„Man darf sich nie von seinem Gegner den Grad der Radikalität des eigenen Denkens und Handelns vorschreiben lassen“. Hans Paul Bahrdt und die „68er“-Bewegung. Ein Gespräch mit Wolfgang Eßbach (Teil 2)

Römer:

Für einen phänomenologisch orientierten Soziologen wie Bahrdt stand immer die Frage nach alltäglichen Handlungsvollzügen und sozialen Praktiken im Mittelpunkt. Insofern ist es naheliegend, hier genauer nach den konkreten Veränderungen im Alltag des Göttinger Soziologischen Seminars zu fragen, die sich in der Zuspitzung der Studentenbewegung ergaben. Es ist ja gemeinhin bekannt, dass sogar linke Hochschullehrer spätestens im Jahr 1968 mit erheblichen Problemen zu kämpfen hatten. Über die Situation in Berlin und Frankfurt wissen wir vieles, aber auch im „roten“ Marburg, dem einzigen Universitätsstandort, an dem die Soziologie fast schon „monopolistisch“ durch marxistisch orientierte Wissenschaftler vertreten wurde, entluden sich zum Teil heftige Spannungen zwischen Lehrenden und Studierenden. Bahrdt, der sich selbst als Liberaler bezeichnete und den wir aufgrund seiner politischen Haltung sicherlich dem sehr heterogenen linksbürgerlichen Spektrum in der Bundesrepublik zuordnen können, schreibt, er sei damals von der Plötzlichkeit des Ausbruchs überrascht worden. Gleichwohl beschreibt er die Göttinger Studentenbewegung als eine Bewegung von „geringer Heftigkeit“, wenn auch in ihren Folgen „zäh und nachhaltig“. Wie sehr standen in Ihrer Erinnerung die Göttingen und Bahrdt selbst im Fokus der Studentenbewegung? „„Man darf sich nie von seinem Gegner den Grad der Radikalität des eigenen Denkens und Handelns vorschreiben lassen“. Hans Paul Bahrdt und die „68er“-Bewegung. Ein Gespräch mit Wolfgang Eßbach (Teil 2)“ weiterlesen

„Man darf sich nie von seinem Gegner den Grad der Radikalität des eigenen Denkens und Handelns vorschreiben lassen“. Hans Paul Bahrdt und die „68er“-Bewegung. Ein Gespräch mit Wolfgang Eßbach (Teil 1)

Römer:

Lieber Herr Eßbach, im Rahmen des 39. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) werden Sie über den Kriegsheimkehrer und Soziologen Hans Paul Bahrdt reden und Bahrdts Weg zur Soziologie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg skizzieren. Bereits im Wintersemester 2015/16 haben Sie einen autobiographisch orientierten Vortrag über Ihre Zeit in Göttingen von 1966 bis 1986 gehalten, in dem auch Bahrdt eine wichtige Rolle spielte. Es liegt deshalb nahe, in einem Gespräch auf die Verknüpfungen zwischen beiden Vorträgen etwas ausführlicher einzugehen. Bahrdt selbst war ja in den 1960er Jahren neben dem aus Wilhelmshaven gekommenen Max Ernst Graf zu Solms Roedelheim das professorale Gesicht des Göttinger Soziologischen Seminars. Zugleich hatte Bahrdt schon in den späten 1950er Jahren mit den gemeinsam mit Heinrich Popitz, Ernst August Jüres und Hanno Kesting durchgeführten empirischen Untersuchungen in der Hüttenindustrie des Ruhrgebiets als Industriesoziologe auf sich aufmerksam gemacht – eine Untersuchung, die nicht nur wichtige methodologische Innovationen bot, sondern auch in der zwischen Soziologie, Sozialdemokratie und westdeutscher Linker ausgetragenen Diskussion über die Klassenstruktur der Bundesrepublik intensiv zur Kenntnis genommen wurde. Mit dem 1961 erschienenen Buch „Die moderne Großstadt“ wirkte Bahrdt über eine engere Fachöffentlichkeit hinaus in andere Berufsfelder wie zum Beispiel Architektur und Stadtplanung. Er machte Mitte der 1960er Jahre außerdem eine Sendereihe für das Fernsehen, um die Soziologie einem breiteren Publikum zu präsentieren und war Impulsgeber für die Gründung des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) in Göttingen.

Kurzum: Bahrdt war ein öffentlicher Soziologe, wie er im Bilderbuch steht, und in der Zeit, in der Sie nach Göttingen kamen, auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft und Bekanntheit. „„Man darf sich nie von seinem Gegner den Grad der Radikalität des eigenen Denkens und Handelns vorschreiben lassen“. Hans Paul Bahrdt und die „68er“-Bewegung. Ein Gespräch mit Wolfgang Eßbach (Teil 1)“ weiterlesen

Was haben Soziologie und DDR-Philosophie miteinander zu tun? Einige projektive Überlegungen aus Anlass der Eröffnung des 39. DGS-Kongresses in Göttingen

Als der Ost-Berliner Philosoph Peter Ruben Anfang der 1980er Jahre zunächst unter Revisionismus-Verdacht und schließlich in ein SED-Parteiausschlussverfahren gerät, wendet er sich mit einem Artikel an die Deutsche Zeitschrift für Philosophie, der den Titel „Das Arbeitskonzept und die materialistische Dialektik. Bemerkungen zu einem Meinungsstreit“ trägt. Diese Verteidigung gegen die Vorwürfe seiner wissenschaftlichen Gegner sollte vor dem Untergang der DDR nicht mehr erscheinen. Über die näheren Beweggründe dieser Zensur äußert sich schließlich Manfred Buhr, Leiter des Zentralinstituts für Philosophie in Ost-Berlin in einem internen Briefwechsel: Ruben verschiebe die „Angelegenheit“ und mache aus der Sache einen „Meinungsstreit“. Unabhängig davon, dass die Veröffentlichung der Ruben-Replik einer von Buhr wohl insgeheim befürchteten Blamage der DDR-Philosophie gleichgekommen wäre, ist diese Aussage auch deshalb entlarvend, weil sie veranschaulicht, dass es in der Causa Ruben – einem der letzten „Schauprozesse“ in der DDR – gerade nicht um wissenschaftliche, sondern um politische Fragen ging. Ruben hatte sich eingemischt und seine Kompetenzen als Mitarbeiter der Abteilung „dialektischer Materialismus“ weit überschritten, indem er etwa nach wissenschaftlichen Kooperationen mit Ökonomen oder Kommunikationswissenschaftlern suchte, damit aber das dogmatische Schema materialistischer Weltanschauung sowie die Arbeitsteilung am Zentralinstitut unterminiert. Schmerzlich zu Bewusstsein kam dies der DDR-Philosophie, als Hans Jörg Sandkühler im Westen eine Sammlung von Aufsätzen Rubens („Arbeit und Dialektik“) herausgab, aus deren Zusammenhang die Entwicklung einer eigenständigen Konzeption objektiver Dialektik erkennbar wurde. Der einerseits um seine wissenschaftliche Karriere besorgte, andererseits mit großen politischen Realitätssinn um die Verhältnisse in der DDR ausgestattete Manfred Buhr wusste um die Brisanz von Rubens mit der einschlägigen marxistisch-leninistischen Lehrbuchliteratur nicht mehr zu bändigenden Denken, dem in der Folge klare objektive Grenzen gesetzt wurden: Ruben wurde mit Reise- und Publikationsverbot belegt und damit als öffentlicher Philosoph in der DDR erledigt.

Was hat diese Geschichte aus der Wissenschaft eines nahen und doch so fernen Staates mit dem 39. Kongress der deutschen Gesellschaft für Soziologie zu tun? Blickt man auf die Beiträge der Eröffnungsveranstaltung in der Göttinger Lokhalle, so ließe sie sich möglicherweise als eine erhellende Parabel auf die Probleme lesen, mit denen sich die Soziologie heutzutage herumschlägt. „Was haben Soziologie und DDR-Philosophie miteinander zu tun? Einige projektive Überlegungen aus Anlass der Eröffnung des 39. DGS-Kongresses in Göttingen“ weiterlesen

Wir und die anderen. Der DGS-Kongress 2018 beginnt.

It’s this time of the year again: Morgen beginnt an der Universität Göttingen der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Irgendwo zwischen Sektionen, Festvorträgen, Mitgliederversammlung und Kongress-Party ist die Tagung ein jahrgangsübergreifendes Wiedersehen und Kennenlernen mit jungen und alten Soziolog*innen. Die Anmeldungen gehen in den vierstelligen Bereich, die Göttinger Hotelindustrie hat eine gute Zeit und heute und morgen begeben sich überall in Deutschland Personen mit Rucksack und Rollkoffer zum nahen Bahnhof.

Die meisten Kongress-Teilnehmer*innen reisen wahrscheinlich mit der Bahn – Bahnpendeln ist in akademischen Kreisen schließlich eingeübte Praxis, zwischen alter und neuer Arbeitsstelle, zwischen Wohn- und Arbeitsort, zu Beziehungspartner*innen, Verwandten, Kongressen, Workshops, Vorstellungsgesprächen usw. Dabei Bahnfahren ist in Wissenschaftskreisen längst Ideologie geworden; der Verweis, wie effizient man dort arbeiten könne, überdeckt die eigene Prekarität und Fremdbestimmtheit. Umso besser, wenn  man nicht alleine ist: Auf den Bahnhöfen der Republik (und des nahen Auslands) treffen die Anreisenden neben Wochenendpendler*innen, Fußballfans usw. auch auf verwandte Akademiker*innen, genauer auf Politikwissenschaftler*innen und auf Historiker*innen. Zeitgleich mit der Soziologie halten diese beiden größten Nachbardisziplinen ebenfalls ihre (zwei-)jährlichen Kongresse ab. Der Verein für Politische Wissenschaften tagt in Frankfurt am Main, in Münster ist Historikertag. Im Hintergrund der Terminwahlen mögen wichtige Gründe und unabwendbare Sachzwänge stehen, vordergründig ist der Eindruck aber unglücklich. Während Interdisziplinarität bei Forschungsvorhaben groß geschrieben wird, zwingt der Kongressbesuch zur Entscheidung: Soziologin und Politikwissenschaftlerin sein – das geht dieses Jahr nicht. Personen und Projekte – etwa Forschungsverbunde – die sich in mehr als einer Welt sehen werden gezwungen, sich zu positionieren. Angesichts der Überschneidung werden sich nur wenige Kolleg*innen dieser beiden Disziplinen zum Soziologiekongress kommen – und vice versa. Das hat Konsequenzen: Der Blick von außen wird diesem Soziologiekongress in wichtigen Teilen eher fehlen. Die Erschütterung lieb gewonnener Entwicklungsnarrative durch historische Erforschung spezifischer Details etwa muss unterbleiben. Mehr noch: Die Beziehungen der Disziplinen untereinander werden in der kommenden Woche nicht zum Thema gemacht – in keiner Stadt. Die Frage, was wir eigentlich voneinander lernen könnten, unterbleibt. Doch während sich die Disziplinen in räumlicher Distanz üben, sind die Themen der Kongresse verwechselbar. Gespaltene Gesellschaften, Komplexe Dynamiken globaler und lokaler Entwicklungen, Grenzen der Demokratie. Kein Motto verweist auf eine abgrenzbar soziologische, politikwissenschaftliche oder historische Thematik oder Methodik. Angesichts der Vielfalt innerhalb der Disziplinen braucht das nicht verwundern und es ist auch kein Ausdruck von Beliebigkeit, aber die Frage bleibt: Wenn wir uns so (vermeintlich?) ähnlich sind: Sollten wir es nicht schaffen uns häufiger zu sehen?

Auch, wenn sich die Soziologie auf ihrem Kongress mit Historischem beschäftigt, kann ein Selbstbezug festgestellt werden. Geschichte in der Soziologie ist vor allem Geschichte der Soziologie. Eine interessante Ausnahme bilden Beiträge zu außereuropäischen Räumen, die im Titel häufiger einen historischen Bezug aufweisen.

Ein Unterschied allerdings fällt bei der Durchsicht des Programms sofort ins Auge: Die Wahl des Gastvortragenden. Die Politikwissenschaft hat sich den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier gesichert während der Historikertag mit dem zweiten Mann im Staat, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble vorlieb nehmen muss; Bettina Gaus hält den Eröffnungsvortrag beim DGS-Kongress und schreibt für die taz. Staatswissenschaft möchte die Soziologie nicht sein, die Bestätigung der eigenen Relevanz durch Repräsentanten der Herrschaft wird nicht gesucht. Dennoch ist es wichtig zu fragen: Für wen machen wir Soziologie und wer nimmt uns wahr? Die Sonderveranstaltung ‚Soziologie für alle‘ am Donnerstagabend beschäftigt sich mit diesem Thema. Anknüpfungspunkte an diese Frage bietet schließlich die Diskussion um die Akademie für Soziologie, die auch auf diesem Blog bereits geführt wurde, und die sich einerseits um Begriffe, wie Evidenz, Empirie, Objektivität und Wissenschaftlichkeit dreht, andererseits aber auch fragt, welche Rolle die Soziologie bspw. in der Politikberatung einnehmen soll. Obwohl diesen Fragen keine eigenen Panels gewidmet sind, haben sie das Potential zu einem präsenten Thema dieser Tagung zu werden – ob als Nachfrage in Sektionen oder immer wiederkehrendes Pausengespräch.

Gibt es ansonsten Megatrends in der deutschsprachigen Soziologie? Wahrscheinlich nicht. Die komplexen Dynamiken verweisen schließlich nicht nur auf die Welt da draußen, sondern auch auf die Komplexität und Vielgestaltigkeit nach innen. Die Antwort auf die Frage „Was macht eigentlich die Soziologie?“ wird am Freitag keineswegs einfacher oder gar kürzer ausfallen, vielleicht aber anders und eventuell sogar besser.

Bodies and Names that (don’t) matter

Ich bin wieder in Deutschland, im heißen München. Zwischen den sehr vielen Vorträgen, den zahlreichen „business meetings“, den verschiedensten Gesprächen mit Kolleg_innen aus aller Welt und der ein oder anderen sightseeing tour, war schlicht keine Zeit für mehr Berichte auf dem Blog. So sad.

Neuigkeiten gibt es von den Wahlen. Als Vertreterin der DGS nahm ich an an der Wahl a) des neuen Vorstands der ISA inkl. neuem Präsidenten und b) des  Rats der Nationalen Vereinigungen der ISA teil. Das ist beides ausgesprochen interessant, denn es geht dabei auch um „Geopolitik“, (erneut) auch um Sichtbarkeit und um Repräsentationspolitik. Die ISA (re)produziert, trotz anhaltender interner Kritik und auch trotz des Versuches, dieser Kritik Rechnung zu tragen, die ISA also (re)produziert eine strukturelle Ungleichheit zwischen Nord/Süd und auch Ost/West – so sehen es jedenfalls zahlreiche Mitglieder. Diese Ungleichheit realisiert sich nicht nur in den sehr teueren Kongressgebühren und den zum Teil sehr teuren Orten der ISA Konferenzen, für die zudem vielfach Kolleg_innen kein Visum bekommen. Diese Ungleichheiten realisieren sich auch, so kommentieren dies zahlreiche Kolleg_innen (auch aus Deutschland) an Inhalten, empirischen Beispielen, Forschungsperspektiven, Methoden.  Mein Eindruck ist das allerdings ganz und gar nicht. Selten habe ich so viel über und aus z.B. Lateinamerika, Südafrika, Vietnam oder über post-/dekoloniale Soziologie gehört und gelernt. Aber die ISA Kongresse sind ja recht ‚tribalisiert‘, so dass ich hier nur für meinen Stamm sprechen kann. ;-)

In diesem Lichte aber wird womöglich plausibler, wie sehr die Kandidaturen für Präsident/in, Executive Committee (Vorstand) und dem National Associations Liaison Committee m.E. geopolitisch geprägt waren: Kandidierende stellten sich als Stellvertretende für ein Land, eine Weltregion, oder gleich ‚the Global South‘ vor. Aus dieser Positionierung generierten sie verbandspolitische Programmatiken wie z.B. sich für open access publishing einzusetzen. Wir werden sehen, wie es weiter geht. Gewählt wurde jedenfalls SARI HANAFI von der Amerikanischen Universität Beirut, Libanon, als neuer Präsident der ISA. Alle weiteren Vorstandsmitglieder finden sich hier.

Um mit ein paar inhaltlichen Eindrücken zu schließen, die noch lange nachhallen: Am Donnerstag letzter Woche, mitten in der Konferenz, sah ich in den deutschen Teilen meiner social media bubble das Video zu einer Pegida-Demo in Dresden vom 25.6.2018. Zu diesem Zeitpunkt fährt die „Lifeline“ der Dresdner Hilfsorganisation „Mission Lifeline“ noch mit über 230 geretteten Menschen an Bord im Mittelmeer umher, sie darf keinen Hafen ansteuern.  Manche Teilnehmende der Demo in Dresden, nicht mal wenige,  ‚kommentieren‘ die humanitäre Tragödie um die „Mission Lifeline“ mit „absaufen! absaufen!“-Rufen (hierhier). Es ist widerlich. Zeitgleich höre und sehe ich Vorträge in Toronto von Soziologen und Soziologinnen, die sich seit Jahren mit Migration und Asyl, mit Flucht und Einwanderung befassen. Dabei geht es bisweilen auch um die Frage, wessen Körper, also wessen Leben und wessen Sterben wem was wert ist.

Monica Massari von der Universität Neapel stellte sich in ihrem Vortrag – wie ich meine, recht geschickt – dem Dilemma der Sichtbarkeit: Wie das Sterben und die Not zeigen, ohne in ein voyeuristisches ‚Elends-Porn‘ einzuspeisen, das im besten Fall für moralische Empörung, im normaleren aber für Wegsehen sorgt, oder aber das Sterben und die Menschen für die eigenen akademischen Zwecke in ethisch höchst dubioser Weise funktionalisiert? Monica Massari entschied für einschlägige Kunst und Installationen. Das war berührend, aber nicht überwältigend. Das war provokant, aber nicht destruktiv. Das war irritierend, aber nicht anti-reflexiv.


 

Gewalt, (Un)Gleichheit, Gesellschaft – keepin‘ it real

Das Oberthema des ISA-Kongresses in Toronto lautet „Power, Violence and Justice: Reflections, Responses and Responsibilities“.  Und tatsächlich habe ich in den letzten Tagen zahlreiche Veranstaltungen besucht, mehr oder weniger bewusst aus den Dutzenden Möglichkeiten pro slot gewählt, die sich ausdrücklich insbesondere mit Macht und Gewalt befassten.

Sylvia Walby hat sich in ihrem Plenarvortrag „Theorizing Violence: Neoliberalism, Gender, and the Increase in Violence“ der  Frage  angenommen, ob Gewalt steige oder abnehme? Wie lässt sich dies messen? Welche Gewalt ist gemeint? In welchem Kontext? Mit diesen methodologsich-konzeptuellen und auch theoretisch fruchtbaren Dimensionen befasst sich die britische Soziologin seit Dekaden. Ihr zentrales Thema ist dabei geschlechtliche Gewalt, „gender-based violence“. Wird diese berücksichtigt – was in der Sozialstatistik wie in der soziologischen Forschung keinesfalls selbstverständlich ist – so kann von einer modernisierungs- oder zivilisationslogischen Abnahme von Gewalt (man denke nur an Elias) nicht ohne Weiteres die Rede sein. Zugleich aber wird Gewalt, auch sexualisierte oder vergeschlechtlichte, zunehmend geächtet, juristisch geahndet und politisch problematisiert. Insgesamt, so Walby in ihrer quantitativen Analysen, korreliert geschlechtliche Ungleichheit mit dem Ausmaß viergeschlechtlicher Gewalt. 

Sylvia Walby hat übrigens einen der diesjährigen Anneliese Maier Forschungspreise gewonnen, sie wird beim 39. DGS Kongress 2018  in Göttingen eine Keynote halten.

Gewalt ist auch, womöglich vor allem, ein körperliches Phänomen, eine zwischenleibliche Dynamik –  normativ und historisch konstituiert, innerhalb von Organisationen und Institutionen, innerhalb komplexer Verhältnisse. Um diese Unmittelbarkeit und Komplexität ging es in zahlreichen Vorträgen und Panels. Interessanterweise wurde dies vielfach über das Konzept der Intersektionalität (vgl. u.a. hier, hier, hier, hier) eingelöst, d.h. darüber, verschiedene Achsen von Ungleichheit und/oder Differenzen (und darüber gibt es in diesem Forschungsfeld eine andauernde Kontroverse) in ihrer wechselseitigen Verflechtung zusammen zu denken und zu erforschen. So ist z.B. „Gewalt gegen Frauen“ ohne die systematische Berücksichtigung empirischer Positionierungen wie Alter, ethnicity, Region schlecht möglich.

Hierüber hat Sonia Frías am Fall von Mexico, basierend auf großen repräsentativen Studien nuanciert präsentiert. Besonders ist sie auf die methodologischen Herausforderungen eingegangen, die empirische Komplexität enthält. Auch und gerade für die deskriptiven/quantitativen Methoden.

Klar wurde in vielen weiteren Beiträgen: soziale Komplexität ist so unmittelbar wie strukturell. Dafür ist das Konzept der Intersektionalität hoch produktiv und empirisch nützlich. Um „Identität“ oder ein sonstiges subjektiv-betroffenes So-Sein als ’schwarze Frau‘, ‚alter weißer Mann‘, ’schwuler Arbeiter‘ oder derartige Pappkameraden geht es dabei nicht.

Völkerschau – Ambivalenz aushalten

Kanada stelle sich gern tolerant, multikulturell differenzversiert, freundlich dar. Aber, diese Selbstdarstellung sei nicht ganz akkurat. Mit dieser Feststellung stieg die Präsidentin der Canadian Sociological Association, Myrna Dawson, in ihre Einführungsrede ein. Auch Leid, Gewalt, Entrechtung gehörten zu Canada. Sichtbar darum bemüht, sich nicht allzu selbstgerecht als den guten gutmütigen Nachbarn der bösen kleingeistigen USA zu stilisieren, aber auch anknüpfend an eine schon seit Jahren etablierte Tradition, rang die Eröffnungsveranstaltung des ISA Kongresses um symbolische Sichtbarkeiten und Anerkennung. So begann der Abend mit einem „WELCOME TO TURTLE ISLAND„, dargebracht von The Red Urban Project, Montreal First Nations dancers aus Québec and Ontario, die (so das Programmbuch) viele „Indigenous Nations“ across Turtle Island – known today as North America – repräsentieren. Wir hören: Folklore. Wir sehen: Federschmuck, bunte Gewänder, bemalte Gesichter. Tausende Kolleg_innen halten ihre Smartphones in die Höhe und fotografieren das bunte, sehr ernsthaft dargebrachte Treiben auf der Bühne, manche lächeln sichtlich gerührt. Völkerschau.

Am folgenden Tag beginnen, wie bei derartigen Veranstaltungen hierzulande inzwischen oft, einige Panels mit der Anerkennung dessen, dass wir in Toronto, also Ontario, also Canada tagen, d.h. einem Land, das von europäischen Siedlern kolonial besetzt und gewaltsam angeeignet wurde.

Kanada hat eine leidvolle Geschichte der Entrechtung, Ausbeutung und biopolitischen Verwundung derjenigen, die heute ‚First Nations‚ genannt werden. So wurden z.B. massenweise und systematisch Kinder der ‚Indigenous People‘ staatlicherseits aus den Familien geholt und in Internate zwangsbeschult – wo ihnen, so ließe sich das eindeutschen, kanadische Leitkultur eingebläut wurde. Die Selbstmord- und Alkoholismusraten sind in den ‚Reservaten‘ deutlich höher, die Gesundheit der ‚Indigenous People‘ ist signifikant schlechter als die anderer Kanadier_innen. Mit dieser Geschichte und Gegenwart setzt sich Kanada politisch und auch soziologisch intensiv auseinander. Das führt nicht zwangsläufig, aber empirisch dann doch zu wohlmeinenden Darbietungen von Anerkennungschoreographien. Die, wie ich fand, schwer erträglich sind. Denn sie inszenieren eine exotisierte Ver-Anderung, die das Gegenteil von Anerkennung sein kann. Doch zugleich, so haben wir uns in zahlreichen Gesprächen mit Kolleg_innen gefragt, wie sonst? Schweigen? Einhegen in ein, zwei spezifische Panels?

Gut gemeint ist womöglich schlecht gemacht, aber besser geht es womöglich auch nicht. Die unauflösliche Ambivalenz der Anerkennungs-Schau müssen wir aushalten. Aus ihr kann man ne Menge Soziologisches und Ethisches lernen.

DGS goes ISA

vom 15.-22. Juli 2018 bin ich, Paula-Irene Villa, für die DGS – und, na klar, aus Fachinteresse sowie mit zwei eigenen Vorträgen – beim ISA Welt-Kongress der Soziologie in Toronto. http://isa toronto 2018 call for papers
Über meine Eindrücke werde ich hier berichten.


Es nehmen ca. 5.000 Kolleg_innen aus 101 Ländern am ISA-Kongress teil, es gibt über 10.000 abstracts/Vorträge. ISA sind, wie alle großen internationalen Fachkongresse ohne ganz spezifischen Fokus, also eher große Messen denn vertiefende Workshops zu einzelnen Forschungsfragen. Gleichwohl arbeiten viele Kollegen/innen hier vernetzt über die thematischen RC‘s schon lange zusammen, die sich hier (wieder) begegnen.

Was sich bei einer solchen Fach-Messe beobachten lässt, ist, was alles Soziologie sein und wie diese unterschiedlich praktisch vollzogen werden kann. Vortragsstile, Themen, epistemologische und politische Verortungen, das ist enorm heterogen. Lernen kann man auch, dass academic english sich sehr, sehr unterschiedlich anhören kann. Nix ‚Reinheitsgebot‘. Das ist entspannend – und manchmal anstrengend. Apropos Internationales: erneut konnten zahlreiche Kollegen/innen nicht an der ISA teilnehmen, weil sie kein Visum bekamen. Das beschäftigt das Orga-Komittee immer wieder. Von den horrenden Kongressgebühren mal ganz abgesehen.

In Toronto herrscht übrigens schwül-heißes Wetter (28°C), die AirCos in den Räumen laufe also auf Hochtouren. Auch das ist für die deutsche Befindlichkeit anstrengend.

Vom Einander-Verstehen und der Besetzung von Begriffen

Es geht stark auf Weihnachten zu, da wird es Zeit über gegenseitiges Verstehen nachzudenken (das sollte ja eine Kernkompetenz jedes Soziologen sein).

Also: Verstehen wir einander noch? Zunächst: Wie komme ich auf diese Frage? Liest man die bisherigen Papiere aus dem Akademie-Gründungsprozess, dann fallen immer wieder Begriffe auf, die dort einerseits zentral zu sein scheinen, weil sie in schöner Regelmäßigkeit wiederholt werden. Es fällt aber auch auf, dass sie wie selbstverständlich verwendet werden und – mehr noch – so, als sei zweifelsfrei festgestellt, was sie bedeuten. Und zwar für die Soziologie insgesamt. Diesen Sprach-Duktus finden wir auch anderswo: In der Psychologie ist es der naturwissenschaftlich orientierten Test-Psychologie erschreckend gut gelungen, die klinische und kritische Psychologie einschließlich der Sozialpsychologie zu marginalisieren. In der Erziehungswissenschaft beobachten wir gerade die Anfänge einer ähnlichen Bewegung, wenn die Empirische Bildungsforschung mit dem Argument der Evidenzbasiertheit ihrer Befunde immer mehr Raum und Ressourcen im Fach beansprucht. Dort hat man immerhin den Anstand, das eigene Tun mit einem spezifischen Label zu benennen und nicht die Bezeichnung Erziehungswissenschaft engzuführen. Allerdings finden wir auch im Fall „Vom Einander-Verstehen und der Besetzung von Begriffen“ weiterlesen

Organisation und Repräsentation

Die Tatsache, dass die Initiatorinnen der Akademie dieser das Wort „Soziologie“ beigesellen, hat für viel Verdruss gesorgt, selbst bei wohlmeinenden Kollegen, die den umgekehrten Verdruss der Akademie-Gründerinnen über die aktuelle Verfassung der DGS und ihrer Gremien in größeren Teilen nachvollziehen konnten, aber sich und ihre Art Soziologie zu treiben in der Akademie nicht wiederfinden. Hätte sich eine „Akademie für standardisierte Sozialforschung“ gegründet, hätten sich manche vielleicht gefragt: Wofür brauchen wir so etwas? Empörung wäre aber vermutlich nicht aufgekommen.

What’s in a name? Mir fiel dazu kürzlich ein Zitat des Begründers der Tübinger Soziologie, Ralf Dahrendorf, in die Hände:

„Soziologie ist das, was die Leute, die sich Soziologen nennen, tun, wenn sie von sich sagen, daß sie Soziologie betreiben. Mehr nicht. Die Suche nach ‚der Soziologie‘, als sei sie ein Ding, gar ein Ding an sich, ist reine Metaphysik, boden- und hoffnungslos zugleich. … Gewiß ‚darf man fragen, ob eine wissenschaftliche Disziplin ‚im Kern‘ so etwas wie eine ‚innere Einheit‘ darstellt‘; nur eine Antwort auf die Frage darf man nicht erwarten. Es gibt keinen Kern von Fachdisziplin und auch keine innere Einheit, sondern nur deren historisch gewachsene äußere Mehr-oder-minder-Einheit. Alle weiteren Fragen sind empirisch: was verbindet die Leute, die sich zugehörig fühlen, wenn sie ihr Tun mit dem Namen des Faches zieren?“ [1]

 

Es können also, mit Dahrendorf gesprochen, Leute etwas tun, was sie Soziologie nennen, und dann ist es auch Soziologie. Nun würden wir vermutlich „Organisation und Repräsentation“ weiterlesen

Soziologie und Politik: Geht da was?

 

Rund um die Akademie-Gründung wurde immer wieder einmal mit negativen Konnotationen auf Phänomene der Politisierung der Soziologie verwiesen und dabei gelegentlich mit dem Finger auf den DGS-Vorstand gezeigt. Hier muss aber sorgsam differenziert werden, welche Dimension des Politischen gemeint ist, denn sie sind unterschiedlich zu bewerten:

Der Anspruch der Soziologie, kritische Wegbegleiterin von Gesellschaft(en) zu sein, erscheint mir unverzichtbar. Kritische „Gesellschaftsbeobachtung“ ist eine politisch verantwortliche wissenschaftliche Aufgabe der Soziologie. Eine allerdings, die nicht von der Notwendigkeit entbindet, „Soziologie und Politik: Geht da was?“ weiterlesen

Big Data, Big Misunderstanding?

Andreas Diekmann hat in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung [1] kurz vor dem letzten Soziologiekongress die provokante These aufgestellt, die Soziologie müsse sich ganz neu erfinden. Nanu, möchte man sagen, hundertzwanzig Jahre Soziologie einfach in die Tonne treten und neu starten? Was steckt dahinter? Als wichtigstes Argument führt Diekmann die technologische Entwicklung an, die inzwischen zu informatischen Strukturen geführt hat, in denen nahezu alle menschlichen Aktivitäten in Echtzeit Datenspuren erzeugen. Die Medien, die Wirtschaft und zunehmend auch die Wissenschaft sprechen dann von Big Data – eine wohl nicht ganz zufällige Anähnelung an die alte Dystopie vom Big Brother. Freizeitsportlerinnen messen ihre Leistungen und körperlichen Zustände, Kunden ergattern mit Payback-Karten geringfügige Rabatte und zahlen dafür mit ihren Konsumdaten, Strom- und Heizenergiezähler sammeln zunehmend auf digitalen Wegen Verbrauchsinformationen etc. So kommen „Big Data, Big Misunderstanding?“ weiterlesen

Was für eine Wissenschaft soll die Soziologie sein?

Die sogenannte „Akademie für Soziologie“ verpflichtet sich der Gesellschaft gegenüber vor allem darauf, eine bestimmte Leistung zu erbringen: Sie will dem steigenden Bedarf nach „verlässlichen Informationen sowie praktischen Handlungsempfehlungen“ [1] nachkommen. Und sie will das unter „Anwendung kontrollierter wissenschaftlicher Methoden“, basierend auf „klar und präzise formulierten Theorien“ und unter Einsatz von „Replikationen“ erreichen. Doch soll das der Kern der Wissenschaftlichkeit unseres Faches sein? Wirklich? Was macht Forschen zu wissenschaftlichem Forschen? Es sind nicht Daten, nicht Gesetze, nicht Normen, die wissenschaftlichen Fortschritt hervorbringen. Nein, es ist das Argument. Es geht um „Was für eine Wissenschaft soll die Soziologie sein?“ weiterlesen

Mit einem Auge ist man halb blind: Von Einheit und Uneinigkeit der Soziologie

Prolog

Ich habe ein durchaus emphatisches Verhältnis zu meinem Fach, der Soziologie. Meines Erachtens ist sie –  neben der Sozialanthropologie – die Grundlagenwissenschaft für alle mit Sozialität oder Gesellschaftlichkeit verbundenen Fragen und informiert damit auch viele unserer Nachbarfächer, wie Politologie, Erziehungswissenschaft oder empirische Kulturwissenschaft. Zugleich liefert sie differenzierte und reflektierte Diagnosen der Gegenwartsgesellschaften und ihrer Probleme. Daher lässt es mich nicht unberührt, wenn eine Gruppe von Vertreterinnen und Vertretern unseres Faches den Begriff für sich reklamieren und ihn dabei inhaltlich so ausdünnen, dass – wie ich behaupten möchte – wesentliche Leistungen und zentrale Funktionsweisen der Soziologie als akademischer Disziplin verloren zu gehen drohen. Um Schaden vom Fach Soziologie in Deutschland abzuwenden, bedarf es dringend einer gründlichen Debatte über einige inhaltliche Grundfragen, aber auch über professionspolitische Strategien. Eine Debatte, die ich mit diesem Blog anstoßen möchte, von der ich mir aber wünsche, dass viele „Mit einem Auge ist man halb blind: Von Einheit und Uneinigkeit der Soziologie“ weiterlesen

Von der Erschöpfung zur Erneuerung utopischer Energien?

Jürgen Habermas sprach in den frühen 1980er Jahren von einer „Erschöpfung der utopischen Energien“, die mit der „Krise des Sozialstaates“ einherginge. Seither wurden viele sozialstaatliche Errungenschaften demontiert. Die von konservativen Regierungen unter Reagan, Thatcher und Kohl begonnenen neoliberalen „Strukturanpassungen“ wurden in unterschiedlicher Akzentuierung indes auch unter Clinton, Blair und Schröder fortgeführt. Statt zum Ausbau der Demokratie kam es auch unter sozialdemokratischer Regierungsführung zum Abbau öffentlicher Leistungen, zur Vertiefung sozialer Ungleichheiten und sich verbreitender Prekarisierung. Die enormen Produktivitätsgewinne aus Automation, Digitalisierung und Globalisierung wurden weitestgehend von Unternehmen einkassiert. Oligopolistische Großkonzerne wie Amazon, Facebook, Google und Microsoft durften sich sogar über Jahre hinweg ernsthafter Besteuerung entziehen. Zwar hängt die jüngste Welle von Wahlerfolgen rechtsgerichteter Demagogen mit autoritär-populistischen Programmen von einer Vielzahl je nach Land in der Gewichtung variierender Faktoren ab, ermöglicht worden ist sie aber insbesondere von einem eklatanten Mangel an demokratischen Visionen.

„Von der Erschöpfung zur Erneuerung utopischer Energien?“ weiterlesen