The Presentation of Self in Digital Life

von Michael Wetzels

Es scheint sich wieder einmal, wenn auf die Ereignisse diesen Jahres geblickt wird, die Aktualität von Erving Goffmans berühmter Frage „What is it that‘s going on here?“[i] zu bestätigen. Allerdings hätte auch er nicht die beinahe schwindelerregende Dynamik vorausgesehen, welche eine ‚Gesellschaft unter Spannung‘ auszeichnet. Denn nicht nur die „Weltgesellschaft“[ii], sondern auch die DGS steht auf diesem digitalen Kongress unter ‚Spannung‘. Die Corona-Pandemie deckt wie keine andere „Singularität“[iii] der letzten Jahre die Brüchigkeit und Routinen auf, welche sich in das universitäre Leben eingebrannt haben. Ein digitaler Kongress mag zunächst wie ein Segen klingen. Statt Kaffee vom Buffet nun Genuss aus der hauseigenen Kanne, kein frühes Aufstehen und Rennen zum nächsten Seminarraum, alles digital, alles entspannt. Wirklich? Weit gefehlt. Denn in Routinen sind auch die Formen eingelassen, welche wir als Soziolog*innen nur zu gut kennen, nämlich wissenschaftliche Inszenierungen des Selbst. War vorher noch der Auftritt vor und in einem lokalen Livepublikum Teil solcher Inszenierungsstrategien, wechselt diese Form nun auch vom Analogen ins Digitale.

Für mich als Ethnographen ist dieser Umstand höchstinteressant. Denn was macht nun solch eine räumliche „Not-Ordnung“[iv] mit der Inszenierung von Sozialwissenschaftler*innen? Interessant war dabei ein Satz der DGS-Vorsitzenden, Birgit Blättel-Mink, den Vortragenden Toleranz und Aufmerksamkeit in den Videoformaten zu schenken. Ein Satz, der so auf analogen Verfahren nicht in dieser Direktheit fallen würde und die Brüchigkeit von Inszenierungsstrategien hervorhebt. Wie wurde „live“[v] nun aber aufgetreten? Und wie wird dieses „presenting“[vi] auf dem Kongress organisiert? Um diesen Fragen nachzugehen, bin ich in dieser Woche auf Basis einer „virtual ethnography“[vii] in die digitalen Leben auf dem Kongress eingetaucht. Mein Bericht basiert dabei auf Kurznotizen[viii], Bildern und Beiträgen einiger sozialwissenschaftlicher Kolleg*innen, welche unter dem Hashtag (#) #DGSoz2020 auf der Social-Media-Plattform Twitter zu finden waren.

(1) Welcher Hintergrund darf’s heute sein? –  Räumliches „Presenting“ als refiguratives Spannungsfeld

Ob von zu Hause, aus dem Büro oder dem Café – die Digitalisierung des Kongresses durch Videokonferenzprogramme (hier das Programm Zoom) schuf neue Möglichkeitsräume der Inszenierung für die Teilnehmenden (Organisierende, Vortragende und Zuhörende), wobei dies einerseits Flexibilität wie auch Spannung bedeuten konnte. Flexibilität war dabei vor allem auf Seiten der Zuhörenden festzustellen. Die Möglichkeit zu entscheiden, ob mit oder ohne Livevideo teilgenommen werden kann, erleichterte die Inszenierungsqualität im digitalen Raum enorm, da neben einem Livevideobild entweder ein schwarzes Bild mit selbst gewähltem Namen oder ein Selbstportrait gezeigt werden konnte (Abb. 1).

Abb. 1: Bewegte Kacheln, schwarze Bildschirme und Selbstportraits

Dem Vortrag konnte so gelauscht werden, während der Kaffee in der Küche getrunken wurde, die Wohnung geputzt oder nach der Wäsche auf dem Balkon geschaut werden konnte, und das alles ohne die Vortragenden in ihrer Konzentration zu stören. Perfekte Situation also? Nicht ganz. Denn strukturelle Gepflogenheiten wissenschaftlicher Inszenierungen verschwinden nicht einfach mit der Flexibilisierung des Ortes und dies stellte gerade bei laufenden Kameras die Teilnehmenden vor neue Aufgaben. So war auffällig, dass die (privaten) Räume stets ausgeschmückt waren mit einem Hintergrund, welcher ein akademisches Umfeld suggerieren sollte (Abb. 2).

Abb. 2: Von Büchern, (weißen) Wänden und Kunst

Oft saßen Vortragende, Organisierende und auch Zuhörende entweder (1) vor mit Büchern gefüllten Regalen, (2) in Räumen, die eher schlicht, heißt mit einer (weißen) Wand und Kunstobjekten (Bilder, Statuetten etc.), ausgestattet waren oder es wurde (3) ein Bildhintergrund genutzt. Ein Theater, ein Vorlesungssaal oder auch eine virtuelle Bücherwand dienten als Verschleierung des lokalen Ortes der eigenen Inszenierung. Je nachdem, was für strukturelle Ressourcen zur Verfügung stehen (Arbeitszimmer, Büroraum etc.), kann eine Präsentation also von unterschiedlichen Spannungen begleitet sein, vor allem bei den Vortragenden und Organisierenden. Zu sehen war dies vor allem an der gewählten Kleidung. Diese war mehr konventionell (Hemd, Bluse, Anzug mit roter Krawatte) denn leger und sollte den Eindruck von Wissenschaftlichkeit und einem möglichst hohen „Prestige“[ix] vermitteln. Der Inszenierungsraum befand sich somit in einem Spannungsfeld von Refiguration[x] und erzeugte den Effekt eines verstärkten Achtens auf die eigene Inszenierung:

Bin ich zu sehen und wenn ja, was oder wer noch? Wirke ich seriös oder nicht seriös genug in diesen digitalen, wissenschaftlichen Begegnungen?[xi]

(2) Die Verstummung des Applauses: Veränderte Interaktionen in digitalen Kontrollräumen

Das Setting der räumlichen Inszenierung ist aber nur eine Facette. Es muss auch über die veränderte Konstellation (körperlicher) Kopräsenz gesprochen werden, welche einen massiven Effekt auf die Inszenierung hatte. Die Situation sollte sich noch einmal verdeutlicht werden: Das Livepublikum wurde von einer physischen Kopräsenz auf die digitale Ebene übertragen. Dies erhöhte zwar die Anzahl an Partizipierenden in den jeweiligen Sessions massiv (mittlere, dreistellige Zahlen wurden zum Teil  gemessen), veränderte aber auch die Machtkonstellation zwischen den Vortragenden, den Zuhörenden und den Veranstaltenden.

Die Videoprogramme waren dabei zugleich Mittler und Kontrollinstanz. Zunächst kam es darauf an, welches Videoprogrammformat vorlag: Ein Webinar oder ein Meetingraum.[xii] Der Unterschied ist: Während in einem Meetingraum verschiedene Partizipationsmöglichkeiten gegeben waren (Chataustausch, Einsehen der Teilnehmenden, Reaktionen per Emoticons wie Klatschen oder Daumen hoch), fehlten diese Möglichkeiten in einem Webinar. Die Mikrophone waren automatisch ausgeschaltet, die Chatfunktion deaktiviert und nur ein von den Veranstaltenden kontrolliertes F&A konnte genutzt werden, was aber an der Konstruktion dieses bestimmten Formates lag.[xiii] Die fehlende Interaktion war aber ein Punkt, der immer wieder von Teilnehmenden kritisiert wurde, sodass der Austausch auch auf andere Kommunikationskanäle wie Twitter stattfand.[xiv]

Aber auch in offeneren Meetingräumen war eine Machtasymmetrie zu bemerken, und besonders machtvoll dabei: die Veranstaltenden der Sessions.[xv] So wurde am Anfang der Sessions immer wieder auf die gängigen Regeln (z.B. die Mikros und eventuell auch Videobildschirme auszuschalten) hingewiesen. Dies förderte bei den Zuhörenden die beschriebene Flexibilität, erzeugte aber auch eine höhere Professionalität auf Seiten der Vortragenden. Die Zeitlimits wurden nicht nur penibel eingehalten, sondern auch die Stringenz der Vorträge war deutlich besser als in manch einer Präsenzveranstaltung. Dies hatte allerdings den Preis, dass untereinander (außer über Chat) keine wirkliche Interaktion stattfand, was beispielhaft am ‚stummen Applaus‘ gezeigt werden kann (Abb. 3).

Abb. 3: Applaus, Applaus, Applaus!

Das Dekret das eigene Audiosignal ausgeschaltet zu lassen, hatte die Konsequenz, dass deer Applaus, sonst ein Zeichen der positiven Zuwendung zu den Vortragenden, zu einer visuellen, ‚stummen‘ Geste transformiert wurde. Entweder war dieser sichtbar als Klatschen im Videofenster, was allerdings nicht gehört wird (rotes Symbol links unten mit durchgestrichenem Mikro) oder per anwählbaren Emoticon über die Funktion „Reaktionen“ (zwei klatschende Hände im linken Bildschirmrand). Dies ersetzte jedoch nicht, dass schlicht und ergreifend der einsetzende Ton des Applauses nach einem Vortrag fehlte. Und da dies auch als Zeichen der Missbilligung hätte verstanden werden können, versuchten die Veranstaltenden dies zu reparieren, indem sie den Applaus sprachlich vermittelten. „Ich sehe lauten oder leises Klatschen“ oder „Ich sehe viel Applaus auf den Bildschirmen“ waren solche Übersetzungsversuche, die allerdings die Sterilität des Ganzen nicht verschleiern konnten. Es blieb immer wieder das Gefühl eines ‚leeren‘ Raumes zurück, obwohl die ‚Anderen‘ anwesend waren. Dies merkte auch Birgit Blättel-Mink nach ihrem Applaus zum Abschluss der Eröffnungsveranstaltung des DGS-Kongresses an mit den Worten: „Schon gespenstisch, ne?“

(3) „Right now baby I’m torn“ – Zwischen digitaler Professionalisierung und Verlusterfahrung

Was folgt nun aus diesen Eindrücken? Zunächst einmal Lob. Sowohl an das Organisationsteam, die DGS und auch die Teilnehmenden ist nicht oft genug Dank auszusprechen. Sich der Herausforderung eines digitalen Kongresses zu stellen ist keine Selbstverständlichkeit und es bedarf einer gehörigen Portion Selbstdisziplinierung und Mut sich diesen neuen Formaten zu widmen. Es verbleibt mir in der Rolle einer soziologischen Grumpy Cat grummelig-maunzend somit zunächst zuzugeben, dass Inhalte und wissenschaftliche Diskussionen gerettet und durch die Eliminierung von Störgeräuschen sogar effizienter und zielführender gestaltet werden konnten.[xvi] Aber die „Geselligkeit“[xvii], welche zu wissenschaftlichen Inszenierungen dazu gehört, ist ein stückweit verloren gegangen. So professionell die Sessions auch gestaltet waren, am Ende befand man sich schlussendlich doch alleine vor dem Bildschirm, Diskussionen wurden abgebrochen und ein schales Gefühl des Unbehagens blieb zurück, dass hier etwas nicht stimmte.[xviii] Dieser digitale Kongress ist leider doch nur ein ‚halber‘ und kann nicht verschleiern, dass sich Gewohnheiten der Geselligkeit etabliert haben, die nun doch irgendwie fehlen. Die Umstellung von Präsenz- auf Digital’presenting‘ war und ist weiterhin eine Herausforderung, was auf dem Kongress gut beobachtet werden konnte. Die Corona-Pandemie wird somit weiter für Diskussionsstoff sorgen. Nicht nur in den Gesellschaften der Welt, sondern auch in der DGS. Über die Spannung und die Zerrissenheit zwischen erwünschter, digitaler Professionalisierung und den gegenwärtigen Verlusterfahrungen, welche auch in den zeitdiagnostischen Diskussionen zwischen Martina Löw, Hartmut Rosa und Andreas Reckwitz in der einzigen Präsenzveranstaltung des DGS-Kongresses eine zentrale Rolle spielten.[xix] Aber gerade deshalb sollten wir vielleicht alle ein bisschen mehr denken wie Silke Steets.

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[i] Goffman, Erving (1986): Frame Analysis. An Essay on the Organization of Experience. Northeastern University Press: Boston, S. 8.

[ii] Luhmann, Niklas (2005): Die Weltgesellschaft. In: Luhmann, Niklas (Hrsg.) Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft. Springer VS: Wiesbaden, S. 63-88.

[iii] Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Suhrkamp: Frankfurt am Main.

[iv] Knoblauch, Hubert/Löw, Martina (2020): Dichotopie. Die Refiguration von Räumen in Zeiten der Pandemie. In: Volkmer, Michael/Werner, Karin (Hrsg.): Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft. transcript: Bielefeld, S. 89.

[v] Kirschner, Heiko (2012): Go Live! Der User-Livestream als Präsentationsbühne. In: Lucht, Petra/Schmidt, Lisa-Marian/Tuma, René (Hrsg.): Visuelles Wissen und Bilder des Sozialen. Aktuelle Entwicklungen in der Soziologie des Visuellen. Springer VS: Wiesbaden, S. 157-171.

[vi] Goffman, Erving (1956): The Presentation of Self in Everyday Life. University of Edinburgh: Edinburgh, S. 18.

[vii] Hine, Christine (2000): Virtual Ethnography. SAGE: London/Thousand Oaks/New Delhi.

[viii] Die beschriebenen Beobachtungen sind freilich an meine eigene Perspektive gebunden und können von anderen abweichen. Zudem möchte ich insbesondere Martina Löw, Nina Elsemann und den Teilnehmenden der Session „SFB1265 goes DGS“ danken, dass ich Live-Screenshots während ihrer Veranstaltung machen durfte.

[ix] Goffman, Erving (1951): Symbols of Class Status. In: The British Journal of Sociology, 2 (4), S. 294.

[x] https://sfb1265.de

[xi] Goffman, Erving (1972): Fun in Games. In: Goffman, Erving (Hrsg.): Encounters. Two Studies in the Sociology of Interaction. Penguin University Books: Harmondsworth/Ringwood, S. 63.

[xii] Unter das Format Webinar fielen u. a. die Eröffnungsveranstaltung und die Keynotes, während die Meetings Sektionsveranstaltungen (Sessions, Mitglieder*innenversammlungen), Plenen oder AdHoc-Gruppen umfasste.

[xiii] https://twitter.com/dgskongress/status/1305549496286412802?s=20

[xiv] https://twitter.com/dawwidd/status/1305524230310834177?s=20

[xv] Betont sei, dass diese machtvolle Position nicht von Böswilligkeit begleitet war. Es stand vor allem die Funktionalität der Videosession im Vordergrund und die Organisierenden und Veranstaltenden mussten neben der Einhaltung der Regeln auch die gesamte digitale Kommunikation managen. Die Direktive zur korrekten Umsetzung der Veranstaltungsformate ging dabei von den Kongressorganisator*innen aus, s. https://kongress2020.soziologie.de/infos-fuer-organisator/innen

[xvi] https://twitter.com/ToBeAsBold/status/1306999196508192770?s=20

[xvii] Simmel, Georg (1911): Soziologie der Geselligkeit. In: DGS (Hrsg.): Verhandlungen des Ersten Deutschen Soziologentages vom 19.–22. Oktober 1910 in Frankfurt am Main. Mohr: Tübingen, S. 1–16.

[xviii] https://twitter.com/grautoene/status/1306189945489559553?s=20

[xix] https://www.youtube.com/watch?v=Na9LIrXeSIU&t=8s

Irrational Choice. Vermischtes

Schule. Befürworter einer lebensweltlich verwurzelten Sozialforschung werden mit Wohlgefallen zur Kenntnis nehmen, dass ich das Thema Schule in meinen Lehrveranstaltungen mit einem gehörigen Maß kritischer Schärfe anspreche. Aus biografischen Gründen entkomme ich der schönen Tradition nicht, die von großen Namen unseres Fachs in diesem Zusammenhang begründet worden ist. Denken Sie beispielsweise an Bourdieu, denken Sie aber auch an Luhmann – der implizite Rückblick auf die eigene Schulzeit schleicht sich in ihre Auseinandersetzung mit pädagogischen Fragen bald mehr, bald weniger aufdringlich ein. Volkmar Sigusch hat sinngemäß einmal geschrieben, dass die Zeit des Schulbesuchs in der nachträglichen Betrachtung für viele Menschen die Phase der größtmöglichen Freiheitsberaubung war. Dahingehend befragt, erhalte ich von Studierenden, jenen also, denen es mittlerweile besser geht, manchmal geradezu reflexartige Widerworte: Gerne würde man noch einmal die Schuljahre durchleben, es war interessant, lehrreich, hat Spaß gemacht usw., und wenn ich lange genug frage, wird mir vermutlich bald jemand erzählen, die Schule habe noch dazu ‚den Charakter gebildet‘.

Meine Erinnerungen an die Schulzeit in der Provinz sind etwas anders gelagert. Aus heutiger Sicht fallen mir vor allem die, ich nenne sie mal hochtrabend: ‚Mikrostrukturen der Macht‘ ein. Von den Unterrichtsinhalten selbst ist fast nichts geblieben. Immerhin, Lesen und Schreiben kann ich halbwegs, in Kopfrechnen bin ich geradezu superb (Zitat eines damaligen Mathelehrers: „Das bringt dir später auch nichts“), und wenn mich ein Inhalt interessierte, blieb ich nicht wegen, sondern trotz des Unterrichts dran. Was aber konkret in Chemie, Biologie, Physik, Religion, Erdkunde usw. usf. in der Gymnasialzeit gelehrt wurde, hat sich, Inbegriff ephemeren und doktrinären Wissens, längst verflüchtigt. Niemals wieder werde ich die Kenntnis, die mir in diesen Jahren mehr oder weniger geschickt vermittelt wurde, gebrauchen können. Wie ich mich sachlich streite, wie ich Autoritäten hinterfrage, wie ich Rechte einfordere, wie ich gesellschaftlichen Anforderungen jenseits trivialer Schemata entspreche (und warum ich das vielleicht nicht immer sollte), wie ich verführe, wie ich bei krummen Dingern nicht erwischt werde, wie ich finde, was mir beruflich liegt, und wie ich erkenne, welche politische Meinung unstrittig richtig und welche ganz eindeutig falsch ist, habe ich in der Schule nicht gelernt. Ach so, das wird implizit mitvermittelt, versteckt zwischen Trigonometrie und Bundesjugendspielen? Dies wissend, hätte ich dann doch eine Umwertung der Werte in Richtung unverhüllter Alltagsnähe bevorzugt. 

Lehrerpersönlichkeiten auf dem bekannt breiten Spektrum didaktischer und menschlicher Klugheit bzw. stumpfer Talentlosigkeit haben mich bis zum Abitur ‚begleitet‘, wären danach aber nicht im Traum auf die Idee gekommen, zu überprüfen, wie wichtig, wertvoll und anschlussfähig all das (Nicht-)Gelernte in der Nachschulphase für mich tatsächlich gewesen ist. Immer noch rätsele ich über die insgeheime Weisheit der pädagogischen Devise, dass bei einer Schulhofprügelei stets unabhängig vom konkreten Auslöser alle Beteiligten zu bestrafen sind, zumal das Rechtssystem bei vergleichbaren Vorkommnissen unter Erwachsenen seltsamerweise ganz anders agiert. Dass Benotungen mir helfen, mich weiter zu entwickeln, habe ich spätestens dann anzuzweifeln gelernt, als ‚nicht-erbrachte Leistungen‘ negativ beurteilt wurden, wo doch gar nichts zur Beurteilung vorlag. Die glanzvolle Fairness plakativer Gleichbehandlung erinnert mich an die Aussage von Anatole France, wonach in Frankreich der majestätische Gerechtigkeitsgedanke darin zu finden sei, dass es Bettlern gleichermaßen wie Königen verboten ist, unter Brücken zu schlafen. Und schließlich: Nüchterne Aussagen über inhaltliches Desinteresse am Unterrichtsstoff wurden von Lehrern als Provokation und als Sanktionseinladung gedeutet, obwohl sie ohne jede polemische Absicht aufrichtigen Herzens ausgesprochen wurden. Kurzum, Luhmanns luzide Überlegungen zum Schulunterricht als Konstruktionsstätte menschlicher ‚Trivialmaschinen‘ kann ich gut nachvollziehen.

In gewisser Weise wird allerdings, wie in der Schule gelernt, aus der Multiplikation von minus und minus auch hier plus. Gravierende Verstöße gegen jugendliches Gerechtigkeitsempfinden, die Ödnis im Lehrplan, Unzulänglichkeiten des Lehrpersonals: all dies kann helfen, das persönliche Reflexionsbewusstsein zu schärfen. Didaktik ex negativo, wenn man so will. Als Bonbon kommt in meinem Fall hinzu, dass ich im Deutschunterricht Namen fanatischer Kommunisten wie Adorno und Mitscherlich zum allerersten Mal vernommen habe. Vermutlich war es anderswo, und ist es überhaupt heute in der Schule ganz anders, als bei dem unglücklichen Spezialfall, den ich zu durchleben hatte. Für sanftes Abfedern bei der soziologischen Betrachtung schulischer Praxen gibt es m.E. dennoch keinen Grund, dafür ist die Machtdurchdringung zu stark, die Asymmetrie zu deutlich und die absurde Notengläubigkeit zu etabliert. Schule als Interaktionslabor ist ein spannendes Thema, dass ich als Seminaridee für kommende Semester unschlüssigen KollegInnen hiermit gerne ans Herz lege – nicht ohne den unschätzbaren Vorteil zu erwähnen, dass alle Mitwirkung daran freiwillig ist; und nicht ohne den Wunsch, dass niemand auf die Idee kommen möge, die Wirklichkeit des Seminarinhalts sei die Wirklichkeit des Lebens.

Empirie. Wer meint, dass die empirische Sozialforschung hinsichtlich der Einstellung des sie umsetzenden Personals der klerikalen Sphäre fernsteht, hat Bourdieu nicht gelesen. Den „Propheten“ der Theorie stellt er die „Priester“ der Empirie gegenüber – „die am liebsten ein Leben lang alle Forscher auf den Bänken der methodischen Katechismuslehre sitzen ließen“. Natürlich ist das übertrieben – die Implikation dieser schon etwas älteren Äußerung, wonach Theorie und Empirie nicht gerade Hand in Hand unter dem Sonnenschein allumfassenden Erkenntnisgewinns über eine saftig grüne Wiese namens Gesellschaft wandern, scheint mir aber nicht ganz falsch zu sein. Ein Vorzug, der neben anderen Fachdisziplinen vor allem der Soziologie zugutekommt, liegt in der Unabweisbarkeit alltäglicher Referenzerfahrungen. Selbst beinharte Theoretiker, die sich willig in einem empiriefernen Elfenbeinturm verorten (wenn es sie denn gäbe), kämen schließlich nicht umhin, in all ihrem theoretistischen Treiben jene Strukturen und Vorkommnisse zu entdecken, die sie, ins Abstrakte gewendet, weltabgewandt eben deshalb untersuchen, weil es sich um Weltgeschehen handelt. Soziologinnen und Soziologen sind ‚immer im Dienst‘ – ihnen kann niemals und nirgends etwas widerfahren, das nicht in die verschiedenen theoretischen Gedankengebäude hineinpasst, die sie während offizieller Arbeitszeiten betreten.

Als Doktorand in Frankfurt am Main kam ich, mal aus Notwendigkeit, mal aus Neugier, manchmal auch, um abenteuerlustigen Besuchern aus der Provinz einen Hauch der nicht-intendierten Effekte großstädtischen Zusammenlebens zu vermitteln, öfter mal am Bahnhofsviertel vorbei. Nähere Erläuterungen zum Image des Stadtteils kann ich mir an dieser Stelle vermutlich ersparen. Die unverhüllte Mixtur aus Drogenszene, Prostitutionsmilieu, weiterer Kleinkriminalität, immenser nächtlicher Interaktionsdichte, institutionellem Fassadenaktivismus und distriktüberschreitender Erlebnisofferten hatte es in sich. Kann man das Bahnhofsviertel – und seine diversen Äquivalente in anderen Städten – theoretisch denken? Als strukturelles Phänomen vielleicht schon. Mir schien es, nachdem die Idee näherer Recherche sich zu sehr verfestigt hatte, um sie wieder loszuwerden, gewinnbringender, in die Praxen des Ortes einzutauchen, so gut es eben geht. So entstand ein kleines Forschungsprojekt, u.a. wurde ein Buch geschrieben, und ich konnte mich nebenbei als Verwandlungskünstler betätigen: aus zunächst ängstlichen Studierenden, die nicht so recht zu erklären wussten, was sie in die korrespondierende Lehrforschungsveranstaltung getrieben hatte, wurden über Monate hinweg Spezialisten mit intimer Feldkenntnis. Die Berührungsangst hat sich, vermute ich, aufgelöst, als klar wurde, dass der im Bahnhofsviertel vorhandene Gegenentwurf zu jenem Lebensführungsmodell, das einem erzieherisch ans Herz gelegt wird, sich als Chimäre herausstellte. Lebenswelten im Schatten der Gesellschaft existieren nicht infolge bewusster Abwendung vom Mainstream, sondern als Komplementäreffekt; ohne die Effektivität von Normalitätsvorgaben wären Abweichungen nicht denkbar (und vice versa). Fast widerstrebt es mir, von Erfahrungen ‚im Feld‘ zu sprechen, schließlich sind die Menschen, ihre Handlungen und die biografischen Ausrichtungen, die sie dorthin gebracht haben, wo wir sie befragen und beobachten konnten, mit dem heimlich stets mitgedachten ‚Nicht-Feld‘ eng verknüpft, das manche Empiriker zu betreten glauben, wenn der Feierabend der Sozialforschung anbricht.

Seit ich sowohl mit den prophetischen wie auch mit den priesterlichen Dogmen der Soziologie per Du bin, bin ich mir sicher, dass der fruchtbarste Ertrag zumindest für ethnografische Nachforschungen der ‚eigenen‘ Kultur unter der Oberfläche der gesellschaftlichen Selbstdarstellungs- und auch Selbstbeobachtungsangebote lokalisiert ist. (Bei Michael Schetsche lässt sich ein ähnlicher Gedanke, wissenssoziologisch eingerahmt, in einem aktuellen Buch nachlesen.) Die Robert Park zugeschriebene Devise, dass Sozialforscher dorthin gehen müssen, wo sie sich ihre Hosen schmutzig machen, verdient es knapp einhundert Jahre nach ihrer Formulierung, unterstrichen zu werden. Von Vorteil ist außerdem, dass unter der Oberfläche überall dort nachgeschaut werden kann, wo es Oberflächen gibt. Und der Oberflächenglanz umgibt uns alle gemeinhin fast überall. Die Omnipräsenz der Gleichzeitigkeit des Evidenten (vielleicht: des Selbstverständlichen) und des diese Evidenz stabilisierenden Untergrundes sozialen Geschehens liegt bei näherer Betrachtung auf der Hand. Soziologie ist folglich auch deshalb aufregend, weil die Anschauung der Gesellschaft(en) sozusagen in Stereo vorgenommen wird; auf zwei Kanälen läuft vermeintlich dasselbe, tatsächlich aber gibt es Überlagerungen. Es ist die schöne, mich bislang nicht müde machende Aufgabe der Soziologie, diese Interferenzen aufzuspüren. Vieles davon ist Learning by doing, allen Lehrbüchern zum Trotz – und vieles wird, natürlich, beim Betrachten der Pionierarbeiten gewonnen, die andere geleistet haben. Wenn Sie nachfragen und Namen hören wollen würden, würde ich an erster Stelle Ronald Hitzler nennen.

Hinter Gittern. Aus Platzgründen möchte ich einem in unserem Fach selten genannten Vorbild Tribut zollen. Der Marquis de Sade soll den letzten Teil der „120 Tage von Sodom“, seiner schauerlichen Aufzählung verschrobener Fantasien, deshalb nur in Notizen formuliert haben, weil ihm in der Gefängniszelle das Papier ausging. Auch ich muss mich kurz fassen – passenderweise zum Thema Inhaftierung. In mehreren Bundesländern durfte ich Gefängnisse besuchen und ein wenig hinter die Kulissen schauen, mal mit engagierter Unterstützung des Personals, mal mit weniger Begeisterung bei den Experten der Szenerie. Das Gefängnis ist nicht alleine wegen dem Offenkundigen faszinierend, der geballten Faktizität erstens devianten Verhaltens und zweitens seiner konsequenten Bekämpfung im Sinne gesamtgesellschaftlicher Ordnungs(wieder)herstellung. Als soziologisch reizvoll würde ich bereits den Umstand beschreiben, dass die Idee der Haft dermaßen nachhaltig ins Bewusstsein Betroffener wie Außenstehender eingeschrieben ist, dass die nüchtern betrachtet vorliegende Differenzierung zwischen ‚Freien‘ und ‚Gefangenen‘ als solche nicht besprochen wird. Es gibt offenbar nur eine Seite der Medaille. (Tipp für künftige Ethnografen: ‚Gefangene‘ kommt als kategoriale Bestimmung beim Plaudern mit dem Wachpersonal nicht besonders gut an – zu viele negative Vibes.) Hinzu kommt das hintergründige Schwellenphänomen: ab wann jemand, für wie lange, und allemal: mit welcher jeweiligen Perspektive, ‚behind bars‘ verschwindet (studentisches Missverständnis: ‚hinter den Kneipen‘), ist nur vermeintlich ‚sachlich‘ geklärt. In der rechtswissenschaftlichen Debatte scheinen die relevanten Konstruktivismen langsam anzukommen (Stichwort: soziologische Jurisprudenz). Die Soziologie sollte am Ball bleiben, empirisch ist noch längst nicht alles geklärt. Auch hier wäre es, wie überall, falsch, an der Oberfläche zu verbleiben, an der sich beispielsweise der politische Diskurs aus Gründen der Anschlussfähigkeit orientieren muss. Ganz einfach ist nichts, schon gar nicht das, was jedermann einleuchtet. In diesem Sinne möchte ich mein Schlusswort verstanden wissen, das gar nicht mir, sondern Adorno gehört: „Wo es am hellsten ist, herrschen insgeheim die Fäkalien.“