Fuzzy denken!

In meinem ersten Beitrag wurde gefordert, dass die Gesellschaft mehr Soziologie wagen sollte. Der zweite Beitrag richtete sich an die Soziologie, mehr und gezielter Komplexität aufzunehmen.

Jetzt möchte ich Gesellschaft und Soziologie adressieren und beide auffordern, fuzzy-logisch zu denken. Damit ist gemeint, die Welt nicht nur in sich ausschließenden Gegensatzpaaren zu beobachten, sondern die Möglichkeit zu berücksichtigen, dass etwas sachlich und sozial zugleich seinem Gegenteil entsprechen kann. Buddha statt Aristoteles – oder wie es Ulrich Beck genannt hat: inklusives statt exklusives Unterscheiden.

Warum sollte man dies tun? Becks Antwort wäre, der ich mich anschließe: weil die Welt mittels Dichotomien oftmals nicht mehr angemessen erfasst wird. Wer etwa den transnationalen Terrorismus vom Typ Al-Qaida mit einfachen Unterscheidungen á la Freund vs. Feind oder „McWorld vs Jihad“ (B. Barber) zu erfassen versucht, der denkt an dem Phänomen vorbei. Und wird folglich Schwierigkeiten bekommen, Lösungen für derartige Probleme zu finden.

Wichtig ist mir, sowohl der Gesellschaft als auch der Soziologie einen solchen fuzzy-logischen Blick beizubringen. Die Gesellschaft würde auf diese Weise bestimmte Grausamkeiten vermeiden können, welche entstehen, wenn sie sich für die Reinheit ihrer dichotomen Unterscheidungen meint einsetzen zu müssen. An einem konkreten Beispiel: Wenn man Männer dichotom von Frauen unterscheidet, dann muss der auf Reinhaltung dieser bipolaren Unterscheidung bedachte Mensch jegliche „Zwischenstufen“ eliminieren. Noch konkreter: Intersexuelle Kinder werden dann einer chirurgischen Anpassung unterzogen mit jenen schlimmen Folgen, auf die der Ethikrat der Bundesrepublik 2012 aufmerksam gemacht hat. Ein fuzzy-logischer Blick könnte die nahezu unendlichen graduellen Zugehörigkeiten zu den beiden Seiten der Unterscheidung bis zu dem Punkt wahrnehmen und akzeptieren, an dem „Mann“ zugleich „Frau“ ist – ohne Zwang der Reinigung dieser Unterscheidung.

Die Soziologie (besonders die Soziologische Theorie) tut sich schwer mit der Anerkennung einer solchen Anschauung (die übrigens dem „methodologischen Kosmopolitismus“ von Beck entspricht). Sie hat sich – von Rational-Choice bis zur luhmannschen Systemtheorie – in vielen Variationen einem soziologischen Manichäismus verschrieben. Ein Glaubensbekenntnis, das oftmals dazu führt, dass die Kollegen und Kolleginnen überhaupt nicht verstehen, wovon die Rede ist, weil blinde Flecken so schwierig aufzudecken sind – und man an dem eigenen Glauben nur ungern kratzen lässt.

Meine Welt jedenfalls ist fuzzy und nur manchmal, in Ausnahmesituationen, erachte ich die Anwendung von Zweiwertigkeiten für sinnvoll. Fahre ich auf ein Hindernis mit hoher Geschwindigkeit zu, dann weiche ich links oder rechts aus und mache mir über Zwischenstufen besser keine Gedanken. Glücklicherweise sind solche Situationen selten.

Die Fuzzy-Logik kann dies ebenfalls abbilden, die 0 und 1 genauso wie die Zahlen dazwischen. Das Sowohl-als-Auch umfasst eben sowohl das zweiwertige Entweder-Oder als auch das fuzzige Sowohl-als-Auch. Fuzzy-logisches Denken ist selbstreferentiell – nach Luhmann ein Ausweis guter Theorie.

http://www.ethikrat.org/intersexualitaet