„Sportswashing“: Mit der Fußball-WM zur Imageverbesserung – ein kluger Scha[i]chzug?

Der Spitzensport als „Waschmittel“ für ein sauberes Image

Im Zusammenhang mit der Fußball-WM in Katar fällt immer häufiger der Begriff „Sportswashing“. Ursprünglich nutzten vor allem NGOs wie Amnesty International den Begriff. Inzwischen hat er sich aber auch in den Medien etabliert. In der Sportwissenschaft ist der Begriff ebenfalls angekommen, wird aber im Hinblick auf seine analytische Tragfähigkeit und seine Trennschärfe gegenüber ähnlichen Begriffen kritisch diskutiert.

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Korrupt, aber stabil: Die FIFA als „politische Maschine“

Eine WM in Katar: Wie konnte es dazu kommen?

Als der Weltfußballverband FIFA die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2022 nach Katar bekanntgab, machte sich bei vielen Beobachter*innen Ungläubigkeit breit. Das kleine Ausrichterland war kaum als Fußballhochburg bekannt, die klimatischen Bedingungen machten ein Großsportereignis während der Sommermonate unmöglich, die FIFA-internen Berichte bewerteten Katar als Gastgeberland ebenfalls vergleichsweise schlecht. Mittlerweile ist gut belegt, dass Katar die WM durch Bestechung und weitere fragwürdige Praktiken erlangt hat. Während die Medien diese Vorgänge ebenso wie die eklatante Verletzung von Menschenrechten berechtigterweise skandalisieren, liefert die FIFA für Sozialwissenschaftler*innen hervorragendes Anschauungsmaterial für die Gültigkeit grundlegender organisationssoziologischer Einsichten. Bereits Philip Selznick hat in seinem Klassiker von 1949 „TVA and the grassroots“ demonstriert, dass interessierte Akteure Organisationen „übernehmen” und sie für ihre Ziele entgegen dem ursprünglichen Organisationszweck instrumentalisieren können. Trotz dysfunktionaler Zielverschiebungen überleben solche Organisationen, solange sie sich auf eine ausreichend große Unterstützerkoalition verlassen können. So stellt die FIFA auch ein Lehrstück für die Dynamik transnationaler Organisationen dar.

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Schauen oder nicht schauen, das ist hier die Frage: Die kontroverseste Fußball-WM aller Zeiten steht uns bevor

Ein globales „Mega-Event“?

Der FIFA World Cup gehört unbestritten zu den wenigen wirklich globalen Ereignissen. Rund 3,2 Milliarden Menschen auf diesem Planeten, so schätzt die FIFA, werden einschalten, wenn ab 20. November in Katar gegen den Ball getreten wird. Diese mediale Reichweite ist beeindruckend. Auch andere Dimensionen der WM sind gewaltig: Einschließlich der Stadionbauten hat Katar knapp 150 Milliarden Euro für die Ausrichtung des Turniers verplant – das ist mehr als die letzten fünf Endrundenturniere gemeinsam gekostet haben. Hinzu kommen dreistellige Milliardenbeträge für Infrastrukturprojekte, wie z.B. ein Autobahnring um Doha oder neue U-Bahnlinien. Bisherige Weltmeisterschaften haben bis zu 3 Millionen ausländische Tourist*innen angezogen. Schätzungen zufolge werden diesmal nur halb so viele Menschen in das kleine Golfemirat reisen. Trotzdem: Nimmt man einen Klassifikationsvorschlag für Großereignisse, den Michael Müller in seinem Beitrag „What makes an event a mega-event?“ macht, als Bezugspunkt, dann ist der FIFA World Cup in Katar gar kein Mega-Event, sondern noch mehr: ein „Giga-Event“. Größer geht es nicht.

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Contrasts and Contradictions

Die #ASA2022 Conference ist vorbei. Es waren aufregende und erkenntnisreiche Tage. Die vielen neuen Bekanntschaften und Eindrücke müssen noch sortiert werden und die letzten Tage voller Kontraste und Gegensätze hallen weiter nach. Ich werde die Tagung und die großartigen Menschen, von denen ich lernen konnte und mit denen ich diskutieren durfte, noch lange in guter Erinnerung behalten bzw. haben sich auch einige spannende Verbindungen für die Zukunft entwickelt.

Hier noch einige wenige Gedanken, die an die vielen vielen Eindrücke anschließend weiterklingen. So zeigte nicht nur Los Angeles selbst an jeder Straßenecke wie nah Wohlstand und Armut beieinander liegen. Auch die Konferenz hat dies immer wieder vor Augen geführt. Die vielen spannenden Veranstaltungen zu sozialen Ungleichheiten, Vulnerabilitäten und intersektionellen Verschränkungen unterschiedlicher Differenzkategorien waren oftmals verbunden mit dem Anspruch nach Verbesserungsmöglichkeiten für Lebensbedingungen. Oder diese zumindest zu suchen.Diese Erkenntnisse – die nicht nur aufgrund der aktuellen Situation – auch immer wieder mit Klimaveränderungen verbunden wurden, wurden beim Verlassen des Convention Centers sofort kontrastiert. Das durch die Klimaanlage heruntergekühlte, komplett verglaste Gebäude entließ die Gehenden in die trockenen 32°C der Stadt. Eine Stadt die hauptsächlich darauf ausgelegt ist, sich dort mit einem Auto zu bewegen. In der es unglaublich viel Platz für sich bewegendende und parkende Autos gibt. Deren öffentlicher Nahverkehr nur wenig einladend ist und, zumindest meiner kurzen Erfahrung nach, größtenteils von der ärmeren Bevölkerung genutzt wird. In etwa vier Autostunden Entfernung brannte zeitgleich der berühmte Yosemite Park wie auch in Europa die Trockenheit Waldbrände und Niedrigwasserstand für Flüsse bedeutete. Und sicher ist, dass es vor allem ärmere Menschen sind und sein werden, die als erste mit den Folgen umgehen müssen.In Gesprächen vor Ort ließen Menschen durchblicken, dass sie so wenig Regen schon sehr lange nicht mehr erlebt haben. In ähnlicher Weise habe ich es auch in Deutschland wahrgenommen. Deutlich ist allen, dass die aktuellen Geschehnisse dringender Handlungen bedürfen. Es bedarf global ausgerichteter Perspektiven, die nicht bloß bedeuten dürfen, dass sich Menschen in Ländern des globalen Nordens  auf elektrisch betriebenen Autos oder Fahrrädern ausruhen. Erneuerbare Energien zugänglich zu machen und auszubauen kann eben nicht nur auf die wohlhabenden Regionen der Erde beschränkt bleiben, sondern muss gemeinsam mit allen weiterentwickelt werden. Die vielen Ideen, die hierzu bereits bestehen, und zwar eben auch in Ländern des globalen Südens, müssten dazu allerdings weiterverfolgt werden.

Decentralize!

Ein kleines Highlight neben den vielen Gesprächen, Diskussionen und Vorträgen war die Diskussionsveranstaltung zu „Decentering Sociology from the Global North: Going Beyond Theory and Epistemology“. Die Diskutant*innen (Nazli Kibria, Victor Agadjanian, Marco Garrido, Paul Almeida) führten aus unterschiedlichen Perspektiven in Ihre Arbeit und Sichtweisen ein. Peggy Levitt stellte dem einen einführenden und stärker praxisbezogenen Teil voran und Cecilia Menjivar ergänzte beziehungsweise führte Nachfragen aus. Interessant war auch, dass die gesamte Veranstaltung sowohl vor Ort als auch virtuell verfolgt werden konnte. Was sicherlich auch die geringe Teilnahme vor Ort selbst erklärte.

Abends schlossen an das Tagungsprogramm weitere Receptions der einzelnen Sektionen in der ASA an, wo die Gespräche in netter Atmosphäre (z.B. im Rahmen einer italienischen Bar oder eines mexikanischen Hotels) weitergeführt wurden.

Klassentreffen, aber in sehr groß…

Während die nächste Konferenz der DGS in Bielefeld von vielen schon herbeigesehnt und beinahe liebevoll als ein Klassentreffen umschrieben wird, befinde ich mich gerade noch auf dem US-amerikanischen Pendant. Die #ASA2022 in Los Angeles funktioniert an sich genauso, nur ist alles sehr viel größer. Relational gesehen auch irgendwie logisch.

Dennoch kam genau diese Größe in einigen Gesprächen mit PhD Student*innen besonders zum Tragen. Gerade für Menschen auf Early Career Positionen sind viele der Preise unerschwinglich. Diese Preise sind mit der Örtlichkeit verbunden und die ist nun einmal das Los Angeles Convention Center.

Viele der Diskussionen drehen sich allerdings um Inhalte. Die wertschätzende und konstruktive Weise in der hier miteinander umgegangen wird ist großartig! Die Wissenschaftler*innen begegnen einander gleichermaßen interessiert und aufgeschlossen – unabhängig von Titel oder Status. Und so war auch die Diskussionsrunde in der unter anderem mein Vortrag („Queer Immigrants in the German Shelter System“) besprochen wurde, ebenfalls wunderbar produktiv.

Bücher, Bücher, Bücher und mehr!

Wie auf allen größeren Konferenzen gibt es auch auf der ASA 2022 einen Ausstellungsbereich, wo Verlage aktuelle Auswahlen ihres Programms präsentieren. Die große Auswahl und der versprochene Discount (40%) lassen nicht wenige Besucher*innen durch die Halle wandeln und die Produkte von Routledge, Sage oder NYUPress betrachten. Die Kugelschreiber und anderen Gimmicks wandern in die Laptoptaschen der Konferenzteilnehmer*innen und alles scheint wie es auch in Deutschland nicht anders wäre.

Allerdings fällt auf, dass Forschung zu queeren Themen hier nicht als ein Nischenthema verhandelt wird. Präsent bei vielen Verlagen stehen Arbeiten, die sich mit Geschlecht, Sexualität und Körpern beschäftigen. Und z.B. als ein Give Away bei NYUPress gibt es Buttons mit verschiedenen Pronomen zur Auswahl. Auch die Dissemination von wissenschaftlichen Themen durch andere Medien als nur Bücher oder Journalartikel findet einen Platz. An einem Stand werden akademische Inhalte in Grafik Novels umgesetzt präsentiert und das sequentielle Potential von Bildergeschichen erörtert.

What a day!

Nachdem in der letzten Nacht dreimal eine stark unter Drogen stehende Person versuchte in mein Apartment einzudringen und der Lärm im Haus auf sehr unheimliche Weise weiter eskalierte, musste ich erst einmal eine neue Unterkunft suchen: Welcome to Los Angeles!

Die Reception der ASA2022 im JW Marriot Building (Outdoor) erzeugte demgegenüber einen Eindruck von glitzernder heiler Welt: Ein riesiges Glas verkleidetes Gebäude und das Bier für 15$. Aber auch ein nettes kleines Buffet. Nicht gerade niedrigschwellig zugänglich oder zum langen Verweilen einladend, aber dennoch werden das die weiteren Veranstaltungen aufwiegen: Ich freue mich auf die anstehenden Diskussionen und Vorträge.

Spotlights on ASA 2022

Vom 05.08.-09.08.2022 findet in Los Angeles die American Sociological Association Conference statt https://www.asanet.org/annual-meeting/2022-annual-meeting. Ich werde hier in den nächsten Tagen für die DGS einige kleine Schlaglichter auf das Geschehen, die Vorträge und Roundtables werfen. Unter dem Titel “Bureaucracies of Displacement” versammeln sich bei ca 30°C  4500 Vortragende und 5000 Teilnehmer*innen in 600 verschiedenen Sessions, tauschen sich aus und vernetzen sich in den vielen thematisch gebündelten kleineren Panels und Roundtables. Platz genug ist dabei im Los Angeles Convention Center allemal.

Platz ist in Los Angeles insgesamt ein spannendes Thema. Alles ist weitläufig und bis auf die Hochhäuser in Downtown eher flach gebaut. In der Stadt selbst werden, wie in vielen Metropolen der Welt, soziale Unterschiede konzentriert sichtbar. Unter der Autobahnbrücke südlich des Convention Centers etwa, haben einige Menschen Zelte aufgebaut und trocknen Wäsche auf dem Zaun. Dieses, sich an vielen Brücken wiederholenden Bild, steht den riesigen Hotelkomplexen, der leuchtenden Werbung und Einkaufsgelegenheiten nördlich des Center gegenüber.

Um das Center betreten zu dürfen, muss mensch sich ein Badge abholen. Hierzu sind einige bürokratische Prozesse abzuwickeln, die vor allem im Vorhinein online durchführbar sind. Dann aber kann das Center mit diesem Badge jederzeit betreten werden und die Conference kann beginnen.

Kulturarbeiter:innen, die Pandemie und Neuverhandlungen von selbstständiger Arbeit

Abstract

Der Essay thematisiert die Folgen der Corona-Pandemie für Kulturschaffende unter besonderer Berücksichtigung von selbstständiger Arbeit. Die schwerwiegenden Auswirkungen auf die Soziallagen sowie die alltägliche Arbeitspraxis werden anhand eines Fallbeispiels aus dem Kreativsektor erläutert. Die Fallgeschichte eines solo-selbständigen Musikers zieht sich als roter Faden durch den Bericht. Er bildet den erwerbsbiografischen Hintergrund, um die Neuverhandlungen von selbständiger Arbeit zu beleuchten sowie einen Anker, anhand dessen auch die methodischen Bedingungen von ethnografisch orientierter Forschungspraxis unter pandemischen Bedingungen anzusprechen sind. Dabei berichtet die Autorin aus einem laufenden und zugleich pandemisch ausgebremsten Forschungsprojekt, in dem sie im Rahmen eines kollaborativen Transferprojekts einen Probenraum für darstellende Künstler:innen in Hamburg Barmbek untersucht. Waren die  Arbeitsverhältnisse von Kulturarbeiter:innen schon zuvor unsicher und projektbestimmt, hat sich deren Soziallage während der Pandemie existenziell zugespitzt. Das gilt insbesondere für die 17% Mini-Selbständigen unter ihnen, die kaum Rücklagen für Verdienstausfälle oder die Altersvorsorge bilden können. Befürchtet wird daher eine steigende Quote versteckter Armut unter Kulturarbeiter:innen sowie eine Vertiefung der Spaltung dieses Erwerbsbereiches – trotz Coronanothilfen. Doch es gibt auch gute Nachrichten: Corona könnte sich als Modernisierungsschalter für die soziale Absicherung von Künstler:innen erweisen, während zugleich eine Sachverständigenkommission an der Konzipierung von Mindesthonoraren bzw. fairen Vergütungskriterien für selbstständige Künstler:innen feilt.

Bitte nicht wieder.“, sagt der selbstständige Musiker Helge Hansen auf meine Frage, wie er auf die zwei Pandemiejahre zurückblickt. Er fügt hinzu: „Corona hat so ziemlich alles zerstört, was ich mir in den vergangenen 15 Jahren beruflich aufgebaut habe.“

Wir treffen uns im Januar 2022 zu einem Zoom Interview, während sich draußen die Omikron-Welle auftürmt. Auch unserem Livetreffen hat sie einen Riegel vorgeschoben. Eigentlich waren wir zu einem Kopräsenzgespräch verabredet. Das musste jedoch umdisponiert werden, als eines seiner Kinder mit einem positiven Coronatest aus der Schule kam und sich daraufhin die ganze Familie in Quarantäne begab.

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Profitieren Plattformen von der Covid-19-Pandemie? Kurzfristige Auswirkungen auf ortsabhängige und ortsunabhängige Plattformarbeit

Die COVID-19-Pandemie führte zu massiven und anhaltenden gesellschaftlichen Umbrüchen. Neben Maßnahmen wie Lockdowns und Kontaktbeschränkungen wurden viele Beschäftigte entweder arbeitslos, auf Kurzarbeit oder in die Heimarbeit geschickt. Angesichts dieser Bedingungen stellt sich die Frage, inwiefern die Pandemie als möglicher Katalysator für Plattformarbeit dient. Denn die Geschäftsmodelle von Plattformunternehmen basieren darauf, verschiedenste Dienstleistungen mit einer hohen örtlichen und zeitlichen Flexibilität und geringen Kontakten zu vermitteln. Die Pandemie scheint prädestiniert dafür, um weitere Voraussetzungen zu schaffen, die diese Charakteristika besonders attraktiv machen.

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Zur Systemrelevanz interaktiver Arbeit – in der Corona-Krise und darüber hinaus

Die Sektionen der Arbeitssoziologie (ÖGS) und der Arbeits- und Industriesoziologie (DGS) haben auf dem gemeinsamen Kongress von DGS und ÖGS im letzten Sommer im Zusammenhang mit der Corona-Krise die Frage nach dem „Wert der Arbeit“ gestellt. In unserem Beitrag arbeiten wir den besonderen Wert von Dienstleistungsarbeit im Kund*innenkontakt heraus – generell, aber auch unter den Besonderheiten von Dienstleistungskontakten in der Pandemie. Dort geht es um viel mehr als den Austausch von Leistung gegen Geld. In der Arbeit an und mit Menschen wird eine besondere Art von Arbeit geleistet: „interaktive Arbeit“ (Dunkel/Weihrich 2012). Denn Dienstleister*innen und Kund*innen müssen zusammenarbeiten, um ein Dienstleistungsergebnis zu erzielen. Die Herstellung und Aufrechterhaltung einer solchen Kooperationsbeziehung ist eine anspruchsvolle Angelegenheit: Man muss sich unter unbestimmten Voraussetzungen verständigen, Ziele und Vorgehensweisen miteinander aushandeln, Vertrauen aufbauen, Kompromisse machen und Konflikte befrieden – und all das in der Situation selbst und im Angesicht der/des Anderen.

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Mobiles Arbeiten im Homeoffice?

Institutionelle Lücken bei der nachhaltigen Gestaltung raum-zeitlich flexibler Arbeit

Zwar findet die Wertschöpfung industrieller Wissensarbeit seit langem im digitalen „Informationsraum“ statt (Boes et al. 2018), doch fungierte der physische Betrieb bis zur Corona-Pandemie noch immer als unmittelbarer Lebens-, Erfahrungs- und Diskursraum. Im Frühjahr 2020 wurden sodann unter immensem Druck adhokratische Homeoffice-Lösungen installiert. Es galt, schnellstmöglich eine funktionierende digitale Infrastruktur zu errichten, um trotz Krise arbeitsfähig zu bleiben. Pragmatismus, Improvisation und Entschlossenheit waren gefragt. Digitales Arbeiten wurde zur neuen Normalität. Und ein Zurück in die „alte Zeit“ wird es nach der Pandemie in vielen Unternehmen nicht geben – darüber legen unsere bisherigen Befunde klar Zeugnis ab.[1] Doch während hemdsärmelig Heimarbeitsplätze eingerichtet und virtuelle Arbeitspraktiken eingeübt wurden, blieb die Anpassung der regulatorischen Grundlagen auf der Strecke. Vor allem die in über vier Jahrzehnten betrieblicher Mitbestimmung gewachsenen Errungenschaften des Arbeits- und Gesundheitsschutzes drohen zu erodieren.

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Die Auswirkung der Corona-Krise auf berufliche Anerkennung und Compliance mit Anti-Corona-Maßnahmen

Berufliche Anerkennung und die Compliance mit Infektionsschutzmaßnahmen

Nach wie vor wütet Corona und die Frage, welche Faktoren die Befolgung von Infektionsschutzmaßnahmen zur Eindämmung der verheerenden Auswirkungen des Virus beeinflussen wird wichtiger denn je. Dieser Beitrag untersucht den Einfluss drei verschiedener Varianten sozialer Anerkennung – im Einzelnen am Arbeitsplatz, im Beruf sowie durch Anti-Corona-Maßnahmen der Politik – auf drei Indikatoren der Compliance mit Anti-Corona-Maßnahmen:  Die Akzeptanz von Infektionsschutzmaßnahmen am Arbeitsplatz, die Impfbereitschaft und die grundsätzlich wahrgenommene Legitimität der Corona-Politik. Dabei wird die These vertreten, dass alle drei Dimensionen sozialer Anerkennung über mehrere Kanäle auf die unterschiedlichen Aspekte von Compliance wirken, nämlich 1) durch die Stärkung von Selbstwirksamkeitsüberzeugungen, 2) durch eine Stärkung des kollektiven Verantwortungsbewusstseins und 3) vor allem durch eine Bestärkung des Institutionenvertrauens. Alle drei Mechanismen haben sich in der bisherigen Forschung als wesentliche Prädiktoren der Compliance mit Infektionsschutzmaßnahmen erwiesen.

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Herausforderungen und Lösungsansätze erwerbstätiger Eltern im verordneten Homeoffice

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich die Verlagerung mancher Tätigkeiten ins Homeoffice drastisch verstärkt und setzt Familien erheblich unter Druck. Das anfängliche Narrativ der „Krise als Chance“, welches durch das „Zurückgeworfen werden auf das familiäre Umfeld(Will-Zocholl/Klaus 2021) zur Reflexion über die bisherigen Arbeitsbedingungen einlud, wurde dabei schon früh in Frage gestellt. Stellte Homeoffice vorher oftmals ein Privileg dar, erzwingt die Pandemie im verordneten Homeoffice ganz neue Bewältigungsstrategien insbesondere von erwerbstätigen Eltern. Die beschlossenen Maßnahmen der Bundesregierung und Landesregierungen bedeuten seit März 2020 weitreichende Einschränkungen, von denen Familien in mehrfacher Hinsicht betroffen waren respektive sind: Institutionelle Kinderbetreuung sowie flexible Betreuungs-„BackUp“-Systeme fielen (großenteils) weg. Eltern arbeiteten häufiger von zu Hause aus, teilten sich einen Arbeitsbereich und mussten gleichzeitig die Kinderbetreuung und -erziehung gewährleisten. Der durchorganisierte Alltag schien und scheint vielerorts nicht mehr zu funktionieren und sein Gelingen ist für Familien oftmals noch voraussetzungsvoller geworden, als er es vorher bereits war. Dies betrifft auch diejenigen Gruppen, die durch ihre privilegierte Stellung in wissensintensiven Tätigkeiten bereits als sogenannte „Krisengewinner:Innen“ ausgerufen wurden.

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