Irrational Choice. Vermischtes

Schule. Befürworter einer lebensweltlich verwurzelten Sozialforschung werden mit Wohlgefallen zur Kenntnis nehmen, dass ich das Thema Schule in meinen Lehrveranstaltungen mit einem gehörigen Maß kritischer Schärfe anspreche. Aus biografischen Gründen entkomme ich der schönen Tradition nicht, die von großen Namen unseres Fachs in diesem Zusammenhang begründet worden ist. Denken Sie beispielsweise an Bourdieu, denken Sie aber auch an Luhmann – der implizite Rückblick auf die eigene Schulzeit schleicht sich in ihre Auseinandersetzung mit pädagogischen Fragen bald mehr, bald weniger aufdringlich ein. Volkmar Sigusch hat sinngemäß einmal geschrieben, dass die Zeit des Schulbesuchs in der nachträglichen Betrachtung für viele Menschen die Phase der größtmöglichen Freiheitsberaubung war. Dahingehend befragt, erhalte ich von Studierenden, jenen also, denen es mittlerweile besser geht, manchmal geradezu reflexartige Widerworte: Gerne würde man noch einmal die Schuljahre durchleben, es war interessant, lehrreich, hat Spaß gemacht usw., und wenn ich lange genug frage, wird mir vermutlich bald jemand erzählen, die Schule habe noch dazu ‚den Charakter gebildet‘.

Meine Erinnerungen an die Schulzeit in der Provinz sind etwas anders gelagert. Aus heutiger Sicht fallen mir vor allem die, ich nenne sie mal hochtrabend: ‚Mikrostrukturen der Macht‘ ein. Von den Unterrichtsinhalten selbst ist fast nichts geblieben. Immerhin, Lesen und Schreiben kann ich halbwegs, in Kopfrechnen bin ich geradezu superb (Zitat eines damaligen Mathelehrers: „Das bringt dir später auch nichts“), und wenn mich ein Inhalt interessierte, blieb ich nicht wegen, sondern trotz des Unterrichts dran. Was aber konkret in Chemie, Biologie, Physik, Religion, Erdkunde usw. usf. in der Gymnasialzeit gelehrt wurde, hat sich, Inbegriff ephemeren und doktrinären Wissens, längst verflüchtigt. Niemals wieder werde ich die Kenntnis, die mir in diesen Jahren mehr oder weniger geschickt vermittelt wurde, gebrauchen können. Wie ich mich sachlich streite, wie ich Autoritäten hinterfrage, wie ich Rechte einfordere, wie ich gesellschaftlichen Anforderungen jenseits trivialer Schemata entspreche (und warum ich das vielleicht nicht immer sollte), wie ich verführe, wie ich bei krummen Dingern nicht erwischt werde, wie ich finde, was mir beruflich liegt, und wie ich erkenne, welche politische Meinung unstrittig richtig und welche ganz eindeutig falsch ist, habe ich in der Schule nicht gelernt. Ach so, das wird implizit mitvermittelt, versteckt zwischen Trigonometrie und Bundesjugendspielen? Dies wissend, hätte ich dann doch eine Umwertung der Werte in Richtung unverhüllter Alltagsnähe bevorzugt. 

Lehrerpersönlichkeiten auf dem bekannt breiten Spektrum didaktischer und menschlicher Klugheit bzw. stumpfer Talentlosigkeit haben mich bis zum Abitur ‚begleitet‘, wären danach aber nicht im Traum auf die Idee gekommen, zu überprüfen, wie wichtig, wertvoll und anschlussfähig all das (Nicht-)Gelernte in der Nachschulphase für mich tatsächlich gewesen ist. Immer noch rätsele ich über die insgeheime Weisheit der pädagogischen Devise, dass bei einer Schulhofprügelei stets unabhängig vom konkreten Auslöser alle Beteiligten zu bestrafen sind, zumal das Rechtssystem bei vergleichbaren Vorkommnissen unter Erwachsenen seltsamerweise ganz anders agiert. Dass Benotungen mir helfen, mich weiter zu entwickeln, habe ich spätestens dann anzuzweifeln gelernt, als ‚nicht-erbrachte Leistungen‘ negativ beurteilt wurden, wo doch gar nichts zur Beurteilung vorlag. Die glanzvolle Fairness plakativer Gleichbehandlung erinnert mich an die Aussage von Anatole France, wonach in Frankreich der majestätische Gerechtigkeitsgedanke darin zu finden sei, dass es Bettlern gleichermaßen wie Königen verboten ist, unter Brücken zu schlafen. Und schließlich: Nüchterne Aussagen über inhaltliches Desinteresse am Unterrichtsstoff wurden von Lehrern als Provokation und als Sanktionseinladung gedeutet, obwohl sie ohne jede polemische Absicht aufrichtigen Herzens ausgesprochen wurden. Kurzum, Luhmanns luzide Überlegungen zum Schulunterricht als Konstruktionsstätte menschlicher ‚Trivialmaschinen‘ kann ich gut nachvollziehen.

In gewisser Weise wird allerdings, wie in der Schule gelernt, aus der Multiplikation von minus und minus auch hier plus. Gravierende Verstöße gegen jugendliches Gerechtigkeitsempfinden, die Ödnis im Lehrplan, Unzulänglichkeiten des Lehrpersonals: all dies kann helfen, das persönliche Reflexionsbewusstsein zu schärfen. Didaktik ex negativo, wenn man so will. Als Bonbon kommt in meinem Fall hinzu, dass ich im Deutschunterricht Namen fanatischer Kommunisten wie Adorno und Mitscherlich zum allerersten Mal vernommen habe. Vermutlich war es anderswo, und ist es überhaupt heute in der Schule ganz anders, als bei dem unglücklichen Spezialfall, den ich zu durchleben hatte. Für sanftes Abfedern bei der soziologischen Betrachtung schulischer Praxen gibt es m.E. dennoch keinen Grund, dafür ist die Machtdurchdringung zu stark, die Asymmetrie zu deutlich und die absurde Notengläubigkeit zu etabliert. Schule als Interaktionslabor ist ein spannendes Thema, dass ich als Seminaridee für kommende Semester unschlüssigen KollegInnen hiermit gerne ans Herz lege – nicht ohne den unschätzbaren Vorteil zu erwähnen, dass alle Mitwirkung daran freiwillig ist; und nicht ohne den Wunsch, dass niemand auf die Idee kommen möge, die Wirklichkeit des Seminarinhalts sei die Wirklichkeit des Lebens.

Empirie. Wer meint, dass die empirische Sozialforschung hinsichtlich der Einstellung des sie umsetzenden Personals der klerikalen Sphäre fernsteht, hat Bourdieu nicht gelesen. Den „Propheten“ der Theorie stellt er die „Priester“ der Empirie gegenüber – „die am liebsten ein Leben lang alle Forscher auf den Bänken der methodischen Katechismuslehre sitzen ließen“. Natürlich ist das übertrieben – die Implikation dieser schon etwas älteren Äußerung, wonach Theorie und Empirie nicht gerade Hand in Hand unter dem Sonnenschein allumfassenden Erkenntnisgewinns über eine saftig grüne Wiese namens Gesellschaft wandern, scheint mir aber nicht ganz falsch zu sein. Ein Vorzug, der neben anderen Fachdisziplinen vor allem der Soziologie zugutekommt, liegt in der Unabweisbarkeit alltäglicher Referenzerfahrungen. Selbst beinharte Theoretiker, die sich willig in einem empiriefernen Elfenbeinturm verorten (wenn es sie denn gäbe), kämen schließlich nicht umhin, in all ihrem theoretistischen Treiben jene Strukturen und Vorkommnisse zu entdecken, die sie, ins Abstrakte gewendet, weltabgewandt eben deshalb untersuchen, weil es sich um Weltgeschehen handelt. Soziologinnen und Soziologen sind ‚immer im Dienst‘ – ihnen kann niemals und nirgends etwas widerfahren, das nicht in die verschiedenen theoretischen Gedankengebäude hineinpasst, die sie während offizieller Arbeitszeiten betreten.

Als Doktorand in Frankfurt am Main kam ich, mal aus Notwendigkeit, mal aus Neugier, manchmal auch, um abenteuerlustigen Besuchern aus der Provinz einen Hauch der nicht-intendierten Effekte großstädtischen Zusammenlebens zu vermitteln, öfter mal am Bahnhofsviertel vorbei. Nähere Erläuterungen zum Image des Stadtteils kann ich mir an dieser Stelle vermutlich ersparen. Die unverhüllte Mixtur aus Drogenszene, Prostitutionsmilieu, weiterer Kleinkriminalität, immenser nächtlicher Interaktionsdichte, institutionellem Fassadenaktivismus und distriktüberschreitender Erlebnisofferten hatte es in sich. Kann man das Bahnhofsviertel – und seine diversen Äquivalente in anderen Städten – theoretisch denken? Als strukturelles Phänomen vielleicht schon. Mir schien es, nachdem die Idee näherer Recherche sich zu sehr verfestigt hatte, um sie wieder loszuwerden, gewinnbringender, in die Praxen des Ortes einzutauchen, so gut es eben geht. So entstand ein kleines Forschungsprojekt, u.a. wurde ein Buch geschrieben, und ich konnte mich nebenbei als Verwandlungskünstler betätigen: aus zunächst ängstlichen Studierenden, die nicht so recht zu erklären wussten, was sie in die korrespondierende Lehrforschungsveranstaltung getrieben hatte, wurden über Monate hinweg Spezialisten mit intimer Feldkenntnis. Die Berührungsangst hat sich, vermute ich, aufgelöst, als klar wurde, dass der im Bahnhofsviertel vorhandene Gegenentwurf zu jenem Lebensführungsmodell, das einem erzieherisch ans Herz gelegt wird, sich als Chimäre herausstellte. Lebenswelten im Schatten der Gesellschaft existieren nicht infolge bewusster Abwendung vom Mainstream, sondern als Komplementäreffekt; ohne die Effektivität von Normalitätsvorgaben wären Abweichungen nicht denkbar (und vice versa). Fast widerstrebt es mir, von Erfahrungen ‚im Feld‘ zu sprechen, schließlich sind die Menschen, ihre Handlungen und die biografischen Ausrichtungen, die sie dorthin gebracht haben, wo wir sie befragen und beobachten konnten, mit dem heimlich stets mitgedachten ‚Nicht-Feld‘ eng verknüpft, das manche Empiriker zu betreten glauben, wenn der Feierabend der Sozialforschung anbricht.

Seit ich sowohl mit den prophetischen wie auch mit den priesterlichen Dogmen der Soziologie per Du bin, bin ich mir sicher, dass der fruchtbarste Ertrag zumindest für ethnografische Nachforschungen der ‚eigenen‘ Kultur unter der Oberfläche der gesellschaftlichen Selbstdarstellungs- und auch Selbstbeobachtungsangebote lokalisiert ist. (Bei Michael Schetsche lässt sich ein ähnlicher Gedanke, wissenssoziologisch eingerahmt, in einem aktuellen Buch nachlesen.) Die Robert Park zugeschriebene Devise, dass Sozialforscher dorthin gehen müssen, wo sie sich ihre Hosen schmutzig machen, verdient es knapp einhundert Jahre nach ihrer Formulierung, unterstrichen zu werden. Von Vorteil ist außerdem, dass unter der Oberfläche überall dort nachgeschaut werden kann, wo es Oberflächen gibt. Und der Oberflächenglanz umgibt uns alle gemeinhin fast überall. Die Omnipräsenz der Gleichzeitigkeit des Evidenten (vielleicht: des Selbstverständlichen) und des diese Evidenz stabilisierenden Untergrundes sozialen Geschehens liegt bei näherer Betrachtung auf der Hand. Soziologie ist folglich auch deshalb aufregend, weil die Anschauung der Gesellschaft(en) sozusagen in Stereo vorgenommen wird; auf zwei Kanälen läuft vermeintlich dasselbe, tatsächlich aber gibt es Überlagerungen. Es ist die schöne, mich bislang nicht müde machende Aufgabe der Soziologie, diese Interferenzen aufzuspüren. Vieles davon ist Learning by doing, allen Lehrbüchern zum Trotz – und vieles wird, natürlich, beim Betrachten der Pionierarbeiten gewonnen, die andere geleistet haben. Wenn Sie nachfragen und Namen hören wollen würden, würde ich an erster Stelle Ronald Hitzler nennen.

Hinter Gittern. Aus Platzgründen möchte ich einem in unserem Fach selten genannten Vorbild Tribut zollen. Der Marquis de Sade soll den letzten Teil der „120 Tage von Sodom“, seiner schauerlichen Aufzählung verschrobener Fantasien, deshalb nur in Notizen formuliert haben, weil ihm in der Gefängniszelle das Papier ausging. Auch ich muss mich kurz fassen – passenderweise zum Thema Inhaftierung. In mehreren Bundesländern durfte ich Gefängnisse besuchen und ein wenig hinter die Kulissen schauen, mal mit engagierter Unterstützung des Personals, mal mit weniger Begeisterung bei den Experten der Szenerie. Das Gefängnis ist nicht alleine wegen dem Offenkundigen faszinierend, der geballten Faktizität erstens devianten Verhaltens und zweitens seiner konsequenten Bekämpfung im Sinne gesamtgesellschaftlicher Ordnungs(wieder)herstellung. Als soziologisch reizvoll würde ich bereits den Umstand beschreiben, dass die Idee der Haft dermaßen nachhaltig ins Bewusstsein Betroffener wie Außenstehender eingeschrieben ist, dass die nüchtern betrachtet vorliegende Differenzierung zwischen ‚Freien‘ und ‚Gefangenen‘ als solche nicht besprochen wird. Es gibt offenbar nur eine Seite der Medaille. (Tipp für künftige Ethnografen: ‚Gefangene‘ kommt als kategoriale Bestimmung beim Plaudern mit dem Wachpersonal nicht besonders gut an – zu viele negative Vibes.) Hinzu kommt das hintergründige Schwellenphänomen: ab wann jemand, für wie lange, und allemal: mit welcher jeweiligen Perspektive, ‚behind bars‘ verschwindet (studentisches Missverständnis: ‚hinter den Kneipen‘), ist nur vermeintlich ‚sachlich‘ geklärt. In der rechtswissenschaftlichen Debatte scheinen die relevanten Konstruktivismen langsam anzukommen (Stichwort: soziologische Jurisprudenz). Die Soziologie sollte am Ball bleiben, empirisch ist noch längst nicht alles geklärt. Auch hier wäre es, wie überall, falsch, an der Oberfläche zu verbleiben, an der sich beispielsweise der politische Diskurs aus Gründen der Anschlussfähigkeit orientieren muss. Ganz einfach ist nichts, schon gar nicht das, was jedermann einleuchtet. In diesem Sinne möchte ich mein Schlusswort verstanden wissen, das gar nicht mir, sondern Adorno gehört: „Wo es am hellsten ist, herrschen insgeheim die Fäkalien.“

Ordnung vor dem Ende

Wer vom sozialen Wandel spricht, darf vom Tod nicht schweigen. Immer wieder einmal wird, oft vermutlich schulterzuckend angesichts neu hereinflatternder Schreibaufgaben und -anfragen, die Devise „publish or perish“ zitiert oder wenigstens kurz angedacht. Richtiger wäre doch wohl, beides zusammen zu bringen. Publish and perish ist die adäquatere Beschreibung, schließlich wird uns allen, Ihnen wie mir, genau dieses Schicksal drohen. Fleißiges Publizieren wird den physischen Tod nicht aufschieben. Am Ende bleiben die Regalplätze in der Unibibliothek oder irgendwann eben die PDF- oder was auch immer-Datei in der Online-Datenbank. Der Text lebt – und man selbst durch ihn nicht weiter. Unter anderem bei Roland Barthes und Michel Foucault wurde die Debatte geführt, ob der Autor mit/für/nach/in dem/ohne den Text stirbt, zumal – man denke an die Kulturgeschichte des flüchtigen Schriftstücks auf der Strecke vom Flugblatt zum Flyer – der AutorInnenname ja nicht unabdingbar ist. Man wird ihn aus Gründen sowohl der Ökonomie, der Logistik und der Eitelkeit natürlich nachträglich nicht streichen, obwohl zumindest die Toten von diesen Angelegenheiten unbehelligt zu sein scheinen. Zugegeben, angesichts solcher Publikationszombies wie Niklas Luhmann, der sich auch zwanzig Jahre nach Ausfüllen des Totenscheins regelmäßig als profitabler Autor von Nachlassschriften erweist, komme ich ins Grübeln; auf ihn, wie auf viele andere wird nach wie vor verwiesen, in den akademischen Diskursen existiert er also weiter. Vermutlich befeuert er einschlägige Diskussionen postmortal sogar besser als die meisten lebendig Mitwirkenden. Nachtödliche Debattenkultur – wieso eigentlich nicht? Den meisten Soziologinnen und Soziologen wird es, wenn das Gröbste (das Leben) vorbei ist, allerdings anders gehen. Viel Rummel ist nicht zu erwarten, zumal sich das professionelle Sterben bei vielen schon mit dem Ruhestand ankündigen dürfte. ‚Ruhe in Frieden‘ werden die letzten wesentlichen Keywords zu sein.

In der Soziologie ist der Tod kein besonders beliebtes Thema. Als ich mich vor Jahren näher mit der Materie zu befassen begann, stellte ich erstaunt fest, dass das Lebensende bei fast allen ‚großen Namen‘ durchaus thematisiert wird, wenn auch nur am Rande. Mittlerweile kennen sich diese Herrschaften, dachte ich mir als frisch gebackener Postdoc, mit dem Tod ja auch autoethnografisch ganz gut aus. Quicklebendige Thanatosoziologen muss man dagegen schon mit etwas mehr Mühe ausfindig machen. Gibt der Tod zu wenig her? Oder stecken dahinter die üblichen Memento mori-Assoziationen (im Sinne der Erkenntnis: ich bin auch dran, und noch schlimmer: meine Liebsten könnten/werden unangenehmerweise sterben)? Schwer vorstellbar, wo doch viele SoziologInnen sowieso mit schlechten Nachrichten (Ungleichheit usw.) dauerbeschäftigt sind. Da kommt es doch nun auf die Kleinigkeit des unabwendbaren Sterbens auch nicht an, zumal wenigstens in der Mortalitätsgewissheit universelle Gleichheit besteht. Andererseits, schrieb ich en passant schon in meiner ganz und gar nicht todesaffinen Dissertation, ist eine solche Aussage noch unbewiesene Spekulation für alle, die sie lesen. Und da also auch damals der Tod schon einen Gastauftritt hatte, habe ich für diesen Blog nachgeforscht, was mich überhaupt auf die thanatologische Spur gebracht haben mag. Die Problematik des blinden Flecks ignorierend (und an Bourdieus ‚sozioanalytischen‘ Selbstversuch denkend), habe ich eine biografische Begebenheit kognitiv aktualisieren können, die zwar soziologisch nichts beweist (und psychoanalytisch vermutlich alles), die sich selbstverständlich genau so zugetragen hat. Dass sie in Wahrheit durch mein Gedächtnis verformt wurde bis in die Unkenntlichkeit hinein, könnte nur jemand bezeugen, der es aus dem gleichen Grund nicht bezeugen könnte; insofern ist mit Korrekturen nicht zu rechnen.

Folgendes trug sich zu. Die Jüngeren werden sich nicht erinnern können, dass es einmal eine düstere Zeit gab, in der sich zwischen die von höheren Mächten forcierte Gefangenschaft und die glückliche Freiheit eine Übergangszeit schob, die nur einige, durch ein Gottesurteil stigmatisierte Unglückliche betraf: der Wehr- oder Zivildienst. Mir fehlten die Allergien, die bürokratischen Schlampereien oder schlichtweg das notwendige ‚Vitamin B‘, um dem, wie damals gebetsmühlenartig skeptischen Gemütern vorgehalten wurde, gerechten Auswahlsystem zu entgehen. Ich erspare Ihnen meinen im inneren Auge noch frischgehaltenen Tag beim ‚Kreiswehrersatzamt‘, der mit einer pathetischen Ansprache in einem mit altmodischem Chic eingerichteten Zimmer endete (es gab sogar Bücher – damit hatte ich nicht gerechnet), in der es um den ‚Ruf der Ehre‘ usw. ging, und der ich nach ersten Müdigkeitserscheinungen (vielleicht auf beiden Seiten) entging, als ich einwarf, ohnehin ‚verweigern‘ zu wollen – woraufhin ich weniger salbungsvoll, dafür aber sehr direkt zum Verschwinden aufgefordert wurde. Ich landete beim Deutschen Roten Kreuz in der tiefsten Provinz (mit weniger Büchern im Regal). Viel zu lachen gab es hier nicht, aber dafür eine intensive Bewusstseinsschärfung für Milieuunterschiede, Bildungshomogamie, symbolische Kapitalzuweisung, Ungleichheitsproduktion und überhaupt für die Fallstricke des sozialen Dummfeldes. Eines Tages war ich im Rahmen des Zivildienstes Beifahrer bei der Überführung eines Fahrzeuges von Dorf A nach Dorf B. (Einer der beiden Orte taucht in Adornos ‚Minima Moralia‘ als Herkunftsstätte von Auschwitz-Henkern auf – werfen Sie es mir nicht vor!) Es war helllichter Tag, die Sonne brannte, und nicht nur sie: Über einer Tankstelle zwischen den Dörfern hing tiefschwarzer Rauch. Meinen Fahrer (hauptamtlich, vom Wert seiner Aufgabe überzeugt, wie auch immer sie konkret aussah) und mich erwartete nahe der hastig angesteuerten Zapfsäulenstation der bizarre Anblick einer vor uns stehenden und mit uns erstaunlich beherrscht sprechenden Person, die nahezu am gesamten Leib akut verbrannt war. Mir fehlten damals die Vergleichsbilder, um das direkt vor mir sich Abspielende zu begreifen – derweil das Brandopfer auf mich einredete, bei näherem Zuhören aber nichts mehr herausbrachte, was von klarem Verstand zeugte. Eine notärztliche Ausbildung fehlte dem Fahrer ebenso wie mir. Die Besatzung des herbeigerufenen Krankenwagens zeigte sich ebenfalls ratlos, was zu tun sei – mit solchen Fällen rechnet man wohl nicht. Ich kürze ab: der Verletzte wurde abtransportiert und verstarb wenig später im Krankenhaus. Er hatte, glaube ich mich zu erinnern, einen Versicherungsbetrug anzetteln wollen, sich beim Entzünden von Benzin verhaspelt und dafür sein Leben gelassen. Ich musste, epistemologisch ahnungslos, für mich klären, was ich gesehen hatte: das Sterben eines Menschen? Das unmittelbar bevorstehende Ende? Oder Lebendigkeit, deren Gegenpol nicht der Tod, sondern das dem Tod nachfolgende Nichtleben darstellt? War ich Zeuge eines Prozesses bzw. des Ausschnittes eines Prozesses geworden? Wann hatte das Ende begonnen? Mit dem Anzünden des Streichholzes, mit dem Brennen des Körpers? Warum nicht schon mit der Planung der Tat? Mit Begebenheiten des Lebens, die auf lange Frist womöglich zu solchen Handlungsfolgen führen, wie ich naiv überlegte? Oder mit der Geburt?

Ob dieses Erlebnis nun tatsächlich spätere Auseinandersetzungen mit dem Tod angestoßen hat, lasse ich dahingestellt. Es hat mir jedenfalls eine leibhaftige Begegnung beschert, die seither im Forschungszusammenhang durch die Nicht-Interaktion mit Leichen im Obduktionskontext kontrastiert wird. Insbesondere der ethnografische Ansatz in jenen Bereichen, in denen die Gegenwartsgesellschaft auf Ausdrucksformen der (selbstverständlich nicht ‚ihrer‘) Sterblichkeit trifft, hat sich dabei für mich als fruchtbarer Nährboden für sozialwissenschaftliche Recherchen entpuppt. Gesellschaftliche Motive suizidalen Handelns, die Verwaltung der Verwandlung vom Leib zum Körper im Hospiz, die Todespornografie im Internet, das transkulturell verbreitete Phantasma von der Möglichkeit der Fortlebens und die damit einhergehende Abstufung des Todes zur bloßen Statuspassage: über all dies, und vieles mehr, sind zahlreiche Bücher geschrieben worden und werden auch künftig zahlreiche Bücher geschrieben werden. Inventarnummern für künftige Grabsteine.

Ich kann nachvollziehen, dass es manchen KollegInnen zu philosophisch anmutet, über eine noch dazu so aufdringlich ‚physiologische‘ Tatsache wie das Lebensende nachzudenken, zumal die brute facts der Angelegenheit, zentral ihre Unvermeidbarkeit, relativierungsbeständig sind. Folglich ist die Unsicherheit, die manche der Zukunft nachsagen, übertrieben: die Zukunft ist der Tod. Entscheidend sind aber andere Baustellen. Mich beispielsweise interessiert in erster Linie die Stabilisierung der gesellschaftlichen Ordnung angesichts solcher unordentlichen Vorkommnisse wie das Sterben der Menschen. Luhmann greift diesbezüglich auf die schematische Trennung von Mikro und Makro zurück: Individuen kommen und gehen, die Gesellschaft (die Teilsysteme) kümmert das aber wenig, weil die Bedingungen der Möglichkeit gesellschaftlicher Fortexistenz davon unabhängig realisiert sind. Es erscheint angesichts der impliziten Provokation, als die man solche Positionen deuten kann, reizvoll, das Abstrakte mit dem Konkreten zu verknüpfen. Das Brandopfer in der Umwelt der Systeme, gewissermaßen. Sind Sterbemodalitäten überhaupt soziale Angelegenheiten? Der seltsame Status des Endes auf der, wie seit einiger Zeit propagiert wird, dialektischen Brücke zwischen Tabuisierung und Geschwätzigkeit findet nach wie vor unter Ausblendungsbedingungen statt. Bei Adorno steht zu lesen, das man im Haus des Henkers nicht über den Strick sprechen sollte – wegen des Ressentiments. Das erklärt, mutatis mutandis, die Scheu des ‚Normalakteurs‘, sich selbst und damit die Welt, die er/sie kennt, vom Ende her zu denken. Dialektisch, wie gesagt, wird die Angelegenheit dann aber doch ständig eingekreist. Auf Abstand, bildersprachlich, und somit unkonkret ist der Tod noch am beliebtesten. Einige unsortierte Gedanken:

Eine Leiche ist – fragen Sie hierzu den Pathologen Ihres Vertrauens – ‚das Normalste der Welt‘ und zugleich der Inbegriff von Unsichtbarkeit.

Suizid ist eine der häufigsten Todesursachen; statistisch gesehen, wird Ihr Leben weder vom Verkehrsgeschehen, noch von Zigaretten und erst recht nicht von einem hinter der Hecke lauernden Mitmenschen mit Neigung zum abweichenden Verhalten stärker bedroht als von Ihnen selbst.

Das ‚erste Mal‘ ist für die Identitätsarbeit von Teenagern mit immensen Mythologisierungen behaftet – über das ‚letzten Mal‘ spricht hingegen kein Mensch. (Für Spezialfragen wäre dann wohl ‚Dr. Winter‘ zuständig.)

Und schließlich eine Lieblingsthese von mir: Was ist das am Strand liegen unterm prallen Sonnenschein anderes, als die leibhaftige Vorübung zum Totsein?

Elias Canetti, ein promovierter Chemiker, der das literarische Schreiben überwältigender fand als seinen Brotberuf – das Nobelpreiskomitee gab ihm hinsichtlich seiner ästhetischen Umschulung nachträglich recht –, verfasste in den 1960er Jahren das Schauspiel ‚Die Befristeten‘. Unter dem Eindruck des Todes einer nahestehenden Person imaginiert Canetti darin eine Zukunft, in der jeder Person bei Geburt die Information über ihren Todestag mitgegeben wird; allerdings in einer verschlossenen Kapsel. Es ist schwer zu übersehen, dass die soziale Ungleichheit der realen Welt im diesem erfundenen Konzept ihren zugespitzten Niederschlag findet. Befristet sind wir schließlich alle; aber die Reihenfolge der Emeritierung aus dem Leben erscheint unfair. Vor dem Hintergrund des Geborenwerdens zeichnet sich das Sterbenmüssen als eine Art ‚Illusion der Chancengleichheit‘ eigenen Zuschnitts ab. Soziologinnen und Soziologen sollten sich der Sache annehmen – bevor es zu spät ist und man dem Tod autoethnografisch begegnet.

Aufbau durch Zerstörung

Mein letzter und zugleich erster Blogeintrag war dem schreibenden Reflektieren über das reflexive Schreiben gewidmet. Ich habe vieles außer Acht gelassen, unter anderem den wichtigen Punkt, dass der Umweg der Verschriftlichung uns allen, die wir in ‚Feldern‘ unterwegs sind, das vielleicht Beste, Schönste, Spannendste empirischer Forschung wegnimmt, ganz gleich, wie versiert wir uns beim zusammenbastelnden Schildern und Nacherzählen anstellen. Clifford Geertz nennt die Vorstellung, man könne bruchlos in Worten beschreiben, was man in der Forschungspraxis erlebt und gedacht hat, ‚Textpositivismus‘. Wenn solche schweren Beleidigungen wie das P-Wort ausgesprochen werden, muss das Thema ernst sein.

Ich habe in mancher Publikation die Problematik aufzugreifen versucht, dass empirische SozialforscherInnen nolens volens Vorerfahrungen, Prägungen, überhaupt sozialisatorische Einflüsse und natürlich auch Erwartungshaltungen wie ein ‚Gepäckwissen‘ mit sich herumschleppen. Dieses Gepäck loszuwerden wäre eine Kunst, sie wäre es aber eben nur, weil die Umsetzung nicht möglich ist. Man kann jedoch, um in der Metapher zu bleiben, manches umräumen oder anders verpacken und sich das auf den erkenntnistheoretischen Schultern lastende Gewicht nicht anmerken lassen.

Das Extrem am anderen Ende des Forschungsspektrums dürfte wohl die Haltung sein, persönliche Erfahrungen mithilfe des persönlichen Erfahrungmachens als ‚Datum‘ verstehen zu wollen. Ich habe es ‚erlebt‘, da und dort stand es (fest), es ist ‚objektiv‘ passiert, somit ist es ‚wahr‘, secundum non datur. Solche Attitüde würde ich für gewöhnlich in Kreisen, die sozialwissenschaftliche Methodenschulungen genossen haben, nicht vermuten; aber mit dem Genießen ist es so eine Sache. Es gibt, schreibt Bourdieu, Soziologen – und es gibt „Soziologen (in ganz großen Anführungszeichen)“. Anekdoten und Gerüchte, die mich in diesem Zusammenhang an Anführungsstriche in der Schriftgröße 154 denken lassen, könnte ich den Lesern dieses Blogs zuhauf zumuten. Dabei würde es mir, obwohl ansonsten der Aristokratie fernstehend, aber vermutlich umgekehrt ergehen wie Hofmannsthals Lord Chandos, dem die Worte wie „modrige Pilze“ im Munde verfielen, als er daran dachte, allzu abstrakte Begriffe zu verwenden. Mir wäre das Referat der allzu realen Begebenheiten unangenehm.

Andererseits wecken vage Aussagen die Neugier auf das Konkrete – deshalb doch ein Beispiel. Vor einigen Monaten wurde vor allem in französischen Feuilletons über eine Streitigkeit berichtet, die aufzuarbeiten sich meines Erachtens auch für einschlägige deutschsprachige Medien lohnen würde. Jean-Claude Kaufmann, bekannt vor allem für Studien im mikrosoziologischen Kontext mit einer Detailliertheit, die mich manchmal darüber nachdenken lässt, ob das nicht schon Nanosoziologie ist, hat sich moderat kritisch geäußert über Blog-Einträge und Youtube-Auftritte eines jüngeren ‚Kollegen‘, der erstens einen organisationssoziologischen Universitätsabschluss in der Tasche hat und der zweitens namhaft geworden ist durch Beiträge in einer der ökonomisch rentabelsten Publikationssparten überhaupt, der Partnerschafts- bzw. Intimberatung. Kurz zusammengefasst: Kaufmann hielt die u.a. in kommerzpopulären TV-Sendungen verbreiteten Ansichten des Nachwuchs-Experten über das innere Wesen von Mann und Frau für problematisch. Der ‚Kollege‘ klärt nämlich das mutmaßlich apriori nicht gerade soziologieaffine Massenpublikum von Formaten, in denen beispielsweise unter dem Diktat absonderlicher ‚Spielregeln‘ potenziell amouröse Zweierteams zusammengestellt werden, darüber auf, wie ‚die Männer‘ und ‚die Frauen‘ nun einmal ticken. Komplexe Zusammenhänge sind in Wahrheit ganz leicht zu dechiffrieren, lautet die Implikation. Dem gegenüber fiel Kaufmanns Intervention noch erstaunlich gnädig aus – er veröffentlichte einen kurzen Einspruch gegen die Simplizität des Gesagten und, mehr zwischen den Zeilen, gegen die Brechstangenlogik hinter der Veredelung subjektiver Weltansichten zu wissenschaftlicher Erkenntnis. Die interessante Pointe: dem Angegriffenen fiel ein, dass er das symbolische Kapital der Ehre besitzt; folgerichtig hat er Kaufmann verklagt und will nun im Gerichtssaal sein Ansehen repariert wissen. (Für jemanden, der glaubt, dass das biologische Geschlecht zu vorreflexiven ‚Sozialautomatismen‘ führt, ist der fromme Wunsch, akademische Reputation sei juristisch einforderbar, vermutlich irgendwie ‚logisch‘.) Prozessbesucher werden über mangelnden Unterhaltungswert nicht klagen; der Ausgang des Verfahrens ist, wenn ich die französische Justizlandschaft in dieser Hinsicht korrekt überblicke, bislang offen. Ich lade spielfreudige Leser gerne auf eine Wette über das Ergebnis ein, befürchte jedoch, dass wir alle auf dasselbe Pferd setzen würden.

Ideologie gibt Nestwärme; man mag sich unter ihrem Schirm behütet fühlen. Sie ist aber keine universitäre Disziplin. Diesbezügliche Invasionsversuche finden nicht nur in der Soziologie statt, sondern vermutlich in allen Fächern, einschließlich der Naturwissenschaften, die in dieser Hinsicht von manchen für immun gehalten werden. Das Versprechen der keimfreien Stringenz beim Schaffen von Wissen wird tatsächlich niemals eingehalten, wenn Menschen mit im Spiel sind. Da Wissenschaftskarrieren Elemente der Leichtathletik aufweisen – überall Wettkampf, überall Strecken, die gesprintet werden müssen, und immer wieder Hürden und Wassergräben –, darf zwar auf interne Abwehrmechanismen gehofft werden, die die Hochschulen angesichts der Versuche zur Inthronisation frei von der Leber weg vermarkteter Egozentrik abhalten. Manch eine(r) könnte aber einwenden, dass es diesbezüglich Gegenbeweise gibt, wie ja überhaupt – nach Günther Anders – manche manches meinen. Ich vermute, dass dieser Einwand, auf die Soziologie bezogen, vor allem dort ansetzt, wo es um lebensweltnahe Fragestellungen geht. Selbstverständlich lässt sich die enge Verbundenheit mit Alltäglichkeiten unterschiedlich bewerten: für Bourdieu liegt das darin wurzelnde Erkenntnishindernis klar auf der Hand; bei Giddens dagegen ist der Alltagsakteur fast schon ein kleiner Sozialforscher in nuce. Mir scheint, dass solche Sachverhalte wie Liebe und Sexualität, Geschlechterfragen, Familienorganisation, überhaupt das ganze ‚Zwischenmenschliche‘ die soziologisch Unbedarften zum Mitsprechen einladen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Experte/Expertin ist irgendwie jeder, schließlich sind ‚wir alle‘ mit der Innenausstattung unserer Lebenswelten beschäftigt und im Zuge dessen ständig mit interpersonaler Abstimmungsarbeit befasst. Allerdings kommen die im besten Fall qua Reflexivität distanzierten Annäherungen an die elementaren Formen des sozialen Lebens selten mit praxisorientierten Sichtweisen auf identische Themenfelder ins Gehege – abgesehen von der unbedingt tiefer untersuchenswerten Koordination von SozialforscherInnen zwischen Alltagsleben und berufsbedingter Dauerreflexion und ebenfalls abgesehen von solchen in sich durchaus spannenden Überbrückungsfiktionen wie die oben beschriebene Kontroverse aus Paris.

Eine Sonderstellung nehmen Studierende ein. Interessant ist schon allein die Frage, weshalb sie sich für ein Studium der Soziologie oder verwandter Disziplinen entschieden haben. Für noch aufschlussreicher halte ich den Prozess des disziplinimmanenten Transformationsgeschehens, weil es jederzeit scheitern kann und in spezifischen Fällen auch auf allen Stationen des Weges scheitern wird. Wie kann das schulisch gebildete oder, je nach Sichtweise, verbogene Denken mit soziologischem Ballast beschwert werden, wenn das Schultern desselben in vielerlei Hinsicht die Verabschiedung liebgewonnener Überzeugungen beinhaltet? Dabei sollte das destruktive Potenzial unserer Zunft nicht übergangen werden; Soziologie baut auf, indem sie zerstört. Nehmen wir als Beispiel mich. In Lehrveranstaltungen scheue ich mich nicht, auch schon für die Allerkleinsten – Passauer Jargon, welch interessante Terminologie: unter den ‚Quietschis‘ – solche schweren Kaliber wie das Habituskonzept aufzufahren. Nicht wenige Abiturienten mit tadellosem Zeugnis, die aus unerfindlichen Gründen nicht der Saugkraft von Jura oder BWL gefolgt sind, wo sie es diesbezüglich wirklich einfacher haben könnten, müssen angesichts der Bourdieu’schen Radikalhinterfragung ihres bis dahin weitgehend aufgeräumten Blicks auf die soziale Welt erst einmal schlucken. Oder ist es vielleicht so, dass sie ein solch kryptisches Fach, dessen Fokus viele Außenvorbleibende nicht einmal rudimentär beschreiben könnten, just deshalb wählen, weil ihnen schwant, dass die Welt mehr ist als das, was augenscheinlich und handgreiflich der Fall ist?

Letzteres ist ein sympathischer Gedanke und wirkt überdies im Lichte soziologischer Nachforschungen zur Soziologie nicht unplausibel (auch hier ist Bourdieu mein Kronzeuge, wie so oft). Vielleicht ist der Umstand, dass die universitäre Soziologie oft noch andere Studiengänge mitverwöhnt (Lehramt usw.), ein Einflussfaktor in meiner nun aber punktuell gegenteiligen Wahrnehmung. Ohne jeglichen typologischen Anspruch gesprochen, gibt es Studierende, die das soziologische Seminar betreten wie ein Exotarium: man staunt und wundert sich, bleibt aber erstmal da und schaut eine Weile, was passiert. Resistent gegen die Vorstellung, dass der innere Soziologe, die innere Soziologin tief im Selbst darauf wartet, durch Didaktik und Verstricktwerden ins anspruchsvolle Argument geweckt zu werden, kommt von manchen Studierenden irgendwann eine Bemerkung folgenden Musters: Die Antwort auf das komplexe Problem X habe ich ‚irgendwo‘ gelesen, außerdem kennt sich mein Cousin damit aus. Variante: Die Frage Y ist längst beantwortet, das hat mit der Evolution zu tun. Spezifischer: Z ist gar nicht so überraschend, schließlich sind Männer Jäger und Sammler, während Frauen das Feuer hüten. (Einwurf: Hätte man beim Aufbau des Brandschutzes auch nur einen buchstäblichen Funken Traditionsbewusstsein besessen, die ersten Feuerwehren hätten rein weiblich besetzt sein müssen.) Eine andere Variation ist, ein Phänomen aus dem Umstand abzuleiten, dass der Mensch eine rationalistisch operierende Maschine ist, die nur das anstellt, was ihr – vermutlich oft auch unbewusst, so sind Roboter eben drauf – zum faktisch Besten dient. Die Naturwissenschaft, die Mathematik, ‚ein Artikel‘, in besonders dunklen Stunden auch ‚Galileo‘ auf Pro 7, ‚Cosmopolitan‘ oder eine sicherlich gut informierte Internetseite haben das so und nicht anders berichtet, heißt es zur Verteidigung der These. Diese Quellen haben damit üblicherweise ‚bewiesen‘, was der ‚gesunde Menschenverstand‘ längst ahnt und die Soziologie nicht einzusehen vermag: dass die Welt gar nicht so kompliziert ist, wenn man einsieht, wie kausal und vernünftig und nachvollziehbar in Wahrheit alles konstruiert ist. Pardon, natürlich nicht konstruiert, sondern ‚objektiv da‘. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es dann, wenn das vorreflexive Besser-Informiert-Sein von studentischer Seite in die Waagschale geworfen wird, lediglich darum geht, Paroli bieten zu wollen um des argumentativen Wettkampfs willen. Diesen Ansatz kann man immerhin sportlich sehen – so lässt sich streiten, und das ist für Lehrveranstaltungen, anders als im Töpferkurs an der Volkshochschule, eine gute Sache. In anderen Fällen wirkt es, als werde die Information darüber, wie es um die Dinge tatsächlich steht, aus humanitärem Impetus heraus, ja geradezu aus Sorge um Wissensstand und Seelenheil der KommilitonInnen weitergetragen. Ethik statt Sportlichkeit: Angehende SoziologInnen sollen also nicht im Morast ihrer Lebensunfähigkeit und Verblendung versinken. Ein Student brachte mir einmal eine, wenn ich das richtig erinnere, zwei- bis dreiseitige Publikation mit, in der geschrieben stand, dass die erotische Anziehung zwischen Personen zuvorderst eine biochemische Angelegenheit sei. Das hat mich das Periodensystem der Elemente mit anderen Augen betrachten und mich über die ungenutzt gebliebenen Möglichkeiten des schulischen Chemieunterrichts sinnieren lassen, aber nur für einen kurzen Augenblick, dann gab ich den Gedanken an eine Periodensystemtheorie wieder auf. Andere Kursteilnehmer fanden die naheliegenden Gegenstandpunkte ebenfalls überzeugender als den schriftlich vorgelegten ‚Beweis‘, was zwar bei dem engagierten Skeptiker keine Umtaufung auf die Weihen der Soziologie zur Folge hatte, aber wenigstens in der Gruppe eine lebhafte Debatte entfachte.

Da wir unter uns sind, lassen Sie uns ehrlich sein: unser Fach macht es Neulingen nicht leicht. Gleichzeitig eröffnet es zauberhafte Wege hin zu verborgenen Schätzen, die ohne die Soziologie ungeschürft bleiben müssten. Anstrengende Bergwerksaufgaben im Verborgenen sind per se eine Nischenfaszination, vermutlich auch eine Sache der Gewöhnung durch beharrliches Aktivsein, und ein bisschen geht es wohl auch um’s Verliebtsein. Ohne Kribbeln im Bauch macht Soziologie keinen Spaß. Vielleicht ist das Studium eine langgezogene Dating-Phase: Manchmal wird daraus Liebe, manchmal bleibt’s fade, und manchmal entflammt eine kurze, stürmische Leidenschaft. Ich denke, beide Seite müssen an-, mit-, für-, und manchmal eben auch gegeneinander klären, ‚was da noch geht‘.

Schreiben über das Schreiben

Für die DGS zu bloggen, ist ein ‚erstes Mal‘ für mich. Das Bedürfnis, unbekannten Lesern Überlegungen zuzumuten, die sie nicht angefordert haben, habe ich bislang in traditionellen Publikationsformaten ausgelebt. Es erscheint mir bequemer, so zu schreiben, als gäbe es lediglich buch- oder artikellesende Rezipienten, schließlich richte ich mich auf diese Weise an eine ominöse Gruppe, von der Rückmeldungen zunächst einmal nur in geringen Dosierungen zu erwarten sind. Die Arg- und Wehrlosigkeit des anonymen Publikums gibt mir die Freiheit, unbeschwert zu sein, handelt es sich von meiner Warte aus doch um (k)eine spezifische Leserschaft: präsent in Abwesenheit, zunächst namenlos und nur hin und wieder in Erscheinung tretend – als Lesende, Belesene, als diejenigen, die gelesen haben bzw. bald gelesen haben werden.

„Schreiben über das Schreiben“ weiterlesen