„Man darf sich nie von seinem Gegner den Grad der Radikalität des eigenen Denkens und Handelns vorschreiben lassen“. Hans Paul Bahrdt und die „68er“-Bewegung. Ein Gespräch mit Wolfgang Eßbach (Teil 2)

Römer:

Für einen phänomenologisch orientierten Soziologen wie Bahrdt stand immer die Frage nach alltäglichen Handlungsvollzügen und sozialen Praktiken im Mittelpunkt. Insofern ist es naheliegend, hier genauer nach den konkreten Veränderungen im Alltag des Göttinger Soziologischen Seminars zu fragen, die sich in der Zuspitzung der Studentenbewegung ergaben. Es ist ja gemeinhin bekannt, dass sogar linke Hochschullehrer spätestens im Jahr 1968 mit erheblichen Problemen zu kämpfen hatten. Über die Situation in Berlin und Frankfurt wissen wir vieles, aber auch im „roten“ Marburg, dem einzigen Universitätsstandort, an dem die Soziologie fast schon „monopolistisch“ durch marxistisch orientierte Wissenschaftler vertreten wurde, entluden sich zum Teil heftige Spannungen zwischen Lehrenden und Studierenden. Bahrdt, der sich selbst als Liberaler bezeichnete und den wir aufgrund seiner politischen Haltung sicherlich dem sehr heterogenen linksbürgerlichen Spektrum in der Bundesrepublik zuordnen können, schreibt, er sei damals von der Plötzlichkeit des Ausbruchs überrascht worden. Gleichwohl beschreibt er die Göttinger Studentenbewegung als eine Bewegung von „geringer Heftigkeit“, wenn auch in ihren Folgen „zäh und nachhaltig“. Wie sehr standen in Ihrer Erinnerung die Göttingen und Bahrdt selbst im Fokus der Studentenbewegung? „„Man darf sich nie von seinem Gegner den Grad der Radikalität des eigenen Denkens und Handelns vorschreiben lassen“. Hans Paul Bahrdt und die „68er“-Bewegung. Ein Gespräch mit Wolfgang Eßbach (Teil 2)“ weiterlesen

„Man darf sich nie von seinem Gegner den Grad der Radikalität des eigenen Denkens und Handelns vorschreiben lassen“. Hans Paul Bahrdt und die „68er“-Bewegung. Ein Gespräch mit Wolfgang Eßbach (Teil 1)

Römer:

Lieber Herr Eßbach, im Rahmen des 39. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) werden Sie über den Kriegsheimkehrer und Soziologen Hans Paul Bahrdt reden und Bahrdts Weg zur Soziologie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg skizzieren. Bereits im Wintersemester 2015/16 haben Sie einen autobiographisch orientierten Vortrag über Ihre Zeit in Göttingen von 1966 bis 1986 gehalten, in dem auch Bahrdt eine wichtige Rolle spielte. Es liegt deshalb nahe, in einem Gespräch auf die Verknüpfungen zwischen beiden Vorträgen etwas ausführlicher einzugehen. Bahrdt selbst war ja in den 1960er Jahren neben dem aus Wilhelmshaven gekommenen Max Ernst Graf zu Solms Roedelheim das professorale Gesicht des Göttinger Soziologischen Seminars. Zugleich hatte Bahrdt schon in den späten 1950er Jahren mit den gemeinsam mit Heinrich Popitz, Ernst August Jüres und Hanno Kesting durchgeführten empirischen Untersuchungen in der Hüttenindustrie des Ruhrgebiets als Industriesoziologe auf sich aufmerksam gemacht – eine Untersuchung, die nicht nur wichtige methodologische Innovationen bot, sondern auch in der zwischen Soziologie, Sozialdemokratie und westdeutscher Linker ausgetragenen Diskussion über die Klassenstruktur der Bundesrepublik intensiv zur Kenntnis genommen wurde. Mit dem 1961 erschienenen Buch „Die moderne Großstadt“ wirkte Bahrdt über eine engere Fachöffentlichkeit hinaus in andere Berufsfelder wie zum Beispiel Architektur und Stadtplanung. Er machte Mitte der 1960er Jahre außerdem eine Sendereihe für das Fernsehen, um die Soziologie einem breiteren Publikum zu präsentieren und war Impulsgeber für die Gründung des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) in Göttingen.

Kurzum: Bahrdt war ein öffentlicher Soziologe, wie er im Bilderbuch steht, und in der Zeit, in der Sie nach Göttingen kamen, auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft und Bekanntheit. „„Man darf sich nie von seinem Gegner den Grad der Radikalität des eigenen Denkens und Handelns vorschreiben lassen“. Hans Paul Bahrdt und die „68er“-Bewegung. Ein Gespräch mit Wolfgang Eßbach (Teil 1)“ weiterlesen

Was haben Soziologie und DDR-Philosophie miteinander zu tun? Einige projektive Überlegungen aus Anlass der Eröffnung des 39. DGS-Kongresses in Göttingen

Als der Ost-Berliner Philosoph Peter Ruben Anfang der 1980er Jahre zunächst unter Revisionismus-Verdacht und schließlich in ein SED-Parteiausschlussverfahren gerät, wendet er sich mit einem Artikel an die Deutsche Zeitschrift für Philosophie, der den Titel „Das Arbeitskonzept und die materialistische Dialektik. Bemerkungen zu einem Meinungsstreit“ trägt. Diese Verteidigung gegen die Vorwürfe seiner wissenschaftlichen Gegner sollte vor dem Untergang der DDR nicht mehr erscheinen. Über die näheren Beweggründe dieser Zensur äußert sich schließlich Manfred Buhr, Leiter des Zentralinstituts für Philosophie in Ost-Berlin in einem internen Briefwechsel: Ruben verschiebe die „Angelegenheit“ und mache aus der Sache einen „Meinungsstreit“. Unabhängig davon, dass die Veröffentlichung der Ruben-Replik einer von Buhr wohl insgeheim befürchteten Blamage der DDR-Philosophie gleichgekommen wäre, ist diese Aussage auch deshalb entlarvend, weil sie veranschaulicht, dass es in der Causa Ruben – einem der letzten „Schauprozesse“ in der DDR – gerade nicht um wissenschaftliche, sondern um politische Fragen ging. Ruben hatte sich eingemischt und seine Kompetenzen als Mitarbeiter der Abteilung „dialektischer Materialismus“ weit überschritten, indem er etwa nach wissenschaftlichen Kooperationen mit Ökonomen oder Kommunikationswissenschaftlern suchte, damit aber das dogmatische Schema materialistischer Weltanschauung sowie die Arbeitsteilung am Zentralinstitut unterminiert. Schmerzlich zu Bewusstsein kam dies der DDR-Philosophie, als Hans Jörg Sandkühler im Westen eine Sammlung von Aufsätzen Rubens („Arbeit und Dialektik“) herausgab, aus deren Zusammenhang die Entwicklung einer eigenständigen Konzeption objektiver Dialektik erkennbar wurde. Der einerseits um seine wissenschaftliche Karriere besorgte, andererseits mit großen politischen Realitätssinn um die Verhältnisse in der DDR ausgestattete Manfred Buhr wusste um die Brisanz von Rubens mit der einschlägigen marxistisch-leninistischen Lehrbuchliteratur nicht mehr zu bändigenden Denken, dem in der Folge klare objektive Grenzen gesetzt wurden: Ruben wurde mit Reise- und Publikationsverbot belegt und damit als öffentlicher Philosoph in der DDR erledigt.

Was hat diese Geschichte aus der Wissenschaft eines nahen und doch so fernen Staates mit dem 39. Kongress der deutschen Gesellschaft für Soziologie zu tun? Blickt man auf die Beiträge der Eröffnungsveranstaltung in der Göttinger Lokhalle, so ließe sie sich möglicherweise als eine erhellende Parabel auf die Probleme lesen, mit denen sich die Soziologie heutzutage herumschlägt. „Was haben Soziologie und DDR-Philosophie miteinander zu tun? Einige projektive Überlegungen aus Anlass der Eröffnung des 39. DGS-Kongresses in Göttingen“ weiterlesen

Wir und die anderen. Der DGS-Kongress 2018 beginnt.

It’s this time of the year again: Morgen beginnt an der Universität Göttingen der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Irgendwo zwischen Sektionen, Festvorträgen, Mitgliederversammlung und Kongress-Party ist die Tagung ein jahrgangsübergreifendes Wiedersehen und Kennenlernen mit jungen und alten Soziolog*innen. Die Anmeldungen gehen in den vierstelligen Bereich, die Göttinger Hotelindustrie hat eine gute Zeit und heute und morgen begeben sich überall in Deutschland Personen mit Rucksack und Rollkoffer zum nahen Bahnhof.

Die meisten Kongress-Teilnehmer*innen reisen wahrscheinlich mit der Bahn – Bahnpendeln ist in akademischen Kreisen schließlich eingeübte Praxis, zwischen alter und neuer Arbeitsstelle, zwischen Wohn- und Arbeitsort, zu Beziehungspartner*innen, Verwandten, Kongressen, Workshops, Vorstellungsgesprächen usw. Dabei Bahnfahren ist in Wissenschaftskreisen längst Ideologie geworden; der Verweis, wie effizient man dort arbeiten könne, überdeckt die eigene Prekarität und Fremdbestimmtheit. Umso besser, wenn  man nicht alleine ist: Auf den Bahnhöfen der Republik (und des nahen Auslands) treffen die Anreisenden neben Wochenendpendler*innen, Fußballfans usw. auch auf verwandte Akademiker*innen, genauer auf Politikwissenschaftler*innen und auf Historiker*innen. Zeitgleich mit der Soziologie halten diese beiden größten Nachbardisziplinen ebenfalls ihre (zwei-)jährlichen Kongresse ab. Der Verein für Politische Wissenschaften tagt in Frankfurt am Main, in Münster ist Historikertag. Im Hintergrund der Terminwahlen mögen wichtige Gründe und unabwendbare Sachzwänge stehen, vordergründig ist der Eindruck aber unglücklich. Während Interdisziplinarität bei Forschungsvorhaben groß geschrieben wird, zwingt der Kongressbesuch zur Entscheidung: Soziologin und Politikwissenschaftlerin sein – das geht dieses Jahr nicht. Personen und Projekte – etwa Forschungsverbunde – die sich in mehr als einer Welt sehen werden gezwungen, sich zu positionieren. Angesichts der Überschneidung werden sich nur wenige Kolleg*innen dieser beiden Disziplinen zum Soziologiekongress kommen – und vice versa. Das hat Konsequenzen: Der Blick von außen wird diesem Soziologiekongress in wichtigen Teilen eher fehlen. Die Erschütterung lieb gewonnener Entwicklungsnarrative durch historische Erforschung spezifischer Details etwa muss unterbleiben. Mehr noch: Die Beziehungen der Disziplinen untereinander werden in der kommenden Woche nicht zum Thema gemacht – in keiner Stadt. Die Frage, was wir eigentlich voneinander lernen könnten, unterbleibt. Doch während sich die Disziplinen in räumlicher Distanz üben, sind die Themen der Kongresse verwechselbar. Gespaltene Gesellschaften, Komplexe Dynamiken globaler und lokaler Entwicklungen, Grenzen der Demokratie. Kein Motto verweist auf eine abgrenzbar soziologische, politikwissenschaftliche oder historische Thematik oder Methodik. Angesichts der Vielfalt innerhalb der Disziplinen braucht das nicht verwundern und es ist auch kein Ausdruck von Beliebigkeit, aber die Frage bleibt: Wenn wir uns so (vermeintlich?) ähnlich sind: Sollten wir es nicht schaffen uns häufiger zu sehen?

Auch, wenn sich die Soziologie auf ihrem Kongress mit Historischem beschäftigt, kann ein Selbstbezug festgestellt werden. Geschichte in der Soziologie ist vor allem Geschichte der Soziologie. Eine interessante Ausnahme bilden Beiträge zu außereuropäischen Räumen, die im Titel häufiger einen historischen Bezug aufweisen.

Ein Unterschied allerdings fällt bei der Durchsicht des Programms sofort ins Auge: Die Wahl des Gastvortragenden. Die Politikwissenschaft hat sich den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier gesichert während der Historikertag mit dem zweiten Mann im Staat, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble vorlieb nehmen muss; Bettina Gaus hält den Eröffnungsvortrag beim DGS-Kongress und schreibt für die taz. Staatswissenschaft möchte die Soziologie nicht sein, die Bestätigung der eigenen Relevanz durch Repräsentanten der Herrschaft wird nicht gesucht. Dennoch ist es wichtig zu fragen: Für wen machen wir Soziologie und wer nimmt uns wahr? Die Sonderveranstaltung ‚Soziologie für alle‘ am Donnerstagabend beschäftigt sich mit diesem Thema. Anknüpfungspunkte an diese Frage bietet schließlich die Diskussion um die Akademie für Soziologie, die auch auf diesem Blog bereits geführt wurde, und die sich einerseits um Begriffe, wie Evidenz, Empirie, Objektivität und Wissenschaftlichkeit dreht, andererseits aber auch fragt, welche Rolle die Soziologie bspw. in der Politikberatung einnehmen soll. Obwohl diesen Fragen keine eigenen Panels gewidmet sind, haben sie das Potential zu einem präsenten Thema dieser Tagung zu werden – ob als Nachfrage in Sektionen oder immer wiederkehrendes Pausengespräch.

Gibt es ansonsten Megatrends in der deutschsprachigen Soziologie? Wahrscheinlich nicht. Die komplexen Dynamiken verweisen schließlich nicht nur auf die Welt da draußen, sondern auch auf die Komplexität und Vielgestaltigkeit nach innen. Die Antwort auf die Frage „Was macht eigentlich die Soziologie?“ wird am Freitag keineswegs einfacher oder gar kürzer ausfallen, vielleicht aber anders und eventuell sogar besser.