Teilnahme ist nicht gleich Teilhabe

Beobachtungen von der Ad-hoc Gruppe „Citizen Science in der Soziologie: Möglichkeiten und Grenzen“

von Michael Weinhardt und Hannes Wünsche*

Am Freitagvormittag der ersten Kongresswoche wurde das Verhältnis von Citizen Science zur soziologischen Forschungspraxis verhandelt. Citizen Science zeichnen sich durch die aktive Beteiligung von Bürger*Innen am wissenschaftlichen Forschungsprozess aus. Dabei werden bspw. Teilaspekte laufender Forschung (etwa die Codierung von Texten) zur freien Bearbeitung öffentlich zugänglich gemacht und die Ergebnisse gesammelt. Durch die Beteiligung der Bürger*innen soll zum einen das Verständnis für Forschungspraxis und deren Erkenntnisbedingungen gestärkt werden und gleichzeitig die wissenschaftliche Wissensproduktion profitieren, um bspw. schwer zugängliche Datenbestände zu erschließen oder neue Perspektiven zu einzunehmen. Ausgangspunkt der Ad-hoc Gruppe war die Beobachtung, dass in den Sozialwissenschaften, im Gegensatz zu den Naturwissenschaften, Ansätze von Citizen Science bisher kaum verbreitet sind. Ein Ziel der Veranstaltung war es daher, die Gründe der (scheinbar) verhaltenen Aufnahme von Citizen Science in die soziologische Forschungspraxis zu erörtern, etwa ob konzeptionelle, methodologischen oder ethische Gründe dagegensprechen. Das Format entsprach dabei nicht der Struktur herkömmlicher Kongress-Panels, sondern bestand in einer Mischung aus Praxisberichten von insgesamt vier Forschungsprojekten, die mit Citizen Science Elementen arbeiten, sowie einer anschließenden Paneldiskussion zur Reflexion der gegenwärtigen Praxis und zur Erkennung zukünftiger Möglichkeiten. (Das gesamte Programm der Veranstaltung kann hier eingesehen werden: https://tinyurl.com/y9pjckay ). Die Präsentation einer Auswahl von Citizen Science Projekten aus der Soziologie und angrenzenden Fächern sollte dabei zunächst eine vergleichende Perspektive auf die gegenwärtige Praxis ermöglichen, um deren Grenzen und Chancen anschaulich zu machen.

Vier Berichte aus der Forschungspraxis

Isabell Stamm von der TU Berlin stellte das Projekt  „Datenspuren“ – Crowd Science mit didaktischem Anspruch (www.datenkunde.org). Hier wurde Crowd Science explorativ als eine Form digitalen, forschenden Lernens erprobt. Ausgangspunkt war ein forschungspraktisches und methodisches Problem: Es sollten Informationen über Unternehmer*Innen verschiedenen, öffentlich und online verfügbaren Quellen (zum Beispiel Firmenwebseiten, Zeitungsartikel, Registerdaten) recherchiert werden. Die relativ voraussetzungsreiche Aufgabe wurde mittels eines Crowd-Science-Ansatzes mit Studierenden umgesetzt. Dieser Ansatz eignete sich gleichzeitig dazu, für die Besonderheiten digitaler, prozessproduzierter Daten zu sensibilisieren, über ihre Güte und Nutzbarkeit für sozialwissenschaftliche Forschung zu reflektieren, Recherchetechniken zu erlernen und auf diese Weise einen didaktischen Mehrwert für die mitforschenden Studierenden zu generieren. Dabei sollte auf die Passung zu bestehenden Lehrkontexten einerseits und die richtige Balance von Lehr- und Forschungskomponente beim Design der zu erfüllenden Aufgaben andererseits geachtet werden. Technische Hürden ergaben sich bei der Umsetzung der Online-Plattform, da eine fertige Lösung zur Kombination aller erwünschten Elemente – Studierendenverwaltung, Aufgabenzuweisung, Datenspeicherung, Online-Lehre, nicht zur Verfügung stand. Die Motivation zur Teilnahme stellte eine weitere praktische Hürde dar, die zu einer letztendlich zu geringen Zahl an Teilnehmenden führte. Dennoch sollte die Verbindung von Crowd Science und Online-Lehre weitergedacht und –entwickelt werden, etwa durch bessere Integrationsmöglichkeiten in bestehende Lehrformate an Universitäten, aber vielleicht auch an Schulen oder anderen Bildungseinrichtungen. Durch die Zusammenarbeit verschiedener Forschungsgruppen und –Institutionen könnte gleichzeitig der Mehrwert für alle geschaffen werden, bei der die Bildungsinhalte und Forschungsaufgaben modulartig ausgetauscht werden können.

Jan-Peter Voß, ebenfalls vom Institut für Soziologie an der TU Berlin, präsentierte das Projekt „Schmeck! Qualitativ-sensorische ‚Citizen Science‘ zur Praxis und Ästhetik des Essens“ (www.schmeckprojekt.de). Hier wurden ethnomethodologische Methoden mit soziologischer Sinnesforschung im Rahmen einer (pragmatistischen) Methodologie der Wirklichkeitswissenschaft weiter- und zusammengeführt werden. Wie findet sinnliches Erleben beim Essen statt? Und wie kann das eigentlich beobachtet werden? Vorgestellt wurde das Vorgehen zur Entwicklung einer „Gustografie“ als einer Methode zur Beobachtung des ästhetischen Erlebens beim Essen. Als „grounded methods“ wurde die wissenschaftliche Methode abduktiv aus den Ethnomethoden und unter Mitwirkung eines Teams von rund 20 Alltagsexpert*innen aus deren Alltagspraxis heraus entwickelt. Die Teilnehmer*Innen am Schmeck-Experiment wurden gebeten, ihre sinnlichen Empfindungen beim Schmecken schriftlich festzuhalten. Daraus wurden im Anschluss Beobachtungsprotokolle destilliert, die im weiteren Schmeck-Runden zur Festhaltung der Geschmacksempfindungen dienen konnten. Gemäß der Selbsteinschätzung handelt es sich hierbei um einen neuen, radikalen Typus von Citizen Science, bei dem auch die Entwicklung der Methodologie selbst zusammen mit Laienforscher*Innen vorangetrieben wird.

Christoph Richter aus dem Bereich Medienpädagogik / Bildungsinformatik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel stellte das „Onlinelabor für Digitale Kulturelle Bildung“ vor, dass dort unter der Leitung von Heidrun Allert durchgeführt wird (https://digitalekultur.medienpaedagogik.uni-kiel.de). Untersucht wird hier Produktion ästhetischer Artikulationen im Rahmen digitaler Alltagspraktiken und die Nutzung sozialer Medien durch unterschiedliche Altersgruppen als einen kulturellen Bildungsraum.  Dabei ging es auch um methodische Fragen, konkret um die partizipative Entwicklung neuer Interaktionsformate mit Bürger*innen, um Bildungs- und Forschungsprozesse produktiv miteinander verschränken. Dafür wurden „cultural probes“ erstellt, die als Impulse die Teilnehmenden zu einer Reflektion auf die eigenen Praktiken der Wahrnehmung veranlassen sollten. Forschung und Bildung werden auf dieser Ebene aktiv miteinander verbunden. Bei der Umsetzung des Forschungsdesigns ergaben sich praktische Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Mitwirkenden, ein Problem, dass auch in den anderen Projekten auftrat. So nahmen kaum Einzelpersonen teil, die Teilnahme schien als Gruppenkonstellation einfacher zu sein. Die Selbstelektion der Teilnehmenden führte zu der Frage, wie mehr Inklusion möglich ist, bspw. für Gruppen ohne akademischen Hintergrund. Dafür ist auch die Frage entscheidend, wie niedrigschwellig Beteiligungsformen sein können, um nicht abzuschrecken. Interessant war auch der berichtete Umstand, dass projektbeteiligten „Laien“ ja extra als Expert*Innen der eigenen Alltagspraxis gefragt waren, ihr Wissen und ihre Erfahrungen beizutragen, diesen Expert*Innen-Status oft aber direkt an die „professionellen“ Forscher*Innen zurückübertrugen und sich wünschten, die eigenen Erfahrungen erklärt zu bekommen.

Im Projekt SMiLE (https://smile.univie.ac.at), präsentiert von Raphaela Kogler und Ulrike Zartler des Instituts für Soziologie der Universität Wien, ging es schließlich darum, Scheidung mithilfe von Illustrationen partizipativ mit Kindern sowie deren Lehrpersonen und Eltern zu erforschen. Ziel des Projektes war es, mehr über Konzepte elterlicher Trennung sowie entsprechende Kommunikationsprozesse unter Gleichaltrigen herauszufinden. Dafür wurde eigens in Zusammenarbeit mit Kindern eine Methode entwickelt, die für Kindheitsforschung nutzbar gemacht werden kann. „Concept Cartoons“ sind eine ursprünglich didaktische Technik die hier als sozialwissenschaftliches Forschungsstimulanz methodische Verwendung finden sollte. Es wurden themenspezifische Concept Cartoons in Gruppendiskussionen mit insgesamt 60 Kindern im Rahmen von 4 Forschungswerkstätten entwickelt. Anhand dieser Cartoons diskutierten Kinder über ein Thema, ohne einen eigenen Standpunkt offen legen zu müssen – sie übernehmen die Rolle einzelner Cartoon-Figuren, die für verschiedene Standpunkte stehen können. Außerdem wurden Informationsmaterialien gemeinsam mit Lehrpersonen, Eltern und interessierten im Rahmen von Diskussions-Werkstätten entworfen. Ein großes Thema in diesem Projekt war die ethischen Gesichtspunkte der Beteiligung der Kinder im Projekt. So galt es die Identität und Anonymität der beteiligten Kinder zu wahren (Stichwort: Triple Informed Consent), die allerdings ihrerseits häufig gerne gesehen hätten, dass der eigene Forschungsbeitrag auch namentlich gewürdigt wird. Zudem handelte es sich um ein ressourcenintensives Forschungsdesign, das im Spannungsfeld zwischen Kindern, Eltern und Schule viel Zeit, methodisches Know-How und pädagogisches Geschick erforderte. Die Beteiligung von Kindern in Datenanalyse bleibt dabei eine Herausforderung. Gleichzeitig zeigte das Projekt, das Ko-Forschen auch unabhängig von Wissensstand und eigenen biographischen Erfahrungen möglich ist. Mit der entwickelten Methode ist möglich, neben der Erweiterung der Methoden der partizipativen Kindheitsforschung, Kinderrechte stärken, indem Kindern eine Stimme gegeben wird.

Die vorgestellten Projekte erlaubten einen Einblick, wie tiefgehend und umfassend die Einbindung von Laienforscher*innen in die Forschungspraxis gelingen kann. Die Beiträge zeigten dabei eine große Bandbreite an Zugängen, Verwendungsweisen und methodischer Innovationen im Rahmen der gegenwärtigen Praxis von Citizen Science. Dabei war es auffallend zu sehen, wie sehr dabei die Weiterentwicklung bestehender Methoden integrativer Bestandteil der Projekte war, auch und gerade unter Einbeziehung nicht-professionell Forschender. Ein wiederkehrendes Thema war jedoch auch die Frage, wie Freiwillige für eine solche Forschung gewonnen werden können und wie diese danach für Teilnahme auch über einen längeren Zeitraum hinweg motiviert werden können.

 Reflexion begrifflicher Grundlagen und die wissenschaftssoziologische Perspektive

Im Rahmen der Podiumsdiskussion wurde dann ein Perspektivenwechsel vollzogen: von der Ebene der konkreten wissenschaftlichen Praxis zur globalen Fragen der Methodologie, aber auch der gesellschaftlichen Bedeutung von Citizen Science in der Soziologie. Die Moderation übernahm Sophie Mützel (Universität Luzern), im virtuellen Panel saßen Sascha Dickel (Universität Mainz), Martina Franzen (Kulturwissenschaftliches Institut Essen), Maike Weißpflug (Naturkundemuseum Berlin) sowie Hella von Unger (LMU München). In diesem Rahmen konnte kritisch erörtert werden, was Citizen Science für Soziologie, Wissenschaft und Gesellschaft bedeuten bzw. auf welchen Ebenen die Einbindung von bürgerwissenschaftlichen Elementen in den soziologischen Forschungsprozess am meisten Erfolg verspricht.

Martina Franzen verließ direkt die „Frosch“-Perspektive der praktischen Ebene, um nun aus der Vogelperspektive mit einem wissenschaftssoziologischen Blick auf das Verhältnis von Wissenschaft, Gesellschaft und Öffentlichkeit zu schauen. Gemäß den Proponenten von Citizen Science bietet diese Chancen der Öffentlichkeit die Praxis der Wissenschaft näher zu bringen und für mehr Glaubwürdigkeit und Verständnis zu sorgen. Die Öffentlichkeit kann dadurch ein besseres Verständnis dafür erlangen, wie Wissenschaft funktioniert und mehr Wertschätzung unter wissenschaftlichen „Laien“ gegenüber der wissenschaftlichen Praxis generieren. Im Anschluss daran, sieht Sascha Dickel Citizen Science direkt zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik, somit im Feld der Soziologie, lokalisiert. Diese Lage macht Citizen Science zu einem interessanten Forschungsgegenstand, um auf das Verhältnis dieser gesellschaftlichen Teilbereiche untereinander zu reflektieren.

Freiwillige oder Citizens?

Jenseits dieser Makro-Perspektive stieß die Diskussion jedoch immer wieder auch auf begriffliche und definitorische Fragen (etwas, das ganz regelmäßig in Veranstaltungen zu Citizen Science passiert, wie Sascha Dickel feststellte). So kann Citizen Science zwar ganz grob als Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Nicht-Wissenschaftlern zum Zweck der wissenschaftlichen Erkenntnisproduktion beschrieben werden, der Teufel steckt jedoch auf vielerlei Weise im Detail. Der Teilbegriff „Citizen“ bzw. Bürger*Innen ist bereits höchst voraussetzungsvoll und mit einer ganzen Reihe von Erwartungen normativ aufgeladen. Diese Normativität des Begriffs liegt dabei durchaus im Sinne der Erfinder*innen, wie Martina Franzen erklärte, indem Sie auf die drei ursprünglichen Ziele und Versprechen der frühen Citizen Science verwies. Dazu gehören der Anspruch, der allgemeinen Öffentlichkeit die Praxis der Wissenschaft vermitteln und durch diese Einblicke in die Praxis eine neue Nähe zwischen Wissenschaft und außerwissenschaftlichen Bereichen herzustellen. Diese „Demokratisierung der Wissenschaften“ umfasst auch die Zunahme von „scientific literacy“ unter den Laien der Forschung. Diese frühen Hoffnungen mögen eine allzu idealistische Hoffnung sein. Gleichzeitig ist aber auch klar, dass in Zeiten „alternativer Fakten“ und der weiten Verbreitung von Verschwörungstheorien dem Verständnis der Grundlagen von Wissenschaft eine politische Bedeutung zuwächst. Jan-Peter Voss ergänzte, dass der Begriff noch auf andere Weise politisch verstanden werden kann. Insofern Politik und Gesellschaft auch durch kollektive, geteilte Realitätsdeutungen konstituiert werden, können Bürger*Innen auch als „Wissens“-Bürger*Innen verstanden werden. Hier wird die Rolle der Teilhabe an kollektive Wissensordnungen für das Leben aller Beteiligten direkt relevant. Martina Franzen verwies weiterhin darauf, dass aufgrund dieser normativen Aufladung der Citizen-Begriff auch nicht unumstritten ist, selbst innerhalb der Citizen Science-Community. Während es begriffliche Alternativen denkbar sind (bspw. Freiwillige, Ehrenamtliche oder Mitforschende), sind Citizen Science eben nicht nur eine neutrale, geteilte Praxis von Forschenden oder Bürger*Innen, sondern gleichzeitig auch politisch gewollt und wissenschaftspolitisch gefördert. Gleichzeitig führt diese politische Komponente auch zu Fragen der Inklusion – welche Bevölkerungsgruppen letztendlich tatsächlich beitragen und welche ausgeschlossen bleiben.

Damit rückte eine weitere zentrale begriffliche Baustelle des Citizen Science Begriffs in den Fokus: Der Begriff der Partizipation und die Frage, inwieweit eine solche in der gängigen Citizen Science Praxis gegeben ist bzw. sein kann. Einigkeit bestand bei allen Diskussionsteilnehmer*innen darin, dass ein Mindestmaß an Einbeziehung gegeben sein muss, das über die Beantwortung von Fragen in standardisierten Fragebögen hinausgeht. Hella von Unger verwies darauf, dass Beteiligungsformen ganz unterschiedlich ausfallen, und dass bloße Teilnahme an wissenschaftlichen Praktiken noch nicht Teilhabe an solcher bedeutet, im Sinne eines Aushandelns der wissenschaftlichen Vorgehensweise auf Augenhöhe mit Praxispartnern und Ko-Forschenden. Sie berichtete aus ihrer eigenen Forschungspraxis mit benachteiligten Gruppen im Bereich der Gesundheitsforschung. Im ersten Schritt wird hier zunächst der Kontakt zu solchen Gruppen aufgenommen, deren Benachteiligung es im partizipativen Forschungsprozess zu erforschen und auch zu verändern gilt.  Am Anfang des Prozesses steht damit keine vorformulierte Forschungsfrage, sondern die Ermittlung der lebensweltlichen Bedarfe der „Zielgruppe“. Dadurch werden diese zu Ko-Forschenden und aktiv in die gesamte Planung des Forschungsprozesses einbezogen. Ein solches Vorgehen erfordert jedoch ein hohes Maß an Flexibilität und Offenheit. Aufgrund dieser prinzipiellen Offenheit kann es aber gleichzeitig schwierig sein, den Bedürfnissen wissenschaftlicher Methodenlogik zu entsprechen. Im Gegensatz zu solchen partizipativen Ansätzen der Forschung verbleibt das „epistemologische Primat, wie es Sascha Dickel formulierte,“ in der Citizen Science bei den beteiligten Wissenschaftler*innen. Die Partizipation wird hier nicht auf die letztendlich zugrundliegende wissenschaftliche Vorgehensweise, wie etwa das Design der Studie, ausgedehnt. Damit ist auch die Trennungslinie zwischen Citizen Science und „echter“ partizipativer Sozialforschung in ihren unterschiedlichen Ausprägungen markiert. Es lässt sich auf diese Weise immerhin bestimmen, was Citizen Science nicht ist.

Citizen Science: Ein unabgeschlossener Begriff

Trotz dieser begrifflichen Auftrennung sprach sich Maike Weißpflug gegen einen zu engen definitorischen Begriff von Citizen Science aus, der innovative Formen in der Kooperation zwischen Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft ausschließen würde. Sie betonte, dass Citizen Science eine breite Praxis ist und plädierte für eine „Praxis des Ausprobierens“. Auch scheinbar „simples“ Datensammeln durch Freiwillige findet immer in komplexen, sozialen Umwelten statt und kann in unterschiedlichen Kontexten ganz unterschiedliche Bedeutungen annehmen und Herausforderungen generieren (und sogar hochpolitisch sein, wenn es sich bspw. um sensitive Daten handelt). Die gegenwärtigen globalen Herausforderungen erfordern eine offene wissenschaftliche Praxis jenseits von interdisziplinären Grenzen, auch und gerade unter Einbeziehung außerwissenschaftlicher Perspektiven. Sascha Dickel merkte an, „Citizen Science“ nicht als analytischen Begriff etwa im Rahmen einer wissenschaftssoziologischen Untersuchung zu verwenden, sondern immer mitzudenken, dass es sich bei diesem Begriff um eine Selbstbeschreibung aktiv Forschender handelt, die damit gleichzeitig forschungspragmatische und – politische Ziele verfolgen. Jan Peter Voß pflichtete dem bei. Citizen Science ist für ihn ein „Umbrella-Term“, der in der wissenschaftspolitischen Landschaft eine eigene Dynamik entwickelt hat und wissenschaftspolitische Steuerungswirkung entfaltet, aber gleichzeitig inhaltlich unbestimmt, zumindest unterdeteminiert bleibt. Diese Unschärfe ermöglicht den Forschenden jedoch gleichzeitig, den Begriff nach eigenen Ideen auszugestalten, mit Leben zu füllen und unterhalb dieses Schirms innovative Forschungsdesigns zu realisieren.

Potenziale einer Integration von Citizen Science in die soziologische Forschungspraxis

Im Abschluss der Diskussion bestand Einigkeit darin, dass Citizen Science wichtige Potentiale birgt: zum einen aus einer allgemeinen Perspektive, in dem Sinn, dass das öffentliche Verständnis für Wissenschaft gestärkt werden kann (Wie funktioniert Wissenschaft? Welche Ansprüche an Wahrheit kann man haben?). Zum anderen aus der Perspektive der Wissenschaftler*Innen, die neues Wissen generieren möchten. Ein weiteres Potenzial von Citizen Science liegt in der Irritation bestehender wissenschaftlicher Praktiken und der damit verbundenen Chance, überhaupt erst auf überraschende, neue Einsichten zu stoßen. Martina Franzen verwies in diesem Zusammenhang auf den Wissenschaftsphilosophen Peter Finke, der eben aufgrund der bürokratischen Trockenlegung akademischer Phantasie die Hinzuziehung von Laienforschern als erkenntnisfördernd ansieht. Maike Weißpflug verwies ebenfalls auf die epistemische Aufwertung des Wissens der Beteiligten außerhalb des professionellen Wissenschaftsbetriebs. Hier wird viel Kreativität freigesetzt, wodurch die Erhebung empirischen Materials und die Theoriebildung gefördert werden kann.  Sascha Dickel beschrieb schließlich, wie dieses Potential zur Innovation auch seiner eigenen Forschungserfahrung entspricht: Durch die Zusammenarbeit mit Nicht-Wissenschaftlern passieren unerwartete Dinge, die letztlich aber zu neuen Erkenntnissen führen. So entsteht durch die Verwendung von Citizen Science Ansätzen in der Regel entweder mehr empirisches Material (durch die Beiträge Freiwilliger) oder andersartiges Material und neue Denkanstöße und im Idealfall alles zusammen. Hella von Unger betonte noch einmal, dass trotz aller methodischer und begrifflicher Offenheit die eigene methodologische Verortung gründlich sein muss, um an die bestehenden Methodendiskurse kompetent anschließen zu können. Dafür müssen die begrifflichen Trennungen klar sein, wie etwa die zwischen Citizen Science und partizipativer Sozialforschung. Damit war schließlich die Frage berührt, wie die Wissenschaftlichkeit des Forschens bei aller Offenheit und Mitgestaltungspotentialen verbürgt und sichergestellt werden kann. Gleichzeitig war aber auch die das zeitliche Ende des Panels erreicht. Die Frage der methodischen Kontrolle bzw. Kontrolliertheit von Citizen Science bleibt damit der weiteren Diskussion vorbehalten.

*Hannes Wünsche ist Doktorand am Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft sowie am Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme (FOKUS).

Wir danken Marie Gutzeit für ihre wertvollen Beobachtungen währen der Session, die uns bei der Erstellung dieses Blogs sehr geholfen haben.

Ad Hoc-Gruppe: Selbständiger Erwerb im digitalen Kapitalismus und seine Einbettung in Markt, Haushalt und Kultur am 21.9.2020

von Nele Dittmar

Aufhänger für die Ad Hoc-Gruppe „Selbständiger Erwerb im digitalen Kapitalismus“ auf dem DGS-Kongress war die Frage, ob und wie sich das Spannungsverhältnis zwischen Autonomie (z.B. von Vorgesetzten) und Abhängigkeiten (z.B. von Marktzwängen), das für solo-selbstständige Erwerbsarbeit prägend ist, im „digitalen Kapitalismus“ verändert. Welche Rolle spielen die großen Plattformunternehmen, die mit Philipp Staab als „proprietäre Märkte“ begriffen werden können? Welchen Einfluss haben Formen und Techniken der Arbeitsorganisation, die mit dem Begriff „digitaler Taylorismus“ belegt werden? Dabei sollte Selbstständigkeit (bzw. im Kontext der Ad hoc-Gruppe: Solo-Selbstständigkeit) aber nicht nur als eingebettet in den Markt oder in Märkte, sondern auch in „Kultur“ und „Haushalt“ begriffen werden. Entsprechend wurden die sechs Vorträge der Session gruppiert.

Zunächst setzte sich Christopher Grieser von der TU Berlin mit dem Begriff der „Plattform“ auseinander. In der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion ist der Plattformbegriff zwar allgegenwärtig, er bleibt jedoch theoretisch unzureichend ausgearbeitet. Es lassen sich zwei Stränge in der Forschung identifizieren, in denen einerseits Plattformen als Markt-Intermediäre gesehen werden, andererseits als technische Infrastruktur. Ausgehend von der empirischen Beobachtung, dass Plattformen immer weniger nur als eine dieser beiden Varianten auftreten, entwickelte Grieser seinen eigenen Begriff von Plattformen als infrastrukturzentrierte, zentral organisierte Märkte. Dabei wird die Infrastruktur durch die Plattform kontrolliert und deren Nutzung ist zentral für die Marktteilnahme. Als Infrastruktur werden kollektiv nutzbare, sozio-technische Ressourcen verstanden. Die Integration der Dimensionen „Markt“ und „Infrastruktur“ erlaubt es, verschiedene Plattformen mit einem Konzept in den Blick zu bekommen und in einem Koordinatensystem gemäß dem Grad der Infrastrukturorientierung und dem Grad der Marktorganisation einzuordnen. Sei beides besonders stark ausgeprägt, komme das in den Blick, was Staab als „proprietärer Markt“ bezeichnet. Als letztes beleuchtete Grieser Implikationen für selbstständige Erwerbsarbeit auf Plattformen in den beiden Dimensionen „Markt“ und „Infrastruktur“. „Plattformarbeit“ biete niedrige Einstiegshürden (aufgrund geringer Transaktionskosten und dem Zugang zu sozio-technischen Ressourcen), führe zu einer Homogenisierung von Kreativ-Erzeugnissen (über algorithmisch erzeugte Bewertungen und eine vereinheitlichende Tendenz der Technik) und verringere die Autonomie Selbstständiger durch mehrfache Plattformabhängigkeit (aufgrund der Nachfrageaggregation durch Plattformen und der Abhängigkeit von Plattformressourcen).

Im zweiten Vortrag beleuchteten Dominik Klaus (Universität Wien) und Johanna Hofbauer (Wirtschaftsuniversität Wien) ein neu entstehendes „digitales“ Tätigkeitsfeld: die virtuelle Assistenz. Eine virtuelle Assistenz bietet – selbst solo-selbstständig – organisatorische und administrative Dienstleistungen (z.B. E-Mails sortieren, Präsentationen vorbereiten) für fast ausschließlich ebenfalls solo-selbstständige Kund*innen an. Bei der virtuellen Assistenz handelt es sich um ein feminisiertes Arbeitsfeld, oft wird die Tätigkeit als Neben- oder Brückentätigkeit ausgeführt und noch besteht ein unklares Kompetenzprofil. Wie bei anderen selbstständigen Tätigkeiten gestaltet sich z.B. die Grenzziehung zwischen „Arbeit“ und „Leben“ schwierig. Klaus und Hofbauer beschrieben das neue Feld anhand einer ersten Typisierung der Arbeitenden: virtuelle Assistenzen des ersten Typs – „reisend arbeiten“ – verdienen sich quasi am Strand ein wenig dazu. „Vereinbarkeitsorientiert arbeiten“ vor allem Mütter mit Sorgeverpflichtungen. „Karriereorientiert arbeiten“ schließlich diejenigen, die mit einer höheren Arbeitsauslastung und eigenen Spezialisierungen arbeiten, sowie ihrerseits schon „Ausbildungsangebote“ für virtuelle Assistenzen anbieten. Innerhalb des Feldes lassen sich – mit Blick auf die gebildeten Typen – Distinktionsversuche beobachten, die vor dem Hintergrund von Befürchtungen einer Entwertung des „Berufs“ und einer verstärkten Preiskonkurrenz zu sehen sind.

Die nächsten beiden Beiträge thematisierten unterschiedliche Formen der Solo-Selbstständigkeit im Online-Raum, bei denen insbesondere Entgrenzung und Grenzziehungen zwischen „Öffentlichem“ und „Privatem“ eine Rolle spielen. Fabian Hoose und Sophie Rosenbohm vom IAQ an der Universität Duisburg-Essen beschäftigten sich mit der digitalen Solo-Selbstständigkeit von (Video-)Blogger*innen. Sie gingen insbesondere den Fragen nach, welche Motive für und Ansprüche an ihre Tätigkeit (Video-)Blogger formulieren und ob bzw. wie Plattformregeln ihre Arbeitspraktiken beeinflussen. Als Antriebsfedern, der Tätigkeit zum Erwerb nachzugehen, sehen die Blogger*innen die Möglichkeit, selbstbestimmt und ohne Chef*in zu arbeiten, einer kreativen Tätigkeit nachzugehen und etwas für eine Community zu tun, die auch direkt Feedback gibt. Diesen Motiven der individuellen Freiheit und Selbstverwirklichung stehen allerdings Abhängigkeiten gegenüber: einerseits sind auch die (Video-)Blogger*innen mit den „klassischen“ Herausforderungen Solo-Selbstständiger konfrontiert, wie der Entgrenzung von Arbeit und Leben und fehlender sozialer Absicherung. Hinzu kommen spezifische Abhängigkeiten durch Plattformen und ihre Algorithmen. Beispielsweise zwingen die Empfehlungsmechanismen auf Plattformen dazu, „Inhaltskonjunkturen“ zu befolgen und sie verlangen regelmäßige Aktivität. Hinzu kommen Ansprüche der „Community“, die zum Beispiel die permanente Verfügbarkeit „ihrer“ Blogger*innen erwartet, und eine schwierige Grenzziehung zwischen dem, was öffentlich gemacht wird und dem, was privat bleiben soll. Um diesen Abhängigkeiten zu entkommen, so ein Fazit der Präsentierenden, sehen einige (Video-)Blogger*innen ihre Tätigkeit nur als Ausgangspunkt für eine Weiterentwicklung ihrer Selbstständigkeit.

Der zweite Vortrag in diesem Block von Simone Schneider (University of Cambridge) befasste sich mit der digitalen Solo-Selbstständigkeit von „adult webcam performers“. Hierbei geht es um die Arbeit meist weiblicher Sexarbeiter*innen im Internet, angeboten auf Plattformen, die für ihre Vermittlungsleistung einen (recht großen) Teil der Einnahmen der Sexarbeiter*innen erhalten. Diese Arbeit ist prekär, zum Beispiel aufgrund wechselnden Einkommens, die Sexarbeiter*innen werden aber insbesondere mit dem Versprechen großer Autonomie bei der Arbeit geworben. Schneider arbeitete in ihrem Vortrag die Grenzziehungsarbeit der Sexarbeiter*innen um die Aspekte „intimacy“ und „authenticity“ heraus. Beides werde von den Kund*innen eingefordert, so dass die Sexarbeiter*innen vermitteln müssten, ihre Tätigkeit gerade nicht als Arbeit zu verstehen, auch wenn sie selbst davon leben. Gleichzeitig versuchen sie die Grenze zu ihrem Privatleben aufrechtzuerhalten bzw. in ständiger Grenzarbeit neu zu ziehen. Besonderheiten der digitalen Sexarbeit sieht Schneider insbesondere in dieser Dynamik der Grenzarbeit und der Online-Offline-Grenze. Intimität und Authentizität können „angeboten“ werden, solange sie im Online-Raum verbleiben. Dieses Angebot birgt aber gleichzeitig die Gefahr, dass die Kund*innen ihrerseits versuchen, die Online-Offline-Grenze zu durchbrechen. Ein Risiko, für dessen Management die Sexarbeiter*innen selbst verantwortlich sind. Neben mangelnder Unterstützung seitens der Plattformen seien die „digitalen“ Sexarbeiter*innen im Gegensatz zu „analogen“ besonders vereinzelt.

Die letzten beiden Vorträge befassten sich – so könnte man zusammenfassen – mit Integration und Teilhabe über plattformvermittelte Arbeit. Iris Nowak und Wiebke Frieß von der Universität Hamburg stellten erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt zum Thema „Teilhabe durch Crowdworking“ vor. Das Projekt geht der Frage nach, wie Personen mit erschwerter Partizipation am Erwerbsleben – konkret: Menschen mit Beeinträchtigungen, Sorgeverpflichtungen und aus strukturschwachen Regionen – über Crowdwork Teilhabechancen eröffnet werden könnten. Crowdwork wird als komplett online erbrachte Tätigkeit definiert. Obwohl verschiedene Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, lässt sich sagen, dass Crowdwork zurzeit in Deutschland noch nicht sehr verbreitet ist. Darüber hinaus gibt es kaum Studien zu Crowdwork und Menschen mit geringeren Partizipationsmöglichkeiten am Erwerbsleben. Es lassen sich aber einigen Annahmen formulieren, inwiefern Crowdwork für diese Menschen Chancen auf Teilhabe bietet: beispielsweise durch die Flexibilität von Ort und Zeit bei Crowdwork, den Wegfall des Arbeitswegs, die Nicht-Sichtbarkeit des Körpers oder die nicht-verbale Kommunikation. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass diese theoretischen Vorteile so nicht zum Tragen kommen. Es bestehen zum Beispiel technische Zugangs- und Nutzungshürden und die große Flexibilität der Arbeit ist beispielweise nicht vorteilhaft für viele Menschen mit psychischen Einschränkungen. Die Präsentierenden folgern, dass auch Crowdwork strukturell an einer/m gesunden „Normalarbeiter*in“ ohne Sorgeverpflichtung orientiert sei. Gleichzeitig zeigen erste Erhebungen des Projekts, dass insb. Menschen mit Beeinträchtigungen beim Crowdwork überrepräsentiert sind und auch ihre Beeinträchtigung als Grund für ihre Tätigkeit „in der Crowd“ angeben.

Als letzte präsentierte Jasmin Schreyer von der Universität Stuttgart ihre Ergebnisse aus Untersuchungen im Bereich der Essenlieferdienste. In ihrem Vortrag „Solo-selbstständige Erwerbsarbeit: Monopole versus Kooperative“ verglich sie die Plattform Foodora (mittlerweile in Lieferando aufgegangen) mit der Kurier-Kooperative „Crow“. Den Grundprinzipien von Plattformorganisationen (Organisation, Partizipation, Technik) stellte sie die Grundprinzipien von Kooperativen gegenüber. Dem Prinzip der Identität gemäß sind die Arbeitenden auch die Eigentümer. Das Prinzip Demokratie wird verwirklicht über den Grundsatz: ein Mitglied – eine Stimme. Das Prinzip „Förderung/Subsistenz“ zielt auf ein Einkommen zur Reproduktionssicherung. Ein großer Unterschied zwischen Foodora/Lieferando und der Kooperative ist in der Rolle der Technik zu sehen. Während im ersten Fall Technik als Macht- und Disziplinierungsinstrument eingesetzt wird und die Kommunikation mit den „Riders“ (fast) ausschließlich digital abläuft, bildet die App im Falle der Kooperative nicht den zentralen Koordinationsmechanismus, vielmehr wird diese menschlichen Dispatchern überlassen. Außerdem wird im Fall der Kooperative das Risiko der Erwerbsarbeit zum Teil wieder von den einzelnen Riders in das Kollektiv verlagert, was aber auch mit dem Druck einhergeht, sich dort ständig aktiv einzubringen. Damit zeigte sich auch bei diesem Beispiel „digitaler“ Solo-Selbstständigkeit die Problematik (die im Feld aber nicht als solche empfunden wird) der Verwischung der Grenze zwischen Arbeit und Leben. In der Diskussion zu beiden Beiträgen wurde aufgeworfen, dass das integrative Prinzip der Kooperative selbst ausschließend wirken kann, weil Menschen mit anderen Verpflichtungen (z.B. Sorge für andere) die Teilhabe daran erschwert sein könnte.

Abschließend strich Isabell Stamm drei Konfliktlinien heraus, die selbstständige Erwerbsarbeit im digitalen Kapitalismus zu prägen scheinen: Autonomie steht besonderen Abhängigkeiten gegenüber, in vielen Fällen steht die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit unter (Aushandlungs-)Druck und den an „gute Arbeit“ gestellten Ansprüchen und Erwartungen steht oft Prekarität gegenüber.

Die Ad Hoc-Gruppe „Selbstständiger Erwerb im digitalen Kapitalismus“ wurde organisiert von Andrea Bührmann, Lena Schürmann und Isabell Stamm und war eine Veranstaltung des Arbeitskreises „Die Arbeit der Selbstständigen“ der DGS-Sektion Arbeits- und Industriesoziologie.

The Presentation of Self in Digital Life

von Michael Wetzels

Es scheint sich wieder einmal, wenn auf die Ereignisse diesen Jahres geblickt wird, die Aktualität von Erving Goffmans berühmter Frage „What is it that‘s going on here?“[i] zu bestätigen. Allerdings hätte auch er nicht die beinahe schwindelerregende Dynamik vorausgesehen, welche eine ‚Gesellschaft unter Spannung‘ auszeichnet. Denn nicht nur die „Weltgesellschaft“[ii], sondern auch die DGS steht auf diesem digitalen Kongress unter ‚Spannung‘. Die Corona-Pandemie deckt wie keine andere „Singularität“[iii] der letzten Jahre die Brüchigkeit und Routinen auf, welche sich in das universitäre Leben eingebrannt haben. Ein digitaler Kongress mag zunächst wie ein Segen klingen. Statt Kaffee vom Buffet nun Genuss aus der hauseigenen Kanne, kein frühes Aufstehen und Rennen zum nächsten Seminarraum, alles digital, alles entspannt. Wirklich? Weit gefehlt. Denn in Routinen sind auch die Formen eingelassen, welche wir als Soziolog*innen nur zu gut kennen, nämlich wissenschaftliche Inszenierungen des Selbst. War vorher noch der Auftritt vor und in einem lokalen Livepublikum Teil solcher Inszenierungsstrategien, wechselt diese Form nun auch vom Analogen ins Digitale.

Für mich als Ethnographen ist dieser Umstand höchstinteressant. Denn was macht nun solch eine räumliche „Not-Ordnung“[iv] mit der Inszenierung von Sozialwissenschaftler*innen? Interessant war dabei ein Satz der DGS-Vorsitzenden, Birgit Blättel-Mink, den Vortragenden Toleranz und Aufmerksamkeit in den Videoformaten zu schenken. Ein Satz, der so auf analogen Verfahren nicht in dieser Direktheit fallen würde und die Brüchigkeit von Inszenierungsstrategien hervorhebt. Wie wurde „live“[v] nun aber aufgetreten? Und wie wird dieses „presenting“[vi] auf dem Kongress organisiert? Um diesen Fragen nachzugehen, bin ich in dieser Woche auf Basis einer „virtual ethnography“[vii] in die digitalen Leben auf dem Kongress eingetaucht. Mein Bericht basiert dabei auf Kurznotizen[viii], Bildern und Beiträgen einiger sozialwissenschaftlicher Kolleg*innen, welche unter dem Hashtag (#) #DGSoz2020 auf der Social-Media-Plattform Twitter zu finden waren.

(1) Welcher Hintergrund darf’s heute sein? –  Räumliches „Presenting“ als refiguratives Spannungsfeld

Ob von zu Hause, aus dem Büro oder dem Café – die Digitalisierung des Kongresses durch Videokonferenzprogramme (hier das Programm Zoom) schuf neue Möglichkeitsräume der Inszenierung für die Teilnehmenden (Organisierende, Vortragende und Zuhörende), wobei dies einerseits Flexibilität wie auch Spannung bedeuten konnte. Flexibilität war dabei vor allem auf Seiten der Zuhörenden festzustellen. Die Möglichkeit zu entscheiden, ob mit oder ohne Livevideo teilgenommen werden kann, erleichterte die Inszenierungsqualität im digitalen Raum enorm, da neben einem Livevideobild entweder ein schwarzes Bild mit selbst gewähltem Namen oder ein Selbstportrait gezeigt werden konnte (Abb. 1).

Abb. 1: Bewegte Kacheln, schwarze Bildschirme und Selbstportraits

Dem Vortrag konnte so gelauscht werden, während der Kaffee in der Küche getrunken wurde, die Wohnung geputzt oder nach der Wäsche auf dem Balkon geschaut werden konnte, und das alles ohne die Vortragenden in ihrer Konzentration zu stören. Perfekte Situation also? Nicht ganz. Denn strukturelle Gepflogenheiten wissenschaftlicher Inszenierungen verschwinden nicht einfach mit der Flexibilisierung des Ortes und dies stellte gerade bei laufenden Kameras die Teilnehmenden vor neue Aufgaben. So war auffällig, dass die (privaten) Räume stets ausgeschmückt waren mit einem Hintergrund, welcher ein akademisches Umfeld suggerieren sollte (Abb. 2).

Abb. 2: Von Büchern, (weißen) Wänden und Kunst

Oft saßen Vortragende, Organisierende und auch Zuhörende entweder (1) vor mit Büchern gefüllten Regalen, (2) in Räumen, die eher schlicht, heißt mit einer (weißen) Wand und Kunstobjekten (Bilder, Statuetten etc.), ausgestattet waren oder es wurde (3) ein Bildhintergrund genutzt. Ein Theater, ein Vorlesungssaal oder auch eine virtuelle Bücherwand dienten als Verschleierung des lokalen Ortes der eigenen Inszenierung. Je nachdem, was für strukturelle Ressourcen zur Verfügung stehen (Arbeitszimmer, Büroraum etc.), kann eine Präsentation also von unterschiedlichen Spannungen begleitet sein, vor allem bei den Vortragenden und Organisierenden. Zu sehen war dies vor allem an der gewählten Kleidung. Diese war mehr konventionell (Hemd, Bluse, Anzug mit roter Krawatte) denn leger und sollte den Eindruck von Wissenschaftlichkeit und einem möglichst hohen „Prestige“[ix] vermitteln. Der Inszenierungsraum befand sich somit in einem Spannungsfeld von Refiguration[x] und erzeugte den Effekt eines verstärkten Achtens auf die eigene Inszenierung:

Bin ich zu sehen und wenn ja, was oder wer noch? Wirke ich seriös oder nicht seriös genug in diesen digitalen, wissenschaftlichen Begegnungen?[xi]

(2) Die Verstummung des Applauses: Veränderte Interaktionen in digitalen Kontrollräumen

Das Setting der räumlichen Inszenierung ist aber nur eine Facette. Es muss auch über die veränderte Konstellation (körperlicher) Kopräsenz gesprochen werden, welche einen massiven Effekt auf die Inszenierung hatte. Die Situation sollte sich noch einmal verdeutlicht werden: Das Livepublikum wurde von einer physischen Kopräsenz auf die digitale Ebene übertragen. Dies erhöhte zwar die Anzahl an Partizipierenden in den jeweiligen Sessions massiv (mittlere, dreistellige Zahlen wurden zum Teil  gemessen), veränderte aber auch die Machtkonstellation zwischen den Vortragenden, den Zuhörenden und den Veranstaltenden.

Die Videoprogramme waren dabei zugleich Mittler und Kontrollinstanz. Zunächst kam es darauf an, welches Videoprogrammformat vorlag: Ein Webinar oder ein Meetingraum.[xii] Der Unterschied ist: Während in einem Meetingraum verschiedene Partizipationsmöglichkeiten gegeben waren (Chataustausch, Einsehen der Teilnehmenden, Reaktionen per Emoticons wie Klatschen oder Daumen hoch), fehlten diese Möglichkeiten in einem Webinar. Die Mikrophone waren automatisch ausgeschaltet, die Chatfunktion deaktiviert und nur ein von den Veranstaltenden kontrolliertes F&A konnte genutzt werden, was aber an der Konstruktion dieses bestimmten Formates lag.[xiii] Die fehlende Interaktion war aber ein Punkt, der immer wieder von Teilnehmenden kritisiert wurde, sodass der Austausch auch auf andere Kommunikationskanäle wie Twitter stattfand.[xiv]

Aber auch in offeneren Meetingräumen war eine Machtasymmetrie zu bemerken, und besonders machtvoll dabei: die Veranstaltenden der Sessions.[xv] So wurde am Anfang der Sessions immer wieder auf die gängigen Regeln (z.B. die Mikros und eventuell auch Videobildschirme auszuschalten) hingewiesen. Dies förderte bei den Zuhörenden die beschriebene Flexibilität, erzeugte aber auch eine höhere Professionalität auf Seiten der Vortragenden. Die Zeitlimits wurden nicht nur penibel eingehalten, sondern auch die Stringenz der Vorträge war deutlich besser als in manch einer Präsenzveranstaltung. Dies hatte allerdings den Preis, dass untereinander (außer über Chat) keine wirkliche Interaktion stattfand, was beispielhaft am ‚stummen Applaus‘ gezeigt werden kann (Abb. 3).

Abb. 3: Applaus, Applaus, Applaus!

Das Dekret das eigene Audiosignal ausgeschaltet zu lassen, hatte die Konsequenz, dass deer Applaus, sonst ein Zeichen der positiven Zuwendung zu den Vortragenden, zu einer visuellen, ‚stummen‘ Geste transformiert wurde. Entweder war dieser sichtbar als Klatschen im Videofenster, was allerdings nicht gehört wird (rotes Symbol links unten mit durchgestrichenem Mikro) oder per anwählbaren Emoticon über die Funktion „Reaktionen“ (zwei klatschende Hände im linken Bildschirmrand). Dies ersetzte jedoch nicht, dass schlicht und ergreifend der einsetzende Ton des Applauses nach einem Vortrag fehlte. Und da dies auch als Zeichen der Missbilligung hätte verstanden werden können, versuchten die Veranstaltenden dies zu reparieren, indem sie den Applaus sprachlich vermittelten. „Ich sehe lauten oder leises Klatschen“ oder „Ich sehe viel Applaus auf den Bildschirmen“ waren solche Übersetzungsversuche, die allerdings die Sterilität des Ganzen nicht verschleiern konnten. Es blieb immer wieder das Gefühl eines ‚leeren‘ Raumes zurück, obwohl die ‚Anderen‘ anwesend waren. Dies merkte auch Birgit Blättel-Mink nach ihrem Applaus zum Abschluss der Eröffnungsveranstaltung des DGS-Kongresses an mit den Worten: „Schon gespenstisch, ne?“

(3) „Right now baby I’m torn“ – Zwischen digitaler Professionalisierung und Verlusterfahrung

Was folgt nun aus diesen Eindrücken? Zunächst einmal Lob. Sowohl an das Organisationsteam, die DGS und auch die Teilnehmenden ist nicht oft genug Dank auszusprechen. Sich der Herausforderung eines digitalen Kongresses zu stellen ist keine Selbstverständlichkeit und es bedarf einer gehörigen Portion Selbstdisziplinierung und Mut sich diesen neuen Formaten zu widmen. Es verbleibt mir in der Rolle einer soziologischen Grumpy Cat grummelig-maunzend somit zunächst zuzugeben, dass Inhalte und wissenschaftliche Diskussionen gerettet und durch die Eliminierung von Störgeräuschen sogar effizienter und zielführender gestaltet werden konnten.[xvi] Aber die „Geselligkeit“[xvii], welche zu wissenschaftlichen Inszenierungen dazu gehört, ist ein stückweit verloren gegangen. So professionell die Sessions auch gestaltet waren, am Ende befand man sich schlussendlich doch alleine vor dem Bildschirm, Diskussionen wurden abgebrochen und ein schales Gefühl des Unbehagens blieb zurück, dass hier etwas nicht stimmte.[xviii] Dieser digitale Kongress ist leider doch nur ein ‚halber‘ und kann nicht verschleiern, dass sich Gewohnheiten der Geselligkeit etabliert haben, die nun doch irgendwie fehlen. Die Umstellung von Präsenz- auf Digital’presenting‘ war und ist weiterhin eine Herausforderung, was auf dem Kongress gut beobachtet werden konnte. Die Corona-Pandemie wird somit weiter für Diskussionsstoff sorgen. Nicht nur in den Gesellschaften der Welt, sondern auch in der DGS. Über die Spannung und die Zerrissenheit zwischen erwünschter, digitaler Professionalisierung und den gegenwärtigen Verlusterfahrungen, welche auch in den zeitdiagnostischen Diskussionen zwischen Martina Löw, Hartmut Rosa und Andreas Reckwitz in der einzigen Präsenzveranstaltung des DGS-Kongresses eine zentrale Rolle spielten.[xix] Aber gerade deshalb sollten wir vielleicht alle ein bisschen mehr denken wie Silke Steets.

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[i] Goffman, Erving (1986): Frame Analysis. An Essay on the Organization of Experience. Northeastern University Press: Boston, S. 8.

[ii] Luhmann, Niklas (2005): Die Weltgesellschaft. In: Luhmann, Niklas (Hrsg.) Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft. Springer VS: Wiesbaden, S. 63-88.

[iii] Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Suhrkamp: Frankfurt am Main.

[iv] Knoblauch, Hubert/Löw, Martina (2020): Dichotopie. Die Refiguration von Räumen in Zeiten der Pandemie. In: Volkmer, Michael/Werner, Karin (Hrsg.): Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft. transcript: Bielefeld, S. 89.

[v] Kirschner, Heiko (2012): Go Live! Der User-Livestream als Präsentationsbühne. In: Lucht, Petra/Schmidt, Lisa-Marian/Tuma, René (Hrsg.): Visuelles Wissen und Bilder des Sozialen. Aktuelle Entwicklungen in der Soziologie des Visuellen. Springer VS: Wiesbaden, S. 157-171.

[vi] Goffman, Erving (1956): The Presentation of Self in Everyday Life. University of Edinburgh: Edinburgh, S. 18.

[vii] Hine, Christine (2000): Virtual Ethnography. SAGE: London/Thousand Oaks/New Delhi.

[viii] Die beschriebenen Beobachtungen sind freilich an meine eigene Perspektive gebunden und können von anderen abweichen. Zudem möchte ich insbesondere Martina Löw, Nina Elsemann und den Teilnehmenden der Session „SFB1265 goes DGS“ danken, dass ich Live-Screenshots während ihrer Veranstaltung machen durfte.

[ix] Goffman, Erving (1951): Symbols of Class Status. In: The British Journal of Sociology, 2 (4), S. 294.

[x] https://sfb1265.de

[xi] Goffman, Erving (1972): Fun in Games. In: Goffman, Erving (Hrsg.): Encounters. Two Studies in the Sociology of Interaction. Penguin University Books: Harmondsworth/Ringwood, S. 63.

[xii] Unter das Format Webinar fielen u. a. die Eröffnungsveranstaltung und die Keynotes, während die Meetings Sektionsveranstaltungen (Sessions, Mitglieder*innenversammlungen), Plenen oder AdHoc-Gruppen umfasste.

[xiii] https://twitter.com/dgskongress/status/1305549496286412802?s=20

[xiv] https://twitter.com/dawwidd/status/1305524230310834177?s=20

[xv] Betont sei, dass diese machtvolle Position nicht von Böswilligkeit begleitet war. Es stand vor allem die Funktionalität der Videosession im Vordergrund und die Organisierenden und Veranstaltenden mussten neben der Einhaltung der Regeln auch die gesamte digitale Kommunikation managen. Die Direktive zur korrekten Umsetzung der Veranstaltungsformate ging dabei von den Kongressorganisator*innen aus, s. https://kongress2020.soziologie.de/infos-fuer-organisator/innen

[xvi] https://twitter.com/ToBeAsBold/status/1306999196508192770?s=20

[xvii] Simmel, Georg (1911): Soziologie der Geselligkeit. In: DGS (Hrsg.): Verhandlungen des Ersten Deutschen Soziologentages vom 19.–22. Oktober 1910 in Frankfurt am Main. Mohr: Tübingen, S. 1–16.

[xviii] https://twitter.com/grautoene/status/1306189945489559553?s=20

[xix] https://www.youtube.com/watch?v=Na9LIrXeSIU&t=8s

„Zeitdiagnose ist die Benutzeroberfläche der Gesellschaftstheorie“

Von René Tuma und Ajit Singh

Je nach Perspektive darf es entweder als ‚wohltuende Abwechslung‘ oder als ‚ungewohnte Neuheit‘ in einer sich neuordnenden Gesellschaft angesehen werden, an einer Liveveranstaltung teilzunehmen. Die von Hubert Knoblauch organisierte Veranstaltung „Gesellschaft unter Spannung – Sonderveranstaltung zu soziologischen Diagnosen der gegenwärtigen Um_Ordnungen mit oder nach Corona“ auf dem diesjährigen DGS-Kongress holte dafür den Raum des soziologischen Diskurses zurück in den Ort der Wissensvermittlung, genauer gesagt in den zweitgrößten Hörsaal H104 des Hauptgebäudes der Technischen Universität Berlin. Derlei Ortsbezeichnungen erscheinen gegenwärtig nahezu überflüssig, weil der „Weg“ zu einer Session vornehmlich über Links und Passwörter beschritten wird. Die Sonderveranstaltung fuhr hier jedoch zweigleisig. Während sich der Großteil des Publikums mit etwa 300 Zuschauenden via Youtube-Livestream zuschalten konnte, durfte eine kleine Gruppe von etwa 25 Teilnehmenden der Sitzung im Hörsaal beiwohnen und verlieh dem Anlass auch unter diesen Bedingungen einen angemessenen Rahmen. Auch die Autoren dieses Beitrags erlebten die Diagnoseveranstaltung aus unterschiedlichen räumlichen und medial-vermittelten Perspektiven (digital und vor Ort) und möchten nun im Folgenden die Erträge zusammenfassen.  

Blickt man zurück, so kann die Veranstaltung schon in ihrer Form als Ausdruck der Themen und der Spannungen gelesen werden, die an dem Abend diskutiert wurden. Die ‘Übung’ bestand darin, vor dem Hintergrund der Pandemievermeidungsstrategie das Digitale als wesentliches Kommunikationsmedium einzusetzen und dabei gleichzeitig den Verlust der körperliche Kopräsenz zu verhindern. Das führte dazu, dass die meisten Zuhörer*innen vor ihren Geräten still, oder sollte man sagen entschleunigt da saßen und die Diskussion vor sich an den Bildschirm vorbeirauschen lassen konnten. 

Von der Gesellschaftsanalyse zur “Soziologie der soziologischen Zeitdiagnose“

Der Nachfrage nach soziologischer Expertise hat sich in den vergangenen Monaten deutlich gesteigert. Durch die Corona Krise wurde klar, dass soziale Erklärungsmuster nicht alleine aus epidemiologischen und virologischen Befunden abgeleitet werden konnten. Die sich verändernden Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens im privaten wie im öffentlichen Raum, die Neuordnung beruflicher Arbeitsweisen im „Home Office“, die soziale Dauerformierung mit der Hervorbringung neuer sozialer Formen in Videokonferenzen sind Folgeerscheinungen der Pandemie, die ein Kerngebiet soziologischer Forschung berühren: die Beschreibung gesellschaftlichen Wandels.

Mit Recht ließ sich in den vergangenen Monaten mancher soziologische Schnellschuss kritisieren, der über Ad-hoc-Analysen erste Versuche einer Zustandsdiagnose der Corona-infizierten Gesellschaft anstellte. Gleichzeitig zeigte sich in diesen Momentaufnahmen auch die Möglichkeit erster Deutungs- und Orientierungsangebote für die vorläufige Einordnung der Krise. Die Corona-Pandemie ist zweifelsohne ein globales und ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, an der allgemeinere Zustände und Entwicklungen deutlich werden. Die Gesellschaft als Ganzes bildet daher auch den Gegenstand der Diagnose-Veranstaltung, wie Silke Steets in ihrer einführenden Moderation deutlich machte. Mit der Gegenüberstellung unterschiedlicher gesellschaftstheoretischer Ansätze geht es aber nicht nur um die Analyse der Gegenwartsgesellschaft, sondern auch um eine „Soziologie einer soziologischen Zeitdiagnose“.

Mit Hartmut Rosa, Andreas Reckwitz und Martina Löw wurde ein spannendes Podium zusammengestellt, die nach jeweils einem eigenem Input miteinander ins Gespräch gebracht wurden.

Hartmut Rosa und die still vor seinen Worten im Livestream sitzenden Zuschauer

Die Welt schien uns dank Corona für eine Weile stillzustehen, wie reagiert Hartmut Rosa darauf?  In seinem engagierten und mit Verve (und Geschwindigkeit) vorgetragenen Statement greift Rosa das diagnostizierte Entschleunigungsgeschehen auf, und macht dies am weltweiten Rückgang der Zirkulation von Gütern und Menschen fest: Transport, Verkehr und Logistik kamen nahezu komplett zum Erliegen, vom sozialen Leben im öffentlichen Raum ganz zu schweigen. Wenngleich dieser Stillstand ökologisch betrachtet (zumindest temporär) positive Auswirkungen zeitigte, machte die Krise bereits bestehende Ungleichheiten und Probleme umso sichtbarer – so kann das unfreiwillige Stillgestelltsein Entbehrungen und Verluste nach sich ziehen (dazu später mehr), gleichzeitig verlagert sich die Bewegung ins Digitale, so sitzen wir unbewegt vor unseren Endgeräten und verfolgen im „rasenden Stillstand“ das Vorbeirauschen zunehmender Datenströme. Hat sich also nun durch Corona Paul Virilios Diagnose realisiert? Was bedeutet Corona nun für die Soziologie? Rosa tritt für eine Soziologie ein, die zwar kein sicheres Wissen über die Entwicklungen nach der Corona Krise haben könne, aber ihr ganzes Instrumentarium an Deutungsangeboten liefern müsse, von Daten, Statistiken und Fakten bis hin zu Meinungen und Positionen. Die Aufgabe sei es an diesem “Bifurkationspunkt” eine Wertediskussion zu ermöglichen, da es sich hier entscheide, ob die Entwicklung zurückfällt in den “Aggressionsmodus zur Welt”, oder ob eine neue (bessere) Zukunft im Handeln gestaltet werden kann. 

Andreas Reckwitz und seine Theorie des Verlustes

Reckwitz setzt ähnlich wie Rosa bei der Krisenerfahrung an und nimmt dabei ebenfalls auch eine zeitliche Perspektive ein. Dabei diskutiert er Spannungen zwischen Fortschritt und Verlust. Nachdem er das Neue ja bereits ausführlich behandelt hat, zeigt er die Probleme auf, die Unfähigkeit der Moderne produziert, die keine Antwort auf die immanent produzierten Verlusterfahrungen liefert. Vor dem Hintergrund der dominanten Fortschrittsvorstellungen, die sich in der Spätmoderne als Optimierung bis hinein in die privatesten und intimsten Lebensformen und Praxen breitgemacht hat, wird jede Form des Verlusts dem Subjekt zugeschrieben. Mit dem Verlust bricht schließlich die Negativität in die Sozialwelt ein. Diese Verlusterfahrungen werden nicht produktiv umgewandelt. Dies gilt auch für die globale Gesellschaft, die Verlust zunächst nur unzureichend, in Form aggressiver Verlusterfahrung transformiert. Reckwitz systematisiert in seinem Beitrag diese Verluste und zeigt verschiedene Spielarten auf. Sie können ganz konkret als „Realverluste“ von Status, Macht und Kontrolle auftreten. Der Verlust der Biodiversität zeitigt so Corona als Menetekel. Daneben skizziert er „Zukunftsverluste“ als einen Verlust von Utopien, wohin sich das eigene oder das gesellschaftliche Leben hin entwickelt. Was hieraus erwachsen kann, ist Agonie oder der Verlust von Handlungs- und Steuerungsfähigkeit bis hin zu Angst und Wut. „Verlustängste“ wiederum verweisen auf die Angst, den gegenwärtigen Zustand (status quo) nicht erhalten zu können. Dennoch verweist Reckwitz auch auf Umkehrstrategien, in denen die Verlusterfahrung wie am Fall des Klimawandels spürbar wird, auch die Chance auf die Herstellung einer neuen Balance besteht.  

Martina Löw und der Übergang zu Spannungen der Raumformen

Vor dem Hintergrund der Diagnosen zu Zeit und Fortschritt, die von Rosa und Reckwitz dargelegt wurden, denkt Löw Spannungen nicht zeitlich, sondern räumlich. Sie argumentiert auf Basis der Forschungen des SFB 1265, der mit dem Begriff der “Refigurationen” die Spannungen und gesellschaftlichen ‚Umbauten‘ in räumlicher Hinsicht untersucht. Verschiedene Raumformen (Territorien, Netzwerke, Orte und Bahnen) stehen nicht alleine oder einheitlich, sondern verschachteln sich und stehen in Spannung zueinander. Dieses Spannungsverhältnis konstituiert sich durch sich kontrastierende Logiken: Öffnungen und Schließungen, Homogenisierungen und Heterogenisierung räumlicher Wirklichkeitskonstruktion. Deutlich wird das daran, dass weltweit gleichzeitig immer mehr Grenzen und Mauern hochgezogen und Territorien damit eingehegt werden, aber gleichzeitig der globale Flugverkehr immer neue Verbindungsbahnen zwischen den Flughäfen der Welt erschließt. Angesichts einer globalen Epidemie wie dem Corona Virus zeigte sich ebenso anschaulich, dass trotz der voranschreitenden Reterritorialisierung von Nationalstaaten das Virus mühelos Grenzen überschreiten konnte und bis ins Lokale hinein städtische und nachbarschaftliche Räume grundlegend veränderte. Damit öffnet Löw die Debatte für eine räumliche und damit auch für eine globale Perspektive, die den methodischen Nationalismus, den Beck einst kritisiert hatte, systematisch überwindet. Sie betont, dass Diagnosen eine größere Reichweite aufweisen müssen, die über eine westliche-zentrierte Position hinausgehen. 

„Zeitdiagnose ist die Benutzeroberfläche der Gesellschaftstheorie“

Die Sonderveranstaltung lieferte der Soziologie, die sich ja nicht nur nach innen, in ihren kleinteiligen disziplinären Diskussionen erschöpfen, sondern auch die großen Fragen angehen will, ein geeignetes Forum. Durch das hybride Format war es zudem möglich, auch Fragen des Onlinepublikums mit in die Diskussion aufzunehmen. 

Die drei Vortragenden präsentierten unterschiedliche Perspektiven auf die Krise mit je eigenem theoretischen Zuschnitt. Zweimal basierte dieser auf einer zeitlichen, und einmal auf einer räumlichen Grundlage. Der Anspruch ist dabei jedoch bei allen Teilnehmenden klar über eine reine pointierte Ad-Hoc Diagnose hinauszugehen. Das Unbehagen mit dem Begriff der Zeit- oder Gegenwartsdiagnose wurde geäußert, denn hierauf hat die Soziologie ja kein Monopol oder Markenrecht. Die ihr eigene Leistung besteht darin, die Diagnosen an Theorie zu koppeln, so seien diese, wie Reckwitz pointiert feststellte, quasi “die Benutzeroberfläche der Gesellschaftstheorie”. Welches Potential sich hierin verbirgt, zeigte einst Ulrich Beck, der nicht nur zeitgeistig von der Risikogesellschaft zu berichten wusste, sondern ihr ein theoretisches Fundament gab, das bis heute (auch in vielen Ideen der Vorträge) nachhallt. Alle drei Vorträge, so unterschiedlich sie waren, eint jedoch, dass sie sich wechselseitig ergänzen und in der Zusammenschau doch ein vielfältiges, spannungsgeladenes aber dadurch auch kontrastreiches Bild ergeben. 

Link zur Aufzeichnung auf Youtube

SFB1265 goes DGS

von Nina Meier

Die um sich greifende Verbreitung digitaler Technologien, sowie weltweite Prozesse der Entgrenzung, die gemeinhin mit dem Begriff der Globalisierung bezeichnet werden, aber auch Praktiken der Begrenzung – von Fabian Gülzau in seinem Vortrag einprägsam als „Mauerbaufieber“ betitelt – verändern die Art und Weise, wie Menschen Räume erfahren, aber auch die Art und Weise, wie sie diese erschaffen. Auf diesen Wandel wirft der Sonderforschungsbereich (SFB) 1265 „Re-Figuration von Räumen“ seit Januar 2018 einen forschenden Blick. In der Sonderveranstaltung am 16.09.2020 gewährten Johanna Hoerning, Fabian Gülzau und Anna Steigemann Einblicke in einzelne Forschungsprojekte des SFBs, die sich mit unterschiedlichen Raumpolitiken befassen. Ergänzt wurden ihre Beiträge um eine Reflexion der wissenschaftlichen Arbeit an und im Sonderforschungsbereich selbst durch Séverine Marguin. Zunächst jedoch stellte Martina Löw (Sprecherin des SFBs 1265) den Sonderforschungsbereich in Kürze vor und verwies dabei auf eine Besonderheit der Öffentlichkeitsarbeit des SFBs, die unter anderem einen konkreten Zusammenhang zum DGS-Kongress aufweist: So legt der SFB in der Reflexion seiner Arbeit auch Wert auf die Verwendung künstlerischer Methoden. Ein Ergebnis dieser Überlegungen stellt die temporäre Kunstinstallation an der bauhaus reuse durch die Künstlerin Stefanie Bürkle dar. Anlässlich der Berlin Art Week 2020 sowie des 40.ten DGS-Kongresses ermöglichen es zwei Bildserien, An- und Einsichten des Kunst- und Forschungsprojektes MIGRATOURISPACE, Raummigration und Tourismus mit eigenen Augen zu betrachten. So soll der ins digitale Format übertragene DGS-Kongress einen physischen Anhaltspunkt am Berliner Ernst-Reuter Platz erhalten. Wie die Vorträge der Wissenschaftler*innen des SFBs, so behandelt auch diese Bilderinstallation die Frage, wie verschiedene Räume mit einander in Bezug gesetzt werden. Martina Löw und Nina Elsemann übernahmen zudem die Moderation der Sitzung.

Die Reihe der Präsentationen eröffnete Johanna Hoerning (TU Berlin), die den Teilnehmern unter dem Titel „Interessenspolitik zwischen Skalen, Territorien und Orten“ eine Vorstellung ihrer Forschungsarbeit vermittelte. Im Hintergrund ihres Vortrages stand die Frage nach sich wandelnden Verhältnissen zwischen lokalen, regionalen, nationalen und globalen Kontexten, welche die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in den Feldern der Wohn- und Asylpolitik beeinflussen, durch diese Akteure aber auch neu verhandelt werden.  Zunächst stellte Hoerning die beiden Politikfelder und die sie kennzeichnenden Strukturierungsprozesse vor. Für die Asylpolitik beschrieb sie drei, grundsätzlich relevante Entwicklungstendenzen: 1. Globale und regionale Fragmentierung / Renationalisierung, 2. Externalisierung und 3. Lokalisierung. Ersteres bezieht sich auf die schwindende Bindungswirkung der Genfer Flüchtlingskonventionen, während Politiken der Externalisierung den Ausbau und die räumliche Verlagerung von Migrationskontrollen bezeichnen. Lokalisierungstendenzen umfassen sowohl translokale Städte-Netzwerke und Allianzen, die Fragen der Migration als lokale Fragen thematisieren, als auch die entwicklungspolitischen Maßnahmen des humanitären Sektors, welche nicht nur Städte, sondern auch regionale Kontexte miteinbeziehen. Für die Wohnungspolitik identifizierte Hoerning zwei dominante Restrukturierungen: 1. Translokalisierung und 2. Regionalisieurng. Während Wohnen als Praxis zunächst lokal verortet ist, sind Wohnungspolitiken durch die Restrukturierung von Wohnungsmärkten und ihre Einbindung in globale Finanzkreisläufe zunehmend durch Prozesse und Strategien der Translokalisierung gekennzeichnet. Den Prozess der Regionalisierung bezog Hoerning vor allem auf Maßnahmen der Europäischen Union, die zwar rein formal kein wohnungspolitisches Mandat besitzt, jedoch durch Programme der Wohnungsbauförderung oder via Richtlinien zur Energieeffizienz de facto wohnungspolitische Wirksamkeit entfaltet. Im Anschluss an diese Skizzen der Politikfelder führte Hoerning Praktiken der Reskalierung sowie Praktiken der Verortung an, mit denen die beforschten Akteure auf die jeweiligen politischen wie ökonomischen Entwicklungstendenzen in ihrem Metier reagieren. Eine Form der Reskalierung etwa stellt das „downscaling“ in der strategischen Wahl der Ansprechpartner dar. Hoerning veranschaulichte dies anhand einer NGO aus den USA, die sich nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten Allianzen auf anderen politischen Ebenen suchen musste. Im Feld der Wohnungspolitik hingegen, welches zunehmend durch überregionale und sogar global agierende Investoren geprägt wird, lässt sich ein entsprechendes „upscaling“ der gebildeten Kooperationen beobachten, welche die vormals lokal-begrenzten Partnerschaften durch weitreichendere Vernetzungen ergänzen. Neben diesen Prozessen der Reskalierung identifiziert Hoerning in ihrer Forschung unterschiedliche Logiken der Verortung. Verortung wird dabei jeweils „als Kontingenz, als neuralgischer Punkt oder als institutionelle Verdichtung“ hervorgehoben. Zur Differenzierung dieser Logiken dient die Wahl derjenigen Orte, welche die NGOs als Niederlassungen ihrer Organisation wählen. Mal erscheint die Wahl als wenig relevant und eher zufällig, mal ist der Sitz der Organisation von symbolischer Bedeutung und mal ist die physische Nähe zu politischen Institutionen entscheidend. Skalierungen, Verortungen und Territorialisierungen sind, dies betonte Hoerning in ihrem Fazit, zwar abgrenzbare Setzungen, sie sind jedoch zugleich durch überschreitende Vernetzungen geprägt. Obwohl Skalen als solche Setzungen Eindeutigkeit suggerieren, seien sie daher nur relational zu verstehen. Auf die Nachfrage hin, welchen Beitrag die Soziologie zur Skalenforschung leisten könne, verweist Hoerning auf die Differenzierung verschiedener Akteure, die an der Produktion von Skalen beteiligt sind, sowie auf ein tiefergehendes Verständnis derjenigen Prozesse, die dazu führen, dass bestimmte Maßstabsebenen in bestimmten Kontexten relevant werden. Für beides sensibilisiere eine explizit soziologische Betrachtungsweise.

Im Anschluss an Hoernings Vortrag thematisierte Fabian Gülzau (HU Berlin) in seiner Präsentation “(Im)mobilisierung. Die Re-Figuration von Grenzen in globaler Perspektive“ die Veränderungen und Umformungen, welche die räumliche Artikulation der Grenze erfahren hat und gegenwärtig erfährt. In Rückbezug auf Habermas definierte Gülzau Grenzen als Schleusen, mit denen auf Strömungen reagiert wird. Dabei identifizierte er verschiedene Entwicklungen in der Art und Weise wie Staaten Grenzen errichten. Zum einen lässt sich beobachten, dass diese versuchen Grenzen zu implementieren, die nicht mehr entweder offen oder geschlossen sind, sondern die sich als semi-permeable Filter bezeichnen lassen. Für manche, die gedenken, sie zu überschreiten und zu durchqueren, stellen sie sich als harte, kaum zu überwindende Abgrenzungen dar. Für andere jedoch, sind sie als Begrenzungen kaum spürbar und ihrer Mobilität gegenüber wenig hinderlich. Zum anderen verzeichnet Gülzau in Anlehnung an Shachar eine Entwicklung von statischen Grenzen hin zu shifting borders. Als Antriebskräfte hinter diesen Umformungen werden Prozesse des „De-Bordering“, gemeint sind etwa Globalisierungsphänomene wie Massentourismus oder der Handel mit Waren, sowie Prozesse des „Re-Bordering“ genannt. Letzteres beschreibt beispielsweise Auswirkungen des Terrorismus und der Kriminalität, aber auch der unerwünschten Migration und Tendenzen der Nationalisierung auf die Selektionsmechanismen, die an den Grenzen ihre Wirksamkeit entfalten. Vor diesem Hintergrund definiert Gülzau drei Entwicklungslinien entlang derer sich Grenzen wandeln: Exterritorialisierung, Fortifizierung und Flexibilisierung. Ersteres bezeichnet die räumlich-vorverlagerte Kontrolle von Überschreitungswilligen, bevor diese die eigentliche Grenze erreichen. Diese Visumspraktik führt zu einer ungleichen Verteilung globaler Mobilität. Der massive Ausbau von Grenzanlagen an der Territoriallinie selbst wird hingegen unter dem Begriff der Fortifizierung gefasst. Solche „Verdickungen“ von Grenzen führen, so Gülzau, zu Diskontinuitätslinien zwischen Staaten.  Im Gegensatz zu exterritorialisierten Grenzen, bei denen Kontrollpraktiken vorverlagert werden, wird mit der Bezeichnung der Flexibilisierung eine Verlagerung von Kontrollen ins Landesinnere markiert. Als Beispiel für diese Formung der Grenze wird der Schengen-Raum genannt, in welchem etwa temporäre oder polizeiliche Kontrollen gängig sind. Aufmerksam macht der Vortragende hier selbstverständlich auch auf die veränderte Wahrnehmung dieser Begrenzungslogik im Schengen-Raum durch die COVID19-Pandemie. Es sind diese drei Dimensionen der Exterritorialisierung, der Fortifizierung und der Flexibilisierung, welche Gülzau als die Merkmale einer Re-Figuration von Grenzen kennzeichnet. Trotz aller Prozesse des „De-Bordering“, die sich vor allem punktuell durchsetzen würden, wird die Kontrollfunktion von Grenzen folglich keineswegs aufgegeben. Damit geht eine Verabschiedung von klar umrissenen und eindeutigen Grenzen einher, vielmehr, so beschließt Gülzau seinen Vortrag, müsse man von einer Überlappung und Diffusion verschiedener Grenzformationen sprechen.

Eine andere Form des ins Verhältnissetzens von verschiedenen Räumen zueinander präsentierte darauf hin Anna Steigemann (TU Berlin). Unter der Überschrift „Spatial Politics in Refugee Accommodations in Berlin“ befasste sie sich mit den alltäglichen Konstitutionen von Räumen und Praktiken des „Homemaking“ von Geflüchteten, die sich in geplanten und zunächst unpersönlichen Unterkünften wiederfinden. Steigemann greift dazu sowohl auf die Forschung des Teilprojektes „Architectures of Asylum“ als auch auf Erhebungen im Rahmen ihrer Habilitation zurück. Dies ermöglicht es ihr, in ihrem Vortrag neben den räumlichen Praktiken innerhalb der Unterkünfte auch auf die Verhältnisse der Flüchtlinge zu umliegenden Nachbarschaften und anderen Migranten außerhalb der Unterkünfte eingehen zu können. In Berlin etwa zeige sich, dass die eigentlichen Prozesse des „Homemaking“ und ein daraus resultierendes Gefühl des Ankommens für die Interviewten nicht in den von ihnen temporär bewohnten Unterkünften stattfinden, sondern vielmehr in einem anderen Umfeld realisiert werden – hier konkret in dem Gebiet rund um die Sonnenallee in Neukölln. Unter anderem spielten dabei bereits seit längerer Zeit in Deutschland lebende Migranten und Migrantinnen eine entscheidende Rolle. Steigemann verknüpfte in ihrem Vortrag daher räumliche Konstitutionen und Prozesse der Vergemeinschaftung. Innerhalb der Unterkünfte ist die Re-Figuration von Räumen vor allem durch die Spannung zwischen den Normen und Anforderungen, welche den Bau der Unterkünfte regulieren und die sich materiell in den physischen Merkmalen der Unterkünfte manifestieren, und den Aneignungen seitens der Flüchtlinge gekennzeichnet. Diese passen die räumlichen und materiellen Gegebenheiten ihren Bedürfnissen, ihren Wünschen und ihren Gewohnheiten an. Geprägt sind diese Umnutzungen von den Vorstellungen der Bewohner, wie ein Zuhause auszusehen, zu funktionieren und was es idealerweise zu ermöglichen habe. Innerhalb der Unterkünfte sieht Steigemann daher einen alltäglich verhandelten Konflikt zwischen „Politics from above“ und „Homemaking from below“. Obgleich sich Veränderungen und ein Umdenken im Design der Unterkünfte durchaus abzeichne, fände nichtsdestotrotz ein beachtlicher Teil des „Ankommens“ von Flüchtlingen außerhalb der Unterkünfte statt. Es sind die umliegenden Nachbarschaften, wie die Sonnenallee, in denen es gelinge einen „sense of belonging“ zu entwickeln, welcher über die temporäre Aneignung von Räumen innerhalb der Unterkünfte hinausgeht. Steigemann verzeichnet hier einen Punkt, der aufmerken lässt: Nicht die als privat erscheinenden Wohnunterkünfte bieten ein Gefühl des Rückzugs und der Ankunft. Es sind vielmehr die (semi-) öffentlichen Räume, die ein Gefühl des Zuhauses vermitteln. Hier gewinnt die Erforschung von Architekturen des Asyls, so Steigemann, durch die Hinzunahme soziologischer Überlegungen zu Praktiken der Gemeinschaftsbildung.

Zum Abschluss schlug die Veranstaltung eine leicht abweichende Richtung ein: Séverine Marguin (TU Berlin) nahm in ihrem Beitrag „Kritische (Miss)verständnisse in der Raumforschung“ weniger räumliche Verhältnisse an sich in den Blick, sondern reflektierte stattdessen die wissenschaftliche Erforschung dieser Bezüge selbst. Dabei ging sie über eine Beschäftigung mit den Schwierigkeiten interdisziplinärer Forschung hinaus, indem sie die Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Kritik im umfassenderen Sinne stellte. Zunächst skizzierte die Wissenschaftsethnografin unterschiedliche Auffassungen von Kritik in den Feldern der Soziologie und der Architektur, bevor sie das Aufeinandertreffen der jeweiligen Kritikbegriffe in der Arbeit des SFBs thematisierte. Obgleich sich die Soziologie als kritische Wissenschaft versteht, sei ihr Verhältnis zur Gesellschaftskritik keineswegs eindeutig. Dies hängt traditionell mit dem Anspruch der Wertefreiheit und der Differenzierung zwischen „Sein und Sollen“ zusammen, welche für die Soziologie als wissenschaftliche Disziplin eine entscheidende Rolle spielt. Gleichzeitig könnten sich aber auch Soziologen und Soziologinnen nicht der eigenen Positionalität entziehen. Innerhalb des soziologischen Diskurses sind, so Marguin, vier verschiedene Auffassungen von Kritik besonderes prominent: 1. Die Position des Kritischen Rationalismus, 2. Kritik als wissenssoziologisch aufgeklärte Gesellschaftskritik und 3. Kritik als konstitutive Aufgabe einer Soziologie, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht nur beschreiben, sondern auch problematisieren soll und Bedingungen eines guten Lebens zu identifizieren und vorzuschlagen habe. Im Gegensatz dazu hege die 4. Position eher einen Verdacht gegen das anscheinend Gute und die Fruchtbarkeit von Kritik. Während also Kritik hier ebenfalls der Problematisierung dient, so verabschiedet sich diese Auffassung doch von dem Glauben, die Soziologie müsse (oder könne überhaupt) nachhaltige Verbesserungsvorschläge unterbreiten. Marguin hob hervor, dass jede Auffassung von Kritik auf einer spezifischen Auffassung von Wissenschaft, ihrer Funktion sowie ihres Verhältnisses zur Gesellschaft beruht – geht es in erster Linie um eine Beschreibung, eine Erklärung, eine Interpretation oder um eine Intervention seitens der Soziologie? Unterschiedliche Auffassungen dieser Art treffen schon innerhalb der soziologischen Zweige des SFBs aufeinander. Noch komplexer gestaltet sich die Situation, tritt das Kritikverständnis von Gestaltungs- und Planungswissenschaften hinzu, die im SFB ebenfalls vertreten sind. In der Architektur, welche Marguin als Beispiel heranzog, wird Kritik häufig in der Aushandlung mit den Bedingungen der praktischen Arbeit geschärft, beispielsweise im Umgang mit Bauherren und Auftraggeberinnen oder staatlichen Regulierungen. Gleichzeitig schränken diese aber auch Freiräume zur Entfaltung von Kritik ein, welche wiederrum in der universitären Beschäftigung mit kritischen Fragen der Architektur – diese betreffen etwa das Verhältnis von Ästhetik und Funktion – gesucht werden. Im Gegensatz zur Soziologie interveniert die Architektur als Praxis zwangsläufig. Wo sie wirkt, verändert sie den Raum. Selbst die theoretischen Überlegungen im universitären Kontext, so Marguin, haben doch zumeist alternative Gestaltungsvorschläge zum Ziel. Diese vielfältigen Kritikauffassungen und mit ihnen einhergehend die unterschiedlichen Vorstellungen der eigenen Rolle als Wissenschaft sind es, welche Marguin als Quelle einiger Missverständnisse in der Zusammenarbeit am SFB identifiziert. Beispielsweise hegten Architekten und Architektinnen gegenüber der Soziologie meist Erwartungen an einen gesellschaftsaufklärerischen Impuls. Dies führt jedoch zu Spannungen, sollten sie dabei auf ein Gegenüber treffen, dessen soziologisches Selbstverständnis von solchen Interventionen und Verbesserungsvorschlägen absieht. Hier zeichnen sich neben unterschiedlichen Auffassungen von Kritik auch divergierende Haltungen zur Diagnose und Prognose (sowie deren Verhältnis) ab. Die Überwindung dieser kritischen Missverständnisse sieht Marguin als beständige Herausforderung der gemeinschaftlichen Forschungsarbeit, aber auch Chance, Neues auszuprobieren und von kritischen Impulsen der verschiedenen Disziplinen zu profitieren.

Die Beiträge der Sonderveranstaltung haben, bei allen thematischen Schnittmengen – etwa hinsichtlich von Fragen des Asyls oder Praktiken der Externalisierung –, doch vielfältige empirische Beispiele und unterschiedliche analytische Zugänge aufgezeigt, die verdeutlicht haben, wie sich die soziale Organisation von Räumen und die räumliche Organisation des Sozialen immer wieder gegenseitig beeinflussen. Der wissensethnografische Abschluss der Sitzung über die Eigenarten in den unterschiedlichen Disziplinen der Raumforschung hat darüber hinaus weitere Anregungen zur theoretischen Reflexion des Sonderforschungsbereichs geboten, die – darauf verwiesen die Reaktionen aus der Zuhörerschaft – durchaus auf ein nachhaltiges Interesse stoßen dürften.

Sektion Arbeits- und Industriesoziologie: Future of Work in the Platform Economy

von Oliver Giering

Digitale Plattformen zur Arbeitsvermittlung mit innovativen Geschäftsmodellen und neuartigen Formen von Arbeitsorganisation beschäftigten seit einigen Jahren zunehmend die (sozialwissenschaftliche) Forschung. Oftmals werden disruptive Entwicklungen und eine umfassende Transformation, stellenweise sogar eine Uberisierung ganzer Organisationsformen proklamiert. Anstelle betrieblicher Arbeitsorganisation mit entsprechendem Regulierungsrahmen, tritt nun die sogenannte Plattformökonomie, die Arbeitsleistung über Plattformen direkt koordiniert oder aber Arbeit im und über das Internet in hohem Maße steuert. Allerdings verbleibt der Begriff der Plattform dabei weitestgehend unscharf und umfasst vielfältige Bereiche, was in einem äußerst heterogenen (empirischen) Forschungsfeld resultiert. Daher widmete sich auch der diesjährige DGS Kongress dem Phänomen der Plattformökonomie und fragte über die Sektion Arbeits- und Industriesoziologie nach der „Future of Work in the Platform Economy“. Die Moderation dieses Panels übernahm dabei Martin Krzywdzinski (WZB).

Zu Beginn präsentierten Juliet Schor (Boston College) und Steven Vallas (Northeastern University) einige Ergebnisse ihrer gegenwärtigen Forschung „Understanding Algorithmic Management: Preliminary Findings from the Boston Study of the Algorithmic Workplace”. Mit einem interdisziplinären Team versuchen die ForscherInnen das algorithmische Management und Mechanismen der Kontrolle über die Beschäftigten auf unterschiedlichen Plattformen zu erforschen. Ihre Forschung mit bisher 70 Interviews steht dabei ganz im Zeichen der COVID-19 Pandemie, da die Interviews vornehmlich in den letzten Monaten stattfanden. Bisher zeichneten sich vor allen Dingen drei wichtige Aspekte ab: Erstens beschleunigen Plattformen die Volatilität des Arbeitsmarktes. Während die Arbeit auf digitalen Plattformen zunächst eine Lösung für Einkommensunsicherheiten war, wird diese mit fortschreitender Zeit zum Grund für eben jene. So komme es zunehmend – auch durch die Pandemie – zu einem Überangebot an verfügbarer Arbeitskraft und damit zu einem starken Wettbewerb zwischen den Beschäftigten, der wiederum in geringeren Verdienstmöglichkeiten resultiert. Die Plattformen reagieren entsprechend mit verstärkten Mechanismen der Kontrolle und Disziplinierung (etwa der Leistung). Zudem zeige sich zweitens, dass es kaum Einheitlichkeit bezüglich der Funktionsweise von Plattformen gäbe, da unterschiedliche Plattformen ganz verschieden auf (neue) Herausforderungen reagieren. Drittens werde Kritik von Seiten der Beschäftigten an den Plattformmechanismen weitaus weniger ausgedrückt als vermutet: Plattformbeschäftigte betonen eher die Flexibilität der Arbeit. Zudem böte die Arbeit auf Plattformen Verdienstmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung oder für Menschen, die andere pflegen. Weiterhin betonten manche Befragte gar das Gefühl etwas Gutes mit ihrer Arbeit für andere Menschen zu tun, besonders in Zeiten der COVID-19 Pandemie. Schor und Vallas berichten zusammenfassend, dass das Narrativ des Endes der Arbeit überzogen sei, sehen aber gleichzeitig die Möglichkeit eines „large scale technological replacement of labor“ in bestimmten Bereichen. Sie kommen deshalb zum Schluss, dass der Fokus wohl künftig eher auf Care-Work und weiteren persönlichen Dienstleistungen liegen wird, die eine Face-to-Face Situation erfordern. Es zeige sich zudem erneut, dass die Mehrheit der Plattformbeschäftigten hauptsächlich nebenberuflich auf digitalen Plattformen arbeite.

Nachfolgend präsentierten Fabian Ferrari und Alessio Berolini (beide Oxford Internet Institute) einige Ergebnisse ihrer Forschung zum Thema: “The Tip of the Iceberg: Migration and Decent Work in Germany’s Platform Economy“. Die beiden Forscher widmeten sich der digitalen, ortsgebundenen Arbeit auf unterschiedlichen Plattformen wie Lieferando, CleverShuttle oder Beutreut.de und erstellten ein Ranking, welches die Fairness der Plattform anhand bestimmter Kriterien bewerten sollte. Für ihre Forschung wurden MigrantInnen in Deutschland befragt. Die Befragten gaben an teils verbesserte Chancen auf dem Arbeitsmarkt über plattformvermittelte Arbeit zu haben, da etwa der Einstellungsprozess vereinfacht (so komme es zu weitaus weniger Bürokratie) und die Arbeit allgemein flexibler sei. Neben einem Plus an Autonomie berichteten die Befragten aber auch von rassistischer oder sexistischer Diskriminierung in Zusammenhang mit der Plattformarbeit. Dennoch kommen die Forscher zu dem Schluss, dass Plattformarbeit grundsätzlich die Möglichkeit für MigrantInnen bereitstelle, Zugang zu Arbeit zu finden.  Sie betten ihre Arbeit jedoch in die generelle Problematik des Beschäftigungssystems ein und so seien die negativen Auswirkungen der Plattformen lediglich symptomatisch in Bezug auf die generelle, problematische Situation von migrantischen ArbeiterInnen in Deutschland abseits von Plattformen. So komme es auf dem Arbeitsmarkt teils zu einer Umgehung des Mindestlohns, zum Ausschluss aus sozialen Sicherungssystemen oder etwa zur Verschleierung von Beschäftigung durch Subunternehmen – all dies ließe sich folgerichtig dann auch auf Plattformen wiederfinden. Ihre Methodik der Bewertung der Fairness von Plattformen, als auch die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und einem entsprechenden Lobbying, könnten helfen, die Bedingungen der Plattformbeschäftigten zu verbessern.

Als dritter Vortragender stellte Heiner Heiland (TU Darmstadt) seine Forschung zu „Worker’s Voice in Platform Labor – Social Composition as Obstacle or Catalyst“ vor. Er untersuchte dazu FahrerInnen von plattformvermittelten Kurierdiensten. Heiland macht dabei die wichtige Anmerkung, dass die Plattformen, die er 2018 und 2019 noch untersuchte, in dieser Form nicht mehr existieren. Foodora und Deliveroo sind so nicht mehr präsent, sondern mittlerweile dominiere Lieferando als Quasimonopol den deutschen Markt. An dieser Stelle ist anzumerken, dass wohl viele ForscherInnen im Feld der Plattformökonomie diese allgemeine Schwierigkeit erleben: die Beständigkeit von Anbietern und Plattformen ist äußerst volatil. Heiland findet in seinem Sample besonders zwei Gruppen von KurierInnen: „Dependents“ und „Messengers“. Während Erstere tatsächlich abhängig vom realisierten Einkommen durch die Plattform sind, sind Letztere eher durch die Subkultur der KurierInnen an der Arbeit interessiert. Die Plattformen bieten vermeintlich freie, aktive, „coole“ und teils auch politische organisierte Arbeit, durch die sich diese Gruppe angesprochen fühlt, wenngleich diese Attribute in der tatsächlichen Arbeit dann kaum erfüllt werden. Dennoch sind es oft genau diese „Messengers“, die politischen Wandel innerhalb der Strukturen anstreben und teils initiieren, aber durch die hohe Fluktuationsrate und ihre vergleichsweise einfache „Exit-Option“ selten daran beteiligt sind, tatsächlich nachhaltige Strukturen zu verwirklichen. Die soziale Zusammensetzung der „Rider“ bietet also über diese Gruppe grundsätzlich Möglichkeiten einer politischen Artikulation – allzu oft scheiden die Personen aber nach kurzer Zeit wieder aus und nachhaltiger Wandel hin zu besseren Arbeitsbedingungen erscheint so kaum möglich.

Zuletzt stellte Sandra Kawalec (IAB Nürnberg) ihre Forschung zum Thema „Crowdwork and Justice Expectations“ vor. Sie untersuchte dazu eine Crowdsourcinginitiative von IBM, als auch die Gerechtigkeitserwartungen von Personen auf Crowdworkplattformen. Kawalec stellt dabei vier Bereiche heraus, die von zahlreichen Personen bezüglich ihrer Erwartungen an Plattformarbeit genannt wurden. Die erste Dimension „Performance-related Justice“ bezieht sich auf die Funktionsweise bestimmter Crowdworkingplattformen. Hierbei zeige sich häufig das Problem, dass nur das beste Ergebnis tatsächlich vergütet wird und alle anderen Einsendungen gänzlich ohne Bezahlung bleiben – obgleich viel Zeit und Arbeit in sie investiert wurde. Probleme hierbei zeigen sich auch in fehlenden, eindeutigen Aufgabenbeschreibungen und objektiven Maßnahmen zur Bewertung der Leistung. Der zweite Bereich widmet sich der „Autonomy“. Befragte berichten, dass sie über eine hohe Selbstbestimmung durch die Crowdwork verfügen und sich besser selbstverwirklichen können. Als dritten Punkt berichten Plattformbeschäftigte von einem Wunsch nach mehr Transparenz bestimmter Arbeitsprozesse und in Bezug auf Kommunikation bei der Arbeit auf Plattformen. Eine Regulierung der Plattformen wird hingegen gleichermaßen nicht unbedingt positiv bewertet, da einige Befragte Risiken sehen, ihre (finanziellen) Vorteile, die sich besonders über Plattformen ergeben, zu verlieren. Als vierten Punkt „Dignity“ äußern die Befragten hohe Erwartungen an eine menschenwürdige Arbeit, die sich nicht immer über Crowdworkplattformen realisieren lassen würden. Teils wird von sehr erniedrigenden Erfahrungen berichtet. Auch in diesem Beispiel zeigen sich vielfältige Auswirkungen, die die Arbeit auf digitalen Plattformen haben kann. Kawalec belegt diese durch entsprechende Zitate aus ihren Interviews in äußerst nachvollziehbarer und interessanter Art und Weise.

Zum Abschluss des Panels fragte Martin Krzywdzinski nach den wichtigsten Herausforderungen und Fragen, die die PanelteilnehmerInnen im Feld der Plattformökonomie sehen. Die Beantwortung dieser Frage offenbarte erneut die Vielfalt und Schwierigkeiten des Feldes, da sich unter dem Begriff der „Plattformökonomie“ nicht nur außerordentlich unterschiedliche Plattformen finden, die unterschiedliche Arbeitsleistungen bieten und Arbeit unterschiedlich organisieren; das Feld unterliegt auch einem ständigen Wandel, sowohl in Bezug auf Markteintritte und –austritte sowie Fusionen, als auch in Bezug auf staatliche Regulierungen, die selbst im Falle einer einzigen Plattform wie Uber, in verschiedenen Ländern oder gar Städten sehr unterschiedlich ausfallen können. Entsprechend vielfältig gestalteten sich auch die Antworten der Vortragenden. So betonte Kawalec, dass die COVID-19 Pandemie auch eine Chance für einige Personen sein könnte, Einkommen zu generieren, allerdings sei die Frage der Fairness der Arbeit außerordentlich relevant. Wer die Akteure sind, die diese schaffen, gelte es zu bestimmen. Gewerkschaften könnten hierbei durchaus hilfreich sein. Heiland hingegen sieht vor allen Dingen das Fehlen von repräsentativen Daten in Bezug auf die Plattformökonomie als Problem an. Zudem bezögen sich die meisten Untersuchungen auf große Städte und westliche Länder, während gerade der ländliche Bereich und Forschung aus dem Globalen Süden – auch im Kontrast zur Stadt und dem Globalen Norden – von großem Interesse wären. Für Ferrari ist besonders der Aspekt der Finanzierung vieler Plattformen von besonderem Interesse: er fragt deshalb, wie lange das Finanzierungsmodell über Venture Capital mit dem Versprechen an eine profitable Zukunft noch aufrechterhalten werden könne, wenn sich doch empirisch zeige, dass kaum eine Plattform auch nach Jahren der Marktaktivität wirklich profitabel sei. Zudem werde deutlich, dass die Plattformen sich über die Zeit – auch durch Regulierung – ändern. Plattformen müssten zunehmend Verantwortung für ihre Beschäftigten übernehmen und sie sollten dabei zeigen, dass sie auch gewillt sind, dies aktiv zu tun. Juliette Schor betonte hingegen abschließend, dass die Forschung sich vornehmlich auf die Perspektive der Beschäftigten fokussiere. Die Seite der Plattformen sei aber auch interessant, möchte man die Analyse der Plattformökonomie vorantreiben. Zudem verliefen die Diskussionen über Regulierungen relativ grundlegend und es bedürfe einer Weiterentwicklung dieser Positionen mit Berücksichtigung der jeweiligen Eigenschaften der Fälle. Vallas fügte hinzu, dass es zudem die jeweiligen Strukturen der Arbeitsmärkte, besonders in Bezug auf „race“ und „gender“, zu berücksichtigen gelte.

Insgesamt lieferte das Panel detaillierte Einblicke in unterschiedliche, teils sehr spezifische Bereiche bestimmter Plattformen, die für die Analyse der Arbeitsorganisation durchaus wertvoll sind. Interessant waren dabei die internationale Zusammensetzung der Vortragenden und das vielschichtige, heterogene Untersuchungsfeld, sowie die jeweiligen Perspektiven auf dieses. Gleichermaßen offenbarte sich aber erneut genau durch diese außerordentliche Vielfalt die Schwierigkeit, Gemeinsamkeiten bei den Untersuchungen zu formulieren, da teils sehr spezielle Plattformen im Fokus der Untersuchungen standen, die jeweils entsprechend spezifische Eigenheiten aufweisen. Verbindend verbleibt daher auch weiterhin der unscharfe Begriff der „Plattform“, der es durch seine Heterogenität und seine ständige Transformation und Wandelbarkeit schwierig macht, gemeinsame und allgemeingültige Ableitungen über die Arbeit auf Plattformen und die Organisation selbiger zu treffen.

Wie in diesem ersten virtuellen DGS Kongress „Berlin“ auftaucht.

von Isabell Stamm

Heute beginnt der 40. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie – und wie so viele Veranstaltungen im Jahr 2020 findet auch dieser digital statt und nicht wie ursprünglich geplant an der TU Berlin. Heute wären also Forschende, Lehrende, Studierende und soziologisch Interessierte über den Ernst-Reuter-Platz entlang der Straße des 17. Juni Kongress-Anmeldestelle geeilt, hätten Joachim Gauck im Schillertheater gelauscht, hätten sich mit Kolleg*Innen in Hörsälen und Seminarräumen zum produktiven Austausch getroffen und wären mit alten und neuen Bekannten Kaffee trinken gegangen. Selbstverständlich hätte es im Laufe der Woche auch eine rauschende Kongress-Party gegeben, Berliner Kultur- und Nachtleben. Zum fünften Mal wäre Berlin dann Schauplatz des DGS-Kongresses gewesen, zum ersten Mal wieder seit über 40 Jahren und zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung. Ein Ereignis auf das sich das lokale Organisationsteam mit viel Engagement vorbereitet hat, dann aber im von der Corona-Pandemie geprägtem Jahr 2020 eine digitale Umordnung des DGS-Kongress notwendig wurde. „Umordnung“ dieses Wort war im Themenpapier des diesjährigen DGS-Kongresses vorausschauend gewählt.

Zu gegebener maßen verklärt nun der Blick auf das, was hätte sein können, den Blick auf das, was nun nicht sein kann, aber ist. Immerhin hatten wir alle in den letzten Monaten reichlich Gelegenheit für virtuelle Begegnungen und haben gelernt diese hinzunehmen, zu gestalten oder gar zu schätzen. Wir lernen unsere Bewertung des virtuellen Formates nicht mehr länger am ständigen Vergleich mit unseren Präsenzerfahrungen zu messen, sondern dieses Format als anders und wertvoll zu akzeptieren und zu gestalten [Carrigan und Elder-Vass 2020]. So richten wir uns für die kommenden Tage in unseren mehr oder weniger privaten Räumen ein und öffnen uns von hier aus der wissenschaftlichen Interaktion mit anderen, zwar in einer geteilten Situation, aber eben an ganz unterschiedlichen physischen Orten. Das kollektive „Wir“ der Teilnehmenden am DGS Kongress entsteht diesmal aus dem virtuellen Austausch der multilokal verteilten Köper der am DGS Teilnehmenden. Und wir sind eben nicht alle in Berlin.

Der erste virtuelle DGS-Kongress ist eine notwendig gewordene Reaktion auf gesellschaftliche Umordnung mit ambivalenten Konsequenzen. Der Umstieg auf ein virtuelles Format verschiebt soziale Ungleichheiten in der Teilnahme am DGS, verändert Praktiken des wissenschaftlichen Diskurses und redefiniert die Konstruktion von Informalität und Vertrautheit unter Teilnehmenden. Der erste virtuelle DGS-Kongress steht insofern symptomatisch für eine „Gesellschaft unter Spannung“ in Zeiten der Covid 19- Pandemie und für die damit verbundenen Anforderungen an die Soziologie, die eben diese Spannungen mit Hochspannung beobachtet, analysiert und einordnet. Im Umgang mit diesen Anforderungen scheint die selbst unter Spannung geratene Soziologie sich mehr denn je aus der Deckung zu wagen. Sie ist präsent in Zeitungsartikeln, Blog-Beiträgen, Pod-Casts, den Social Media, Hackathons und digitalen Veranstaltungsreihen, die das Geschehen fast synchron und öffentlich reflektieren [z.B. die WZB Reihe zur Coronasoziologie]. Diese Reflektionen und Diagnosen finden als Vorträge, Paneldiskussionen und Buchvorstellungen auch Eingang in das Programm des virtuellen DGS Kongress.

Die Eröffnungsveranstaltung heute Abend ist Ausdruck der Umordnung des DGS Kongresses sowie der soziologischen Selbstreflexion darüber. Was einmal an repräsentativen Ort mit repräsentativen Gästen geplant war, fand nun virtuell in (nur) scheinbar kleiner Runde statt. Vor einem Bild des Schillertheaters, mit Anzug und roter Krawatte eröffnete Hubert Knoblauch mit einer feierlichen Ansprache den DGS Kongress. In seiner Rede wird die Wehmut des lokalen Veranstaltungsteams deutlich, den Kongress ins digitale gleiten zu lassen. Es wird jedoch auch Zufriedenheit mit der Themenwahl „Gesellschaft unter Spannung“ laut, die wohl kaum passender auf die aktuellen Umstände zutreffen hätte können. So ist das Programm, obwohl es zu großen Teilen schon vor Beginn der Corona-Pandemie geschnürt wurde, aktuell, spannend und vielfältig. Schließlich verbreitet die Ansprache Vorfreude auf den kollegialen Austausch und das explorieren neuer Formate wie etwa der mittäglichen Verlagskaffeepausen oder einem Kongress-Gesellschaftsspiel. An dieser Stelle schließt Birgit Blättel-Mink, die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, mit ihrer Ansprache an. Sie spricht über die Chance zur Transformation, die sich als prekär und flexibel erweist und einer Soziologie, die eben diese Transformationen zu benennen und analysieren vermag. Blättel-Mink sieht die Soziologie als krisenerprobte Wissenschaft und unterstreicht, was soziologische Perspektivenvielfalt zur Bearbeitung gesellschaftlicher Umordnung zu bieten hat. Daran anschließend erfolgt die Verleihung des Preises für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der öffentlichen Wirksamkeit der Soziologie an Aladin El-Mafaalani mit einer flammenden Laudatio von Anja Weiß, sowie die Verleihung des Thomas A. Herz-Preis für qualitative Sozialforschung an Johannes Becker und Daniel Bultmann mit einer Laudatio von Monika Wohlrab-Sahr. Ohne den gewohnten Applaus bzw. das Klopfen kommt die Eröffnungsveranstaltung „gespenstisch“ leise daher, wie Blättel-Mink formuliert, aber dennoch kraftvoll und zuversichtlich. Den neun auf dem Zoom-Screen zu sehenden Gesichtern lauschten über 500 Interessierte; es lief alles reibungslos und auf den Inhalt fokussiert, so dass die Veranstaltung gar eine halbe Stunde vor Plan endete – sogar nicht typisch für Berlin.

Geht man heute Abend über den Ernst-Reuter-Platz trifft man also eher nicht auf Soziolog*innen. Stattdessen findet man dort einen räumlichen Platzhalter für den DGS Kongress in Form einer Kunstinstallation erbaut aus Bauhaus-Fassadenelementen. Die unter Spannung erfolgte Umordnung von einer Präsenzveranstaltung in Berlin zu einem virtuellen Format, geht mit einer Reihe von weiteren Strategien einher mit dieser räumlichen Verschiebung zu verfahren – und Berlin doch noch im DGS Kongress auftauchen zu lassen: So hat etwa die Künstlerin Stefanie Bürkle eine Serie von Photographien zu Arbeitsstätten und Gebäuden der Technischen Universität Berlin sowie zu Berliner Orten ausgewählt, die als virtuelle Zoom-Hintergründe den Kongressteilnehmern exklusiv während der Konferenz zur Verfügung stehen [download hier]. Die Forschenden, Lehrenden und Studierenden der TU Berlin bieten zahlreiche thematische wie soziale digitale Veranstaltungen für DGS Teilnehmer an. Studierende der TU Berlin verarbeiteten ihre Kongress-Erlebnisse in einem podcast. Und in den nächsten Tagen werden eine Reihe von Institutsmitgliedern diesen Blog bespielen – und wollen damit einen Blick aus Berlin auf das Geschehen ausgewählter virtueller Veranstaltungen werfen:  Oliver Gierig, Nina Meier, Michael Weinhardt, René Tuma, Michael Wetzels und Nele Dittmar werden auf Basis ihrer Veranstaltungsbeobachtungen über die Zukunft der Arbeit in der Plattformökonomie, die Herausforderungen von Crowd Science, Diagnosen über die Corona-Gesellschaft oder die Präsentation des Selbst im digitalen Leben bloggen. All diese Maßnahmen sind als Versuche zu werten, physische Räumlichkeiten und virtuelles Videokonferenzformat, lokalen Perspektiven und multilokalen Diskurs produktiv zu verbinden. Dies ist vor allem aber auch eine Form, die ambivalenten Konsequenzen der notwendig gewordenen Umordnung zu bearbeiten – ganz im Sinne einer „Re-Figuration von Räumen“ wie er im an der TU Berlin angegliederten gleichnamigen SfB erforscht wird [7]. In diesem Sinne – willkommen in Berlin!

Was heißt Systemrelevanz?

Im politischen Diskurs hat sich in der Corona-Krise die Unterscheidung systemrelevanter/nicht-systemrelevanter Berufe hierzulande durchgesetzt. Im Zuge des Lockdowns wurde offensichtlich, welche Berufsgruppen und welche Institutionen unverzichtbar sind, um die Gesellschaft am Laufen zu halten. Im Fokus steht pandemiebedingt der gesamte Gesundheitssektor, von Gesundheitsämtern über Krankenhäuser hin zu stationären und mobilen Pflegediensten. Systemrelevant sind in diesem Sinne alle Bereiche der Daseinsvorsorge, die sogenannte kritische Infrastruktur. Die derzeitige Krise macht die Bedeutung von Infrastrukturen, die normalerweise geräuschlos funktionieren, insofern sichtbar und bestätigt somit umgekehrt die These von Bowker/Leigh Star, dass Infrastrukturen „becomes visible upon breakdown“. Zu den Bereichen der Daseinsvorsorge gehört vorrangig die Lebensmittelversorgung (landwirtschaftliche Erzeugung inkl. Spargelstechen (!), Verarbeitung und Vertrieb sowie der Lebensmittelhandel). Aber auch das Transport- und Verkehrswesen, die Abfallwirtschaft, Informations- und Kommunikationstechnik, Energieversorgung, Sicherheit und Katastrophenschutz wie Polizei und Feuerwehr sowie Post- und Paketzustelldienste zählen dazu [i].

Mit der Daseinsvorsorge einher geht die Notbetreuung von Kindern der Eltern in den sogenannten systemrelevanten Berufen, so dass auch Lehrer_innen und Erzieher_innen zu den (sekundär) systemrelevanten Berufen gehören. Zugleich zählt auch der gesamte staatliche Apparat mit seinem Verwaltungspersonal dazu. Ebenso wenig ausgesetzt werden kann das Rechtwesen, das im Hintergrund leise weiterläuft genauso wie im Übrigen auch das Finanz- und Versicherungswesen. Ein Großteil jener Tätigkeiten lässt sich ohne Weiteres im Homeoffice fortsetzen. Dies ist im medizinischen Bereich anders und auch die soziale Arbeit (Streetworking etc.) ist zwar systemrelevant bzw. gemeinwohlorientiert, aber sie findet seit Wochen nur unter zum Teil sehr eingeschränkten Bedingungen statt – zum großen Nachteil der Klient_innen.

In der Krise besonders gefragt ist der Journalismus, der unter Hochdruck die dynamischen Ereignisse dokumentiert, zusammenfasst und kommentiert. Wissenschaft läuft ebenso weiter, sofern es unter der Bedingung der vorübergehenden Schließung der Hochschulen, Labore und Bibliotheken für alle, inklusive Ausnahmeregelungen, möglich ist. Statt Präsenzlehre findet das Sommersemester digital statt, ein Reallabor der Digitalisierung und Digitalisierbarkeit von Lehre. Die Regeln der Zuordnung systemrelevanter/nicht-systemrelevanter Tätigkeiten, die sich auch nach Bundesland unterscheiden, sind insofern relevant, weil oft nur mit einer entsprechenden Bescheinigung des Arbeitgebers die Notbetreuung für Kinder beantragt werden kann, um den erforderlichen Tätigkeiten nachzukommen.  Alleinerziehenden werden in einigen, aber längst nicht in allen Bundesländern die Notbetreuung von Kindern in Schulen und Kitas ermöglicht, um auch in nicht-systemrelevanten Berufen weiterarbeiten zu können und damit das Haushaltseinkommen zu sichern. [ii]

Gänzlich ausgesetzt wurde zumindest vorübergehend der sportliche Wettbewerb. Die Olympischen Spiele in Japan wurde nach langer Überlegung schließlich auf das nächste Jahr verschoben, die Fußball-Europameisterschaft der Männer von 2020 auf 2021, die Fußball-Europameisterschaft der Frauen von 2021 auf 2022 verschoben. Kunst- und Kultureinrichtungen sind nach wie vor bundesweit geschlossen. Die meisten regulären Veranstaltungen wie die Bayreuther Festspiele wurden für dieses Jahr gestrichen. Aber auch die freie Religionsausübung ist momentan eingeschränkt. Kirchen, Moscheen und Synagogen sind seit Mitte März geschlossen. In einigen Bundesländern sollen sie ab Mai wieder öffnen dürfen, nachdem es nun mehrere Wochen hieß, Gottesdienste online, Beten offline. Die seit dem 22. März 2020 bundesweite verhängte Kontaktsperre soll zunächst bis zum 3. Mai 2020 gelten, bis Bund und Länder auf Basis der jüngsten Entwicklungen und Zahlen die Lage neu sondieren.

Während die radikale Entscheidung des Shutdowns unter der Prämisse FlatteningtheCurve auf eine gewisse Einigkeit und hohe gesellschaftliche Akzeptanz gestoßen ist, setzt mit der Idee der stufenweisen Öffnung nun eine gesellschaftliche Debatte darüber ein, was Systemrelevanz eigentlich heißen soll. Medizinisch betrachtet hat sich die Gefahrenlage kaum verändert. Noch immer besteht das Risiko, dass bei einer unkontrollierten Verbreitung des Virus das medizinische Versorgungssystem zusammenbricht und es zu einer gesteigerten Sterberate kommen wird, wie wir sie bereits aus unseren Nachbarländern wie Italien kennen. Die politischen Erwägungen einer stufenweisen Rückkehr zur Normalität stehen somit nicht mehr im Einklang mit dem Rat vieler Virolog_innen und Epidemiolog_innen, der das politische Handeln zuvor angeleitet hatte. Vielmehr kommen in den am 15. April beschlossenen Lockerungsmaßnahmen nun mehrheitlich wirtschaftliche Gesichtspunkte zum Tragen, um neben Corona die zu erwartenden massiven ökonomischen Folgekosten der Krise so weit wie möglich einzudämmen. Dabei obliegt den Landesregierungen die konkrete Gestaltung der Öffnung, angefangen von der umstrittenen Frage der schrittweisen Schulöffnung hin zu den Auflagen für die Öffnung von Geschäften mit einer Fläche von unter 800 Quadratmetern, so die rechtliche bundesweit einheitliche Richtlinie. Alle Lockerungen stehen weiterhin unter der Prämisse der Abstandssicherung und eines entsprechenden Umsetzungsplans, diese umsichtig auch hinsichtlich der Hygieneregeln zu gestalten.

Für den Einzelhandel heißt Abstandssicherung bspw., die Anzahl an Kund_innen räumlich zu begrenzen. Für Schulen heißt es, die Klassengröße zu reduzieren und Schüler_innen nacheinander im Wechselspiel zu unterrichten und dabei die geforderten Hygienemaßnahmen strikt einzuhalten. Doch nicht in allen Branchen und Bereichen lässt sich eine Abstandssicherung vernünftig umsetzen. Hierzu gehören Einrichtungen der Körperpflege vom Frisör zum Massagesalon bis zum Kosmetikstudio, die nach wir vor geschlossen sind. Während über Frisörläden seit ihrer Schließung Mitte März sehr viel gesprochen wird und in einigen Bundesländern bereits ihre Wiedereröffnung angekündigt wurde, werden andere derzeit geschlossene Einrichtungen wie z.B. Bordelle in der Öffnungsdebatte noch weitestgehend ausgeklammert. Die Folge ist, dass das Geschäft unter nur noch prekäreren Bedingungen auf der Straße für viele Prostituierte illegal weiterläuft.

Trotz der bundesweit eingeführten Lockerungsmaßnahmen in der letzten Woche, die hauptsächlich den Einzelhandel betreffen, bleiben die meisten Einrichtungen, in denen körperlicher Kontakt unvermeidbar ist, wie z.B. Sportvereine oder Schwimmbäder bis auf weiteres geschlossen. Für den Sommer geplante große nationale und internationale Veranstaltungen wie sportliche Wettbewerbe wurden ausgesetzt bzw. verschoben, gleiches gilt für Messen, Konzerte oder wissenschaftliche Tagungen. Mit dem Verbot von Großveranstaltungen mit mehr als 5000 Teilnehmenden wie in Berlin bspw. derzeit noch bis zum 24. Oktober wurden reguläre sportliche Ereignisse wie der Berlin-Marathon vom Senat bereits abgesagt. Spiel und Trainingsbetrieb im Eishockey, Handball oder Basketball sind derzeit eingestellt, der Saisonabschluss, ob Regional- oder Bundesliga, liegt somit auf Eis.

Einzig die Deutsche Fußball Liga (DFL) scheint hier nun eine Ausnahmeregelung politisch durchzusetzen. Momentan steht zur Debatte, die Fußball-Bundesliga in Form von Geisterspielen Mitte Mai fortzusetzen. Hierfür hat die DFL einen Hygieneplan für die Spielsaison erstellt. Dieser sieht vor, vor jedem Spiel alle Spieler durchzutesten. Alle Spieler mit negativem Testergebnis werden zum Spiel zugelassen. So soll weitere Ansteckung vermieden werden. Wie der SPD-Bundesabgeordnete und Mediziner Karl Lauterbach in vielen Interviews und TV-Talkshows nach Durchsicht des Umsetzungsplans betont hat, müssten laut der allgemein geltenden Regelung jedoch gleichsam alle Spieler, die mit einem Infizierten in Kontakt waren, sofort in Quarantäne, um einer weiteren Verbreitung entgegenzuwirken. Auch wenn der Hygieneplan der DFL von vielen Seiten gelobt wurde, ist dies der neuralgische Punkt und es bleibt spannend zu beobachten, wie die politische Entscheidung und die Reaktion darauf diese Tage ausfallen wird.

Der Fall macht jedoch einmal mehr deutlich, dass die politischen Entscheidungsprämissen der Öffnung nicht die gleichen sind wie die der Schließung. Statt Systemrelevanz im Sinne der Daseinsvorsorge orientiert sich die Frage der stufenweisen Öffnung primär nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Von allen Sportereignissen ist der deutsche Männerfußball hierzulande derjenige, der mit den größten Werbeetats ausgestattet ist (angeblich stehen 300 Millionen Euro auf dem Spiel). Trotz Pandemie soll auf diese Einnahmen nicht länger verzichtet werden, der in Anschlag gebrachte Code lautet Zahlung/Nicht-Zahlung. Die Mehrheit der Fußballvereine steht bereits jetzt schon kurz vor der Insolvenz nach der Aussetzung dieser Saison, 16 der 18 Vereine der ersten Bundesliga haben Kurzarbeit angemeldet. Der Profifussball bildet jedoch nur die Spitze des Eisbergs in der Sportwelt. In allen Bereichen des Profisports fehlen aktuell die Einnahmen von Sponsoren und Zuschauern. Ob sich tatsächlich jeder Verein über die Krise retten kann, bleibt deshalb fraglich.

Die fehlende Einnahmeseite aufgrund des Shutdowns ist in allen gesellschaftlichen Bereichen existenzbedrohend, so insbesondere auch in der Tourismusbranche und der Gastronomie. Trotz aller bereits verabschiedeten Rettungsschirme wie Kurzarbeitergeld oder maximaler Steuererleichterung scheinen einige Berufsgruppen jedoch momentan durch das Raster zu fallen. Dies betrifft beispielsweise all diejenigen, die seit dem 9. März 2020 aufgrund des Veranstaltungsverbots einem Berufsausübungsverbot unterliegen. Freie Künstler_innen und Kulturschaffende, von Musiker_innen, über Schauspieler_innen hin zu Tänzer_innen leben von Auftritten vor einem zahlenden Publikum, die Krise hat sie freigesetzt. In einem offenen Brief hat der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum einen Appell an die Bundesregierung gerichtet, endlich einen Rettungsschirm für freischaffende Künstler aufzuspannen. Unterstützungsangebote wie Kurzarbeitergeld greifen in diesem Falle nicht, wenn keine festen Verträge bestehen; das Soforthilfeprogramm ziele lediglich auf die Abdeckung laufender Betriebskosten. Es müsse daher ein spezieller Kulturnothilfefonds geschaffen werden, der der Arbeitssituation freischaffender Künstler_innen und privater Kultureinrichtungen gerecht wird, um deren Existenz zu sichern. Nicht ohne Grund wurde dieser offene Brief im Berliner Tagesspiegel veröffentlicht, da der Standort Berlin wohl am meisten unter dem Verlust von Kulturstätten zu leiden hätte, zieht die Hauptstadt daraus doch ihr größtes Kapital. Eine Unterstützung des Berliner Senats wurde bereits gefordert, um ein massives Theatersterben
zu verhindern. Verkündet wurde dagegen just ein Soforthilfeprogramm für Orchester und freie Ensembles, um die Ausfallhonorare zu kompensieren. Für die Wiedereröffnung von Theatern liegen ähnlich wie für die Fußballbundesliga bereits erste Vorschläge vor, wie eine erforderliche Abstandssicherung konkret realisiert werden könnte. Im öffentlichen Diskurs wird allerdings die Fortsetzung jeder Art von Publikumsveranstaltungen bislang kaum diskutiert und daher auch noch kein Ende in Aussicht gestellt.

Während die Gründe und Maßnahmen für den ShutDown auf eine gewisse Einigkeit und hohe gesellschaftliche Akzeptanz trafen, werden beim Hochfahren des Systems nun Verteilungskonflikte offenkundig. Die bisher gewählte Unterscheidung systemrelevant/nicht-systemrelevant verliert an Gültigkeit und Plausibilität, da alles, was die Gesellschaft ausmacht, eben systemrelevant ist bzw. war. Symbolische Markierungen wie „freischaffende Künstler sind systemrelevant“ oder Hierarchisierungsversuche, das Gesundheitssystem sei systemrelevanter als der Sport, führen in einer funktional differenzierten Gesellschaft ins Leere. Dennoch lehrt uns dieser Fall einiges über die Wertorientierung in der Gegenwartsgesellschaft, da die politischen Unterstützungsmaßnahmen zur fortwährenden Existenzsicherung ungleich verteilt sind und das gilt wohl erst Recht für die zu erwartenden Folgen. Angesichts des hohen gesellschaftlichen Ausdifferenzierungsgrads scheinen politische Priorisierungen der finanziellen Hilfe aber fast unabdingbar. Ein Rettungsfonds für Orchester, was aber wird aus Theatern oder Opernhäusern? Wie lässt sich eine wirtschaftlich gebotene Öffnung unter dem Druck, eine zügellose Ausbreitung des Virus zu verhindern, am vernünftigsten und möglichst gerecht gestalten? Zunächst der Einzelhandel, dann die Gastronomie? Erst mit Beginn der Lockerungsdebatten werden parteipolitische Interessen wieder sichtbar. Der Machtkampf ist aber selbst innerhalb der Parteien spürbar, wenn es wie im Falle des spezifischen Krisenmanagements der Länder durch Ministerpräsidenten wie Laschet (Nordrhein-Westfalen) vs. Söder (Bayern) implizit immer auch um die Frage des geeigneten nächsten CDU-Kanzlerkandidaten geht.

Soziologisch interessant bleibt es weiter zu beobachten, wo die blinden Flecken der politisch orchestrierten Rückkehr zur gesellschaftlichen Normalität liegen und welche intendierten und nicht-intendierten Konsequenzen das Krisenmanagement der Corona-Pandemie hierzulande, aber auch andernorts hervorbringen wird. Auf dieser Basis lassen sich mögliche Gegensteuerungsmaßnahmen entwickeln [iii], aber auch unzählige empirische Projekte planen. Gefragt ist jetzt die Soziologie als solche, ihr Themenspektrum erscheint in der Krise größer denn je, das zeigt nicht zuletzt die journalistische Nachfrage. Sicher ist, dass uns dieser gesellschaftliche Einschnitt noch sehr lange professionell beschäftigen wird. Im Zuge der gesellschaftlichen Krise öffnet sich ein Gelegenheitsfenster für soziologische Innovationen.


[i] Der private Online-Versandhandel, speziell Amazon, erlebt seit Ausbruch der Pandemie einen regelrechten Boom und gehört als einer der wenigen Branchen zu den wirtschaftlichen Gewinnern der Krise.

[ii] Eine jüngste Studie des DIW macht hier dezidiert auf den Gender Pay Gap in den systemrelevanten Berufen aufmerksam und fordert generelle politische Maßnahmen wie bessere Entlohnung und tarifrechtliche Absicherung.

[iii] Frank Adloff und Tanja Busse haben hierzu bereits einen Vorschlag unterbreitet, und zwar die Einrichtung eines Solidaritätsfonds, um die Krisenfestigkeit der Gesellschaft zugunsten einer sozial-ökologischen Transformation nachhaltig zu stärken.

Diversitätsprobleme im Expertentum: Die Coronakrise als Kontrastmittel für Schieflagen im Wissenschaftssystem

Führt man sich den Entstehungsprozess der Leopoldina-Stellungnahme vor Augen, den Heike Schmoll in der FAZ inzwischen erläutert hat, fragt man sich, weshalb man sich überhaupt die Mühe einer wissenschaftssoziologischen Analyse gemacht hat, wenn es von Seiten der Autorinnen nur heißt, sie waren selbst erstaunt, dass aus diesem kollaborativen Arbeitsauftrag „ein so vergleichsweise rationaler Text“ ad hoc zustande gekommen ist, selbst wenn er nicht allen internen „Ansprüchen gerecht werden konnte“. Der Politik scheint es so aber ausgereicht zu haben, denn sie ist den Empfehlungen an einer besonders umstrittenen Stelle bekanntlich gefolgt.

Der Blick auf die Autorinnenliste am Ende des Dokuments offenbart zusätzlich, dass die Leopoldina-Stellungnahme mehrheitlich von Männern im Alter von über 60 Jahren verfasst worden ist. Kein Wunder also, dass das Konzept der Fürsorge und der Familie in dieser Stellungnahme nicht mitgedacht ist, wenn Frauen in diesem Gremium kaum vertreten waren (2 von 26!), so einer der größten Kritikpunkte, die prominent auch von Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung im Berliner Tagesspiegel vorgebracht wurde.

Dass die ungleiche Repräsentation von Frauen in wissenschaftlichen Entscheidungszusammenhängen durch diesen Fall in die gesellschaftliche Diskussion gerät, ist wichtig und längst überfällig. Die aktuelle Krise macht viele gesellschaftlichen Schwachstellen sichtbar. Vielleicht braucht es in der Wissenschaft den öffentlichen Druck, um Reproduktions- und Anerkennungsmechanismen endlich entlang von Gleichstellungsstandards zu orientieren. Die Leopoldina ist dabei aber nur ein Fall unter vielen. Zu ihren Mitgliedern, den sogenannten exzellenten Wissenschaftlerinnen, gehören derzeit nur insgesamt 12 Prozent Frauen, bei den neu Zugewählten sind es immerhin 32 Prozent [i]. Ähnliche strukturelle Muster lassen sich auch für jede der anderen Akademien ausmachen. BBAW, acatech, Leopoldina – an ihrer Spitze stehen Männer. Dass dieser Umstand von den Beteiligten in der akademischen Welt auch im Jahr 2020 noch betrieben und/oder hingenommen wird, ist der eigentliche Nachrichtenwert. Hierzu muss man sich bloß auf Schlüsselveranstaltungen der Wissenschaftspolitik begeben wie den jährlich stattfindenden Forschungsgipfel des Stifterverbands für wissenschaftspolitische Entscheiderinnen, um festzustellen, dass eine Podiumsdiskussion zu Innovationen immer noch als Manel 10:0 besetzt werden kann. In welchem anderen Gesellschaftskontext würde eine solche Zusammensetzung überhaupt noch durchgehen?

Aber erst mit der Vorlage einer akademischen Stellungnahme zu den gesellschaftlichen Risiken des coronabedingten Lockdowns werden diese Missstände in der Wissenschaft öffentlich virulent. Denn hier wird jeder Leser_in sofort deutlich, dass es sich bei der Forderung nach mehr Diversität in der Wissenschaft nicht allein um Repräsentationsfragen dreht, sondern dass die systematische Nichtberücksichtigung u.a. von Frauen mit der Vernachlässigung von Inhalten und Perspektiven einhergeht. Dass die Unterrepräsentation von Frauen in wissenschaftlichen Machtpositionen nun aber ausgerechnet im Fall einer einzelnen Stellungnahme zu einem einzigen Passus diskutiert wird, bei dem es um ein sogenanntes typisches Frauenthema, nämlich Care-Arbeit geht, ist jedoch ebenso bezeichnend für die nach wie vor geringe Sensibilität für diese gravierende Schieflage in der Wissenschaft.

Dafür reicht der Blick auf die Autorinnenliste der beiden ersten Ad-hoc-Stellungnahmen der Leopoldina, denn sie zeigen ein ganz ähnliches Muster mit 3 Frauen zu 13 Männern unter den Fachexpertinnen für medizinische Fragen – kein Wort dazu von niemandem. Die vier Hauptunterzeichner der jüngsten Stellungnahme der Helmholtz-Initiative, Präsident, Vizepräsidenten, Institutsleiter: nur Leitungspositionen, allesamt Männer. Dass unter den Hochschulleitungen Deutschlands nicht einmal ein Viertel Frauen sind, ist ein weiteres Datum. Bei der Leitung außeruniversitärer Einrichtungen sieht die Lage noch schlechter aus, so ist hier nur jede zehnte Institutsleitungsposition mit einer Frau besetzt. Vollkommen selbstverständlich also, dass wir in den täglichen Pressekonferenzen derzeit nur Männern begegnen, wenn wissenschaftliche Institutionen und ihre Leitungsfiguren gefragt sind.

Medien reproduzieren wissenschaftliche Selektionsmechanismen

Aber auch in den Medien ist das Thema Wissenschaft männlich besetzt, dies offenbart die aktuelle Krise wie unter einem Brennglas. Die wissenschaftszentrierten Podcasts zur Corona-Krise tragen den Namen der Experten. Sie heißen mit Vornamen zwar nicht alle Thomas, aber Alexander (Mitteldeutscher Rundfunk), Christian (NDR), Hendrik (Bayrischer Rundfunk) oder Heinz-Wilhelm (WDR) und eben nicht Marylyn. Die Namensliste ließe sich an Beispiel von TV-Talkshows leicht fortsetzen, doch es reicht an dieser Stelle vielleicht festzuhalten, dass nicht allein die Wissenschaft, sondern auch die Medien an der stetigen Reproduktion eines einseitigen Bildes von Wissenschaft mitwirken, indem (natur-)wissenschaftliche Fragen mehrheitlich männlich konstruiert werden. Angesichts dieses medialen Framings kommt in der gegenwärtigen Lage fast automatisch die Frage auf: Gibt es keine Virologinnen in Deutschland? Natürlich gibt es sie, aber sie werden weit weniger hofiert und sind dadurch weniger sichtbar. Männern wird die Vorderbühne zugedacht, Frauen forschen auf der Hinterbühne. Das betrifft die Soziologie ganz genauso. Für die großen gesellschaftsdiagnostischen Fragen greift der Journalismus gerne auf die üblichen Verdächtigen zurück, die sich bereits als Suhrkamp-Autoren im medialen Diskurs bewährt haben und thematisch flexibel sind. In diesem Portfolio kommen aber weder Frauen noch die Vertreterinnen spezieller Soziologien vor. Dazu würde bspw. die Katastrophensoziologie gehören, die in der akuten Situation vermutlich tiefgreifender Auskunft geben könnte, aber aufgrund ihres schwachen Institutionalisierungsgrads weniger prominent ist. Angesichts der verzerrten medialen Wissenschaftskommunikation wird mithilfe der sozialen Medien derzeit versucht, zumindest der Marginalisierung weiblicher Forscherinnen entgegenzuwirken, vielleicht bewegt sich was.

Die Lehre vom Matilda-Effekt

Doch greift auch hier und heute in dieser Krise besonders sichtbar immer noch der Matilda-Effekt, den die Wissenschaftshistorikerin Margaret W. Rossiter formuliert hat. Der Matilda-Effekt beschreibt die systematische Diskriminierung von Frauen, die Rossiter (1993) entlang historischer Fallanalysen aufgezeigt hat. Ihre Ergebnisse machen deutlich, wie der Beitrag von Wissenschaftlerinnen in der Forschung häufig geleugnet und stattdessen den männlichen Kollegen zugerechnet wurde. Als Antwort auf den Matthäus-Effekt, den der Wissenschaftssoziologe Robert K. Merton als kumulativen Vorteil beschrieben hat (von dem er im Übrigen selbst profitiert hat), leitet sich der Matilda-Effekt von dem zweiten Teil des namensgebenden Zitats aus dem Matthäus-Evangelium ab: „wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden“. Frauen und ihre wissenschaftlichen Leistungen werden systematisch unsichtbar gemacht. Werden Namen nicht erwähnt, bleibt auch die soziale Anerkennung für wissenschaftliche Leistungen aus.

Dass im Wettbewerb um wissenschaftliche Beachtung auch die Massenmedien eine entscheidende Rolle spielen, führt die Coronakrise sehr anschaulich vor Augen. Einzelne Wissenschaftler werden von den Medien und zum Teil mit Unterstützung einer professionellen PR-Maschinerie regelrecht zu medialen Experten mit Gesicht aufgebaut, andere finden allenfalls am Rande öffentliche Erwähnung. Diese mediale Selektivität wirkt sich selbstverständlich auch auf die öffentliche Wahrnehmung von Wissenschaft aus. Ein Beispiel, vielleicht nicht das beste, aber immerhin das anschaulichste, ist eine von der BILD-Zeitung kürzlich lancierte Umfrage zur Glaubwürdigkeit von Corona-Experten. Zur Wahl standen sieben Expertinnen. Das Ergebnis verweist die einzigen beiden Frauen in der Auswahl beide mit drei Prozent auf den letzten Platz des Rankings. Es sind Prof. Dr. Marylyn Addo, Leiterin der Sektion Infektiologie am UKE Hamburg und Prof. Dr. Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Dass eine nicht-repräsentative Umfrage, besser gesagt, ein Klick auf einen der Namen von irgendjemandem weniger mit der Zurechnung von Glaubwürdigkeit als mit der Bekanntheit der Person zu tun hat, ist offenkundig, genauso wie ein solches Clickbaiting keinen journalistischen Zweck erfüllt.

Jedes veröffentlichte Ranking aber suggeriert qualitative Unterschiede in der Sache, obwohl die Umfrageergebnisse lediglich auf ein Sichtbarkeitsgefälle zurückführbar sind, das die Medien selbst produzieren. So entstehen kumulative Vorteile für die einen, kumulative Nachteile für die anderen. Umso erstaunlicher ist, dass dieser Umstand sogar selbstreflexiv in der Ergebnisdarstellung von der Bild-Redaktion hervorgehoben wird: „Übrigens: Das Ergebnis dieser Umfrage sagt nichts über Glaubwürdigkeit oder Kompetenz der Experten aus. Vielmehr zeigt sie, wie bekannt und präsent die jeweilig Forscher sind.“ Im Falle einer analogen Umfrage zur Glaubwürdigkeit von Politikerinnen wäre ein solcher Hinweis sicher nicht erfolgt. Es spiegelt sich in der Notiz wohl eher ein Autoritätsglaube gegenüber der Wissenschaft.

Drosten, Kekulé, Streeck – wir alle haben wahrscheinlich sofort das entsprechende Bild vor Augen und eine Stimme im Ohr, schließlich bespielt jeder von ihnen nach dem Vorbild Drosten inzwischen seinen eigenen Podcast. Kein Wunder also, dass sie es sind, die die ersten drei Plätze im Experten-Ranking der Bild belegen. Immerhin hat die Redaktion selbst Wissenschaftler_innen ohne eigenen Podcast oder positionsbedingter täglicher Pressekonferenz in ihre Auswahl aufgenommen, da sie direkt zum Corona-Virus forschen. Gerade deshalb scheint es aber umso erstaunlicher, dass ihre Expertise scheinbar von Wissenschaftsseite nicht genügend nachgefragt ist oder honoriert wird, wenn man feststellen muss, dass ihre Namen umgekehrt weder in dem benannten NRW Expertenrat, der Leopoldina oder der Helmholtz-Initiative auftauchen (obgleich Brinkmann selbst an einem Helmholtz-Institut forscht).

Professionalisierungsbedarf des Wissenschaftsjournalismus

Dass wissenschaftliche Reputation und mediale Prominenz nicht unbedingt zusammenfallen müssen, habe ich bereits in einem vorherigen Blogpost betont. Aber es gibt eben umgekehrt auch eine sich selbst verstärkende Tendenz der Konstruktion von Expertentum oder wissenschaftlicher ‚Exzellenz‘, die von keiner Seite mehr auf ihre sozialstrukturellen Verzerrungen hin reflektiert wird. So orientiert sich der professionelle Wissenschaftsjournalismus an der wissenschaftlichen Reputationsordnung und reproduziert damit laufend alle bestehenden sozialen Ungleichheiten mit. Zur Daumenregel bei der Auswahl neuer Expertinnen, auch jenseits von Amt und Position, gehört seitens des Wissenschaftsjournalismus die Berücksichtigung des individuellen Publikationsportfolios, die Namen von Zeitschriften, die Beachtung von Zitationsstatistiken und zitationsbasierten Indikatoren. Man erkennt daran im Übrigen, wie sehr der professionelle Wissenschaftsjournalismus an den Naturwissenschaften, speziell der medizinischen Forschung orientiert ist. Für die Philosophie oder auch Soziologie ist ein Zitationsschwellenwert von 100 sicher kein unbedingt geeigneter Indikator, zumal Zitationsstatistiken auf Zeitschriftenartikel hin entwickelt und nicht in gleichem Maße auf Bücher anzuwenden sind. Dass aber nicht nur in Bezug auf exponierte Positionen (Universitätsleitungen, Institutsleitungen), sondern selbst in Zitationsstatistiken geschlechtsbezogene soziale Ungleichheiten zum Tragen kommen (Stichwort Gender Citation Gap) wird im Wissenschaftsjournalismus nicht mitreflektiert. Man glaubt an die Objektivität von Zahlen. Man vertraut der wissenschaftlichen Reputationsordnung fast blind.

Vielfach wird darüber hinaus auch die aus der Wissenschaft bekannte Homosozialität in der Interaktion zwischen Journalisten und Wissenschaftler weiter fortgeführt. Gerade für Wissenschaftsjournalisten sind gute Kontakte zu renommierten bzw. machtvollen Experten ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Man kennt sich, man kann sich wechselseitig aufeinander verlassen und so sind es häufig die immer gleichen Experten, die in den Massenmedien erscheinen. Das alles kennen wir auch aus anderen journalistischen Feldern. Bei aller Selbstreflexivität des Wissenschaftsjournalismus und zahlreichen ausgezeichneten Recherchen – für Machtfragen ist er hierzulande nahezu blind. Investigativer Wissenschaftsjournalismus, sofern er unter den bekannten prekären Bedingungen existiert, beschränkt sich dann auf den Nachweis von wissenschaftlichen Fehlern oder ökonomischen Interessenskonflikten. Fehler im System werden entweder nicht gesehen oder ausgeblendet [ii].

Männliche Expertendämmerung

Wenn Jana Hensel in der ZEIT einen Beitrag unter dem doppeldeutigen Titel „Die Krise der Männer“ veröffentlicht, um auf die Gefahr eines konservativen Rückschlags der Gleichberechtigung in Krisenzeiten hinzuweisen, müsste die Lektüre selbst in der Medienbranche eigentlich ein regelrechtes Erweckungserlebnis herbeiführen. Ihre Beispiele sind so bezeichnet, weil sie die „männliche Expertendämmerung“, die von den Medien orchestriert wird, in ihrer Absurdität nur allzu deutlich machen.

Die öffentliche Wahrnehmung scheint jedoch eine andere, wirft man einen Blick auf die 717 (!) Kommentare (Stand: sieben Tage nach Erscheinen des Artikels). Wieviel Hate-Speech der Autorin in diesen Kommentaren entgegenschlägt, ist unfassbar. Für Hensel nichts Neues, war sie doch diejenige, die auf Twitter vor einem Monat nur kurz die rhetorische Frage stellte:

Was sie daraufhin erntete, war ein veritabler Shitstorm, wie sie in ihrem Artikel kurz erwähnt. Journalisten und Journalistinnen im Speziellen müssen heute bekanntlich vieles aushalten, Feminismus bleibt gefährlich.

Kritik an der fehlenden Repräsentation von Frauen in der Leopoldina-AG

Für die breite Öffentlichkeit scheint aber die Leopoldina-Stellungnahme nun einen augenöffnenden Effekt in Fragen der Diversität im Nexus von Wissenschaft und Politik zu haben. Die viral gewordene Kritik an der AG-Zusammensetzung 24:2 (Männer zu Frauen) veranlasst sogar manch freien Journalisten dies als wissenschaftspolitisches Problem zu markieren. Dabei geht es in der hauptsächlich bei Twitter formulierten Kritik nicht um eine Bekämpfung der systemischen Ursachen oder Effekte für Wissenschaft oder Politik, sondern vielmehr um den speziellen Fall der konkreten Empfehlung der Leopoldina-Arbeitsgruppe zur Exit-Strategie, Schulen stufenweise zu öffnen und Kitas bis zu den Sommerferien geschlossen zu halten. Alten weißen Männern, aus deren Feder diese Empfehlung mehrheitlich stammt, wird somit per se die Kompetenz abgesprochen, die Sorgen und Nöte von Familien im Zuge des Shutdowns gleichsam mitzureflektieren. Und in der Tat, darauf hatte ich ja bereits hingewiesen, ist eine solche Option für A und nicht für B oder C an dieser Stelle nicht argumentativ begründet, weder lebensweltlich, noch und das halte ich für problematischer, auch nicht wissenschaftlich. So erscheint eine solche Empfehlung in jeder Hinsicht realitätsfern.

Ihr sozialwissenschaftliches Manko betrifft jedoch nicht allein die Frage der Kinderbetreuung, sondern im Prinzip die gesamte, schnell zusammengeschusterte Stellungnahme, deren inhaltliche Leerstellen nur weitaus weniger offensichtlich sind, aber selbst in der Frage der Wirtschafts- und Finanzpolitik und deren Konsequenzen ebenso gendersensible Aspekte betrifft. Dass die Folgen der Krise sozial ungleich verteilt sind, sollte jedem Gesellschaftswissenschaftler klar sein. Dafür muss er weder Frau noch Geschlechtersoziologe sein. Aus der sozialen Positionierung erwächst nicht automatisch die entsprechende wissenschaftliche Expertise, wie einige Reaktionen das zu suggerieren scheinen, und umgekehrt entstehen wissenschaftliche Standpunkte auch nicht vollkommen unabhängig von sozialen Positionierungen, wie Paula-Irene Villa nochmal in Ihrem Kommentar klarstellt und vor einem „positionalen Fundamentalismus“ warnt. Wissenschaftlich und gesellschaftspolitisch irritiert gleichermaßen, wie man in einer solchen Stellungnahme die bereits vorliegenden zahlreichen Befunde aus der Geschlechtersoziologie nahezu ignorieren kann, wenn es dabei um die Abfederung der gesellschaftlichen Folgekosten gehen soll.

Die Kritik fehlender Diversität dieser wissenschaftlichen Arbeitsgruppe aber allein an diesem speziellen Passus der Schulöffnung (vs. Kitaschließung) aufzuhängen, greift nicht nur zu kurz, sondern ist auch in gewisser Weise fatal, denn dadurch werden traditionelle Geschlechterrollen indirekt nur noch weiter zementiert. So muss man selbst die an der Leopoldina-Stellungnahme entbrannte Kritik an der ungleichen Repräsentation von Frauen als Ausdruck dessen lesen, was Hansel als konservativen Rückschlag der Gleichberechtigung in Krisenzeiten beschrieben hat.

Der Aufstand der Frauen

Weil man soziologisch sicher sagen kann, dass die Folgen der Corona-Krise sozial ungleich verteilt sind und Frauen schon jetzt die Hauptlast tragen müssen, steht ihrem Protest nur der Weg nach vorne bereit. In dem Zusammenhang muss man den Kommentar zur Leopoldina-Stellungnahme lesen, vielmehr ein offener Brief kurz vor der Regierungsentscheidung über mögliche Lockerungen. Dieser enthält das Plädoyer, nicht die jüngsten Kinder pauschal im Lockdown verharren zu lassen, sondern auch für sie differenzierte Betreuungslösungen zu erarbeiten, um insbesondere Frauen zu entlasten. Wichtiger Einwand zum richtigen Zeitpunkt oder wie Armin Nassehi, externes Mitglied eben jener Arbeitsgruppe, auf einen ähnlich argumentierenden Beitrag einer der Unterzeichnerinnen im Tagesspiegel antwortet:

Absender dieser Stellungnahme zur Stellungnahme ist wiederum die Wissenschaft, genauer die weibliche Seite der Wissenschaft, denn sie wurde von 43 Professorinnen unterschrieben. Wiarda, der einen wissenschaftspolitischen Blog betreibt, titelte: „Die Mahnung der 43“ und weiter heißt es im Untertitel „Erhört wurden sie nicht – oder doch ein bisschen?“. Die eigentliche Tragik jener Intervention liegt jedoch ganz woanders – und sie verweist wiederum auf das zuvor benannte Gleichstellungsproblem in der Wissenschaft.

So wichtig eine politische Einlassung in dieser Sache auch ist, sie sollte eigentlich auch ohne Autoritätsnachweis qua Professorentitel auskommen müssen. Der Einwand hätte ebenso von den 43 einflussreichsten Frauen Deutschlands oder den 43 einflussreichsten Männern mitunterschrieben werden können, von den Grünen, der GEW, der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen oder 1.000.000 Eltern. Dass Männer in diesem Problemkontext auch als Betroffene empirisch vorkommen können, wird qua Autorschaft gewissermaßen negiert – ein Repräsentationsproblem, nur mit umgekehrten Vorzeichen, eine Reaktion auf das Vorgehen der Leopoldina. Als wissenschaftliches Statement bei einer geplanten schrittweisen Öffnung der Bildungseinrichtungen nun gerade nicht die Kitas als letztes zu öffnen, findet es Eingang in den öffentlichen Diskurs, doch es ist primär eine für notwendig erachtete politische Intervention, da die Hauptlast für den Wegfall der institutionellen Betreuung die Frauen tragen und gerade bei den jungen Kindern der Betreuungsaufwand am höchsten liegt.

Die Tragik aber ist: Dem Anspruch auf Gleichstellung in der Wissenschaft leistet eine solche Intervention einen Bärendienst. Die implizit vermittelte Botschaft dieser Einlassung lautet: Wer Frauen in der Wissenschaft beruft, muss damit rechnen, dass sie ihre Position nicht ausfüllen, weil sie sich um die Kinder kümmern müssen und falls sie zum Forschen kommen, dann nur über solche ‚Frauenthemen‘. Wenn derartige Gleichsetzungen und Zuständigkeiten markiert werden, ist es weniger verwunderlich, dass man noch heute als Frau in Berufungsverfahren mit Fragen irritiert werden muss wie „Sie haben ja ein Kind. Haben Sie denn auch zu Hause einen Mann, der Ihnen den Rücken freihält?“ Die sozialen Abgründe der Wissenschaft sind tief, einige davon geraten wie so vieles andere auch in der Krise ans Tageslicht. Mitunter legen Wissenschaftler selbst den Blick frei auf die gelebte Rollenverteilung:

Bei aller gebotenen Kritik an der fehlenden Diversität der Leopolidina-Arbeitsgruppe suggeriert deren kritische Kommentierung von ausschließlich weiblichen Professorinnen, dass Frauen in der Wissenschaft sich quasi naturwüchsig, exklusiv und fast ausschließlich mit weiblich besetzen Themen wie Care-Work beschäftigen. Indirekt wird damit die Tatsache einer immer noch häufig anzutreffenden einzigen Alibifrau in den Vorständen wissenschaftlicher Institutionen eher legitimiert als aufgebrochen – denn schließlich hat die Wissenschaft ja auch noch viele andere Themen darüber hinaus abzudecken, die dann eben von Männern zu übernehmen sind.

Dabei sind die Hinterbühnen der Wissenschaft (und entscheidender Gremien) normalerweise dem öffentlichen Blick entzogen. Häufig hört man, dass Gleichstellungsfragen hierzulande doch inzwischen längst geklärt seien, schließlich habe man eine Bundeskanzlerin und eine Forschungsministerin. Dass die Politik und ausgerechnet die CDU zum Teil progressiver in der Anwendung von Gleichstellungsstandards ist als die Wissenschaft, deren machtvollstes Gremium, die Deutsche Forschungsgemeinschaft erst in diesem Jahr mit der Medizinerin Becker die erste Frau an ihre Spitze gewählt hat, steht auf einem anderen Blatt. Doch im Großen wie im Kleinen, in der alten und jungen Generation, unter Männern wie auch Frauen herrscht weiterhin der Irrglaube an die Meritokratie der Wissenschaft vor, in der das Geschlecht keine Rolle spielt, wenn es um Reputationsbildung und Karrieren geht. Es ist der gleiche Autoritätsglaube, der Journalistinnen und Politikerinnen dazu verleitet, akademische Titel mit substanziellen Inhalten zu verwechseln. 

Journalistische Kritik an der Wissenschaft

Aber auch innerhalb der Medien scheint die aktuelle Krise auf den ersten Blick als Kontrastmittel zu fungieren, um die Meinungen von Experten kritischer als sonst zu hinterfragen. Vor wenigen Tagen erschien ein Beitrag in der FAZ, in der sich ihr ehemaliger Herausgeber Werner D’Inka über die Kritik an den Medien durch sogenannte Experten echauffiert. Und in der Tat, wenn man die Kritiken einzelner Medienforscher hier dezidiert vorgeführt bekommt, mag man ihrem Autor in Teilen gerne rechtgeben – pauschale Urteile wie „Systemversagen des Journalismus“ (Eurich) sind nicht haltbar. Doch bei dieser losen Aufzählung an Positionen der (mehrheitlich emeritierten) Professoren kommt erneut die Rückfrage auf:

Gibt es unter M e d i e n f o r s c h e r n eigentlich auch Frauen oder ist das ein männlicher Ausbildungsberuf?

Ausgewiesene Medien- und Journalismusforscherinnen gibt es selbstverständlich, doch offenbar wurden sie nicht als Gastautorinnen von FAZ & Co. geladen, zumindest ihre Analysen von D’Inka nicht explizit erwähnt.

Doch die hier wirkenden Selektionsmechanismen sind sogar noch komplizierter, als auf den ersten Blick vermutet. Markus Pössel machte mich drauf aufmerksam, dass der Artikel von D’Inka diese Sammlung an akademischer Medienkritik vermutlich auf einen nicht explizit genanntes Dossier von Stephan Russ-Mohl gestützt hat, der hier wiederum eine lose Menge an Gastbeiträgen, Blogeinträgen und Interviews aus der Medienforschung per Crowdsourcing listet und verlinkt hat.

Jetzt mit Blick auf das Original erscheint nun ironischerweise selbst eine Pauschalkritik wie die des „Systemversagens des Journalismus“ fast als berechtigt, wenn uns D’Inka als Leser_in glaubhaft machen will, dass diese Kritik von einem echten Medienforscher stamme, den er als emeritierten Professor der TU Dortmund vorstellt. Dieser Herr Eurich aber scheint sich nun nach seiner Emeritierung ganz seiner Tätigkeit als Kontemplationslehrer und dem „Erkennen des umfassenden Weltzusammenhangs“ auf einem eigenen Blog zu widmen, dem auch das Zitat entnommen ist.

Hier wird also entgegen jeder journalistischen Leitlinie ein Pappkamerad aufgebaut, um die Medienschelte pauschal an die Medienforschung zurückzuspielen. Noch gravierender fällt aber die negative Auswahl von D’Inka ins Gewicht, denn anstelle kritische Reflexionen nur abzuwehren, böten einige der Analysen durchaus Gelegenheit zu einer wertvollen journalistischen Selbstreflexion in der aktuellen Krisenkommunikation. Hervorzuheben ist hier insbesondere eine in dem Dossier gelistete Analyse von Daria Gordeeva – ohne Professorentitel, aber mit interessanten empirischen Ergebnissen. Ihre Inhaltsanalyse der Corona-Berichterstattung führt zu der These, dass die Kriegs- und Feindrhetorik der von ihr untersuchten Medien uns – wie in einem richtigen Krieg – in die „schützenden Arme der Exekutive“ treibe.

Inhaltliche Relevanzbestimmungen in die eine oder andere Richtung wurden in dieser Abrechnung offenbar missachtet. D‘Inkas Verteidigung der journalistischen Selektivität von Experten (!) gegen die verbreitete Kritik an den immer gleichen Gesichtern, liest sich somit eher wie eine politische Positionsbestimmung, wenn er sagt, „es sei in der Virologie eben wie in der Medienwissenschaft, auch da gibt es Vertreter, die mehr zu sagen haben, das Gehör verdient, als andere.“ Die Bewertungsmaßstäbe dessen bleiben leider unreflektiert.

Dieses vorläufig letzte Beispiel illustriert einmal mehr, dass eine Beachtung von Diversität und Geschlechtergerechtigkeit nicht etwa gegen Qualität, sondern für Qualitätsgewinne in der Wissenschaft wie im Journalismus oder der Politik spricht. Wenn schon in professionellen Kontexten offenbar immer noch kein ausreichendes Bewusstsein für diesen Aspekt vorhanden ist, wäre genau jetzt eine passende Gelegenheit für einen Aufstand des Publikums im Schein der ‚männlichen Expertendämmerung‘. Oder wie Jagoda Marinic betont, jetzt ist die Zeit für Protest, um Gleichstellung öffentlich einzufordern, damit die Folgenkosten der Krise nicht am Ende einseitig verteilt werden. Die Wissenschaft und die Soziologie im Besonderen können auf mögliche Pfade hinweisen, doch es ist die Gesellschaft, die sie beschreiten muss.

Update 30. April 2020

Ein Satz des bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder, der sich derzeit als Kanzlerkandidat handeln lässt, geistert wie ein Mantra durch den öffentlichen Diskurs: „In der Krise wird oft nach dem Vater gefragt.“ Genau dieses Gefühl scheinen Politik, Medien und Wissenschaft gleichermaßen zu verspüren, wenn man sich nur umschaut, wer sich aktuell als Krisenbewältiger öffentlich geriert und selbst ohne bestimmtes Amt oder Funktion noch besondere Beachtung findet. Aber Moment, ist es nicht viel ergiebiger nach der Mutter in der Krise zu rufen, im Wissen darum, dass sie sich kümmern wird? Im Forbes-Magazin erschien just ein Artikel über die Länder der Welt, in denen die Corona-Krisenbewältigung am besten funktioniert und was eint sie? Richtig, eine Frau an der Spitze.

Eine lose Erinnerung flackert in diesem Zusammenhang auf, und zwar an meine allererste Hausarbeit im Rahmen meines Soziologiestudiums an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Dort war zu dem Zeitpunkt die bundesweit erste und einzige Katastrophenforschungsstelle angesiedelt, gegründet 1987 von Lars Clausen und später geleitet von Wolf R. Dombrowsky. Bei Dombrowsky schrieb ich dann meine erste soziologische Arbeit, die den Titel trug: „Geschlechtsspezifische Unterschiede im Verhalten bei Naturkatastrophen“. Gegenstand war eine Metaanalyse verschiedener empirischer Fallstudien zu Krisensituationen wie der Hungerkatastrophe im Sahel oder Wirbelstürmen in Bangladesch. Meine Schlussbemerkung hat im Zusammenhang mit Söders Aussage nun fast anekdotischen Wert und sie lautete:

„Normalerweise besteht das Klischee, das größtenteils durch Katastrophenfilme aufrechtgehalten wird, daß der Mann die Stärke und den Helden personifiziert. Frauen und Kinder werden innerhalb einer Katastrophensituation zuerst gerettet. Doch dieses Muster läßt sich den diskutierten Beispielen nicht entnehmen. Vielmehr ergreifen Männer eher die Flucht oder bemühen sich lieber ihr eigenes Leben zu retten.“

First lessons learned aus dem Soziologiestudium: Empirie gegen Klischees zu setzen. Mehr Soziologie würde auch dem öffentlichen Diskurs mitunter nicht schaden.


[i] Der Hinweis auf das Dokument hinter den Zahlen stammt von Magdalena Beljan.

[ii] Um nur ein prägnantes Beispiel an dieser Stelle herauszugreifen, lohnt der Blick auf „Die Stunde der Virologen“.

Exit-Strategien. Grenzen wissenschaftlicher Politikberatung

Für heute [i] ist die politische Entscheidung angekündigt, ob der gesellschaftliche Shutdown noch über die bisher vorläufig festgesetzte Frist (19. April 2020) hinausgehen wird. Bundeskanzlerin Merkel wird sich mit den Ministerpräsidentinnen am Nachmittag in einer Videokonferenz über mögliche Lockerungen verständigen. Um die Politik in dieser schwierigen Entscheidung zu beraten, wurde durch den NRW-Ministerpräsidenten und Kanzlerkandidaten Armin Laschet (CDU) ein eigener 12-köpfiger Expertenrat Corona ins Leben gerufen, um konkrete Exit-Strategien zu entwickeln.

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Medienkonflikte der Wissenschaft: Zur Wissenschaftskommunikation in Zeiten von Corona (Teil 1)

Die Corona-Pandemie wird nicht nur als Paradefall für Wissenschaftskommunikation gehandelt, sondern sie gibt auch einen besonders interessanten Fall für die empirische Wissenschaftskommunikationsforschung ab [i] . Selten waren Wissenschaftlerinnen derart präsent in den Medien wie in der aktuellen Krisensituation. Besonders der Podcast von NDR-Info „Das Coranavirus-Update mit Christian Drosten“ hat sich zum Publikumsmagneten entwickelt. Gestartet Ende Februar 2020, hat der werktägliche Podcast von Beginn an eine enorme Reichweite entwickelt mit inzwischen rund acht Millionen täglichen Downloads. Drosten, Professor und Leiter des Instituts für Virologie an der Charité Berlin, ist hierzulande die Stimme und das Gesicht der Wissenschaft in der COVID-19-Krise. Aber gerade der Hype um seine Person wird, wie er selbst betont, inzwischen zu einer besonderen Bürde. Aus der Medialisierungsforschung sind solche Personalisierungseffekte in der Wissenschaftskommunikation bekannt. Es stellt sich hier die grundsätzliche Frage, ob ein Mehr an Wissenschaftskommunikation nicht auch nichtintendierte Nebenfolgen produziert, die dem Vertrauen in Wissenschaft und damit der Legitimation politischer Entscheidungen eher schaden als nützen.

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Auf unbestimmte Zeit geschlossen. Stimmungsbilder aus dem Kiez

Seit fünf Tagen gelten bundesweit neue Maßnahmen im Umgang mit dem Corona-Virus. Statt eine Ausgangssperre zu verhängen, haben sich Bund und Länder am Sonntag auf ein erweitertes Kontaktverbot verständigt. Geltungsdauer: mindestens zwei Wochen. Seither ist es nur noch erlaubt alleine bzw. höchstens mit einer Person (außerhalb der Familie) nach draußen zu gehen.

#StayAtHome ist und bleibt die Devise, um die Verbreitung des Virus einzudämmen.

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Ausgangssperre – hin oder her?

Es ist Samstag. Die Corona-Krise bestimmt immer stärker unser tägliches Leben. Seit meinem letzten Blogpost vor fünf Tagen hat sich die Zahl der Infizierten hierzulande von 5.813 auf 20.705, die Zahl der am Corona-Virus Verstorbenen von 13 auf 72 erhöht. Eine dramatische Entwicklung der Fallzahlen war vorherzusehen. Anfang letzter Woche wurden deshalb seitens der Bundesregierung weitere Maßnahmen angekündigt, um die dynamische Ausbreitung zu verlangsamen. Neben der bundesweiten Schließung von Kitas und Schulen betrifft dies nun auch die Schließung von Einzelhandelsgeschäften jenseits der Grundversorgung des täglichen Bedarfs (Supermärkte, Apotheken, Poststellen etc.), deren Umsetzung Sache der Länder ist und nun sukzessive erfolgt. In Bayern wurde die Geschäftsschließung auch auf Friseure, Bau- und Gartenmärkte ausgeweitet. In Berlin wurden am Mittwoch die Öffnungszeiten von Restaurants und Gaststätten reduziert auf die Zeit zwischen 6 und 18 Uhr, in Rheinland-Pfalz sind sie ab heute sogar ganz für den Publikumsverkehr geschlossen, Abhol- und Lieferservices bleiben erhalten.

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Gesellschaft unter Spannung. Was kann die Soziologie zur Bewältigung der Corona-Krise beitragen?

Jedes Gespräch, ob privat oder beruflich, ist momentan von einem einzigen Thema dominiert und das ist der individuelle und gesellschaftliche Umgang mit dem Corona-Virus. Der Ausbruch des Corona-Erregers wurde von der WHO inzwischen als Pandemie eingestuft, nach dem ersten Ausbruch in China sind inzwischen offenbar 148 Länder betroffen. Innerhalb der letzten Woche hat sich auch hierzulande die Krisensituation massiv verschärft. Die Gesellschaft steht enorm unter Spannung [i]. Aus diesem Grund weiche ich jetzt von meinem ursprünglichen Schreibplan des Blogs ab, um den Fokus auf die derzeitige Krise und ihre Bewältigung zu richten. Es erfolgt allerdings keine Analyse, sondern zunächst eine Dokumentation der dynamischen Entwicklung der letzten Tage, verbunden mit der offenen Frage: Welches Wissen kann und sollte speziell die Soziologie zur Krisenbewältigung beitragen?

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Das Medium 2.0 ist die Botschaft (2/2)

Bloggen für oder gegen den Ruhm?

Kann sich das Schreiben eines Blogs für eine Wissenschaftlerin lohnen? Aus reputationstaktischer Sicht sicher nicht. Dies ungeachtet dessen, dass in einigen Fächern der Ruf laut wird, ein „digital scholarship“ [i] auszubilden. Hier und anderswo ist es der begutachtete Fachartikel, der auf das Reputationskonto einzahlt. Alles andere, ob Sammelbandbeiträge, aufwändige Rezensionen oder eben Blogbeiträge sind in der Regel nicht peer-reviewed, daher zählen sie (vielerorts) nicht [ii]. Wissenschaftliche Karrierefibeln würden einem daher raten, sie gar nicht erst zu schreiben. Warum aber der standardisierte und begutachtete Aufsatz zum Goldstandard im eigenen Fach zu werden scheint, bleibt in einer Hinsicht rätselhaft. Dafür muss man nur auf die experimentellen Naturwissenschaften schauen, allen voran die Biowissenschaften, in denen die Definitionsmacht bestimmter Zeitschriften über wissenschaftliche Qualität ihren Anfang genommen hat. Mit der globalen wissenschaftlichen Expansion und der Anwendung journalbasierter Indikatoren und Ratings wurde die Was-Frage durch die Wo-Frage abgelöst, „publish-in-top- journals-or-perish“.

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