbacher/Lutz/Schwiter 2021) – unverzichtbar geworden ist. Im vergangenen Frühling drohte diese Care-Ressource auf einen Schlag wegzufallen. Und es zeigte sich einmal mehr: Care-Arbeit gerät erst dann ins gesellschaftliche Bewusstsein, wenn sie nicht mehr selbstverständlich geleistet wird. Während des Lockdowns im Frühling kam das etablierte Pendelmigrationssystem und damit die transnationale Mobilität der Live-in-Betreuerinnen zeitweilig ganz zum Erliegen. Weil Grenzen abrupt geschlossen wurden und Verkehrsverbindungen unterbrochen waren, konnten Care-Arbeiterinnen ihren Arbeitseinsatz nicht antreten.

In zahlreichen Haushalten von Senior*innen fiel damit die geplante Ablösung für die Betreuerin aus. Agenturen und Familien versuchten, die zu der Zeit in der Schweiz anwesenden Care-Arbeiterinnen zu überzeugen, an Ostern nicht nach Hause zu fahren, sondern ihren Arbeitseinsatz zu verlängern. Viele leisteten dem Folge – da unklar war, wann sie wieder in die Schweiz zu ihrem Arbeitsplatz zurückkommen können, aber auch wegen den Quarantäne-Auflagen im Herkunftsland (teilweise mit Unterbringung in Kasernen oder unter Polizeiaufsicht) oder aufgrund der beschwerlichen und gesundheitlich riskanten Reise (meist in engen Kleinbussen).

Gleichzeitig fühlten sich viele Care-Arbeiterinnen auch moralisch verpflichtet, in der Schweiz zu bleiben. «Sie wollen die Person, die sie betreuen, in dieser Situation nicht im Stich lassen», sagt Barbara Metelska. Die ausgebildete Psychologin aus Polen, die selber jahrelang in Schweizer Haushalten gearbeitet hat und im gewerkschaftlichen Netzwerk Respekt@vpod aktiv ist, hat mit vielen Betreuerinnen über ihre Situation während der Corona-Krise geredet und kennt deren Sorgen. Die Ungewissheit, wie lange diese Situation andauern würde, hätte viele belastet: «Die Betreuerinnen wissen nicht, wann sie ihre Familie wiedersehen können. Sie möchten in dieser Krisenzeit lieber zu Hause bei ihren Liebsten sein.»

Grenzerfahrungen

Zwar waren die Grenzen für die dringend benötigten osteuropäischen Arbeitskräfte im Care-Sektor (wie auch für die Ernte-Arbeiter*innen während der Spargelsaison) bereits im Frühling wieder offen – zumindest für jene, die eine gültige Arbeitsbewilligung oder Meldebescheinigung vorweisen konnten. Doch blieb das Reisen beschwerlich. Eine Care-Arbeiterin erzählt, dass sie die Grenzübertritte an die Zeit vor der EU-Personenfreizügigkeit erinnert hätten – mit langen Wartezeiten, Fussmärschen über die Grenze und verbunden mit einer grossen Anspannung und Unsicherheit.

Als im Herbst die Corona-Zahlen in vielen osteuropäischen dramatisch anstiegen, hat sich insbesondere die Quarantäne-Situation nochmals verschärft. Kurz vor Weihnachten teilte der Schweizer Bundesrat mit, dass alle Einreisenden aus Ungarn und Polen nach der Einreise in eine zehntägige Quarantäne müssten – eine kaum umsetzbare Option für die Care-Arbeiterinnen, die in der Schweiz keine eigene Wohnung haben, sondern im Haushalt der pflegebedürftigen Personen leben. Damit wiederholte sich für einige Frauen die Situation vom Frühling und sie blieben auch an Weihnachten weg von ihren eigenen Familien. Erst mit einiger Verspätung meldeten die Behörden auf Anfrage, dass Care-Arbeiterinnen in Privathaushalten von der Quarantänepflicht ausgenommen seien, da «ihre Einreise beruflich erforderlich» sei. Gleichzeitig wurde unterstrichen «möglichst auf Kontakte mit der hiesigen Bevölkerung» zu verzichten (persönliche Mailkommunikation der Autorin mit dem Bundesamt für Gesundheit, Dezember 2020).

Ausnahmezustand als Normalität

Eine von ihnen ist Edyta Wieczorek (Name geändert). Die 60-jährige Frau aus Schlesien wirkt erschöpft, als ich sie kurz vor Weihnachten in einem kleinen Dorf nahe Bern zu einem Spaziergang treffe. Schon viele Jahre betreut die ehemalige Notaufnahme-Pflegerin hier die bald 100-jährige Frau Felber in ihrem Zuhause. Seit August ist Edyta Wieczorek ohne Unterbruch im Einsatz. Eigentlich wäre längst eine ärztliche Kontrolle in ihrer Heimat nötig, da ihr Blutdruck zu hoch ist. Aber unter den aktuellen Umständen hat auch sie – die vierfache Mutter und sechsfache Grossmutter – sich schweren Herzens entschieden, nicht nach Hause zu fahren und Weihnachten ohne Familie zu verbringen. «Und so leiste ich halt weiterhin systemrelevante Arbeit», sagt Edyta Wieczorek mir bei unserem Treffen mit einem Augenzwinkern.

Systemrelevanz – laut Nicole Mayer-Ahuja und Richard Detje (2020: 495) bedeutet dies vor allem, dass «der Zugriff auf deren Arbeitskraft im Lockdown ausgeweitet» wird: Längere Schichten, verkürzte Arbeitspausen, unbezahlte Überstunden. Bei Live-in-Care-Arbeiterinnen sind diese Kennzeichen keine Ausnahmesituation, sondern normaler Alltag – auch schon vor Corona. Von den Care-Arbeiterinnen wird flexible Abrufbereitschaft und permanente Anwesenheit erwartet, was dazu führt, dass sie kaum jemals Feierabend einläuten können. Live-in Betreuerinnen haben sich dem Rhythmus und den Bedürfnissen der betreuten Person anzupassen. Auch die Entgrenzung der Arbeit – ein Stichwort, das in sozialwissenschaftlichen Diagnosen zu Arbeit unter Corona oft fällt – ist für Care-Arbeiterinnen in Privathaushalten nicht neu, die Linie zwischen Arbeit und Freizeit stets verwischt. Und «home» und «office» fallen bei ihrer Live-in-Beschäftigung immer schon wie selbstverständlich zusammen.

Bei Edyta Wieczorek steht im Arbeitsvertrag, dass sie 42 Stunden pro Woche arbeitet – tatsächlich ist sie wöchentlich rund 60 Stunden in Einsatz[1]. Wenn es der Tochter von Frau Felber aufgrund ihrer psychischen Krankheit nicht gut geht, kümmert sie sich auch noch um sie. «Letzte Woche habe ich an meinem freien Tag eine Geburtstagstorte für die Tochter gebacken und ihren Hund spazieren geführt», erzählt Edyta Wieczorek. Abends liest sie Frau Felber aus der Zeitung oder einem Buch vor – manchmal bis zehn Uhr abends. Für die eigene Lektüre oder das Telefonat mit der Familie zuhause bleibt häufig kaum Zeit übrig.

In diesen transnationalen Betreuungsarrangements wird die Logik des Arbeitsvertrags kontrastiert durch die Logik der häuslichen Sphäre, in der familiäre Normen wie die uneingeschränkte Verfügbarkeit der Hausfrau und der Aspekt der unbezahlten «Arbeit aus Liebe» wichtige Bezugsfiguren sind (Schilliger 2019). Die personalisierten und häufig intimen Beziehungen zwischen den Betreuerinnen und den Menschen, um die sie sich kümmern, führen zudem häufig zu einem starken Gefühl der moralischen Verpflichtung und Verantwortung – vergleichbar mit dem, was die feministische Ökonomin Nancy Folbre (2001) das «prisoners of love dilemma» nennt. Lehnt die Care-Arbeiterin eine Aufgabe ab oder pocht auf ihre eigene Freizeit, kann dies als Liebesentzug und Distanzierung gewertet werden. Diese Situation macht sie besonders anfällig für Ausbeutung.

Verschärfte Ausbeutung während Corona

Die Grundproblematik von Live-in-Arbeitsverhältnissen, nämlich die fehlende Freizeit und die soziale Isolation im Haushalt, habe sich während der Corona-Krise verschärft, erläutert Barbara Metelska: «Einige Angehörige verbieten den Frauen, das Haus zu verlassen. Sie fürchten, dass sie das Virus mitbringen könnten. Das ist unmenschlich und rechtlich natürlich nicht zulässig.» In der aussergewöhnlichen Lage sind die Care-Arbeiterinnen nun erst recht sozial isoliert. Hinzu kommt, dass Angehörige, die bisher die Care-Arbeiterinnen am Wochenende abgelöst und Letzteren damit einen Ruhetag ermöglicht haben, nun teilweise fernbleiben. Sie wollen damit die Ansteckungsgefahr mindern. Aus dem gleichen Grund haben einzelne Haushalte auch die Ablösung durch die ambulante Pflege oder durch Freiwilligendienste wie dem Roten Kreuz unterbrochen. Für die betroffenen Betreuerinnen heisst dies nun, dass sie über Tage und Wochen fast pausenlos arbeiten. Viele sind in den letzten Wochen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gekommen.

Eine Entschädigung für die zusätzliche Mehrarbeit während der Coronakrise gab es in den wenigsten Fällen. Edyta Wieczorek hat es immerhin geschafft, in den letzten Monaten einen 13. Monatslohn auszuhandeln, worauf sie sehr stolz ist. Barbara Metelska hofft, dass sich in der gegenwärtigen Situation für einige Care-Arbeiterinnen ein Gelegenheitsfenster auftut. Familien in der Schweiz erfahren beispielsweise gerade selbst, was es bedeutet, wochenlang die eigenen Angehörigen nicht mehr besuchen zu können – etwas, was für die Care-Arbeiterinnen Alltag ist. «Vielleicht blicken sie in Zukunft anders auf die Arbeit von Betreuerinnen», meint Barbara Metelska.

Regulierte Irregularität

Auch wenn durchaus neue Aufmerksamkeitsfenster für die Situation der transnationalen Care-Arbeiterinnen auszumachen sind – diese Anerkennung übersetzt sich bisher nicht in bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne (was nicht nur für die Schweiz, sondern auch für Österreich und Deutschland gilt, vgl. Leiblfinger et al. 2020). Der Bundesrat hält weiterhin an dem Beschluss fest, dass bezahlte Hausarbeit nicht dem Schweizer Arbeitsgesetz unterstellt werden soll (Steiner 2020). Dessen Bestimmungen zu Arbeits- oder Ruhezeiten oder zum Gesundheitsschutz gelten für die Live-in-Betreuungskräfte deshalb nicht. Ihre Arbeit wird damit lediglich in unverbindlichen kantonalen Normalarbeitsverträgen geregelt – auch wenn dies die ILO-Konvention 189 für die Rechte der Hausarbeiter*innen verletzt, die die Schweiz vor rund fünf Jahren ratifiziert hat[2].

Gleichzeitig fallen die Care-Arbeiterinnen in Privathaushalten durch die Maschen der staatlichen Corona-Rettungsschirme. Jene Betreuerinnen, die aufgrund der Reisebeschränkungen ihren Einsatz in der Schweiz nicht antreten können und im Herkunftsland stecken geblieben sind, stehen ohne Kurzarbeitsentschädigungen da und verlieren ihr Einkommen. Die verschärfte Ausbeutung der Care-Arbeiterinnen, die vielen unbezahlten Überstunden und Dauereinsätze, die Ansteckungsrisiken auf der Reise, das noch längere Wegsein von der eigenen Familie, die Einsamkeit, die fehlende soziale Sicherung der Einkommen – dies alles zeigt: Die Kosten der Corona-Krise werden im Fall der Live-in Betreuung ins Private, d.h. auf die einzelnen Care-Arbeiterinnen übertragen, aber gleichzeitig auch transnational verschoben – in die Herkunftsländer im peripherisierten Osten.

Die deutsche Soziologin Christa Wichterich (2018) hat hierfür den prägnanten Begriff des «Sorgeextraktivismus» geprägt. Damit bezeichnet sie ausbeuterische Strategien, um Krisen der sozialen Reproduktion kostengünstig zu überbrücken. Dazu gehören sowohl Rationalisierungsmassnahmen im Pflegebereich, bei der die Fürsorge-Logik torpediert und unbezahlte Arbeit extraktiviert wird, als auch Formen eines transnationalen Extraktivismus: Die Care-Krise in reicheren Ländern und wohlhabenderen Haushalten wird um den Preis ihrer Auslagerung in ärmere Regionen entschärft und die Kosten werden dadurch externalisiert. Der transnationale Sorgeextraktivismus ist dabei als Teil einer «imperialen Lebensweise» zu verstehen, wie Ulrich Brand und Markus Wissen (2017) die Produktions- und Konsumformen der globalen Mittel- und Oberschichten zu Lasten anderer, natürlicher und menschlicher Ressourcen im Globalen Süden und in ärmeren Weltregionen nennen.

 Care-Infrastruktur jenseits von Sorgeextraktivismus

Immerhin: Die COVID-19-Krise zeigt den Handlungsbedarf in dieser Branche deutlich auf. Ein zentraler Schritt hierbei ist die in den letzten Jahren in der Schweiz (Schilliger/Schilling 2017) und seit kurzem auch in Österreich (Melo/Matei/Hoffner 2020) zu beobachtende Selbstorganisation von Live-in Betreuerinnen. Das von polnischen Care-Arbeiterinnen gegründete basisgewerkschaftliche Netzwerk «Respekt@vpod» in Basel sowie die Organisation «DREPT» (rumänisch für «Recht»), die in Österreich rumänische Betreuerinnen versammelt, sind diesbezüglich wegweisende Beispiele: Beide Gruppen sind aus der Community heraus entstanden und stellen den Versuch dar, der Vereinzelung zu entkommen, die erlittene Not zu teilen und sich kollektiv zu ermächtigen. Mittels Infokampagnen über die ihnen zustehende Rechte, individuelle Beratung (in der Muttersprache), gegenseitige Unterstützung im Alltag und politischem Lobbying arbeiten die beiden Gruppen an besseren Bedingungen in der Live-in Betreuung. Insbesondere der digitale Raum und der Austausch über Facebook- oder WhatsApp-Gruppen ist dabei ein wichtiges Mittel.

Die nun breiter geteilte Einsicht in die Systemrelevanz von Care sollte genutzt werden, um auf die ganz normale, nicht-pandemiegeprägte Prekarität im Alltag von Care-Arbeiterinnen hinzuweisen und eine stärkere Regulierung voranzutreiben. Gleichzeitig wird deutlich: Für eine echte Verbesserung der Alltagrealitäten von Care-Arbeiterinnen in Privathaushalten gibt es keine einfachen Lösungen. Entscheidend sind letztlich die Ausgestaltung bzw. der Ausbau einer öffentlichen Care-Infrastruktur, mittels derer die ganze Bevölkerung Zugang zu qualitativ guten Diensten in der ambulanten Pflege, Betreuung und Haushaltshilfe bekommt. Care – als Sorge für sich, für andere, für die Umwelt – müsste in verschiedensten gesellschaftlichen Feldern ins Zentrum politischen Handelns gestellt werden – u.a. in der Sozialpolitik, der Arbeitsmarktpolitik, der Familienpolitik. Denn wie die Soziologin Paula-Irene Villa (2020: 447) warnt: «Wenn weiterhin systemrelevante Tätigkeiten, Logiken und Leistungen derart vernachlässigt und derart paradox zugleich romantisiert und ausgebeutet werden, dann wird dies uns allen auf die Füße fallen – eher früher denn später.» Eine bedürfnisorientierte Post-Corona-Care-Infrastruktur ist nicht nur geschlechtergerechter, demokratischer und weniger marktzentriert (Tronto 2013; Dowling 2021), sondern macht auch nicht an nationalstaatlichen Grenzen Halt und überwindet die Reproduktion einer rassistischen Arbeitsteilung. Dabei soll garantiert werden, dass die Care-Bedürfnisse aller Menschen geachtet werden, auch jener, die sich selber um Pflegebedürftige kümmern – und diejenigen ihrer Familien.

 

Vielen Dank an die Gruppe «Care Macht Mehr» für inhaltliche Feedbacks zu dem Beitrag sowie an Jennifer Steiner und Dr. Karin Schwiter für gemeinsame Recherchen, auf denen dieser Text basiert.

 

Literatur

Aulenbacher, Brigitte/Lutz, Helma/Schwiter, Karin (2021): Gute Sorge ohne gute Arbeit? Live-in-Care in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Weinheim/Basel: Beltz Juventa (im Erscheinen).

Brand, Ulrich/Wissen, Markus, 2017: Imperiale Lebensweis. Oekom Verlag: München.

Chau, Huey Shy (2020): Brokering Circular Labour Migration: A Mobile Ethnography of Migrant Care Workers’ Journey to Switzerland. Abingdon: Routledge.

Dowling, Emma (2021): The Care Crisis. What Caused It and How Can We End It? London: Verso Books.

Dück, Julia (2020): Kämpfe im Krankenhaus. Julia Dück im Gespräch. Ausnahme&Zustand, Podcast der Rosa Luxemburg Stiftung, online unter: https://www.rosalux.de/mediathek/media/element/1380?cHash=8dcfbe7b545782c03e1be8c76f0d0e1e

Folbre, Nancy (2001): The invisible heart. Economics and family values. New York: The New Press.

Leiblfinger, Michael/Prieler, Veronika/Schwiter, Karin/Steiner, Jennifer/Benazha, Aranka/Lutz, Helma (2020): Impact of COVID-19 Policy Responses on Live-In Care Workers in Austria, Germany, and Switzerland. In: Journal of Long-Term Care (2020), S. 144–150.

Lutz, Helma/Palenga-Möllenbeck, Ewa (2010): Care Work Migration in Germany: Semi-Compliance and Complicity. In: Social Policy & Society 3/2010, S. 419-430.

Melo, Sónia/Matei, Flavia/Hoffner, Ana (2020): Die Verfügbarkeit des Ostens. Ein Gespräch. Online unter https://kunsthallewien.at/die-verfuegbarkeit-des-ostens/

Mayer-Ahuja, Nicole/Detje, Richard: „Solidarität“ in Zeiten der Pandemie: Potenziale für eine neue Politik der Arbeit? In: WSI-Mitteilungen 06/2020, S. 493-500.

OECD (2019): Recent Trends in International Migration of Doctors, Nurses and Medical Students, OECD Publishing, Paris.

Schilliger, Sarah (2015): Globalisierte Care-Arrangements in Schweizer Privathaushalten. In: Nollert, Michael/Nadai, Eva (Eds.): Geschlechterverhältnisse im Post-Wohlfahrtsstaat. Reihe Arbeitsgesellschaft im Wandel. Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S. 154-175.

Schilliger, Sarah/Schilling, Katharina (2017): Care-Arbeit politisieren: Herausforderungen der (Selbst-)Organisierung von migrantischen 24h-Betreuerinnen. In: femina politica 2/2017, 101-116

Schilliger, Sarah (2019): Komplexe Machtkonstellationen und Beziehungsgeflechte in der 24h-Betreuung. In: Angewandte Gerontologie 1/2019, S. 21-22.

Steiner, Jennifer/Prieler, Veronika/Leiblfinger, Michael/Benazha, Aranka (2019): Völlig legal!? Rechtliche Rahmung und Legalitätsnarrative in der 24h-Betreuung in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In: Österreich Zeitschrift für Soziologie 44 (1), S. 1–19.

Steiner, Jennifer (2020). «Good Pay for Good Work»? Legitimation and Criticism in the Regulation Process of Round-the-Clock Elderly Care in Swiss Private Households. In: Swiss Journal of Sociology, 46(2), S. 281-303.

Tronto, Joan (2013): Caring Democracy. Markets, Equality, and Justice. New York: New York University Press.

Villa, Paula-Irene (2020): Corona-Krise meets Care-Krise – Ist das systemrelevant? In: Leviathan, 48(3), S. 433–450.

Wichterich, Christa (2018): Der prekäre Care-Kapitalismus. Sorgeextraktivismus oder die neue globale Ausbeutung. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 2/2018, S. 91-97.

 

 

[1] Die rechtlichen Rahmungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind sehr unterschiedlich, vgl. Steiner et al. 2019.

[2] Auch Deutschland hat die ILO-Konvention 189 ratifiziert, Österreich hingegen bisher nicht.

Care-Arbeit zu Hause in der Pandemie – systemrelevant oder was sonst?

Maria S. Rerrich

Über den unverzichtbaren gesellschaftlichen Beitrag von Beschäftigten in der Krankenpflege, in der Altenpflege, in den Kitas wissen seit Corona nicht mehr nur feministische Sozialwissenschaftlerinnen und –wissenschaftler Bescheid, die seit Jahren darüber forschen. Wer in der Pflege und im Gesundheitsbereich arbeitet, gilt inzwischen als ‚heldenhaft‘ und ‚systemrelevant‘. Diese Menschen werden vor den Krankenhäusern beklatscht, und man vermisst sie schmerzlich, wenn sie nicht zur Verfügung stehen.

Dagegen bleibt der gesellschaftliche Blick auf unbezahlte Care-Arbeiten und auf Care im Privatbereich insgesamt auch in Zeiten der Pandemie unscharf: Jenseits der Erwerbsarbeit scheint Care einfach und voraussetzungslos gegeben. Als die Bildungseinrichtungen, die Gastronomie, die Tagespflegeangebote heruntergefahren bzw. ganz geschlossen wurden, wurde angenommen, dass viele der dort erbrachten Leistungen ab sofort und fraglos in den Haushalten und von den Familien übernommen werden können. Irgendwie. Aber wie? Care privat, nicht nur innerhalb der Kernfamilien, sondern auch haushaltsübergreifend – für Großeltern, für alleinlebende alte Menschen, in der Nachbarschaft – schien so selbstverständlich wie frische Luft und sauberes Wasser. Inzwischen dürfte indes bekannt sein, dass die Ressourcen frische Luft und sauberes Wasser nicht ohne weiteres zu haben sind. Für Care zu Hause steht diese Erkenntnis noch aus: Auch 2020 verlässt man sich allgemein auf grenzenlose, weitgehend unsichtbare, private (und das bedeutet nicht nur, aber überwiegend) Leistungen von Frauen.

Geschlechtsspezifische Konsequenzen von COVID 19 für Care

Es geht manchmal zwei Schritte vor, einen Schritt zurück auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter, und seit der Pandemie gibt es offensichtlich wieder Rückschritte. Schon davor haben Frauen weltweit schätzungsweise drei Viertel der täglichen unbezahlten Arbeit verrichtet. Anita Bhatia von der zentralen Frauenorganisation der Vereinigten Nationen, UN Woman, sagte kürzlich in einem Interview: „If it was more than three times as much as men before the pandemic, I assure you that number has at least doubled (…) More alarming is the fact that many women are actually not going back to work. (…) In the month of September alone, in the US, something like 865,000 women dropped out of the labour force compared to 200,000 men, and most of that can be explained by the fact that there was a care burden and there’s nobody else around.” Zu befürchten sei, so Bhatia, dass alles, worauf Frauen viele Jahre hingearbeitet haben, in einem Jahr verloren gehen und es zu einem Comeback der Geschlechterstereotype der 1950er Jahre kommen könnte.   Ähnlich schätzte Jutta Allmendinger (WZB) die gegenwärtige Lage ein, die im Mai 2020 eine ‚entsetzliche Retraditionalisierung‘ vorhersagte (siehe auch hier).

Die Ergebnisse neuerer empirischen Untersuchungen hinterfragen diese These einer umfassenden Retraditionalisierung und verweisen auf punktuelle Veränderungen der Rollenausfassungen bei anhaltender grundsätzlicher Ungleichheit im Zusammenhang mit häuslichem Care. Eher scheint es seit der Pandemie mehr Auseinandersetzungen in den Familien um Ressourcen und Zeit zu geben sowie auch einzelne Neuregelungen bei der Aufteilung familialen Arbeit. Eine  gleiche Betroffenheit der Geschlechter durch häusliche Care-Verpflichtungen im Zusammenhang mit der Erwerbsarbeit durch die Pandemie wird aber nirgends festgestellt. Hauptsächlich wird deutlich, dass in den Familien an die bereits davor existierende Mehrbelastung der Frauen angeknüpft wird, die sich aktuell verstärkt. Für eine genauere Einschätzung der gegenwärtigen Entwicklung wären hierzu detaillierte Untersuchungen nötig, die beispielsweise nach veränderten Anforderungen und Arbeitsbedingungen in einzelnen Berufen und ihren Konsequenzen für Care zu Hause differenzieren. Besonders interessant ist m.E. die Frage, wie stabil die gegenwärtigen Arrangements sein werden und welche Bedeutung dem Faktor Zeit beizumessen ist: Kommt es langfristig vielleicht zu einem ‚new normal‘, je länger die Belastungen und Veränderungen des Alltags durch die  Pandemie anhalten?

Quelle: ForGenderCare

Care im Hintergrund als Voraussetzung von Berufsarbeit

Häusliche Care-Verpflichtungen können die Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben nicht nur einschränken oder sogar ganz verhindern. Care im Privaten ist eine unabdingbare Basis für die berufliche Arbeit. Wer im Lockdown versucht hat, im home office den Anforderungen von Beruf und Kinderversorgung oder Altenpflege im Alltag parallel gerecht zu werden, kann davon ein Lied singen. Nicht nur für Alleinstehende war und ist die Gleichzeitigkeit von Berufsarbeit zu Hause und häusliche Care-Arbeit eine nahezu unlösbare Aufgabe.

Nicht erst seit der Pandemie wird von Berufstätigen verlangt, dass sie sich während der Arbeitszeit ausschließlich auf ihre dortigen Aufgaben konzentrieren, und unausgesprochen wird vorausgesetzt, sie werden dabei von Care entlastet. Dies gilt umso mehr für Berufe, die zeitlich und örtlich entgrenzt sind und viel Flexibilität erfordern. Bereits 1980 hat Elisabeth Beck-Gernsheim für den Zusammenhang von Berufsarbeit und unsichtbarer Entlastung im Privaten den Begriff der ‚Ein-Einhalb-Berufe‘ geprägt, den man sich wieder in Erinnerung rufen könnte. Sie schrieb damals: „Die Berufsarbeit ist nach Quantität wie Qualität ihrer Anforderungen so organisiert, daß sie auf die Anforderungen der privaten Alltagsarbeit kaum Rücksicht nimmt; sie setzt damit stillschweigend voraus, daß der Berufstätige die Zuarbeiten und Hilfsdienste anderer Personen in Anspruch nehmen kann.“

Vor einer Generation war diese Person im Hintergrund idealtypisch die traditionelle Hausfrau, die es heute eher selten gibt, zumindest in der Reinform der ausschließlich und lebenslang als Haus- und Familienarbeitende. Veränderte Arbeitsteilungsmuster, die inzwischen stattgefunden haben, sind aber ein zweischneidiges Schwert.  Einerseits bilden sie die Voraussetzung für mehr Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben, andererseits hat die stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen auch neue Strukturen von Ungleichheit, von Über- und Unterordnung im Zusammenhang mit Care hervorbracht. Denn zur (keineswegs ganz verschwundenen) Arbeitsteilung nach Geschlecht kommen nun zusätzliche wichtige Dimensionen von Arbeitsteilung hinzu, etwa nach Klasse und Ethnie. Dabei ist wichtig zu betonen, dass dies keine individuell zu verantwortende Entwicklung ist, sondern vielmehr das Ergebnis eines strukturellen Problems. Der vermehrten Beteiligung von Frauen an der Erwerbsarbeit und den damit aufgeworfenen Care-Lücken stehen nur notdürftige und partielle politische Reformen und Infrastrukturen gegenüber.

Wer wirkt heute im Hintergrund von Berufstätigen, wer ist für Care für die privaten Haushalte zuständig? Es sind inzwischen unterschiedliche Personen. Mittlerweile gibt es mehr institutionelle Unterstützung in der Kinderbetreuung, die in Deutschland auch in den alten Bundesländern für Kleinkinder ausgebaut und gesetzlich abgesichert wurde, und die dort Beschäftigten sind bekanntlich nahezu ausschließlich Frauen. Seit den 1980 Jahren spielt auch der größere Wohlstand eine Rolle. So hat der Markt einiges übernommen und Haushalte werden entlastet, wenn z.B. Essen fertig geliefert wird oder man öfter zum Essen gehen kann. Ohne Hilfe von Großeltern wird es dennoch für viele Familien mit Kindern mit der Berufstätigkeit schwierig, auch das wurde seit den Restriktionen wegen COVID 19 deutlich. Es ist zudem ein eher unsichtbarer, arbeits- und sozialrechtlich fragwürdiger Arbeitsmarkt in den privaten Haushalten entstanden, nicht nur aber vor allem in den zahlungskräftigen. Zum Beispiel macht eine Haushaltsarbeiterin, in der Regel eine Migrantin oder eine Frau mit Migrationshintergrund, die Wohnung sauber, auch für weniger begüterte alte Menschen, die Hausarbeit nicht selbst verrichten können. Auch reisen inzwischen zahlreiche sog. live-in Haushaltsarbeiterinnen vorwiegend aus Osteuropa an, um sich rund um die Uhr um pflegebedürftige Menschen zu kümmern. Wie unverzichtbar solche Arbeitskräfte sind, die für gewöhnlich gesellschaftlich im Schatten wirken, wurde schlagartig erkennbar, als viele der Frauen aus dem Ausland, die normalerweise als live-in Haushaltsarbeiterinnen arbeiten, wegen der gesetzlichen Beschränkungen zur Bekämpfung der Pandemie nicht mehr ohne weiteres einreisen durften. Und die Männer von Paket-und Lieferdiensten bringen Lebensmittel, Bestellungen von Amazon und REWE u.a.m., ohne dass viel nach deren Lebens- und Arbeitsbedingungen gefragt wird. Nicht zufällig sind auch diese in der Regel Migranten.

Care-Konstellationen in der privaten Versorgung alter Menschen

Typisch für Care im Privatbereich ist die Kooperation mehrerer Akteurinnen und Akteure. In der Studie: ‚Care aus der Haushaltsperspektive. Das Beispiel der Pflege alter Menschen in der Großstadt‘[1] wurden komplexe Care-Konstellationen für pflegebedürftige betagte Menschen vorgefunden. Hier fanden sich Partner bzw. Partnerinnen und erwachsene Kinder (ob berufstätig oder selbst bereits im Rentenalter), weitere Familienangehörige, Personen aus dem Freundeskreis und aus der Nachbarschaft, Professionelle von Pflegediensten, für Physiotherapie, für Logopädie u.ä., punktuell arbeitende und/oder live-in Haushaltsarbeiterinnen, ehrenamtliche Seniorenhelferinnen und -helfer u.a.m.

Weder ergeben sich komplexe Care-Konstellationen von allein, noch ist die Umverteilung von Care im Privaten ein Nullsummenspiel, im Gegenteil. Kooperative Arbeitsteilungsmuster für Care-Aufgaben brauchen Aufmerksamkeit, Planung, Aushandeln, Organisation, Koordination, Justieren und Nacharbeit. Erforderlich ist Projektmanagement sowie ständiges ‚tinkering‘  in Haushalt und Familie, das bedeutet das ständig stattfindende Anpassen der vielen kleinen und großen Details alltagtäglicher Erledigungen und Zuständigkeiten.

Unverzichtbar ist zudem eine zentrale Person, nach Möglichkeit am Wohnort, bei der alle Fäden zusammenlaufen. Im Einzelfall kann dies die Partnerin oder der Partner, die Tochter oder die Schwiegertochter, aber auch der Sohn sein. Die traditionelle Arbeitsteilung in Familien hatte immerhin den Vorteil, dass klar war, wer wofür zuständig war: Mit Niklas Luhmann gesprochen reduziert traditionelle Arbeitsteilung Komplexität. Ohne die klaren Zuständigkeiten traditioneller Arrangements ist das, was in den letzten Jahren als ‚cognitive labor‘ oder als ‘mental load‘ diskutiert wird, nicht einfacher geworden. Dies ist ein wichtiger Teil von Care, der weder sichtbar ist, geschweige denn verschwindet, auch wenn einzelne Handgriffe und Tätigkeitsbereiche delegiert werden.[2]

Foto: Gerd Mutz

Um sich das konkret vorstellen zu können, hierzu ein Beispiel für ‚cognitive labor‘ in Form von Fragen, die eine hauptverantwortliche Person für die Betreuung eines alten Menschen im Vorfeld einer typischen Care-Aufgabe zu bedenken hat: ein Arztbesuch der Mutter. Wer denkt an den Termin und wer vereinbart ihn? Ist er dringend oder kann man ihn noch aufschieben? Ist die Mutter für den Arztbesuch derzeit fit genug? Wann würde der Praxistermin mit ihren anderen Terminen und Vorhaben kollidieren, z.B. mit der Physiotherapie oder dem Besuch der Cousine? Braucht sie eine Begleitung zur Praxis, ist das nur ein Routine-Checkup oder geht es um etwas Größeres? Welche Auswirkungen hätte der Arzttermin für die eigenen Verpflichtungen, was ließe sich eventuell verschieben, was könnte delegiert werden? Was ändert sich, wenn zum gewünschten Zeitpunkt kein Termin frei ist? usw. usw.

Die Pandemie hat nicht nur in Care-Berufen, sondern auch bei privatem Care Veränderungen und damit oft auch die Intensivierung der Arbeit mit sich gebracht, wenn eingespielte Arrangements neu justiert werden müssen. Um in diesem Beispiel zu bleiben, können zusätzliche Fragen hinzukommen: Wäre der Gang zum Arzt mit der Ansteckungsgefahr gegenwärtig ratsam?  Hat die Mutter die richtigen Masken oder muss man noch welche besorgen? Wo und wann und von wem werden sie besorgt, so dass sie rechtzeitig zur Verfügung stehen? Wie kommt die Mutter zur Praxis ohne den ÖVPN zu benutzen? Wer könnte sie hinfahren und/oder abholen? Wann wäre ein guter Zeitpunkt für den Fahrer/die Fahrerin? Es gibt ungezählte kleine und große Alltagsaufgaben und Fragen im Zusammenhang mit Care, und seit der Pandemie kommt Etliches hinzu.

Care zu Hause – systemrelevant?    

Aktuell müssen in Deutschland nach Angaben des Robert Koch-Instituts etwa sechs Prozent der als von COVID 19 infiziert gemeldeten Personen in ein Krankenhaus, sind also so schwer erkrankt, dass sie stationär behandelt werden, in Österreich sind es zehn Prozent. Im Umkehrschluss bedeutet das, die überwiegende Mehrzahl der an Corona Infizierten erhalten bei Bedarf ambulante medizinische Hilfe, alltägliche Sorge und Pflege für sie finden zu Hause statt. In manchen Fällen handelt es sich um asymptomatisch Fälle oder die Krankheitsverläufe gehen glimpflich aus und erfordern wenig Unterstützung und Versorgung, in vielen aber nicht. Wie wird Care dann vom wem und mit welchen persönlichen Konsequenzen für die care giver verrichtet? Und wie gestaltet sich Care privat in der oft langwierigen Nachsorge für schwer erkrankte Patientinnen und Patienten im Anschluss an die Entlassung aus dem Krankenhaus bzw. der Reha? Das sind derzeit offene Fragen. Sicher ist nur, dass viel Care im Zusammenhang mit COVID 19 außerhalb der Kliniken stattfindet und dass die Menschen, die dies im Privatbereich verrichten, bisher unsichtbar bleiben und so gut wie nicht thematisiert werden – und schon gar nicht als heroisch. Offensichtlich gelten pflegende Angehörige, live-in bzw. stundenweise beschäftigte Haushaltsarbeiterinnen, ehrenamtlich Helfende, Unterstützende aus dem Freundeskreis und aus der Nachbarschaft bisher nicht als systemrelevant, selbst wenn sie vermutlich den größeren Anteil von Care im Alltag während der Pandemie übernommen haben und weiterhin übernehmen.

Es wird Zeit, ihren Beitrag zur Bewältigung der aktuellen Krise und für Care in den Haushalten generell in Öffentlichkeit und Politik angemessen zur Kenntnis zu nehmen. Zunächst würde es darum gehen, die Leistungen der mit Care befassten Personen im Bereich des Privaten wahrzunehmen, anzuerkennen und zu enttrivialisieren. Und damit ist nicht gemeint, auch diese zu beklatschen oder von den Balkonen zu besingen. Anderes und weitaus mehr steht an: Die strukturellen und politischen Rahmenbedingungen müssen in diesem Teilbereich von Care als zentrale gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe in den Blick genommen werden (vgl. Gather 2020). Die vielfachen Erfahrungen während der Pandemie könnten hierfür eine Chance bieten, da viele Menschen die entscheidende Bedeutung von Care zu Hause durch die aktuellen Verwerfungen am eigenen Leib erleben. Die gegenwärtigen Erfahrungen zeigen wie in einem Brennglas: Care-Arbeit im Privaten ist eine unverzichtbare Grundlage von Ökonomie und Gesellschaft.

[1]  Das Projekt fand im Rahmen des Bayerischen Forschungsverbunds ForGenderCare von 2015-2019 unter der Leitung von Birgit Erbe (Frauenakademie München e.V.), Gerd Mutz und mir (beide Hochschule München) statt. Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen waren Maya  Halatcheva-Trapp, Kathrin Roller und Sabrina Schmitt.

[2] Die Definition von Daminger (2019): “(…) cognitive labor entails anticipating needs, identifying options for filling them, making decisions, and monitoring progress “, vgl. Allison Daminger (2019) The Cognitive Dimension of Household Labor. In: American Sociological Review zit. nach https://doi.org/10.1177/0003122419859007 (Zugriff 2020-12-05)