Aufbau durch Zerstörung

Mein letzter und zugleich erster Blogeintrag war dem schreibenden Reflektieren über das reflexive Schreiben gewidmet. Ich habe vieles außer Acht gelassen, unter anderem den wichtigen Punkt, dass der Umweg der Verschriftlichung uns allen, die wir in ‚Feldern‘ unterwegs sind, das vielleicht Beste, Schönste, Spannendste empirischer Forschung wegnimmt, ganz gleich, wie versiert wir uns beim zusammenbastelnden Schildern und Nacherzählen anstellen. Clifford Geertz nennt die Vorstellung, man könne bruchlos in Worten beschreiben, was man in der Forschungspraxis erlebt und gedacht hat, ‚Textpositivismus‘. Wenn solche schweren Beleidigungen wie das P-Wort ausgesprochen werden, muss das Thema ernst sein.

Ich habe in mancher Publikation die Problematik aufzugreifen versucht, dass empirische SozialforscherInnen nolens volens Vorerfahrungen, Prägungen, überhaupt sozialisatorische Einflüsse und natürlich auch Erwartungshaltungen wie ein ‚Gepäckwissen‘ mit sich herumschleppen. Dieses Gepäck loszuwerden wäre eine Kunst, sie wäre es aber eben nur, weil die Umsetzung nicht möglich ist. Man kann jedoch, um in der Metapher zu bleiben, manches umräumen oder anders verpacken und sich das auf den erkenntnistheoretischen Schultern lastende Gewicht nicht anmerken lassen.

Das Extrem am anderen Ende des Forschungsspektrums dürfte wohl die Haltung sein, persönliche Erfahrungen mithilfe des persönlichen Erfahrungmachens als ‚Datum‘ verstehen zu wollen. Ich habe es ‚erlebt‘, da und dort stand es (fest), es ist ‚objektiv‘ passiert, somit ist es ‚wahr‘, secundum non datur. Solche Attitüde würde ich für gewöhnlich in Kreisen, die sozialwissenschaftliche Methodenschulungen genossen haben, nicht vermuten; aber mit dem Genießen ist es so eine Sache. Es gibt, schreibt Bourdieu, Soziologen – und es gibt „Soziologen (in ganz großen Anführungszeichen)“. Anekdoten und Gerüchte, die mich in diesem Zusammenhang an Anführungsstriche in der Schriftgröße 154 denken lassen, könnte ich den Lesern dieses Blogs zuhauf zumuten. Dabei würde es mir, obwohl ansonsten der Aristokratie fernstehend, aber vermutlich umgekehrt ergehen wie Hofmannsthals Lord Chandos, dem die Worte wie „modrige Pilze“ im Munde verfielen, als er daran dachte, allzu abstrakte Begriffe zu verwenden. Mir wäre das Referat der allzu realen Begebenheiten unangenehm.

Andererseits wecken vage Aussagen die Neugier auf das Konkrete – deshalb doch ein Beispiel. Vor einigen Monaten wurde vor allem in französischen Feuilletons über eine Streitigkeit berichtet, die aufzuarbeiten sich meines Erachtens auch für einschlägige deutschsprachige Medien lohnen würde. Jean-Claude Kaufmann, bekannt vor allem für Studien im mikrosoziologischen Kontext mit einer Detailliertheit, die mich manchmal darüber nachdenken lässt, ob das nicht schon Nanosoziologie ist, hat sich moderat kritisch geäußert über Blog-Einträge und Youtube-Auftritte eines jüngeren ‚Kollegen‘, der erstens einen organisationssoziologischen Universitätsabschluss in der Tasche hat und der zweitens namhaft geworden ist durch Beiträge in einer der ökonomisch rentabelsten Publikationssparten überhaupt, der Partnerschafts- bzw. Intimberatung. Kurz zusammengefasst: Kaufmann hielt die u.a. in kommerzpopulären TV-Sendungen verbreiteten Ansichten des Nachwuchs-Experten über das innere Wesen von Mann und Frau für problematisch. Der ‚Kollege‘ klärt nämlich das mutmaßlich apriori nicht gerade soziologieaffine Massenpublikum von Formaten, in denen beispielsweise unter dem Diktat absonderlicher ‚Spielregeln‘ potenziell amouröse Zweierteams zusammengestellt werden, darüber auf, wie ‚die Männer‘ und ‚die Frauen‘ nun einmal ticken. Komplexe Zusammenhänge sind in Wahrheit ganz leicht zu dechiffrieren, lautet die Implikation. Dem gegenüber fiel Kaufmanns Intervention noch erstaunlich gnädig aus – er veröffentlichte einen kurzen Einspruch gegen die Simplizität des Gesagten und, mehr zwischen den Zeilen, gegen die Brechstangenlogik hinter der Veredelung subjektiver Weltansichten zu wissenschaftlicher Erkenntnis. Die interessante Pointe: dem Angegriffenen fiel ein, dass er das symbolische Kapital der Ehre besitzt; folgerichtig hat er Kaufmann verklagt und will nun im Gerichtssaal sein Ansehen repariert wissen. (Für jemanden, der glaubt, dass das biologische Geschlecht zu vorreflexiven ‚Sozialautomatismen‘ führt, ist der fromme Wunsch, akademische Reputation sei juristisch einforderbar, vermutlich irgendwie ‚logisch‘.) Prozessbesucher werden über mangelnden Unterhaltungswert nicht klagen; der Ausgang des Verfahrens ist, wenn ich die französische Justizlandschaft in dieser Hinsicht korrekt überblicke, bislang offen. Ich lade spielfreudige Leser gerne auf eine Wette über das Ergebnis ein, befürchte jedoch, dass wir alle auf dasselbe Pferd setzen würden.

Ideologie gibt Nestwärme; man mag sich unter ihrem Schirm behütet fühlen. Sie ist aber keine universitäre Disziplin. Diesbezügliche Invasionsversuche finden nicht nur in der Soziologie statt, sondern vermutlich in allen Fächern, einschließlich der Naturwissenschaften, die in dieser Hinsicht von manchen für immun gehalten werden. Das Versprechen der keimfreien Stringenz beim Schaffen von Wissen wird tatsächlich niemals eingehalten, wenn Menschen mit im Spiel sind. Da Wissenschaftskarrieren Elemente der Leichtathletik aufweisen – überall Wettkampf, überall Strecken, die gesprintet werden müssen, und immer wieder Hürden und Wassergräben –, darf zwar auf interne Abwehrmechanismen gehofft werden, die die Hochschulen angesichts der Versuche zur Inthronisation frei von der Leber weg vermarkteter Egozentrik abhalten. Manch eine(r) könnte aber einwenden, dass es diesbezüglich Gegenbeweise gibt, wie ja überhaupt – nach Günther Anders – manche manches meinen. Ich vermute, dass dieser Einwand, auf die Soziologie bezogen, vor allem dort ansetzt, wo es um lebensweltnahe Fragestellungen geht. Selbstverständlich lässt sich die enge Verbundenheit mit Alltäglichkeiten unterschiedlich bewerten: für Bourdieu liegt das darin wurzelnde Erkenntnishindernis klar auf der Hand; bei Giddens dagegen ist der Alltagsakteur fast schon ein kleiner Sozialforscher in nuce. Mir scheint, dass solche Sachverhalte wie Liebe und Sexualität, Geschlechterfragen, Familienorganisation, überhaupt das ganze ‚Zwischenmenschliche‘ die soziologisch Unbedarften zum Mitsprechen einladen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Experte/Expertin ist irgendwie jeder, schließlich sind ‚wir alle‘ mit der Innenausstattung unserer Lebenswelten beschäftigt und im Zuge dessen ständig mit interpersonaler Abstimmungsarbeit befasst. Allerdings kommen die im besten Fall qua Reflexivität distanzierten Annäherungen an die elementaren Formen des sozialen Lebens selten mit praxisorientierten Sichtweisen auf identische Themenfelder ins Gehege – abgesehen von der unbedingt tiefer untersuchenswerten Koordination von SozialforscherInnen zwischen Alltagsleben und berufsbedingter Dauerreflexion und ebenfalls abgesehen von solchen in sich durchaus spannenden Überbrückungsfiktionen wie die oben beschriebene Kontroverse aus Paris.

Eine Sonderstellung nehmen Studierende ein. Interessant ist schon allein die Frage, weshalb sie sich für ein Studium der Soziologie oder verwandter Disziplinen entschieden haben. Für noch aufschlussreicher halte ich den Prozess des disziplinimmanenten Transformationsgeschehens, weil es jederzeit scheitern kann und in spezifischen Fällen auch auf allen Stationen des Weges scheitern wird. Wie kann das schulisch gebildete oder, je nach Sichtweise, verbogene Denken mit soziologischem Ballast beschwert werden, wenn das Schultern desselben in vielerlei Hinsicht die Verabschiedung liebgewonnener Überzeugungen beinhaltet? Dabei sollte das destruktive Potenzial unserer Zunft nicht übergangen werden; Soziologie baut auf, indem sie zerstört. Nehmen wir als Beispiel mich. In Lehrveranstaltungen scheue ich mich nicht, auch schon für die Allerkleinsten – Passauer Jargon, welch interessante Terminologie: unter den ‚Quietschis‘ – solche schweren Kaliber wie das Habituskonzept aufzufahren. Nicht wenige Abiturienten mit tadellosem Zeugnis, die aus unerfindlichen Gründen nicht der Saugkraft von Jura oder BWL gefolgt sind, wo sie es diesbezüglich wirklich einfacher haben könnten, müssen angesichts der Bourdieu’schen Radikalhinterfragung ihres bis dahin weitgehend aufgeräumten Blicks auf die soziale Welt erst einmal schlucken. Oder ist es vielleicht so, dass sie ein solch kryptisches Fach, dessen Fokus viele Außenvorbleibende nicht einmal rudimentär beschreiben könnten, just deshalb wählen, weil ihnen schwant, dass die Welt mehr ist als das, was augenscheinlich und handgreiflich der Fall ist?

Letzteres ist ein sympathischer Gedanke und wirkt überdies im Lichte soziologischer Nachforschungen zur Soziologie nicht unplausibel (auch hier ist Bourdieu mein Kronzeuge, wie so oft). Vielleicht ist der Umstand, dass die universitäre Soziologie oft noch andere Studiengänge mitverwöhnt (Lehramt usw.), ein Einflussfaktor in meiner nun aber punktuell gegenteiligen Wahrnehmung. Ohne jeglichen typologischen Anspruch gesprochen, gibt es Studierende, die das soziologische Seminar betreten wie ein Exotarium: man staunt und wundert sich, bleibt aber erstmal da und schaut eine Weile, was passiert. Resistent gegen die Vorstellung, dass der innere Soziologe, die innere Soziologin tief im Selbst darauf wartet, durch Didaktik und Verstricktwerden ins anspruchsvolle Argument geweckt zu werden, kommt von manchen Studierenden irgendwann eine Bemerkung folgenden Musters: Die Antwort auf das komplexe Problem X habe ich ‚irgendwo‘ gelesen, außerdem kennt sich mein Cousin damit aus. Variante: Die Frage Y ist längst beantwortet, das hat mit der Evolution zu tun. Spezifischer: Z ist gar nicht so überraschend, schließlich sind Männer Jäger und Sammler, während Frauen das Feuer hüten. (Einwurf: Hätte man beim Aufbau des Brandschutzes auch nur einen buchstäblichen Funken Traditionsbewusstsein besessen, die ersten Feuerwehren hätten rein weiblich besetzt sein müssen.) Eine andere Variation ist, ein Phänomen aus dem Umstand abzuleiten, dass der Mensch eine rationalistisch operierende Maschine ist, die nur das anstellt, was ihr – vermutlich oft auch unbewusst, so sind Roboter eben drauf – zum faktisch Besten dient. Die Naturwissenschaft, die Mathematik, ‚ein Artikel‘, in besonders dunklen Stunden auch ‚Galileo‘ auf Pro 7, ‚Cosmopolitan‘ oder eine sicherlich gut informierte Internetseite haben das so und nicht anders berichtet, heißt es zur Verteidigung der These. Diese Quellen haben damit üblicherweise ‚bewiesen‘, was der ‚gesunde Menschenverstand‘ längst ahnt und die Soziologie nicht einzusehen vermag: dass die Welt gar nicht so kompliziert ist, wenn man einsieht, wie kausal und vernünftig und nachvollziehbar in Wahrheit alles konstruiert ist. Pardon, natürlich nicht konstruiert, sondern ‚objektiv da‘. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es dann, wenn das vorreflexive Besser-Informiert-Sein von studentischer Seite in die Waagschale geworfen wird, lediglich darum geht, Paroli bieten zu wollen um des argumentativen Wettkampfs willen. Diesen Ansatz kann man immerhin sportlich sehen – so lässt sich streiten, und das ist für Lehrveranstaltungen, anders als im Töpferkurs an der Volkshochschule, eine gute Sache. In anderen Fällen wirkt es, als werde die Information darüber, wie es um die Dinge tatsächlich steht, aus humanitärem Impetus heraus, ja geradezu aus Sorge um Wissensstand und Seelenheil der KommilitonInnen weitergetragen. Ethik statt Sportlichkeit: Angehende SoziologInnen sollen also nicht im Morast ihrer Lebensunfähigkeit und Verblendung versinken. Ein Student brachte mir einmal eine, wenn ich das richtig erinnere, zwei- bis dreiseitige Publikation mit, in der geschrieben stand, dass die erotische Anziehung zwischen Personen zuvorderst eine biochemische Angelegenheit sei. Das hat mich das Periodensystem der Elemente mit anderen Augen betrachten und mich über die ungenutzt gebliebenen Möglichkeiten des schulischen Chemieunterrichts sinnieren lassen, aber nur für einen kurzen Augenblick, dann gab ich den Gedanken an eine Periodensystemtheorie wieder auf. Andere Kursteilnehmer fanden die naheliegenden Gegenstandpunkte ebenfalls überzeugender als den schriftlich vorgelegten ‚Beweis‘, was zwar bei dem engagierten Skeptiker keine Umtaufung auf die Weihen der Soziologie zur Folge hatte, aber wenigstens in der Gruppe eine lebhafte Debatte entfachte.

Da wir unter uns sind, lassen Sie uns ehrlich sein: unser Fach macht es Neulingen nicht leicht. Gleichzeitig eröffnet es zauberhafte Wege hin zu verborgenen Schätzen, die ohne die Soziologie ungeschürft bleiben müssten. Anstrengende Bergwerksaufgaben im Verborgenen sind per se eine Nischenfaszination, vermutlich auch eine Sache der Gewöhnung durch beharrliches Aktivsein, und ein bisschen geht es wohl auch um’s Verliebtsein. Ohne Kribbeln im Bauch macht Soziologie keinen Spaß. Vielleicht ist das Studium eine langgezogene Dating-Phase: Manchmal wird daraus Liebe, manchmal bleibt’s fade, und manchmal entflammt eine kurze, stürmische Leidenschaft. Ich denke, beide Seite müssen an-, mit-, für-, und manchmal eben auch gegeneinander klären, ‚was da noch geht‘.

Studentische Hilfskräfte und Mitarbeiter*innen. Feldsozialisation und studentische Arbeitskraftunternehmer*innen

Ein Gastbeitrag von Alexander Lenger, Karlsruhe, und Christian Schneickert, Magdeburg

 

Fragt man nach den strukturierenden Faktoren einer akademischen Karriere kommt man nicht umher, die zentrale Bedeutung einer Anstellung als studentische Hilfskraft anzuerkennen (wir sprechen im Folgenden auch von studentischen Mitarbeiter*innen, abgekürzt StuMi, um der Heterogenität der Anstellungsverhältnisse und Tätigkeitsbereiche gerecht zu werden und den unglücklichen, aber gängigen Begriff des ‚Hiwi‘ zu umgehen). Empirisch ist hinreichend belegt, dass die Tätigkeit als StuMi besondere Chancen für eine akademische Karriere eröffnet (BMBF 2006; Lenger 2008; Jaksztat2014). Entsprechend wird in der Ratgeberliteratur für Studierende und Nachwuchswissenschaftler*innen auch explizit hervorgehoben, dass ein Einstieg in die Hochschulkarriere idealtypisch über eine Anstellung als studentische Mitarbeiter*innen gelingt (Rompa 2010; Kaiser 2015). Vor diesem Hintergrund werden die entformalisierten Beschäftigungsverhältnisse von StuMis – ähnlich denen des akademischen Mittelbaus – mit deren wissenschaftlichen Weiterbildungseffekt gerechtfertigt (Regelmann 2004, 4).

Die Rolle von studentischen Hilfskräften im deutschen Hochschulwesen ist aber noch wesentlich komplexer. „Studentische Hilfskräfte und Mitarbeiter*innen. Feldsozialisation und studentische Arbeitskraftunternehmer*innen“ weiterlesen

Sozioprudenz

Von Joachim Fischer und Clemens Albrecht

Wird man eigentlich durch Soziologie sozial klüger? Wer Jura studiert, lernt nicht nur, das Recht richtig, sondern auch klug anzuwenden. Deshalb heißt es „Jurisprudenz“. Auch wer Medizin studiert, wird gerne gefragt, was man bei dieser oder jener Krankheit tun könne. Und Anglisten werden bei Englisch-Hausaufgaben zu Rate gezogen. Warum eigentlich nicht Soziologen, wenn es Schwierigkeiten in der WG gibt? Oder im Sportverein zwei unterschiedliche Fraktionen streiten? Wenn es eine interkulturelle Hochzeit, eine internationale Konferenz auszurichten gilt? Vielleicht hat das Fach hier eine bislang unterschätzte Aufgabe.

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Die Reaktivität von Rankings. Reduktion von Diversität durch mediale Ereignisproduktion

Zur Empfehlung des DGS-Vorstandes, aus dem CHE-Ranking auszusteigen 2

Thomas Kerstan geht in seinem Kommentar zu meinem Essay über die Kolonisierung von Bildung und Wissenschaft durch Rankings davon aus, dass die Entscheidung für einen Studienort durch das CHE-Ranking objektiviert wird, die Studienanfänger nicht nur auf Papa und Mama angewiesen sind, sofern diese überhaupt studiert haben. Ist das wirklich so? Und welche Evidenzen gibt es für die Reduktion von Diversität durch Rankings? Das soll im Folgenden weiter vertieft werden.

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