Männer*[1], Männlichkeiten, Gesundheit und Care

Frank Luck

 

Wann ist Mann* ein Mann*? Was haben Männer*, Vorstellungen zu Männlichkeiten und Gesundheit sowie Care miteinander zu tun?

Im folgenden Beitrag[2] möchte ich versuchen, einzelne Aspekte aus eigener Forschung mit Männern* im mittleren Lebensalter zwischen 30 und 60 Jahren an der Schnittstelle von Geschlecht, Gesundheitshandeln und Care zu skizzieren, zu reflektieren und zu überlegen, welches mögliche Potenzial sich daraus für gesellschaftliche Diskussionen ergeben könnte. Denn gerade im Kontext der dynamischen Entwicklungen zur Corona-Pandemie, erscheint es für gesellschaftliche Debatten wertvoll zu überlegen, wie dieses Verhältnis ist: Wie sieht der Umgang von Männern* mit Gesundheit aus? Welche gesellschaftlichen Vorstellungen gibt es und wie handeln Männer* im Alltag? Zunächst möchte ich kurz beschreiben, mit welchem Verständnis ich zu Männern* sowie Männlichkeiten arbeite und dann auf Gesundheit und Care eingehen. Meine Ausführungen in diesem Blog möchte ich in Anlehnung an Adorno (2018) als etwas Provisorisches und Unabgeschlossenes verstanden wissen und damit zu einer freundlich-offenen Diskussion einladen.

 

Männer*

In diesem Beitrag werden Männer* als eine Form geschlechtlicher Möglichkeiten mit unterschiedlichen Selbstverständnissen und Praxen verstanden. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen: Männer* sind keine homogene Geschlechtergruppe (vgl. de Visser, 2019; Faltermaier, 2018; WHO – Regional Office für Europe, 2018). Vielmehr können sich ihre Lebensbiografien, ihre aktuellen Lebensumstände und konkreten Lebenssituationen sehr unterscheiden (Griffith, Bruce & Thorpe, 2019).

 

Männer*, Männlichkeiten und Gesundheit

Weltweit besteht ein „Gender Gap“ (Kirby, Kirby & Farah, 2002, S. 11) in der Lebenserwartung und Sterblichkeitsrate zwischen geschlechtlichen Gruppen von Männern* und Frauen* (WHO, 2019). Die Ursachen in der unterschiedlichen Lebenserwartung werden vor allem in Bezug auf das Gesundheitsverhalten, die Erwerbssituation und die soziale Situation gesehen (vgl. Faltermaier, 2018).

Zur Erklärung des Gesundheitsverhaltens bei Männern* werden in jüngerer Zeit zunehmend Zusammenhänge zwischen Gesundheit und Männlichkeit in den Blick genommen (vgl. Krumm et al., 2017; Oliffe et al., 2013). Bezogen auf den Umgang mit Gesundheit im Alltag bedeutet dies, Männer* handeln nicht (umgangssprachlich) ‚von Natur aus‘, weil sie Männer* sind (vgl. Luck, 2016), sondern sie stellen Männlichkeit auch über ihren Umgang mit Gesundheit erst her (z.B. über den Umgang mit Schmerzen, vgl. Wehner et al., 2015). Der Einbezug von Geschlecht als relevante soziale Kategorie in den Gesundheitswissenschaften und die Perspektive, Gesundheitshandeln als ein vergeschlechtlichtes und vergeschlechtlichendes Handeln anzusehen, geht auf verschiedene sozialwissenschaftliche Forschungsrichtungen und damit verbundene theoretische Konzeptionen zurück: die Frauen*gesundheitsforschung und die Männer*- bzw. Männlichkeits- und Geschlechterforschung. Am folgenreichsten ist Connells Konzeption ‚hegemonialer Männlichkeit‘ (Connell, 2015). Hegemoniale Männlichkeit ist demzufolge sowohl über die Abgrenzung zu ‚Weiblichkeit‘ als auch in Abgrenzung zu anderen „untergeordneten“, „komplizenhaften“ oder „marginalisierten“ Männlichkeiten definiert (vgl. Connell, 2015, S. 131–135). Hier können z.B. folgende Männer* genannt werden: homosexuelle Männer* oder Männer*, die Aspekte hegemonialer Männlichkeit nicht darstellen, aber von der gesellschaftlichen Vormachtstellung des Mannes* profitieren (Stichwort „patriarchale Dividende“, Connell, 2015, S. 133) sowie Männer* mit ‚Migrationshintergründen‘/Migrationsbiografien, men of color und Männer* mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status. Es gibt gemäß Connells Konzept (2015) verschiedene Männlichkeiten, weshalb die Pluralform verwendet wird. Als zentrales Elemente von hegemonialer Männlichkeit gelten die Aspekte ‚weiß‘, ‚heterosexuell‘, ‚stark (sein)‘‚ ‚berufszentriert‘ sowie ‚Familienernährer‘ (vgl. Wehner et al., 2015). Hegemoniale Männlichkeit weist auf ein normatives Ideal hin, an dem sich Männer* zur Herstellung und Absicherung von Männlichkeit orientieren (müssen), das aber nur wenige Männer* repräsentieren (können). Was als hegemonial männlich gilt, ist historisch und gesellschaftlich-kulturell variabel und somit Wandlungsprozessen unterworfen (vgl. Connell, 2015; Maihofer, 2007).

 

Wann ist ein Mann* ein Mann*?

In der bürgerlichen Gesellschaft wird der Mann* zum Mann*, indem er den Nachweis bringt, sein Leben selbst gestalten zu können. Hierzu gehören zahlreiche Wortschöpfungen, die deutlich werden lassen, über welche Eigenschaften sowie Fähigkeiten das moderne ‚männliche‘ Subjekt“ (Maihofer, 1995) verfügen sollte: z.B. ‚Selbstbewusstsein‘, ‚Selbstdisziplin‘, ‚Selbstführung‘ und ‚Selbstverbesserung‘ (vgl. Foucault, 2007, 2015). Es ist eine Herrschaft über sich und gleichzeitig ein Unterwerfen seiner selbst, gerade in Bezug auf die Disziplinierung und Beherrschung seiner Gefühle und der Zurückweisung sozialer Bindungen (vgl. Bourdieu, 2005; Maihofer, 1995). Die Entstehung bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaften ist von Anfang an damit verbunden, dass Macht, Herrschaft und Subjektwerdung zusammenhängen. In der bürgerlichen Gesellschaft erlangt und bestätigt der Mann* demnach ‚seine Männlichkeit‘ durch die ‚Verkörperung‘ von ‚männlich‘ codierten Praxen in Bezug auf das Denken, den Umgang mit Gefühlen und der Arbeit mit dem ‚Körper‘. Diese Praxen sind kennzeichnend für das Verhältnis zu sich selbst als auch zu dem verortet sein in der Welt. Aus einer gesellschaftstheoretischen Perspektive wird zudem deutlich, wie aktuelle Männlichkeitsnormen ein zentraler Aspekt der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschafts- und Geschlechterordnung sind. Diese Art, als Mann* zu existieren hat sich im 18. Jahrhundert als Teil der Selbststilisierung der bürgerlichen Klasse etabliert und im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts als Norm durchgesetzt (vgl. Maihofer, 2014).

Die Normen hegemonialer Männlichkeit werden aber zunehmend von Männern* selbst hinterfragt. Dabei finden sich Beschreibungen und Reflexionen wie z.B. vom „[…] Mythos der Maskulinität […] und warum er toxisch, ja tödlich ist“ (Urwin, 2018, S. 2) oder dem Buch von Bola: „Sei kein Mann. Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist“ (Bola, 2020). Die beiden Autoren versuchen, die Bilder zu Männern* und Männlichkeit über das Verständnis einer binären Geschlechterordnung hinaus zu erweitern. Gesellschaftlich setzt sich „[…] die männliche Herrschaft nicht mehr mit der Evidenz des Selbstverständlichen durch […]“ (Bourdieu, 1997, S. 226). Sie wird hinterfragt, muss begründet und gerechtfertigt werden. Gemäß Lengersdorf & Meuser ist die „[…] Flexibilisierung von Männlichkeiten […] begleitet von einer Diskursivierung, in der Männlichkeit den Status des fraglos Gegebenen verliert und reflexiv wird. Auffallend ist die zeitliche Koinzidenz der Diskursivierung von Männlichkeit und der Durchsetzung des globalen Neoliberalismus“ (Lengersdorf & Meuser, 2017, S. 40).

 

Männlichkeit und Gesundheit — Potenziale von ‚Freiheit‘ und ‚Zwang‘ unter den derzeitigen Bedingungen des Neoliberalismus

In der eigenen empirischen Forschung (Luck, 2021) zeigt sich, dass unterdessen nun mehr nicht nur Frauen* die Verantwortung für Gesundheit und Wohlbefinden zugeschrieben wird. Die Maßnahmen zur Gesundheitserhaltung (z.B. Care-Maßnahmen) sind nicht länger nur Teil von Weiblichkeit, sondern ebenso bedeutend für die alltägliche Re-Produktion von Männlichkeit. Das Kümmern um Gesundheit sowie Wohlbefinden steht dabei nicht im Widerspruch zu Vorstellungen von ‚männlicher Selbständigkeit und Autonomie‘, sondern zeichnet geradezu ein leistungskonformes ‚Mann* sein‘ unter den derzeitigen Bedingungen des Neoliberalismus aus. Dieses ‚Sorgen um sich‘ kann dann als ‚Selbstauftrag‘ verstanden werden, der aber persönlich nicht als ‚Zwang‘ interpretiert wird, sondern als ‚vermeintliche Freiheit‘ in Form eines sich um sich ‚sorgen‘ zu dürfen.

Gesundheit und Männlichkeit und was mit diesen verbunden ist, sind beide demnach von einer Vorgabe zu einer Gestaltungsaufgabe geworden (vgl. Kickbusch & Hartung, 2014; Meuser, 2007). Dieses mit der (theoretischen) Möglichkeit, sich ‚in Freiheit‘ für eine sich selber entsprechenden Selbstverwirklichung entscheiden zu können. ‚Der Zwang‘ besteht darin, dass zwar der Weg nicht vorgegeben ist, aber das Ziel eines Subjektes von ‚gesunder Männlichkeit‘ (Interviewpartner Herr R.) hingegen schon, Es zeigt sich, wie auch Dinges konstatiert: „Gesundheitsförderndes Verhalten ist zu einem Kernbestand moderner Selbstsorge geworden – ob als Selbstermächtigung, Biopolitik oder Selbstzwang sei dahingestellt“ (Dinges, 2016, S. 929). Die Ergebnisse meiner Forschung lassen erkennen, wie die von Dinges aufgeführte Frage nach den Aspekten von „Selbstermächtigung, Biopolitik oder Selbstzwang“ (Dinges, 2016, S. 929) vielmehr kein Entweder-Oder darstellen, sondern miteinander zusammenhängen und ineinander verwoben sind.

Gesundheitsvorstellungen sowie Praxen im Alltag weisen Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten auf. Während die einen Männer* sich rigide auferlegen, die Anforderung zu erfüllen, fit für den Arbeitsmarkt zu sein, setzen sich andere Männer* in kritische Distanz zu diesen Anforderungen. Sie reduzieren ihr Arbeitspensum, um durch eine ihnen entsprechende Lebensweise eine Work-Life Balance herzustellen. Für sie ist Gesundheit soziale Praxis (vgl. Hanses, 2012) und der konkrete Umgang mit Gesundheit ist Teil veränderter Gesellschaftsbedingungen, indem die Befragten nun Potenziale von ‚Freiheit‘ und ‚Zwang‘ thematisieren, sich aktiv um ihre Gesundheit kümmern zu dürfen bzw. zu müssen. Im Fokus derzeitiger Diskussion stehe vor allem eine Vorstellung „von der Gesundheit als aktiver Lebensgestaltung und Lebenslust“ (Kickbusch & Hartung, 2014, S. 18). Als Grund hierfür wird u. a. das Engagement von „sozialen Bewegungen wie die Frauenbewegung und die Gesundheitsbewegung sowie die zunehmende Anerkennung der ganzheitlichen Medizin und nicht zu vergessen: die Ottawa Charta für Gesundheitsförderung“ (Kickbusch & Hartung, 2014, S. 18) gesehen. Die Dynamisierung von ‚Gesundheit‘ ist einerseits Konsequenz einer agency zugunsten geschlechtlicher und lebensweltlicher Kontexte. Andererseits ist sie Folge der Dynamisierung gesellschaftlicher Ordnungsstrukturen aufgrund des Rückzugs des Staates mit dem Ziel einer ‚Verantwortungslogik‘ des Subjektes. Um das zu erreichen, sollen die Subjekte Gesundheitsarbeit leisten und ‚ihren Körper‘ für ein ‚besseres Leben‘ bearbeiten. Das Kümmern um Gesundheit kann als „Kapitalakkumulation“ (Bourdieu, 2012, S. 229f.) verstanden werden. Gesundheit ist somit nicht mehr länger Idealvorstellung eines Zustandes (vgl. dazu die WHO-Gesundheitsdefinition, 1946), sondern vielmehr Ergebnis (vgl. Schnabel, 2015) einer selbstverantwortlichen ‚gesunden Lebensführung‘.

Bei einem Verständnis von Gesundheit, dass sie nicht selbstverständlich gegeben ist, sondern aktiv hergestellt werden muss, kann diese auch als eine Anforderung und ein Auftrag an Männer* verstanden werden. Mit diesem Verständnis ist ebenfalls verbunden, nicht nachzulassen, sondern Gesundheit als fortwährenden Prozess zu verstehen, der einerseits ein dynamisiertes Subjekt (erst) hervorbringt und andererseits flexible Praxen zum Umgang mit Gesundheit einfordert. Mit dem Begriff dynamisiert verbinde ich die Vorstellung von einem Subjekt, das ‚aktiviert‘ und zugleich ‚flexibel‘ in Bezug auf sich selbst und zu gesellschaftlichen Entwicklungen agiert sowie reagiert. Es geht nicht nur um ein aktives Tun für die eigene Gesundheit, sondern auch um ein Anerkennen gesellschaftlicher Realitäten. Folglich ist ein ‚dynamisiertes Subjekt‘ auch eine Person, die sich dem gesellschaftlichen Gegebenen anpasst und sich darauf einstellt. Die entsprechenden Praxen zeigen sich, indem Mann* für seine Gesundheit ‚selbst sorgt‘. Dieses ‚Sorgen um sich‘ kann als Selbstauftrag verstanden werden, der aber persönlich nicht als ‚Zwang‘ interpretiert wird, sondern als ‚vermeintliche Freiheit‘ in Form eines sich um sich ‚sorgen‘. Gesundheit wird damit zu einem ‚Produkt‘, das erarbeitet werden muss (vgl. Kickbusch & Hartung, 2014; Kühn, 1993; Schnabel, 2015). Gesundheit wird – wie ausgeführt – damit zum Leistungsausweis. Es geht für das Subjekt darum, die gesellschaftlichen Anforderungen zu verstehen, anzunehmen und Gesundheit als ‚Mittel zum Zweck‘ zu interpretieren, um fit zu sein, z.B. für den Arbeitsmarkt im globalisierten und flexibilisierten Kapitalismus unserer Zeit (vgl. Lengersdorf & Meuser, 2017; Lenz, Evertz & Ressel, 2017).

Vor dem Hintergrund der Entwicklung hin zu einer Gesellschaft, in der Menschen älter werden und verstärkt von chronischen Krankheiten betroffen sind/sein werden (Obsan – Schweizerisches Gesundheitsobservatorium, 2015) ergibt sich ein folgenreiches Spannungsfeld. Das Älterwerden und das Alter erscheinen als Bedrohung, weil mit ihnen Krankheiten und ein möglicher Bedarf an Pflege sowie Betreuung assoziiert werden. Dieses Bild vom Alter verstärkt in der Folge Aktivitäten (gerade im mittleren Lebensalter), um möglichst gesund zu sein und im Alter gesund zu bleiben. Dadurch sollen Autonomie, gesellschaftliche Teilhabe und Wohlbefinden ermöglicht und abgesichert werden.

Hier zeigen sich einerseits Potenziale von ‚Freiheit‘/‚Freiheitshandeln‘, in dem Sinne: ‚Ich tue etwas für mich, ich kümmere mich um mich‘; das heißt, diese Selbstsorge wird in einem sich ermächtigenden Sinn verstanden. Andererseits bedeutet dies zugleich klare gesellschaftliche normative Anforderungen an das Subjekt: ‚Kümmere dich um dich, damit du gesund bist und nicht krank wirst‘ und ‚Falle der Gesellschaft nicht zur Last‘.

Diese Entwicklungen gingen und gehen einher mit dem Um- und Abbau des Sozial- und Wohlfahrtsstaates europäischer Prägung. Wohlergehen und Wohlbefinden ist nun primärer Aufgaben- und Verantwortungsbereich des Subjektes.

 

Männer* und Männlichkeiten: Akzentverschiebungen im Verständnis von Männlichkeit hin zu einem aktualisierten und erweiterten Anforderungskatalog von Männlichkeiten

Beides, Gesundheit und Männlichkeit, scheinen im Rahmen gesellschaftlicher Transformationsprozesse zu einer Gestaltungsvorgabe geworden sein. Das Ideal ist ein ‚männliches‘ Subjekt, das verstanden hat, wie sehr es selbst Ziel der Veränderung in einem fortwährenden Prozess ist. Dabei ist das Ziel ein imaginäres Bild von einem selbst, das aber nie erreicht werden kann. Doch erfolgt die gesellschaftliche Anerkennung bezogen auf Umgang mit Gesundheit, dem ‚Unterwegssein‘. Das Verhalten, sich nicht gehen zu lassen, nicht dem ‚Müßiggang‘ zu verfallen, entspricht dem Arbeitsethos der Leistungsgesellschaft. Leistungsfähigkeit gilt als ein zentrales Element zur Herstellung von Männlichkeit. Dieses sich parat machen, sich körperlich und mental fit machen und fit bleiben, ist ein Auftrag an sich selbst. ‚Gesundsein‘ bzw. ‚über Gesundheit zu verfügen‘ und (Self-)Care würden demnach zu einem aktualisierten und erweiterten Anforderungskatalog hegemonialer Männlichkeit gehören. Diese Vorstellungen passen sehr gut zu den zeitaktuellen Formen der Erwerbsarbeit, deren Mitglieder gefragt sind, als emotional selbstkompetente Teamplayer zugunsten eines wirtschaftlichen Erfolges von Unternehmen zu agieren. Damit wird der moderne Mann* erst zum ‚Manne‘ durch die Herstellung und Absicherung von traditionellen (z.B. Rationalität) und aktualisierten (z. B. Emotionalität: in der Form, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen) ‚Männlichkeitsmarkern‘. Mit diesem Verständnis ist Emotionalität ein fester Bestandteil von Männlichkeit, aber nur in Verbindung mit einer „verbindlichen und selbstbewussten Männlichkeit“ (Franz, 2015, S. 194). Nichtsdestotrotz gibt es auch den persönlichen Wunsch von Männern*, anders als ihre Väter zu leben und Männlichkeitsentwürfe zu erweitern. Dabei befördern verschiedene gesellschaftliche Personen und Organisationen, z.B. Vertreter*innen von Männer*organisationen eine Sprache, bei der es um ‚männliche‘ Aktivitäten, wie der Förderung „väterlicher Sorge-Arbeit“ (Baumgarten & Borter, 2016, S. 18). geht. Hier ist kritisch zu analysieren, welche Essentialisierungen mit der Herstellung ‚einer Geschlechtsidentität‘ verbunden sein können. Denn vor dem Hintergrund der aktuellen demografischen Entwicklung erhält Sorgearbeit eine immer größere Bedeutung. Durch die Ansprache von Männern* als ‚Sorgearbeiter‘ würden sich somit auch neue, flexible personelle Ressourcen für die Erwerbsarbeit und für die häusliche Care-Arbeit ergeben. Die Emanzipation von Männern* gegenüber sich selbst als emotionale Personen, wäre demnach auch ein gleichzeitiger gewünschter Effekt von Marktlogiken zur Sicherstellung von Arbeitskräften und der weitergehenden Aufrechterhaltung von Care-Arbeit als unbezahlte Tätigkeit im Rahmen häuslicher Gemeinschaften.

 

Männer*, Care, Gesellschaft und Gesundheit

Care ist Auftrag und fortwährender Prozess eines ‚aktivierten‘ Subjektes als zentrales Element aktueller Gesundheits- und Sozialpolitiken. Diesen Ansatz sehe ich bei den interviewten Männern*, wenn sie daran denken, krank oder pflegebedürftig zu sein oder zu werden. Ziel von Männlichkeit sowie gesellschaftliche Anforderung an diese ist es, autonom zu leben, ohne auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein.

Wie bereits ausgeführt, wird in Bezug auf Gesundheit und Krankheit mit einer Zunahme von chronischen Krankheiten und einem wachsenden Bedarf an pflegerischer Unterstützung ausgegangen. Auf politischer Ebene wird aber meines Erachtens nur unzureichend diskutiert, welche gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse verändert werden müssen, um diesen neuen Herausforderungen zu begegnen. So müssen Patient*innen informiert sein, um im Krankheitsfall als Manager*innen ihrer Krankheit agieren zu können. Zudem gehen mit den moralischen Apellen zum individuellen Gesundheitsverhalten Veränderungen des Gesundheits- und Sozialversicherungssystems einher, um die sogenannte Eigenverantwortung des Einzelnen zu ‚stärken‘. Solidarisch zu sein, bedeutet demnach, der Gemeinschaft nicht ‚zur Last zu fallen‘ bzw. fallen zu wollen.

Die Befunde der vorliegenden Untersuchung sagen etwas über die Aktualisierungen von Männern* und ihren Lebensaktivitäten aus. Parallel dazu wird die Berufstätigkeit mit einem Anspruch verbunden, über eine körperliche und mentale Leistungsfähigkeit zu verfügen. Gesundheit ist dafür Garant, diesen Anspruch umzusetzen. Es geht mit einem Verständnis von Gesundheit einher, das nicht (nur) Selbstzweck des Individuums ist, sondern eine gesellschaftliche Norm. In einem Verständnis vom Leben als ‚gesunder‘ Lebensweise, wäre dann Gesundheit ein Ergebnis (vgl. Schnabel, 2015) von erfolgreichem (Self)Care.

Deutlich wird, wie sehr ‚Gesundheit‘ bzw. ‚Gesundsein‘ konstitutive Begriffe für die Lebensführung der Befragten sind. Dabei weisen Gesundheitsvorstellungen sowie Care-Praxen im Alltag Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten auf. Mit den Potenzialen von ‚Freiheit‘ und ‚Zwang‘ verbunden ist eine Führung seiner Selbst (vgl. Foucault, 2007), also ein Feld möglicher Handlungsmöglichkeiten und Handlungszwänge. Insofern erscheint es mir erforderlich, ‚Gesundheit‘/‚Gesundsein‘ und ‚Care‘ als ‚kritische‘ Begriffe zu verwenden, die bei der Ausgestaltung von Gesundheitspolitik, Gesundheitsversorgung sowie Maßnahmen zur Gesundheitsförderung deren Verwobenheiten mit den bestehenden Macht- und Herrschaftsverhältnissen berücksichtigen. Es geht um Gesundheit und (Self-)Care als gesellschaftliche Themen, die demokratische Aushandlungen brauchen und nicht als individuelle Kapitalakkumulation im Rahmen neoliberaler Marktlogiken befördert werden. Für Männer* und Diskussionen um das Verständnis von Care sowie zum Wahrnehmen von Care-Aufgaben bietet das Zusammen-Denken, von Gesellschaft, Ökonomie und Subjektwerdung (vgl. Adorno, 2018) ein Potenzial, hegemoniale Macht- und Herrschaftsverhältnisse in Bezug auf Vorstellungen aktueller Männlickeiten und (Self-)Care weiter kritisch zu reflektieren.

 

Literatur

Adorno, T. W. (2018). Probleme der Moralphilosophie (3. Aufl.). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Baumgartinger, P. P. (2008). Lieb[schtean] Les[schtean], [schtean] du das gerade liest … Von Emanzipation und Pathologisierung, Ermächtigung und Sprachveränderungen. Liminalis, Zeitschrift für geschlechtliche Emanzipation, 2(2), 24–39.

Baumgarten, D. & Borter, A. (2016). Vaterland Schweiz. MenCare Schweiz-Report Vol.1. Burgdorf & Zürich: Schweizerisches Institut für Männer- und Geschlechterfragen SIMG.

Bola, J. J. (2020). Sei kein Mann. Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist (3. Aufl.) (M. Ohanwe, Übers.). München: hanserblau. (Originalarbeit publiziert 2019).

Bourdieu, P. (1997). Eine sanfte Gewalt. Pierre Bourdieu im Gespräch mit Irene Dölling und Margarete Steinrücke (März 1994). In I. Dölling & B. Kreis (Hrsg.), Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis (S. 218–230). (J. Bolder, Übers.). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Bourdieu, P. (2005). Die männliche Herrschaft. (J. Bolder, Übers.). Frankfurt am Main: Suhrkamp (Original publiziert 1998).

Bourdieu, P. (2012), Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In U. Bauer, U. H. Bittlingmayer & A. Scherr (Hrsg.), Handbuch Bildungs- und Erziehungssoziologie (S. 229–242). Wiesbaden: Springer (Erstveröffentlichung: In R. Kreckel (1983) (Hrsg.), „Soziale Ungleichheiten“. Soziale Welt, Sonderband 2, S. 183–198 (R. Kreckel, Übers.), Göttingen: Otto Schwartz).

Connell, R. (2015). Der gemachte Mann: Konstruktion und Krise von Männlichkeiten (4. durchgeseh. u. erw. Aufl.). Wiesbaden: Springer VS.

de Visser, R. (2019). Gender and Health. In C. D. Llewellyn, S. Ayers, Ch. McManus, St. Newman, K. J. Petrie, T. A. Revenson & J. Weinman (Hrsg.), Cambridge Handbook of Psychology, Health and Medicine (3. Aufl.) (S. 20–24). Cambridge: Cambridge University Press.

Dinges, M. (2016). Männergesundheit im Wandel: Ein Prozess nachholender Medikalisierung? Bundesgesundheitsblatt, 59(8), 925–931. https://doi.org/10.1007/s00103-016-2376-x

Faltermaier, T. (2018). Männergesundheit: Stand und Perspektiven eines gesundheitswissenschaftlichen Forschungs- und Praxisfeldes. In U. M. Gassner, J. v. Hayek, A. Manzei & F. Steger (Hrsg.), Geschlecht und Gesundheit (S. 149–174). Baden-Baden: Nomos.

Foucault, M. (2007). Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst. (M. Bischoff, U. Bokelmann, H.-D. Gondek & H. Kocyba, Übers.). Frankfurt am Main: Suhrkamp. (Original publiziert 1994/2001–2005).

Foucault, M. (2015). Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit 2 (12. Aufl.). (U. Raulff & W. Seitter, Übers.). Frankfurt am Main: Suhrkamp. (Originalarbeit publiziert 1984).

Franz, M. (2015). Was macht den männlichen Rollenkäfig so stabil? In M. Franz & A. Karger (Hrsg.), Angstbeisser, Trauerklos, Zappelphilipp? Seelische Gesundheit bei Männern und Jungen (S. 179–206). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Griffith, D. M., Bruce, M. A. & Thorpe, R. J. (2019). Men’s Health Equity. A Handbook. New York: Routledge.

Hanses, A. (2012). Gesundheit als soziale Praxis. Zur Relevanz von Interaktions- und Wissensordnungen professionellen Handelns als soziale Praxis. In A. Hanses & K. Sander (Hrsg.), Interaktionsordnungen – Gesundheit als soziale Praxis (S. 35–51). Wiesbaden: Springer VS.

Kirby, R. S., Kirby, M. G. & Farah, R. N. (Hrsg.). (2002). Männerheilkunde. (M. Herrmann, Übers.). Bern: Huber.

Kickbusch, I. & Hartung, S. (Hrsg.). (2014). Die Gesundheitsgesellschaft: Konzepte für eine gesundheitsförderliche Politik (2. vollst. überarb. Aufl.). Bern: Huber.

Krumm, S., Checchia, C., Koesters, M., Kilian, R. & Becker, Th. (2017). Men’s Views on Depression: A Systematic Review and Metasynthesis of Qualitative Research. Psychopathology, 50(2), 107–124.

Kühn, H. (1993). Healthismus: Eine Analyse der Präventionspolitik und Gesundheitsförderung in den U.S.A.. Berlin: Rainer Bohn.

Lengersdorf, D. & Meuser, M. (2017). Flexibilität und Reflexivität. Männlichkeiten im globalisierten Kapitalismus. In I. Lenz, S. Evertz & S. Ressel (Hrsg.), Geschlecht im flexibilisierten Kapitalismus? Neue UnGleichheiten (S. 31–48). Wiesbaden: Springer VS.

Lenz, I., Evertz, S. & Ressel, S. (Hrsg.). (2017). Geschlecht im flexibilisierten Kapitalismus? Neue UnGleichheiten. Wiesbaden: Springer VS.

Luck, F. (2016). «’Männer’: Terra incognita, wenn es um Gesundheit und Krankheit geht?», Schweizer Krebsbulletin, 36(4), 316–317.

Luck, F. (2021). Männer*, Männlichkeiten, Männer*gesundheit. Wie gehen Männer* mit Gesundheit im Alltag um? – Eine Genderperspektive. Bern: Hogrefe. (voraussichtlicher Erscheinungstermin April 2021).

Maihofer, A. (1995). Geschlecht als Existenzweise. Frankfurt am Main: Helmer.

Maihofer, A. (2007). Gender in Motion. Gesellschaftliche Transformationsprozesse – Umbrüche in den Geschlechterverhältnissen? Eine Problemskizze. In D. Grisard, J. Häberlein, A. Kaiser & S. Saxer (Hrsg.), Gender in Motion (S. 218–315). Frankfurt am Main: Campus.

Maihofer, A. (2014). Familiale Lebensformen zwischen Wandel und Persistenz. Eine zeitdiagnostische Zwischenbetrachtung. In C. Behnke, D. Lengersdorf & S. Scholz (Hrsg.), Wissen – Methode – Geschlecht: Erfassen des fraglos Gegebenen (S. 313–334). Wiesbaden: Springer.

Meuser, M. (2007). Der „kranke Mann“ – wissenssoziologische Anmerkungen zur Pathologisierung des Mannes in der Männergesundheitsforschung. In M. Dinges (Hrsg.), Männlichkeit und Gesundheit im historischen Wandel ca. 1800 – ca. 2000 (S. 73–86). Stuttgart: Steiner.

Obsan – Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Hrsg.). (2015). Gesundheit in der Schweiz – Fokus chronische Erkrankungen. Nationaler Gesundheitsbericht 2015. Bern: Hogrefe.

Oliffe, J.L., Rasmussen, B., Bottorff, J. L., Kelly, M. T., Galdas, P. M., Phinney, A. & Ogrodniczuk, J. S. (2013). Masculinities, work, and retirement among older men who experience depression. Qualitative Health Research, 23(12), 1626–1637. https://doi.org/10.1177%2F1049732313509408

Schnabel, P.-E. (2015). Einladung zur Theoriearbeit in den Gesundheitswissenschaften. Wege, Anschlussstellen, Kompatibilitäten. Weinheim: Beltz Juventa.

Urwin, J. (2018). Boy’s dont cry. Identität, Gefühl und Männlichkeit (2. Aufl.) (E. Willems, Übers.). Hamburg: Edition Nautilus. (Originalarbeit publiziert 2016).

Wehner, N., Baumgarten, D., Luck, F., Maihofer, A. & Zemp, E. (2015). „Mir geht es gut!“ – Gesundheitsvorstellungen von Männern in der Schweiz. Ergebnisse aus einem empirischen Projekt. Freiburger Zeitschrift für Geschlechter Studien, 21(2), 33–49.

WHO – Weltgesundheitsorganisation. (1946). Verfassung der Weltgesundheitsorganisation. Unterzeichnet in New York am 22. Juli 1946. Für die Schweiz in Kraft getreten am 7. April 1948 (Stand am 8. Mai 2014). Zugriff am 18. Januar 2021, auf https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19460131/201405080000/0.810.1.pdf

WHO – World Health Organization. Regional Office for Europe. (2018). The health and well-being of men in the WHO European Region: better health through a gender approach. Copenhagen: WHO – Regional Office for Europe. Zugriff am 18. Januar 2021, auf http://www.euro.who.int/de/publications/abstracts/the-health-and-well-being-of-men-in-the-who-european-region-better-health-through-a-gender-approach-2018

WHO – World Health Organization. (2019). World Health Statistics 2019: Monitoring health for the SDGs. Zugriff am 18. Januar 2021, auf https://www.who.int/gho/publications/world_health_statistics/2019/en/

 

[1] Schreibweise mit ‚Asterisk‘ (*):

In dem Blogbeitrag soll der ‚Asterisk‘ (*) im Sinne einer sensiblen Sprache als ‚Zeichen‘ fungieren (vgl. Baumgartinger, 2008), um für die Vielfältigkeit geschlechtlicher Realitäten, Verständnisse und Praxen zu stehen. Ausgenommen davon sind z. B. Zitate aus Literaturquellen, wie Bücher und Fachartikel, die ohne ein ‚Asterisk‘ (*) publiziert worden sind.

[2] Hinweis zu Inhalten und Literaturquellen:

Der vorliegende Blogbeitrag basiert auf Inhalten und Literaturquellen in adaptierter, modifizierter und aktualisierter Form der Publikation: Männer*, Männlichkeiten, Männer*gesundheit. Wie gehen Männer* mit Gesundheit im Alltag um? – Eine Genderperspektive (Hogrefe-Verlag, Bern, voraussichtlicher Erscheinungstermin April 2021).

Die Publikation ist auf Basis und im Anschluss an ein vom Schweizerischen Nationalfonds SNF geförderten Forschungsprojekts zur Männer*gesundheit am Zentrum Gender Studies der Universität Basel entstanden, das ich zusammen mit Prof. Dr. Andrea Maihofer, Prof. Dr. Elisabeth Zemp Stutz, Dr. Diana Baumgarten und Dr. Nina Wehner (heute Prof. Nina Wehner) in den Jahren 2012–2014 durchgeführt habe. Für diese Untersuchung wurden 40 qualitative Interviews mit Männern* im mittleren Lebensalter zwischen 30 und 60 Jahren durchgeführt.

Verschärfte Normalität im Ausnahmezustand. Transnationale Care-Arbeit in Privathaushalten unter COVID-19

Sarah Schilliger

Wenn COVID-19 etwas aufgedeckt hat, dann ist es die Fragilität des kollabierenden Gesundheits- und Pflegesystems. Das Virus wirft ein Licht auf die unterfinanzierte Care-Infrastruktur, den Mangel an Personal in Spitälern und Pflegeheimen und auf die belastenden und häufig prekären Arbeitsbedingungen von jenen Menschen, die lebensrelevante Care-Arbeit leisten (Dück 2020). Ein weiterer Aspekt, der uns im Zuge der Corona-Krise deutlich vor Augen geführt wurde: Die Abhängigkeit unseres Gesundheits- und Pflegesystems von migrantischen Care-Arbeiter*innen. In der Schweiz, wo laut OECD (2019) 47 Prozent der Ärzt*innen nicht in der Schweiz geboren sind und wo auch beim Pflegepersonal der Migrationsanteil überdurchschnittlich hoch ist, wurde deutlich, dass die Intensivstationen ohne Migrant*innen nicht funktionieren würden. Das Gesundheitssystem beruht zu einem hohen Prozentsatz auf zugewanderten Arbeitskräften und ausländischem Fachwissen – ohne sie wäre die Corona-Pandemie gar nicht zu bewältigen.

Am unmittelbarsten zeigte sich in den letzten Monaten die Abhängigkeit von migrantischen Care-Arbeiterinnen jedoch im Bereich der Senioren-Betreuung in Privathaushalten (der sog. 24h-Betreuung). Die Live-in-Betreuer*innen – allermeist sind es Frauen – betreuen ältere Menschen in deren Privathaushalt, wo sie gleichzeitig auch wohnen. Oft arbeiten sie rund um die Uhr auf Abruf. Zwischen ihren mehrwöchigen Arbeitseinsätzen reisen sie in der Regel zurück in ihr Herkunftsland – nach Polen, Ungarn, Rumänien oder in die Slowakei. Häufig kommen die Care-Arbeiterinnen über profitorientierte und transnational agierende Vermittlungs- und Verleih-Agenturen nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz. Mit ein paar Mausklicks kann heute ein transnationales Care-Arrangement organisiert werden (Schilliger 2015; Chau 2020 für die Schweiz; für Österreich und Deutschland siehe Aulenbacher/Lutz/Schwiter 2021).

Breakdown im Lockdown

Normalerweise bleiben transnationalen Care-Arbeiterinnen unsichtbar und von staatlicher Seite kaum anerkannt, auch wenn ihre Arbeit für das Pflegesystem in der Schweiz – und noch deutlicher in Deutschland und Österreich (Lutz/Palenga-Möllenbeck 2010; Aulenbacher/Lutz/Schwiter 2021) – unverzichtbar geworden ist. Im vergangenen Frühling drohte diese Care-Ressource auf einen Schlag wegzufallen. Und es zeigte sich einmal mehr: Care-Arbeit gerät erst dann ins gesellschaftliche Bewusstsein, wenn sie nicht mehr selbstverständlich geleistet wird. Während des Lockdowns im Frühling kam das etablierte Pendelmigrationssystem und damit die transnationale Mobilität der Live-in-Betreuerinnen zeitweilig ganz zum Erliegen. Weil Grenzen abrupt geschlossen wurden und Verkehrsverbindungen unterbrochen waren, konnten Care-Arbeiterinnen ihren Arbeitseinsatz nicht antreten.

In zahlreichen Haushalten von Senior*innen fiel damit die geplante Ablösung für die Betreuerin aus. Agenturen und Familien versuchten, die zu der Zeit in der Schweiz anwesenden Care-Arbeiterinnen zu überzeugen, an Ostern nicht nach Hause zu fahren, sondern ihren Arbeitseinsatz zu verlängern. Viele leisteten dem Folge – da unklar war, wann sie wieder in die Schweiz zu ihrem Arbeitsplatz zurückkommen können, aber auch wegen den Quarantäne-Auflagen im Herkunftsland (teilweise mit Unterbringung in Kasernen oder unter Polizeiaufsicht) oder aufgrund der beschwerlichen und gesundheitlich riskanten Reise (meist in engen Kleinbussen).

Gleichzeitig fühlten sich viele Care-Arbeiterinnen auch moralisch verpflichtet, in der Schweiz zu bleiben. «Sie wollen die Person, die sie betreuen, in dieser Situation nicht im Stich lassen», sagt Barbara Metelska. Die ausgebildete Psychologin aus Polen, die selber jahrelang in Schweizer Haushalten gearbeitet hat und im gewerkschaftlichen Netzwerk Respekt@vpod aktiv ist, hat mit vielen Betreuerinnen über ihre Situation während der Corona-Krise geredet und kennt deren Sorgen. Die Ungewissheit, wie lange diese Situation andauern würde, hätte viele belastet: «Die Betreuerinnen wissen nicht, wann sie ihre Familie wiedersehen können. Sie möchten in dieser Krisenzeit lieber zu Hause bei ihren Liebsten sein.»

Grenzerfahrungen

Zwar waren die Grenzen für die dringend benötigten osteuropäischen Arbeitskräfte im Care-Sektor (wie auch für die Ernte-Arbeiter*innen während der Spargelsaison) bereits im Frühling wieder offen – zumindest für jene, die eine gültige Arbeitsbewilligung oder Meldebescheinigung vorweisen konnten. Doch blieb das Reisen beschwerlich. Eine Care-Arbeiterin erzählt, dass sie die Grenzübertritte an die Zeit vor der EU-Personenfreizügigkeit erinnert hätten – mit langen Wartezeiten, Fussmärschen über die Grenze und verbunden mit einer grossen Anspannung und Unsicherheit.

Als im Herbst die Corona-Zahlen in vielen osteuropäischen dramatisch anstiegen, hat sich insbesondere die Quarantäne-Situation nochmals verschärft. Kurz vor Weihnachten teilte der Schweizer Bundesrat mit, dass alle Einreisenden aus Ungarn und Polen nach der Einreise in eine zehntägige Quarantäne müssten – eine kaum umsetzbare Option für die Care-Arbeiterinnen, die in der Schweiz keine eigene Wohnung haben, sondern im Haushalt der pflegebedürftigen Personen leben. Damit wiederholte sich für einige Frauen die Situation vom Frühling und sie blieben auch an Weihnachten weg von ihren eigenen Familien. Erst mit einiger Verspätung meldeten die Behörden auf Anfrage, dass Care-Arbeiterinnen in Privathaushalten von der Quarantänepflicht ausgenommen seien, da «ihre Einreise beruflich erforderlich» sei. Gleichzeitig wurde unterstrichen «möglichst auf Kontakte mit der hiesigen Bevölkerung» zu verzichten (persönliche Mailkommunikation der Autorin mit dem Bundesamt für Gesundheit, Dezember 2020).

Ausnahmezustand als Normalität

Eine von ihnen ist Edyta Wieczorek (Name geändert). Die 60-jährige Frau aus Schlesien wirkt erschöpft, als ich sie kurz vor Weihnachten in einem kleinen Dorf nahe Bern zu einem Spaziergang treffe. Schon viele Jahre betreut die ehemalige Notaufnahme-Pflegerin hier die bald 100-jährige Frau Felber in ihrem Zuhause. Seit August ist Edyta Wieczorek ohne Unterbruch im Einsatz. Eigentlich wäre längst eine ärztliche Kontrolle in ihrer Heimat nötig, da ihr Blutdruck zu hoch ist. Aber unter den aktuellen Umständen hat auch sie – die vierfache Mutter und sechsfache Grossmutter – sich schweren Herzens entschieden, nicht nach Hause zu fahren und Weihnachten ohne Familie zu verbringen. «Und so leiste ich halt weiterhin systemrelevante Arbeit», sagt Edyta Wieczorek mir bei unserem Treffen mit einem Augenzwinkern.

Systemrelevanz – laut Nicole Mayer-Ahuja und Richard Detje (2020: 495) bedeutet dies vor allem, dass «der Zugriff auf deren Arbeitskraft im Lockdown ausgeweitet» wird: Längere Schichten, verkürzte Arbeitspausen, unbezahlte Überstunden. Bei Live-in-Care-Arbeiterinnen sind diese Kennzeichen keine Ausnahmesituation, sondern normaler Alltag – auch schon vor Corona. Von den Care-Arbeiterinnen wird flexible Abrufbereitschaft und permanente Anwesenheit erwartet, was dazu führt, dass sie kaum jemals Feierabend einläuten können. Live-in Betreuerinnen haben sich dem Rhythmus und den Bedürfnissen der betreuten Person anzupassen. Auch die Entgrenzung der Arbeit – ein Stichwort, das in sozialwissenschaftlichen Diagnosen zu Arbeit unter Corona oft fällt – ist für Care-Arbeiterinnen in Privathaushalten nicht neu, die Linie zwischen Arbeit und Freizeit stets verwischt. Und «home» und «office» fallen bei ihrer Live-in-Beschäftigung immer schon wie selbstverständlich zusammen.

Bei Edyta Wieczorek steht im Arbeitsvertrag, dass sie 42 Stunden pro Woche arbeitet – tatsächlich ist sie wöchentlich rund 60 Stunden in Einsatz[1]. Wenn es der Tochter von Frau Felber aufgrund ihrer psychischen Krankheit nicht gut geht, kümmert sie sich auch noch um sie. «Letzte Woche habe ich an meinem freien Tag eine Geburtstagstorte für die Tochter gebacken und ihren Hund spazieren geführt», erzählt Edyta Wieczorek. Abends liest sie Frau Felber aus der Zeitung oder einem Buch vor – manchmal bis zehn Uhr abends. Für die eigene Lektüre oder das Telefonat mit der Familie zuhause bleibt häufig kaum Zeit übrig.

In diesen transnationalen Betreuungsarrangements wird die Logik des Arbeitsvertrags kontrastiert durch die Logik der häuslichen Sphäre, in der familiäre Normen wie die uneingeschränkte Verfügbarkeit der Hausfrau und der Aspekt der unbezahlten «Arbeit aus Liebe» wichtige Bezugsfiguren sind (Schilliger 2019). Die personalisierten und häufig intimen Beziehungen zwischen den Betreuerinnen und den Menschen, um die sie sich kümmern, führen zudem häufig zu einem starken Gefühl der moralischen Verpflichtung und Verantwortung – vergleichbar mit dem, was die feministische Ökonomin Nancy Folbre (2001) das «prisoners of love dilemma» nennt. Lehnt die Care-Arbeiterin eine Aufgabe ab oder pocht auf ihre eigene Freizeit, kann dies als Liebesentzug und Distanzierung gewertet werden. Diese Situation macht sie besonders anfällig für Ausbeutung.

Verschärfte Ausbeutung während Corona

Die Grundproblematik von Live-in-Arbeitsverhältnissen, nämlich die fehlende Freizeit und die soziale Isolation im Haushalt, habe sich während der Corona-Krise verschärft, erläutert Barbara Metelska: «Einige Angehörige verbieten den Frauen, das Haus zu verlassen. Sie fürchten, dass sie das Virus mitbringen könnten. Das ist unmenschlich und rechtlich natürlich nicht zulässig.» In der aussergewöhnlichen Lage sind die Care-Arbeiterinnen nun erst recht sozial isoliert. Hinzu kommt, dass Angehörige, die bisher die Care-Arbeiterinnen am Wochenende abgelöst und Letzteren damit einen Ruhetag ermöglicht haben, nun teilweise fernbleiben. Sie wollen damit die Ansteckungsgefahr mindern. Aus dem gleichen Grund haben einzelne Haushalte auch die Ablösung durch die ambulante Pflege oder durch Freiwilligendienste wie dem Roten Kreuz unterbrochen. Für die betroffenen Betreuerinnen heisst dies nun, dass sie über Tage und Wochen fast pausenlos arbeiten. Viele sind in den letzten Wochen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gekommen.

Eine Entschädigung für die zusätzliche Mehrarbeit während der Coronakrise gab es in den wenigsten Fällen. Edyta Wieczorek hat es immerhin geschafft, in den letzten Monaten einen 13. Monatslohn auszuhandeln, worauf sie sehr stolz ist. Barbara Metelska hofft, dass sich in der gegenwärtigen Situation für einige Care-Arbeiterinnen ein Gelegenheitsfenster auftut. Familien in der Schweiz erfahren beispielsweise gerade selbst, was es bedeutet, wochenlang die eigenen Angehörigen nicht mehr besuchen zu können – etwas, was für die Care-Arbeiterinnen Alltag ist. «Vielleicht blicken sie in Zukunft anders auf die Arbeit von Betreuerinnen», meint Barbara Metelska.

Regulierte Irregularität

Auch wenn durchaus neue Aufmerksamkeitsfenster für die Situation der transnationalen Care-Arbeiterinnen auszumachen sind – diese Anerkennung übersetzt sich bisher nicht in bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne (was nicht nur für die Schweiz, sondern auch für Österreich und Deutschland gilt, vgl. Leiblfinger et al. 2020). Der Bundesrat hält weiterhin an dem Beschluss fest, dass bezahlte Hausarbeit nicht dem Schweizer Arbeitsgesetz unterstellt werden soll (Steiner 2020). Dessen Bestimmungen zu Arbeits- oder Ruhezeiten oder zum Gesundheitsschutz gelten für die Live-in-Betreuungskräfte deshalb nicht. Ihre Arbeit wird damit lediglich in unverbindlichen kantonalen Normalarbeitsverträgen geregelt – auch wenn dies die ILO-Konvention 189 für die Rechte der Hausarbeiter*innen verletzt, die die Schweiz vor rund fünf Jahren ratifiziert hat[2].

Gleichzeitig fallen die Care-Arbeiterinnen in Privathaushalten durch die Maschen der staatlichen Corona-Rettungsschirme. Jene Betreuerinnen, die aufgrund der Reisebeschränkungen ihren Einsatz in der Schweiz nicht antreten können und im Herkunftsland stecken geblieben sind, stehen ohne Kurzarbeitsentschädigungen da und verlieren ihr Einkommen. Die verschärfte Ausbeutung der Care-Arbeiterinnen, die vielen unbezahlten Überstunden und Dauereinsätze, die Ansteckungsrisiken auf der Reise, das noch längere Wegsein von der eigenen Familie, die Einsamkeit, die fehlende soziale Sicherung der Einkommen – dies alles zeigt: Die Kosten der Corona-Krise werden im Fall der Live-in Betreuung ins Private, d.h. auf die einzelnen Care-Arbeiterinnen übertragen, aber gleichzeitig auch transnational verschoben – in die Herkunftsländer im peripherisierten Osten.

Die deutsche Soziologin Christa Wichterich (2018) hat hierfür den prägnanten Begriff des «Sorgeextraktivismus» geprägt. Damit bezeichnet sie ausbeuterische Strategien, um Krisen der sozialen Reproduktion kostengünstig zu überbrücken. Dazu gehören sowohl Rationalisierungsmassnahmen im Pflegebereich, bei der die Fürsorge-Logik torpediert und unbezahlte Arbeit extraktiviert wird, als auch Formen eines transnationalen Extraktivismus: Die Care-Krise in reicheren Ländern und wohlhabenderen Haushalten wird um den Preis ihrer Auslagerung in ärmere Regionen entschärft und die Kosten werden dadurch externalisiert. Der transnationale Sorgeextraktivismus ist dabei als Teil einer «imperialen Lebensweise» zu verstehen, wie Ulrich Brand und Markus Wissen (2017) die Produktions- und Konsumformen der globalen Mittel- und Oberschichten zu Lasten anderer, natürlicher und menschlicher Ressourcen im Globalen Süden und in ärmeren Weltregionen nennen.

 Care-Infrastruktur jenseits von Sorgeextraktivismus

Immerhin: Die COVID-19-Krise zeigt den Handlungsbedarf in dieser Branche deutlich auf. Ein zentraler Schritt hierbei ist die in den letzten Jahren in der Schweiz (Schilliger/Schilling 2017) und seit kurzem auch in Österreich (Melo/Matei/Hoffner 2020) zu beobachtende Selbstorganisation von Live-in Betreuerinnen. Das von polnischen Care-Arbeiterinnen gegründete basisgewerkschaftliche Netzwerk «Respekt@vpod» in Basel sowie die Organisation «DREPT» (rumänisch für «Recht»), die in Österreich rumänische Betreuerinnen versammelt, sind diesbezüglich wegweisende Beispiele: Beide Gruppen sind aus der Community heraus entstanden und stellen den Versuch dar, der Vereinzelung zu entkommen, die erlittene Not zu teilen und sich kollektiv zu ermächtigen. Mittels Infokampagnen über die ihnen zustehende Rechte, individuelle Beratung (in der Muttersprache), gegenseitige Unterstützung im Alltag und politischem Lobbying arbeiten die beiden Gruppen an besseren Bedingungen in der Live-in Betreuung. Insbesondere der digitale Raum und der Austausch über Facebook- oder WhatsApp-Gruppen ist dabei ein wichtiges Mittel.

Die nun breiter geteilte Einsicht in die Systemrelevanz von Care sollte genutzt werden, um auf die ganz normale, nicht-pandemiegeprägte Prekarität im Alltag von Care-Arbeiterinnen hinzuweisen und eine stärkere Regulierung voranzutreiben. Gleichzeitig wird deutlich: Für eine echte Verbesserung der Alltagrealitäten von Care-Arbeiterinnen in Privathaushalten gibt es keine einfachen Lösungen. Entscheidend sind letztlich die Ausgestaltung bzw. der Ausbau einer öffentlichen Care-Infrastruktur, mittels derer die ganze Bevölkerung Zugang zu qualitativ guten Diensten in der ambulanten Pflege, Betreuung und Haushaltshilfe bekommt. Care – als Sorge für sich, für andere, für die Umwelt – müsste in verschiedensten gesellschaftlichen Feldern ins Zentrum politischen Handelns gestellt werden – u.a. in der Sozialpolitik, der Arbeitsmarktpolitik, der Familienpolitik. Denn wie die Soziologin Paula-Irene Villa (2020: 447) warnt: «Wenn weiterhin systemrelevante Tätigkeiten, Logiken und Leistungen derart vernachlässigt und derart paradox zugleich romantisiert und ausgebeutet werden, dann wird dies uns allen auf die Füße fallen – eher früher denn später.» Eine bedürfnisorientierte Post-Corona-Care-Infrastruktur ist nicht nur geschlechtergerechter, demokratischer und weniger marktzentriert (Tronto 2013; Dowling 2021), sondern macht auch nicht an nationalstaatlichen Grenzen Halt und überwindet die Reproduktion einer rassistischen Arbeitsteilung. Dabei soll garantiert werden, dass die Care-Bedürfnisse aller Menschen geachtet werden, auch jener, die sich selber um Pflegebedürftige kümmern – und diejenigen ihrer Familien.

 

Vielen Dank an die Gruppe «Care Macht Mehr» für inhaltliche Feedbacks zu dem Beitrag sowie an Jennifer Steiner und Dr. Karin Schwiter für gemeinsame Recherchen, auf denen dieser Text basiert.

 

Literatur

Aulenbacher, Brigitte/Lutz, Helma/Schwiter, Karin (2021): Gute Sorge ohne gute Arbeit? Live-in-Care in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Weinheim/Basel: Beltz Juventa (im Erscheinen).

Brand, Ulrich/Wissen, Markus, 2017: Imperiale Lebensweis. Oekom Verlag: München.

Chau, Huey Shy (2020): Brokering Circular Labour Migration: A Mobile Ethnography of Migrant Care Workers’ Journey to Switzerland. Abingdon: Routledge.

Dowling, Emma (2021): The Care Crisis. What Caused It and How Can We End It? London: Verso Books.

Dück, Julia (2020): Kämpfe im Krankenhaus. Julia Dück im Gespräch. Ausnahme&Zustand, Podcast der Rosa Luxemburg Stiftung, online unter: https://www.rosalux.de/mediathek/media/element/1380?cHash=8dcfbe7b545782c03e1be8c76f0d0e1e

Folbre, Nancy (2001): The invisible heart. Economics and family values. New York: The New Press.

Leiblfinger, Michael/Prieler, Veronika/Schwiter, Karin/Steiner, Jennifer/Benazha, Aranka/Lutz, Helma (2020): Impact of COVID-19 Policy Responses on Live-In Care Workers in Austria, Germany, and Switzerland. In: Journal of Long-Term Care (2020), S. 144–150.

Lutz, Helma/Palenga-Möllenbeck, Ewa (2010): Care Work Migration in Germany: Semi-Compliance and Complicity. In: Social Policy & Society 3/2010, S. 419-430.

Melo, Sónia/Matei, Flavia/Hoffner, Ana (2020): Die Verfügbarkeit des Ostens. Ein Gespräch. Online unter https://kunsthallewien.at/die-verfuegbarkeit-des-ostens/

Mayer-Ahuja, Nicole/Detje, Richard: „Solidarität“ in Zeiten der Pandemie: Potenziale für eine neue Politik der Arbeit? In: WSI-Mitteilungen 06/2020, S. 493-500.

OECD (2019): Recent Trends in International Migration of Doctors, Nurses and Medical Students, OECD Publishing, Paris.

Schilliger, Sarah (2015): Globalisierte Care-Arrangements in Schweizer Privathaushalten. In: Nollert, Michael/Nadai, Eva (Eds.): Geschlechterverhältnisse im Post-Wohlfahrtsstaat. Reihe Arbeitsgesellschaft im Wandel. Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S. 154-175.

Schilliger, Sarah/Schilling, Katharina (2017): Care-Arbeit politisieren: Herausforderungen der (Selbst-)Organisierung von migrantischen 24h-Betreuerinnen. In: femina politica 2/2017, 101-116

Schilliger, Sarah (2019): Komplexe Machtkonstellationen und Beziehungsgeflechte in der 24h-Betreuung. In: Angewandte Gerontologie 1/2019, S. 21-22.

Steiner, Jennifer/Prieler, Veronika/Leiblfinger, Michael/Benazha, Aranka (2019): Völlig legal!? Rechtliche Rahmung und Legalitätsnarrative in der 24h-Betreuung in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In: Österreich Zeitschrift für Soziologie 44 (1), S. 1–19.

Steiner, Jennifer (2020). «Good Pay for Good Work»? Legitimation and Criticism in the Regulation Process of Round-the-Clock Elderly Care in Swiss Private Households. In: Swiss Journal of Sociology, 46(2), S. 281-303.

Tronto, Joan (2013): Caring Democracy. Markets, Equality, and Justice. New York: New York University Press.

Villa, Paula-Irene (2020): Corona-Krise meets Care-Krise – Ist das systemrelevant? In: Leviathan, 48(3), S. 433–450.

Wichterich, Christa (2018): Der prekäre Care-Kapitalismus. Sorgeextraktivismus oder die neue globale Ausbeutung. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 2/2018, S. 91-97.

 

 

[1] Die rechtlichen Rahmungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind sehr unterschiedlich, vgl. Steiner et al. 2019.

[2] Auch Deutschland hat die ILO-Konvention 189 ratifiziert, Österreich hingegen bisher nicht.

Der schmale Grat zwischen Schutz, Selbstbestimmung und In-Dienstnahme

Eva Fleischer

Mit Beginn der ersten politischen Regulierungen im Rahmen der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 wurden von vielen Regierungen alle Personen jenseits der 65 unabhängig von ihrem persönlichen gesundheitlichen Zustand und ihrer körperlichen Fitness pauschal als „Risikogruppe“ kategorisiert. Diese Kategorisierung, die noch weitreichenderen Empfehlungen medizinischer Fachinstitutionen wie der WHO oder des RKI (Robert-Koch-Institut) folgte, zog einschneidende Maßnahmen nach sich. Der Kontakt mit Personen über 65 sollte vermieden werden und in Institutionen wurde die Selbstbestimmung von Care-Empfänger*innen massiv eingeschränkt.

Neben Besuchsverboten kam es zu Ausgangsbeschränkungen für Bewohner*innen von Pflegeeinrichtungen, aber auch von Anlagen des betreuten Wohnens, wo Menschen leben, die nur wenig oder gar nicht auf Unterstützung angewiesen sind. Zusätzlich wurden die ehemals „Best-Agers“ z.B. vom Roten Kreuz von ihren bisherigen Tätigkeiten in der Freiwilligenarbeit ausgeschlossen. Die österreichische Bundesregierung[1] rief zu einem absoluten Kontaktverbot mit der Großelterngeneration auf, damit durfte diese auch keine Care-Leistungen mehr in der Kinderbetreuung von Enkeln erbringen. All dies unter dem Titel des Schutzes.

Kein Thema war und ist bislang der Schutz der älteren Personen, die selbst Care-Leistungen für Partner*innen oder andere pflegebedürftige Angehörige erbringen, z. B. Menschen mit Unterstützungsbedarf aufgrund von Behinderungen. Es wurden Tageseinrichtungen geschlossen, aufsuchende Dienste reduziert und darauf vertraut, dass die notwendigen Care-Leistungen „irgendwie“ von „irgendwem“ erbracht werden würden.

In diesem Beitrag werden zwei Aspekte in Bezug auf Alter(n) und Care in Zeiten der Pandemie unter dem Blickwinkel der Selbstbestimmung herausgegriffen: Erstens die Aufhebung der Selbstbestimmung durch die pauschale Kategorisierung als kollektive gefährdete und care-bedürftige Gruppe bei den über 65jährigen und zweitens die Einschränkung der Selbstbestimmung durch Schutzmaßnahmen in Institutionen bei denjenigen in dieser Gruppe, die Unterstützung benötigen. Dabei wird auch eine Leerstelle aufgezeigt, nämlich die große Gruppe der älteren pflegenden Angehörigen. Ihre Selbstbestimmung und ihr Schutz werden bislang in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend ausgeblendet. Den Abschluss bilden Impulse zur Frage, wie mit dem Spannungsfeld zwischen Schutz, Gefährdung und Selbstbestimmung künftig umgegangen werden könnte.

Die Alter(n)sbilder vor der Corona Pandemie waren in den politischen Leitlinien vom „aktiven“, „erfolgreichen“ bzw. „produktiven“ Altern, insbesondere für die „jungen“ Älteren dominiert, das der pauschalen Wahrnehmung der Älteren als pflegebedürftig und abhängig entgegenwirken sollte:

„Als fundamentales Prinzip wird ‚Aktives Altern‘ angestrebt, wodurch Gesundheit, Sicherheit und Partizipation optimiert werden sollen, um solcher Art die Lebensqualität alternder Menschen zu fördern“ (Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz 2012) so hieß es im Bundesplan für Senioren und Seniorinnen 2012. Teilhabe im Alter fördert die Gesundheit, dies ist unbestritten. Im Hintergrund dieses Blicks auf die ältere Bevölkerung stand aber auch das Interesse an den Potentialen Älterer für das Funktionieren des Sozialstaats.

„Diese Bevölkerungsgruppen (60-69jährige, 70-79jährige) stellen für Non-Profit-Organisationen eine nicht zu vernachlässigende Ressource dar, zumal diese Altersgruppen aufgrund steigender Lebenswartung wachsen.“ (IFES 2016, 65)

Quelle: Foto Caritas Wien

Und in der Tat, der Beitrag von Älteren in der Freiwilligen- und Ehrenamtsarbeit ist enorm. Die höchste Beteiligungsquote aller Altersgruppen im Freiwilligenengagement mit 57% hat die Altersgruppe der 60-69jährigen, bei den 70-79jährigen engagieren sich 43%. Männer sind dabei stärker im formellen Engagement, während Nachbarschaftshilfe besonders von den 60-69jährigen Frauen ausgeübt wird. Personen ab 60 Jahren engagieren sich zu überdurchschnittlichen Anteilen im Kunst- und Kulturbereich, bei Sozial- und Gesundheitsdiensten und im kirchlichen Bereich. 40% der 60-69jährigen leisten im informellen Bereich der Nachbarschaftshilfe vor allem Hausarbeit, handwerkliche Tätigkeiten sowie Besuche bei betreuungsbedürftigen Personen, dies mit rund 6 Stunden wöchentlich (IFES 2016). Nicht alle Tätigkeiten können als Care-Arbeit klassifiziert werden, da die repräsentative Datenerhebung hier nicht differenziert, es kann aber festgehalten werden, dass dies kein unerheblicher Anteil ist.

Ein weiterer Bereich, indem Ältere Care-Verantwortung übernehmen, ist die Betreuung und Pflege von Angehörigen. Nur ein Fünftel der Pflegegeldbezieher*innen lebt in stationärer Betreuung oder wird durch 24-h-Betreuung unterstützt. Alle anderen werden ausschließlich von Angehörigen (41,8%) oder von mobilen Diensten (32,2%) oft in Kombination mit den Angehörigen gepflegt (Hanzl 2020). Nach Schätzungen sind in Österreich 947.00 Personen in die Pflege von Angehörigen eingebunden. 50% dieser pflegenden Angehörigen sind älter als 60, immerhin 25% älter als 70 Jahre (Nagl et al 2018).

Großeltern leisten auch Care-Arbeit in der Betreuung der Enkel. So gaben bei einer repräsentativen Studie 29% der Eltern mit Kindern unter 14 Jahren an, dass ihre Kinder normalerweise von den Großeltern betreut würden (Schönherr 2020).

Und dann kam die Pandemie. Es folgte die pauschale Einstufung der Älteren als gefährdete und hilfsbedürftige Risikogruppe unabhängig vom gesundheitlichen Zustand, körperlicher Fitness und ihrer Selbsteinschätzung. Eine Welle der Freiwilligentätigkeit brandete auf, allerdings waren jetzt Menschen ab 65 nur mehr in der Rolle der Care-Empfänger*innen vorgesehen, nicht mehr als aktiv Tätige.

Quelle: twitter.com/schla-wienerin, stock.adobe.com, krone.at-Grafik

Die Folge: Nur mehr 4% der Großeltern betreuten weiterhin die Enkel (Schönherr 2020). In einer Studie, die die Folgen des „Social Distancing“ auf Ältere in Niederösterreich erforschte, gaben 60% der ehrenamtlich tätigen Personen über 60 an, dass sie ihre Freiwilligentätigkeit nicht mehr ausüben konnten, zum einen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Risikogruppe, zum anderen aufgrund der Kontaktverbote in institutionellen Kontexten (Kolland et al. 2020).

Dies bleibt nicht folgenlos: Franz Kolland hält fest: „Die alten Menschen werden zu einer Problemgruppe, sehen sich dann selbst als eine Problemgruppe, und das wirkt sich auf das eigene Alterserleben aus“. In diesem Zusammenhang zeigt sich das komplexe Spannungsfeld von Schutz, Selbstbestimmung und Bevormundung. In der oben genannten Studie gab ein Fünftel der Befragten an, dass sie sich gar nicht in politische Entscheidungsprozesse eingebunden fühlen. Dies äußerten insbesondere diejenigen, die nicht die Fremddefinition als gefährdete Gruppe übernahmen. Schutz und Bevormundung können sowohl von der Gesellschaft als auch in der Familie erlebt werden. Während 59% der Befragten sich von der Gesellschaft als nicht bevormundet und geschützt sahen, fühlten sich 28% geschützt und bevormundet zugleich und 7% bevormundet und nicht ausreichend geschützt. Ähnliche Konstellationen gibt es auch in der Familie, wobei sich hier weniger Personen bevormundet einschätzten (17%) (Kolland et al. 2020).

Am stärksten zeigt sich das Spannungsfeld zwischen Schutz und Fremdbestimmung bei zwei Gruppen: bei Älteren, die im informellen Bereich Care leisten und bei Care-Empfänger*innen im stationären Bereich. Die pflegenden Angehörigen wurden zur Ausfallhaftung für Strukturen im Notbetrieb, ohne dass auf ihre Schutzbedürftigkeit oder ihre Lebensrealitäten Rücksicht genommen wurde. Sie hatten und haben keinen bevorzugten Zugang zu Tests oder zu Schutzmaterialien, in Österreich werden sie auch bei der Impfung nicht als bevorzugte Gruppe behandelt. In einer Studie der Volkshilfe mit hundert pflegenden Angehörigen von Personen mit Demenzerkrankungen nannten diese eine Reihe von Belastungsfaktoren durch die Pandemie: den Rückzug von Familienmitgliedern, die Schließung / Nicht-Inanspruchnahme von Tagesbetreuungsstätten, die Einstellung der Nachbarschaftshilfe aus Angst vor Ansteckung, die Reduktion der mobilen Pflege auf ein Minimum, die Heimreise der 24-h-Betreuung, die Unmöglichkeit eigener sozialer Kontakte und persönlicher Auszeiten sowie die fehlende Ausstattung mit Masken und Schutzbekleidung. Zwei Drittel der Befragten berichten von Überforderungssituationen. Sie fühlten sich hilflos (55%), isoliert (41%) oder mit der Pflege und Betreuung allein gelassen (59%) (Volkshilfe 2020).

In den Einrichtungen kam und kommt es neben eingeschränkter Versorgung durch Betretungsverbote von externen Diensten wie Ergotherapie zu Freiheitsbeschränkungen bei Care-Empfänger*innen. So wurde in Wiener Senioreneinrichtungen trotz fehlender behördlicher Anordnungen von den Leitungen verboten, dass die Bewohner*innen die Häuser verlassen. Taten sie es doch, mussten sie einen negativen Test vorweisen oder zwei Wochen im Zimmer in Quarantäne bleiben. Menschen wurden präventiv in ihren Zimmern isoliert, Heime von Sicherheitsfirmen bewacht und Bewohner*innen am Verlassen gehindert, während der Rest der Bevölkerung sehr wohl aus dem Haus gehen konnte. Kontrollinstanzen wie Volksanwaltschaft[2] oder Fachkräfte vom Vertretungsnetz[3] durften während des ersten Lockdowns die Institutionen nicht betreten (Scherndl, Brickner 2020). Hier zeigt sich das Janusgesicht des Schutzes, wenn im Namen des Schutzes Personen dem Schutz durch Kontrollorgane entzogen werden. Im Salzburger Menschenrechtsbericht werden „rigide Beschränkungen und Entmündigung“ von Menschen in institutioneller Pflege und Betreuung dokumentiert, obwohl diese das gleiche Recht auf persönliche Freiheit wie alle anderen Bürger*innen haben. Zu denken gibt ein Beschluss des Obersten Gerichtshofs, der anlässlich einer Klage der Bewohner*innenvertretung entschied, dass eine Isolation im Zimmer bei einem an Demenz erkrankten Menschen selbst nach Vorliegen eines negativen COVID-19 Tests bis 14 Tage nach den letzten Krankheitssymptomen zulässig sei (OGH 2020).

Was ist angesichts dieser Befunde festzuhalten? Eine Spaltung der Gesellschaft in ein „Wir“ (die Gesunden, Jungen, nicht Gefährdeten, nicht Verletzbaren, die Gesellschaft), das paternalistisch „sie“, die Älteren, die Care-Empfänger*innen schützt, indem „wir“ „sie“ ausgrenzen und einschließen, blendet die eigene Verletzlichkeit aus. Gleichzeitig wird die reale Gefährdung von älteren Menschen z. B. als pflegende Angehörige verdrängt und die psychosozialen Folgen dieser Maßnahmen für die verschiedenen Betroffenen vernachlässigt.

Quelle: bmin.info (Behinderte Menschen Inklusiv)

Selbstbestimmung und Angewiesenheit, Engagement und Leben mit gesundheitlichen Einschränkungen müssen sich nicht ausschließen. Diskurse müssen verändert werden von der Perspektive des Schutzes und der Gefährdung hin zu Gerechtigkeit und Solidarität, von einfachen Lösungen zu tiefen Auseinandersetzungen und Gesprächen unter Einbeziehung der Betroffenen rund um die Themen Fürsorge und Selbstbestimmung, Schutz und Autonomie. Verletzlichkeit (besonders) im Alter soll nicht negiert werden, es ist aber unangemessen, ältere Menschen nur unter diesem Blickwinkel allein zu sehen.

Es geht vielmehr darum, die Verletzlichkeit von allen anzuerkennen, die Vielfalt des Alters und der alternden Menschen sichtbar zu machen und entsprechend Teilhabe zu ermöglichen und einzufordern. Ein erster Schritt dazu ist, von besonders gefährdeten Personen zu sprechen – gefährdet sind wir in dieser Pandemie alle. Das Alter kann ein Risikofaktor sein, ein erhöhtes Risiko haben auch jüngere Personen mit chronischen Erkrankungen, mit erhöhtem Unterstützungsbedarf, z.B. Beatmung, ebenso wie Personen in exponierten Berufen. Ein zweiter Schritt wäre die Diskussion, wie Verletzbarkeit, Schutz und Risiko von wem definiert werden. Gelten ausschließlich die Kriterien der biomedizinischen, virologischen Perspektive auf Gesundheit oder haben auch psychosoziale Kriterien ihre Berechtigung? Wie kann ein sinnvoller Schutz für wen aussehen? In welchem Rahmen kann über die individuelle Risikobereitschaft selbst bestimmt werden? Ein dritter Schritt braucht aber auch die Diskussion auf der Meso- und Makroebene. Wie können wir unser Pflegesystem so organisieren, dass ältere Menschen mit und ohne Pflegebedarf gut als Teil der Gesellschaft leben können? Es sind vor allem Großeinrichtungen, die unter den Bedingungen der Pandemie für Care-Empfänger*innen und Personal gefährlich sind. Orientierung am Bezugspflegeprinzip, bei dem Kleingruppen von Bewohner*innen unter Einbeziehung der Angehörigen – falls sie dies wollen – und Ehrenamtlichen betreut werden, könnte eine erste Maßnahme sein. Es braucht ausreichende ambulante Strukturen – auch und gerade in Krisenzeiten -, damit pflegende Angehörige selber bestimmen können, ob und wie viel sie pflegen wollen und so vor Überlastung geschützt sind.

Partizipation im Sinne von Mitbestimmung (“Mit uns, nicht über uns”) an allen Entscheidungen, die Care-Empfänger*innen betreffen, muss umfassend verankert und umgesetzt werden, wie dies in der UN-BRK oder auch der Europäischen Charta der Rechte und Pflichten älterer hilfe- und pflegebedürftiger Menschen bereits festgelegt ist. Das heißt auch, dass Nutzer*innen mit ihrer Expertise in die Entwicklung von Konzepten und Maßnahmen aktiv einbezogen werden sollen. Dazu braucht es Teilhabe fördernde Strukturen und Prozesse wie Selbstvertretungsorgane in Einrichtungen, aber auch partizipative Hilfe- und Sozialplanung. Best-Practice Beispiele und Anleitungen für letzteres gäbe es genug (z. B. Brokamp u.a. 2015).

Ich schließe mit den Worten meiner 90jährigen Mutter, die alleine lebt und noch völlig selbständig ist: „Ich will nicht dadurch geschützt werden, dass ich das Haus nicht mehr verlassen darf und komplett versorgt werde, sondern ich will dadurch geschützt werden, dass sich die „Nicht-Risiko-Personen“ an die Hygieneregeln halten, damit ich mich in der Öffentlichkeit sicher bewegen kann und weiterhin meinen Alltag allein bewältigen kann.“

 

Literatur

Brokamp, Barbara u. a.: Inklusion vor Ort. Der Kommunale Index für Inklusion – ein Praxishandbuch. Berlin 2015

Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (2012): Altern und Zukunft. Bundesplan für Seniorinnen und Senioren. Wien.

Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (2016): UN-Behindertenrechtskonvention – Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen und Fakultativprotokoll. Neue deutsche Übersetzung. Wien.

IFES (2016): Freiwilligenengagement. Bevölkerungsbefragung 2016. Studienbericht. Im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz. Wien.

Hanzl, Lisa: Qualität von Langzeitpflege und das Wohlbefinden von pflegenden Angehörigen. Wien 2020 (https://www.momentum-institut.at/system/files/2020-10/pb_20.2020_1007_angehorigenpflege.pdf, Abruf 12.11.2020)

Kolland, Franz u. a.: Covid-19 und Social Distancing im Alter. Eine Befragung der Bevölkerungsgruppe 60+ in NÖ. Krems 2020 (https://www.noe.gv.at/noe/Familien/Covid19_RapidReport.pdf, Abruf 20.12.2020)

Nagl-Cupal, Martin u. a.: Angehörigenpflege in Österreich. Einsicht in die Situation pflegender Angehöriger und in die Entwicklung informeller Pflegenetzwerke. Universität Wien. Wien 2018 (https://broschuerenservice.sozialministerium.at/Home/Download?publicationId=664, Abruf 23.12.2020)

Netzwerk Demenz vernetzen: Care trotz Corona mit und für Menschen im Alter. Ein Nachdenk-und Diskussionspapier. Wien 2020 (https://www.kardinal-koenig-haus.at/media/care_und_corona_nachdenkpapier_update_29_06.pdf, Abruf 23.12.2020)

Oberster Gerichtshof, Beschluss Freiheitsbeschränkung im Heim wegen der Gefahr einer COVID-19-Infektion vom 23.09.2020, Aktenzeichen 7 Ob 151/20m. JJT_20200923_OGH0002_0070OB00151_20M0000_000.

Schönherr, Daniel (2020): Zur Situation von Eltern während der Coronapandemie. SORA. Wien. Online verfügbar unter https://www.sora.at/fileadmin/downloads/projekte/2020_20133_Momentum_Elternbefragung_Corona_Endbericht.pdf, Abruf 20.12.2020.

Scherndl, Gabriele; Brickner, Irene 2020: Heimbewohner zwischen Freiheit und Schutz. Viele alte Menschen, die in Heimen wohnen, dürfen diese momentan nicht verlassen. In: Der Standard, Ausgabe vom 25.04.2020 (https://www.derstandard.at/story/2000117099117/heimbewohner-zwischen-freiheit-und-schutz) (https://www.derstandard.at/story/2000117099117/heimbewohner-zwischen-freiheit-und-schutz, Abruf 23.12.2020)

Thiessen, Barbara; Weicht, Bernhard; Rerrich, Maria; Luck, Frank, Jurczyk, Karin; Gather, Claudia; Fleischer, Eva & Brückner, Margrit (2020). Großputz! Care nach Corona neu gestalten. Ein Positionspapier zur Care-Krise aus Deutschland, Österreich, Schweiz, http://care-macht-mehr.com/ Abruf 2. 9. 2020

Vertretungsnetz: Über uns. Aufgaben der Bewohnervertretung. Online verfügbar unter https://vertretungsnetz.at/bewohnervertretung/ueber-uns, Abruf 23.12.2020

Volksanwaltschaft: Home. Online verfügbar unter https://volksanwaltschaft.gv.at/, zuletzt geprüft am 23.12.2020

Wahl, Erich (2020): Heimbewohner*innen in der COVID-19-Krise: Rigide Beschränkungen und Entmündigung. In: Salzburger Menschenrechtsbericht. Salzburg, S. 42–44. Online verfügbar unter https://vertretungsnetz.at/fileadmin/user_upload/5a_SERVICE_Wir_in_der_OEffentlichkeit/MB_2020/2020_menschenrechtsbericht_Wahl_Heimbewohnerinnen_in_der_Covid19-Krise.pdf, Abruf 23.12.2020.

 

 

[1] Die Daten beziehen sich – so nicht anders vermerkt – auf Österreich

[2] Die Volksanwaltschaft unterstützt bei Problemen mit Behörden und ist präventiv für die Einhaltung der Menschenrechte zuständig, in dieser Funktion werden Einrichtungen kontrolliert, in denen es zum Entzug oder zur Einschränkung der persönlichen Freiheit kommt oder kommen kann, etwa in Justizanstalten oder Pflegeheimen.

[3] Im Vertretungsnetz schützen Bewohnervertreter*innen das Grundrecht auf persönliche Freiheit von Menschen mit psychischen Erkrankungen oder intellektuellen Beeinträchtigungen u. a. in Alten- und Pflegeheimen auf Basis des Heimaufenthaltsgesetzes.

Die dunkle Seite von Care – Care und Gewalt

Margrit Brückner

  1. Care und die Welt der Gefühle

Care bzw. Sorgen ist gesellschaftlich mehr denn je notwendig – wie uns die Corona Pandemie deutlich vor Augen führt. Allerdings verbirgt sich hinter Sorgen bisher eine geschlechtlich aufgeladene, wenig beachtete und schlecht bezahlte Arbeit von Frauen. Diese Arbeit wird sowohl in privaten Haushalten als auch im öffentlichen Raum geleistet und ist mehrdimensional angelegt: handlungsbezogen (taking care of), Gefühle auslösend (caring about) und geprägt von einer Zusammengehörigkeit der Sorge für andere und der Selbstsorge (take care of yourself), auch wenn letzteres wenig Beachtung findet (Brückner 2018). Die Gefühlsebene des Sorgens zeigt sich für Sorgegebende (care-giver) und Sorgenehmende (care-receiver) in der Art und Weise des Ge- oder Misslingens einer hinreichenden Kontaktherstellung und Verständigung, die viel mit Sympathie zu tun hat, aber auch mit Ängsten vor Überforderung respektive vor Abhängigkeit einher gehen kann. Sorgen verweist auf zwischenmenschliche Angewiesenheit und macht Verletzbarkeit als menschliche Bedingtheit sichtbar (Nussbaum 2003). Zwar wird Sorgen von allen Menschen in verschiedenen Lebensphasen benötigt, steht aber dem Ideal männlich konnotierter Autonomie entgegen und bildet den Antipoden zur neoliberalen Maxime der Selbstoptimierung. Da Sorgetätigkeiten – auch wenn sie von Männern ausgeübt werden – noch immer weiblich konnotiert sind, kann die als Abhängigkeit empfundene Angewiesenheit emotional gegen Frauen gerichtet werden und zur gesellschaftlichen Abwertung von Frauen beitragen. Sorgen vermag bei Sorgenehmenden Gefühle der Aufgehobenheit und Nähe ebenso wie Bedürfnisse nach mehr oder weniger aggressiv gefärbter Abgrenzung auszulösen, wenn die eigene Hilfsbedürftigkeit als narzisstische Kränkung empfunden wird. In Letzterem haben möglicherweise auch die vehementen Proteste der Querdenker ihre Wurzeln, die ihre eigene Verletzbarkeit leugnen.

Für Sorgegebende kann die Tätigkeit mit großer Freude über das eigene Geben und die erfahrene Resonanz einhergehen aber auch mit Enttäuschung über mangelnde positive Reaktionen und Wut über subjektive und objektive Zumutungen. Vor diesen unwägbaren Gefühlen versucht sich berufliche Sorge nicht selten durch institutionalisierte Leugnung der Beziehungsdimension zu schützen, indem z. B. in der Pflege verdinglichende Begriffe wie „Arbeit am Menschen“, schon vor ihrer Ökonomisierung Einzug gehalten haben und in der Sozialen Arbeit Neutralität und Distanz zunehmend als Ausdruck von Professionalität gelten. Vermeidung respektive Verdrängung von Gefühlen stellt nur vermeintlich eine Gewähr vor emotionaler Überforderung dar und verfehlt das eigene Subjektsein ebenso wie die Subjekthaftigkeit des Anderen.

  1. Machtaspekte, Gewaltformen und Sorgetätigkeiten

Care wirft Fragen der Macht respektive der Selbstbestimmung für alle beteiligten Akteur*innen (care giver und care receiver) auf, je nachdem wie Möglichkeiten der Annahme oder Ablehnung von Sorgetätigkeiten gestaltet werden. Das wird besonders deutlich bei verpflichtenden Sorgetätigkeiten („statutory social care“) wie Einrichtungseinweisungen oder Inobhutnahmen, bei denen der Zusammenhang von Sorge und Zwang auch bei deren Gelingen sichtbar wird (Ziegler 2014), aber auch im privaten Bereich, wenn Verwandte auf eine Unterbringung drängen. Sorgen geht dann mit mehr oder minder existenziellem Ausgeliefertsein respektive mit Graden von Druckausübung einher und hat somit neben einer erhofften hilfreichen, eine für alle Akteur*innen schwer zu ertragende Seite. Diese negativ besetzte Seite des Sorgens tritt vor allem solange hervor, wie Care als abgewertete Abhängigkeit sowie Sorgenehmende als Objekte in einer an ökonomischer Verwertbarkeit ausgerichteten Gesellschaft konstruiert werden. Nur wenn Autonomie und Abhängigkeit nicht länger als binäre Entgegensetzungen gedacht werden, sondern Interdependenz als menschliche Seinsweise eine gesellschaftlich leitende Wertschätzung erfährt und auf der Interaktionsebene in gegenseitige Anerkennung mündet, lassen sich Sorgeprozesse als relational selbstbestimmte soziale Praxis konzipieren. Gleichwohl bleibt Sorgen eingebettet in asymmetrische Formen von Handlungsmächtigkeit, die emotional bewältigt und tätig bearbeitet werden müssen, da sie – auch abhängig von entsprechenden sozialen Räumen – sowohl zur Machtausübung als auch zur Ermächtigung dienen können (Conradi/Vosman 2016). Sorgen schließt also Grade des Scheiterns durch Missverstehen, Vernachlässigung, Übergriffigkeit oder Gewalttätigkeit ein und stellt eine Gratwanderung zwischen Hingabe und Abgrenzung, Verantwortung und Bevormundung, Desinteresse und Selbstausbeutung dar, die es auszubalancieren gilt.

Die hierarchisierten Verhältnisse zwischen den Geschlechtern und Generationen sind auch in Sorgeverhältnissen sowie Partnerschaften (unter dem Aspekt gegenseitiger Fürsorglichkeit und Zuwendung) wirksam, indem die jeweils sozial Schwächeren (Frauen, Kinder, beeinträchtigte oder pflegebedürftige Menschen) in familialen Kontexten und in sozialen Einrichtungen besonders verletzungsoffen sind. Sie erleiden strukturell häufiger physische, psychische und sexuelle Gewalt und Freiheitsberaubung: Nach neuesten Polizeistatistiken wurden allein im Hellfeld, d.h. ohne Berücksichtigung der auch von der Polizei als hoch eingeschätzten Dunkelziffer:

Besonders im häuslichen Umfeld ist von einer geringen Anzeigebereitschaft respektive Anzeigemöglichkeit auszugehen, aber auch in Einrichtungen sind persönliche Abhängigkeiten groß, und ein Teil der Sorgenehmenden ist physisch und/oder psychisch nicht in der Lage sich zu wehren. Gewalt kann jedoch auch von versorgten Menschen gegenüber Sorgenden ausgeübt werden, wenn z.B. Jugendliche ihre Mütter/Eltern angreifen oder Pflegebedürftige sich aggressiv gegenüber pflegenden Angehörigen und Pflegekräften verhalten.

Wie sich Gewalt in Familien und in Einrichtungen seit der Corona-Pandemie verändert hat, bedarf weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen; ebenso die Frage, wen Schutz- und Beratungseinrichtungen erreichen, wer nicht erfasst wird und wie diese Maßnahmen auszubauen sind. Die Corona-Pandemie macht Übergriffe oft noch unsichtbarer, obwohl viele Anzeichen dafür sprechen, dass die Zahl der Übergriffe angestiegen ist aufgrund geringerer Möglichkeiten, einander in Zeiten von Lock-Down und Homeoffice auszuweichen und vor allem Frauen vermehrt zusätzliche familiale Aufgaben wahrnehmen. Eine erste repräsentative Umfrage über die kurze Zeit des Lock Downs im Frühjahr ergab, dass in privaten Haushalten Frauen zu 3% körperliche und zu 3,6% sexuelle Gewalt erlitten und 6,5 % der Kinder gewalttätig bestraft wurden, wobei die Zahlen um einiges höher waren bei Quarantäne, finanziellen Sorgen oder Arbeitslosigkeit des gewaltausübenden, zumeist männlichen Partners. Zudem wurde deutlich, dass nur wenige betroffene Frauen die vorhandenen Hilfsangebote nutzten, obwohl erheblich mehr diese Möglichkeiten kannten.

Die Zurückhaltung in der Hilfesuche erklärt das unerwartete Phänomen, dass im Lock Down in Deutschland zunächst die Zahl der Beratungs- und Zuflucht-Suchenden zurückging. Möglicherweise wollten Betroffene in der Krise die Familie zusammenhalten oder sie hatten keine Kontaktmöglichkeiten, könnten aber auch Ansteckungen gefürchtet haben. Erst allmählich stiegen die Zahlen stärker als vor der Pandemie an, so z.B. beim bundesweiten Hilfetelefon gegen Häusliche Gewalt um rund 20%. Die von der Bundesregierung 2018 ratifizierte Istanbul Konvention („Übereinkommen des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“) setzte das lange geforderte regelmäßige Monitoring von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt auf die Tagesordnung, ebenso Forderungen nach Sicherung des Schutzes aller von Gewalt Betroffenen – einschließlich geflüchteter Frauen unabhängig von ihrem Status, bedarfsgerechte Schutz- und Beratungseinrichtungen, Schutzrechte von Kindern und Abbau von Kooperationshindernissen zwischen beteiligten Institutionen, um das Recht aller Menschen auf Unversehrtheit zu wahren. Dafür gilt es, die Verknüpfung von Sorgen und Machtausübung bis hin zu Gewalt in die Debatte um Care stärker mit einzubeziehen und dabei sowohl gesellschaftliche Bedingungen als auch psycho-soziale Prozesse zu berücksichtigen.

  1. Bedingungen gelingender Sorge

Nach der Auseinandersetzung mit Sorgen als einem emotionalen Geschehen und daraus hervorgehenden verschiedenen Verknüpfungen von Sorge und Gewalt sollen abschließend Bedingungen gelingender Sorge skizziert werden. Gelingende Sorge bedarf – neben hinreichender materieller und zeitlicher Rahmung – der Kontaktermöglichung und der Beziehungsorientierung zwischen den Akteur*innen, das bedeutet Zeit und Gelegenheit für Hinwendung, Umsicht, Anteilnahme, Zuspruch und Beistehen. Die darin enthaltene emotionale Anstrengung muss in beruflichen Kontexten als Teil der Arbeit anerkannt und im Arbeitsauftrag abgesichert werden. Um Zwischenmenschlichkeit herzustellen, braucht es ein kooperatives Sich-Aufeinander-Einlassen, d.h. eine bewusste Beziehungsgestaltung im Kontext eines fachlich ausgewiesenen Arbeitsbündnisses (Gahleitner 2017). Schon frühere Untersuchungen wie „the managed heart“ (Hochschild 1983) haben gezeigt, wie schwierig es ist, zwischen Gefühlsausbeutung und ethisch angemessener Zuwendung in beruflichen Kontexten zu differenzieren – wobei die Schwierigkeiten im privaten Bereich der Sorge eher noch größer sein dürften, weil der moralische Druck noch höher ist.

Ob privat oder beruflich setzt gelingende Sorgearbeit individuelle und gesellschaftliche Möglichkeiten voraus, Fürsorge und Selbstsorge auszubalancieren. Voraussetzung ist ein verlässlicher, Halt gebender institutioneller Rahmen mit ausreichend Gestaltungsspielraum und ein von beziehungsorientierter Aktivität von Sorgegebenden und Sorgenehmenden gemeinsam geprägtes Handlungsfeld auf der normativen Basis gegenseitiger Akzeptanz und der Wahrung des Selbst. Gerade die Corona Pandemie zeigt die Lücken in den derzeitigen Rahmenbedingungen auf, die dringend geschlossen werden müssen, ob bezogen auf das Gesundheitswesen, soziale Unterstützungseinrichtungen, Kinderbetreuungen oder von Gewalt betroffene Frauen und macht deutlich, dass z. B. pflegebedürftige Menschen – wie alle Menschen – auch Umsorgung und Möglichkeiten der Teilhabe und Selbstbestimmung brauchen, damit sie nicht vereinsamen und/oder über ihren Kopf hinweg entschieden wird.

Literatur:

Brückner, Margrit (2018): Gefühle im Wechselbad: Soziale Arbeit als beziehungsorientierte Care Tätigkeit. In: Kommission Sozialpädagogik (Hrsg.): Wa(h)re Gefühle? Sozialpädagogische Emotionsarbeit im wohlfahrtsstaatlichen Kontext. Weinheim/ Basel: Beltz Juventa, 65-79

Conradi, Elisabeth/ Vosman, Frans (Hg.) (2016): Praxis der Achtsamkeit, Schlüsselbegriffe der Care-Ethik. Frankfurt/ New York: Campus

Gahleitner, Silke (2017): Soziale Arbeit als Beziehungsprofession. Weinheim/ Basel: Beltz Juventa

Hochschild, Arlie Russell (1983): The Managed Heart. Berkeley/ Los Angeles: University of California Press

Nussbaum, Martha (2003): Langfristige Fürsorge und soziale Gerechtigkeit. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 2, 179-198

Ziegler, Holger (2014): Unerbetene Hilfen. Versuch einer Begründung einiger Kriterien zur Legitimation paternalistischer Eingriffe in der Sozialen Arbeit. In: Soziale Passagen, 6, 253-274

Care-Arbeit zu Hause in der Pandemie – systemrelevant oder was sonst?

Maria S. Rerrich

Über den unverzichtbaren gesellschaftlichen Beitrag von Beschäftigten in der Krankenpflege, in der Altenpflege, in den Kitas wissen seit Corona nicht mehr nur feministische Sozialwissenschaftlerinnen und –wissenschaftler Bescheid, die seit Jahren darüber forschen. Wer in der Pflege und im Gesundheitsbereich arbeitet, gilt inzwischen als ‚heldenhaft‘ und ‚systemrelevant‘. Diese Menschen werden vor den Krankenhäusern beklatscht, und man vermisst sie schmerzlich, wenn sie nicht zur Verfügung stehen.

Dagegen bleibt der gesellschaftliche Blick auf unbezahlte Care-Arbeiten und auf Care im Privatbereich insgesamt auch in Zeiten der Pandemie unscharf: Jenseits der Erwerbsarbeit scheint Care einfach und voraussetzungslos gegeben. Als die Bildungseinrichtungen, die Gastronomie, die Tagespflegeangebote heruntergefahren bzw. ganz geschlossen wurden, wurde angenommen, dass viele der dort erbrachten Leistungen ab sofort und fraglos in den Haushalten und von den Familien übernommen werden können. Irgendwie. Aber wie? Care privat, nicht nur innerhalb der Kernfamilien, sondern auch haushaltsübergreifend – für Großeltern, für alleinlebende alte Menschen, in der Nachbarschaft – schien so selbstverständlich wie frische Luft und sauberes Wasser. Inzwischen dürfte indes bekannt sein, dass die Ressourcen frische Luft und sauberes Wasser nicht ohne weiteres zu haben sind. Für Care zu Hause steht diese Erkenntnis noch aus: Auch 2020 verlässt man sich allgemein auf grenzenlose, weitgehend unsichtbare, private (und das bedeutet nicht nur, aber überwiegend) Leistungen von Frauen.

Geschlechtsspezifische Konsequenzen von COVID 19 für Care

Es geht manchmal zwei Schritte vor, einen Schritt zurück auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter, und seit der Pandemie gibt es offensichtlich wieder Rückschritte. Schon davor haben Frauen weltweit schätzungsweise drei Viertel der täglichen unbezahlten Arbeit verrichtet. Anita Bhatia von der zentralen Frauenorganisation der Vereinigten Nationen, UN Woman, sagte kürzlich in einem Interview: „If it was more than three times as much as men before the pandemic, I assure you that number has at least doubled (…) More alarming is the fact that many women are actually not going back to work. (…) In the month of September alone, in the US, something like 865,000 women dropped out of the labour force compared to 200,000 men, and most of that can be explained by the fact that there was a care burden and there’s nobody else around.” Zu befürchten sei, so Bhatia, dass alles, worauf Frauen viele Jahre hingearbeitet haben, in einem Jahr verloren gehen und es zu einem Comeback der Geschlechterstereotype der 1950er Jahre kommen könnte.   Ähnlich schätzte Jutta Allmendinger (WZB) die gegenwärtige Lage ein, die im Mai 2020 eine ‚entsetzliche Retraditionalisierung‘ vorhersagte (siehe auch hier).

Die Ergebnisse neuerer empirischen Untersuchungen hinterfragen diese These einer umfassenden Retraditionalisierung und verweisen auf punktuelle Veränderungen der Rollenausfassungen bei anhaltender grundsätzlicher Ungleichheit im Zusammenhang mit häuslichem Care. Eher scheint es seit der Pandemie mehr Auseinandersetzungen in den Familien um Ressourcen und Zeit zu geben sowie auch einzelne Neuregelungen bei der Aufteilung familialen Arbeit. Eine  gleiche Betroffenheit der Geschlechter durch häusliche Care-Verpflichtungen im Zusammenhang mit der Erwerbsarbeit durch die Pandemie wird aber nirgends festgestellt. Hauptsächlich wird deutlich, dass in den Familien an die bereits davor existierende Mehrbelastung der Frauen angeknüpft wird, die sich aktuell verstärkt. Für eine genauere Einschätzung der gegenwärtigen Entwicklung wären hierzu detaillierte Untersuchungen nötig, die beispielsweise nach veränderten Anforderungen und Arbeitsbedingungen in einzelnen Berufen und ihren Konsequenzen für Care zu Hause differenzieren. Besonders interessant ist m.E. die Frage, wie stabil die gegenwärtigen Arrangements sein werden und welche Bedeutung dem Faktor Zeit beizumessen ist: Kommt es langfristig vielleicht zu einem ‚new normal‘, je länger die Belastungen und Veränderungen des Alltags durch die  Pandemie anhalten?

Quelle: ForGenderCare

Care im Hintergrund als Voraussetzung von Berufsarbeit

Häusliche Care-Verpflichtungen können die Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben nicht nur einschränken oder sogar ganz verhindern. Care im Privaten ist eine unabdingbare Basis für die berufliche Arbeit. Wer im Lockdown versucht hat, im home office den Anforderungen von Beruf und Kinderversorgung oder Altenpflege im Alltag parallel gerecht zu werden, kann davon ein Lied singen. Nicht nur für Alleinstehende war und ist die Gleichzeitigkeit von Berufsarbeit zu Hause und häusliche Care-Arbeit eine nahezu unlösbare Aufgabe.

Nicht erst seit der Pandemie wird von Berufstätigen verlangt, dass sie sich während der Arbeitszeit ausschließlich auf ihre dortigen Aufgaben konzentrieren, und unausgesprochen wird vorausgesetzt, sie werden dabei von Care entlastet. Dies gilt umso mehr für Berufe, die zeitlich und örtlich entgrenzt sind und viel Flexibilität erfordern. Bereits 1980 hat Elisabeth Beck-Gernsheim für den Zusammenhang von Berufsarbeit und unsichtbarer Entlastung im Privaten den Begriff der ‚Ein-Einhalb-Berufe‘ geprägt, den man sich wieder in Erinnerung rufen könnte. Sie schrieb damals: „Die Berufsarbeit ist nach Quantität wie Qualität ihrer Anforderungen so organisiert, daß sie auf die Anforderungen der privaten Alltagsarbeit kaum Rücksicht nimmt; sie setzt damit stillschweigend voraus, daß der Berufstätige die Zuarbeiten und Hilfsdienste anderer Personen in Anspruch nehmen kann.“

Vor einer Generation war diese Person im Hintergrund idealtypisch die traditionelle Hausfrau, die es heute eher selten gibt, zumindest in der Reinform der ausschließlich und lebenslang als Haus- und Familienarbeitende. Veränderte Arbeitsteilungsmuster, die inzwischen stattgefunden haben, sind aber ein zweischneidiges Schwert.  Einerseits bilden sie die Voraussetzung für mehr Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben, andererseits hat die stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen auch neue Strukturen von Ungleichheit, von Über- und Unterordnung im Zusammenhang mit Care hervorbracht. Denn zur (keineswegs ganz verschwundenen) Arbeitsteilung nach Geschlecht kommen nun zusätzliche wichtige Dimensionen von Arbeitsteilung hinzu, etwa nach Klasse und Ethnie. Dabei ist wichtig zu betonen, dass dies keine individuell zu verantwortende Entwicklung ist, sondern vielmehr das Ergebnis eines strukturellen Problems. Der vermehrten Beteiligung von Frauen an der Erwerbsarbeit und den damit aufgeworfenen Care-Lücken stehen nur notdürftige und partielle politische Reformen und Infrastrukturen gegenüber.

Wer wirkt heute im Hintergrund von Berufstätigen, wer ist für Care für die privaten Haushalte zuständig? Es sind inzwischen unterschiedliche Personen. Mittlerweile gibt es mehr institutionelle Unterstützung in der Kinderbetreuung, die in Deutschland auch in den alten Bundesländern für Kleinkinder ausgebaut und gesetzlich abgesichert wurde, und die dort Beschäftigten sind bekanntlich nahezu ausschließlich Frauen. Seit den 1980 Jahren spielt auch der größere Wohlstand eine Rolle. So hat der Markt einiges übernommen und Haushalte werden entlastet, wenn z.B. Essen fertig geliefert wird oder man öfter zum Essen gehen kann. Ohne Hilfe von Großeltern wird es dennoch für viele Familien mit Kindern mit der Berufstätigkeit schwierig, auch das wurde seit den Restriktionen wegen COVID 19 deutlich. Es ist zudem ein eher unsichtbarer, arbeits- und sozialrechtlich fragwürdiger Arbeitsmarkt in den privaten Haushalten entstanden, nicht nur aber vor allem in den zahlungskräftigen. Zum Beispiel macht eine Haushaltsarbeiterin, in der Regel eine Migrantin oder eine Frau mit Migrationshintergrund, die Wohnung sauber, auch für weniger begüterte alte Menschen, die Hausarbeit nicht selbst verrichten können. Auch reisen inzwischen zahlreiche sog. live-in Haushaltsarbeiterinnen vorwiegend aus Osteuropa an, um sich rund um die Uhr um pflegebedürftige Menschen zu kümmern. Wie unverzichtbar solche Arbeitskräfte sind, die für gewöhnlich gesellschaftlich im Schatten wirken, wurde schlagartig erkennbar, als viele der Frauen aus dem Ausland, die normalerweise als live-in Haushaltsarbeiterinnen arbeiten, wegen der gesetzlichen Beschränkungen zur Bekämpfung der Pandemie nicht mehr ohne weiteres einreisen durften. Und die Männer von Paket-und Lieferdiensten bringen Lebensmittel, Bestellungen von Amazon und REWE u.a.m., ohne dass viel nach deren Lebens- und Arbeitsbedingungen gefragt wird. Nicht zufällig sind auch diese in der Regel Migranten.

Care-Konstellationen in der privaten Versorgung alter Menschen

Typisch für Care im Privatbereich ist die Kooperation mehrerer Akteurinnen und Akteure. In der Studie: ‚Care aus der Haushaltsperspektive. Das Beispiel der Pflege alter Menschen in der Großstadt‘[1] wurden komplexe Care-Konstellationen für pflegebedürftige betagte Menschen vorgefunden. Hier fanden sich Partner bzw. Partnerinnen und erwachsene Kinder (ob berufstätig oder selbst bereits im Rentenalter), weitere Familienangehörige, Personen aus dem Freundeskreis und aus der Nachbarschaft, Professionelle von Pflegediensten, für Physiotherapie, für Logopädie u.ä., punktuell arbeitende und/oder live-in Haushaltsarbeiterinnen, ehrenamtliche Seniorenhelferinnen und -helfer u.a.m.

Weder ergeben sich komplexe Care-Konstellationen von allein, noch ist die Umverteilung von Care im Privaten ein Nullsummenspiel, im Gegenteil. Kooperative Arbeitsteilungsmuster für Care-Aufgaben brauchen Aufmerksamkeit, Planung, Aushandeln, Organisation, Koordination, Justieren und Nacharbeit. Erforderlich ist Projektmanagement sowie ständiges ‚tinkering‘  in Haushalt und Familie, das bedeutet das ständig stattfindende Anpassen der vielen kleinen und großen Details alltagtäglicher Erledigungen und Zuständigkeiten.

Unverzichtbar ist zudem eine zentrale Person, nach Möglichkeit am Wohnort, bei der alle Fäden zusammenlaufen. Im Einzelfall kann dies die Partnerin oder der Partner, die Tochter oder die Schwiegertochter, aber auch der Sohn sein. Die traditionelle Arbeitsteilung in Familien hatte immerhin den Vorteil, dass klar war, wer wofür zuständig war: Mit Niklas Luhmann gesprochen reduziert traditionelle Arbeitsteilung Komplexität. Ohne die klaren Zuständigkeiten traditioneller Arrangements ist das, was in den letzten Jahren als ‚cognitive labor‘ oder als ‘mental load‘ diskutiert wird, nicht einfacher geworden. Dies ist ein wichtiger Teil von Care, der weder sichtbar ist, geschweige denn verschwindet, auch wenn einzelne Handgriffe und Tätigkeitsbereiche delegiert werden.[2]

Foto: Gerd Mutz

Um sich das konkret vorstellen zu können, hierzu ein Beispiel für ‚cognitive labor‘ in Form von Fragen, die eine hauptverantwortliche Person für die Betreuung eines alten Menschen im Vorfeld einer typischen Care-Aufgabe zu bedenken hat: ein Arztbesuch der Mutter. Wer denkt an den Termin und wer vereinbart ihn? Ist er dringend oder kann man ihn noch aufschieben? Ist die Mutter für den Arztbesuch derzeit fit genug? Wann würde der Praxistermin mit ihren anderen Terminen und Vorhaben kollidieren, z.B. mit der Physiotherapie oder dem Besuch der Cousine? Braucht sie eine Begleitung zur Praxis, ist das nur ein Routine-Checkup oder geht es um etwas Größeres? Welche Auswirkungen hätte der Arzttermin für die eigenen Verpflichtungen, was ließe sich eventuell verschieben, was könnte delegiert werden? Was ändert sich, wenn zum gewünschten Zeitpunkt kein Termin frei ist? usw. usw.

Die Pandemie hat nicht nur in Care-Berufen, sondern auch bei privatem Care Veränderungen und damit oft auch die Intensivierung der Arbeit mit sich gebracht, wenn eingespielte Arrangements neu justiert werden müssen. Um in diesem Beispiel zu bleiben, können zusätzliche Fragen hinzukommen: Wäre der Gang zum Arzt mit der Ansteckungsgefahr gegenwärtig ratsam?  Hat die Mutter die richtigen Masken oder muss man noch welche besorgen? Wo und wann und von wem werden sie besorgt, so dass sie rechtzeitig zur Verfügung stehen? Wie kommt die Mutter zur Praxis ohne den ÖVPN zu benutzen? Wer könnte sie hinfahren und/oder abholen? Wann wäre ein guter Zeitpunkt für den Fahrer/die Fahrerin? Es gibt ungezählte kleine und große Alltagsaufgaben und Fragen im Zusammenhang mit Care, und seit der Pandemie kommt Etliches hinzu.

Care zu Hause – systemrelevant?    

Aktuell müssen in Deutschland nach Angaben des Robert Koch-Instituts etwa sechs Prozent der als von COVID 19 infiziert gemeldeten Personen in ein Krankenhaus, sind also so schwer erkrankt, dass sie stationär behandelt werden, in Österreich sind es zehn Prozent. Im Umkehrschluss bedeutet das, die überwiegende Mehrzahl der an Corona Infizierten erhalten bei Bedarf ambulante medizinische Hilfe, alltägliche Sorge und Pflege für sie finden zu Hause statt. In manchen Fällen handelt es sich um asymptomatisch Fälle oder die Krankheitsverläufe gehen glimpflich aus und erfordern wenig Unterstützung und Versorgung, in vielen aber nicht. Wie wird Care dann vom wem und mit welchen persönlichen Konsequenzen für die care giver verrichtet? Und wie gestaltet sich Care privat in der oft langwierigen Nachsorge für schwer erkrankte Patientinnen und Patienten im Anschluss an die Entlassung aus dem Krankenhaus bzw. der Reha? Das sind derzeit offene Fragen. Sicher ist nur, dass viel Care im Zusammenhang mit COVID 19 außerhalb der Kliniken stattfindet und dass die Menschen, die dies im Privatbereich verrichten, bisher unsichtbar bleiben und so gut wie nicht thematisiert werden – und schon gar nicht als heroisch. Offensichtlich gelten pflegende Angehörige, live-in bzw. stundenweise beschäftigte Haushaltsarbeiterinnen, ehrenamtlich Helfende, Unterstützende aus dem Freundeskreis und aus der Nachbarschaft bisher nicht als systemrelevant, selbst wenn sie vermutlich den größeren Anteil von Care im Alltag während der Pandemie übernommen haben und weiterhin übernehmen.

Es wird Zeit, ihren Beitrag zur Bewältigung der aktuellen Krise und für Care in den Haushalten generell in Öffentlichkeit und Politik angemessen zur Kenntnis zu nehmen. Zunächst würde es darum gehen, die Leistungen der mit Care befassten Personen im Bereich des Privaten wahrzunehmen, anzuerkennen und zu enttrivialisieren. Und damit ist nicht gemeint, auch diese zu beklatschen oder von den Balkonen zu besingen. Anderes und weitaus mehr steht an: Die strukturellen und politischen Rahmenbedingungen müssen in diesem Teilbereich von Care als zentrale gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe in den Blick genommen werden (vgl. Gather 2020). Die vielfachen Erfahrungen während der Pandemie könnten hierfür eine Chance bieten, da viele Menschen die entscheidende Bedeutung von Care zu Hause durch die aktuellen Verwerfungen am eigenen Leib erleben. Die gegenwärtigen Erfahrungen zeigen wie in einem Brennglas: Care-Arbeit im Privaten ist eine unverzichtbare Grundlage von Ökonomie und Gesellschaft.

[1]  Das Projekt fand im Rahmen des Bayerischen Forschungsverbunds ForGenderCare von 2015-2019 unter der Leitung von Birgit Erbe (Frauenakademie München e.V.), Gerd Mutz und mir (beide Hochschule München) statt. Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen waren Maya  Halatcheva-Trapp, Kathrin Roller und Sabrina Schmitt.

[2] Die Definition von Daminger (2019): “(…) cognitive labor entails anticipating needs, identifying options for filling them, making decisions, and monitoring progress “, vgl. Allison Daminger (2019) The Cognitive Dimension of Household Labor. In: American Sociological Review zit. nach https://doi.org/10.1177/0003122419859007 (Zugriff 2020-12-05)

Der Markt wird’s nicht richten – Löhne in der Care Ökonomie

Claudia Gather

Care-Arbeiten, insbesondere solange sie unbezahlt im Haushalt stattfinden, kommen in den ökonomischen Mainstream-Theorien nicht vor. Sie werden als selbstverständliche Vorbedingung für die eigentliche wirtschaftliche Tätigkeit auf dem Markt ausgeblendet. „Die Versorgung der Menschen mit dem zum (guten) Leben Notwendigem muss jedoch zentraler Gegenstand der Ökonomie sein“, so feministische Ökonominnen wie z.B. Ulrike Knobloch (2019: 18). Ohne eine absolut „grundlegenden Paradigmenwechsel lässt sich „weder die Care-Krise noch die Klima-Krise lösen“, so auch Uta Meier-Gräwe (2020: 28). Der notwendige Paradigmenwechsel ist allerdings ein großer Schritt und ein langer Weg.

Ein Aspekt der Forderungen auf diesem Weg betrifft die Bezahlung der professionellen Care-Arbeit, um die es im Folgenden gehen soll. Care-Arbeit wird dafür eher breit definiert als „unverzichtbare Tätigkeiten wie Fürsorge, Erziehung, Pflege und Unterstützung, bezahlt und unbezahlt, in Einrichtungen und in privaten Lebenszusammenhängen, bezogen auf Gesundheit, Erziehung, Betreuung u.v.m. – kurz: die Sorge für andere, für das Gemeinwohl und als Basis die Sorge für sich selbst, Tag für Tag und in den Wechselfällen des Lebens“ (Care Manifest 2020). Ich möchte hier explizit zur Sorge auch die Versorgung dazurechnen, also z.B. Putzen und Kochen.

Care- oder Sorgearbeit kann unentgeltlich „aus Liebe“ (Bock/Duden 1976) z.B. im Haushalt verrichtet werden, sie kann vom Staat bereitgestellt werden (z.B. in Kitas, Schulen, Altenpflegeeinrichtungen), von freigemeinnützigen Trägern (z.B. Arbeiterwohlfahrt, Kirchen, Non-Profit-Organisationen, etc.) erbracht oder privatwirtschaftlich über den Markt angeboten werden. Viele Studien beklagen, nicht nur für Deutschland, einen Rückzug des Staates aus den Care-Bereichen und die Ökonomisierung von Care- und Sorgearbeiten, die zu schlechteren Arbeits- und Versorgebedingungen führen. Die Folgen der Privatisierung sind in aller Regel geringere Löhne, denn die Tarifverträge des öffentlichen Dienstes beinhalten so gut wie immer bessere Bedingungen für die Beschäftigten. Hinzu kommt eine Rationalisierung, das bedeutet zumeist Arbeitsverdichtung und Personaleinsparungen (siehe z. B. Gather u.a. 2005 für die Gebäudereinigung, Kumbruck/Rumpf/Senghaas-Knobloch 2010 und Auth 2013 für die Pflege). Zudem verweigern sich kommerzielle Anbieter in der Altenpflege nicht selten Tarifverträgen und betreiben Lohndumping (ver.di 2020). Die Ökonomisierung der Sorge erschwert die Sorgebedingungen für Gebende wie Empfangende (Hartmann 2020). Anna Hartmann nennt das das ungelöste Problem der Sorge.

Die Entlohnung von Care-Arbeiten variiert je nach Branche und dem ausgeübten Beruf, der Art der Tätigkeit sowie dem Arbeitgeber (z.B. öffentlicher Dienst vs. Privatwirtschaft). Über Löhne oder Arbeitsentgelte entscheiden in aller Regel die Tarifvertragsparteien. Die Tarifautonomie ist in Deutschland grundgesetzlich verankert (Artikel 9 GG). Wenn man sich mit der Entlohnung beschäftigt, gilt es deswegen sich zunächst mit der kollektiven und damit zumeist gewerkschaftlichen Interessenvertretung zu befassen. So kann z.B. die bessere Entlohnung von Männern auch mit ihrer längeren Tradition der gewerkschaftlichen Organisation und dem höheren gewerkschaftlichen Organisationsgrad erklärt werden (Berninger/Schröder 2017: 178). Daten des SOEP zeigen den Zusammenhang zwischen der geschlechtsspezifischen Lohnlücke und dem gewerkschaftliche Organisationsgrad: Steigt der gewerkschaftliche Organisationsgrad um 10%, gibt es um knapp 0,7% höhere Löhne. In Frauenberufen ist eine Zunahme des Organisationsgrades um 10% sogar mit einer Lohnsteigerung von 2,4% verbunden (Berninger/Schröder 2017: 186). Wären Frauen zu 40% gewerkschaftlich organisiert (eine allerdings derzeit eher utopische Annahme), würde die geschlechtsspezifische Lohnlücke verschwinden. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad stellt vor allem wegen der Finanzkraft und der Repräsentanz in den Betrieben einen wichtigen Indikator für die Macht einer Gewerkschaft dar.
Der Organisationsgrad bei den Gewerkschaften sowie in Berufsverbänden (die sich auch als Berufsgewerkschaften verstehen können) ist ein gut gehütetes Geheimnis und wird nicht veröffentlicht (es gibt lediglich Schätzungen). „Im Gegensatz zur exportorientierten Industrie und einigen Kernbereichen des öffentlichen Sektors ist der Großteil des Dienstleistungssektor, in dem Frauen ganz überwiegend arbeiten, gewerkschaftlich schwach oder gar nicht organisiert“ (Hassel/Schröder 2018). Für die Pflege wird der verbandliche oder gewerkschaftliche Organisationsgrad der Beschäftigten grob auf nur rund zehn 10% geschätzt. Allerdings könnten die letzten Streiks die Mitgliedschaft auch in diesem Beruf etwas erhöht haben.

Der geringe Organisationsgrad von Frauen hat vielfältige Gründe, etwa die mangelnde Überzeugung der Wirkungsmacht, mangelnde Informiertheit, die Tradition Gewerkschaften als Männerdomänen zu betrachten oder die geringe Bereitschaft weiblicher Beschäftigter im Care-Bereich von ihrem ohnehin geringen Lohn 1% abzuzweigen. Frauen arbeiten zudem oft in Teilzeit und in kleineren Betrieben, in denen es keinen Betriebsrat gibt. Anstatt sich gegen schlechte Bedingungen zu wehren, reduzieren sie ihre Arbeitszeit oder verlassen den Arbeitsplatz. Hinzu kommt, dass sie vielfach wenig zusätzliche Zeit haben, die sie einsetzen können und wollen. Die Krankenpflege hat eine Tradition, die einen Zusammenschluss zur Vertretung der eigenen Interessen erschwert. Viele Pflegende wollen in erster Linie Menschen helfen. Dazu passt es nicht als Mitglied in einem Berufsverband oder in einer Gewerkschaft für die eigenen Bedürfnisse einzustehen, so Johanna Knüppel vom BDfK (dem mit rund 20.000 Mitgliedern größten deutschen Berufsverband für Pflegeberufe).

Die Arbeitsbedingungen und Löhne im Care-Bereich und in den sogenannten „systemrelevanten“ Berufen sind recht unterschiedlich. Diese Unterschiede sind interessant, das möchte ich kurz darstellen.
Um einen Vergleich zwischen verschiedenen Berufen zu ermöglichen, werden im Folgenden  nur Vollzeit beschäftigte Fachkräfte (Leistungsgruppe 3, in aller Regel mit dreijähriger Berufsausbildung und Berufserfahrung) in ausgewählten Berufen gezeigt und zwar: Verkäufer*innen, Reinigungskräfte, Altenpfleger*innen, Krankenpfleger*innen und Abfallentsorger*innen.

Laut dem Statistischen Bundesamt liegen Verkäufer*innen im Lebensmitteleinzelhandel (mit durchschnittlich monatlich EUR 2.186 brutto) am unteren Ende der Einkommen, gefolgt von den Gebäudereiniger*innen (brutto im Durchschnitt EUR 2.756). Etwas höhere durchschnittliche Monatseinkommen weisen die Fachkräfte in den Altenheimen mit EUR 3.116 auf, ähnlich wie Facharbeiter*innen in der Abfallentsorgung (EUR 3.180). Das Monatseinkommen in den Krankenhäusern ist mit EUR 3.505 am höchsten, es liegt allerdings immer noch deutlich unter dem Durchschnittsmonatseinkommen aller Arbeitnehmer*innen in Deutschland, das EUR 3.994 (Destatis 2020) beträgt. Diese Lücke verkleinert sich erfreulicherweise durch den neuen Tarifvertrag vom Oktober 2020 für den öffentlichen Dienst. Für die Pflege im Krankenhaus (nur im öffentlichen Dienst) steigen die Löhne überproportional, hier beträgt die Tarifsteigerung 8,7% und für Intensivpflege sogar 10%. Auch Wechselschicht und Samstagsarbeit werden nun materiell anerkannt (ver.di publik 2020). Damit sind allerdings noch lange nicht alle Forderung von Pflegekräften erfüllt, die in einer Petition an Jens Spahn neben anderen Forderungen ein Einstiegsgehalt von EUR 4.000 für Pflegefachpersonen fordern.

Wir sehen hier insgesamt eine Lohnspreizung bei den Care Berufen. Verkäuferinnen im Einzelhandel und Reinigungskräfte in der Gebäudereinigung (nennen kann man hier auch weitere Berufe wie Frisör*innen, Köch*innen, Kellner*innen, etc.) stehen am unteren Ende der Einkommensskala. Diese erheblichen Unterschiede sind meines Erachtens eine Herausforderung für die Diskussionen um Care und das betrifft auch die Frage, wie breit und weit die Definition von Care gefasst ist und sein soll(te).

Die Einkommen in der Altenpflege kann man noch weiter differenzieren. Altenpflege im Krankenhaus ist mit EUR 2.880 Bruttoentgelt  deutlich besser entlohnt als in einem Pflegeheim (2.308 Euro) oder in einem ambulanten Dienst (1.991 Euro, Evans/Ludwig 2019: 7). In allen diesen Pflegebereichen (Kranken- wie Altenpflege) herrscht ein extremer Personalmangel, d.h. die Einkommensunterschiede können nicht auf das Verhältnis von Angebot und Nachfrage, wie das ja gerne in der Ökonomie getan wird, zurückgeführt werden. Was sind also die Gründe dafür? Die problematischen Arbeitsbedingungen in der Pflege im Krankenhaus waren in den letzten Jahren oft in der öffentlichen Diskussion. Es gab Streiks und viele Stimmen, die sich für eine bessere Bezahlung eingesetzt haben. Unterdessen gibt es für die Pflege mit dem Berufsverband DBfK, dem Bochumer Bund, den Pflegekammern in einigen Bundesländern und dem Deutschen Pflegerat auch viel Lobbyarbeit und Vertretung der Interessen. Zudem wurde 2018 gemeinsam von Gesundheits-, Arbeits- und Familienministerium die „Konzertierte Aktion Pflege“ ins Leben gerufen (und vom BMG das Pflege-Netzwerk Deutschland). Für die Pflege gibt es neben dem allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn Branchenmindestlöhne für Fach- wie für Hilfskräfte (dies betrifft die Kranken- wie die Altenpflege). Diese werden durch eine “Pflegekommission”, bestehend aus Vertreter*innen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, verhandelt. Dies zieht allerdings nur eine Untergrenze ein, unter die die Löhne nicht fallen dürfen.

Wenn wir über die Bezahlung sprechen sind auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht zu vernachlässigen (z.B. die Abrechnung nach Minuten in der Altenpflege mit den Pflegekassen), die für alle Anbieter gelten und damit den Leistungs- und Kostenrahmen vorgeben. Auch diese strukturellen Rahmenbedingungen gilt es grundlegend zu hinterfragen und so zu verändern, dass gute Bedingungen für die zu Pflegenden wie für die dort Arbeitenden ermöglicht werden.

In den Krankenhäusern wird nach Fallpauschalen, die einen Kostenrahmen setzen, abgerechnet. Hier wurden die Pflegepersonalkosten der Krankenhäuser seit 2020 aus den Fallpauschalen ausgegliedert. Mit der Veränderung dieser strukturellen Rahmenbedingung wurde der Weg für eine Anhebung der Bezahlung und Aufstockung von Pflegepersonal in Krankenhäusern frei.

Im Gegensatz zur Krankenpflege werden die Interessen der Altenpflege (wie auch der anderen Berufe) insgesamt weniger artikuliert. In der Altenpflege gilt es, die Verdienstverhältnisse denen der Pflegekräfte im Krankenhaus anzupassen. Das bedeutet für die Altenpflege auch über Veränderungen der bereits angesprochenen politisch gesetzten strukturellen Rahmen nachzudenken. Für die Altenpflege hieße dies: weg mit der Minutenpflege. Hierfür gilt es auch die Refinanzierungsvoraussetzungen zu schaffen. Natürlich ist dies auch eine verteilungspolitische Frage. Erweiterte Leistungen in der Pflege könnten über die Sozialversicherungen, Steuern oder Staatsausgaben finanziert werden.

Man kann häufig feststellen, dass in Einrichtungen mit Tarifbindung das Einkommen höher ist und die Arbeitnehmer*innen öfter Sonderzahlungen wie Weihnachts- und Urlaubsgeld erhalten (siehe dazu den WSI Lohnspiegel 2020, z.B. in Bezug auf die Erzieher*innen). Zudem ist in Deutschland der Anteil der tarifgebundenen Arbeitgeber*innen, die in Gewerkschaften und Verbänden organisiert sind, in vielen dieser Branchen gering. Damit fehlen wesentliche Voraussetzungen für erfolgreiche Tarifverhandlungen und auch für Flächentarife. Für alle Verbesserungen ist es daher erforderlich, dass sich deutlich mehr Beschäftigte aus dem Care-Bereich zusammenschließen, gewerkschaftlich organisieren und auch Institutionen schaffen, die ihre Interessen vertreten (siehe das Beispiel der Pflege). Solange dies nicht der Fall ist, ist die Politik gefordert, entsprechende Rahmenbedingungen und Mindeststandards zu setzen. Der Staat als regulative Instanz verfügt hierzu über einige Instrumente, wie das Entsendegesetz, den Mindestlohn, das Leiharbeitsnehmer- und Werkvertragsgesetz und die Erklärung der Allgemeingültigkeit eines Tarifvertrages Hassel/Schröder 2018).

Der Gesetzgeber ist zudem entweder aufgefordert die Privatisierung des Care-Sektors zu stoppen bzw. in Teilen rückgängig zu machen oder die Privatwirtschaft stärker zu regulieren. Statt der Erwirtschaftung von Renditen, sollten die Einrichtungen dem Gemeinwohl verpflichtet sein. Das Beispiel Österreich zeigt, dass es möglich ist, dies auch politisch umzusetzen: So sind dort in mehreren Bundesländern Altenpflegeheime verpflichtend gemeinnützig zu führen.

Der Markt (mit seiner unsichtbaren Hand) tut nichts zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, im Gegenteil, die Vermarktlichung des Pflegebereichs verschlechtert eher die Bedingungen für die dort Arbeitenden. Für die Krankenpflege gibt es, wie oben kurz dargestellt, ein massives und breites Unterstützungssytem, viel öffentliche Diskussion und eine Änderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen, das fehlt noch weitgehend für die Altenpflege und weitere Care-Berufe. Die Verhandlungsmacht der Care-Berufe muss gestärkt werden. Bessere Bedingungen lassen sich durch eine starke Interessenvertretung, massive öffentliche Diskussionen, berufspolitische Zusammenschlüsse, sowie gesetzgeberische Regulierungen erreichen. Das ist ein großer Kraftakt, der noch lange nicht für alle Care-Berufe gleichermaßen zu sehen ist.
Es gilt zudem insgesamt einen Paradigmenwechsel einzuleiten: Wirtschaft muss von den Bedürfnissen der Menschen und von Care aus neu gedacht werden. Die Versorgung der Menschen mit dem zum guten Leben Notwendigem muss zum zentralen Gegenstand der Ökonomie werden. Dabei sind Anerkennung und eine angemessene Bezahlung (und auch gute Arbeitsbedingungen, die hier gar nicht angesprochen wurden) für alle der dort Arbeitenden ein absolut notwendiger Schritt.

Großputz! Care nach Corona neu gestalten. Eine Blog-Reihe zum Positionspapier des Initiativkreises care-macht-mehr.com aus Deutschland, Österreich und der Schweiz

Barbara Thiessen

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie im Care-Bereich sind nicht überraschend. Aber für manche doch. Hier hat sich Sars-CoV-2 als Meister der Enthüllung erwiesen. Soziale und geschlechterpolitische Missstände, die in einer sich sozialliberal verstehenden Gesellschaft gerne unter den Teppich gekehrt werden, sind nun unübersehbar geworden. Dazu zählen

  • die anhaltende Entwertung professioneller wie privat geleisteter Care-Arbeiten,
  • die durch vermehrte Frauenerwerbsarbeit aufgeworfenen strukturellen Care-Lücken, die bislang nur notdürftige und partielle Reformen erfahren haben,
  • die sich als resistent erweisenden Geschlechterhierarchien in privaten Beziehungen sowie auf dem Arbeitsmarkt, trotz des allgegenwärtigen Wunsches nach und Bekenntnis für Geschlechtergerechtigkeit,
  • die sich hieraus ergebenden Symptome von Überforderung und Erschöpfung auf individueller Ebene, vor allem bei care-aktiven Menschen,
  • die Nutzung weltweiter Ungleichheitslagen und Migrationsbewegungen für den Bedarf an kostengünstigen Care-Arbeitskräften in Kliniken, Heimen und privaten Haushalten ungeachtet eines erheblichen Care Drain in den Herkunftsländern,
  • die Verschärfung dieser Krisenphänomene spätestens mit Beginn des 21. Jahrhunderts durch die marktorientierte Rationalisierung von Care und die Öffnung der Care-Ökonomie für Renditeziele.

Diese Gemengelage wird seit einigen Jahren als umfassende Care-Krise diskutiert. Der springende Punkt dabei ist das systematische Zusammendenken aller wesentlichen Care-Bereiche, also Erziehung, Betreuung, Pflege, Unterstützung und Beratung, bezahlt und unbezahlt, in Einrichtungen und in privaten Lebenszusammenhängen, bezogen auf Gesundheit, Erziehung, Soziale Arbeit und Pflege. Der Initiativkreis care-macht-mehr.com hat dazu 2013 bereits ein länderübergreifendes Care-Manifest verfasst.

Zur Care-Krise ist mit der Corona-Pandemie nun noch ein Notstand hinzugekommen, der Versäumnisse und fragwürdige Prioritätensetzungen bei der Ökonomisierung des Sozialen und des Gesundheitssektors schonungslos offenlegt. Die Kapazitäten an Intensivbetten können in Ländern wie Deutschland nicht genutzt werden, da es nicht gelingt, ausreichend Pflegefachpersonen für den Bereich zu begeistern und einzustellen. Denn das Berufsfeld „Pflege“ ist durch schlechte Arbeitsbedingungen wenig attraktiv und auch bereits vorhandene Stellen können seit Jahren nicht besetzt werden (vgl. Schweiz, Österreich, Deutschland). Die Corona-Pandemie zeigt wie in einem Brennglas das strukturelle Problem von Pflege heute. Dies gilt nicht nur in der Intensivpflege, sondern in allen pflegerischen Fachgebieten.

War die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schon vor der Pandemie eine Belastung, ist sie mit der Gleichzeitigkeit von Home-Office und Home-Schooling – besonders für Alleinerziehende und Familien in beengten Wohnverhältnissen – zur fast unlösbaren Aufgabe geworden. Viel ist bereits über den Trend einer „Re-Traditionalisierung“ während der Lockdowns diskutiert worden. In den noch folgenden Blog-Beiträgen wird dieser Frage differenzierter nachgegangen werden. Bemerkenswert ist, dass das Problem der Unvereinbarkeit von Home-Office und Kinderbetreuung bereits von findigen Hotelbuchungsportalen aufgegriffen wird, wie die Abbildung zeigt: Dem „Ruhe buchen“ liegt jedoch ein nicht unerwarteter Geschlechtertext zugrunde.

Nicht nur Kindertagesbetreuung hat im Privaten zugenommen. Auch Angehörige pflegebedürftiger alter Menschen und von Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen sind von erheblich gestiegenen Pflegeanforderungen betroffen, zum Beispiel durch die Schließung von Betreuungseinrichtungen in den Lockdowns. Prekäre Beschäftigungsmodelle, wie etwa die häusliche Versorgung durch „24-Stunden-Betreuerinnen“, sind in der Pandemiesituation kollabiert. Verschärft haben sich ebenso die schon schwierigen Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit.

Zwar ist dank Corona die hohe Bedeutung von Care für Daseinsvorsorge und für die Aufrechterhaltung des Alltagslebens offensichtlich geworden. Die „Systemrelevanz“ von Care-Arbeit (vgl. dazu auch den SozBlog von Martina Franzen), in der geschlechterkritischen Sozialwissenschaft längst diskutiert, wurde nun sichtbar und öffentlich beklatscht. In den Krisenstäben und Expertengremien waren Vertretungen des Care-Bereichs jedoch gar nicht oder nicht angemessen vertreten.

In der noch andauernden Pandemie wird einmal mehr deutlich, dass zum Menschsein nicht nur der Wunsch nach Unabhängigkeit und Eigenständigkeit gehört, sondern auch Verletzlichkeit und Angewiesenheit. Menschen können – in jedem Alter – ohne Care nicht (über-)leben. Frauen sind als Care-Gebende sowohl in Familien als auch in Care-Berufen überproportional aktiv. Dass Care-Tätigkeiten in beiden Bereichen sinnstiftend und erfüllend sein können, entdecken aber auch immer mehr Männer. Eine Neuausrichtung von Care gelingt jedoch nicht mit der Beibehaltung von Geschlechterklischees.

Die Initiative care-macht-mehr.com hat sich vor zehn Jahren gegründet, um wissenschaftliches Wissen zur Care-Krise länderübergreifend auszutauschen und zu systematisieren. Wir sind überzeugt, dass die Corona-Pandemie nicht nur die dramatischen Verwerfungen der Care-Krise auf drastische Weise offengelegt hat. Durch die öffentliche Aufmerksamkeit auf Care-Fragen besteht auch die Chance, Daseinsvorsorge umfassend neu zu gestalten. Die Krise kann dann dafür eine Perspektive e sein, wenn nicht nur Prämien und Held*innentitel verteilt werden, sondern die Gelegenheit genutzt wird, die Gesundheits-, Sozial- und Wohlfahrtssysteme und somit die Gesamtheit von Care-Arbeit gesellschaftlich solidarischer und geschlechtergerechter zu organisieren und zu finanzieren.

Es braucht einen Großputz: Missstände der Care-Krise, die bislang unter den Teppich gekehrt wurden, müssen endlich angegangen werden! Dazu haben wir im August 2020 ein Positionspapier verfasst, in dem wir erste Arbeitspakete vor dem Hintergrund unserer Forschungen zusammengestellt haben, die an einigen Stellen exemplarisch auf die besondere Situation in den drei Ländern Deutschland, Österreich und Schweiz Bezug nehmen. Dieser Blog gibt uns in den nächsten Wochen die Möglichkeit, einige Arbeitspakete differenzierter darzustellen. Geplant sind folgende Beiträge:

  1. Care und Bezahlung/Ökonomie, Prof. Dr. Claudia Gather
  2. Bezahlte und unbezahlte Care-Arbeit: wo alles zusammenkommt, Prof. Dr. Maria S. Rerrich
  3. Care und Gewalt, Prof. Dr. Margrit Brückner
  4. Care und Selbstbestimmung – Mitbestimmung, Prof. Dr. Eva Fleischer
  5. Transnationale Care-Arrangements – Solidarität, Dr. Sara Schilliger
  6. Männer*, Männlichkeiten und Care, Dr. des. Frank Luck
  7. Care und Zeit, Appell zu Vernetzung und Bündnissen, Dr. Karin Jurczyk

Wir freuen uns über Rückmeldung, Anmerkungen und Hinweisen zu aktuellen Forschungsprojekten im Kontext von Care.

 

Teilnahme ist nicht gleich Teilhabe

Beobachtungen von der Ad-hoc Gruppe „Citizen Science in der Soziologie: Möglichkeiten und Grenzen“

von Michael Weinhardt und Hannes Wünsche*

Am Freitagvormittag der ersten Kongresswoche wurde das Verhältnis von Citizen Science zur soziologischen Forschungspraxis verhandelt. Citizen Science zeichnen sich durch die aktive Beteiligung von Bürger*Innen am wissenschaftlichen Forschungsprozess aus. Dabei werden bspw. Teilaspekte laufender Forschung (etwa die Codierung von Texten) zur freien Bearbeitung öffentlich zugänglich gemacht und die Ergebnisse gesammelt. Durch die Beteiligung der Bürger*innen soll zum einen das Verständnis für Forschungspraxis und deren Erkenntnisbedingungen gestärkt werden und gleichzeitig die wissenschaftliche Wissensproduktion profitieren, um bspw. schwer zugängliche Datenbestände zu erschließen oder neue Perspektiven zu einzunehmen. Ausgangspunkt der Ad-hoc Gruppe war die Beobachtung, dass in den Sozialwissenschaften, im Gegensatz zu den Naturwissenschaften, Ansätze von Citizen Science bisher kaum verbreitet sind. Ein Ziel der Veranstaltung war es daher, die Gründe der (scheinbar) verhaltenen Aufnahme von Citizen Science in die soziologische Forschungspraxis zu erörtern, etwa ob konzeptionelle, methodologischen oder ethische Gründe dagegensprechen. Das Format entsprach dabei nicht der Struktur herkömmlicher Kongress-Panels, sondern bestand in einer Mischung aus Praxisberichten von insgesamt vier Forschungsprojekten, die mit Citizen Science Elementen arbeiten, sowie einer anschließenden Paneldiskussion zur Reflexion der gegenwärtigen Praxis und zur Erkennung zukünftiger Möglichkeiten. (Das gesamte Programm der Veranstaltung kann hier eingesehen werden: https://tinyurl.com/y9pjckay ). Die Präsentation einer Auswahl von Citizen Science Projekten aus der Soziologie und angrenzenden Fächern sollte dabei zunächst eine vergleichende Perspektive auf die gegenwärtige Praxis ermöglichen, um deren Grenzen und Chancen anschaulich zu machen.

Vier Berichte aus der Forschungspraxis

Isabell Stamm von der TU Berlin stellte das Projekt  „Datenspuren“ – Crowd Science mit didaktischem Anspruch (www.datenkunde.org). Hier wurde Crowd Science explorativ als eine Form digitalen, forschenden Lernens erprobt. Ausgangspunkt war ein forschungspraktisches und methodisches Problem: Es sollten Informationen über Unternehmer*Innen verschiedenen, öffentlich und online verfügbaren Quellen (zum Beispiel Firmenwebseiten, Zeitungsartikel, Registerdaten) recherchiert werden. Die relativ voraussetzungsreiche Aufgabe wurde mittels eines Crowd-Science-Ansatzes mit Studierenden umgesetzt. Dieser Ansatz eignete sich gleichzeitig dazu, für die Besonderheiten digitaler, prozessproduzierter Daten zu sensibilisieren, über ihre Güte und Nutzbarkeit für sozialwissenschaftliche Forschung zu reflektieren, Recherchetechniken zu erlernen und auf diese Weise einen didaktischen Mehrwert für die mitforschenden Studierenden zu generieren. Dabei sollte auf die Passung zu bestehenden Lehrkontexten einerseits und die richtige Balance von Lehr- und Forschungskomponente beim Design der zu erfüllenden Aufgaben andererseits geachtet werden. Technische Hürden ergaben sich bei der Umsetzung der Online-Plattform, da eine fertige Lösung zur Kombination aller erwünschten Elemente – Studierendenverwaltung, Aufgabenzuweisung, Datenspeicherung, Online-Lehre, nicht zur Verfügung stand. Die Motivation zur Teilnahme stellte eine weitere praktische Hürde dar, die zu einer letztendlich zu geringen Zahl an Teilnehmenden führte. Dennoch sollte die Verbindung von Crowd Science und Online-Lehre weitergedacht und –entwickelt werden, etwa durch bessere Integrationsmöglichkeiten in bestehende Lehrformate an Universitäten, aber vielleicht auch an Schulen oder anderen Bildungseinrichtungen. Durch die Zusammenarbeit verschiedener Forschungsgruppen und –Institutionen könnte gleichzeitig der Mehrwert für alle geschaffen werden, bei der die Bildungsinhalte und Forschungsaufgaben modulartig ausgetauscht werden können.

Jan-Peter Voß, ebenfalls vom Institut für Soziologie an der TU Berlin, präsentierte das Projekt „Schmeck! Qualitativ-sensorische ‚Citizen Science‘ zur Praxis und Ästhetik des Essens“ (www.schmeckprojekt.de). Hier wurden ethnomethodologische Methoden mit soziologischer Sinnesforschung im Rahmen einer (pragmatistischen) Methodologie der Wirklichkeitswissenschaft weiter- und zusammengeführt werden. Wie findet sinnliches Erleben beim Essen statt? Und wie kann das eigentlich beobachtet werden? Vorgestellt wurde das Vorgehen zur Entwicklung einer „Gustografie“ als einer Methode zur Beobachtung des ästhetischen Erlebens beim Essen. Als „grounded methods“ wurde die wissenschaftliche Methode abduktiv aus den Ethnomethoden und unter Mitwirkung eines Teams von rund 20 Alltagsexpert*innen aus deren Alltagspraxis heraus entwickelt. Die Teilnehmer*Innen am Schmeck-Experiment wurden gebeten, ihre sinnlichen Empfindungen beim Schmecken schriftlich festzuhalten. Daraus wurden im Anschluss Beobachtungsprotokolle destilliert, die im weiteren Schmeck-Runden zur Festhaltung der Geschmacksempfindungen dienen konnten. Gemäß der Selbsteinschätzung handelt es sich hierbei um einen neuen, radikalen Typus von Citizen Science, bei dem auch die Entwicklung der Methodologie selbst zusammen mit Laienforscher*Innen vorangetrieben wird.

Christoph Richter aus dem Bereich Medienpädagogik / Bildungsinformatik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel stellte das „Onlinelabor für Digitale Kulturelle Bildung“ vor, dass dort unter der Leitung von Heidrun Allert durchgeführt wird (https://digitalekultur.medienpaedagogik.uni-kiel.de). Untersucht wird hier Produktion ästhetischer Artikulationen im Rahmen digitaler Alltagspraktiken und die Nutzung sozialer Medien durch unterschiedliche Altersgruppen als einen kulturellen Bildungsraum.  Dabei ging es auch um methodische Fragen, konkret um die partizipative Entwicklung neuer Interaktionsformate mit Bürger*innen, um Bildungs- und Forschungsprozesse produktiv miteinander verschränken. Dafür wurden „cultural probes“ erstellt, die als Impulse die Teilnehmenden zu einer Reflektion auf die eigenen Praktiken der Wahrnehmung veranlassen sollten. Forschung und Bildung werden auf dieser Ebene aktiv miteinander verbunden. Bei der Umsetzung des Forschungsdesigns ergaben sich praktische Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Mitwirkenden, ein Problem, dass auch in den anderen Projekten auftrat. So nahmen kaum Einzelpersonen teil, die Teilnahme schien als Gruppenkonstellation einfacher zu sein. Die Selbstelektion der Teilnehmenden führte zu der Frage, wie mehr Inklusion möglich ist, bspw. für Gruppen ohne akademischen Hintergrund. Dafür ist auch die Frage entscheidend, wie niedrigschwellig Beteiligungsformen sein können, um nicht abzuschrecken. Interessant war auch der berichtete Umstand, dass projektbeteiligten „Laien“ ja extra als Expert*Innen der eigenen Alltagspraxis gefragt waren, ihr Wissen und ihre Erfahrungen beizutragen, diesen Expert*Innen-Status oft aber direkt an die „professionellen“ Forscher*Innen zurückübertrugen und sich wünschten, die eigenen Erfahrungen erklärt zu bekommen.

Im Projekt SMiLE (https://smile.univie.ac.at), präsentiert von Raphaela Kogler und Ulrike Zartler des Instituts für Soziologie der Universität Wien, ging es schließlich darum, Scheidung mithilfe von Illustrationen partizipativ mit Kindern sowie deren Lehrpersonen und Eltern zu erforschen. Ziel des Projektes war es, mehr über Konzepte elterlicher Trennung sowie entsprechende Kommunikationsprozesse unter Gleichaltrigen herauszufinden. Dafür wurde eigens in Zusammenarbeit mit Kindern eine Methode entwickelt, die für Kindheitsforschung nutzbar gemacht werden kann. „Concept Cartoons“ sind eine ursprünglich didaktische Technik die hier als sozialwissenschaftliches Forschungsstimulanz methodische Verwendung finden sollte. Es wurden themenspezifische Concept Cartoons in Gruppendiskussionen mit insgesamt 60 Kindern im Rahmen von 4 Forschungswerkstätten entwickelt. Anhand dieser Cartoons diskutierten Kinder über ein Thema, ohne einen eigenen Standpunkt offen legen zu müssen – sie übernehmen die Rolle einzelner Cartoon-Figuren, die für verschiedene Standpunkte stehen können. Außerdem wurden Informationsmaterialien gemeinsam mit Lehrpersonen, Eltern und interessierten im Rahmen von Diskussions-Werkstätten entworfen. Ein großes Thema in diesem Projekt war die ethischen Gesichtspunkte der Beteiligung der Kinder im Projekt. So galt es die Identität und Anonymität der beteiligten Kinder zu wahren (Stichwort: Triple Informed Consent), die allerdings ihrerseits häufig gerne gesehen hätten, dass der eigene Forschungsbeitrag auch namentlich gewürdigt wird. Zudem handelte es sich um ein ressourcenintensives Forschungsdesign, das im Spannungsfeld zwischen Kindern, Eltern und Schule viel Zeit, methodisches Know-How und pädagogisches Geschick erforderte. Die Beteiligung von Kindern in Datenanalyse bleibt dabei eine Herausforderung. Gleichzeitig zeigte das Projekt, das Ko-Forschen auch unabhängig von Wissensstand und eigenen biographischen Erfahrungen möglich ist. Mit der entwickelten Methode ist möglich, neben der Erweiterung der Methoden der partizipativen Kindheitsforschung, Kinderrechte stärken, indem Kindern eine Stimme gegeben wird.

Die vorgestellten Projekte erlaubten einen Einblick, wie tiefgehend und umfassend die Einbindung von Laienforscher*innen in die Forschungspraxis gelingen kann. Die Beiträge zeigten dabei eine große Bandbreite an Zugängen, Verwendungsweisen und methodischer Innovationen im Rahmen der gegenwärtigen Praxis von Citizen Science. Dabei war es auffallend zu sehen, wie sehr dabei die Weiterentwicklung bestehender Methoden integrativer Bestandteil der Projekte war, auch und gerade unter Einbeziehung nicht-professionell Forschender. Ein wiederkehrendes Thema war jedoch auch die Frage, wie Freiwillige für eine solche Forschung gewonnen werden können und wie diese danach für Teilnahme auch über einen längeren Zeitraum hinweg motiviert werden können.

 Reflexion begrifflicher Grundlagen und die wissenschaftssoziologische Perspektive

Im Rahmen der Podiumsdiskussion wurde dann ein Perspektivenwechsel vollzogen: von der Ebene der konkreten wissenschaftlichen Praxis zur globalen Fragen der Methodologie, aber auch der gesellschaftlichen Bedeutung von Citizen Science in der Soziologie. Die Moderation übernahm Sophie Mützel (Universität Luzern), im virtuellen Panel saßen Sascha Dickel (Universität Mainz), Martina Franzen (Kulturwissenschaftliches Institut Essen), Maike Weißpflug (Naturkundemuseum Berlin) sowie Hella von Unger (LMU München). In diesem Rahmen konnte kritisch erörtert werden, was Citizen Science für Soziologie, Wissenschaft und Gesellschaft bedeuten bzw. auf welchen Ebenen die Einbindung von bürgerwissenschaftlichen Elementen in den soziologischen Forschungsprozess am meisten Erfolg verspricht.

Martina Franzen verließ direkt die „Frosch“-Perspektive der praktischen Ebene, um nun aus der Vogelperspektive mit einem wissenschaftssoziologischen Blick auf das Verhältnis von Wissenschaft, Gesellschaft und Öffentlichkeit zu schauen. Gemäß den Proponenten von Citizen Science bietet diese Chancen der Öffentlichkeit die Praxis der Wissenschaft näher zu bringen und für mehr Glaubwürdigkeit und Verständnis zu sorgen. Die Öffentlichkeit kann dadurch ein besseres Verständnis dafür erlangen, wie Wissenschaft funktioniert und mehr Wertschätzung unter wissenschaftlichen „Laien“ gegenüber der wissenschaftlichen Praxis generieren. Im Anschluss daran, sieht Sascha Dickel Citizen Science direkt zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik, somit im Feld der Soziologie, lokalisiert. Diese Lage macht Citizen Science zu einem interessanten Forschungsgegenstand, um auf das Verhältnis dieser gesellschaftlichen Teilbereiche untereinander zu reflektieren.

Freiwillige oder Citizens?

Jenseits dieser Makro-Perspektive stieß die Diskussion jedoch immer wieder auch auf begriffliche und definitorische Fragen (etwas, das ganz regelmäßig in Veranstaltungen zu Citizen Science passiert, wie Sascha Dickel feststellte). So kann Citizen Science zwar ganz grob als Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Nicht-Wissenschaftlern zum Zweck der wissenschaftlichen Erkenntnisproduktion beschrieben werden, der Teufel steckt jedoch auf vielerlei Weise im Detail. Der Teilbegriff „Citizen“ bzw. Bürger*Innen ist bereits höchst voraussetzungsvoll und mit einer ganzen Reihe von Erwartungen normativ aufgeladen. Diese Normativität des Begriffs liegt dabei durchaus im Sinne der Erfinder*innen, wie Martina Franzen erklärte, indem Sie auf die drei ursprünglichen Ziele und Versprechen der frühen Citizen Science verwies. Dazu gehören der Anspruch, der allgemeinen Öffentlichkeit die Praxis der Wissenschaft vermitteln und durch diese Einblicke in die Praxis eine neue Nähe zwischen Wissenschaft und außerwissenschaftlichen Bereichen herzustellen. Diese „Demokratisierung der Wissenschaften“ umfasst auch die Zunahme von „scientific literacy“ unter den Laien der Forschung. Diese frühen Hoffnungen mögen eine allzu idealistische Hoffnung sein. Gleichzeitig ist aber auch klar, dass in Zeiten „alternativer Fakten“ und der weiten Verbreitung von Verschwörungstheorien dem Verständnis der Grundlagen von Wissenschaft eine politische Bedeutung zuwächst. Jan-Peter Voss ergänzte, dass der Begriff noch auf andere Weise politisch verstanden werden kann. Insofern Politik und Gesellschaft auch durch kollektive, geteilte Realitätsdeutungen konstituiert werden, können Bürger*Innen auch als „Wissens“-Bürger*Innen verstanden werden. Hier wird die Rolle der Teilhabe an kollektive Wissensordnungen für das Leben aller Beteiligten direkt relevant. Martina Franzen verwies weiterhin darauf, dass aufgrund dieser normativen Aufladung der Citizen-Begriff auch nicht unumstritten ist, selbst innerhalb der Citizen Science-Community. Während es begriffliche Alternativen denkbar sind (bspw. Freiwillige, Ehrenamtliche oder Mitforschende), sind Citizen Science eben nicht nur eine neutrale, geteilte Praxis von Forschenden oder Bürger*Innen, sondern gleichzeitig auch politisch gewollt und wissenschaftspolitisch gefördert. Gleichzeitig führt diese politische Komponente auch zu Fragen der Inklusion – welche Bevölkerungsgruppen letztendlich tatsächlich beitragen und welche ausgeschlossen bleiben.

Damit rückte eine weitere zentrale begriffliche Baustelle des Citizen Science Begriffs in den Fokus: Der Begriff der Partizipation und die Frage, inwieweit eine solche in der gängigen Citizen Science Praxis gegeben ist bzw. sein kann. Einigkeit bestand bei allen Diskussionsteilnehmer*innen darin, dass ein Mindestmaß an Einbeziehung gegeben sein muss, das über die Beantwortung von Fragen in standardisierten Fragebögen hinausgeht. Hella von Unger verwies darauf, dass Beteiligungsformen ganz unterschiedlich ausfallen, und dass bloße Teilnahme an wissenschaftlichen Praktiken noch nicht Teilhabe an solcher bedeutet, im Sinne eines Aushandelns der wissenschaftlichen Vorgehensweise auf Augenhöhe mit Praxispartnern und Ko-Forschenden. Sie berichtete aus ihrer eigenen Forschungspraxis mit benachteiligten Gruppen im Bereich der Gesundheitsforschung. Im ersten Schritt wird hier zunächst der Kontakt zu solchen Gruppen aufgenommen, deren Benachteiligung es im partizipativen Forschungsprozess zu erforschen und auch zu verändern gilt.  Am Anfang des Prozesses steht damit keine vorformulierte Forschungsfrage, sondern die Ermittlung der lebensweltlichen Bedarfe der „Zielgruppe“. Dadurch werden diese zu Ko-Forschenden und aktiv in die gesamte Planung des Forschungsprozesses einbezogen. Ein solches Vorgehen erfordert jedoch ein hohes Maß an Flexibilität und Offenheit. Aufgrund dieser prinzipiellen Offenheit kann es aber gleichzeitig schwierig sein, den Bedürfnissen wissenschaftlicher Methodenlogik zu entsprechen. Im Gegensatz zu solchen partizipativen Ansätzen der Forschung verbleibt das „epistemologische Primat, wie es Sascha Dickel formulierte,“ in der Citizen Science bei den beteiligten Wissenschaftler*innen. Die Partizipation wird hier nicht auf die letztendlich zugrundliegende wissenschaftliche Vorgehensweise, wie etwa das Design der Studie, ausgedehnt. Damit ist auch die Trennungslinie zwischen Citizen Science und „echter“ partizipativer Sozialforschung in ihren unterschiedlichen Ausprägungen markiert. Es lässt sich auf diese Weise immerhin bestimmen, was Citizen Science nicht ist.

Citizen Science: Ein unabgeschlossener Begriff

Trotz dieser begrifflichen Auftrennung sprach sich Maike Weißpflug gegen einen zu engen definitorischen Begriff von Citizen Science aus, der innovative Formen in der Kooperation zwischen Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft ausschließen würde. Sie betonte, dass Citizen Science eine breite Praxis ist und plädierte für eine „Praxis des Ausprobierens“. Auch scheinbar „simples“ Datensammeln durch Freiwillige findet immer in komplexen, sozialen Umwelten statt und kann in unterschiedlichen Kontexten ganz unterschiedliche Bedeutungen annehmen und Herausforderungen generieren (und sogar hochpolitisch sein, wenn es sich bspw. um sensitive Daten handelt). Die gegenwärtigen globalen Herausforderungen erfordern eine offene wissenschaftliche Praxis jenseits von interdisziplinären Grenzen, auch und gerade unter Einbeziehung außerwissenschaftlicher Perspektiven. Sascha Dickel merkte an, „Citizen Science“ nicht als analytischen Begriff etwa im Rahmen einer wissenschaftssoziologischen Untersuchung zu verwenden, sondern immer mitzudenken, dass es sich bei diesem Begriff um eine Selbstbeschreibung aktiv Forschender handelt, die damit gleichzeitig forschungspragmatische und – politische Ziele verfolgen. Jan Peter Voß pflichtete dem bei. Citizen Science ist für ihn ein „Umbrella-Term“, der in der wissenschaftspolitischen Landschaft eine eigene Dynamik entwickelt hat und wissenschaftspolitische Steuerungswirkung entfaltet, aber gleichzeitig inhaltlich unbestimmt, zumindest unterdeteminiert bleibt. Diese Unschärfe ermöglicht den Forschenden jedoch gleichzeitig, den Begriff nach eigenen Ideen auszugestalten, mit Leben zu füllen und unterhalb dieses Schirms innovative Forschungsdesigns zu realisieren.

Potenziale einer Integration von Citizen Science in die soziologische Forschungspraxis

Im Abschluss der Diskussion bestand Einigkeit darin, dass Citizen Science wichtige Potentiale birgt: zum einen aus einer allgemeinen Perspektive, in dem Sinn, dass das öffentliche Verständnis für Wissenschaft gestärkt werden kann (Wie funktioniert Wissenschaft? Welche Ansprüche an Wahrheit kann man haben?). Zum anderen aus der Perspektive der Wissenschaftler*Innen, die neues Wissen generieren möchten. Ein weiteres Potenzial von Citizen Science liegt in der Irritation bestehender wissenschaftlicher Praktiken und der damit verbundenen Chance, überhaupt erst auf überraschende, neue Einsichten zu stoßen. Martina Franzen verwies in diesem Zusammenhang auf den Wissenschaftsphilosophen Peter Finke, der eben aufgrund der bürokratischen Trockenlegung akademischer Phantasie die Hinzuziehung von Laienforschern als erkenntnisfördernd ansieht. Maike Weißpflug verwies ebenfalls auf die epistemische Aufwertung des Wissens der Beteiligten außerhalb des professionellen Wissenschaftsbetriebs. Hier wird viel Kreativität freigesetzt, wodurch die Erhebung empirischen Materials und die Theoriebildung gefördert werden kann.  Sascha Dickel beschrieb schließlich, wie dieses Potential zur Innovation auch seiner eigenen Forschungserfahrung entspricht: Durch die Zusammenarbeit mit Nicht-Wissenschaftlern passieren unerwartete Dinge, die letztlich aber zu neuen Erkenntnissen führen. So entsteht durch die Verwendung von Citizen Science Ansätzen in der Regel entweder mehr empirisches Material (durch die Beiträge Freiwilliger) oder andersartiges Material und neue Denkanstöße und im Idealfall alles zusammen. Hella von Unger betonte noch einmal, dass trotz aller methodischer und begrifflicher Offenheit die eigene methodologische Verortung gründlich sein muss, um an die bestehenden Methodendiskurse kompetent anschließen zu können. Dafür müssen die begrifflichen Trennungen klar sein, wie etwa die zwischen Citizen Science und partizipativer Sozialforschung. Damit war schließlich die Frage berührt, wie die Wissenschaftlichkeit des Forschens bei aller Offenheit und Mitgestaltungspotentialen verbürgt und sichergestellt werden kann. Gleichzeitig war aber auch die das zeitliche Ende des Panels erreicht. Die Frage der methodischen Kontrolle bzw. Kontrolliertheit von Citizen Science bleibt damit der weiteren Diskussion vorbehalten.

Wir danken Marie Gutzeit für ihre wertvollen Beobachtungen währen der Session, die uns bei der Erstellung dieses Blogs sehr geholfen haben.

* Hannes Wünsche ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft und am Fraunhofer-Institut FOKUS. Als Teil der Forschungsgruppe „Digitalisierung der Wissenschaft“ untersucht er die Rolle digitaler Technologien in der Öffnung der Wissenschaft, insbesondere Politiken digitaler Partizipation in Citizen Science.

Ad Hoc-Gruppe: Selbständiger Erwerb im digitalen Kapitalismus und seine Einbettung in Markt, Haushalt und Kultur am 21.9.2020

von Nele Dittmar

Aufhänger für die Ad Hoc-Gruppe „Selbständiger Erwerb im digitalen Kapitalismus“ auf dem DGS-Kongress war die Frage, ob und wie sich das Spannungsverhältnis zwischen Autonomie (z.B. von Vorgesetzten) und Abhängigkeiten (z.B. von Marktzwängen), das für solo-selbstständige Erwerbsarbeit prägend ist, im „digitalen Kapitalismus“ verändert. Welche Rolle spielen die großen Plattformunternehmen, die mit Philipp Staab als „proprietäre Märkte“ begriffen werden können? Welchen Einfluss haben Formen und Techniken der Arbeitsorganisation, die mit dem Begriff „digitaler Taylorismus“ belegt werden? Dabei sollte Selbstständigkeit (bzw. im Kontext der Ad hoc-Gruppe: Solo-Selbstständigkeit) aber nicht nur als eingebettet in den Markt oder in Märkte, sondern auch in „Kultur“ und „Haushalt“ begriffen werden. Entsprechend wurden die sechs Vorträge der Session gruppiert.

Zunächst setzte sich Christopher Grieser von der TU Berlin mit dem Begriff der „Plattform“ auseinander. In der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion ist der Plattformbegriff zwar allgegenwärtig, er bleibt jedoch theoretisch unzureichend ausgearbeitet. Es lassen sich zwei Stränge in der Forschung identifizieren, in denen einerseits Plattformen als Markt-Intermediäre gesehen werden, andererseits als technische Infrastruktur. Ausgehend von der empirischen Beobachtung, dass Plattformen immer weniger nur als eine dieser beiden Varianten auftreten, entwickelte Grieser seinen eigenen Begriff von Plattformen als infrastrukturzentrierte, zentral organisierte Märkte. Dabei wird die Infrastruktur durch die Plattform kontrolliert und deren Nutzung ist zentral für die Marktteilnahme. Als Infrastruktur werden kollektiv nutzbare, sozio-technische Ressourcen verstanden. Die Integration der Dimensionen „Markt“ und „Infrastruktur“ erlaubt es, verschiedene Plattformen mit einem Konzept in den Blick zu bekommen und in einem Koordinatensystem gemäß dem Grad der Infrastrukturorientierung und dem Grad der Marktorganisation einzuordnen. Sei beides besonders stark ausgeprägt, komme das in den Blick, was Staab als „proprietärer Markt“ bezeichnet. Als letztes beleuchtete Grieser Implikationen für selbstständige Erwerbsarbeit auf Plattformen in den beiden Dimensionen „Markt“ und „Infrastruktur“. „Plattformarbeit“ biete niedrige Einstiegshürden (aufgrund geringer Transaktionskosten und dem Zugang zu sozio-technischen Ressourcen), führe zu einer Homogenisierung von Kreativ-Erzeugnissen (über algorithmisch erzeugte Bewertungen und eine vereinheitlichende Tendenz der Technik) und verringere die Autonomie Selbstständiger durch mehrfache Plattformabhängigkeit (aufgrund der Nachfrageaggregation durch Plattformen und der Abhängigkeit von Plattformressourcen).

Im zweiten Vortrag beleuchteten Dominik Klaus (Universität Wien) und Johanna Hofbauer (Wirtschaftsuniversität Wien) ein neu entstehendes „digitales“ Tätigkeitsfeld: die virtuelle Assistenz. Eine virtuelle Assistenz bietet – selbst solo-selbstständig – organisatorische und administrative Dienstleistungen (z.B. E-Mails sortieren, Präsentationen vorbereiten) für fast ausschließlich ebenfalls solo-selbstständige Kund*innen an. Bei der virtuellen Assistenz handelt es sich um ein feminisiertes Arbeitsfeld, oft wird die Tätigkeit als Neben- oder Brückentätigkeit ausgeführt und noch besteht ein unklares Kompetenzprofil. Wie bei anderen selbstständigen Tätigkeiten gestaltet sich z.B. die Grenzziehung zwischen „Arbeit“ und „Leben“ schwierig. Klaus und Hofbauer beschrieben das neue Feld anhand einer ersten Typisierung der Arbeitenden: virtuelle Assistenzen des ersten Typs – „reisend arbeiten“ – verdienen sich quasi am Strand ein wenig dazu. „Vereinbarkeitsorientiert arbeiten“ vor allem Mütter mit Sorgeverpflichtungen. „Karriereorientiert arbeiten“ schließlich diejenigen, die mit einer höheren Arbeitsauslastung und eigenen Spezialisierungen arbeiten, sowie ihrerseits schon „Ausbildungsangebote“ für virtuelle Assistenzen anbieten. Innerhalb des Feldes lassen sich – mit Blick auf die gebildeten Typen – Distinktionsversuche beobachten, die vor dem Hintergrund von Befürchtungen einer Entwertung des „Berufs“ und einer verstärkten Preiskonkurrenz zu sehen sind.

Die nächsten beiden Beiträge thematisierten unterschiedliche Formen der Solo-Selbstständigkeit im Online-Raum, bei denen insbesondere Entgrenzung und Grenzziehungen zwischen „Öffentlichem“ und „Privatem“ eine Rolle spielen. Fabian Hoose und Sophie Rosenbohm vom IAQ an der Universität Duisburg-Essen beschäftigten sich mit der digitalen Solo-Selbstständigkeit von (Video-)Blogger*innen. Sie gingen insbesondere den Fragen nach, welche Motive für und Ansprüche an ihre Tätigkeit (Video-)Blogger formulieren und ob bzw. wie Plattformregeln ihre Arbeitspraktiken beeinflussen. Als Antriebsfedern, der Tätigkeit zum Erwerb nachzugehen, sehen die Blogger*innen die Möglichkeit, selbstbestimmt und ohne Chef*in zu arbeiten, einer kreativen Tätigkeit nachzugehen und etwas für eine Community zu tun, die auch direkt Feedback gibt. Diesen Motiven der individuellen Freiheit und Selbstverwirklichung stehen allerdings Abhängigkeiten gegenüber: einerseits sind auch die (Video-)Blogger*innen mit den „klassischen“ Herausforderungen Solo-Selbstständiger konfrontiert, wie der Entgrenzung von Arbeit und Leben und fehlender sozialer Absicherung. Hinzu kommen spezifische Abhängigkeiten durch Plattformen und ihre Algorithmen. Beispielsweise zwingen die Empfehlungsmechanismen auf Plattformen dazu, „Inhaltskonjunkturen“ zu befolgen und sie verlangen regelmäßige Aktivität. Hinzu kommen Ansprüche der „Community“, die zum Beispiel die permanente Verfügbarkeit „ihrer“ Blogger*innen erwartet, und eine schwierige Grenzziehung zwischen dem, was öffentlich gemacht wird und dem, was privat bleiben soll. Um diesen Abhängigkeiten zu entkommen, so ein Fazit der Präsentierenden, sehen einige (Video-)Blogger*innen ihre Tätigkeit nur als Ausgangspunkt für eine Weiterentwicklung ihrer Selbstständigkeit.

Der zweite Vortrag in diesem Block von Simone Schneider (University of Cambridge) befasste sich mit der digitalen Solo-Selbstständigkeit von „adult webcam performers“. Hierbei geht es um die Arbeit meist weiblicher Sexarbeiter*innen im Internet, angeboten auf Plattformen, die für ihre Vermittlungsleistung einen (recht großen) Teil der Einnahmen der Sexarbeiter*innen erhalten. Diese Arbeit ist prekär, zum Beispiel aufgrund wechselnden Einkommens, die Sexarbeiter*innen werden aber insbesondere mit dem Versprechen großer Autonomie bei der Arbeit geworben. Schneider arbeitete in ihrem Vortrag die Grenzziehungsarbeit der Sexarbeiter*innen um die Aspekte „intimacy“ und „authenticity“ heraus. Beides werde von den Kund*innen eingefordert, so dass die Sexarbeiter*innen vermitteln müssten, ihre Tätigkeit gerade nicht als Arbeit zu verstehen, auch wenn sie selbst davon leben. Gleichzeitig versuchen sie die Grenze zu ihrem Privatleben aufrechtzuerhalten bzw. in ständiger Grenzarbeit neu zu ziehen. Besonderheiten der digitalen Sexarbeit sieht Schneider insbesondere in dieser Dynamik der Grenzarbeit und der Online-Offline-Grenze. Intimität und Authentizität können „angeboten“ werden, solange sie im Online-Raum verbleiben. Dieses Angebot birgt aber gleichzeitig die Gefahr, dass die Kund*innen ihrerseits versuchen, die Online-Offline-Grenze zu durchbrechen. Ein Risiko, für dessen Management die Sexarbeiter*innen selbst verantwortlich sind. Neben mangelnder Unterstützung seitens der Plattformen seien die „digitalen“ Sexarbeiter*innen im Gegensatz zu „analogen“ besonders vereinzelt.

Die letzten beiden Vorträge befassten sich – so könnte man zusammenfassen – mit Integration und Teilhabe über plattformvermittelte Arbeit. Iris Nowak und Wiebke Frieß von der Universität Hamburg stellten erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt zum Thema „Teilhabe durch Crowdworking“ vor. Das Projekt geht der Frage nach, wie Personen mit erschwerter Partizipation am Erwerbsleben – konkret: Menschen mit Beeinträchtigungen, Sorgeverpflichtungen und aus strukturschwachen Regionen – über Crowdwork Teilhabechancen eröffnet werden könnten. Crowdwork wird als komplett online erbrachte Tätigkeit definiert. Obwohl verschiedene Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, lässt sich sagen, dass Crowdwork zurzeit in Deutschland noch nicht sehr verbreitet ist. Darüber hinaus gibt es kaum Studien zu Crowdwork und Menschen mit geringeren Partizipationsmöglichkeiten am Erwerbsleben. Es lassen sich aber einigen Annahmen formulieren, inwiefern Crowdwork für diese Menschen Chancen auf Teilhabe bietet: beispielsweise durch die Flexibilität von Ort und Zeit bei Crowdwork, den Wegfall des Arbeitswegs, die Nicht-Sichtbarkeit des Körpers oder die nicht-verbale Kommunikation. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass diese theoretischen Vorteile so nicht zum Tragen kommen. Es bestehen zum Beispiel technische Zugangs- und Nutzungshürden und die große Flexibilität der Arbeit ist beispielweise nicht vorteilhaft für viele Menschen mit psychischen Einschränkungen. Die Präsentierenden folgern, dass auch Crowdwork strukturell an einer/m gesunden „Normalarbeiter*in“ ohne Sorgeverpflichtung orientiert sei. Gleichzeitig zeigen erste Erhebungen des Projekts, dass insb. Menschen mit Beeinträchtigungen beim Crowdwork überrepräsentiert sind und auch ihre Beeinträchtigung als Grund für ihre Tätigkeit „in der Crowd“ angeben.

Als letzte präsentierte Jasmin Schreyer von der Universität Stuttgart ihre Ergebnisse aus Untersuchungen im Bereich der Essenlieferdienste. In ihrem Vortrag „Solo-selbstständige Erwerbsarbeit: Monopole versus Kooperative“ verglich sie die Plattform Foodora (mittlerweile in Lieferando aufgegangen) mit der Kurier-Kooperative „Crow“. Den Grundprinzipien von Plattformorganisationen (Organisation, Partizipation, Technik) stellte sie die Grundprinzipien von Kooperativen gegenüber. Dem Prinzip der Identität gemäß sind die Arbeitenden auch die Eigentümer. Das Prinzip Demokratie wird verwirklicht über den Grundsatz: ein Mitglied – eine Stimme. Das Prinzip „Förderung/Subsistenz“ zielt auf ein Einkommen zur Reproduktionssicherung. Ein großer Unterschied zwischen Foodora/Lieferando und der Kooperative ist in der Rolle der Technik zu sehen. Während im ersten Fall Technik als Macht- und Disziplinierungsinstrument eingesetzt wird und die Kommunikation mit den „Riders“ (fast) ausschließlich digital abläuft, bildet die App im Falle der Kooperative nicht den zentralen Koordinationsmechanismus, vielmehr wird diese menschlichen Dispatchern überlassen. Außerdem wird im Fall der Kooperative das Risiko der Erwerbsarbeit zum Teil wieder von den einzelnen Riders in das Kollektiv verlagert, was aber auch mit dem Druck einhergeht, sich dort ständig aktiv einzubringen. Damit zeigte sich auch bei diesem Beispiel „digitaler“ Solo-Selbstständigkeit die Problematik (die im Feld aber nicht als solche empfunden wird) der Verwischung der Grenze zwischen Arbeit und Leben. In der Diskussion zu beiden Beiträgen wurde aufgeworfen, dass das integrative Prinzip der Kooperative selbst ausschließend wirken kann, weil Menschen mit anderen Verpflichtungen (z.B. Sorge für andere) die Teilhabe daran erschwert sein könnte.

Abschließend strich Isabell Stamm drei Konfliktlinien heraus, die selbstständige Erwerbsarbeit im digitalen Kapitalismus zu prägen scheinen: Autonomie steht besonderen Abhängigkeiten gegenüber, in vielen Fällen steht die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit unter (Aushandlungs-)Druck und den an „gute Arbeit“ gestellten Ansprüchen und Erwartungen steht oft Prekarität gegenüber.

Die Ad Hoc-Gruppe „Selbstständiger Erwerb im digitalen Kapitalismus“ wurde organisiert von Andrea Bührmann, Lena Schürmann und Isabell Stamm und war eine Veranstaltung des Arbeitskreises „Die Arbeit der Selbstständigen“ der DGS-Sektion Arbeits- und Industriesoziologie.

The Presentation of Self in Digital Life

von Michael Wetzels

Es scheint sich wieder einmal, wenn auf die Ereignisse diesen Jahres geblickt wird, die Aktualität von Erving Goffmans berühmter Frage „What is it that‘s going on here?“[i] zu bestätigen. Allerdings hätte auch er nicht die beinahe schwindelerregende Dynamik vorausgesehen, welche eine ‚Gesellschaft unter Spannung‘ auszeichnet. Denn nicht nur die „Weltgesellschaft“[ii], sondern auch die DGS steht auf diesem digitalen Kongress unter ‚Spannung‘. Die Corona-Pandemie deckt wie keine andere „Singularität“[iii] der letzten Jahre die Brüchigkeit und Routinen auf, welche sich in das universitäre Leben eingebrannt haben. Ein digitaler Kongress mag zunächst wie ein Segen klingen. Statt Kaffee vom Buffet nun Genuss aus der hauseigenen Kanne, kein frühes Aufstehen und Rennen zum nächsten Seminarraum, alles digital, alles entspannt. Wirklich? Weit gefehlt. Denn in Routinen sind auch die Formen eingelassen, welche wir als Soziolog*innen nur zu gut kennen, nämlich wissenschaftliche Inszenierungen des Selbst. War vorher noch der Auftritt vor und in einem lokalen Livepublikum Teil solcher Inszenierungsstrategien, wechselt diese Form nun auch vom Analogen ins Digitale.

Für mich als Ethnographen ist dieser Umstand höchstinteressant. Denn was macht nun solch eine räumliche „Not-Ordnung“[iv] mit der Inszenierung von Sozialwissenschaftler*innen? Interessant war dabei ein Satz der DGS-Vorsitzenden, Birgit Blättel-Mink, den Vortragenden Toleranz und Aufmerksamkeit in den Videoformaten zu schenken. Ein Satz, der so auf analogen Verfahren nicht in dieser Direktheit fallen würde und die Brüchigkeit von Inszenierungsstrategien hervorhebt. Wie wurde „live“[v] nun aber aufgetreten? Und wie wird dieses „presenting“[vi] auf dem Kongress organisiert? Um diesen Fragen nachzugehen, bin ich in dieser Woche auf Basis einer „virtual ethnography“[vii] in die digitalen Leben auf dem Kongress eingetaucht. Mein Bericht basiert dabei auf Kurznotizen[viii], Bildern und Beiträgen einiger sozialwissenschaftlicher Kolleg*innen, welche unter dem Hashtag (#) #DGSoz2020 auf der Social-Media-Plattform Twitter zu finden waren.

(1) Welcher Hintergrund darf’s heute sein? –  Räumliches „Presenting“ als refiguratives Spannungsfeld

Ob von zu Hause, aus dem Büro oder dem Café – die Digitalisierung des Kongresses durch Videokonferenzprogramme (hier das Programm Zoom) schuf neue Möglichkeitsräume der Inszenierung für die Teilnehmenden (Organisierende, Vortragende und Zuhörende), wobei dies einerseits Flexibilität wie auch Spannung bedeuten konnte. Flexibilität war dabei vor allem auf Seiten der Zuhörenden festzustellen. Die Möglichkeit zu entscheiden, ob mit oder ohne Livevideo teilgenommen werden kann, erleichterte die Inszenierungsqualität im digitalen Raum enorm, da neben einem Livevideobild entweder ein schwarzes Bild mit selbst gewähltem Namen oder ein Selbstportrait gezeigt werden konnte (Abb. 1).

Abb. 1: Bewegte Kacheln, schwarze Bildschirme und Selbstportraits

Dem Vortrag konnte so gelauscht werden, während der Kaffee in der Küche getrunken wurde, die Wohnung geputzt oder nach der Wäsche auf dem Balkon geschaut werden konnte, und das alles ohne die Vortragenden in ihrer Konzentration zu stören. Perfekte Situation also? Nicht ganz. Denn strukturelle Gepflogenheiten wissenschaftlicher Inszenierungen verschwinden nicht einfach mit der Flexibilisierung des Ortes und dies stellte gerade bei laufenden Kameras die Teilnehmenden vor neue Aufgaben. So war auffällig, dass die (privaten) Räume stets ausgeschmückt waren mit einem Hintergrund, welcher ein akademisches Umfeld suggerieren sollte (Abb. 2).

Abb. 2: Von Büchern, (weißen) Wänden und Kunst

Oft saßen Vortragende, Organisierende und auch Zuhörende entweder (1) vor mit Büchern gefüllten Regalen, (2) in Räumen, die eher schlicht, heißt mit einer (weißen) Wand und Kunstobjekten (Bilder, Statuetten etc.), ausgestattet waren oder es wurde (3) ein Bildhintergrund genutzt. Ein Theater, ein Vorlesungssaal oder auch eine virtuelle Bücherwand dienten als Verschleierung des lokalen Ortes der eigenen Inszenierung. Je nachdem, was für strukturelle Ressourcen zur Verfügung stehen (Arbeitszimmer, Büroraum etc.), kann eine Präsentation also von unterschiedlichen Spannungen begleitet sein, vor allem bei den Vortragenden und Organisierenden. Zu sehen war dies vor allem an der gewählten Kleidung. Diese war mehr konventionell (Hemd, Bluse, Anzug mit roter Krawatte) denn leger und sollte den Eindruck von Wissenschaftlichkeit und einem möglichst hohen „Prestige“[ix] vermitteln. Der Inszenierungsraum befand sich somit in einem Spannungsfeld von Refiguration[x] und erzeugte den Effekt eines verstärkten Achtens auf die eigene Inszenierung:

Bin ich zu sehen und wenn ja, was oder wer noch? Wirke ich seriös oder nicht seriös genug in diesen digitalen, wissenschaftlichen Begegnungen?[xi]

(2) Die Verstummung des Applauses: Veränderte Interaktionen in digitalen Kontrollräumen

Das Setting der räumlichen Inszenierung ist aber nur eine Facette. Es muss auch über die veränderte Konstellation (körperlicher) Kopräsenz gesprochen werden, welche einen massiven Effekt auf die Inszenierung hatte. Die Situation sollte sich noch einmal verdeutlicht werden: Das Livepublikum wurde von einer physischen Kopräsenz auf die digitale Ebene übertragen. Dies erhöhte zwar die Anzahl an Partizipierenden in den jeweiligen Sessions massiv (mittlere, dreistellige Zahlen wurden zum Teil  gemessen), veränderte aber auch die Machtkonstellation zwischen den Vortragenden, den Zuhörenden und den Veranstaltenden.

Die Videoprogramme waren dabei zugleich Mittler und Kontrollinstanz. Zunächst kam es darauf an, welches Videoprogrammformat vorlag: Ein Webinar oder ein Meetingraum.[xii] Der Unterschied ist: Während in einem Meetingraum verschiedene Partizipationsmöglichkeiten gegeben waren (Chataustausch, Einsehen der Teilnehmenden, Reaktionen per Emoticons wie Klatschen oder Daumen hoch), fehlten diese Möglichkeiten in einem Webinar. Die Mikrophone waren automatisch ausgeschaltet, die Chatfunktion deaktiviert und nur ein von den Veranstaltenden kontrolliertes F&A konnte genutzt werden, was aber an der Konstruktion dieses bestimmten Formates lag.[xiii] Die fehlende Interaktion war aber ein Punkt, der immer wieder von Teilnehmenden kritisiert wurde, sodass der Austausch auch auf andere Kommunikationskanäle wie Twitter stattfand.[xiv]

Aber auch in offeneren Meetingräumen war eine Machtasymmetrie zu bemerken, und besonders machtvoll dabei: die Veranstaltenden der Sessions.[xv] So wurde am Anfang der Sessions immer wieder auf die gängigen Regeln (z.B. die Mikros und eventuell auch Videobildschirme auszuschalten) hingewiesen. Dies förderte bei den Zuhörenden die beschriebene Flexibilität, erzeugte aber auch eine höhere Professionalität auf Seiten der Vortragenden. Die Zeitlimits wurden nicht nur penibel eingehalten, sondern auch die Stringenz der Vorträge war deutlich besser als in manch einer Präsenzveranstaltung. Dies hatte allerdings den Preis, dass untereinander (außer über Chat) keine wirkliche Interaktion stattfand, was beispielhaft am ‚stummen Applaus‘ gezeigt werden kann (Abb. 3).

Abb. 3: Applaus, Applaus, Applaus!

Das Dekret das eigene Audiosignal ausgeschaltet zu lassen, hatte die Konsequenz, dass deer Applaus, sonst ein Zeichen der positiven Zuwendung zu den Vortragenden, zu einer visuellen, ‚stummen‘ Geste transformiert wurde. Entweder war dieser sichtbar als Klatschen im Videofenster, was allerdings nicht gehört wird (rotes Symbol links unten mit durchgestrichenem Mikro) oder per anwählbaren Emoticon über die Funktion „Reaktionen“ (zwei klatschende Hände im linken Bildschirmrand). Dies ersetzte jedoch nicht, dass schlicht und ergreifend der einsetzende Ton des Applauses nach einem Vortrag fehlte. Und da dies auch als Zeichen der Missbilligung hätte verstanden werden können, versuchten die Veranstaltenden dies zu reparieren, indem sie den Applaus sprachlich vermittelten. „Ich sehe lauten oder leises Klatschen“ oder „Ich sehe viel Applaus auf den Bildschirmen“ waren solche Übersetzungsversuche, die allerdings die Sterilität des Ganzen nicht verschleiern konnten. Es blieb immer wieder das Gefühl eines ‚leeren‘ Raumes zurück, obwohl die ‚Anderen‘ anwesend waren. Dies merkte auch Birgit Blättel-Mink nach ihrem Applaus zum Abschluss der Eröffnungsveranstaltung des DGS-Kongresses an mit den Worten: „Schon gespenstisch, ne?“

(3) „Right now baby I’m torn“ – Zwischen digitaler Professionalisierung und Verlusterfahrung

Was folgt nun aus diesen Eindrücken? Zunächst einmal Lob. Sowohl an das Organisationsteam, die DGS und auch die Teilnehmenden ist nicht oft genug Dank auszusprechen. Sich der Herausforderung eines digitalen Kongresses zu stellen ist keine Selbstverständlichkeit und es bedarf einer gehörigen Portion Selbstdisziplinierung und Mut sich diesen neuen Formaten zu widmen. Es verbleibt mir in der Rolle einer soziologischen Grumpy Cat grummelig-maunzend somit zunächst zuzugeben, dass Inhalte und wissenschaftliche Diskussionen gerettet und durch die Eliminierung von Störgeräuschen sogar effizienter und zielführender gestaltet werden konnten.[xvi] Aber die „Geselligkeit“[xvii], welche zu wissenschaftlichen Inszenierungen dazu gehört, ist ein stückweit verloren gegangen. So professionell die Sessions auch gestaltet waren, am Ende befand man sich schlussendlich doch alleine vor dem Bildschirm, Diskussionen wurden abgebrochen und ein schales Gefühl des Unbehagens blieb zurück, dass hier etwas nicht stimmte.[xviii] Dieser digitale Kongress ist leider doch nur ein ‚halber‘ und kann nicht verschleiern, dass sich Gewohnheiten der Geselligkeit etabliert haben, die nun doch irgendwie fehlen. Die Umstellung von Präsenz- auf Digital’presenting‘ war und ist weiterhin eine Herausforderung, was auf dem Kongress gut beobachtet werden konnte. Die Corona-Pandemie wird somit weiter für Diskussionsstoff sorgen. Nicht nur in den Gesellschaften der Welt, sondern auch in der DGS. Über die Spannung und die Zerrissenheit zwischen erwünschter, digitaler Professionalisierung und den gegenwärtigen Verlusterfahrungen, welche auch in den zeitdiagnostischen Diskussionen zwischen Martina Löw, Hartmut Rosa und Andreas Reckwitz in der einzigen Präsenzveranstaltung des DGS-Kongresses eine zentrale Rolle spielten.[xix] Aber gerade deshalb sollten wir vielleicht alle ein bisschen mehr denken wie Silke Steets.

____________________________________________

[i] Goffman, Erving (1986): Frame Analysis. An Essay on the Organization of Experience. Northeastern University Press: Boston, S. 8.

[ii] Luhmann, Niklas (2005): Die Weltgesellschaft. In: Luhmann, Niklas (Hrsg.) Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft. Springer VS: Wiesbaden, S. 63-88.

[iii] Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Suhrkamp: Frankfurt am Main.

[iv] Knoblauch, Hubert/Löw, Martina (2020): Dichotopie. Die Refiguration von Räumen in Zeiten der Pandemie. In: Volkmer, Michael/Werner, Karin (Hrsg.): Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft. transcript: Bielefeld, S. 89.

[v] Kirschner, Heiko (2012): Go Live! Der User-Livestream als Präsentationsbühne. In: Lucht, Petra/Schmidt, Lisa-Marian/Tuma, René (Hrsg.): Visuelles Wissen und Bilder des Sozialen. Aktuelle Entwicklungen in der Soziologie des Visuellen. Springer VS: Wiesbaden, S. 157-171.

[vi] Goffman, Erving (1956): The Presentation of Self in Everyday Life. University of Edinburgh: Edinburgh, S. 18.

[vii] Hine, Christine (2000): Virtual Ethnography. SAGE: London/Thousand Oaks/New Delhi.

[viii] Die beschriebenen Beobachtungen sind freilich an meine eigene Perspektive gebunden und können von anderen abweichen. Zudem möchte ich insbesondere Martina Löw, Nina Elsemann und den Teilnehmenden der Session „SFB1265 goes DGS“ danken, dass ich Live-Screenshots während ihrer Veranstaltung machen durfte.

[ix] Goffman, Erving (1951): Symbols of Class Status. In: The British Journal of Sociology, 2 (4), S. 294.

[x] https://sfb1265.de

[xi] Goffman, Erving (1972): Fun in Games. In: Goffman, Erving (Hrsg.): Encounters. Two Studies in the Sociology of Interaction. Penguin University Books: Harmondsworth/Ringwood, S. 63.

[xii] Unter das Format Webinar fielen u. a. die Eröffnungsveranstaltung und die Keynotes, während die Meetings Sektionsveranstaltungen (Sessions, Mitglieder*innenversammlungen), Plenen oder AdHoc-Gruppen umfasste.

[xiii] https://twitter.com/dgskongress/status/1305549496286412802?s=20

[xiv] https://twitter.com/dawwidd/status/1305524230310834177?s=20

[xv] Betont sei, dass diese machtvolle Position nicht von Böswilligkeit begleitet war. Es stand vor allem die Funktionalität der Videosession im Vordergrund und die Organisierenden und Veranstaltenden mussten neben der Einhaltung der Regeln auch die gesamte digitale Kommunikation managen. Die Direktive zur korrekten Umsetzung der Veranstaltungsformate ging dabei von den Kongressorganisator*innen aus, s. https://kongress2020.soziologie.de/infos-fuer-organisator/innen

[xvi] https://twitter.com/ToBeAsBold/status/1306999196508192770?s=20

[xvii] Simmel, Georg (1911): Soziologie der Geselligkeit. In: DGS (Hrsg.): Verhandlungen des Ersten Deutschen Soziologentages vom 19.–22. Oktober 1910 in Frankfurt am Main. Mohr: Tübingen, S. 1–16.

[xviii] https://twitter.com/grautoene/status/1306189945489559553?s=20

[xix] https://www.youtube.com/watch?v=Na9LIrXeSIU&t=8s

„Zeitdiagnose ist die Benutzeroberfläche der Gesellschaftstheorie“

Von René Tuma und Ajit Singh

Je nach Perspektive darf es entweder als ‚wohltuende Abwechslung‘ oder als ‚ungewohnte Neuheit‘ in einer sich neuordnenden Gesellschaft angesehen werden, an einer Liveveranstaltung teilzunehmen. Die von Hubert Knoblauch organisierte Veranstaltung „Gesellschaft unter Spannung – Sonderveranstaltung zu soziologischen Diagnosen der gegenwärtigen Um_Ordnungen mit oder nach Corona“ auf dem diesjährigen DGS-Kongress holte dafür den Raum des soziologischen Diskurses zurück in den Ort der Wissensvermittlung, genauer gesagt in den zweitgrößten Hörsaal H104 des Hauptgebäudes der Technischen Universität Berlin. Derlei Ortsbezeichnungen erscheinen gegenwärtig nahezu überflüssig, weil der „Weg“ zu einer Session vornehmlich über Links und Passwörter beschritten wird. Die Sonderveranstaltung fuhr hier jedoch zweigleisig. Während sich der Großteil des Publikums mit etwa 300 Zuschauenden via Youtube-Livestream zuschalten konnte, durfte eine kleine Gruppe von etwa 25 Teilnehmenden der Sitzung im Hörsaal beiwohnen und verlieh dem Anlass auch unter diesen Bedingungen einen angemessenen Rahmen. Auch die Autoren dieses Beitrags erlebten die Diagnoseveranstaltung aus unterschiedlichen räumlichen und medial-vermittelten Perspektiven (digital und vor Ort) und möchten nun im Folgenden die Erträge zusammenfassen.  

Blickt man zurück, so kann die Veranstaltung schon in ihrer Form als Ausdruck der Themen und der Spannungen gelesen werden, die an dem Abend diskutiert wurden. Die ‘Übung’ bestand darin, vor dem Hintergrund der Pandemievermeidungsstrategie das Digitale als wesentliches Kommunikationsmedium einzusetzen und dabei gleichzeitig den Verlust der körperliche Kopräsenz zu verhindern. Das führte dazu, dass die meisten Zuhörer*innen vor ihren Geräten still, oder sollte man sagen entschleunigt da saßen und die Diskussion vor sich an den Bildschirm vorbeirauschen lassen konnten. 

Von der Gesellschaftsanalyse zur “Soziologie der soziologischen Zeitdiagnose“

Der Nachfrage nach soziologischer Expertise hat sich in den vergangenen Monaten deutlich gesteigert. Durch die Corona Krise wurde klar, dass soziale Erklärungsmuster nicht alleine aus epidemiologischen und virologischen Befunden abgeleitet werden konnten. Die sich verändernden Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens im privaten wie im öffentlichen Raum, die Neuordnung beruflicher Arbeitsweisen im „Home Office“, die soziale Dauerformierung mit der Hervorbringung neuer sozialer Formen in Videokonferenzen sind Folgeerscheinungen der Pandemie, die ein Kerngebiet soziologischer Forschung berühren: die Beschreibung gesellschaftlichen Wandels.

Mit Recht ließ sich in den vergangenen Monaten mancher soziologische Schnellschuss kritisieren, der über Ad-hoc-Analysen erste Versuche einer Zustandsdiagnose der Corona-infizierten Gesellschaft anstellte. Gleichzeitig zeigte sich in diesen Momentaufnahmen auch die Möglichkeit erster Deutungs- und Orientierungsangebote für die vorläufige Einordnung der Krise. Die Corona-Pandemie ist zweifelsohne ein globales und ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, an der allgemeinere Zustände und Entwicklungen deutlich werden. Die Gesellschaft als Ganzes bildet daher auch den Gegenstand der Diagnose-Veranstaltung, wie Silke Steets in ihrer einführenden Moderation deutlich machte. Mit der Gegenüberstellung unterschiedlicher gesellschaftstheoretischer Ansätze geht es aber nicht nur um die Analyse der Gegenwartsgesellschaft, sondern auch um eine „Soziologie einer soziologischen Zeitdiagnose“.

Mit Hartmut Rosa, Andreas Reckwitz und Martina Löw wurde ein spannendes Podium zusammengestellt, die nach jeweils einem eigenem Input miteinander ins Gespräch gebracht wurden.

Hartmut Rosa und die still vor seinen Worten im Livestream sitzenden Zuschauer

Die Welt schien uns dank Corona für eine Weile stillzustehen, wie reagiert Hartmut Rosa darauf?  In seinem engagierten und mit Verve (und Geschwindigkeit) vorgetragenen Statement greift Rosa das diagnostizierte Entschleunigungsgeschehen auf, und macht dies am weltweiten Rückgang der Zirkulation von Gütern und Menschen fest: Transport, Verkehr und Logistik kamen nahezu komplett zum Erliegen, vom sozialen Leben im öffentlichen Raum ganz zu schweigen. Wenngleich dieser Stillstand ökologisch betrachtet (zumindest temporär) positive Auswirkungen zeitigte, machte die Krise bereits bestehende Ungleichheiten und Probleme umso sichtbarer – so kann das unfreiwillige Stillgestelltsein Entbehrungen und Verluste nach sich ziehen (dazu später mehr), gleichzeitig verlagert sich die Bewegung ins Digitale, so sitzen wir unbewegt vor unseren Endgeräten und verfolgen im „rasenden Stillstand“ das Vorbeirauschen zunehmender Datenströme. Hat sich also nun durch Corona Paul Virilios Diagnose realisiert? Was bedeutet Corona nun für die Soziologie? Rosa tritt für eine Soziologie ein, die zwar kein sicheres Wissen über die Entwicklungen nach der Corona Krise haben könne, aber ihr ganzes Instrumentarium an Deutungsangeboten liefern müsse, von Daten, Statistiken und Fakten bis hin zu Meinungen und Positionen. Die Aufgabe sei es an diesem “Bifurkationspunkt” eine Wertediskussion zu ermöglichen, da es sich hier entscheide, ob die Entwicklung zurückfällt in den “Aggressionsmodus zur Welt”, oder ob eine neue (bessere) Zukunft im Handeln gestaltet werden kann. 

Andreas Reckwitz und seine Theorie des Verlustes

Reckwitz setzt ähnlich wie Rosa bei der Krisenerfahrung an und nimmt dabei ebenfalls auch eine zeitliche Perspektive ein. Dabei diskutiert er Spannungen zwischen Fortschritt und Verlust. Nachdem er das Neue ja bereits ausführlich behandelt hat, zeigt er die Probleme auf, die Unfähigkeit der Moderne produziert, die keine Antwort auf die immanent produzierten Verlusterfahrungen liefert. Vor dem Hintergrund der dominanten Fortschrittsvorstellungen, die sich in der Spätmoderne als Optimierung bis hinein in die privatesten und intimsten Lebensformen und Praxen breitgemacht hat, wird jede Form des Verlusts dem Subjekt zugeschrieben. Mit dem Verlust bricht schließlich die Negativität in die Sozialwelt ein. Diese Verlusterfahrungen werden nicht produktiv umgewandelt. Dies gilt auch für die globale Gesellschaft, die Verlust zunächst nur unzureichend, in Form aggressiver Verlusterfahrung transformiert. Reckwitz systematisiert in seinem Beitrag diese Verluste und zeigt verschiedene Spielarten auf. Sie können ganz konkret als „Realverluste“ von Status, Macht und Kontrolle auftreten. Der Verlust der Biodiversität zeitigt so Corona als Menetekel. Daneben skizziert er „Zukunftsverluste“ als einen Verlust von Utopien, wohin sich das eigene oder das gesellschaftliche Leben hin entwickelt. Was hieraus erwachsen kann, ist Agonie oder der Verlust von Handlungs- und Steuerungsfähigkeit bis hin zu Angst und Wut. „Verlustängste“ wiederum verweisen auf die Angst, den gegenwärtigen Zustand (status quo) nicht erhalten zu können. Dennoch verweist Reckwitz auch auf Umkehrstrategien, in denen die Verlusterfahrung wie am Fall des Klimawandels spürbar wird, auch die Chance auf die Herstellung einer neuen Balance besteht.  

Martina Löw und der Übergang zu Spannungen der Raumformen

Vor dem Hintergrund der Diagnosen zu Zeit und Fortschritt, die von Rosa und Reckwitz dargelegt wurden, denkt Löw Spannungen nicht zeitlich, sondern räumlich. Sie argumentiert auf Basis der Forschungen des SFB 1265, der mit dem Begriff der “Refigurationen” die Spannungen und gesellschaftlichen ‚Umbauten‘ in räumlicher Hinsicht untersucht. Verschiedene Raumformen (Territorien, Netzwerke, Orte und Bahnen) stehen nicht alleine oder einheitlich, sondern verschachteln sich und stehen in Spannung zueinander. Dieses Spannungsverhältnis konstituiert sich durch sich kontrastierende Logiken: Öffnungen und Schließungen, Homogenisierungen und Heterogenisierung räumlicher Wirklichkeitskonstruktion. Deutlich wird das daran, dass weltweit gleichzeitig immer mehr Grenzen und Mauern hochgezogen und Territorien damit eingehegt werden, aber gleichzeitig der globale Flugverkehr immer neue Verbindungsbahnen zwischen den Flughäfen der Welt erschließt. Angesichts einer globalen Epidemie wie dem Corona Virus zeigte sich ebenso anschaulich, dass trotz der voranschreitenden Reterritorialisierung von Nationalstaaten das Virus mühelos Grenzen überschreiten konnte und bis ins Lokale hinein städtische und nachbarschaftliche Räume grundlegend veränderte. Damit öffnet Löw die Debatte für eine räumliche und damit auch für eine globale Perspektive, die den methodischen Nationalismus, den Beck einst kritisiert hatte, systematisch überwindet. Sie betont, dass Diagnosen eine größere Reichweite aufweisen müssen, die über eine westliche-zentrierte Position hinausgehen. 

„Zeitdiagnose ist die Benutzeroberfläche der Gesellschaftstheorie“

Die Sonderveranstaltung lieferte der Soziologie, die sich ja nicht nur nach innen, in ihren kleinteiligen disziplinären Diskussionen erschöpfen, sondern auch die großen Fragen angehen will, ein geeignetes Forum. Durch das hybride Format war es zudem möglich, auch Fragen des Onlinepublikums mit in die Diskussion aufzunehmen. 

Die drei Vortragenden präsentierten unterschiedliche Perspektiven auf die Krise mit je eigenem theoretischen Zuschnitt. Zweimal basierte dieser auf einer zeitlichen, und einmal auf einer räumlichen Grundlage. Der Anspruch ist dabei jedoch bei allen Teilnehmenden klar über eine reine pointierte Ad-Hoc Diagnose hinauszugehen. Das Unbehagen mit dem Begriff der Zeit- oder Gegenwartsdiagnose wurde geäußert, denn hierauf hat die Soziologie ja kein Monopol oder Markenrecht. Die ihr eigene Leistung besteht darin, die Diagnosen an Theorie zu koppeln, so seien diese, wie Reckwitz pointiert feststellte, quasi “die Benutzeroberfläche der Gesellschaftstheorie”. Welches Potential sich hierin verbirgt, zeigte einst Ulrich Beck, der nicht nur zeitgeistig von der Risikogesellschaft zu berichten wusste, sondern ihr ein theoretisches Fundament gab, das bis heute (auch in vielen Ideen der Vorträge) nachhallt. Alle drei Vorträge, so unterschiedlich sie waren, eint jedoch, dass sie sich wechselseitig ergänzen und in der Zusammenschau doch ein vielfältiges, spannungsgeladenes aber dadurch auch kontrastreiches Bild ergeben. 

Link zur Aufzeichnung auf Youtube

SFB1265 goes DGS

von Nina Meier

Die um sich greifende Verbreitung digitaler Technologien, sowie weltweite Prozesse der Entgrenzung, die gemeinhin mit dem Begriff der Globalisierung bezeichnet werden, aber auch Praktiken der Begrenzung – von Fabian Gülzau in seinem Vortrag einprägsam als „Mauerbaufieber“ betitelt – verändern die Art und Weise, wie Menschen Räume erfahren, aber auch die Art und Weise, wie sie diese erschaffen. Auf diesen Wandel wirft der Sonderforschungsbereich (SFB) 1265 „Re-Figuration von Räumen“ seit Januar 2018 einen forschenden Blick. In der Sonderveranstaltung am 16.09.2020 gewährten Johanna Hoerning, Fabian Gülzau und Anna Steigemann Einblicke in einzelne Forschungsprojekte des SFBs, die sich mit unterschiedlichen Raumpolitiken befassen. Ergänzt wurden ihre Beiträge um eine Reflexion der wissenschaftlichen Arbeit an und im Sonderforschungsbereich selbst durch Séverine Marguin. Zunächst jedoch stellte Martina Löw (Sprecherin des SFBs 1265) den Sonderforschungsbereich in Kürze vor und verwies dabei auf eine Besonderheit der Öffentlichkeitsarbeit des SFBs, die unter anderem einen konkreten Zusammenhang zum DGS-Kongress aufweist: So legt der SFB in der Reflexion seiner Arbeit auch Wert auf die Verwendung künstlerischer Methoden. Ein Ergebnis dieser Überlegungen stellt die temporäre Kunstinstallation an der bauhaus reuse durch die Künstlerin Stefanie Bürkle dar. Anlässlich der Berlin Art Week 2020 sowie des 40.ten DGS-Kongresses ermöglichen es zwei Bildserien, An- und Einsichten des Kunst- und Forschungsprojektes MIGRATOURISPACE, Raummigration und Tourismus mit eigenen Augen zu betrachten. So soll der ins digitale Format übertragene DGS-Kongress einen physischen Anhaltspunkt am Berliner Ernst-Reuter Platz erhalten. Wie die Vorträge der Wissenschaftler*innen des SFBs, so behandelt auch diese Bilderinstallation die Frage, wie verschiedene Räume mit einander in Bezug gesetzt werden. Martina Löw und Nina Elsemann übernahmen zudem die Moderation der Sitzung.

Die Reihe der Präsentationen eröffnete Johanna Hoerning (TU Berlin), die den Teilnehmern unter dem Titel „Interessenspolitik zwischen Skalen, Territorien und Orten“ eine Vorstellung ihrer Forschungsarbeit vermittelte. Im Hintergrund ihres Vortrages stand die Frage nach sich wandelnden Verhältnissen zwischen lokalen, regionalen, nationalen und globalen Kontexten, welche die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in den Feldern der Wohn- und Asylpolitik beeinflussen, durch diese Akteure aber auch neu verhandelt werden.  Zunächst stellte Hoerning die beiden Politikfelder und die sie kennzeichnenden Strukturierungsprozesse vor. Für die Asylpolitik beschrieb sie drei, grundsätzlich relevante Entwicklungstendenzen: 1. Globale und regionale Fragmentierung / Renationalisierung, 2. Externalisierung und 3. Lokalisierung. Ersteres bezieht sich auf die schwindende Bindungswirkung der Genfer Flüchtlingskonventionen, während Politiken der Externalisierung den Ausbau und die räumliche Verlagerung von Migrationskontrollen bezeichnen. Lokalisierungstendenzen umfassen sowohl translokale Städte-Netzwerke und Allianzen, die Fragen der Migration als lokale Fragen thematisieren, als auch die entwicklungspolitischen Maßnahmen des humanitären Sektors, welche nicht nur Städte, sondern auch regionale Kontexte miteinbeziehen. Für die Wohnungspolitik identifizierte Hoerning zwei dominante Restrukturierungen: 1. Translokalisierung und 2. Regionalisieurng. Während Wohnen als Praxis zunächst lokal verortet ist, sind Wohnungspolitiken durch die Restrukturierung von Wohnungsmärkten und ihre Einbindung in globale Finanzkreisläufe zunehmend durch Prozesse und Strategien der Translokalisierung gekennzeichnet. Den Prozess der Regionalisierung bezog Hoerning vor allem auf Maßnahmen der Europäischen Union, die zwar rein formal kein wohnungspolitisches Mandat besitzt, jedoch durch Programme der Wohnungsbauförderung oder via Richtlinien zur Energieeffizienz de facto wohnungspolitische Wirksamkeit entfaltet. Im Anschluss an diese Skizzen der Politikfelder führte Hoerning Praktiken der Reskalierung sowie Praktiken der Verortung an, mit denen die beforschten Akteure auf die jeweiligen politischen wie ökonomischen Entwicklungstendenzen in ihrem Metier reagieren. Eine Form der Reskalierung etwa stellt das „downscaling“ in der strategischen Wahl der Ansprechpartner dar. Hoerning veranschaulichte dies anhand einer NGO aus den USA, die sich nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten Allianzen auf anderen politischen Ebenen suchen musste. Im Feld der Wohnungspolitik hingegen, welches zunehmend durch überregionale und sogar global agierende Investoren geprägt wird, lässt sich ein entsprechendes „upscaling“ der gebildeten Kooperationen beobachten, welche die vormals lokal-begrenzten Partnerschaften durch weitreichendere Vernetzungen ergänzen. Neben diesen Prozessen der Reskalierung identifiziert Hoerning in ihrer Forschung unterschiedliche Logiken der Verortung. Verortung wird dabei jeweils „als Kontingenz, als neuralgischer Punkt oder als institutionelle Verdichtung“ hervorgehoben. Zur Differenzierung dieser Logiken dient die Wahl derjenigen Orte, welche die NGOs als Niederlassungen ihrer Organisation wählen. Mal erscheint die Wahl als wenig relevant und eher zufällig, mal ist der Sitz der Organisation von symbolischer Bedeutung und mal ist die physische Nähe zu politischen Institutionen entscheidend. Skalierungen, Verortungen und Territorialisierungen sind, dies betonte Hoerning in ihrem Fazit, zwar abgrenzbare Setzungen, sie sind jedoch zugleich durch überschreitende Vernetzungen geprägt. Obwohl Skalen als solche Setzungen Eindeutigkeit suggerieren, seien sie daher nur relational zu verstehen. Auf die Nachfrage hin, welchen Beitrag die Soziologie zur Skalenforschung leisten könne, verweist Hoerning auf die Differenzierung verschiedener Akteure, die an der Produktion von Skalen beteiligt sind, sowie auf ein tiefergehendes Verständnis derjenigen Prozesse, die dazu führen, dass bestimmte Maßstabsebenen in bestimmten Kontexten relevant werden. Für beides sensibilisiere eine explizit soziologische Betrachtungsweise.

Im Anschluss an Hoernings Vortrag thematisierte Fabian Gülzau (HU Berlin) in seiner Präsentation “(Im)mobilisierung. Die Re-Figuration von Grenzen in globaler Perspektive“ die Veränderungen und Umformungen, welche die räumliche Artikulation der Grenze erfahren hat und gegenwärtig erfährt. In Rückbezug auf Habermas definierte Gülzau Grenzen als Schleusen, mit denen auf Strömungen reagiert wird. Dabei identifizierte er verschiedene Entwicklungen in der Art und Weise wie Staaten Grenzen errichten. Zum einen lässt sich beobachten, dass diese versuchen Grenzen zu implementieren, die nicht mehr entweder offen oder geschlossen sind, sondern die sich als semi-permeable Filter bezeichnen lassen. Für manche, die gedenken, sie zu überschreiten und zu durchqueren, stellen sie sich als harte, kaum zu überwindende Abgrenzungen dar. Für andere jedoch, sind sie als Begrenzungen kaum spürbar und ihrer Mobilität gegenüber wenig hinderlich. Zum anderen verzeichnet Gülzau in Anlehnung an Shachar eine Entwicklung von statischen Grenzen hin zu shifting borders. Als Antriebskräfte hinter diesen Umformungen werden Prozesse des „De-Bordering“, gemeint sind etwa Globalisierungsphänomene wie Massentourismus oder der Handel mit Waren, sowie Prozesse des „Re-Bordering“ genannt. Letzteres beschreibt beispielsweise Auswirkungen des Terrorismus und der Kriminalität, aber auch der unerwünschten Migration und Tendenzen der Nationalisierung auf die Selektionsmechanismen, die an den Grenzen ihre Wirksamkeit entfalten. Vor diesem Hintergrund definiert Gülzau drei Entwicklungslinien entlang derer sich Grenzen wandeln: Exterritorialisierung, Fortifizierung und Flexibilisierung. Ersteres bezeichnet die räumlich-vorverlagerte Kontrolle von Überschreitungswilligen, bevor diese die eigentliche Grenze erreichen. Diese Visumspraktik führt zu einer ungleichen Verteilung globaler Mobilität. Der massive Ausbau von Grenzanlagen an der Territoriallinie selbst wird hingegen unter dem Begriff der Fortifizierung gefasst. Solche „Verdickungen“ von Grenzen führen, so Gülzau, zu Diskontinuitätslinien zwischen Staaten.  Im Gegensatz zu exterritorialisierten Grenzen, bei denen Kontrollpraktiken vorverlagert werden, wird mit der Bezeichnung der Flexibilisierung eine Verlagerung von Kontrollen ins Landesinnere markiert. Als Beispiel für diese Formung der Grenze wird der Schengen-Raum genannt, in welchem etwa temporäre oder polizeiliche Kontrollen gängig sind. Aufmerksam macht der Vortragende hier selbstverständlich auch auf die veränderte Wahrnehmung dieser Begrenzungslogik im Schengen-Raum durch die COVID19-Pandemie. Es sind diese drei Dimensionen der Exterritorialisierung, der Fortifizierung und der Flexibilisierung, welche Gülzau als die Merkmale einer Re-Figuration von Grenzen kennzeichnet. Trotz aller Prozesse des „De-Bordering“, die sich vor allem punktuell durchsetzen würden, wird die Kontrollfunktion von Grenzen folglich keineswegs aufgegeben. Damit geht eine Verabschiedung von klar umrissenen und eindeutigen Grenzen einher, vielmehr, so beschließt Gülzau seinen Vortrag, müsse man von einer Überlappung und Diffusion verschiedener Grenzformationen sprechen.

Eine andere Form des ins Verhältnissetzens von verschiedenen Räumen zueinander präsentierte darauf hin Anna Steigemann (TU Berlin). Unter der Überschrift „Spatial Politics in Refugee Accommodations in Berlin“ befasste sie sich mit den alltäglichen Konstitutionen von Räumen und Praktiken des „Homemaking“ von Geflüchteten, die sich in geplanten und zunächst unpersönlichen Unterkünften wiederfinden. Steigemann greift dazu sowohl auf die Forschung des Teilprojektes „Architectures of Asylum“ als auch auf Erhebungen im Rahmen ihrer Habilitation zurück. Dies ermöglicht es ihr, in ihrem Vortrag neben den räumlichen Praktiken innerhalb der Unterkünfte auch auf die Verhältnisse der Flüchtlinge zu umliegenden Nachbarschaften und anderen Migranten außerhalb der Unterkünfte eingehen zu können. In Berlin etwa zeige sich, dass die eigentlichen Prozesse des „Homemaking“ und ein daraus resultierendes Gefühl des Ankommens für die Interviewten nicht in den von ihnen temporär bewohnten Unterkünften stattfinden, sondern vielmehr in einem anderen Umfeld realisiert werden – hier konkret in dem Gebiet rund um die Sonnenallee in Neukölln. Unter anderem spielten dabei bereits seit längerer Zeit in Deutschland lebende Migranten und Migrantinnen eine entscheidende Rolle. Steigemann verknüpfte in ihrem Vortrag daher räumliche Konstitutionen und Prozesse der Vergemeinschaftung. Innerhalb der Unterkünfte ist die Re-Figuration von Räumen vor allem durch die Spannung zwischen den Normen und Anforderungen, welche den Bau der Unterkünfte regulieren und die sich materiell in den physischen Merkmalen der Unterkünfte manifestieren, und den Aneignungen seitens der Flüchtlinge gekennzeichnet. Diese passen die räumlichen und materiellen Gegebenheiten ihren Bedürfnissen, ihren Wünschen und ihren Gewohnheiten an. Geprägt sind diese Umnutzungen von den Vorstellungen der Bewohner, wie ein Zuhause auszusehen, zu funktionieren und was es idealerweise zu ermöglichen habe. Innerhalb der Unterkünfte sieht Steigemann daher einen alltäglich verhandelten Konflikt zwischen „Politics from above“ und „Homemaking from below“. Obgleich sich Veränderungen und ein Umdenken im Design der Unterkünfte durchaus abzeichne, fände nichtsdestotrotz ein beachtlicher Teil des „Ankommens“ von Flüchtlingen außerhalb der Unterkünfte statt. Es sind die umliegenden Nachbarschaften, wie die Sonnenallee, in denen es gelinge einen „sense of belonging“ zu entwickeln, welcher über die temporäre Aneignung von Räumen innerhalb der Unterkünfte hinausgeht. Steigemann verzeichnet hier einen Punkt, der aufmerken lässt: Nicht die als privat erscheinenden Wohnunterkünfte bieten ein Gefühl des Rückzugs und der Ankunft. Es sind vielmehr die (semi-) öffentlichen Räume, die ein Gefühl des Zuhauses vermitteln. Hier gewinnt die Erforschung von Architekturen des Asyls, so Steigemann, durch die Hinzunahme soziologischer Überlegungen zu Praktiken der Gemeinschaftsbildung.

Zum Abschluss schlug die Veranstaltung eine leicht abweichende Richtung ein: Séverine Marguin (TU Berlin) nahm in ihrem Beitrag „Kritische (Miss)verständnisse in der Raumforschung“ weniger räumliche Verhältnisse an sich in den Blick, sondern reflektierte stattdessen die wissenschaftliche Erforschung dieser Bezüge selbst. Dabei ging sie über eine Beschäftigung mit den Schwierigkeiten interdisziplinärer Forschung hinaus, indem sie die Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Kritik im umfassenderen Sinne stellte. Zunächst skizzierte die Wissenschaftsethnografin unterschiedliche Auffassungen von Kritik in den Feldern der Soziologie und der Architektur, bevor sie das Aufeinandertreffen der jeweiligen Kritikbegriffe in der Arbeit des SFBs thematisierte. Obgleich sich die Soziologie als kritische Wissenschaft versteht, sei ihr Verhältnis zur Gesellschaftskritik keineswegs eindeutig. Dies hängt traditionell mit dem Anspruch der Wertefreiheit und der Differenzierung zwischen „Sein und Sollen“ zusammen, welche für die Soziologie als wissenschaftliche Disziplin eine entscheidende Rolle spielt. Gleichzeitig könnten sich aber auch Soziologen und Soziologinnen nicht der eigenen Positionalität entziehen. Innerhalb des soziologischen Diskurses sind, so Marguin, vier verschiedene Auffassungen von Kritik besonderes prominent: 1. Die Position des Kritischen Rationalismus, 2. Kritik als wissenssoziologisch aufgeklärte Gesellschaftskritik und 3. Kritik als konstitutive Aufgabe einer Soziologie, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht nur beschreiben, sondern auch problematisieren soll und Bedingungen eines guten Lebens zu identifizieren und vorzuschlagen habe. Im Gegensatz dazu hege die 4. Position eher einen Verdacht gegen das anscheinend Gute und die Fruchtbarkeit von Kritik. Während also Kritik hier ebenfalls der Problematisierung dient, so verabschiedet sich diese Auffassung doch von dem Glauben, die Soziologie müsse (oder könne überhaupt) nachhaltige Verbesserungsvorschläge unterbreiten. Marguin hob hervor, dass jede Auffassung von Kritik auf einer spezifischen Auffassung von Wissenschaft, ihrer Funktion sowie ihres Verhältnisses zur Gesellschaft beruht – geht es in erster Linie um eine Beschreibung, eine Erklärung, eine Interpretation oder um eine Intervention seitens der Soziologie? Unterschiedliche Auffassungen dieser Art treffen schon innerhalb der soziologischen Zweige des SFBs aufeinander. Noch komplexer gestaltet sich die Situation, tritt das Kritikverständnis von Gestaltungs- und Planungswissenschaften hinzu, die im SFB ebenfalls vertreten sind. In der Architektur, welche Marguin als Beispiel heranzog, wird Kritik häufig in der Aushandlung mit den Bedingungen der praktischen Arbeit geschärft, beispielsweise im Umgang mit Bauherren und Auftraggeberinnen oder staatlichen Regulierungen. Gleichzeitig schränken diese aber auch Freiräume zur Entfaltung von Kritik ein, welche wiederrum in der universitären Beschäftigung mit kritischen Fragen der Architektur – diese betreffen etwa das Verhältnis von Ästhetik und Funktion – gesucht werden. Im Gegensatz zur Soziologie interveniert die Architektur als Praxis zwangsläufig. Wo sie wirkt, verändert sie den Raum. Selbst die theoretischen Überlegungen im universitären Kontext, so Marguin, haben doch zumeist alternative Gestaltungsvorschläge zum Ziel. Diese vielfältigen Kritikauffassungen und mit ihnen einhergehend die unterschiedlichen Vorstellungen der eigenen Rolle als Wissenschaft sind es, welche Marguin als Quelle einiger Missverständnisse in der Zusammenarbeit am SFB identifiziert. Beispielsweise hegten Architekten und Architektinnen gegenüber der Soziologie meist Erwartungen an einen gesellschaftsaufklärerischen Impuls. Dies führt jedoch zu Spannungen, sollten sie dabei auf ein Gegenüber treffen, dessen soziologisches Selbstverständnis von solchen Interventionen und Verbesserungsvorschlägen absieht. Hier zeichnen sich neben unterschiedlichen Auffassungen von Kritik auch divergierende Haltungen zur Diagnose und Prognose (sowie deren Verhältnis) ab. Die Überwindung dieser kritischen Missverständnisse sieht Marguin als beständige Herausforderung der gemeinschaftlichen Forschungsarbeit, aber auch Chance, Neues auszuprobieren und von kritischen Impulsen der verschiedenen Disziplinen zu profitieren.

Die Beiträge der Sonderveranstaltung haben, bei allen thematischen Schnittmengen – etwa hinsichtlich von Fragen des Asyls oder Praktiken der Externalisierung –, doch vielfältige empirische Beispiele und unterschiedliche analytische Zugänge aufgezeigt, die verdeutlicht haben, wie sich die soziale Organisation von Räumen und die räumliche Organisation des Sozialen immer wieder gegenseitig beeinflussen. Der wissensethnografische Abschluss der Sitzung über die Eigenarten in den unterschiedlichen Disziplinen der Raumforschung hat darüber hinaus weitere Anregungen zur theoretischen Reflexion des Sonderforschungsbereichs geboten, die – darauf verwiesen die Reaktionen aus der Zuhörerschaft – durchaus auf ein nachhaltiges Interesse stoßen dürften.

Sektion Arbeits- und Industriesoziologie: Future of Work in the Platform Economy

von Oliver Giering

Digitale Plattformen zur Arbeitsvermittlung mit innovativen Geschäftsmodellen und neuartigen Formen von Arbeitsorganisation beschäftigten seit einigen Jahren zunehmend die (sozialwissenschaftliche) Forschung. Oftmals werden disruptive Entwicklungen und eine umfassende Transformation, stellenweise sogar eine Uberisierung ganzer Organisationsformen proklamiert. Anstelle betrieblicher Arbeitsorganisation mit entsprechendem Regulierungsrahmen, tritt nun die sogenannte Plattformökonomie, die Arbeitsleistung über Plattformen direkt koordiniert oder aber Arbeit im und über das Internet in hohem Maße steuert. Allerdings verbleibt der Begriff der Plattform dabei weitestgehend unscharf und umfasst vielfältige Bereiche, was in einem äußerst heterogenen (empirischen) Forschungsfeld resultiert. Daher widmete sich auch der diesjährige DGS Kongress dem Phänomen der Plattformökonomie und fragte über die Sektion Arbeits- und Industriesoziologie nach der „Future of Work in the Platform Economy“. Die Moderation dieses Panels übernahm dabei Martin Krzywdzinski (WZB).

Zu Beginn präsentierten Juliet Schor (Boston College) und Steven Vallas (Northeastern University) einige Ergebnisse ihrer gegenwärtigen Forschung „Understanding Algorithmic Management: Preliminary Findings from the Boston Study of the Algorithmic Workplace”. Mit einem interdisziplinären Team versuchen die ForscherInnen das algorithmische Management und Mechanismen der Kontrolle über die Beschäftigten auf unterschiedlichen Plattformen zu erforschen. Ihre Forschung mit bisher 70 Interviews steht dabei ganz im Zeichen der COVID-19 Pandemie, da die Interviews vornehmlich in den letzten Monaten stattfanden. Bisher zeichneten sich vor allen Dingen drei wichtige Aspekte ab: Erstens beschleunigen Plattformen die Volatilität des Arbeitsmarktes. Während die Arbeit auf digitalen Plattformen zunächst eine Lösung für Einkommensunsicherheiten war, wird diese mit fortschreitender Zeit zum Grund für eben jene. So komme es zunehmend – auch durch die Pandemie – zu einem Überangebot an verfügbarer Arbeitskraft und damit zu einem starken Wettbewerb zwischen den Beschäftigten, der wiederum in geringeren Verdienstmöglichkeiten resultiert. Die Plattformen reagieren entsprechend mit verstärkten Mechanismen der Kontrolle und Disziplinierung (etwa der Leistung). Zudem zeige sich zweitens, dass es kaum Einheitlichkeit bezüglich der Funktionsweise von Plattformen gäbe, da unterschiedliche Plattformen ganz verschieden auf (neue) Herausforderungen reagieren. Drittens werde Kritik von Seiten der Beschäftigten an den Plattformmechanismen weitaus weniger ausgedrückt als vermutet: Plattformbeschäftigte betonen eher die Flexibilität der Arbeit. Zudem böte die Arbeit auf Plattformen Verdienstmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung oder für Menschen, die andere pflegen. Weiterhin betonten manche Befragte gar das Gefühl etwas Gutes mit ihrer Arbeit für andere Menschen zu tun, besonders in Zeiten der COVID-19 Pandemie. Schor und Vallas berichten zusammenfassend, dass das Narrativ des Endes der Arbeit überzogen sei, sehen aber gleichzeitig die Möglichkeit eines „large scale technological replacement of labor“ in bestimmten Bereichen. Sie kommen deshalb zum Schluss, dass der Fokus wohl künftig eher auf Care-Work und weiteren persönlichen Dienstleistungen liegen wird, die eine Face-to-Face Situation erfordern. Es zeige sich zudem erneut, dass die Mehrheit der Plattformbeschäftigten hauptsächlich nebenberuflich auf digitalen Plattformen arbeite.

Nachfolgend präsentierten Fabian Ferrari und Alessio Berolini (beide Oxford Internet Institute) einige Ergebnisse ihrer Forschung zum Thema: “The Tip of the Iceberg: Migration and Decent Work in Germany’s Platform Economy“. Die beiden Forscher widmeten sich der digitalen, ortsgebundenen Arbeit auf unterschiedlichen Plattformen wie Lieferando, CleverShuttle oder Beutreut.de und erstellten ein Ranking, welches die Fairness der Plattform anhand bestimmter Kriterien bewerten sollte. Für ihre Forschung wurden MigrantInnen in Deutschland befragt. Die Befragten gaben an teils verbesserte Chancen auf dem Arbeitsmarkt über plattformvermittelte Arbeit zu haben, da etwa der Einstellungsprozess vereinfacht (so komme es zu weitaus weniger Bürokratie) und die Arbeit allgemein flexibler sei. Neben einem Plus an Autonomie berichteten die Befragten aber auch von rassistischer oder sexistischer Diskriminierung in Zusammenhang mit der Plattformarbeit. Dennoch kommen die Forscher zu dem Schluss, dass Plattformarbeit grundsätzlich die Möglichkeit für MigrantInnen bereitstelle, Zugang zu Arbeit zu finden.  Sie betten ihre Arbeit jedoch in die generelle Problematik des Beschäftigungssystems ein und so seien die negativen Auswirkungen der Plattformen lediglich symptomatisch in Bezug auf die generelle, problematische Situation von migrantischen ArbeiterInnen in Deutschland abseits von Plattformen. So komme es auf dem Arbeitsmarkt teils zu einer Umgehung des Mindestlohns, zum Ausschluss aus sozialen Sicherungssystemen oder etwa zur Verschleierung von Beschäftigung durch Subunternehmen – all dies ließe sich folgerichtig dann auch auf Plattformen wiederfinden. Ihre Methodik der Bewertung der Fairness von Plattformen, als auch die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und einem entsprechenden Lobbying, könnten helfen, die Bedingungen der Plattformbeschäftigten zu verbessern.

Als dritter Vortragender stellte Heiner Heiland (TU Darmstadt) seine Forschung zu „Worker’s Voice in Platform Labor – Social Composition as Obstacle or Catalyst“ vor. Er untersuchte dazu FahrerInnen von plattformvermittelten Kurierdiensten. Heiland macht dabei die wichtige Anmerkung, dass die Plattformen, die er 2018 und 2019 noch untersuchte, in dieser Form nicht mehr existieren. Foodora und Deliveroo sind so nicht mehr präsent, sondern mittlerweile dominiere Lieferando als Quasimonopol den deutschen Markt. An dieser Stelle ist anzumerken, dass wohl viele ForscherInnen im Feld der Plattformökonomie diese allgemeine Schwierigkeit erleben: die Beständigkeit von Anbietern und Plattformen ist äußerst volatil. Heiland findet in seinem Sample besonders zwei Gruppen von KurierInnen: „Dependents“ und „Messengers“. Während Erstere tatsächlich abhängig vom realisierten Einkommen durch die Plattform sind, sind Letztere eher durch die Subkultur der KurierInnen an der Arbeit interessiert. Die Plattformen bieten vermeintlich freie, aktive, „coole“ und teils auch politische organisierte Arbeit, durch die sich diese Gruppe angesprochen fühlt, wenngleich diese Attribute in der tatsächlichen Arbeit dann kaum erfüllt werden. Dennoch sind es oft genau diese „Messengers“, die politischen Wandel innerhalb der Strukturen anstreben und teils initiieren, aber durch die hohe Fluktuationsrate und ihre vergleichsweise einfache „Exit-Option“ selten daran beteiligt sind, tatsächlich nachhaltige Strukturen zu verwirklichen. Die soziale Zusammensetzung der „Rider“ bietet also über diese Gruppe grundsätzlich Möglichkeiten einer politischen Artikulation – allzu oft scheiden die Personen aber nach kurzer Zeit wieder aus und nachhaltiger Wandel hin zu besseren Arbeitsbedingungen erscheint so kaum möglich.

Zuletzt stellte Sandra Kawalec (IAB Nürnberg) ihre Forschung zum Thema „Crowdwork and Justice Expectations“ vor. Sie untersuchte dazu eine Crowdsourcinginitiative von IBM, als auch die Gerechtigkeitserwartungen von Personen auf Crowdworkplattformen. Kawalec stellt dabei vier Bereiche heraus, die von zahlreichen Personen bezüglich ihrer Erwartungen an Plattformarbeit genannt wurden. Die erste Dimension „Performance-related Justice“ bezieht sich auf die Funktionsweise bestimmter Crowdworkingplattformen. Hierbei zeige sich häufig das Problem, dass nur das beste Ergebnis tatsächlich vergütet wird und alle anderen Einsendungen gänzlich ohne Bezahlung bleiben – obgleich viel Zeit und Arbeit in sie investiert wurde. Probleme hierbei zeigen sich auch in fehlenden, eindeutigen Aufgabenbeschreibungen und objektiven Maßnahmen zur Bewertung der Leistung. Der zweite Bereich widmet sich der „Autonomy“. Befragte berichten, dass sie über eine hohe Selbstbestimmung durch die Crowdwork verfügen und sich besser selbstverwirklichen können. Als dritten Punkt berichten Plattformbeschäftigte von einem Wunsch nach mehr Transparenz bestimmter Arbeitsprozesse und in Bezug auf Kommunikation bei der Arbeit auf Plattformen. Eine Regulierung der Plattformen wird hingegen gleichermaßen nicht unbedingt positiv bewertet, da einige Befragte Risiken sehen, ihre (finanziellen) Vorteile, die sich besonders über Plattformen ergeben, zu verlieren. Als vierten Punkt „Dignity“ äußern die Befragten hohe Erwartungen an eine menschenwürdige Arbeit, die sich nicht immer über Crowdworkplattformen realisieren lassen würden. Teils wird von sehr erniedrigenden Erfahrungen berichtet. Auch in diesem Beispiel zeigen sich vielfältige Auswirkungen, die die Arbeit auf digitalen Plattformen haben kann. Kawalec belegt diese durch entsprechende Zitate aus ihren Interviews in äußerst nachvollziehbarer und interessanter Art und Weise.

Zum Abschluss des Panels fragte Martin Krzywdzinski nach den wichtigsten Herausforderungen und Fragen, die die PanelteilnehmerInnen im Feld der Plattformökonomie sehen. Die Beantwortung dieser Frage offenbarte erneut die Vielfalt und Schwierigkeiten des Feldes, da sich unter dem Begriff der „Plattformökonomie“ nicht nur außerordentlich unterschiedliche Plattformen finden, die unterschiedliche Arbeitsleistungen bieten und Arbeit unterschiedlich organisieren; das Feld unterliegt auch einem ständigen Wandel, sowohl in Bezug auf Markteintritte und –austritte sowie Fusionen, als auch in Bezug auf staatliche Regulierungen, die selbst im Falle einer einzigen Plattform wie Uber, in verschiedenen Ländern oder gar Städten sehr unterschiedlich ausfallen können. Entsprechend vielfältig gestalteten sich auch die Antworten der Vortragenden. So betonte Kawalec, dass die COVID-19 Pandemie auch eine Chance für einige Personen sein könnte, Einkommen zu generieren, allerdings sei die Frage der Fairness der Arbeit außerordentlich relevant. Wer die Akteure sind, die diese schaffen, gelte es zu bestimmen. Gewerkschaften könnten hierbei durchaus hilfreich sein. Heiland hingegen sieht vor allen Dingen das Fehlen von repräsentativen Daten in Bezug auf die Plattformökonomie als Problem an. Zudem bezögen sich die meisten Untersuchungen auf große Städte und westliche Länder, während gerade der ländliche Bereich und Forschung aus dem Globalen Süden – auch im Kontrast zur Stadt und dem Globalen Norden – von großem Interesse wären. Für Ferrari ist besonders der Aspekt der Finanzierung vieler Plattformen von besonderem Interesse: er fragt deshalb, wie lange das Finanzierungsmodell über Venture Capital mit dem Versprechen an eine profitable Zukunft noch aufrechterhalten werden könne, wenn sich doch empirisch zeige, dass kaum eine Plattform auch nach Jahren der Marktaktivität wirklich profitabel sei. Zudem werde deutlich, dass die Plattformen sich über die Zeit – auch durch Regulierung – ändern. Plattformen müssten zunehmend Verantwortung für ihre Beschäftigten übernehmen und sie sollten dabei zeigen, dass sie auch gewillt sind, dies aktiv zu tun. Juliette Schor betonte hingegen abschließend, dass die Forschung sich vornehmlich auf die Perspektive der Beschäftigten fokussiere. Die Seite der Plattformen sei aber auch interessant, möchte man die Analyse der Plattformökonomie vorantreiben. Zudem verliefen die Diskussionen über Regulierungen relativ grundlegend und es bedürfe einer Weiterentwicklung dieser Positionen mit Berücksichtigung der jeweiligen Eigenschaften der Fälle. Vallas fügte hinzu, dass es zudem die jeweiligen Strukturen der Arbeitsmärkte, besonders in Bezug auf „race“ und „gender“, zu berücksichtigen gelte.

Insgesamt lieferte das Panel detaillierte Einblicke in unterschiedliche, teils sehr spezifische Bereiche bestimmter Plattformen, die für die Analyse der Arbeitsorganisation durchaus wertvoll sind. Interessant waren dabei die internationale Zusammensetzung der Vortragenden und das vielschichtige, heterogene Untersuchungsfeld, sowie die jeweiligen Perspektiven auf dieses. Gleichermaßen offenbarte sich aber erneut genau durch diese außerordentliche Vielfalt die Schwierigkeit, Gemeinsamkeiten bei den Untersuchungen zu formulieren, da teils sehr spezielle Plattformen im Fokus der Untersuchungen standen, die jeweils entsprechend spezifische Eigenheiten aufweisen. Verbindend verbleibt daher auch weiterhin der unscharfe Begriff der „Plattform“, der es durch seine Heterogenität und seine ständige Transformation und Wandelbarkeit schwierig macht, gemeinsame und allgemeingültige Ableitungen über die Arbeit auf Plattformen und die Organisation selbiger zu treffen.

Wie in diesem ersten virtuellen DGS Kongress „Berlin“ auftaucht.

von Isabell Stamm

Heute beginnt der 40. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie – und wie so viele Veranstaltungen im Jahr 2020 findet auch dieser digital statt und nicht wie ursprünglich geplant an der TU Berlin. Heute wären also Forschende, Lehrende, Studierende und soziologisch Interessierte über den Ernst-Reuter-Platz entlang der Straße des 17. Juni Kongress-Anmeldestelle geeilt, hätten Joachim Gauck im Schillertheater gelauscht, hätten sich mit Kolleg*Innen in Hörsälen und Seminarräumen zum produktiven Austausch getroffen und wären mit alten und neuen Bekannten Kaffee trinken gegangen. Selbstverständlich hätte es im Laufe der Woche auch eine rauschende Kongress-Party gegeben, Berliner Kultur- und Nachtleben. Zum fünften Mal wäre Berlin dann Schauplatz des DGS-Kongresses gewesen, zum ersten Mal wieder seit über 40 Jahren und zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung. Ein Ereignis auf das sich das lokale Organisationsteam mit viel Engagement vorbereitet hat, dann aber im von der Corona-Pandemie geprägtem Jahr 2020 eine digitale Umordnung des DGS-Kongress notwendig wurde. „Umordnung“ dieses Wort war im Themenpapier des diesjährigen DGS-Kongresses vorausschauend gewählt.

Zu gegebener maßen verklärt nun der Blick auf das, was hätte sein können, den Blick auf das, was nun nicht sein kann, aber ist. Immerhin hatten wir alle in den letzten Monaten reichlich Gelegenheit für virtuelle Begegnungen und haben gelernt diese hinzunehmen, zu gestalten oder gar zu schätzen. Wir lernen unsere Bewertung des virtuellen Formates nicht mehr länger am ständigen Vergleich mit unseren Präsenzerfahrungen zu messen, sondern dieses Format als anders und wertvoll zu akzeptieren und zu gestalten [Carrigan und Elder-Vass 2020]. So richten wir uns für die kommenden Tage in unseren mehr oder weniger privaten Räumen ein und öffnen uns von hier aus der wissenschaftlichen Interaktion mit anderen, zwar in einer geteilten Situation, aber eben an ganz unterschiedlichen physischen Orten. Das kollektive „Wir“ der Teilnehmenden am DGS Kongress entsteht diesmal aus dem virtuellen Austausch der multilokal verteilten Köper der am DGS Teilnehmenden. Und wir sind eben nicht alle in Berlin.

Der erste virtuelle DGS-Kongress ist eine notwendig gewordene Reaktion auf gesellschaftliche Umordnung mit ambivalenten Konsequenzen. Der Umstieg auf ein virtuelles Format verschiebt soziale Ungleichheiten in der Teilnahme am DGS, verändert Praktiken des wissenschaftlichen Diskurses und redefiniert die Konstruktion von Informalität und Vertrautheit unter Teilnehmenden. Der erste virtuelle DGS-Kongress steht insofern symptomatisch für eine „Gesellschaft unter Spannung“ in Zeiten der Covid 19- Pandemie und für die damit verbundenen Anforderungen an die Soziologie, die eben diese Spannungen mit Hochspannung beobachtet, analysiert und einordnet. Im Umgang mit diesen Anforderungen scheint die selbst unter Spannung geratene Soziologie sich mehr denn je aus der Deckung zu wagen. Sie ist präsent in Zeitungsartikeln, Blog-Beiträgen, Pod-Casts, den Social Media, Hackathons und digitalen Veranstaltungsreihen, die das Geschehen fast synchron und öffentlich reflektieren [z.B. die WZB Reihe zur Coronasoziologie]. Diese Reflektionen und Diagnosen finden als Vorträge, Paneldiskussionen und Buchvorstellungen auch Eingang in das Programm des virtuellen DGS Kongress.

Die Eröffnungsveranstaltung heute Abend ist Ausdruck der Umordnung des DGS Kongresses sowie der soziologischen Selbstreflexion darüber. Was einmal an repräsentativen Ort mit repräsentativen Gästen geplant war, fand nun virtuell in (nur) scheinbar kleiner Runde statt. Vor einem Bild des Schillertheaters, mit Anzug und roter Krawatte eröffnete Hubert Knoblauch mit einer feierlichen Ansprache den DGS Kongress. In seiner Rede wird die Wehmut des lokalen Veranstaltungsteams deutlich, den Kongress ins digitale gleiten zu lassen. Es wird jedoch auch Zufriedenheit mit der Themenwahl „Gesellschaft unter Spannung“ laut, die wohl kaum passender auf die aktuellen Umstände zutreffen hätte können. So ist das Programm, obwohl es zu großen Teilen schon vor Beginn der Corona-Pandemie geschnürt wurde, aktuell, spannend und vielfältig. Schließlich verbreitet die Ansprache Vorfreude auf den kollegialen Austausch und das explorieren neuer Formate wie etwa der mittäglichen Verlagskaffeepausen oder einem Kongress-Gesellschaftsspiel. An dieser Stelle schließt Birgit Blättel-Mink, die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, mit ihrer Ansprache an. Sie spricht über die Chance zur Transformation, die sich als prekär und flexibel erweist und einer Soziologie, die eben diese Transformationen zu benennen und analysieren vermag. Blättel-Mink sieht die Soziologie als krisenerprobte Wissenschaft und unterstreicht, was soziologische Perspektivenvielfalt zur Bearbeitung gesellschaftlicher Umordnung zu bieten hat. Daran anschließend erfolgt die Verleihung des Preises für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der öffentlichen Wirksamkeit der Soziologie an Aladin El-Mafaalani mit einer flammenden Laudatio von Anja Weiß, sowie die Verleihung des Thomas A. Herz-Preis für qualitative Sozialforschung an Johannes Becker und Daniel Bultmann mit einer Laudatio von Monika Wohlrab-Sahr. Ohne den gewohnten Applaus bzw. das Klopfen kommt die Eröffnungsveranstaltung „gespenstisch“ leise daher, wie Blättel-Mink formuliert, aber dennoch kraftvoll und zuversichtlich. Den neun auf dem Zoom-Screen zu sehenden Gesichtern lauschten über 500 Interessierte; es lief alles reibungslos und auf den Inhalt fokussiert, so dass die Veranstaltung gar eine halbe Stunde vor Plan endete – sogar nicht typisch für Berlin.

Geht man heute Abend über den Ernst-Reuter-Platz trifft man also eher nicht auf Soziolog*innen. Stattdessen findet man dort einen räumlichen Platzhalter für den DGS Kongress in Form einer Kunstinstallation erbaut aus Bauhaus-Fassadenelementen. Die unter Spannung erfolgte Umordnung von einer Präsenzveranstaltung in Berlin zu einem virtuellen Format, geht mit einer Reihe von weiteren Strategien einher mit dieser räumlichen Verschiebung zu verfahren – und Berlin doch noch im DGS Kongress auftauchen zu lassen: So hat etwa die Künstlerin Stefanie Bürkle eine Serie von Photographien zu Arbeitsstätten und Gebäuden der Technischen Universität Berlin sowie zu Berliner Orten ausgewählt, die als virtuelle Zoom-Hintergründe den Kongressteilnehmern exklusiv während der Konferenz zur Verfügung stehen [download hier]. Die Forschenden, Lehrenden und Studierenden der TU Berlin bieten zahlreiche thematische wie soziale digitale Veranstaltungen für DGS Teilnehmer an. Studierende der TU Berlin verarbeiteten ihre Kongress-Erlebnisse in einem podcast. Und in den nächsten Tagen werden eine Reihe von Institutsmitgliedern diesen Blog bespielen – und wollen damit einen Blick aus Berlin auf das Geschehen ausgewählter virtueller Veranstaltungen werfen:  Oliver Gierig, Nina Meier, Michael Weinhardt, René Tuma, Michael Wetzels und Nele Dittmar werden auf Basis ihrer Veranstaltungsbeobachtungen über die Zukunft der Arbeit in der Plattformökonomie, die Herausforderungen von Crowd Science, Diagnosen über die Corona-Gesellschaft oder die Präsentation des Selbst im digitalen Leben bloggen. All diese Maßnahmen sind als Versuche zu werten, physische Räumlichkeiten und virtuelles Videokonferenzformat, lokalen Perspektiven und multilokalen Diskurs produktiv zu verbinden. Dies ist vor allem aber auch eine Form, die ambivalenten Konsequenzen der notwendig gewordenen Umordnung zu bearbeiten – ganz im Sinne einer „Re-Figuration von Räumen“ wie er im an der TU Berlin angegliederten gleichnamigen SfB erforscht wird [7]. In diesem Sinne – willkommen in Berlin!

Was heißt Systemrelevanz?

Im politischen Diskurs hat sich in der Corona-Krise die Unterscheidung systemrelevanter/nicht-systemrelevanter Berufe hierzulande durchgesetzt. Im Zuge des Lockdowns wurde offensichtlich, welche Berufsgruppen und welche Institutionen unverzichtbar sind, um die Gesellschaft am Laufen zu halten. Im Fokus steht pandemiebedingt der gesamte Gesundheitssektor, von Gesundheitsämtern über Krankenhäuser hin zu stationären und mobilen Pflegediensten. Systemrelevant sind in diesem Sinne alle Bereiche der Daseinsvorsorge, die sogenannte kritische Infrastruktur. Die derzeitige Krise macht die Bedeutung von Infrastrukturen, die normalerweise geräuschlos funktionieren, insofern sichtbar und bestätigt somit umgekehrt die These von Bowker/Leigh Star, dass Infrastrukturen „becomes visible upon breakdown“. Zu den Bereichen der Daseinsvorsorge gehört vorrangig die Lebensmittelversorgung (landwirtschaftliche Erzeugung inkl. Spargelstechen (!), Verarbeitung und Vertrieb sowie der Lebensmittelhandel). Aber auch das Transport- und Verkehrswesen, die Abfallwirtschaft, Informations- und Kommunikationstechnik, Energieversorgung, Sicherheit und Katastrophenschutz wie Polizei und Feuerwehr sowie Post- und Paketzustelldienste zählen dazu [i]. „Was heißt Systemrelevanz?“ weiterlesen