Debattenbeitrag: Bedrohte Meinungsvielfalt an deutschen Universitäten? Impulse für eine pluralistische Fachdebatte

Paula-Irene Villa, Richard Traunmüller & Matthias Revers 

TEIL 1

Paula-Irene Villa, LMU München und DGS Vorsitzende seit April 2021
Richard Traunmüller, Universität Mannheim
Matthias Revers, University Leeds

haben im Februar 2021 gemeinsam einen längeren Artikel zum Thema und, vor allem, zur empirischen Beforschung von ‚Cancel Culture / Meinungsvielfalt an Unis‘ verfasst. Sie vertreten darin unterschiedliche Positionen. Und genau das ist der Zweck der Übung: kontroverse Debatte im Fach abseits normativer Reflexe zu führen. Wir Autor_innen hoffen, mit diesem – streitbaren! – paper Impulse für eine solche Debatte zu setzen und sind gespannt auf die Diskussion auch hier im Blog.
Teil 1 und (in 1-2 Wochen) Teil 2 wurden nicht weiter redaktionell oder inhaltlich bearbeitet.

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Diskussion innerhalb der DGS-Mitgliedschaft über die Quotierung der „Mittelbaupräsenz“ in den Gremien der DGS

Diskussionsvorlage der Kommission „Mittelbaupräsenz“ der DGS

Mitglieder der Kommission: Birgit Blättel-Mink, Heike Delitz, Stephan Lessenich, Martina Löw, Peter Ullrich

Das Konzil der DGS hat den Vorstand beauftragt, eine Kommission einzurichten, deren Aufgabe es ist, ergebnisoffen zu prüfen, ob und wieweit die Präsenz des Mittelbaus und anderer Interessengruppen in den Gremien der DGS erhöht werden kann. Die Kommission hat dazu eine Vorlage erarbeitet, welche eine Änderung der DGS-Satzung impliziert und nun in der Mitgliedschaft diskutiert werden soll.

GLIEDERUNG DER DGS-MITGLIEDSCHAFT IN STATUSGRUPPEN

  • Hochschullehrer:innen und sonstige Promotionsberechtigte
  • Mittelbau (Mitarbeitende, Lehrbeauftragte, LfBA, Personen ohne feste Stelle, etc.)
  • Studierende

VORSCHLÄGE ZUR QUOTIERUNG DER GREMIENPLÄTZE BEI DEN DGS-WAHLEN (KONZIL, VORSTAND)

Konzil (30 Plätze insgesamt)      

  • max. 24 Hochschullehrer:innen
  • mind. 4 Mittelbauler:innen
  • max. 2 Studierende

Pro Wahl der Hälfte des Konzils (N=15) würden also bis zu 12 Plätze für Hochschullehrende, mindestens 2 Plätze für Mittelbauer:innen und bis zu 1 Platz für Studierende vorgehalten werden. Sollten aus einer Statusgruppe nicht ausreichend Kandidierende vorhanden sein, werden die Plätze mit Kandidierenden aus der nächsthöheren Statusgruppe aufgefüllt.

Eine Satzungsänderung ist hierfür nötig, um die Quotierungen festzulegen und um das passive Wahlrecht für Studierende einzuführen.

 Vorstand inkl. Vorsitz (Erweiterung von 7 auf 9 Plätze)

  • max. 7 Hochschullehrer:innen
  • mind. 2 Mittelbauler:innen
  • zusätzlich Einrichtung eines studentischen Beirats ohne Stimmrecht (4 Mitglieder, 2 Stellvertretende, nehmen 1-2 Mal jährlich an Vorstandssitzungen teil oder treffen sich anlassbezogen mit Vorstandsvertreter:innen); wahlberechtigt für den Beirat sind alle studentischen Mitglieder

Eine Satzungsänderung ist hierfür nötig, um die Quotierung festzulegen und um die Zahl der Mitglieder des Vorstands zu erweitern.

Vorsitz

Beim Vorsitz soll das passive Wahlrecht für Studierende weiterhin ausgeschlossen bleiben. Die Kandidatur für Mittelbauler:innen ist bereits jetzt möglich, und es wird kein weiterer Regulierungsbedarf gesehen.

Eine Satzungsänderung ist an dieser Stelle nicht nötig.

Care und Corona. Zeit für Vernetzung?!

Karin Jurczyk

Ist die Corona-Pandemie die große Chance für eine öffentliche und politische Sichtbarmachung von Care und ihre Anerkennung und faktische Aufwertung? Oder bleibt es nach den impliziten und teilweise expliziten Versprechungen, die sich vor allem an das Zauberwort der „Systemrelevanz“ von Care-Arbeit geknüpft haben, bei warmen Worten? Die Einschätzungen hierzu sind kontrovers.

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Männer*[1], Männlichkeiten, Gesundheit und Care

Frank Luck

 

Wann ist Mann* ein Mann*? Was haben Männer*, Vorstellungen zu Männlichkeiten und Gesundheit sowie Care miteinander zu tun?

Im folgenden Beitrag[2] möchte ich versuchen, einzelne Aspekte aus eigener Forschung mit Männern* im mittleren Lebensalter zwischen 30 und 60 Jahren an der Schnittstelle von Geschlecht, Gesundheitshandeln und Care zu skizzieren, zu reflektieren und zu überlegen, welches mögliche Potenzial sich daraus für gesellschaftliche Diskussionen ergeben könnte. Denn gerade im Kontext der dynamischen Entwicklungen zur Corona-Pandemie, erscheint es für gesellschaftliche Debatten wertvoll zu überlegen, wie dieses Verhältnis ist: Wie sieht der Umgang von Männern* mit Gesundheit aus? Welche gesellschaftlichen Vorstellungen gibt es und wie handeln Männer* im Alltag? Zunächst möchte ich kurz beschreiben, mit welchem Verständnis ich zu Männern* sowie Männlichkeiten arbeite und dann auf Gesundheit und Care eingehen. Meine Ausführungen in diesem Blog möchte ich in Anlehnung an Adorno (2018) als etwas Provisorisches und Unabgeschlossenes verstanden wissen und damit zu einer freundlich-offenen Diskussion einladen.

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Verschärfte Normalität im Ausnahmezustand. Transnationale Care-Arbeit in Privathaushalten unter COVID-19

Sarah Schilliger

Wenn COVID-19 etwas aufgedeckt hat, dann ist es die Fragilität des kollabierenden Gesundheits- und Pflegesystems. Das Virus wirft ein Licht auf die unterfinanzierte Care-Infrastruktur, den Mangel an Personal in Spitälern und Pflegeheimen und auf die belastenden und häufig prekären Arbeitsbedingungen von jenen Menschen, die lebensrelevante Care-Arbeit leisten (Dück 2020). Ein weiterer Aspekt, der uns im Zuge der Corona-Krise deutlich vor Augen geführt wurde: Die Abhängigkeit unseres Gesundheits- und Pflegesystems von migrantischen Care-Arbeiter*innen. In der Schweiz, wo laut OECD (2019) 47 Prozent der Ärzt*innen nicht in der Schweiz geboren sind und wo auch beim Pflegepersonal der Migrationsanteil überdurchschnittlich hoch ist, wurde deutlich, dass die Intensivstationen ohne Migrant*innen nicht funktionieren würden. Das Gesundheitssystem beruht zu einem hohen Prozentsatz auf zugewanderten Arbeitskräften und ausländischem Fachwissen – ohne sie wäre die Corona-Pandemie gar nicht zu bewältigen.

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Der schmale Grat zwischen Schutz, Selbstbestimmung und In-Dienstnahme

Eva Fleischer

Mit Beginn der ersten politischen Regulierungen im Rahmen der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 wurden von vielen Regierungen alle Personen jenseits der 65 unabhängig von ihrem persönlichen gesundheitlichen Zustand und ihrer körperlichen Fitness pauschal als „Risikogruppe“ kategorisiert. Diese Kategorisierung, die noch weitreichenderen Empfehlungen medizinischer Fachinstitutionen wie der WHO oder des RKI (Robert-Koch-Institut) folgte, zog einschneidende Maßnahmen nach sich. Der Kontakt mit Personen über 65 sollte vermieden werden und in Institutionen wurde die Selbstbestimmung von Care-Empfänger*innen massiv eingeschränkt.

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Die dunkle Seite von Care – Care und Gewalt

Margrit Brückner

  1. Care und die Welt der Gefühle

Care bzw. Sorgen ist gesellschaftlich mehr denn je notwendig – wie uns die Corona Pandemie deutlich vor Augen führt. Allerdings verbirgt sich hinter Sorgen bisher eine geschlechtlich aufgeladene, wenig beachtete und schlecht bezahlte Arbeit von Frauen. Diese Arbeit wird sowohl in privaten Haushalten als auch im öffentlichen Raum geleistet und ist mehrdimensional angelegt: handlungsbezogen (taking care of), Gefühle auslösend (caring about) und geprägt von einer Zusammengehörigkeit der Sorge für andere und der Selbstsorge (take care of yourself), auch wenn letzteres wenig Beachtung findet (Brückner 2018). Die Gefühlsebene des Sorgens zeigt sich für Sorgegebende (care-giver) und Sorgenehmende (care-receiver) in der Art und Weise des Ge- oder Misslingens einer hinreichenden Kontaktherstellung und Verständigung, die viel mit Sympathie zu tun hat, aber auch mit Ängsten vor Überforderung respektive vor Abhängigkeit einher gehen kann. Sorgen verweist auf zwischenmenschliche Angewiesenheit und macht Verletzbarkeit als menschliche Bedingtheit sichtbar (Nussbaum 2003). Zwar wird Sorgen von allen Menschen in verschiedenen Lebensphasen benötigt, steht aber dem Ideal männlich konnotierter Autonomie entgegen und bildet den Antipoden zur neoliberalen Maxime der Selbstoptimierung. Da Sorgetätigkeiten – auch wenn sie von Männern ausgeübt werden – noch immer weiblich konnotiert sind, kann die als Abhängigkeit empfundene Angewiesenheit emotional gegen Frauen gerichtet werden und zur gesellschaftlichen Abwertung von Frauen beitragen. Sorgen vermag bei Sorgenehmenden Gefühle der Aufgehobenheit und Nähe ebenso wie Bedürfnisse nach mehr oder weniger aggressiv gefärbter Abgrenzung auszulösen, wenn die eigene Hilfsbedürftigkeit als narzisstische Kränkung empfunden wird. In Letzterem haben möglicherweise auch die vehementen Proteste der Querdenker ihre Wurzeln, die ihre eigene Verletzbarkeit leugnen.

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Care-Arbeit zu Hause in der Pandemie – systemrelevant oder was sonst?

Maria S. Rerrich

Über den unverzichtbaren gesellschaftlichen Beitrag von Beschäftigten in der Krankenpflege, in der Altenpflege, in den Kitas wissen seit Corona nicht mehr nur feministische Sozialwissenschaftlerinnen und –wissenschaftler Bescheid, die seit Jahren darüber forschen. Wer in der Pflege und im Gesundheitsbereich arbeitet, gilt inzwischen als ‚heldenhaft‘ und ‚systemrelevant‘. Diese Menschen werden vor den Krankenhäusern beklatscht, und man vermisst sie schmerzlich, wenn sie nicht zur Verfügung stehen.

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Der Markt wird’s nicht richten – Löhne in der Care Ökonomie

Claudia Gather

Care-Arbeiten, insbesondere solange sie unbezahlt im Haushalt stattfinden, kommen in den ökonomischen Mainstream-Theorien nicht vor. Sie werden als selbstverständliche Vorbedingung für die eigentliche wirtschaftliche Tätigkeit auf dem Markt ausgeblendet. „Die Versorgung der Menschen mit dem zum (guten) Leben Notwendigem muss jedoch zentraler Gegenstand der Ökonomie sein“, so feministische Ökonominnen wie z.B. Ulrike Knobloch (2019: 18). Ohne eine absolut „grundlegenden Paradigmenwechsel lässt sich „weder die Care-Krise noch die Klima-Krise lösen“, so auch Uta Meier-Gräwe (2020: 28). Der notwendige Paradigmenwechsel ist allerdings ein großer Schritt und ein langer Weg.

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Großputz! Care nach Corona neu gestalten. Eine Blog-Reihe zum Positionspapier des Initiativkreises care-macht-mehr.com aus Deutschland, Österreich und der Schweiz

Barbara Thiessen

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie im Care-Bereich sind nicht überraschend. Aber für manche doch. Hier hat sich Sars-CoV-2 als Meister der Enthüllung erwiesen. Soziale und geschlechterpolitische Missstände, die in einer sich sozialliberal verstehenden Gesellschaft gerne unter den Teppich gekehrt werden, sind nun unübersehbar geworden. Dazu zählen

  • die anhaltende Entwertung professioneller wie privat geleisteter Care-Arbeiten,
  • die durch vermehrte Frauenerwerbsarbeit aufgeworfenen strukturellen Care-Lücken, die bislang nur notdürftige und partielle Reformen erfahren haben,
  • die sich als resistent erweisenden Geschlechterhierarchien in privaten Beziehungen sowie auf dem Arbeitsmarkt, trotz des allgegenwärtigen Wunsches nach und Bekenntnis für Geschlechtergerechtigkeit,
  • die sich hieraus ergebenden Symptome von Überforderung und Erschöpfung auf individueller Ebene, vor allem bei care-aktiven Menschen,
  • die Nutzung weltweiter Ungleichheitslagen und Migrationsbewegungen für den Bedarf an kostengünstigen Care-Arbeitskräften in Kliniken, Heimen und privaten Haushalten ungeachtet eines erheblichen Care Drain in den Herkunftsländern,
  • die Verschärfung dieser Krisenphänomene spätestens mit Beginn des 21. Jahrhunderts durch die marktorientierte Rationalisierung von Care und die Öffnung der Care-Ökonomie für Renditeziele.

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Teilnahme ist nicht gleich Teilhabe

Beobachtungen von der Ad-hoc Gruppe „Citizen Science in der Soziologie: Möglichkeiten und Grenzen“

von Michael Weinhardt und Hannes Wünsche*

Am Freitagvormittag der ersten Kongresswoche wurde das Verhältnis von Citizen Science zur soziologischen Forschungspraxis verhandelt. Citizen Science zeichnen sich durch die aktive Beteiligung von Bürger*Innen am wissenschaftlichen Forschungsprozess aus. Dabei werden bspw. Teilaspekte laufender Forschung (etwa die Codierung von Texten) zur freien Bearbeitung öffentlich zugänglich gemacht und die Ergebnisse gesammelt. Durch die Beteiligung der Bürger*innen soll zum einen das Verständnis für Forschungspraxis und deren Erkenntnisbedingungen gestärkt werden und gleichzeitig die wissenschaftliche Wissensproduktion profitieren, um bspw. schwer zugängliche Datenbestände zu erschließen oder neue Perspektiven zu einzunehmen. Ausgangspunkt der Ad-hoc Gruppe war die Beobachtung, dass in den Sozialwissenschaften, im Gegensatz zu den Naturwissenschaften, Ansätze von Citizen Science bisher kaum verbreitet sind. Ein Ziel der Veranstaltung war es daher, die Gründe der (scheinbar) verhaltenen Aufnahme von Citizen Science in die soziologische Forschungspraxis zu erörtern, etwa ob konzeptionelle, methodologischen oder ethische Gründe dagegensprechen. Das Format entsprach dabei nicht der Struktur herkömmlicher Kongress-Panels, sondern bestand in einer Mischung aus Praxisberichten von insgesamt vier Forschungsprojekten, die mit Citizen Science Elementen arbeiten, sowie einer anschließenden Paneldiskussion zur Reflexion der gegenwärtigen Praxis und zur Erkennung zukünftiger Möglichkeiten. (Das gesamte Programm der Veranstaltung kann hier eingesehen werden: https://tinyurl.com/y9pjckay ). Die Präsentation einer Auswahl von Citizen Science Projekten aus der Soziologie und angrenzenden Fächern sollte dabei zunächst eine vergleichende Perspektive auf die gegenwärtige Praxis ermöglichen, um deren Grenzen und Chancen anschaulich zu machen.

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Ad Hoc-Gruppe: Selbständiger Erwerb im digitalen Kapitalismus und seine Einbettung in Markt, Haushalt und Kultur am 21.9.2020

von Nele Dittmar

Aufhänger für die Ad Hoc-Gruppe „Selbständiger Erwerb im digitalen Kapitalismus“ auf dem DGS-Kongress war die Frage, ob und wie sich das Spannungsverhältnis zwischen Autonomie (z.B. von Vorgesetzten) und Abhängigkeiten (z.B. von Marktzwängen), das für solo-selbstständige Erwerbsarbeit prägend ist, im „digitalen Kapitalismus“ verändert. Welche Rolle spielen die großen Plattformunternehmen, die mit Philipp Staab als „proprietäre Märkte“ begriffen werden können? Welchen Einfluss haben Formen und Techniken der Arbeitsorganisation, die mit dem Begriff „digitaler Taylorismus“ belegt werden? Dabei sollte Selbstständigkeit (bzw. im Kontext der Ad hoc-Gruppe: Solo-Selbstständigkeit) aber nicht nur als eingebettet in den Markt oder in Märkte, sondern auch in „Kultur“ und „Haushalt“ begriffen werden. Entsprechend wurden die sechs Vorträge der Session gruppiert.

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The Presentation of Self in Digital Life

von Michael Wetzels

Es scheint sich wieder einmal, wenn auf die Ereignisse diesen Jahres geblickt wird, die Aktualität von Erving Goffmans berühmter Frage „What is it that‘s going on here?“[i] zu bestätigen. Allerdings hätte auch er nicht die beinahe schwindelerregende Dynamik vorausgesehen, welche eine ‚Gesellschaft unter Spannung‘ auszeichnet. Denn nicht nur die „Weltgesellschaft“[ii], sondern auch die DGS steht auf diesem digitalen Kongress unter ‚Spannung‘. Die Corona-Pandemie deckt wie keine andere „Singularität“[iii] der letzten Jahre die Brüchigkeit und Routinen auf, welche sich in das universitäre Leben eingebrannt haben. Ein digitaler Kongress mag zunächst wie ein Segen klingen. Statt Kaffee vom Buffet nun Genuss aus der hauseigenen Kanne, kein frühes Aufstehen und Rennen zum nächsten Seminarraum, alles digital, alles entspannt. Wirklich? Weit gefehlt. Denn in Routinen sind auch die Formen eingelassen, welche wir als Soziolog*innen nur zu gut kennen, nämlich wissenschaftliche Inszenierungen des Selbst. War vorher noch der Auftritt vor und in einem lokalen Livepublikum Teil solcher Inszenierungsstrategien, wechselt diese Form nun auch vom Analogen ins Digitale.

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„Zeitdiagnose ist die Benutzeroberfläche der Gesellschaftstheorie“

Von René Tuma und Ajit Singh

Je nach Perspektive darf es entweder als ‚wohltuende Abwechslung‘ oder als ‚ungewohnte Neuheit‘ in einer sich neuordnenden Gesellschaft angesehen werden, an einer Liveveranstaltung teilzunehmen. Die von Hubert Knoblauch organisierte Veranstaltung „Gesellschaft unter Spannung – Sonderveranstaltung zu soziologischen Diagnosen der gegenwärtigen Um_Ordnungen mit oder nach Corona“ auf dem diesjährigen DGS-Kongress holte dafür den Raum des soziologischen Diskurses zurück in den Ort der Wissensvermittlung, genauer gesagt in den zweitgrößten Hörsaal H104 des Hauptgebäudes der Technischen Universität Berlin. Derlei Ortsbezeichnungen erscheinen gegenwärtig nahezu überflüssig, weil der „Weg“ zu einer Session vornehmlich über Links und Passwörter beschritten wird. Die Sonderveranstaltung fuhr hier jedoch zweigleisig. Während sich der Großteil des Publikums mit etwa 300 Zuschauenden via Youtube-Livestream zuschalten konnte, durfte eine kleine Gruppe von etwa 25 Teilnehmenden der Sitzung im Hörsaal beiwohnen und verlieh dem Anlass auch unter diesen Bedingungen einen angemessenen Rahmen. Auch die Autoren dieses Beitrags erlebten die Diagnoseveranstaltung aus unterschiedlichen räumlichen und medial-vermittelten Perspektiven (digital und vor Ort) und möchten nun im Folgenden die Erträge zusammenfassen.  

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SFB1265 goes DGS

von Nina Meier

Die um sich greifende Verbreitung digitaler Technologien, sowie weltweite Prozesse der Entgrenzung, die gemeinhin mit dem Begriff der Globalisierung bezeichnet werden, aber auch Praktiken der Begrenzung – von Fabian Gülzau in seinem Vortrag einprägsam als „Mauerbaufieber“ betitelt – verändern die Art und Weise, wie Menschen Räume erfahren, aber auch die Art und Weise, wie sie diese erschaffen. Auf diesen Wandel wirft der Sonderforschungsbereich (SFB) 1265 „Re-Figuration von Räumen“ seit Januar 2018 einen forschenden Blick. In der Sonderveranstaltung am 16.09.2020 gewährten Johanna Hoerning, Fabian Gülzau und Anna Steigemann Einblicke in einzelne Forschungsprojekte des SFBs, die sich mit unterschiedlichen Raumpolitiken befassen. Ergänzt wurden ihre Beiträge um eine Reflexion der wissenschaftlichen Arbeit an und im Sonderforschungsbereich selbst durch Séverine Marguin. Zunächst jedoch stellte Martina Löw (Sprecherin des SFBs 1265) den Sonderforschungsbereich in Kürze vor und verwies dabei auf eine Besonderheit der Öffentlichkeitsarbeit des SFBs, die unter anderem einen konkreten Zusammenhang zum DGS-Kongress aufweist: So legt der SFB in der Reflexion seiner Arbeit auch Wert auf die Verwendung künstlerischer Methoden. Ein Ergebnis dieser Überlegungen stellt die temporäre Kunstinstallation an der bauhaus reuse durch die Künstlerin Stefanie Bürkle dar. Anlässlich der Berlin Art Week 2020 sowie des 40.ten DGS-Kongresses ermöglichen es zwei Bildserien, An- und Einsichten des Kunst- und Forschungsprojektes MIGRATOURISPACE, Raummigration und Tourismus mit eigenen Augen zu betrachten. So soll der ins digitale Format übertragene DGS-Kongress einen physischen Anhaltspunkt am Berliner Ernst-Reuter Platz erhalten. Wie die Vorträge der Wissenschaftler*innen des SFBs, so behandelt auch diese Bilderinstallation die Frage, wie verschiedene Räume mit einander in Bezug gesetzt werden. Martina Löw und Nina Elsemann übernahmen zudem die Moderation der Sitzung.

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