Das Medium 2.0 ist die Botschaft (2/2)

Bloggen für oder gegen den Ruhm?

Kann sich das Schreiben eines Blogs für eine Wissenschaftlerin lohnen? Aus reputationstaktischer Sicht sicher nicht. Dies ungeachtet dessen, dass in einigen Fächern der Ruf laut wird, ein „digital scholarship“ [i] auszubilden. Hier und anderswo ist es der begutachtete Fachartikel, der auf das Reputationskonto einzahlt. Alles andere, ob Sammelbandbeiträge, aufwändige Rezensionen oder eben Blogbeiträge sind in der Regel nicht peer-reviewed, daher zählen sie (vielerorts) nicht [ii]. Wissenschaftliche Karrierefibeln würden einem daher raten, sie gar nicht erst zu schreiben. Warum aber der standardisierte und begutachtete Aufsatz zum Goldstandard im eigenen Fach zu werden scheint, bleibt in einer Hinsicht rätselhaft. Dafür muss man nur auf die experimentellen Naturwissenschaften schauen, allen voran die Biowissenschaften, in denen die Definitionsmacht bestimmter Zeitschriften über wissenschaftliche Qualität ihren Anfang genommen hat. Mit der globalen wissenschaftlichen Expansion und der Anwendung journalbasierter Indikatoren und Ratings wurde die Was-Frage durch die Wo-Frage abgelöst, „publish-in-top- journals-or-perish“.

Dafür gibt es zunächst gute Gründe. Eine Veröffentlichung in einer renommierten Zeitschrift suggeriert geprüfte Qualität nach innen und außen. Die Delegation der Qualitätsprüfung an Journale wirkt auf die wissenschaftliche Community befreiend und beschränkend zugleich. Es befreit jede Einzelne von der genaueren Lektüre, aber beschränkt die eigene Autonomie des kritischen Urteilsvermögens im Zuge der Rezeption und Bewertung. Wie die biomedizinische Forschung illustriert, sind auch die renommiertesten Journale nicht davor gefeit, dass sich publizierte Artikel im Nachhinein als falsch oder gar als Fälschung herausstellen – trotz Peer Review. Fälle dieser Art mehren die Kritik am Peer Review-System und an der Verwendung journalbasierter Indikatoren, insbesondere, weil ganze Karrieren aus Sicht der Betroffenen an Publikationen in den Spitzenzeitschriften hängen und damit einen unlauteren Wettbewerb hervorbringen, der dem Wissenschaftssystem mehr schadet als nützt [iii].

In der Soziologie existiert bislang weder ein formalisiertes Zeitschriftenrating (wie in den Wirtschaftswissenschaften) noch erlaubt der Journal Impact Factor ein Ranking nach Prestige, wenn die numerischen Unterschiede, gerade im deutschsprachigen Raum, zumeist nur in der Nachkommastelle liegen. Daher sind die Nebenfolgen des Impact Factor Games, wie man sie aus manchen naturwissenschaftlichen Fächern kennt, hier kaum virulent. Auf die Gefahren einer missbräuchlichen Nutzung zitationsbasierter Indikatoren haben DORA und das Leiden Manifesto on Research Metrics in den letzten Jahren eindringlich hingewiesen. Schon aus methodologischen Gründen eignen sich quantitative Maßzahlen nicht für Qualitätsaussagen über einzelne Artikel. Der inhaltliche Aussagewert journalbasierter wie artikelbasierter Zitationsstatistiken ist begrenzt. So kann empirisch betrachtet ein Artikel besonders hoch zitiert werden, entweder, weil er wissenschaftlich außerordentlich relevant oder im Gegenteil, besonders kontrovers aufgenommen wird und am Ende sogar zurückgezogen wird. [iv]

Hochzitierte Beiträge bilden jedoch mit Blick auf bibliometrische Daten eher die Ausnahme, von der deutschsprachigen Soziologie sowieso einmal ganz abgesehen. Die Zitationshöhe bleibt von vielen Faktoren abhängig: Publikationssprache, Größe des Fachs, Anzahl der Autorinnen usw. [v]. Der Erfinder des Journal Impact Factors und Gründer des Institute for Scientific Information, das das Web of Science aufgebaut hat, Eugene Garfield, rechnete einmal vor, dass von insgesamt 38 Millionen Zeitschriftenartikeln aus allen Fächern, die zwischen 1900 und 2005 veröffentlicht wurden, nur 0,5 Prozent mehr als 200-mal zitiert worden sind, 50 Prozent hingegen kein einziges Mal [vi]. Aus diesen Zahlen lässt sich nun weder schließen, dass die nicht-zitierten Beiträge gar nicht rezipiert worden sind, noch, dass die zitierten Beiträge auch gelesen wurden. Fest steht lediglich: Um wissenschaftliche Forschung befruchten zu können, müssen Ergebnisse zumindest sichtbar, verfügbar und auch nachgefragt sein. Beiträge, deren Titel gar nicht erst indexiert sind [vii], lassen die nötige Sichtbarkeit und damit auch die ihrer Zitationen häufig vermissen. Über ihre Wissenschaftlichkeit ist damit noch nichts gesagt.

Der Veröffentlichungsort erfüllt seine Funktion vor allem hinsichtlich der Rezeptionswahrscheinlichkeit. Je renommierter der Publikationsort (und je prominenter die Autorin) desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wissenschaftliche Ergebnisse auch wahrgenommen werden. Werden sie wiederum wissenschaftlich zitiert, gelten sie als wissenschaftszughörig. Prinzipiell sind aber weder Wissenschaftlichkeit noch wissenschaftliche Anschlussmöglichkeiten an bestimmte Publikationsmedien gebunden. Wenn man Wissenschaft als Kommunikationssystem fasst, dann ist es quasi unerheblich [viii], wo und wie etwas erschienen ist, um Anschlüsse zu generieren. Auch Blogs, genauso wie mediale Beiträge, könnten somit genauso wie Zeitschriftenartikel Wissenschaft potenziell anregen und/ oder die eigene Forschung voranbringen. Blogs oder andere soziale Medien per se als unwissenschaftlich zu deklarieren, scheint daher verfehlt, es kommt vielmehr auf die Nutzungs- und Rezeptionsweisen an.

Ein besonderer Vorteil des von einer Fachgesellschaft betriebenen Blogs ist, dass er – ohne hier auf Zahlen zugreifen zu können – Aufmerksamkeit generiert, um spezifische Themen und Inhalte zirkulieren zu lassen. Der öffentlich zugängliche Blog bedeutet somit eine sehr viel größere Reichweite als die eines Artikels in einer speziellen Fachzeitschrift. Damit kommt der Blog dem narzisstischen Grundbedürfnis der Wissenschaftlerin sehr entgegen, gelesen und womöglich verstanden zu werden.

Blogs versus Zeitschriftenartikel

Man könnte sogar behaupten, dass Blogs wissenschaftlichen Erkenntnisansprüchen vielleicht sogar noch näherkommen können als der standardisierte Forschungsartikel. Der Grund liegt nicht nur darin, dass digitale Blogbeiträge ohne Publikationsverzögerungen erscheinen können. Vielmehr zeigt der Blick zurück auf Flecks Ausführungen, dass der Zeitschriftenartikel inzwischen einen derartigen Bedeutungswandel erfahren hat, dass er den Merkmalen der Handbuchwissenschaft heute fast näher zu sein scheint, anstatt Raum für Neues bereitzustellen. Das der Zeitschriftenpublikation vorgeschaltete Peer Review Verfahren wird inzwischen mit Anforderungen überfrachtet, die per se nicht erfüllt werden können. Die Akzeptanz eines Manuskripts bedeutet nicht, dass die Ergebnisse wahr sind, sondern dass sie (von zumeist zwei Expertinnen) für publikationswürdig gehalten werden. Eine Überprüfung unter Wahrheitsgesichtspunkten würde gerade in den experimentellen Wissenschaften bedeuten, Ergebnisse im Labor zunächst versuchen zu replizieren, um daraufhin eine Veröffentlichungsentscheidung zu treffen. Dies ist alleine aus organisatorischen Gründen nicht möglich [ix]. Bereits die Suche nach geeigneten Gutachterinnen ist herausfordernd genug.

Wenn heute disziplinübergreifend von einer Replikationskrise der Wissenschaft die Rede ist, bedeutet dies, dass nicht alle zur Publikation zugelassenen Ergebnisse halten, was sie versprechen. Die Ursachen für Replikationsprobleme sind vielfältig, sicherlich spielen auch Fehlanreize hinein, die zum Trimming und Cooking von Daten geradezu verführen, um einen der begehrten Publikationsplätze zu ergattern. Die Annahme aber, dass es sich bei Zeitschriftenartikeln um bereits gesichertes Wissen handelt oder handeln sollte, verkennt die Logik der Wissenschaft, die ja gerade von der wechselseitigen Kritik lebt, um zu gesicherten Erkenntnissen zu gelangen. Dafür müssen sich die individuell gewonnenen Erkenntnisse aber auch der Kritik der Community aussetzen dürfen, sprich, veröffentlicht werden.

Genau aus diesem Grund war die Erfindung der wissenschaftlichen Zeitschrift im 17. Jahrhundert ein Katalysator für die Ausdifferenzierung der Wissenschaft. Mit der Umstellung vom adressatenbeschränkten Briefverkehr auf die Veröffentlichung der Erkenntnisse in regelmäßig erscheinenden wissenschaftlichen Zeitschriften wurde die Kumulation von Wissen vorangetrieben. Bis sich der Zeitschriftenartikel als primäre Form der Wissenschaft durchsetzte, dauerte es noch bis zum 19. Jahrhundert, in welchem auch der Artikel zu jener Form fand, die bis heute prägend ist. [x] Der wissenschaftliche Aufsatz kam dem Wunsch nach Sicherung der Entdeckungspriorität nach. Wenn wir heute unsere Publikationslisten online ausstellen, über Autorinnenreihenfolgen streiten und aus der Neurobiologie erfahren, dass Veröffentlichungen in High-Impact Journalen Glücksgefühle auslösen, dann wird einmal mehr deutlich, wie sehr wissenschaftlicher Reputationserwerb an Veröffentlichungen geknüpft ist und damit als soziale Motivationsstruktur wirkt.

Dabei hat sich im Laufe der Geschichte der Status des Forschungsartikels verändert. „The technique of the scientific paper, through simple and probably accidental in its origin, was revolutionary in its effects. The paper became not just a means of communicating a discovery, but, in quite a strong sense, it was the discovery itself“ (de Solla Price 1981: 3) [xi].

Dass eine solche implizite Gleichsetzung an Grenzen stößt, zeigt die gegenwärtige Infragestellung zahlreicher Publikationen in allen Disziplinen. Der Blog Retraction Watch liefert dafür genügend Anschauungsmaterial. Nicht nur, dass transparent wird, dass manche Ergebnisse nicht replizierbar sind und auf Irrtümern oder Fälschungen aufruhen. Vielmehr steht zur Debatte, ob der standardisierte, begutachtete Fachartikel statt Innovationen hervorzubringen, nicht vielmehr den Mainstream befördert und zwar aus strukturellen Gründen. Dafür muss man gar nicht unbedingt der These des Akademischen Kapitalismus folgen.

Es reicht vollkommen aus, die persönlichen Leseerfahrungen in Erinnerung zu rufen. Welche Artikel haben Sie in letzter Zeit besonders inspiriert? Wo kamen die Richtungsimpulse für die eigene Forschung her, aus aktuellen oder älteren Zeitschriftenartikeln, Buchbeiträgen oder Monographien – oder gar aus Tweets, Blogs oder Gesprächen? Worüber lohnt es zu diskutieren? Welche ‚Entdeckungen‘ finden gebietsübergreifend Resonanz, an welchen Veröffentlichungen kommt man in der Soziologie aktuell nicht herum? Mit diesen Fragen will ich hier im Blog gar keine Listenerstellung in der Kommentarspalte einfordern, dafür wäre Twitter sicher das geeignetere Medium. Worauf ich nur hinaus will, ist, dass die Funktion des Blogs für die Soziologie genau darin liegen könnte, eine Inspirationsquelle abzugeben – wie jedes andere Publikationsmedium auch, nur mit dem expliziten Anspruch versehen, die Leserinnen zum Mitdenken aufzurufen.

Um dem Bloggen für die Soziologie aber zum Erfolg zu verhelfen [xii], braucht es hierzulande noch eine Verständigung über die Zitierwürdigkeit von Blogposts und die Zuweisung einer DOI, um die technische Zitierfähigkeit zu erweitern – das vielleicht als Anregung an die DGS. Dies wäre nicht zuletzt auch für die Wissenschaftsforschung lohnenswert, denn empirisch betrachtet bleiben die Verwendungsweisen von Blogeinträgen noch größtenteils im Dunkeln, da etwaige Verweise nicht automatisch (nein?) wie Zitationen auf Zeitschriftenartikel getrackt werden.

Was folgt

Damit bin ich mit meiner Selbstvergewisserung, was ein Blog kann und soll, erst einmal am Ende. Wenn ich als Wissenschaftssoziologin also ab sofort für den SozBlog schreibe, dann geht es mir darum, mein Forschungsfeld praktisch unter die Lupe zu nehmen und mich der Medialität eines Blogs spielerisch zu nähern. Die leitende Frage ist: Was bedeutet die Umstellung vom Printmedium auf digitale Verbreitungstechnologie für die Wissenschaft und die Wissenschaftlerin?

Für Sie als Leserin kann ich die Erwartungen an den Blog nur insoweit wecken, als dass ich mich in den kommenden Wochen um eine Art öffentlich geführtes Forschungstagebuch bemühe, das über Fundstücke im Bereich Wissenschaftsforschung und Wissenschaftskommunikationsforschung berichtet. Publikationsfrequenz noch offen. Länge: kürzer (!). Es ist auch für mich ein Experiment. Ich hoffe, es ist für alle etwas dabei.


[i] Vgl. Hecker-Stampehl, J. (2013). Bloggen in der Geschichtswissenschaft als Form des Wissenstransfers. In: P. Haber & E. Pfanzelter (Hrsg.), historyblogosphere. Bloggen in den Geschichtswissenschaften München: Oldenbourg, S. 37–50.

[ii] Welche Effekte die Verdrängung aller anderen Publikationsmedien zugunsten des begutachteten Artikels zeitigt, lässt sich wohl derzeit am besten in den Wirtschaftswissenschaften studieren.

[iii] Die mit der Definitionsmacht der Journale über wissenschaftliche Karrieren verbundenen Gefahren für die Wissenschaft wurden von niemandem so eindrucksvoll geschildert wie von dem Biochemiker und seines Zeichens Nobelpreisträger Randy Schekman.

[iv] Mit Retractions hatte ich mich ausführlich in meiner Dissertation beschäftigt, als es darum ging, fehlende wissenschaftliche Relevanz von Artikeln (unabhängig vom Renommee der Zeitschrift) zu operationalisieren. Eine ausführliche Erörterung der Fallbeispiele aus der Stammzellforschung findet sich dementsprechend hier auf S. 190 ff.

[v] Trotz der weiten Verbreitung bibliometrischer Indikatoren und unzähliger Analysen bildet eine Theorie der wissenschaftlichen Zitation nach wie vor ein Desiderat.

[vi] Aus: Garfield, Eugene (2006): The History and Meaning of the Journal Impact Factor. JAMA, 295, 90–93. Über Hinweise zu aktuelleren Zahlen und großangelegten Untersuchungen wäre ich dankbar.

[vii] Mit der digitalen Veröffentlichung verliert jedoch auch die Zeitschrift insofern an Bedeutung, als dass personalisierte Empfehlungsdienste per Webcrawler die Informationen ungeachtet ihres Erscheinungsorts zur Nutzerin bringen.

[viii]  Die Umstellung auf post-publication peer review könnte einen Funktions­wandel der wissenschaftlichen Zeitschrift mit sich bringen, so zumindest die weitreichende Vision von: Kriegeskorte, Nikolaus (2012). Open Evaluation: A Vision for Entirely Transparent Post- Publication Peer Review and Rating for Science. Frontiers in Computational Neuro­science, 6 (79). doi: 10.3389/fncom.2012.00079

[ix] Im Kontext eines Fälschungsskandals rund um Klonierung hat die Zeitschrift Nature tatsächlich ein sogenanntes replicator’s review veranlasst, um die proklamierten Ergebnisse vor der Veröffentlichung verifizieren zu lassen.

[x] Zur Historie des experimentellen Papiers siehe Bazerman, Charles (1988): Shaping Written Knowledge. The Genre and Activity of the Experimental Article in Science. Madison: The University of Wisconsin Press.

[xi] Price, Derek J. de Solla (1981): The Development and Structure of the Biomedical Literature.In: Warren, Kenneth S. (Hg.): Coping with the Biomedical Literature. New York: Praeger Publications, 3–16.

[xii] Wie man die Sichtbarkeit von Blogs über soziale Medien noch weiter erhöht und die Aufmerksamkeit auf Themen lenkt, lehrt das Blogimperium der London School of Economics, so bspw. der lesenswerte LSE Impact Blog.