Medienkonflikte der Wissenschaft: Zur Wissenschaftskommunikation in Zeiten von Corona (Teil 1)

Die Corona-Pandemie wird nicht nur als Paradefall für Wissenschaftskommunikation gehandelt, sondern sie gibt auch einen besonders interessanten Fall für die empirische Wissenschaftskommunikationsforschung ab [i] . Selten waren Wissenschaftlerinnen derart präsent in den Medien wie in der aktuellen Krisensituation. Besonders der Podcast von NDR-Info „Das Coranavirus-Update mit Christian Drosten“ hat sich zum Publikumsmagneten entwickelt. Gestartet Ende Februar 2020, hat der werktägliche Podcast von Beginn an eine enorme Reichweite entwickelt mit inzwischen rund acht Millionen täglichen Downloads. Drosten, Professor und Leiter des Instituts für Virologie an der Charité Berlin, ist hierzulande die Stimme und das Gesicht der Wissenschaft in der COVID-19-Krise. Aber gerade der Hype um seine Person wird, wie er selbst betont, inzwischen zu einer besonderen Bürde. Aus der Medialisierungsforschung sind solche Personalisierungseffekte in der Wissenschaftskommunikation bekannt. Es stellt sich hier die grundsätzliche Frage, ob ein Mehr an Wissenschaftskommunikation nicht auch nichtintendierte Nebenfolgen produziert, die dem Vertrauen in Wissenschaft und damit der Legitimation politischer Entscheidungen eher schaden als nützen.

Die Medialisierung von Wissenschaft

Ende der 1990er Jahre hat Peter Weingart die zeitdiagnostische These von der Medialisierung der Wissenschaft formuliert: In dem Maße, in dem Wissenschaft zunehmend in den Massenmedien verhandelt wird und mediale Sichtbarkeit zum Wettbewerbsfaktor geworden ist, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Orientierung an massenmedialen Selektionskriterien zwecks Aufmerksamkeitsgenerierung auch die wissenschaftliche Wissensproduktion beeinflusst. Dieser These liegt ein differenzierungstheoretisches Paradigma zugrunde, das Wissenschaft und Massenmedien als eigenlogische Systeme fasst. In Zeiten von Medialisierung heißt es für die Wissenschaft: „Das abstrakte Wahrheitskriterium der Wissenschaft gilt nicht mehr allein, sondern ihm stellen die Medien das Kriterium der Zustimmung des öffentlichen Publikums gegenüber“ (Weingart 2001: 239) [ii] . Im Band „The Sciences’ Media Connection – Public Communication and its Repercussions“ haben wir 2012 die empirischen Befunde zur Medialisierung von Wissenschaft verschiedener Autorinnen zusammengetragen, um empirisch genauer zu prüfen, ob und inwiefern Medialisierungseffekte tatsächlich bis in den epistemischen Kern der Wissenschaft nachweisbar oder nicht doch eher auf der Ebene der Organisation oder der Rollen angesiedelt sind.

In meiner eigenen Arbeit habe ich die Medialisierungsthese auf das basale Element der Wissenschaft, die Publikation, angewendet und gezeigt, inwieweit bereits die Darstellung wissenschaftlicher Ergebnisse in Fachzeitschriften von der Medienlogik affiziert sein kann und damit wissenschaftliche Anschlussprobleme erzeugt. [iii]  Zu den Ergebnissen meiner empirischen Untersuchung der Stammzellforschung gehörte auch, dass Politisierung und Medialisierung von Wissenschaft nicht getrennt voneinander betrachtet werden können, sondern sich wechselseitig bedingen. „In einem hoch medialisierten Forschungsfeld erweitert sich das Publikum der Wissenschaft von der Fachwelt zur Politik und anderen Öffentlichkeiten.“ (Franzen 2011: 251) Inmitten der politischen Regulierungsdebatte zur Forschung an embryonalen Stammzellen in den 2000er Jahren wurde jede interessante Neuerscheinung sofort medial verhandelt und auf politische Entscheidungsoptionen hin ausgelotet. Während also in der ethisch umstrittenen Stammzellforschung einzelne Zeitschriftenpublikationen direkte Stellungnahmen des US-Präsidenten evozierten und politische Entscheidungen wie die einer weltweiten Konvention zum Verbot des Klonens beeinflussten, wird in der gegenwärtigen Corona-Pandemie das deutsche Regierungshandeln von einzelnen Experteneinschätzungen abhängig gemacht. Dies war die Aussage von Bundeskanzlerin Merkel in ihrer Videobotschaft vom 11. März 2020: „Die Maßstäbe für unser Handeln, unser politisches Handeln ergeben sich aus dem, was uns Wissenschaftler und Experten sagen.“ Expertinnen aus der Virologie und Epidemiologie berufen sich auf ihr Erfahrungswissen und können dabei nur auf erste vorläufige Ergebnisse zu COVID-19 rekurrieren, da die Erforschung des neuen Virus erst am Anfang steht. Die Beratung von Politik und Öffentlichkeit findet aufgrund fehlender gesicherter empirischen Befunde unter Vorbehalt statt – wie immer wieder von wissenschaftlicher Seite betont wird. Dies gilt im Übrigen aber auch für begutachtete, publizierte Ergebnisse, die erst im Nachgang auf ihre Validität und Replizierbarkeit durch die Fachcommunity überprüft werden können, auch wenn häufig so getan wird, als sei die Publikation selbst bereits ein wissenschaftliches Faktum.

Im Unterschied zum wissenschaftsbezogenen Anlass für die Medienberichterstattung wie die Verkündung von wissenschaftlichen Durchbrüchen in Publikationen, handelt es sich in diesem Fall um einen gesellschaftsbezogenen Anlass der Wissenschaftskommunikation, den Ausbruch einer weltweiten Pandemie. Wissenschaft in den Medien zu COVID-19 folgt somit nicht dem Muster, „die Wissenschaft hat herausgefunden“ wie üblicherweise auf den Wissenschaftsseiten der überregionalen Presse. Vielmehr greift das Thema Coronavirus auf alle Ressorts durch. Wissenschaft, inzwischen nicht mehr allein die Virologie, tritt hier mit Namen und Gesichtern auf. Wissenschaftsjournalismus, in Medienorganisationen eher stiefkindlich behandelt, blüht zu neuem Leben auf. Die Medienorganisationen nutzen hierfür ihr gesamtes Repertoire an Medialität von Radio, Presse, Talkshows, Videos, sozialen Medien und Podcasts, um über die Corona-Krise in Echtzeit und umfassend zu informieren. Das Gesicht der Stunde ist aber der Virologe Prof. Dr. Drosten.

Zum Verhältnis von Wissenschaft und Medien

Wissenschaftlerinnen wird immer noch nachgesagt, sie würden im Elfenbeinturm forschen. Im Unterschied zu Politikerinnen oder Sportlerinnen sind sie in der Regel keine Personen öffentlichen Lebens, man kennt vielleicht mitunter ihren Namen, nicht aber ihr Gesicht. Der Wissenschaft aber implizit oder explizit vorzuwerfen, sie würde nicht kommunizieren, ist genauso falsch wie der Ansatz, jede Forscherin zur Wissenschaftskommunikatorin ausbilden zu wollen. Vergessen wird in der Debatte um Wissenschaftskommunikation stets, dass das genuine Publikum der Wissenschaft nicht im Mediensystem, sondern im Erziehungssystem liegt; Studierende sind der primäre Adressat von Wissenschaftskommunikation. In der Lehre geht es um die Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte und Praktiken, in der Forschung darum, die Kollegen von der Relevanz der eigenen Ergebnisse zu überzeugen.

Wenn Wissenschaft jedoch medienöffentlich auftritt, dann steht neben den Inhalten auch immer die Person im Rampenlicht. Beim journalistischen Umgang mit Wissenschaft geht es einerseits um die Glaubwürdigkeit der Experten, die in der Regel durch Titel, Ämter und Publikationen nachgewiesen wird und andererseits um die Medientauglichkeit der Personen wie klare Sprache, Eloquenz, Haltung und Position. Eine Diskussionsrunde im Fernsehen zum Klimawandel oder zur Corona-Pandemie ist jedoch kein genuines Ereignis von Wissenschaftskommunikation, sondern Teil der politischen Kommunikation, selbst wenn auf eigene oder fremde wissenschaftliche Ergebnisse rekurriert wird. Es ist ebenso ein Irrglaube, dass mediale Prominenz und wissenschaftliche Reputation zwangsläufig zusammenfallen. Im Gegenteil, zu viel öffentliche Prominenz kann dem persönlichen Ansehen in der Wissenschaft ebenso schaden, die Gründe dafür sind vielfältig. Eine der Gründe aber liegt in der medialen Inszenierungslogik, die mit den wissenschaftlichen Darstellungskonventionen kaum vereinbar ist. So werden persönliche Aussagen medial oft derart zugespitzt, sei es in der Pressearbeit der Institutionen oder der journalistischen Berichterstattung, dass die betreffende Wissenschaftlerin oder der Wissenschaftler im Nachgang leicht ins Zentrum der Kritik der Fachcommunity geraten kann, sobald er (!) [iv] den Boden der gesicherten Tatsachen und den Rahmen seiner eigenen Fachexpertise verlässt.

Auf diese Gratwanderung zwischen wissenschaftlicher Aufklärung und medialer Logik muss man sich als Wissenschaftlerin im Umgang mit Journalisten einlassen. Die mediale Sichtbarkeit bleibt für einen Wissenschaftler in in der Regel nicht folgenlos. Auch hier greift der Matthäus-Effekt: ein Medienauftritt zieht häufig den nächsten nach sich. Im Falle des Virologen Drosten lässt sich dieser Prozess gewissermaßen im Zeitraffer nachvollziehen. Mitte Februar 2020 ließ er sich auf einen täglichen Podcast mit dem NDR ein, um die virologische Sichtweise auf COVID-19 zu erläutern. Einen Monat später titelte ZEIT online samt großflächigem Porträtfoto bereits: „Ist das unser neuer Kanzler?“  Dies ist somit ein sehr prägnantes Beispiel für den oben erläuterten Befund, dass sich Medialisierung und Politisierung von Wissenschaft wechselseitig bedingen. Aber was bedeutet die Medialisierung für Status und Rolle des Wissenschaftlers?

Vom Wissenschaftler zum Medienstar

Medienhypes um Wissenschaftlerinnen sind selten, aber natürlich gibt und gab es sie immer wieder. Auch in der Stammzellforschung gab es in der Hochzeit politischer Regulierungsdebatten solche Medienstars. Der auffälligste unter ihnen war der Südkoreaner Hwang Woo Suk, der damals in der hiesigen Presse zum ‚König des Klonens‘ erklärt wurde. Vom südkoreanischen Forschungsministerium bekam Hwang den eigens für ihn geschaffenen Titel des ‚Supreme Scientist‘ verliehen und avancierte schnell zum ‚Pride of Korea‘. Vermutlich ist er der einzige Wissenschaftler, für den jemals zu Lebzeiten ein offizieller Fanclub („We love Hwang“) gegründet wurde. So rasant damals sein Aufstieg verlief, so dramatisch war jedoch sein Abstieg. Hwangs Prominenz beruhte auf zwei spektakulären Artikeln in der Zeitschrift Science, in denen er als jeweiliger Hauptautor einen wissenschaftlichen Durchbruch im therapeutischen Klonen verkündete. Als 2006 mit der Vorlage des Untersuchungsberichts der Universität von Seoul markiert wurde, dass es sich bei beiden Veröffentlichungen um Wissenschaftsbetrug handelte, wurden ihm Ämter, Titel und Forschungsgelder sofort entzogen.

Vom Spitzenforscher zur persona non grata – ohne mediale Aufmerksamkeit wären solche Karrieren in die eine oder andere Richtung

kaum möglich. Ohne den damaligen politischen Druck auf die Stammzellforschung wären solche Studien mitsamt all ihrer noch ungeklärten Fragen vermutlich nicht in einer der Spitzenzeitschriften veröffentlicht worden. Es war aber vor allem die Pressearbeit von Science, die aus der ersten vorläufigen Studie einen brisanten wissenschaftlichen Durchbruch machte, der als solches dann weltweit politisch verhandelt wurde und als nationaler Vorsprung Südkoreas im Wettrennen um wissenschaftliche Technologien markiert wurde, science by press release. Indem Medien einzelne wissenschaftliche Ergebnisse derart exponieren, steigt zugleich die Wahrscheinlichkeit, dass wissenschaftliche Fehler entdeckt und Fehlverhalten öffentlich angeprangert wird (Franzen 2011: 255). Wissenschaftliche Reputationsverluste sind die Folge bis hin zu gravierenden persönlichen Konsequenzen, die aus solch einer öffentlichen Schmach gezogen werden. Aber Medien sind auch vergesslich. Heute wird Hwang wieder ein wenig medial gefeiert, doch nicht mehr als „Supreme Scientist“, sondern als erfolgreicher Geschäftsmann. Mit seiner Firma Sooam Biotech kloniert er inzwischen verstorbene Haustiere, der Markt scheint riesig.

Der Starrummel um den Virologen Drosten ist anders gelagert. Seine mediale Präsenz ist an seine wissenschaftliche Expertise geknüpft, aber nicht an ein singuläres Ereignis wie ein bestimmtes wissenschaftliches Paper, sondern an seine mehrjährigen Forschungsarbeiten zu SARS-Viren. Ihm zu Ehren wurde im Unterschied zu Hwang zwar (noch?) keine Sonderbriefmarke gedruckt. Aber er verfügt inzwischen ebenso über einen riesigen Fanclub, wenn auch noch nicht per Vereinsgründung formalisiert. Hier spricht sein Twitter-Account Bände: Drosten hat heute 217.781 Twitter-Follower, der CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn hat mitten in der Coronakrise zum Vergleich nur 142.917 Follower (Stand 3. April 2020). Drosten ist die Stimme der Krisenbewältigung, so dass bereits jede redaktionelle Einmischung in seine wissenschaftlichen Erläuterungen fast als Störung erlebt wird. Bei der NDR-Redaktion ging nach Selbstauskunft eine  Forderung wie diese ein: „Bitte lassen Sie diese lästigen Zwischenfragen.“

Dass die Medialisierung der Wissenschaft zu einem derartigen Personenkult um Drosten ausartet, wird in den sozialen Medien mehr oder weniger ironisch verhandelt.

Gerade weil politische Entscheidungen in Krisensituationen oft auf die Wissenschaft und in diesem Fall scheinbar auf einzelne Wissenschaftler ausgerichtet werden, demonstriert dieser Fall sehr eindrücklich, welche retroaktiven Effekte aus der Rollenübernahme des medialen Experten resultieren können. So kann ein Wissenschaftler kaum die „Verantwortung für die gesamte Nation“ übernehmen, wie einzelne Medienaussagen suggeriert haben. Ein solcher Anspruch verkennt nicht nur die Merkmale wissenschaftlicher Politikberatung, sondern setzt die beteiligten Forscher unter einen kaum vertretbaren Druck. So berichtet Drosten, dass ihm nicht nur unzählige positive Rückmeldungen, sondern vereinzelt sogar Drohbriefe zugehen. So wurde er bspw. per Email persönlich für den Suizid des hessischen Finanzministers verantwortlich gemacht. Er wertet im Podcast eine solche Reaktion als Medialisierungseffekt, der ihm persönlich langsam zu heikel wird. Ähnliche Zumutungen kennen wir bereits aus der biomedizinischen Forschung, und zwar häufig dann, wenn es um umstrittene Tierversuche geht. Es gab sogar Forscher, die zeitweise unter polizeilichen Personenschutz gestellt werden mussten, weil Zeitungen im Zuge einer Kontroverse ihre Privatadresse veröffentlicht hatten.

Dank sozialer Medien besteht für Wissenschaftler aber heute die Möglichkeit, sich auch jenseits der journalistisch vermittelten Angebote öffentlich zu äußern und manches richtig zu stellen. Diese Chance nutzt Drosten wie kaum ein anderer, wenn er die journalistische Verzerrung seiner Aussagen punktuell ankreidet und z.B. bei Twitter veröffentlicht:

In Folge 24 des Podcast hat Drosten zu einer weiteichenden Kritik an den Medien und ihren Inszenierungspraktiken ausgeholt. Mediale Strategien würden dazu tendieren, die aktuelle Krisenstimmung noch künstlich anzuheizen. So appelliert er hier an die gesellschaftliche Verantwortung des Journalismus, auch in Respekt vor den Personen:

„Es gibt Zeitungen, die malen inzwischen nicht nur in den Wörtern, sondern in Bildern, Karikaturen von Virologen. Ich sehe mich selber als Comicfigur gezeichnet und mir wird schlecht dabei. Ich bin wirklich wütend darüber, wie hier Personen für ein Bild missbraucht werden, das Medien zeichnen wollen, um zu kontrastieren. Das muss wirklich aufhören.“ (Christian Drosten im Gespräch mit Anja Martini, NDR Info 30. März 2020)

Lässt sich die Wissenschaftskommunikation zur Corona-Pandemie nun also als Best- oder doch eher als Worst-Practice fassen? Pauschal lässt sich das nicht beantworten, hier ist eine differenzierte Betrachtung der medialen Praktiken im Detail vonnöten [i]. Es ist jedoch wichtig, an dieser Stelle bereits festzuhalten, dass die Medienlogik Wissenschaftskommunikation sowohl befördern als auch behindern kann. Auf die retroaktiven Effekte medial gesteuerter Wissenschaftskommunikation hat die Medialisierungsforschung zwar schon oft hingewiesen. In diesem Fall aber erreichen die vorgeführten Mechanismen nun eine gesellschaftliche Thematisierungsschwelle, was angesichts der politischen Absichtserklärung zur breiten Förderung von Wissenschaftskommunikation den richtigen Zeitpunkt trifft.

Wissenschaftskommunikation und die Rolle der Massenmedien

In den letzten Jahren wurden die klassischen Massenmedien gegenüber den sozialen Medien fast totgesagt. In der Coronakrise zeigt sich nun sehr deutlich, welche Bedeutung den Massenmedien nach wie vor in der Verbreitung und Kontextualisierung aktueller Informationen innewohnt. Die Tagesschau sahen am Sonntagabend, als die Kontaktsperre verkündet wurde, mehr als 17 Millionen Zuschauerinnen. TV Talkshows erreichen Einschaltquoten wie sonst höchstens zur Bundestagswahl. Digitale Angebote der Zeitungen erleben derzeit einen sprunghaften Reichweitenzuwachs  [v]. Überraschend ist jedoch der Erfolg von Podcasts im Journalismus und speziell im Wissenschaftsjournalismus. Mit dem werktäglichen Corona-Update in Form eines 30-minütigen Podcast mit einem Wissenschaftler hat der Norddeutsche Rundfunk ein Role Model für die Wissenschaftskommunikation geschaffen. Der Programmdirektion zufolge ist der Podcast auf allen gängigen Kanälen abzurufen und wird in rund 50 Ländern gehört. Dass dieses Format allerdings auf so große Resonanz stoßen wird, haben die Programmmacherinnen selbst nicht vorhergesehen. Aber auch in der Wissenschaftskommunikationsforschung wurde das Potenzial von Podcasts bisher so nicht erahnt. Hier rächt sich gewissermaßen die methodische und empirische Engführung der Wissenschaftskommunikationsforschung, die nach wie vor mehrheitlich auf schriftliche Kommunikation und auf Pressemedien fokussiert ist.

Aber was genau zeichnet diesen spezifischen Wissenschafts-Podcast aus? Wenn wir die Ubiquität des Themas einmal außen vor lassen und lediglich die Form in den Blick nehmen, fallen einige Besonderheiten auf. Es handelt sich um ein eng getaktetes serielles Format, das werktäglich ausgestrahlt wird. Es entsteht bei regelmäßigem Konsum mit der Zeit eine parasoziale Beziehung zu dem Interviewpartner, ähnlich wie wir das aus TV-Serien kennen. Als Audio-Format kann man den Inhalt unterwegs per Kopfhörer konsumieren, die Verschriftlichung schafft eine zusätzliche Ebene der inhaltlichen Vertiefung. Die Moderation überlässt dem Experten durch relativ lange Redezeiten ganz die Bühne, ohne journalistisch reinzugrätschen. Dass diese Komplementärrollen hier geschlechtsspezifisch verteilt sind, sollte als Hinweis vielleicht vorerst genügen. Besonders hervorzuheben und bislang kaum genannt sind die Namen hinter der Moderation, die beiden Wissenschaftsredakteurinnen Korinna Hennig und Anja Martini, die dem Format überhaupt erst zum Erfolg verholfen haben – ohne Profilierungssucht in der Interviewführung.

Einige empirische Fragen an die Macher des Podcast wurden erfreulicherweise bereits beantwortet, und zwar in einer separaten Folge „Behind the Scenes“. Hennig präsentiert hier im Gespräch mit Kolleginnen aus dem NDR Think Thank „Think Radio“ sowie der NDR Info Chefredaktion die Geschichte dieses Podcast, und zwar von der ersten Idee über die Konzeption bis zur Umsetzung und Resonanz. Cover, Pressemitteilung, Soundverpackung wurden bemerkenswerterweise im Zeitraffer innerhalb von 24 Stunden realisiert.

Über stereotype Bilder von Wissenschaftler_innen wurde schon viel geforscht und geschrieben. Mit Blick auf das von NDR Info gewählte Cover belasse ich es vorerst bei der Bemerkung, dass der bis dato einer breiten Öffentlichkeit unbekannte Mann aus der Wissenschaft nicht von ungefähr im weißen Kittel erscheint.

Die Programmacherinnen erläutern, dass die Wahl für den richtigen Experten hinsichtlich der wissenschaftlichen Expertise relativ schnell auf Drosten gefallen war, der auch prompt zusagte. Die Länge von 30 Minuten war so jedoch nicht geplant, der NDR ging eher von einem täglichen fünfminutigen Update aus. Der Wunsch nach einer genaueren wissenschaftlichen Erläuterung seitens des Interviewpartners stieß in der Programmredaktion zunächst auf die verbreitete journalistische Sorge, dass es leicht zu lang und damit auch zu komplex werden würde: „Das können wir den Hörern nicht zuzumuten.“ Erst mit der Resonanz des Publikums auf den ersten Testballon zeigte sich, dass genau diese ausführlichen Erläuterungen erwünscht und erforderlich sind. Neben der Vermittlung einer komplexen Materie lebt der Podcast aber inhaltlich wie kaum ein anderes Medienformat von den Rückäußerungen des Publikums. Das zehnköpfige (!) Team hinter Hennig und Martini sondiert dafür die Emails, die täglich eingehen, um daraus Fragen an den Experten für die nächsten Folgen zu entwickeln. Angesichts der enormen Resonanz von bis dato insgesamt 16.000 Emails ist dieses Vorhaben bereits früh an Kapazitätsgrenzen gestoßen. Aus dem Hintergrundgespräch erfährt man noch eine weitere redaktionelle Entscheidung, die besonders hervorzuheben ist: Hennig erläutert, dass redaktionell an dem Titel jeder einzelnen Folge gefeilt wird, um ja keine Schlagzeilen zu produzieren.

Was den NDR-Podcast somit zusammenfassend auszeichnet, ist nicht nur in inhaltlicher Hinsicht ein anspruchsvoller Wissenschaftsjournalismus, sondern zugleich auch ein Format, das ohne jede aufmerksamkeitsheischende Inszenierung eine unvergleichliche Reichweite entfaltet hat. Wissenschaftskommunikation, die nicht primär auf PR, sondern auf Inhalte setzt. Die besondere Kunst gelungener Wissenschaftskommunikation besteht also darin, sich selbst im Journalismus der Medienlogik im Sinne der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen und sich ganz auf die inhaltliche Substanz und ihre kritische Einordnung zu fokussieren.

Dass die Vermittlung komplexer wissenschaftlicher Inhalte so gut funktionieren kann, scheint nun selbst für die Praxis von Wissenschaftskommunikation ein Aha-Erlebnis. Die als problematisch anzusehenden Medialisierungseffekte entstehen erst, so der vorläufige Befund, durch die fortlaufende Überbietungsdynamik der Medien, die im Wettbewerb um Aufmerksamkeit Wissenschaft und ihre Protagonisten instrumentalisieren und auf Soundbites festzurren.

In den nächsten Teilen dieses Blogsposts werde ich auf das in dieser Krise artikulierte Selbstverständnis von Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus sowie die mediale Überbietungsdynamik näher eingehen.

[i]  Ich stecke gerade mitten in der Materialsammlung für eine empirische Studie zur Wissenschaftskommunikation in der Corona-Krise und bin deshalb über jeden Hinweis, auch auf weitere Veröffentlichungen zum Thema sehr dankbar. In der derzeitigen Informationsexplosion übersieht man so manches leicht.

[ii] Weingart, Peter (2001): Die Stunde der Wahrheit? Zum Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.

[iii] Franzen, Martina (2011): Breaking News: Wissenschaftliche Zeitschriften im Kampf um Aufmerksamkeit. Baden-Baden: Nomos.

[iv] Die Rolle des öffentlichen Experten unterliegt aufgrund der doppelten Selektion sogar noch stärker als die Wissenschaft einem Gender Bias, dazu vielleicht später einmal mehr.

[v] Damit soll nicht gesagt werden, dass das Zeitungsgeschäft von der Krise finanziell profitieren würde. Das Gegenteil scheint der Fall, da in dieser Situation viele Anzeigenkunden wegbrechen und insbesondere Regionalzeitungen um ihre Existenz bangen.

Das Medium 2.0 ist die Botschaft (2/2)

Bloggen für oder gegen den Ruhm?

Kann sich das Schreiben eines Blogs für eine Wissenschaftlerin lohnen? Aus reputationstaktischer Sicht sicher nicht. Dies ungeachtet dessen, dass in einigen Fächern der Ruf laut wird, ein „digital scholarship“ [i] auszubilden. Hier und anderswo ist es der begutachtete Fachartikel, der auf das Reputationskonto einzahlt. Alles andere, ob Sammelbandbeiträge, aufwändige Rezensionen oder eben Blogbeiträge sind in der Regel nicht peer-reviewed, daher zählen sie (vielerorts) nicht [ii]. Wissenschaftliche Karrierefibeln würden einem daher raten, sie gar nicht erst zu schreiben. Warum aber der standardisierte und begutachtete Aufsatz zum Goldstandard im eigenen Fach zu werden scheint, bleibt in einer Hinsicht rätselhaft. Dafür muss man nur auf die experimentellen Naturwissenschaften schauen, allen voran die Biowissenschaften, in denen die Definitionsmacht bestimmter Zeitschriften über wissenschaftliche Qualität ihren Anfang genommen hat. Mit der globalen wissenschaftlichen Expansion und der Anwendung journalbasierter Indikatoren und Ratings wurde die Was-Frage durch die Wo-Frage abgelöst, „publish-in-top- journals-or-perish“.

Dafür gibt es zunächst gute Gründe. Eine Veröffentlichung in einer renommierten Zeitschrift suggeriert geprüfte Qualität nach innen und außen. Die Delegation der Qualitätsprüfung an Journale wirkt auf die wissenschaftliche Community befreiend und beschränkend zugleich. Es befreit jede Einzelne von der genaueren Lektüre, aber beschränkt die eigene Autonomie des kritischen Urteilsvermögens im Zuge der Rezeption und Bewertung. Wie die biomedizinische Forschung illustriert, sind auch die renommiertesten Journale nicht davor gefeit, dass sich publizierte Artikel im Nachhinein als falsch oder gar als Fälschung herausstellen – trotz Peer Review. Fälle dieser Art mehren die Kritik am Peer Review-System und an der Verwendung journalbasierter Indikatoren, insbesondere, weil ganze Karrieren aus Sicht der Betroffenen an Publikationen in den Spitzenzeitschriften hängen und damit einen unlauteren Wettbewerb hervorbringen, der dem Wissenschaftssystem mehr schadet als nützt [iii].

In der Soziologie existiert bislang weder ein formalisiertes Zeitschriftenrating (wie in den Wirtschaftswissenschaften) noch erlaubt der Journal Impact Factor ein Ranking nach Prestige, wenn die numerischen Unterschiede, gerade im deutschsprachigen Raum, zumeist nur in der Nachkommastelle liegen. Daher sind die Nebenfolgen des Impact Factor Games, wie man sie aus manchen naturwissenschaftlichen Fächern kennt, hier kaum virulent. Auf die Gefahren einer missbräuchlichen Nutzung zitationsbasierter Indikatoren haben DORA und das Leiden Manifesto on Research Metrics in den letzten Jahren eindringlich hingewiesen. Schon aus methodologischen Gründen eignen sich quantitative Maßzahlen nicht für Qualitätsaussagen über einzelne Artikel. Der inhaltliche Aussagewert journalbasierter wie artikelbasierter Zitationsstatistiken ist begrenzt. So kann empirisch betrachtet ein Artikel besonders hoch zitiert werden, entweder, weil er wissenschaftlich außerordentlich relevant oder im Gegenteil, besonders kontrovers aufgenommen wird und am Ende sogar zurückgezogen wird. [iv]

Hochzitierte Beiträge bilden jedoch mit Blick auf bibliometrische Daten eher die Ausnahme, von der deutschsprachigen Soziologie sowieso einmal ganz abgesehen. Die Zitationshöhe bleibt von vielen Faktoren abhängig: Publikationssprache, Größe des Fachs, Anzahl der Autorinnen usw. [v]. Der Erfinder des Journal Impact Factors und Gründer des Institute for Scientific Information, das das Web of Science aufgebaut hat, Eugene Garfield, rechnete einmal vor, dass von insgesamt 38 Millionen Zeitschriftenartikeln aus allen Fächern, die zwischen 1900 und 2005 veröffentlicht wurden, nur 0,5 Prozent mehr als 200-mal zitiert worden sind, 50 Prozent hingegen kein einziges Mal [vi]. Aus diesen Zahlen lässt sich nun weder schließen, dass die nicht-zitierten Beiträge gar nicht rezipiert worden sind, noch, dass die zitierten Beiträge auch gelesen wurden. Fest steht lediglich: Um wissenschaftliche Forschung befruchten zu können, müssen Ergebnisse zumindest sichtbar, verfügbar und auch nachgefragt sein. Beiträge, deren Titel gar nicht erst indexiert sind [vii], lassen die nötige Sichtbarkeit und damit auch die ihrer Zitationen häufig vermissen. Über ihre Wissenschaftlichkeit ist damit noch nichts gesagt.

Der Veröffentlichungsort erfüllt seine Funktion vor allem hinsichtlich der Rezeptionswahrscheinlichkeit. Je renommierter der Publikationsort (und je prominenter die Autorin) desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wissenschaftliche Ergebnisse auch wahrgenommen werden. Werden sie wiederum wissenschaftlich zitiert, gelten sie als wissenschaftszughörig. Prinzipiell sind aber weder Wissenschaftlichkeit noch wissenschaftliche Anschlussmöglichkeiten an bestimmte Publikationsmedien gebunden. Wenn man Wissenschaft als Kommunikationssystem fasst, dann ist es quasi unerheblich [viii], wo und wie etwas erschienen ist, um Anschlüsse zu generieren. Auch Blogs, genauso wie mediale Beiträge, könnten somit genauso wie Zeitschriftenartikel Wissenschaft potenziell anregen und/ oder die eigene Forschung voranbringen. Blogs oder andere soziale Medien per se als unwissenschaftlich zu deklarieren, scheint daher verfehlt, es kommt vielmehr auf die Nutzungs- und Rezeptionsweisen an.

Ein besonderer Vorteil des von einer Fachgesellschaft betriebenen Blogs ist, dass er – ohne hier auf Zahlen zugreifen zu können – Aufmerksamkeit generiert, um spezifische Themen und Inhalte zirkulieren zu lassen. Der öffentlich zugängliche Blog bedeutet somit eine sehr viel größere Reichweite als die eines Artikels in einer speziellen Fachzeitschrift. Damit kommt der Blog dem narzisstischen Grundbedürfnis der Wissenschaftlerin sehr entgegen, gelesen und womöglich verstanden zu werden.

Blogs versus Zeitschriftenartikel

Man könnte sogar behaupten, dass Blogs wissenschaftlichen Erkenntnisansprüchen vielleicht sogar noch näherkommen können als der standardisierte Forschungsartikel. Der Grund liegt nicht nur darin, dass digitale Blogbeiträge ohne Publikationsverzögerungen erscheinen können. Vielmehr zeigt der Blick zurück auf Flecks Ausführungen, dass der Zeitschriftenartikel inzwischen einen derartigen Bedeutungswandel erfahren hat, dass er den Merkmalen der Handbuchwissenschaft heute fast näher zu sein scheint, anstatt Raum für Neues bereitzustellen. Das der Zeitschriftenpublikation vorgeschaltete Peer Review Verfahren wird inzwischen mit Anforderungen überfrachtet, die per se nicht erfüllt werden können. Die Akzeptanz eines Manuskripts bedeutet nicht, dass die Ergebnisse wahr sind, sondern dass sie (von zumeist zwei Expertinnen) für publikationswürdig gehalten werden. Eine Überprüfung unter Wahrheitsgesichtspunkten würde gerade in den experimentellen Wissenschaften bedeuten, Ergebnisse im Labor zunächst versuchen zu replizieren, um daraufhin eine Veröffentlichungsentscheidung zu treffen. Dies ist alleine aus organisatorischen Gründen nicht möglich [ix]. Bereits die Suche nach geeigneten Gutachterinnen ist herausfordernd genug.

Wenn heute disziplinübergreifend von einer Replikationskrise der Wissenschaft die Rede ist, bedeutet dies, dass nicht alle zur Publikation zugelassenen Ergebnisse halten, was sie versprechen. Die Ursachen für Replikationsprobleme sind vielfältig, sicherlich spielen auch Fehlanreize hinein, die zum Trimming und Cooking von Daten geradezu verführen, um einen der begehrten Publikationsplätze zu ergattern. Die Annahme aber, dass es sich bei Zeitschriftenartikeln um bereits gesichertes Wissen handelt oder handeln sollte, verkennt die Logik der Wissenschaft, die ja gerade von der wechselseitigen Kritik lebt, um zu gesicherten Erkenntnissen zu gelangen. Dafür müssen sich die individuell gewonnenen Erkenntnisse aber auch der Kritik der Community aussetzen dürfen, sprich, veröffentlicht werden.

Genau aus diesem Grund war die Erfindung der wissenschaftlichen Zeitschrift im 17. Jahrhundert ein Katalysator für die Ausdifferenzierung der Wissenschaft. Mit der Umstellung vom adressatenbeschränkten Briefverkehr auf die Veröffentlichung der Erkenntnisse in regelmäßig erscheinenden wissenschaftlichen Zeitschriften wurde die Kumulation von Wissen vorangetrieben. Bis sich der Zeitschriftenartikel als primäre Form der Wissenschaft durchsetzte, dauerte es noch bis zum 19. Jahrhundert, in welchem auch der Artikel zu jener Form fand, die bis heute prägend ist. [x] Der wissenschaftliche Aufsatz kam dem Wunsch nach Sicherung der Entdeckungspriorität nach. Wenn wir heute unsere Publikationslisten online ausstellen, über Autorinnenreihenfolgen streiten und aus der Neurobiologie erfahren, dass Veröffentlichungen in High-Impact Journalen Glücksgefühle auslösen, dann wird einmal mehr deutlich, wie sehr wissenschaftlicher Reputationserwerb an Veröffentlichungen geknüpft ist und damit als soziale Motivationsstruktur wirkt.

Dabei hat sich im Laufe der Geschichte der Status des Forschungsartikels verändert. „The technique of the scientific paper, through simple and probably accidental in its origin, was revolutionary in its effects. The paper became not just a means of communicating a discovery, but, in quite a strong sense, it was the discovery itself“ (de Solla Price 1981: 3) [xi].

Dass eine solche implizite Gleichsetzung an Grenzen stößt, zeigt die gegenwärtige Infragestellung zahlreicher Publikationen in allen Disziplinen. Der Blog Retraction Watch liefert dafür genügend Anschauungsmaterial. Nicht nur, dass transparent wird, dass manche Ergebnisse nicht replizierbar sind und auf Irrtümern oder Fälschungen aufruhen. Vielmehr steht zur Debatte, ob der standardisierte, begutachtete Fachartikel statt Innovationen hervorzubringen, nicht vielmehr den Mainstream befördert und zwar aus strukturellen Gründen. Dafür muss man gar nicht unbedingt der These des Akademischen Kapitalismus folgen.

Es reicht vollkommen aus, die persönlichen Leseerfahrungen in Erinnerung zu rufen. Welche Artikel haben Sie in letzter Zeit besonders inspiriert? Wo kamen die Richtungsimpulse für die eigene Forschung her, aus aktuellen oder älteren Zeitschriftenartikeln, Buchbeiträgen oder Monographien – oder gar aus Tweets, Blogs oder Gesprächen? Worüber lohnt es zu diskutieren? Welche ‚Entdeckungen‘ finden gebietsübergreifend Resonanz, an welchen Veröffentlichungen kommt man in der Soziologie aktuell nicht herum? Mit diesen Fragen will ich hier im Blog gar keine Listenerstellung in der Kommentarspalte einfordern, dafür wäre Twitter sicher das geeignetere Medium. Worauf ich nur hinaus will, ist, dass die Funktion des Blogs für die Soziologie genau darin liegen könnte, eine Inspirationsquelle abzugeben – wie jedes andere Publikationsmedium auch, nur mit dem expliziten Anspruch versehen, die Leserinnen zum Mitdenken aufzurufen.

Um dem Bloggen für die Soziologie aber zum Erfolg zu verhelfen [xii], braucht es hierzulande noch eine Verständigung über die Zitierwürdigkeit von Blogposts und die Zuweisung einer DOI, um die technische Zitierfähigkeit zu erweitern – das vielleicht als Anregung an die DGS. Dies wäre nicht zuletzt auch für die Wissenschaftsforschung lohnenswert, denn empirisch betrachtet bleiben die Verwendungsweisen von Blogeinträgen noch größtenteils im Dunkeln, da etwaige Verweise nicht automatisch (nein?) wie Zitationen auf Zeitschriftenartikel getrackt werden.

Was folgt

Damit bin ich mit meiner Selbstvergewisserung, was ein Blog kann und soll, erst einmal am Ende. Wenn ich als Wissenschaftssoziologin also ab sofort für den SozBlog schreibe, dann geht es mir darum, mein Forschungsfeld praktisch unter die Lupe zu nehmen und mich der Medialität eines Blogs spielerisch zu nähern. Die leitende Frage ist: Was bedeutet die Umstellung vom Printmedium auf digitale Verbreitungstechnologie für die Wissenschaft und die Wissenschaftlerin?

Für Sie als Leserin kann ich die Erwartungen an den Blog nur insoweit wecken, als dass ich mich in den kommenden Wochen um eine Art öffentlich geführtes Forschungstagebuch bemühe, das über Fundstücke im Bereich Wissenschaftsforschung und Wissenschaftskommunikationsforschung berichtet. Publikationsfrequenz noch offen. Länge: kürzer (!). Es ist auch für mich ein Experiment. Ich hoffe, es ist für alle etwas dabei.


[i] Vgl. Hecker-Stampehl, J. (2013). Bloggen in der Geschichtswissenschaft als Form des Wissenstransfers. In: P. Haber & E. Pfanzelter (Hrsg.), historyblogosphere. Bloggen in den Geschichtswissenschaften München: Oldenbourg, S. 37–50.

[ii] Welche Effekte die Verdrängung aller anderen Publikationsmedien zugunsten des begutachteten Artikels zeitigt, lässt sich wohl derzeit am besten in den Wirtschaftswissenschaften studieren.

[iii] Die mit der Definitionsmacht der Journale über wissenschaftliche Karrieren verbundenen Gefahren für die Wissenschaft wurden von niemandem so eindrucksvoll geschildert wie von dem Biochemiker und seines Zeichens Nobelpreisträger Randy Schekman.

[iv] Mit Retractions hatte ich mich ausführlich in meiner Dissertation beschäftigt, als es darum ging, fehlende wissenschaftliche Relevanz von Artikeln (unabhängig vom Renommee der Zeitschrift) zu operationalisieren. Eine ausführliche Erörterung der Fallbeispiele aus der Stammzellforschung findet sich dementsprechend hier auf S. 190 ff.

[v] Trotz der weiten Verbreitung bibliometrischer Indikatoren und unzähliger Analysen bildet eine Theorie der wissenschaftlichen Zitation nach wie vor ein Desiderat.

[vi] Aus: Garfield, Eugene (2006): The History and Meaning of the Journal Impact Factor. JAMA, 295, 90–93. Über Hinweise zu aktuelleren Zahlen und großangelegten Untersuchungen wäre ich dankbar.

[vii] Mit der digitalen Veröffentlichung verliert jedoch auch die Zeitschrift insofern an Bedeutung, als dass personalisierte Empfehlungsdienste per Webcrawler die Informationen ungeachtet ihres Erscheinungsorts zur Nutzerin bringen.

[viii]  Die Umstellung auf post-publication peer review könnte einen Funktions­wandel der wissenschaftlichen Zeitschrift mit sich bringen, so zumindest die weitreichende Vision von: Kriegeskorte, Nikolaus (2012). Open Evaluation: A Vision for Entirely Transparent Post- Publication Peer Review and Rating for Science. Frontiers in Computational Neuro­science, 6 (79). doi: 10.3389/fncom.2012.00079

[ix] Im Kontext eines Fälschungsskandals rund um Klonierung hat die Zeitschrift Nature tatsächlich ein sogenanntes replicator’s review veranlasst, um die proklamierten Ergebnisse vor der Veröffentlichung verifizieren zu lassen.

[x] Zur Historie des experimentellen Papiers siehe Bazerman, Charles (1988): Shaping Written Knowledge. The Genre and Activity of the Experimental Article in Science. Madison: The University of Wisconsin Press.

[xi] Price, Derek J. de Solla (1981): The Development and Structure of the Biomedical Literature.In: Warren, Kenneth S. (Hg.): Coping with the Biomedical Literature. New York: Praeger Publications, 3–16.

[xii] Wie man die Sichtbarkeit von Blogs über soziale Medien noch weiter erhöht und die Aufmerksamkeit auf Themen lenkt, lehrt das Blogimperium der London School of Economics, so bspw. der lesenswerte LSE Impact Blog.