Von Joachim Fischer und Clemens Albrecht
Wird man eigentlich durch Soziologie sozial klüger? Wer Jura studiert, lernt nicht nur, das Recht richtig, sondern auch klug anzuwenden. Deshalb heißt es „Jurisprudenz“. Auch wer Medizin studiert, wird gerne gefragt, was man bei dieser oder jener Krankheit tun könne. Und Anglisten werden bei Englisch-Hausaufgaben zu Rate gezogen. Warum eigentlich nicht Soziologen, wenn es Schwierigkeiten in der WG gibt? Oder im Sportverein zwei unterschiedliche Fraktionen streiten? Wenn es eine interkulturelle Hochzeit, eine internationale Konferenz auszurichten gilt? Vielleicht hat das Fach hier eine bislang unterschätzte Aufgabe.
Zum Abschluss meiner Blog-Zeit soll diese Aufgabe zur Diskussion gestellt werden: Soziologie als Sozioprudenz. Die Grundidee ist, Soziologie-Studierenden eine akademische Schulung „sozialer Intelligenz“ zu ermöglichen und dafür gezielt die Ressourcen der Soziologie einzusetzen. Damit könnten sie sich einerseits noch stärker mit ihrem Fach identifizieren; anderseits würde die Soziologie ihr Angebot in vielen anderen Fächerkombinationen stärken – ohne an der bisherigen Fachgestalt etwas zu ändern oder ihre akademische Professionalität zu mindern.
Joachim Fischer (Dresden) hat vier Argumente für ein solches Konzept entwickelt:
a) Die frühneuzeitlichen Weltklugheitslehren (Prudentismus) sind eine der vorsoziologischen Wurzeln des Faches Soziologie – neben der Sozialstatistik, neben der ethnografischen Beschreibung bzw. Reportage, neben der Sozialkritik. Zu dieser Quelle des Faches gehören die klassischen Texte von Castiglione (Hofmann), Machiavelli (Der Fürst), Gracian (Weltklugheit) und La Rochefoucauld (Maxime und Reflexionen), die alle eine Raffinierung der sozialen Intelligenz in der europäischen „Oberschichtenkommunikation“ (Luhmann) reflektieren und initiieren. Der Ursprung der Verhaltenslehren in den komplexen Herausforderungen der höfisch-urbanen Gesellschaft ist zwar bekannt (Elias), aber für die Soziologie selbst noch nicht als Konsequenz erkannt worden. Der „Prozess der Zivilisation“ als Steigerung sozialer Intelligenz setzt sich fort in der französischen Moralistik und Geselligkeitskultur (Albrecht) und ist über protosoziologische Reflexionen über den differenzierten „Umgang mit Menschen“ (Knigge) bis in die Mittelschichten der bürgerlichen Gesellschaft eingedrungen.
b) Die soziologischen Klassiker der ersten und zweiten Generation sind gesättigt mit dieser reichen Denktradition des prudentistischen Umganges mit fremden Menschen in verschiedenen sozialen Kontexten und Kulturen – und lassen sich so noch einmal neu gruppieren und lesen: Simmels „Soziologie der Geselligkeit“ und Formenlehre der Wechselwirkungen, Plessners Soziologie von „Takt und Diplomatie“ als Formen sozialer Distanz, Mauss’ ethnologische Soziologie der Reziprozitätsregeln des Gabentausches, Goffmans Interaktionsregeln; für Luhmanns Systemtheorie funktionaler Differenzierung war Gracian ein Pionier, insofern dieser die Verhaltenslehre kühler Verhaltenheit in unterschiedlichen Kontexten entwickelt hatte.
c) Eine Akzentuierung der Soziologie als Sozioprudenz im gezielten Rückgriff auf diese prudentistische Denktradition stärkt die Fachidentität der Soziologie – in der studentischen und öffentlichen Wahrnehmung. Für die Studenten könnte attraktiv sein, dass für sie durch die Soziologie neben dem Erwerb gesellschaftsanalytischer, methodischer und kritischer Kompetenzen auch eine akademische Hochschulung sozialer Intelligenz erreichbar wäre – so wie die naturwissenschaftlich-technischen Fächer immer auch eine Hochschulung sachlicher Intelligenz versprechen, die Psychologie eine Hochschulung intrapersonaler Intelligenz.
d) Eine solche Neuakzentuierung der Soziologie würde zur gegenwartsdiagnostischen Akzentverschiebung passen, die von der Soziologie selbst vorgetragenen wird: Der Wandel von einer modernen Industriegesellschaft zur Dienstleistungs- und Mediengesellschaft. Wenn es sich hierbei um eine langfristige Umstellung auf die Dominanz von Sozialmedien, Diplomatie, Service und Interkulturalität handelt, die sich auch in der Verschiebung der soziologischen Grundbegriffe von der „Produktion“ (Marx) zu „Kommunikation“ (Habermas, Luhmann) zeigt, dann könnten diese Gesellschaften in sozialer Intelligenz hochgeschulte Experten brauchen, die das komplexe Spektrum zwischen Konversation und Subversion kennen und handhaben.
Clemens Albrecht hat sich Gedanken über die modulare Umsetzung eines solchen Konzepts im Rahmen eines Zweifach-Bachelor-Studiengangs an der Universität Koblenz-Landau gemacht, in dem ein „Wahlfach Sozioprudenz“ angeboten wird. Dabei werden zwei theoretische mit zwei praxisorientierten Veranstaltungen verknüpft.
a) Theorieveranstaltungen: Auf der Basis soziologischer Grundbegriffe werden die Weltklugheitslehren als protosoziologische Texte gelesen, die für die Analyse und Handhabung von mikro- und makrosozialen Konstellationen fruchtbar sind. Dabei werden diese Texte zugleich wissenssoziologisch im historischen Kontext ihrer Genese (Elias: „Prozess der Zivilisation“; Luhmann: „Oberschichtenkommunikation“) reflektiert. Weiterhin werden Klassikertexte (Plessner, Simmel, Elias, Mauss, Goffman, Luhmann u.a.) im Lichte der Verhaltenslehren interpretiert. Die Soziologiestudenten werden dazu angeleitet, soziologische Texte während ihres Studiums nicht nur in analytischer Hinsicht, sondern auch in praktischer Hinsicht im Sinne einer Könnenssteigerung auszuwerten.
b) Praktische Veranstaltungen: Auf Grundlage dieser Kenntnisse wird ein Spektrum verschiedenster Sozialformen (Geselligkeit, Umgangsformen intra- und interkultureller Art, Takt, Diplomatie, strategisches Handeln, Intrige, Stellvertreterhandeln für Organisationen, Mediation, Verhandlungen) in den jeweiligen Voraussetzungen und Realisierungsbedingungen analysiert und anschließend in praktischen Übungen des Sozialexperimentes erprobt (offenes und verdecktes Rollenspiel). Entscheidend ist, neben mikrosozialen Konstellationen (Teamarbeit, Bewerbungssituationen, berufliche und berufsfremde Geselligkeit, Umgang mit Statusdifferenzen, mit Interessen- und Ideendifferenzen) auch den Blick für Makrosoziales zu öffnen (über repräsentatives oder stellvertretendes strategisches Handeln; hier gibt es bereits Vorbilder in der politologischen Simulation von internationalen Konferenzen etc.). Die Ergebnisse und Erfahrungen werden in Protokollen dokumentiert und in der Gruppe diskutiert. Gegenstand der mündlichen Prüfung ist, inwieweit die Studierenden eine theoretische Analyse komplexer sozialer Situationen mit ihrer Handhabung verknüpfen können.
Soziologische Studiengänge, die Module zur „Sozioprudenz“ implementieren, beenden auch die universitäre Absurdität, dass Soziologiestudierenden sogenannte Schlüsselkompetenzen (erfolgreiche Kommunikation und Präsentation, Verhandlungen, Mediationen etc.) von anderen Fächern in oft trivialisierter, aufs Sozialtechnologische reduzierten Form zugemutet werden – umgekehrt wird ein Schuh daraus. Psychologie, Pädagogik und Ökonomie haben mit „Praxisanwendungen“ keinerlei Berührungsängste. Es ist nicht länger einzusehen, warum die Soziologie diese wichtige Herausforderung hochgeschulter sozialer Intelligenz anderen Disziplinen überlassen sollte. Die europäische Soziologie verfügt über eine eigene starke sozioprudentistische Denktradition – ein Pfund, mit dem sie als hochreflexives Fach wuchern und das sie den jungen akademischen Generationen nicht vorenthalten sollte.
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