Zu komplex!

Ich hatte in meinem ersten Beitrag „mehr Soziologie“ gefordert, ein Kommentar auf Twitter dazu lautete: „Mehr Soziologie wagen!“ – so schön hätte ich es auch gerne ausgedrückt. An dem Fall Edathy hatte ich zu zeigen versucht, dass die Soziologie zur gesellschaftlichen Abklärung beitragen kann. Und sie sollte es auch tun!

Aus den Kommentaren habe ich die Hinweise entnommen, dass die Soziologie sich erstens auch um ihr wissenschaftstheoretisches Fundament bemühen sollte. Mein Eindruck ist, dass das geschieht und dass dies aber nichts ist, was als PR-Maßnahme besonders geeignet ist. Kurz: Das sind öffentlich schwierig vermittelbare wissenschaftliche Diskurse, die man auch besser zunächst in der Wissenschaft belässt.

Ein zweiter Hinweis ist, dass die Soziologie sich sachkundig machen muss, wenn sie über etwas spricht. Sofern sie dabei mit anderen Disziplinen zusammenarbeiten kann, müssen sich die beteiligten Soziologen selbstverständlich nicht, um bei dem von den Kommentatoren diskutierten Beispiel zu bleiben, ebenfalls zu einem Technikexperten machen. Hier darf man durchaus auf Arbeitsteilung setzen, die Vorteile der Arbeitsteilung sind schließlich die Kehrseite der Polyoptik.

Ich möchte nun behaupten, dass die Soziologie allerdings manchmal zu wenig über diesen Tellerrand schaut und sich interdisziplinär aufklären lässt. „Manchmal“ bedeutet: Die Soziologie nutzt die Erkenntnisse anderer Disziplinen durchaus produktiv. So hat die Soziologische Theorie immer schon andere Disziplinen zur Theorieentwicklung herangezogen, sei es das Modell des Homo Oeconomicus, sei es die Kybernetik, die Zellbiologie usw. Diese Transfers werden innerhalb der Soziologie wiederum kritisch begutachtet – gut so.

Manchmal werden allerdings Begriffe unterspezifiziert verwendet und sorglos übernommen. Auch dies könnte ein Grund sein, weshalb die Soziologie aktuell in der Öffentlichkeit auf erstaunlich wenig wohlwollende Resonanz trifft, denn ein Begriff wie „Komplexität“ erklärt für sich zunächst einmal sehr wenig. Um diesen Begriff soll es hier exemplarisch gehen.

In der Soziologie ist es durchaus üblich, Komplexität als Startpunkt der Erforschung gesellschaftlicher Phänomene zu markieren. Komplexität ist z.B. die Problemausgangslage, die nicht nur Luhmann zur Entwicklung seiner Systemtheorie, sondern das gesamte systemische Denken motivierte. Der soziologische Anschluss an Elemente der Komplexitätsforschung wundert auch gar nicht, da die Komplexitätsforschung dem eigenen Anspruch nach auf die Erklärung der Entstehung, Stabilisierung und Wandel komplexer Ordnungen ausgerichtet ist – und nichts anderes möchte die Soziologie ebenfalls erklären, mit dem Zusatz, dass es um soziale Ordnungen geht.

Wenn man nun aber von Komplexität spricht, dann muss man auch ausführen, worum es geht. Dirk Helbing etwa unterscheidet strukturelle, dynamische, funktionale und algorithmische Komplexität. Ich picke mal die dynamische Komplexität raus, bei der sich ein System durch nicht-periodische Wandlungen, deterministisches Chaos und pfadabhängiges Verhalten auszeichnet und die Elemente des Systems sich gerne auch mal wechselseitig aneinander anpassend fortentwickeln. Und dann kann es im Ergebnis zu der allseits bekannten „Sensibilität gegenüber den Anfangsbedingungen“ und dem „Schmetterlingseffekt“ kommen: kleines Ereignis, große Wirkung.

Es genügt also nicht, einfach auf eine mögliche Komplexität im Sinne eines „Das ist komplex“ hinzuweisen, sondern man muss im Einzelfall zumindest versuchen zu zeigen, dass jene Strukturen und Elemente auch vorliegen, die komplexes Systemverhalten überhaupt erlauben. Ich vermute, dass die Soziologie zwar kaum eine Chance hat, sich an formalen Nachweisen bestimmter Strukturen zu beteiligen, aber dennoch hilfreich ist in der Beschreibung der empirisch jeweils vorliegenden Struktur. Zu dem ersten Blog-Beitrag wurde in den Kommentaren ja mit Hinblick auf neue technologische Möglichkeiten z.B. angedeutet, dass für „Atomkraftwerke“ eben nicht zwingend gelten müsste, was Charles Perrow einst als Fazit formulierte: „Selbst das Auswechseln von Glühbirnen bringt bei diesen hoch entwickelten, komplexen Systemen [gemeint sind Kernkraftwerke, T.K.] Gefahren mit sich.“ Ganz im Sinne der genannten Arbeitsteilung unterstellt, dass es richtig ist und viel bessere Techniken vorliegen, könnte die Soziologie an dieser Stelle ergänzend darauf hinweisen, dass die Entwicklung wie die Anwendung von Technik immer sozial eingebettet ist und solche Dinge wie politische Entscheidungsfindung, Legitimität, Gedächtnis, Antizipation, Erwartungen, Kommunikation, individuelle Intentionen, Kultur, Interpretationen, Strategien, Emotionen etc. mitwirken – eventuell zu einem Grade, mit dem auch die sicherste Technik ausgehebelt wird. Es könnten diese Elemente sein, die in ihrer Wechselwirkung ein System „komplex“ werden lassen, so dass z.B. eine kleine politische Entscheidung letztlich dann doch zu einem Unfall führt.

In einem: Wenn die Soziologie von „Komplexität“ spricht, muss sie genauer werden und sagen, welche Komplexität sie meint. Wenn sie das Vorliegen von Komplexität behauptet, muss sie sich daran beteiligen zu zeigen, dass dies der Fall ist. Ansonsten verwendet sie nur inflationär ein Schlagwort, um Zustände zu beschreiben, die gefühlt sowieso alle kennen. Soziologen konkurrieren dann in der Beschreibung der komplexen Gegenwart mit Journalisten oder Schriftstellern – und da sehen sie vermutlich oft genug im Vergleich eher schlecht aus.

Ein letztes Wort in eigener Sache: Ich bin bereit, alles zu diskutieren und auf alles zu reagieren. Es ist ja eine wunderbare Chance für mich, produktiv irritiert zu werden. Zudem gehe ich hier bewusst das Risiko ein, ungeschützt und dennoch ein bisschen provokativ zu versuchen, Diskussionen in Gang zu setzen. Allerdings wird kein Kommentar mehr von mir seit heute zugelassen, der nicht in der Lage ist, den etwa bei soziologischen Fachtagungen oder auch sonst üblichen Umgangston zu respektieren und anzunehmen. Bewertungen von Personen etwa sollen hier keine Rolle spielen. Der Grund für diese Maßnahmen ist weniger, dass ich mich persönlich besonders betroffen fühlen würde, als dass diese Art des Kommentierens verhindert, dass sich noch weitere Personen beteiligen.