Männer*[1], Männlichkeiten, Gesundheit und Care

Frank Luck

 

Wann ist Mann* ein Mann*? Was haben Männer*, Vorstellungen zu Männlichkeiten und Gesundheit sowie Care miteinander zu tun?

Im folgenden Beitrag[2] möchte ich versuchen, einzelne Aspekte aus eigener Forschung mit Männern* im mittleren Lebensalter zwischen 30 und 60 Jahren an der Schnittstelle von Geschlecht, Gesundheitshandeln und Care zu skizzieren, zu reflektieren und zu überlegen, welches mögliche Potenzial sich daraus für gesellschaftliche Diskussionen ergeben könnte. Denn gerade im Kontext der dynamischen Entwicklungen zur Corona-Pandemie, erscheint es für gesellschaftliche Debatten wertvoll zu überlegen, wie dieses Verhältnis ist: Wie sieht der Umgang von Männern* mit Gesundheit aus? Welche gesellschaftlichen Vorstellungen gibt es und wie handeln Männer* im Alltag? Zunächst möchte ich kurz beschreiben, mit welchem Verständnis ich zu Männern* sowie Männlichkeiten arbeite und dann auf Gesundheit und Care eingehen. Meine Ausführungen in diesem Blog möchte ich in Anlehnung an Adorno (2018) als etwas Provisorisches und Unabgeschlossenes verstanden wissen und damit zu einer freundlich-offenen Diskussion einladen.

 

Männer*

In diesem Beitrag werden Männer* als eine Form geschlechtlicher Möglichkeiten mit unterschiedlichen Selbstverständnissen und Praxen verstanden. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen: Männer* sind keine homogene Geschlechtergruppe (vgl. de Visser, 2019; Faltermaier, 2018; WHO – Regional Office für Europe, 2018). Vielmehr können sich ihre Lebensbiografien, ihre aktuellen Lebensumstände und konkreten Lebenssituationen sehr unterscheiden (Griffith, Bruce & Thorpe, 2019).

 

Männer*, Männlichkeiten und Gesundheit

Weltweit besteht ein „Gender Gap“ (Kirby, Kirby & Farah, 2002, S. 11) in der Lebenserwartung und Sterblichkeitsrate zwischen geschlechtlichen Gruppen von Männern* und Frauen* (WHO, 2019). Die Ursachen in der unterschiedlichen Lebenserwartung werden vor allem in Bezug auf das Gesundheitsverhalten, die Erwerbssituation und die soziale Situation gesehen (vgl. Faltermaier, 2018).

Zur Erklärung des Gesundheitsverhaltens bei Männern* werden in jüngerer Zeit zunehmend Zusammenhänge zwischen Gesundheit und Männlichkeit in den Blick genommen (vgl. Krumm et al., 2017; Oliffe et al., 2013). Bezogen auf den Umgang mit Gesundheit im Alltag bedeutet dies, Männer* handeln nicht (umgangssprachlich) ‚von Natur aus‘, weil sie Männer* sind (vgl. Luck, 2016), sondern sie stellen Männlichkeit auch über ihren Umgang mit Gesundheit erst her (z.B. über den Umgang mit Schmerzen, vgl. Wehner et al., 2015). Der Einbezug von Geschlecht als relevante soziale Kategorie in den Gesundheitswissenschaften und die Perspektive, Gesundheitshandeln als ein vergeschlechtlichtes und vergeschlechtlichendes Handeln anzusehen, geht auf verschiedene sozialwissenschaftliche Forschungsrichtungen und damit verbundene theoretische Konzeptionen zurück: die Frauen*gesundheitsforschung und die Männer*- bzw. Männlichkeits- und Geschlechterforschung. Am folgenreichsten ist Connells Konzeption ‚hegemonialer Männlichkeit‘ (Connell, 2015). Hegemoniale Männlichkeit ist demzufolge sowohl über die Abgrenzung zu ‚Weiblichkeit‘ als auch in Abgrenzung zu anderen „untergeordneten“, „komplizenhaften“ oder „marginalisierten“ Männlichkeiten definiert (vgl. Connell, 2015, S. 131–135). Hier können z.B. folgende Männer* genannt werden: homosexuelle Männer* oder Männer*, die Aspekte hegemonialer Männlichkeit nicht darstellen, aber von der gesellschaftlichen Vormachtstellung des Mannes* profitieren (Stichwort „patriarchale Dividende“, Connell, 2015, S. 133) sowie Männer* mit ‚Migrationshintergründen‘/Migrationsbiografien, men of color und Männer* mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status. Es gibt gemäß Connells Konzept (2015) verschiedene Männlichkeiten, weshalb die Pluralform verwendet wird. Als zentrales Elemente von hegemonialer Männlichkeit gelten die Aspekte ‚weiß‘, ‚heterosexuell‘, ‚stark (sein)‘‚ ‚berufszentriert‘ sowie ‚Familienernährer‘ (vgl. Wehner et al., 2015). Hegemoniale Männlichkeit weist auf ein normatives Ideal hin, an dem sich Männer* zur Herstellung und Absicherung von Männlichkeit orientieren (müssen), das aber nur wenige Männer* repräsentieren (können). Was als hegemonial männlich gilt, ist historisch und gesellschaftlich-kulturell variabel und somit Wandlungsprozessen unterworfen (vgl. Connell, 2015; Maihofer, 2007).

 

Wann ist ein Mann* ein Mann*?

In der bürgerlichen Gesellschaft wird der Mann* zum Mann*, indem er den Nachweis bringt, sein Leben selbst gestalten zu können. Hierzu gehören zahlreiche Wortschöpfungen, die deutlich werden lassen, über welche Eigenschaften sowie Fähigkeiten das moderne ‚männliche‘ Subjekt“ (Maihofer, 1995) verfügen sollte: z.B. ‚Selbstbewusstsein‘, ‚Selbstdisziplin‘, ‚Selbstführung‘ und ‚Selbstverbesserung‘ (vgl. Foucault, 2007, 2015). Es ist eine Herrschaft über sich und gleichzeitig ein Unterwerfen seiner selbst, gerade in Bezug auf die Disziplinierung und Beherrschung seiner Gefühle und der Zurückweisung sozialer Bindungen (vgl. Bourdieu, 2005; Maihofer, 1995). Die Entstehung bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaften ist von Anfang an damit verbunden, dass Macht, Herrschaft und Subjektwerdung zusammenhängen. In der bürgerlichen Gesellschaft erlangt und bestätigt der Mann* demnach ‚seine Männlichkeit‘ durch die ‚Verkörperung‘ von ‚männlich‘ codierten Praxen in Bezug auf das Denken, den Umgang mit Gefühlen und der Arbeit mit dem ‚Körper‘. Diese Praxen sind kennzeichnend für das Verhältnis zu sich selbst als auch zu dem verortet sein in der Welt. Aus einer gesellschaftstheoretischen Perspektive wird zudem deutlich, wie aktuelle Männlichkeitsnormen ein zentraler Aspekt der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschafts- und Geschlechterordnung sind. Diese Art, als Mann* zu existieren hat sich im 18. Jahrhundert als Teil der Selbststilisierung der bürgerlichen Klasse etabliert und im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts als Norm durchgesetzt (vgl. Maihofer, 2014).

Die Normen hegemonialer Männlichkeit werden aber zunehmend von Männern* selbst hinterfragt. Dabei finden sich Beschreibungen und Reflexionen wie z.B. vom „[…] Mythos der Maskulinität […] und warum er toxisch, ja tödlich ist“ (Urwin, 2018, S. 2) oder dem Buch von Bola: „Sei kein Mann. Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist“ (Bola, 2020). Die beiden Autoren versuchen, die Bilder zu Männern* und Männlichkeit über das Verständnis einer binären Geschlechterordnung hinaus zu erweitern. Gesellschaftlich setzt sich „[…] die männliche Herrschaft nicht mehr mit der Evidenz des Selbstverständlichen durch […]“ (Bourdieu, 1997, S. 226). Sie wird hinterfragt, muss begründet und gerechtfertigt werden. Gemäß Lengersdorf & Meuser ist die „[…] Flexibilisierung von Männlichkeiten […] begleitet von einer Diskursivierung, in der Männlichkeit den Status des fraglos Gegebenen verliert und reflexiv wird. Auffallend ist die zeitliche Koinzidenz der Diskursivierung von Männlichkeit und der Durchsetzung des globalen Neoliberalismus“ (Lengersdorf & Meuser, 2017, S. 40).

 

Männlichkeit und Gesundheit — Potenziale von ‚Freiheit‘ und ‚Zwang‘ unter den derzeitigen Bedingungen des Neoliberalismus

In der eigenen empirischen Forschung (Luck, 2021) zeigt sich, dass unterdessen nun mehr nicht nur Frauen* die Verantwortung für Gesundheit und Wohlbefinden zugeschrieben wird. Die Maßnahmen zur Gesundheitserhaltung (z.B. Care-Maßnahmen) sind nicht länger nur Teil von Weiblichkeit, sondern ebenso bedeutend für die alltägliche Re-Produktion von Männlichkeit. Das Kümmern um Gesundheit sowie Wohlbefinden steht dabei nicht im Widerspruch zu Vorstellungen von ‚männlicher Selbständigkeit und Autonomie‘, sondern zeichnet geradezu ein leistungskonformes ‚Mann* sein‘ unter den derzeitigen Bedingungen des Neoliberalismus aus. Dieses ‚Sorgen um sich‘ kann dann als ‚Selbstauftrag‘ verstanden werden, der aber persönlich nicht als ‚Zwang‘ interpretiert wird, sondern als ‚vermeintliche Freiheit‘ in Form eines sich um sich ‚sorgen‘ zu dürfen.

Gesundheit und Männlichkeit und was mit diesen verbunden ist, sind beide demnach von einer Vorgabe zu einer Gestaltungsaufgabe geworden (vgl. Kickbusch & Hartung, 2014; Meuser, 2007). Dieses mit der (theoretischen) Möglichkeit, sich ‚in Freiheit‘ für eine sich selber entsprechenden Selbstverwirklichung entscheiden zu können. ‚Der Zwang‘ besteht darin, dass zwar der Weg nicht vorgegeben ist, aber das Ziel eines Subjektes von ‚gesunder Männlichkeit‘ (Interviewpartner Herr R.) hingegen schon, Es zeigt sich, wie auch Dinges konstatiert: „Gesundheitsförderndes Verhalten ist zu einem Kernbestand moderner Selbstsorge geworden – ob als Selbstermächtigung, Biopolitik oder Selbstzwang sei dahingestellt“ (Dinges, 2016, S. 929). Die Ergebnisse meiner Forschung lassen erkennen, wie die von Dinges aufgeführte Frage nach den Aspekten von „Selbstermächtigung, Biopolitik oder Selbstzwang“ (Dinges, 2016, S. 929) vielmehr kein Entweder-Oder darstellen, sondern miteinander zusammenhängen und ineinander verwoben sind.

Gesundheitsvorstellungen sowie Praxen im Alltag weisen Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten auf. Während die einen Männer* sich rigide auferlegen, die Anforderung zu erfüllen, fit für den Arbeitsmarkt zu sein, setzen sich andere Männer* in kritische Distanz zu diesen Anforderungen. Sie reduzieren ihr Arbeitspensum, um durch eine ihnen entsprechende Lebensweise eine Work-Life Balance herzustellen. Für sie ist Gesundheit soziale Praxis (vgl. Hanses, 2012) und der konkrete Umgang mit Gesundheit ist Teil veränderter Gesellschaftsbedingungen, indem die Befragten nun Potenziale von ‚Freiheit‘ und ‚Zwang‘ thematisieren, sich aktiv um ihre Gesundheit kümmern zu dürfen bzw. zu müssen. Im Fokus derzeitiger Diskussion stehe vor allem eine Vorstellung „von der Gesundheit als aktiver Lebensgestaltung und Lebenslust“ (Kickbusch & Hartung, 2014, S. 18). Als Grund hierfür wird u. a. das Engagement von „sozialen Bewegungen wie die Frauenbewegung und die Gesundheitsbewegung sowie die zunehmende Anerkennung der ganzheitlichen Medizin und nicht zu vergessen: die Ottawa Charta für Gesundheitsförderung“ (Kickbusch & Hartung, 2014, S. 18) gesehen. Die Dynamisierung von ‚Gesundheit‘ ist einerseits Konsequenz einer agency zugunsten geschlechtlicher und lebensweltlicher Kontexte. Andererseits ist sie Folge der Dynamisierung gesellschaftlicher Ordnungsstrukturen aufgrund des Rückzugs des Staates mit dem Ziel einer ‚Verantwortungslogik‘ des Subjektes. Um das zu erreichen, sollen die Subjekte Gesundheitsarbeit leisten und ‚ihren Körper‘ für ein ‚besseres Leben‘ bearbeiten. Das Kümmern um Gesundheit kann als „Kapitalakkumulation“ (Bourdieu, 2012, S. 229f.) verstanden werden. Gesundheit ist somit nicht mehr länger Idealvorstellung eines Zustandes (vgl. dazu die WHO-Gesundheitsdefinition, 1946), sondern vielmehr Ergebnis (vgl. Schnabel, 2015) einer selbstverantwortlichen ‚gesunden Lebensführung‘.

Bei einem Verständnis von Gesundheit, dass sie nicht selbstverständlich gegeben ist, sondern aktiv hergestellt werden muss, kann diese auch als eine Anforderung und ein Auftrag an Männer* verstanden werden. Mit diesem Verständnis ist ebenfalls verbunden, nicht nachzulassen, sondern Gesundheit als fortwährenden Prozess zu verstehen, der einerseits ein dynamisiertes Subjekt (erst) hervorbringt und andererseits flexible Praxen zum Umgang mit Gesundheit einfordert. Mit dem Begriff dynamisiert verbinde ich die Vorstellung von einem Subjekt, das ‚aktiviert‘ und zugleich ‚flexibel‘ in Bezug auf sich selbst und zu gesellschaftlichen Entwicklungen agiert sowie reagiert. Es geht nicht nur um ein aktives Tun für die eigene Gesundheit, sondern auch um ein Anerkennen gesellschaftlicher Realitäten. Folglich ist ein ‚dynamisiertes Subjekt‘ auch eine Person, die sich dem gesellschaftlichen Gegebenen anpasst und sich darauf einstellt. Die entsprechenden Praxen zeigen sich, indem Mann* für seine Gesundheit ‚selbst sorgt‘. Dieses ‚Sorgen um sich‘ kann als Selbstauftrag verstanden werden, der aber persönlich nicht als ‚Zwang‘ interpretiert wird, sondern als ‚vermeintliche Freiheit‘ in Form eines sich um sich ‚sorgen‘. Gesundheit wird damit zu einem ‚Produkt‘, das erarbeitet werden muss (vgl. Kickbusch & Hartung, 2014; Kühn, 1993; Schnabel, 2015). Gesundheit wird – wie ausgeführt – damit zum Leistungsausweis. Es geht für das Subjekt darum, die gesellschaftlichen Anforderungen zu verstehen, anzunehmen und Gesundheit als ‚Mittel zum Zweck‘ zu interpretieren, um fit zu sein, z.B. für den Arbeitsmarkt im globalisierten und flexibilisierten Kapitalismus unserer Zeit (vgl. Lengersdorf & Meuser, 2017; Lenz, Evertz & Ressel, 2017).

Vor dem Hintergrund der Entwicklung hin zu einer Gesellschaft, in der Menschen älter werden und verstärkt von chronischen Krankheiten betroffen sind/sein werden (Obsan – Schweizerisches Gesundheitsobservatorium, 2015) ergibt sich ein folgenreiches Spannungsfeld. Das Älterwerden und das Alter erscheinen als Bedrohung, weil mit ihnen Krankheiten und ein möglicher Bedarf an Pflege sowie Betreuung assoziiert werden. Dieses Bild vom Alter verstärkt in der Folge Aktivitäten (gerade im mittleren Lebensalter), um möglichst gesund zu sein und im Alter gesund zu bleiben. Dadurch sollen Autonomie, gesellschaftliche Teilhabe und Wohlbefinden ermöglicht und abgesichert werden.

Hier zeigen sich einerseits Potenziale von ‚Freiheit‘/‚Freiheitshandeln‘, in dem Sinne: ‚Ich tue etwas für mich, ich kümmere mich um mich‘; das heißt, diese Selbstsorge wird in einem sich ermächtigenden Sinn verstanden. Andererseits bedeutet dies zugleich klare gesellschaftliche normative Anforderungen an das Subjekt: ‚Kümmere dich um dich, damit du gesund bist und nicht krank wirst‘ und ‚Falle der Gesellschaft nicht zur Last‘.

Diese Entwicklungen gingen und gehen einher mit dem Um- und Abbau des Sozial- und Wohlfahrtsstaates europäischer Prägung. Wohlergehen und Wohlbefinden ist nun primärer Aufgaben- und Verantwortungsbereich des Subjektes.

 

Männer* und Männlichkeiten: Akzentverschiebungen im Verständnis von Männlichkeit hin zu einem aktualisierten und erweiterten Anforderungskatalog von Männlichkeiten

Beides, Gesundheit und Männlichkeit, scheinen im Rahmen gesellschaftlicher Transformationsprozesse zu einer Gestaltungsvorgabe geworden sein. Das Ideal ist ein ‚männliches‘ Subjekt, das verstanden hat, wie sehr es selbst Ziel der Veränderung in einem fortwährenden Prozess ist. Dabei ist das Ziel ein imaginäres Bild von einem selbst, das aber nie erreicht werden kann. Doch erfolgt die gesellschaftliche Anerkennung bezogen auf Umgang mit Gesundheit, dem ‚Unterwegssein‘. Das Verhalten, sich nicht gehen zu lassen, nicht dem ‚Müßiggang‘ zu verfallen, entspricht dem Arbeitsethos der Leistungsgesellschaft. Leistungsfähigkeit gilt als ein zentrales Element zur Herstellung von Männlichkeit. Dieses sich parat machen, sich körperlich und mental fit machen und fit bleiben, ist ein Auftrag an sich selbst. ‚Gesundsein‘ bzw. ‚über Gesundheit zu verfügen‘ und (Self-)Care würden demnach zu einem aktualisierten und erweiterten Anforderungskatalog hegemonialer Männlichkeit gehören. Diese Vorstellungen passen sehr gut zu den zeitaktuellen Formen der Erwerbsarbeit, deren Mitglieder gefragt sind, als emotional selbstkompetente Teamplayer zugunsten eines wirtschaftlichen Erfolges von Unternehmen zu agieren. Damit wird der moderne Mann* erst zum ‚Manne‘ durch die Herstellung und Absicherung von traditionellen (z.B. Rationalität) und aktualisierten (z. B. Emotionalität: in der Form, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen) ‚Männlichkeitsmarkern‘. Mit diesem Verständnis ist Emotionalität ein fester Bestandteil von Männlichkeit, aber nur in Verbindung mit einer „verbindlichen und selbstbewussten Männlichkeit“ (Franz, 2015, S. 194). Nichtsdestotrotz gibt es auch den persönlichen Wunsch von Männern*, anders als ihre Väter zu leben und Männlichkeitsentwürfe zu erweitern. Dabei befördern verschiedene gesellschaftliche Personen und Organisationen, z.B. Vertreter*innen von Männer*organisationen eine Sprache, bei der es um ‚männliche‘ Aktivitäten, wie der Förderung „väterlicher Sorge-Arbeit“ (Baumgarten & Borter, 2016, S. 18). geht. Hier ist kritisch zu analysieren, welche Essentialisierungen mit der Herstellung ‚einer Geschlechtsidentität‘ verbunden sein können. Denn vor dem Hintergrund der aktuellen demografischen Entwicklung erhält Sorgearbeit eine immer größere Bedeutung. Durch die Ansprache von Männern* als ‚Sorgearbeiter‘ würden sich somit auch neue, flexible personelle Ressourcen für die Erwerbsarbeit und für die häusliche Care-Arbeit ergeben. Die Emanzipation von Männern* gegenüber sich selbst als emotionale Personen, wäre demnach auch ein gleichzeitiger gewünschter Effekt von Marktlogiken zur Sicherstellung von Arbeitskräften und der weitergehenden Aufrechterhaltung von Care-Arbeit als unbezahlte Tätigkeit im Rahmen häuslicher Gemeinschaften.

 

Männer*, Care, Gesellschaft und Gesundheit

Care ist Auftrag und fortwährender Prozess eines ‚aktivierten‘ Subjektes als zentrales Element aktueller Gesundheits- und Sozialpolitiken. Diesen Ansatz sehe ich bei den interviewten Männern*, wenn sie daran denken, krank oder pflegebedürftig zu sein oder zu werden. Ziel von Männlichkeit sowie gesellschaftliche Anforderung an diese ist es, autonom zu leben, ohne auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein.

Wie bereits ausgeführt, wird in Bezug auf Gesundheit und Krankheit mit einer Zunahme von chronischen Krankheiten und einem wachsenden Bedarf an pflegerischer Unterstützung ausgegangen. Auf politischer Ebene wird aber meines Erachtens nur unzureichend diskutiert, welche gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse verändert werden müssen, um diesen neuen Herausforderungen zu begegnen. So müssen Patient*innen informiert sein, um im Krankheitsfall als Manager*innen ihrer Krankheit agieren zu können. Zudem gehen mit den moralischen Apellen zum individuellen Gesundheitsverhalten Veränderungen des Gesundheits- und Sozialversicherungssystems einher, um die sogenannte Eigenverantwortung des Einzelnen zu ‚stärken‘. Solidarisch zu sein, bedeutet demnach, der Gemeinschaft nicht ‚zur Last zu fallen‘ bzw. fallen zu wollen.

Die Befunde der vorliegenden Untersuchung sagen etwas über die Aktualisierungen von Männern* und ihren Lebensaktivitäten aus. Parallel dazu wird die Berufstätigkeit mit einem Anspruch verbunden, über eine körperliche und mentale Leistungsfähigkeit zu verfügen. Gesundheit ist dafür Garant, diesen Anspruch umzusetzen. Es geht mit einem Verständnis von Gesundheit einher, das nicht (nur) Selbstzweck des Individuums ist, sondern eine gesellschaftliche Norm. In einem Verständnis vom Leben als ‚gesunder‘ Lebensweise, wäre dann Gesundheit ein Ergebnis (vgl. Schnabel, 2015) von erfolgreichem (Self)Care.

Deutlich wird, wie sehr ‚Gesundheit‘ bzw. ‚Gesundsein‘ konstitutive Begriffe für die Lebensführung der Befragten sind. Dabei weisen Gesundheitsvorstellungen sowie Care-Praxen im Alltag Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten auf. Mit den Potenzialen von ‚Freiheit‘ und ‚Zwang‘ verbunden ist eine Führung seiner Selbst (vgl. Foucault, 2007), also ein Feld möglicher Handlungsmöglichkeiten und Handlungszwänge. Insofern erscheint es mir erforderlich, ‚Gesundheit‘/‚Gesundsein‘ und ‚Care‘ als ‚kritische‘ Begriffe zu verwenden, die bei der Ausgestaltung von Gesundheitspolitik, Gesundheitsversorgung sowie Maßnahmen zur Gesundheitsförderung deren Verwobenheiten mit den bestehenden Macht- und Herrschaftsverhältnissen berücksichtigen. Es geht um Gesundheit und (Self-)Care als gesellschaftliche Themen, die demokratische Aushandlungen brauchen und nicht als individuelle Kapitalakkumulation im Rahmen neoliberaler Marktlogiken befördert werden. Für Männer* und Diskussionen um das Verständnis von Care sowie zum Wahrnehmen von Care-Aufgaben bietet das Zusammen-Denken, von Gesellschaft, Ökonomie und Subjektwerdung (vgl. Adorno, 2018) ein Potenzial, hegemoniale Macht- und Herrschaftsverhältnisse in Bezug auf Vorstellungen aktueller Männlickeiten und (Self-)Care weiter kritisch zu reflektieren.

 

Literatur

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[1] Schreibweise mit ‚Asterisk‘ (*):

In dem Blogbeitrag soll der ‚Asterisk‘ (*) im Sinne einer sensiblen Sprache als ‚Zeichen‘ fungieren (vgl. Baumgartinger, 2008), um für die Vielfältigkeit geschlechtlicher Realitäten, Verständnisse und Praxen zu stehen. Ausgenommen davon sind z. B. Zitate aus Literaturquellen, wie Bücher und Fachartikel, die ohne ein ‚Asterisk‘ (*) publiziert worden sind.

[2] Hinweis zu Inhalten und Literaturquellen:

Der vorliegende Blogbeitrag basiert auf Inhalten und Literaturquellen in adaptierter, modifizierter und aktualisierter Form der Publikation: Männer*, Männlichkeiten, Männer*gesundheit. Wie gehen Männer* mit Gesundheit im Alltag um? – Eine Genderperspektive (Hogrefe-Verlag, Bern, voraussichtlicher Erscheinungstermin April 2021).

Die Publikation ist auf Basis und im Anschluss an ein vom Schweizerischen Nationalfonds SNF geförderten Forschungsprojekts zur Männer*gesundheit am Zentrum Gender Studies der Universität Basel entstanden, das ich zusammen mit Prof. Dr. Andrea Maihofer, Prof. Dr. Elisabeth Zemp Stutz, Dr. Diana Baumgarten und Dr. Nina Wehner (heute Prof. Nina Wehner) in den Jahren 2012–2014 durchgeführt habe. Für diese Untersuchung wurden 40 qualitative Interviews mit Männern* im mittleren Lebensalter zwischen 30 und 60 Jahren durchgeführt.

Verschärfte Normalität im Ausnahmezustand. Transnationale Care-Arbeit in Privathaushalten unter COVID-19

Sarah Schilliger

Wenn COVID-19 etwas aufgedeckt hat, dann ist es die Fragilität des kollabierenden Gesundheits- und Pflegesystems. Das Virus wirft ein Licht auf die unterfinanzierte Care-Infrastruktur, den Mangel an Personal in Spitälern und Pflegeheimen und auf die belastenden und häufig prekären Arbeitsbedingungen von jenen Menschen, die lebensrelevante Care-Arbeit leisten (Dück 2020). Ein weiterer Aspekt, der uns im Zuge der Corona-Krise deutlich vor Augen geführt wurde: Die Abhängigkeit unseres Gesundheits- und Pflegesystems von migrantischen Care-Arbeiter*innen. In der Schweiz, wo laut OECD (2019) 47 Prozent der Ärzt*innen nicht in der Schweiz geboren sind und wo auch beim Pflegepersonal der Migrationsanteil überdurchschnittlich hoch ist, wurde deutlich, dass die Intensivstationen ohne Migrant*innen nicht funktionieren würden. Das Gesundheitssystem beruht zu einem hohen Prozentsatz auf zugewanderten Arbeitskräften und ausländischem Fachwissen – ohne sie wäre die Corona-Pandemie gar nicht zu bewältigen.

Am unmittelbarsten zeigte sich in den letzten Monaten die Abhängigkeit von migrantischen Care-Arbeiterinnen jedoch im Bereich der Senioren-Betreuung in Privathaushalten (der sog. 24h-Betreuung). Die Live-in-Betreuer*innen – allermeist sind es Frauen – betreuen ältere Menschen in deren Privathaushalt, wo sie gleichzeitig auch wohnen. Oft arbeiten sie rund um die Uhr auf Abruf. Zwischen ihren mehrwöchigen Arbeitseinsätzen reisen sie in der Regel zurück in ihr Herkunftsland – nach Polen, Ungarn, Rumänien oder in die Slowakei. Häufig kommen die Care-Arbeiterinnen über profitorientierte und transnational agierende Vermittlungs- und Verleih-Agenturen nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz. Mit ein paar Mausklicks kann heute ein transnationales Care-Arrangement organisiert werden (Schilliger 2015; Chau 2020 für die Schweiz; für Österreich und Deutschland siehe Aulenbacher/Lutz/Schwiter 2021).

Breakdown im Lockdown

Normalerweise bleiben transnationalen Care-Arbeiterinnen unsichtbar und von staatlicher Seite kaum anerkannt, auch wenn ihre Arbeit für das Pflegesystem in der Schweiz – und noch deutlicher in Deutschland und Österreich (Lutz/Palenga-Möllenbeck 2010; Aulenbacher/Lutz/Schwiter 2021) – unverzichtbar geworden ist. Im vergangenen Frühling drohte diese Care-Ressource auf einen Schlag wegzufallen. Und es zeigte sich einmal mehr: Care-Arbeit gerät erst dann ins gesellschaftliche Bewusstsein, wenn sie nicht mehr selbstverständlich geleistet wird. Während des Lockdowns im Frühling kam das etablierte Pendelmigrationssystem und damit die transnationale Mobilität der Live-in-Betreuerinnen zeitweilig ganz zum Erliegen. Weil Grenzen abrupt geschlossen wurden und Verkehrsverbindungen unterbrochen waren, konnten Care-Arbeiterinnen ihren Arbeitseinsatz nicht antreten.

In zahlreichen Haushalten von Senior*innen fiel damit die geplante Ablösung für die Betreuerin aus. Agenturen und Familien versuchten, die zu der Zeit in der Schweiz anwesenden Care-Arbeiterinnen zu überzeugen, an Ostern nicht nach Hause zu fahren, sondern ihren Arbeitseinsatz zu verlängern. Viele leisteten dem Folge – da unklar war, wann sie wieder in die Schweiz zu ihrem Arbeitsplatz zurückkommen können, aber auch wegen den Quarantäne-Auflagen im Herkunftsland (teilweise mit Unterbringung in Kasernen oder unter Polizeiaufsicht) oder aufgrund der beschwerlichen und gesundheitlich riskanten Reise (meist in engen Kleinbussen).

Gleichzeitig fühlten sich viele Care-Arbeiterinnen auch moralisch verpflichtet, in der Schweiz zu bleiben. «Sie wollen die Person, die sie betreuen, in dieser Situation nicht im Stich lassen», sagt Barbara Metelska. Die ausgebildete Psychologin aus Polen, die selber jahrelang in Schweizer Haushalten gearbeitet hat und im gewerkschaftlichen Netzwerk Respekt@vpod aktiv ist, hat mit vielen Betreuerinnen über ihre Situation während der Corona-Krise geredet und kennt deren Sorgen. Die Ungewissheit, wie lange diese Situation andauern würde, hätte viele belastet: «Die Betreuerinnen wissen nicht, wann sie ihre Familie wiedersehen können. Sie möchten in dieser Krisenzeit lieber zu Hause bei ihren Liebsten sein.»

Grenzerfahrungen

Zwar waren die Grenzen für die dringend benötigten osteuropäischen Arbeitskräfte im Care-Sektor (wie auch für die Ernte-Arbeiter*innen während der Spargelsaison) bereits im Frühling wieder offen – zumindest für jene, die eine gültige Arbeitsbewilligung oder Meldebescheinigung vorweisen konnten. Doch blieb das Reisen beschwerlich. Eine Care-Arbeiterin erzählt, dass sie die Grenzübertritte an die Zeit vor der EU-Personenfreizügigkeit erinnert hätten – mit langen Wartezeiten, Fussmärschen über die Grenze und verbunden mit einer grossen Anspannung und Unsicherheit.

Als im Herbst die Corona-Zahlen in vielen osteuropäischen dramatisch anstiegen, hat sich insbesondere die Quarantäne-Situation nochmals verschärft. Kurz vor Weihnachten teilte der Schweizer Bundesrat mit, dass alle Einreisenden aus Ungarn und Polen nach der Einreise in eine zehntägige Quarantäne müssten – eine kaum umsetzbare Option für die Care-Arbeiterinnen, die in der Schweiz keine eigene Wohnung haben, sondern im Haushalt der pflegebedürftigen Personen leben. Damit wiederholte sich für einige Frauen die Situation vom Frühling und sie blieben auch an Weihnachten weg von ihren eigenen Familien. Erst mit einiger Verspätung meldeten die Behörden auf Anfrage, dass Care-Arbeiterinnen in Privathaushalten von der Quarantänepflicht ausgenommen seien, da «ihre Einreise beruflich erforderlich» sei. Gleichzeitig wurde unterstrichen «möglichst auf Kontakte mit der hiesigen Bevölkerung» zu verzichten (persönliche Mailkommunikation der Autorin mit dem Bundesamt für Gesundheit, Dezember 2020).

Ausnahmezustand als Normalität

Eine von ihnen ist Edyta Wieczorek (Name geändert). Die 60-jährige Frau aus Schlesien wirkt erschöpft, als ich sie kurz vor Weihnachten in einem kleinen Dorf nahe Bern zu einem Spaziergang treffe. Schon viele Jahre betreut die ehemalige Notaufnahme-Pflegerin hier die bald 100-jährige Frau Felber in ihrem Zuhause. Seit August ist Edyta Wieczorek ohne Unterbruch im Einsatz. Eigentlich wäre längst eine ärztliche Kontrolle in ihrer Heimat nötig, da ihr Blutdruck zu hoch ist. Aber unter den aktuellen Umständen hat auch sie – die vierfache Mutter und sechsfache Grossmutter – sich schweren Herzens entschieden, nicht nach Hause zu fahren und Weihnachten ohne Familie zu verbringen. «Und so leiste ich halt weiterhin systemrelevante Arbeit», sagt Edyta Wieczorek mir bei unserem Treffen mit einem Augenzwinkern.

Systemrelevanz – laut Nicole Mayer-Ahuja und Richard Detje (2020: 495) bedeutet dies vor allem, dass «der Zugriff auf deren Arbeitskraft im Lockdown ausgeweitet» wird: Längere Schichten, verkürzte Arbeitspausen, unbezahlte Überstunden. Bei Live-in-Care-Arbeiterinnen sind diese Kennzeichen keine Ausnahmesituation, sondern normaler Alltag – auch schon vor Corona. Von den Care-Arbeiterinnen wird flexible Abrufbereitschaft und permanente Anwesenheit erwartet, was dazu führt, dass sie kaum jemals Feierabend einläuten können. Live-in Betreuerinnen haben sich dem Rhythmus und den Bedürfnissen der betreuten Person anzupassen. Auch die Entgrenzung der Arbeit – ein Stichwort, das in sozialwissenschaftlichen Diagnosen zu Arbeit unter Corona oft fällt – ist für Care-Arbeiterinnen in Privathaushalten nicht neu, die Linie zwischen Arbeit und Freizeit stets verwischt. Und «home» und «office» fallen bei ihrer Live-in-Beschäftigung immer schon wie selbstverständlich zusammen.

Bei Edyta Wieczorek steht im Arbeitsvertrag, dass sie 42 Stunden pro Woche arbeitet – tatsächlich ist sie wöchentlich rund 60 Stunden in Einsatz[1]. Wenn es der Tochter von Frau Felber aufgrund ihrer psychischen Krankheit nicht gut geht, kümmert sie sich auch noch um sie. «Letzte Woche habe ich an meinem freien Tag eine Geburtstagstorte für die Tochter gebacken und ihren Hund spazieren geführt», erzählt Edyta Wieczorek. Abends liest sie Frau Felber aus der Zeitung oder einem Buch vor – manchmal bis zehn Uhr abends. Für die eigene Lektüre oder das Telefonat mit der Familie zuhause bleibt häufig kaum Zeit übrig.

In diesen transnationalen Betreuungsarrangements wird die Logik des Arbeitsvertrags kontrastiert durch die Logik der häuslichen Sphäre, in der familiäre Normen wie die uneingeschränkte Verfügbarkeit der Hausfrau und der Aspekt der unbezahlten «Arbeit aus Liebe» wichtige Bezugsfiguren sind (Schilliger 2019). Die personalisierten und häufig intimen Beziehungen zwischen den Betreuerinnen und den Menschen, um die sie sich kümmern, führen zudem häufig zu einem starken Gefühl der moralischen Verpflichtung und Verantwortung – vergleichbar mit dem, was die feministische Ökonomin Nancy Folbre (2001) das «prisoners of love dilemma» nennt. Lehnt die Care-Arbeiterin eine Aufgabe ab oder pocht auf ihre eigene Freizeit, kann dies als Liebesentzug und Distanzierung gewertet werden. Diese Situation macht sie besonders anfällig für Ausbeutung.

Verschärfte Ausbeutung während Corona

Die Grundproblematik von Live-in-Arbeitsverhältnissen, nämlich die fehlende Freizeit und die soziale Isolation im Haushalt, habe sich während der Corona-Krise verschärft, erläutert Barbara Metelska: «Einige Angehörige verbieten den Frauen, das Haus zu verlassen. Sie fürchten, dass sie das Virus mitbringen könnten. Das ist unmenschlich und rechtlich natürlich nicht zulässig.» In der aussergewöhnlichen Lage sind die Care-Arbeiterinnen nun erst recht sozial isoliert. Hinzu kommt, dass Angehörige, die bisher die Care-Arbeiterinnen am Wochenende abgelöst und Letzteren damit einen Ruhetag ermöglicht haben, nun teilweise fernbleiben. Sie wollen damit die Ansteckungsgefahr mindern. Aus dem gleichen Grund haben einzelne Haushalte auch die Ablösung durch die ambulante Pflege oder durch Freiwilligendienste wie dem Roten Kreuz unterbrochen. Für die betroffenen Betreuerinnen heisst dies nun, dass sie über Tage und Wochen fast pausenlos arbeiten. Viele sind in den letzten Wochen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gekommen.

Eine Entschädigung für die zusätzliche Mehrarbeit während der Coronakrise gab es in den wenigsten Fällen. Edyta Wieczorek hat es immerhin geschafft, in den letzten Monaten einen 13. Monatslohn auszuhandeln, worauf sie sehr stolz ist. Barbara Metelska hofft, dass sich in der gegenwärtigen Situation für einige Care-Arbeiterinnen ein Gelegenheitsfenster auftut. Familien in der Schweiz erfahren beispielsweise gerade selbst, was es bedeutet, wochenlang die eigenen Angehörigen nicht mehr besuchen zu können – etwas, was für die Care-Arbeiterinnen Alltag ist. «Vielleicht blicken sie in Zukunft anders auf die Arbeit von Betreuerinnen», meint Barbara Metelska.

Regulierte Irregularität

Auch wenn durchaus neue Aufmerksamkeitsfenster für die Situation der transnationalen Care-Arbeiterinnen auszumachen sind – diese Anerkennung übersetzt sich bisher nicht in bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne (was nicht nur für die Schweiz, sondern auch für Österreich und Deutschland gilt, vgl. Leiblfinger et al. 2020). Der Bundesrat hält weiterhin an dem Beschluss fest, dass bezahlte Hausarbeit nicht dem Schweizer Arbeitsgesetz unterstellt werden soll (Steiner 2020). Dessen Bestimmungen zu Arbeits- oder Ruhezeiten oder zum Gesundheitsschutz gelten für die Live-in-Betreuungskräfte deshalb nicht. Ihre Arbeit wird damit lediglich in unverbindlichen kantonalen Normalarbeitsverträgen geregelt – auch wenn dies die ILO-Konvention 189 für die Rechte der Hausarbeiter*innen verletzt, die die Schweiz vor rund fünf Jahren ratifiziert hat[2].

Gleichzeitig fallen die Care-Arbeiterinnen in Privathaushalten durch die Maschen der staatlichen Corona-Rettungsschirme. Jene Betreuerinnen, die aufgrund der Reisebeschränkungen ihren Einsatz in der Schweiz nicht antreten können und im Herkunftsland stecken geblieben sind, stehen ohne Kurzarbeitsentschädigungen da und verlieren ihr Einkommen. Die verschärfte Ausbeutung der Care-Arbeiterinnen, die vielen unbezahlten Überstunden und Dauereinsätze, die Ansteckungsrisiken auf der Reise, das noch längere Wegsein von der eigenen Familie, die Einsamkeit, die fehlende soziale Sicherung der Einkommen – dies alles zeigt: Die Kosten der Corona-Krise werden im Fall der Live-in Betreuung ins Private, d.h. auf die einzelnen Care-Arbeiterinnen übertragen, aber gleichzeitig auch transnational verschoben – in die Herkunftsländer im peripherisierten Osten.

Die deutsche Soziologin Christa Wichterich (2018) hat hierfür den prägnanten Begriff des «Sorgeextraktivismus» geprägt. Damit bezeichnet sie ausbeuterische Strategien, um Krisen der sozialen Reproduktion kostengünstig zu überbrücken. Dazu gehören sowohl Rationalisierungsmassnahmen im Pflegebereich, bei der die Fürsorge-Logik torpediert und unbezahlte Arbeit extraktiviert wird, als auch Formen eines transnationalen Extraktivismus: Die Care-Krise in reicheren Ländern und wohlhabenderen Haushalten wird um den Preis ihrer Auslagerung in ärmere Regionen entschärft und die Kosten werden dadurch externalisiert. Der transnationale Sorgeextraktivismus ist dabei als Teil einer «imperialen Lebensweise» zu verstehen, wie Ulrich Brand und Markus Wissen (2017) die Produktions- und Konsumformen der globalen Mittel- und Oberschichten zu Lasten anderer, natürlicher und menschlicher Ressourcen im Globalen Süden und in ärmeren Weltregionen nennen.

 Care-Infrastruktur jenseits von Sorgeextraktivismus

Immerhin: Die COVID-19-Krise zeigt den Handlungsbedarf in dieser Branche deutlich auf. Ein zentraler Schritt hierbei ist die in den letzten Jahren in der Schweiz (Schilliger/Schilling 2017) und seit kurzem auch in Österreich (Melo/Matei/Hoffner 2020) zu beobachtende Selbstorganisation von Live-in Betreuerinnen. Das von polnischen Care-Arbeiterinnen gegründete basisgewerkschaftliche Netzwerk «Respekt@vpod» in Basel sowie die Organisation «DREPT» (rumänisch für «Recht»), die in Österreich rumänische Betreuerinnen versammelt, sind diesbezüglich wegweisende Beispiele: Beide Gruppen sind aus der Community heraus entstanden und stellen den Versuch dar, der Vereinzelung zu entkommen, die erlittene Not zu teilen und sich kollektiv zu ermächtigen. Mittels Infokampagnen über die ihnen zustehende Rechte, individuelle Beratung (in der Muttersprache), gegenseitige Unterstützung im Alltag und politischem Lobbying arbeiten die beiden Gruppen an besseren Bedingungen in der Live-in Betreuung. Insbesondere der digitale Raum und der Austausch über Facebook- oder WhatsApp-Gruppen ist dabei ein wichtiges Mittel.

Die nun breiter geteilte Einsicht in die Systemrelevanz von Care sollte genutzt werden, um auf die ganz normale, nicht-pandemiegeprägte Prekarität im Alltag von Care-Arbeiterinnen hinzuweisen und eine stärkere Regulierung voranzutreiben. Gleichzeitig wird deutlich: Für eine echte Verbesserung der Alltagrealitäten von Care-Arbeiterinnen in Privathaushalten gibt es keine einfachen Lösungen. Entscheidend sind letztlich die Ausgestaltung bzw. der Ausbau einer öffentlichen Care-Infrastruktur, mittels derer die ganze Bevölkerung Zugang zu qualitativ guten Diensten in der ambulanten Pflege, Betreuung und Haushaltshilfe bekommt. Care – als Sorge für sich, für andere, für die Umwelt – müsste in verschiedensten gesellschaftlichen Feldern ins Zentrum politischen Handelns gestellt werden – u.a. in der Sozialpolitik, der Arbeitsmarktpolitik, der Familienpolitik. Denn wie die Soziologin Paula-Irene Villa (2020: 447) warnt: «Wenn weiterhin systemrelevante Tätigkeiten, Logiken und Leistungen derart vernachlässigt und derart paradox zugleich romantisiert und ausgebeutet werden, dann wird dies uns allen auf die Füße fallen – eher früher denn später.» Eine bedürfnisorientierte Post-Corona-Care-Infrastruktur ist nicht nur geschlechtergerechter, demokratischer und weniger marktzentriert (Tronto 2013; Dowling 2021), sondern macht auch nicht an nationalstaatlichen Grenzen Halt und überwindet die Reproduktion einer rassistischen Arbeitsteilung. Dabei soll garantiert werden, dass die Care-Bedürfnisse aller Menschen geachtet werden, auch jener, die sich selber um Pflegebedürftige kümmern – und diejenigen ihrer Familien.

 

Vielen Dank an die Gruppe «Care Macht Mehr» für inhaltliche Feedbacks zu dem Beitrag sowie an Jennifer Steiner und Dr. Karin Schwiter für gemeinsame Recherchen, auf denen dieser Text basiert.

 

Literatur

Aulenbacher, Brigitte/Lutz, Helma/Schwiter, Karin (2021): Gute Sorge ohne gute Arbeit? Live-in-Care in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Weinheim/Basel: Beltz Juventa (im Erscheinen).

Brand, Ulrich/Wissen, Markus, 2017: Imperiale Lebensweis. Oekom Verlag: München.

Chau, Huey Shy (2020): Brokering Circular Labour Migration: A Mobile Ethnography of Migrant Care Workers’ Journey to Switzerland. Abingdon: Routledge.

Dowling, Emma (2021): The Care Crisis. What Caused It and How Can We End It? London: Verso Books.

Dück, Julia (2020): Kämpfe im Krankenhaus. Julia Dück im Gespräch. Ausnahme&Zustand, Podcast der Rosa Luxemburg Stiftung, online unter: https://www.rosalux.de/mediathek/media/element/1380?cHash=8dcfbe7b545782c03e1be8c76f0d0e1e

Folbre, Nancy (2001): The invisible heart. Economics and family values. New York: The New Press.

Leiblfinger, Michael/Prieler, Veronika/Schwiter, Karin/Steiner, Jennifer/Benazha, Aranka/Lutz, Helma (2020): Impact of COVID-19 Policy Responses on Live-In Care Workers in Austria, Germany, and Switzerland. In: Journal of Long-Term Care (2020), S. 144–150.

Lutz, Helma/Palenga-Möllenbeck, Ewa (2010): Care Work Migration in Germany: Semi-Compliance and Complicity. In: Social Policy & Society 3/2010, S. 419-430.

Melo, Sónia/Matei, Flavia/Hoffner, Ana (2020): Die Verfügbarkeit des Ostens. Ein Gespräch. Online unter https://kunsthallewien.at/die-verfuegbarkeit-des-ostens/

Mayer-Ahuja, Nicole/Detje, Richard: „Solidarität“ in Zeiten der Pandemie: Potenziale für eine neue Politik der Arbeit? In: WSI-Mitteilungen 06/2020, S. 493-500.

OECD (2019): Recent Trends in International Migration of Doctors, Nurses and Medical Students, OECD Publishing, Paris.

Schilliger, Sarah (2015): Globalisierte Care-Arrangements in Schweizer Privathaushalten. In: Nollert, Michael/Nadai, Eva (Eds.): Geschlechterverhältnisse im Post-Wohlfahrtsstaat. Reihe Arbeitsgesellschaft im Wandel. Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S. 154-175.

Schilliger, Sarah/Schilling, Katharina (2017): Care-Arbeit politisieren: Herausforderungen der (Selbst-)Organisierung von migrantischen 24h-Betreuerinnen. In: femina politica 2/2017, 101-116

Schilliger, Sarah (2019): Komplexe Machtkonstellationen und Beziehungsgeflechte in der 24h-Betreuung. In: Angewandte Gerontologie 1/2019, S. 21-22.

Steiner, Jennifer/Prieler, Veronika/Leiblfinger, Michael/Benazha, Aranka (2019): Völlig legal!? Rechtliche Rahmung und Legalitätsnarrative in der 24h-Betreuung in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In: Österreich Zeitschrift für Soziologie 44 (1), S. 1–19.

Steiner, Jennifer (2020). «Good Pay for Good Work»? Legitimation and Criticism in the Regulation Process of Round-the-Clock Elderly Care in Swiss Private Households. In: Swiss Journal of Sociology, 46(2), S. 281-303.

Tronto, Joan (2013): Caring Democracy. Markets, Equality, and Justice. New York: New York University Press.

Villa, Paula-Irene (2020): Corona-Krise meets Care-Krise – Ist das systemrelevant? In: Leviathan, 48(3), S. 433–450.

Wichterich, Christa (2018): Der prekäre Care-Kapitalismus. Sorgeextraktivismus oder die neue globale Ausbeutung. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 2/2018, S. 91-97.

 

 

[1] Die rechtlichen Rahmungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind sehr unterschiedlich, vgl. Steiner et al. 2019.

[2] Auch Deutschland hat die ILO-Konvention 189 ratifiziert, Österreich hingegen bisher nicht.

Der schmale Grat zwischen Schutz, Selbstbestimmung und In-Dienstnahme

Eva Fleischer

Mit Beginn der ersten politischen Regulierungen im Rahmen der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 wurden von vielen Regierungen alle Personen jenseits der 65 unabhängig von ihrem persönlichen gesundheitlichen Zustand und ihrer körperlichen Fitness pauschal als „Risikogruppe“ kategorisiert. Diese Kategorisierung, die noch weitreichenderen Empfehlungen medizinischer Fachinstitutionen wie der WHO oder des RKI (Robert-Koch-Institut) folgte, zog einschneidende Maßnahmen nach sich. Der Kontakt mit Personen über 65 sollte vermieden werden und in Institutionen wurde die Selbstbestimmung von Care-Empfänger*innen massiv eingeschränkt.

Neben Besuchsverboten kam es zu Ausgangsbeschränkungen für Bewohner*innen von Pflegeeinrichtungen, aber auch von Anlagen des betreuten Wohnens, wo Menschen leben, die nur wenig oder gar nicht auf Unterstützung angewiesen sind. Zusätzlich wurden die ehemals „Best-Agers“ z.B. vom Roten Kreuz von ihren bisherigen Tätigkeiten in der Freiwilligenarbeit ausgeschlossen. Die österreichische Bundesregierung[1] rief zu einem absoluten Kontaktverbot mit der Großelterngeneration auf, damit durfte diese auch keine Care-Leistungen mehr in der Kinderbetreuung von Enkeln erbringen. All dies unter dem Titel des Schutzes.

Kein Thema war und ist bislang der Schutz der älteren Personen, die selbst Care-Leistungen für Partner*innen oder andere pflegebedürftige Angehörige erbringen, z. B. Menschen mit Unterstützungsbedarf aufgrund von Behinderungen. Es wurden Tageseinrichtungen geschlossen, aufsuchende Dienste reduziert und darauf vertraut, dass die notwendigen Care-Leistungen „irgendwie“ von „irgendwem“ erbracht werden würden.

In diesem Beitrag werden zwei Aspekte in Bezug auf Alter(n) und Care in Zeiten der Pandemie unter dem Blickwinkel der Selbstbestimmung herausgegriffen: Erstens die Aufhebung der Selbstbestimmung durch die pauschale Kategorisierung als kollektive gefährdete und care-bedürftige Gruppe bei den über 65jährigen und zweitens die Einschränkung der Selbstbestimmung durch Schutzmaßnahmen in Institutionen bei denjenigen in dieser Gruppe, die Unterstützung benötigen. Dabei wird auch eine Leerstelle aufgezeigt, nämlich die große Gruppe der älteren pflegenden Angehörigen. Ihre Selbstbestimmung und ihr Schutz werden bislang in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend ausgeblendet. Den Abschluss bilden Impulse zur Frage, wie mit dem Spannungsfeld zwischen Schutz, Gefährdung und Selbstbestimmung künftig umgegangen werden könnte.

Die Alter(n)sbilder vor der Corona Pandemie waren in den politischen Leitlinien vom „aktiven“, „erfolgreichen“ bzw. „produktiven“ Altern, insbesondere für die „jungen“ Älteren dominiert, das der pauschalen Wahrnehmung der Älteren als pflegebedürftig und abhängig entgegenwirken sollte:

„Als fundamentales Prinzip wird ‚Aktives Altern‘ angestrebt, wodurch Gesundheit, Sicherheit und Partizipation optimiert werden sollen, um solcher Art die Lebensqualität alternder Menschen zu fördern“ (Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz 2012) so hieß es im Bundesplan für Senioren und Seniorinnen 2012. Teilhabe im Alter fördert die Gesundheit, dies ist unbestritten. Im Hintergrund dieses Blicks auf die ältere Bevölkerung stand aber auch das Interesse an den Potentialen Älterer für das Funktionieren des Sozialstaats.

„Diese Bevölkerungsgruppen (60-69jährige, 70-79jährige) stellen für Non-Profit-Organisationen eine nicht zu vernachlässigende Ressource dar, zumal diese Altersgruppen aufgrund steigender Lebenswartung wachsen.“ (IFES 2016, 65)

Quelle: Foto Caritas Wien

Und in der Tat, der Beitrag von Älteren in der Freiwilligen- und Ehrenamtsarbeit ist enorm. Die höchste Beteiligungsquote aller Altersgruppen im Freiwilligenengagement mit 57% hat die Altersgruppe der 60-69jährigen, bei den 70-79jährigen engagieren sich 43%. Männer sind dabei stärker im formellen Engagement, während Nachbarschaftshilfe besonders von den 60-69jährigen Frauen ausgeübt wird. Personen ab 60 Jahren engagieren sich zu überdurchschnittlichen Anteilen im Kunst- und Kulturbereich, bei Sozial- und Gesundheitsdiensten und im kirchlichen Bereich. 40% der 60-69jährigen leisten im informellen Bereich der Nachbarschaftshilfe vor allem Hausarbeit, handwerkliche Tätigkeiten sowie Besuche bei betreuungsbedürftigen Personen, dies mit rund 6 Stunden wöchentlich (IFES 2016). Nicht alle Tätigkeiten können als Care-Arbeit klassifiziert werden, da die repräsentative Datenerhebung hier nicht differenziert, es kann aber festgehalten werden, dass dies kein unerheblicher Anteil ist.

Ein weiterer Bereich, indem Ältere Care-Verantwortung übernehmen, ist die Betreuung und Pflege von Angehörigen. Nur ein Fünftel der Pflegegeldbezieher*innen lebt in stationärer Betreuung oder wird durch 24-h-Betreuung unterstützt. Alle anderen werden ausschließlich von Angehörigen (41,8%) oder von mobilen Diensten (32,2%) oft in Kombination mit den Angehörigen gepflegt (Hanzl 2020). Nach Schätzungen sind in Österreich 947.00 Personen in die Pflege von Angehörigen eingebunden. 50% dieser pflegenden Angehörigen sind älter als 60, immerhin 25% älter als 70 Jahre (Nagl et al 2018).

Großeltern leisten auch Care-Arbeit in der Betreuung der Enkel. So gaben bei einer repräsentativen Studie 29% der Eltern mit Kindern unter 14 Jahren an, dass ihre Kinder normalerweise von den Großeltern betreut würden (Schönherr 2020).

Und dann kam die Pandemie. Es folgte die pauschale Einstufung der Älteren als gefährdete und hilfsbedürftige Risikogruppe unabhängig vom gesundheitlichen Zustand, körperlicher Fitness und ihrer Selbsteinschätzung. Eine Welle der Freiwilligentätigkeit brandete auf, allerdings waren jetzt Menschen ab 65 nur mehr in der Rolle der Care-Empfänger*innen vorgesehen, nicht mehr als aktiv Tätige.

Quelle: twitter.com/schla-wienerin, stock.adobe.com, krone.at-Grafik

Die Folge: Nur mehr 4% der Großeltern betreuten weiterhin die Enkel (Schönherr 2020). In einer Studie, die die Folgen des „Social Distancing“ auf Ältere in Niederösterreich erforschte, gaben 60% der ehrenamtlich tätigen Personen über 60 an, dass sie ihre Freiwilligentätigkeit nicht mehr ausüben konnten, zum einen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Risikogruppe, zum anderen aufgrund der Kontaktverbote in institutionellen Kontexten (Kolland et al. 2020).

Dies bleibt nicht folgenlos: Franz Kolland hält fest: „Die alten Menschen werden zu einer Problemgruppe, sehen sich dann selbst als eine Problemgruppe, und das wirkt sich auf das eigene Alterserleben aus“. In diesem Zusammenhang zeigt sich das komplexe Spannungsfeld von Schutz, Selbstbestimmung und Bevormundung. In der oben genannten Studie gab ein Fünftel der Befragten an, dass sie sich gar nicht in politische Entscheidungsprozesse eingebunden fühlen. Dies äußerten insbesondere diejenigen, die nicht die Fremddefinition als gefährdete Gruppe übernahmen. Schutz und Bevormundung können sowohl von der Gesellschaft als auch in der Familie erlebt werden. Während 59% der Befragten sich von der Gesellschaft als nicht bevormundet und geschützt sahen, fühlten sich 28% geschützt und bevormundet zugleich und 7% bevormundet und nicht ausreichend geschützt. Ähnliche Konstellationen gibt es auch in der Familie, wobei sich hier weniger Personen bevormundet einschätzten (17%) (Kolland et al. 2020).

Am stärksten zeigt sich das Spannungsfeld zwischen Schutz und Fremdbestimmung bei zwei Gruppen: bei Älteren, die im informellen Bereich Care leisten und bei Care-Empfänger*innen im stationären Bereich. Die pflegenden Angehörigen wurden zur Ausfallhaftung für Strukturen im Notbetrieb, ohne dass auf ihre Schutzbedürftigkeit oder ihre Lebensrealitäten Rücksicht genommen wurde. Sie hatten und haben keinen bevorzugten Zugang zu Tests oder zu Schutzmaterialien, in Österreich werden sie auch bei der Impfung nicht als bevorzugte Gruppe behandelt. In einer Studie der Volkshilfe mit hundert pflegenden Angehörigen von Personen mit Demenzerkrankungen nannten diese eine Reihe von Belastungsfaktoren durch die Pandemie: den Rückzug von Familienmitgliedern, die Schließung / Nicht-Inanspruchnahme von Tagesbetreuungsstätten, die Einstellung der Nachbarschaftshilfe aus Angst vor Ansteckung, die Reduktion der mobilen Pflege auf ein Minimum, die Heimreise der 24-h-Betreuung, die Unmöglichkeit eigener sozialer Kontakte und persönlicher Auszeiten sowie die fehlende Ausstattung mit Masken und Schutzbekleidung. Zwei Drittel der Befragten berichten von Überforderungssituationen. Sie fühlten sich hilflos (55%), isoliert (41%) oder mit der Pflege und Betreuung allein gelassen (59%) (Volkshilfe 2020).

In den Einrichtungen kam und kommt es neben eingeschränkter Versorgung durch Betretungsverbote von externen Diensten wie Ergotherapie zu Freiheitsbeschränkungen bei Care-Empfänger*innen. So wurde in Wiener Senioreneinrichtungen trotz fehlender behördlicher Anordnungen von den Leitungen verboten, dass die Bewohner*innen die Häuser verlassen. Taten sie es doch, mussten sie einen negativen Test vorweisen oder zwei Wochen im Zimmer in Quarantäne bleiben. Menschen wurden präventiv in ihren Zimmern isoliert, Heime von Sicherheitsfirmen bewacht und Bewohner*innen am Verlassen gehindert, während der Rest der Bevölkerung sehr wohl aus dem Haus gehen konnte. Kontrollinstanzen wie Volksanwaltschaft[2] oder Fachkräfte vom Vertretungsnetz[3] durften während des ersten Lockdowns die Institutionen nicht betreten (Scherndl, Brickner 2020). Hier zeigt sich das Janusgesicht des Schutzes, wenn im Namen des Schutzes Personen dem Schutz durch Kontrollorgane entzogen werden. Im Salzburger Menschenrechtsbericht werden „rigide Beschränkungen und Entmündigung“ von Menschen in institutioneller Pflege und Betreuung dokumentiert, obwohl diese das gleiche Recht auf persönliche Freiheit wie alle anderen Bürger*innen haben. Zu denken gibt ein Beschluss des Obersten Gerichtshofs, der anlässlich einer Klage der Bewohner*innenvertretung entschied, dass eine Isolation im Zimmer bei einem an Demenz erkrankten Menschen selbst nach Vorliegen eines negativen COVID-19 Tests bis 14 Tage nach den letzten Krankheitssymptomen zulässig sei (OGH 2020).

Was ist angesichts dieser Befunde festzuhalten? Eine Spaltung der Gesellschaft in ein „Wir“ (die Gesunden, Jungen, nicht Gefährdeten, nicht Verletzbaren, die Gesellschaft), das paternalistisch „sie“, die Älteren, die Care-Empfänger*innen schützt, indem „wir“ „sie“ ausgrenzen und einschließen, blendet die eigene Verletzlichkeit aus. Gleichzeitig wird die reale Gefährdung von älteren Menschen z. B. als pflegende Angehörige verdrängt und die psychosozialen Folgen dieser Maßnahmen für die verschiedenen Betroffenen vernachlässigt.

Quelle: bmin.info (Behinderte Menschen Inklusiv)

Selbstbestimmung und Angewiesenheit, Engagement und Leben mit gesundheitlichen Einschränkungen müssen sich nicht ausschließen. Diskurse müssen verändert werden von der Perspektive des Schutzes und der Gefährdung hin zu Gerechtigkeit und Solidarität, von einfachen Lösungen zu tiefen Auseinandersetzungen und Gesprächen unter Einbeziehung der Betroffenen rund um die Themen Fürsorge und Selbstbestimmung, Schutz und Autonomie. Verletzlichkeit (besonders) im Alter soll nicht negiert werden, es ist aber unangemessen, ältere Menschen nur unter diesem Blickwinkel allein zu sehen.

Es geht vielmehr darum, die Verletzlichkeit von allen anzuerkennen, die Vielfalt des Alters und der alternden Menschen sichtbar zu machen und entsprechend Teilhabe zu ermöglichen und einzufordern. Ein erster Schritt dazu ist, von besonders gefährdeten Personen zu sprechen – gefährdet sind wir in dieser Pandemie alle. Das Alter kann ein Risikofaktor sein, ein erhöhtes Risiko haben auch jüngere Personen mit chronischen Erkrankungen, mit erhöhtem Unterstützungsbedarf, z.B. Beatmung, ebenso wie Personen in exponierten Berufen. Ein zweiter Schritt wäre die Diskussion, wie Verletzbarkeit, Schutz und Risiko von wem definiert werden. Gelten ausschließlich die Kriterien der biomedizinischen, virologischen Perspektive auf Gesundheit oder haben auch psychosoziale Kriterien ihre Berechtigung? Wie kann ein sinnvoller Schutz für wen aussehen? In welchem Rahmen kann über die individuelle Risikobereitschaft selbst bestimmt werden? Ein dritter Schritt braucht aber auch die Diskussion auf der Meso- und Makroebene. Wie können wir unser Pflegesystem so organisieren, dass ältere Menschen mit und ohne Pflegebedarf gut als Teil der Gesellschaft leben können? Es sind vor allem Großeinrichtungen, die unter den Bedingungen der Pandemie für Care-Empfänger*innen und Personal gefährlich sind. Orientierung am Bezugspflegeprinzip, bei dem Kleingruppen von Bewohner*innen unter Einbeziehung der Angehörigen – falls sie dies wollen – und Ehrenamtlichen betreut werden, könnte eine erste Maßnahme sein. Es braucht ausreichende ambulante Strukturen – auch und gerade in Krisenzeiten -, damit pflegende Angehörige selber bestimmen können, ob und wie viel sie pflegen wollen und so vor Überlastung geschützt sind.

Partizipation im Sinne von Mitbestimmung (“Mit uns, nicht über uns”) an allen Entscheidungen, die Care-Empfänger*innen betreffen, muss umfassend verankert und umgesetzt werden, wie dies in der UN-BRK oder auch der Europäischen Charta der Rechte und Pflichten älterer hilfe- und pflegebedürftiger Menschen bereits festgelegt ist. Das heißt auch, dass Nutzer*innen mit ihrer Expertise in die Entwicklung von Konzepten und Maßnahmen aktiv einbezogen werden sollen. Dazu braucht es Teilhabe fördernde Strukturen und Prozesse wie Selbstvertretungsorgane in Einrichtungen, aber auch partizipative Hilfe- und Sozialplanung. Best-Practice Beispiele und Anleitungen für letzteres gäbe es genug (z. B. Brokamp u.a. 2015).

Ich schließe mit den Worten meiner 90jährigen Mutter, die alleine lebt und noch völlig selbständig ist: „Ich will nicht dadurch geschützt werden, dass ich das Haus nicht mehr verlassen darf und komplett versorgt werde, sondern ich will dadurch geschützt werden, dass sich die „Nicht-Risiko-Personen“ an die Hygieneregeln halten, damit ich mich in der Öffentlichkeit sicher bewegen kann und weiterhin meinen Alltag allein bewältigen kann.“

 

Literatur

Brokamp, Barbara u. a.: Inklusion vor Ort. Der Kommunale Index für Inklusion – ein Praxishandbuch. Berlin 2015

Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (2012): Altern und Zukunft. Bundesplan für Seniorinnen und Senioren. Wien.

Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (2016): UN-Behindertenrechtskonvention – Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen und Fakultativprotokoll. Neue deutsche Übersetzung. Wien.

IFES (2016): Freiwilligenengagement. Bevölkerungsbefragung 2016. Studienbericht. Im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz. Wien.

Hanzl, Lisa: Qualität von Langzeitpflege und das Wohlbefinden von pflegenden Angehörigen. Wien 2020 (https://www.momentum-institut.at/system/files/2020-10/pb_20.2020_1007_angehorigenpflege.pdf, Abruf 12.11.2020)

Kolland, Franz u. a.: Covid-19 und Social Distancing im Alter. Eine Befragung der Bevölkerungsgruppe 60+ in NÖ. Krems 2020 (https://www.noe.gv.at/noe/Familien/Covid19_RapidReport.pdf, Abruf 20.12.2020)

Nagl-Cupal, Martin u. a.: Angehörigenpflege in Österreich. Einsicht in die Situation pflegender Angehöriger und in die Entwicklung informeller Pflegenetzwerke. Universität Wien. Wien 2018 (https://broschuerenservice.sozialministerium.at/Home/Download?publicationId=664, Abruf 23.12.2020)

Netzwerk Demenz vernetzen: Care trotz Corona mit und für Menschen im Alter. Ein Nachdenk-und Diskussionspapier. Wien 2020 (https://www.kardinal-koenig-haus.at/media/care_und_corona_nachdenkpapier_update_29_06.pdf, Abruf 23.12.2020)

Oberster Gerichtshof, Beschluss Freiheitsbeschränkung im Heim wegen der Gefahr einer COVID-19-Infektion vom 23.09.2020, Aktenzeichen 7 Ob 151/20m. JJT_20200923_OGH0002_0070OB00151_20M0000_000.

Schönherr, Daniel (2020): Zur Situation von Eltern während der Coronapandemie. SORA. Wien. Online verfügbar unter https://www.sora.at/fileadmin/downloads/projekte/2020_20133_Momentum_Elternbefragung_Corona_Endbericht.pdf, Abruf 20.12.2020.

Scherndl, Gabriele; Brickner, Irene 2020: Heimbewohner zwischen Freiheit und Schutz. Viele alte Menschen, die in Heimen wohnen, dürfen diese momentan nicht verlassen. In: Der Standard, Ausgabe vom 25.04.2020 (https://www.derstandard.at/story/2000117099117/heimbewohner-zwischen-freiheit-und-schutz) (https://www.derstandard.at/story/2000117099117/heimbewohner-zwischen-freiheit-und-schutz, Abruf 23.12.2020)

Thiessen, Barbara; Weicht, Bernhard; Rerrich, Maria; Luck, Frank, Jurczyk, Karin; Gather, Claudia; Fleischer, Eva & Brückner, Margrit (2020). Großputz! Care nach Corona neu gestalten. Ein Positionspapier zur Care-Krise aus Deutschland, Österreich, Schweiz, http://care-macht-mehr.com/ Abruf 2. 9. 2020

Vertretungsnetz: Über uns. Aufgaben der Bewohnervertretung. Online verfügbar unter https://vertretungsnetz.at/bewohnervertretung/ueber-uns, Abruf 23.12.2020

Volksanwaltschaft: Home. Online verfügbar unter https://volksanwaltschaft.gv.at/, zuletzt geprüft am 23.12.2020

Wahl, Erich (2020): Heimbewohner*innen in der COVID-19-Krise: Rigide Beschränkungen und Entmündigung. In: Salzburger Menschenrechtsbericht. Salzburg, S. 42–44. Online verfügbar unter https://vertretungsnetz.at/fileadmin/user_upload/5a_SERVICE_Wir_in_der_OEffentlichkeit/MB_2020/2020_menschenrechtsbericht_Wahl_Heimbewohnerinnen_in_der_Covid19-Krise.pdf, Abruf 23.12.2020.

 

 

[1] Die Daten beziehen sich – so nicht anders vermerkt – auf Österreich

[2] Die Volksanwaltschaft unterstützt bei Problemen mit Behörden und ist präventiv für die Einhaltung der Menschenrechte zuständig, in dieser Funktion werden Einrichtungen kontrolliert, in denen es zum Entzug oder zur Einschränkung der persönlichen Freiheit kommt oder kommen kann, etwa in Justizanstalten oder Pflegeheimen.

[3] Im Vertretungsnetz schützen Bewohnervertreter*innen das Grundrecht auf persönliche Freiheit von Menschen mit psychischen Erkrankungen oder intellektuellen Beeinträchtigungen u. a. in Alten- und Pflegeheimen auf Basis des Heimaufenthaltsgesetzes.

Die dunkle Seite von Care – Care und Gewalt

Margrit Brückner

  1. Care und die Welt der Gefühle

Care bzw. Sorgen ist gesellschaftlich mehr denn je notwendig – wie uns die Corona Pandemie deutlich vor Augen führt. Allerdings verbirgt sich hinter Sorgen bisher eine geschlechtlich aufgeladene, wenig beachtete und schlecht bezahlte Arbeit von Frauen. Diese Arbeit wird sowohl in privaten Haushalten als auch im öffentlichen Raum geleistet und ist mehrdimensional angelegt: handlungsbezogen (taking care of), Gefühle auslösend (caring about) und geprägt von einer Zusammengehörigkeit der Sorge für andere und der Selbstsorge (take care of yourself), auch wenn letzteres wenig Beachtung findet (Brückner 2018). Die Gefühlsebene des Sorgens zeigt sich für Sorgegebende (care-giver) und Sorgenehmende (care-receiver) in der Art und Weise des Ge- oder Misslingens einer hinreichenden Kontaktherstellung und Verständigung, die viel mit Sympathie zu tun hat, aber auch mit Ängsten vor Überforderung respektive vor Abhängigkeit einher gehen kann. Sorgen verweist auf zwischenmenschliche Angewiesenheit und macht Verletzbarkeit als menschliche Bedingtheit sichtbar (Nussbaum 2003). Zwar wird Sorgen von allen Menschen in verschiedenen Lebensphasen benötigt, steht aber dem Ideal männlich konnotierter Autonomie entgegen und bildet den Antipoden zur neoliberalen Maxime der Selbstoptimierung. Da Sorgetätigkeiten – auch wenn sie von Männern ausgeübt werden – noch immer weiblich konnotiert sind, kann die als Abhängigkeit empfundene Angewiesenheit emotional gegen Frauen gerichtet werden und zur gesellschaftlichen Abwertung von Frauen beitragen. Sorgen vermag bei Sorgenehmenden Gefühle der Aufgehobenheit und Nähe ebenso wie Bedürfnisse nach mehr oder weniger aggressiv gefärbter Abgrenzung auszulösen, wenn die eigene Hilfsbedürftigkeit als narzisstische Kränkung empfunden wird. In Letzterem haben möglicherweise auch die vehementen Proteste der Querdenker ihre Wurzeln, die ihre eigene Verletzbarkeit leugnen.

Für Sorgegebende kann die Tätigkeit mit großer Freude über das eigene Geben und die erfahrene Resonanz einhergehen aber auch mit Enttäuschung über mangelnde positive Reaktionen und Wut über subjektive und objektive Zumutungen. Vor diesen unwägbaren Gefühlen versucht sich berufliche Sorge nicht selten durch institutionalisierte Leugnung der Beziehungsdimension zu schützen, indem z. B. in der Pflege verdinglichende Begriffe wie „Arbeit am Menschen“, schon vor ihrer Ökonomisierung Einzug gehalten haben und in der Sozialen Arbeit Neutralität und Distanz zunehmend als Ausdruck von Professionalität gelten. Vermeidung respektive Verdrängung von Gefühlen stellt nur vermeintlich eine Gewähr vor emotionaler Überforderung dar und verfehlt das eigene Subjektsein ebenso wie die Subjekthaftigkeit des Anderen.

  1. Machtaspekte, Gewaltformen und Sorgetätigkeiten

Care wirft Fragen der Macht respektive der Selbstbestimmung für alle beteiligten Akteur*innen (care giver und care receiver) auf, je nachdem wie Möglichkeiten der Annahme oder Ablehnung von Sorgetätigkeiten gestaltet werden. Das wird besonders deutlich bei verpflichtenden Sorgetätigkeiten („statutory social care“) wie Einrichtungseinweisungen oder Inobhutnahmen, bei denen der Zusammenhang von Sorge und Zwang auch bei deren Gelingen sichtbar wird (Ziegler 2014), aber auch im privaten Bereich, wenn Verwandte auf eine Unterbringung drängen. Sorgen geht dann mit mehr oder minder existenziellem Ausgeliefertsein respektive mit Graden von Druckausübung einher und hat somit neben einer erhofften hilfreichen, eine für alle Akteur*innen schwer zu ertragende Seite. Diese negativ besetzte Seite des Sorgens tritt vor allem solange hervor, wie Care als abgewertete Abhängigkeit sowie Sorgenehmende als Objekte in einer an ökonomischer Verwertbarkeit ausgerichteten Gesellschaft konstruiert werden. Nur wenn Autonomie und Abhängigkeit nicht länger als binäre Entgegensetzungen gedacht werden, sondern Interdependenz als menschliche Seinsweise eine gesellschaftlich leitende Wertschätzung erfährt und auf der Interaktionsebene in gegenseitige Anerkennung mündet, lassen sich Sorgeprozesse als relational selbstbestimmte soziale Praxis konzipieren. Gleichwohl bleibt Sorgen eingebettet in asymmetrische Formen von Handlungsmächtigkeit, die emotional bewältigt und tätig bearbeitet werden müssen, da sie – auch abhängig von entsprechenden sozialen Räumen – sowohl zur Machtausübung als auch zur Ermächtigung dienen können (Conradi/Vosman 2016). Sorgen schließt also Grade des Scheiterns durch Missverstehen, Vernachlässigung, Übergriffigkeit oder Gewalttätigkeit ein und stellt eine Gratwanderung zwischen Hingabe und Abgrenzung, Verantwortung und Bevormundung, Desinteresse und Selbstausbeutung dar, die es auszubalancieren gilt.

Die hierarchisierten Verhältnisse zwischen den Geschlechtern und Generationen sind auch in Sorgeverhältnissen sowie Partnerschaften (unter dem Aspekt gegenseitiger Fürsorglichkeit und Zuwendung) wirksam, indem die jeweils sozial Schwächeren (Frauen, Kinder, beeinträchtigte oder pflegebedürftige Menschen) in familialen Kontexten und in sozialen Einrichtungen besonders verletzungsoffen sind. Sie erleiden strukturell häufiger physische, psychische und sexuelle Gewalt und Freiheitsberaubung: Nach neuesten Polizeistatistiken wurden allein im Hellfeld, d.h. ohne Berücksichtigung der auch von der Polizei als hoch eingeschätzten Dunkelziffer:

Besonders im häuslichen Umfeld ist von einer geringen Anzeigebereitschaft respektive Anzeigemöglichkeit auszugehen, aber auch in Einrichtungen sind persönliche Abhängigkeiten groß, und ein Teil der Sorgenehmenden ist physisch und/oder psychisch nicht in der Lage sich zu wehren. Gewalt kann jedoch auch von versorgten Menschen gegenüber Sorgenden ausgeübt werden, wenn z.B. Jugendliche ihre Mütter/Eltern angreifen oder Pflegebedürftige sich aggressiv gegenüber pflegenden Angehörigen und Pflegekräften verhalten.

Wie sich Gewalt in Familien und in Einrichtungen seit der Corona-Pandemie verändert hat, bedarf weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen; ebenso die Frage, wen Schutz- und Beratungseinrichtungen erreichen, wer nicht erfasst wird und wie diese Maßnahmen auszubauen sind. Die Corona-Pandemie macht Übergriffe oft noch unsichtbarer, obwohl viele Anzeichen dafür sprechen, dass die Zahl der Übergriffe angestiegen ist aufgrund geringerer Möglichkeiten, einander in Zeiten von Lock-Down und Homeoffice auszuweichen und vor allem Frauen vermehrt zusätzliche familiale Aufgaben wahrnehmen. Eine erste repräsentative Umfrage über die kurze Zeit des Lock Downs im Frühjahr ergab, dass in privaten Haushalten Frauen zu 3% körperliche und zu 3,6% sexuelle Gewalt erlitten und 6,5 % der Kinder gewalttätig bestraft wurden, wobei die Zahlen um einiges höher waren bei Quarantäne, finanziellen Sorgen oder Arbeitslosigkeit des gewaltausübenden, zumeist männlichen Partners. Zudem wurde deutlich, dass nur wenige betroffene Frauen die vorhandenen Hilfsangebote nutzten, obwohl erheblich mehr diese Möglichkeiten kannten.

Die Zurückhaltung in der Hilfesuche erklärt das unerwartete Phänomen, dass im Lock Down in Deutschland zunächst die Zahl der Beratungs- und Zuflucht-Suchenden zurückging. Möglicherweise wollten Betroffene in der Krise die Familie zusammenhalten oder sie hatten keine Kontaktmöglichkeiten, könnten aber auch Ansteckungen gefürchtet haben. Erst allmählich stiegen die Zahlen stärker als vor der Pandemie an, so z.B. beim bundesweiten Hilfetelefon gegen Häusliche Gewalt um rund 20%. Die von der Bundesregierung 2018 ratifizierte Istanbul Konvention („Übereinkommen des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“) setzte das lange geforderte regelmäßige Monitoring von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt auf die Tagesordnung, ebenso Forderungen nach Sicherung des Schutzes aller von Gewalt Betroffenen – einschließlich geflüchteter Frauen unabhängig von ihrem Status, bedarfsgerechte Schutz- und Beratungseinrichtungen, Schutzrechte von Kindern und Abbau von Kooperationshindernissen zwischen beteiligten Institutionen, um das Recht aller Menschen auf Unversehrtheit zu wahren. Dafür gilt es, die Verknüpfung von Sorgen und Machtausübung bis hin zu Gewalt in die Debatte um Care stärker mit einzubeziehen und dabei sowohl gesellschaftliche Bedingungen als auch psycho-soziale Prozesse zu berücksichtigen.

  1. Bedingungen gelingender Sorge

Nach der Auseinandersetzung mit Sorgen als einem emotionalen Geschehen und daraus hervorgehenden verschiedenen Verknüpfungen von Sorge und Gewalt sollen abschließend Bedingungen gelingender Sorge skizziert werden. Gelingende Sorge bedarf – neben hinreichender materieller und zeitlicher Rahmung – der Kontaktermöglichung und der Beziehungsorientierung zwischen den Akteur*innen, das bedeutet Zeit und Gelegenheit für Hinwendung, Umsicht, Anteilnahme, Zuspruch und Beistehen. Die darin enthaltene emotionale Anstrengung muss in beruflichen Kontexten als Teil der Arbeit anerkannt und im Arbeitsauftrag abgesichert werden. Um Zwischenmenschlichkeit herzustellen, braucht es ein kooperatives Sich-Aufeinander-Einlassen, d.h. eine bewusste Beziehungsgestaltung im Kontext eines fachlich ausgewiesenen Arbeitsbündnisses (Gahleitner 2017). Schon frühere Untersuchungen wie „the managed heart“ (Hochschild 1983) haben gezeigt, wie schwierig es ist, zwischen Gefühlsausbeutung und ethisch angemessener Zuwendung in beruflichen Kontexten zu differenzieren – wobei die Schwierigkeiten im privaten Bereich der Sorge eher noch größer sein dürften, weil der moralische Druck noch höher ist.

Ob privat oder beruflich setzt gelingende Sorgearbeit individuelle und gesellschaftliche Möglichkeiten voraus, Fürsorge und Selbstsorge auszubalancieren. Voraussetzung ist ein verlässlicher, Halt gebender institutioneller Rahmen mit ausreichend Gestaltungsspielraum und ein von beziehungsorientierter Aktivität von Sorgegebenden und Sorgenehmenden gemeinsam geprägtes Handlungsfeld auf der normativen Basis gegenseitiger Akzeptanz und der Wahrung des Selbst. Gerade die Corona Pandemie zeigt die Lücken in den derzeitigen Rahmenbedingungen auf, die dringend geschlossen werden müssen, ob bezogen auf das Gesundheitswesen, soziale Unterstützungseinrichtungen, Kinderbetreuungen oder von Gewalt betroffene Frauen und macht deutlich, dass z. B. pflegebedürftige Menschen – wie alle Menschen – auch Umsorgung und Möglichkeiten der Teilhabe und Selbstbestimmung brauchen, damit sie nicht vereinsamen und/oder über ihren Kopf hinweg entschieden wird.

Literatur:

Brückner, Margrit (2018): Gefühle im Wechselbad: Soziale Arbeit als beziehungsorientierte Care Tätigkeit. In: Kommission Sozialpädagogik (Hrsg.): Wa(h)re Gefühle? Sozialpädagogische Emotionsarbeit im wohlfahrtsstaatlichen Kontext. Weinheim/ Basel: Beltz Juventa, 65-79

Conradi, Elisabeth/ Vosman, Frans (Hg.) (2016): Praxis der Achtsamkeit, Schlüsselbegriffe der Care-Ethik. Frankfurt/ New York: Campus

Gahleitner, Silke (2017): Soziale Arbeit als Beziehungsprofession. Weinheim/ Basel: Beltz Juventa

Hochschild, Arlie Russell (1983): The Managed Heart. Berkeley/ Los Angeles: University of California Press

Nussbaum, Martha (2003): Langfristige Fürsorge und soziale Gerechtigkeit. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 2, 179-198

Ziegler, Holger (2014): Unerbetene Hilfen. Versuch einer Begründung einiger Kriterien zur Legitimation paternalistischer Eingriffe in der Sozialen Arbeit. In: Soziale Passagen, 6, 253-274

Care-Arbeit zu Hause in der Pandemie – systemrelevant oder was sonst?

Maria S. Rerrich

Über den unverzichtbaren gesellschaftlichen Beitrag von Beschäftigten in der Krankenpflege, in der Altenpflege, in den Kitas wissen seit Corona nicht mehr nur feministische Sozialwissenschaftlerinnen und –wissenschaftler Bescheid, die seit Jahren darüber forschen. Wer in der Pflege und im Gesundheitsbereich arbeitet, gilt inzwischen als ‚heldenhaft‘ und ‚systemrelevant‘. Diese Menschen werden vor den Krankenhäusern beklatscht, und man vermisst sie schmerzlich, wenn sie nicht zur Verfügung stehen.

Dagegen bleibt der gesellschaftliche Blick auf unbezahlte Care-Arbeiten und auf Care im Privatbereich insgesamt auch in Zeiten der Pandemie unscharf: Jenseits der Erwerbsarbeit scheint Care einfach und voraussetzungslos gegeben. Als die Bildungseinrichtungen, die Gastronomie, die Tagespflegeangebote heruntergefahren bzw. ganz geschlossen wurden, wurde angenommen, dass viele der dort erbrachten Leistungen ab sofort und fraglos in den Haushalten und von den Familien übernommen werden können. Irgendwie. Aber wie? Care privat, nicht nur innerhalb der Kernfamilien, sondern auch haushaltsübergreifend – für Großeltern, für alleinlebende alte Menschen, in der Nachbarschaft – schien so selbstverständlich wie frische Luft und sauberes Wasser. Inzwischen dürfte indes bekannt sein, dass die Ressourcen frische Luft und sauberes Wasser nicht ohne weiteres zu haben sind. Für Care zu Hause steht diese Erkenntnis noch aus: Auch 2020 verlässt man sich allgemein auf grenzenlose, weitgehend unsichtbare, private (und das bedeutet nicht nur, aber überwiegend) Leistungen von Frauen.

Geschlechtsspezifische Konsequenzen von COVID 19 für Care

Es geht manchmal zwei Schritte vor, einen Schritt zurück auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter, und seit der Pandemie gibt es offensichtlich wieder Rückschritte. Schon davor haben Frauen weltweit schätzungsweise drei Viertel der täglichen unbezahlten Arbeit verrichtet. Anita Bhatia von der zentralen Frauenorganisation der Vereinigten Nationen, UN Woman, sagte kürzlich in einem Interview: „If it was more than three times as much as men before the pandemic, I assure you that number has at least doubled (…) More alarming is the fact that many women are actually not going back to work. (…) In the month of September alone, in the US, something like 865,000 women dropped out of the labour force compared to 200,000 men, and most of that can be explained by the fact that there was a care burden and there’s nobody else around.” Zu befürchten sei, so Bhatia, dass alles, worauf Frauen viele Jahre hingearbeitet haben, in einem Jahr verloren gehen und es zu einem Comeback der Geschlechterstereotype der 1950er Jahre kommen könnte.   Ähnlich schätzte Jutta Allmendinger (WZB) die gegenwärtige Lage ein, die im Mai 2020 eine ‚entsetzliche Retraditionalisierung‘ vorhersagte (siehe auch hier).

Die Ergebnisse neuerer empirischen Untersuchungen hinterfragen diese These einer umfassenden Retraditionalisierung und verweisen auf punktuelle Veränderungen der Rollenausfassungen bei anhaltender grundsätzlicher Ungleichheit im Zusammenhang mit häuslichem Care. Eher scheint es seit der Pandemie mehr Auseinandersetzungen in den Familien um Ressourcen und Zeit zu geben sowie auch einzelne Neuregelungen bei der Aufteilung familialen Arbeit. Eine  gleiche Betroffenheit der Geschlechter durch häusliche Care-Verpflichtungen im Zusammenhang mit der Erwerbsarbeit durch die Pandemie wird aber nirgends festgestellt. Hauptsächlich wird deutlich, dass in den Familien an die bereits davor existierende Mehrbelastung der Frauen angeknüpft wird, die sich aktuell verstärkt. Für eine genauere Einschätzung der gegenwärtigen Entwicklung wären hierzu detaillierte Untersuchungen nötig, die beispielsweise nach veränderten Anforderungen und Arbeitsbedingungen in einzelnen Berufen und ihren Konsequenzen für Care zu Hause differenzieren. Besonders interessant ist m.E. die Frage, wie stabil die gegenwärtigen Arrangements sein werden und welche Bedeutung dem Faktor Zeit beizumessen ist: Kommt es langfristig vielleicht zu einem ‚new normal‘, je länger die Belastungen und Veränderungen des Alltags durch die  Pandemie anhalten?

Quelle: ForGenderCare

Care im Hintergrund als Voraussetzung von Berufsarbeit

Häusliche Care-Verpflichtungen können die Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben nicht nur einschränken oder sogar ganz verhindern. Care im Privaten ist eine unabdingbare Basis für die berufliche Arbeit. Wer im Lockdown versucht hat, im home office den Anforderungen von Beruf und Kinderversorgung oder Altenpflege im Alltag parallel gerecht zu werden, kann davon ein Lied singen. Nicht nur für Alleinstehende war und ist die Gleichzeitigkeit von Berufsarbeit zu Hause und häusliche Care-Arbeit eine nahezu unlösbare Aufgabe.

Nicht erst seit der Pandemie wird von Berufstätigen verlangt, dass sie sich während der Arbeitszeit ausschließlich auf ihre dortigen Aufgaben konzentrieren, und unausgesprochen wird vorausgesetzt, sie werden dabei von Care entlastet. Dies gilt umso mehr für Berufe, die zeitlich und örtlich entgrenzt sind und viel Flexibilität erfordern. Bereits 1980 hat Elisabeth Beck-Gernsheim für den Zusammenhang von Berufsarbeit und unsichtbarer Entlastung im Privaten den Begriff der ‚Ein-Einhalb-Berufe‘ geprägt, den man sich wieder in Erinnerung rufen könnte. Sie schrieb damals: „Die Berufsarbeit ist nach Quantität wie Qualität ihrer Anforderungen so organisiert, daß sie auf die Anforderungen der privaten Alltagsarbeit kaum Rücksicht nimmt; sie setzt damit stillschweigend voraus, daß der Berufstätige die Zuarbeiten und Hilfsdienste anderer Personen in Anspruch nehmen kann.“

Vor einer Generation war diese Person im Hintergrund idealtypisch die traditionelle Hausfrau, die es heute eher selten gibt, zumindest in der Reinform der ausschließlich und lebenslang als Haus- und Familienarbeitende. Veränderte Arbeitsteilungsmuster, die inzwischen stattgefunden haben, sind aber ein zweischneidiges Schwert.  Einerseits bilden sie die Voraussetzung für mehr Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben, andererseits hat die stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen auch neue Strukturen von Ungleichheit, von Über- und Unterordnung im Zusammenhang mit Care hervorbracht. Denn zur (keineswegs ganz verschwundenen) Arbeitsteilung nach Geschlecht kommen nun zusätzliche wichtige Dimensionen von Arbeitsteilung hinzu, etwa nach Klasse und Ethnie. Dabei ist wichtig zu betonen, dass dies keine individuell zu verantwortende Entwicklung ist, sondern vielmehr das Ergebnis eines strukturellen Problems. Der vermehrten Beteiligung von Frauen an der Erwerbsarbeit und den damit aufgeworfenen Care-Lücken stehen nur notdürftige und partielle politische Reformen und Infrastrukturen gegenüber.

Wer wirkt heute im Hintergrund von Berufstätigen, wer ist für Care für die privaten Haushalte zuständig? Es sind inzwischen unterschiedliche Personen. Mittlerweile gibt es mehr institutionelle Unterstützung in der Kinderbetreuung, die in Deutschland auch in den alten Bundesländern für Kleinkinder ausgebaut und gesetzlich abgesichert wurde, und die dort Beschäftigten sind bekanntlich nahezu ausschließlich Frauen. Seit den 1980 Jahren spielt auch der größere Wohlstand eine Rolle. So hat der Markt einiges übernommen und Haushalte werden entlastet, wenn z.B. Essen fertig geliefert wird oder man öfter zum Essen gehen kann. Ohne Hilfe von Großeltern wird es dennoch für viele Familien mit Kindern mit der Berufstätigkeit schwierig, auch das wurde seit den Restriktionen wegen COVID 19 deutlich. Es ist zudem ein eher unsichtbarer, arbeits- und sozialrechtlich fragwürdiger Arbeitsmarkt in den privaten Haushalten entstanden, nicht nur aber vor allem in den zahlungskräftigen. Zum Beispiel macht eine Haushaltsarbeiterin, in der Regel eine Migrantin oder eine Frau mit Migrationshintergrund, die Wohnung sauber, auch für weniger begüterte alte Menschen, die Hausarbeit nicht selbst verrichten können. Auch reisen inzwischen zahlreiche sog. live-in Haushaltsarbeiterinnen vorwiegend aus Osteuropa an, um sich rund um die Uhr um pflegebedürftige Menschen zu kümmern. Wie unverzichtbar solche Arbeitskräfte sind, die für gewöhnlich gesellschaftlich im Schatten wirken, wurde schlagartig erkennbar, als viele der Frauen aus dem Ausland, die normalerweise als live-in Haushaltsarbeiterinnen arbeiten, wegen der gesetzlichen Beschränkungen zur Bekämpfung der Pandemie nicht mehr ohne weiteres einreisen durften. Und die Männer von Paket-und Lieferdiensten bringen Lebensmittel, Bestellungen von Amazon und REWE u.a.m., ohne dass viel nach deren Lebens- und Arbeitsbedingungen gefragt wird. Nicht zufällig sind auch diese in der Regel Migranten.

Care-Konstellationen in der privaten Versorgung alter Menschen

Typisch für Care im Privatbereich ist die Kooperation mehrerer Akteurinnen und Akteure. In der Studie: ‚Care aus der Haushaltsperspektive. Das Beispiel der Pflege alter Menschen in der Großstadt‘[1] wurden komplexe Care-Konstellationen für pflegebedürftige betagte Menschen vorgefunden. Hier fanden sich Partner bzw. Partnerinnen und erwachsene Kinder (ob berufstätig oder selbst bereits im Rentenalter), weitere Familienangehörige, Personen aus dem Freundeskreis und aus der Nachbarschaft, Professionelle von Pflegediensten, für Physiotherapie, für Logopädie u.ä., punktuell arbeitende und/oder live-in Haushaltsarbeiterinnen, ehrenamtliche Seniorenhelferinnen und -helfer u.a.m.

Weder ergeben sich komplexe Care-Konstellationen von allein, noch ist die Umverteilung von Care im Privaten ein Nullsummenspiel, im Gegenteil. Kooperative Arbeitsteilungsmuster für Care-Aufgaben brauchen Aufmerksamkeit, Planung, Aushandeln, Organisation, Koordination, Justieren und Nacharbeit. Erforderlich ist Projektmanagement sowie ständiges ‚tinkering‘  in Haushalt und Familie, das bedeutet das ständig stattfindende Anpassen der vielen kleinen und großen Details alltagtäglicher Erledigungen und Zuständigkeiten.

Unverzichtbar ist zudem eine zentrale Person, nach Möglichkeit am Wohnort, bei der alle Fäden zusammenlaufen. Im Einzelfall kann dies die Partnerin oder der Partner, die Tochter oder die Schwiegertochter, aber auch der Sohn sein. Die traditionelle Arbeitsteilung in Familien hatte immerhin den Vorteil, dass klar war, wer wofür zuständig war: Mit Niklas Luhmann gesprochen reduziert traditionelle Arbeitsteilung Komplexität. Ohne die klaren Zuständigkeiten traditioneller Arrangements ist das, was in den letzten Jahren als ‚cognitive labor‘ oder als ‘mental load‘ diskutiert wird, nicht einfacher geworden. Dies ist ein wichtiger Teil von Care, der weder sichtbar ist, geschweige denn verschwindet, auch wenn einzelne Handgriffe und Tätigkeitsbereiche delegiert werden.[2]

Foto: Gerd Mutz

Um sich das konkret vorstellen zu können, hierzu ein Beispiel für ‚cognitive labor‘ in Form von Fragen, die eine hauptverantwortliche Person für die Betreuung eines alten Menschen im Vorfeld einer typischen Care-Aufgabe zu bedenken hat: ein Arztbesuch der Mutter. Wer denkt an den Termin und wer vereinbart ihn? Ist er dringend oder kann man ihn noch aufschieben? Ist die Mutter für den Arztbesuch derzeit fit genug? Wann würde der Praxistermin mit ihren anderen Terminen und Vorhaben kollidieren, z.B. mit der Physiotherapie oder dem Besuch der Cousine? Braucht sie eine Begleitung zur Praxis, ist das nur ein Routine-Checkup oder geht es um etwas Größeres? Welche Auswirkungen hätte der Arzttermin für die eigenen Verpflichtungen, was ließe sich eventuell verschieben, was könnte delegiert werden? Was ändert sich, wenn zum gewünschten Zeitpunkt kein Termin frei ist? usw. usw.

Die Pandemie hat nicht nur in Care-Berufen, sondern auch bei privatem Care Veränderungen und damit oft auch die Intensivierung der Arbeit mit sich gebracht, wenn eingespielte Arrangements neu justiert werden müssen. Um in diesem Beispiel zu bleiben, können zusätzliche Fragen hinzukommen: Wäre der Gang zum Arzt mit der Ansteckungsgefahr gegenwärtig ratsam?  Hat die Mutter die richtigen Masken oder muss man noch welche besorgen? Wo und wann und von wem werden sie besorgt, so dass sie rechtzeitig zur Verfügung stehen? Wie kommt die Mutter zur Praxis ohne den ÖVPN zu benutzen? Wer könnte sie hinfahren und/oder abholen? Wann wäre ein guter Zeitpunkt für den Fahrer/die Fahrerin? Es gibt ungezählte kleine und große Alltagsaufgaben und Fragen im Zusammenhang mit Care, und seit der Pandemie kommt Etliches hinzu.

Care zu Hause – systemrelevant?    

Aktuell müssen in Deutschland nach Angaben des Robert Koch-Instituts etwa sechs Prozent der als von COVID 19 infiziert gemeldeten Personen in ein Krankenhaus, sind also so schwer erkrankt, dass sie stationär behandelt werden, in Österreich sind es zehn Prozent. Im Umkehrschluss bedeutet das, die überwiegende Mehrzahl der an Corona Infizierten erhalten bei Bedarf ambulante medizinische Hilfe, alltägliche Sorge und Pflege für sie finden zu Hause statt. In manchen Fällen handelt es sich um asymptomatisch Fälle oder die Krankheitsverläufe gehen glimpflich aus und erfordern wenig Unterstützung und Versorgung, in vielen aber nicht. Wie wird Care dann vom wem und mit welchen persönlichen Konsequenzen für die care giver verrichtet? Und wie gestaltet sich Care privat in der oft langwierigen Nachsorge für schwer erkrankte Patientinnen und Patienten im Anschluss an die Entlassung aus dem Krankenhaus bzw. der Reha? Das sind derzeit offene Fragen. Sicher ist nur, dass viel Care im Zusammenhang mit COVID 19 außerhalb der Kliniken stattfindet und dass die Menschen, die dies im Privatbereich verrichten, bisher unsichtbar bleiben und so gut wie nicht thematisiert werden – und schon gar nicht als heroisch. Offensichtlich gelten pflegende Angehörige, live-in bzw. stundenweise beschäftigte Haushaltsarbeiterinnen, ehrenamtlich Helfende, Unterstützende aus dem Freundeskreis und aus der Nachbarschaft bisher nicht als systemrelevant, selbst wenn sie vermutlich den größeren Anteil von Care im Alltag während der Pandemie übernommen haben und weiterhin übernehmen.

Es wird Zeit, ihren Beitrag zur Bewältigung der aktuellen Krise und für Care in den Haushalten generell in Öffentlichkeit und Politik angemessen zur Kenntnis zu nehmen. Zunächst würde es darum gehen, die Leistungen der mit Care befassten Personen im Bereich des Privaten wahrzunehmen, anzuerkennen und zu enttrivialisieren. Und damit ist nicht gemeint, auch diese zu beklatschen oder von den Balkonen zu besingen. Anderes und weitaus mehr steht an: Die strukturellen und politischen Rahmenbedingungen müssen in diesem Teilbereich von Care als zentrale gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe in den Blick genommen werden (vgl. Gather 2020). Die vielfachen Erfahrungen während der Pandemie könnten hierfür eine Chance bieten, da viele Menschen die entscheidende Bedeutung von Care zu Hause durch die aktuellen Verwerfungen am eigenen Leib erleben. Die gegenwärtigen Erfahrungen zeigen wie in einem Brennglas: Care-Arbeit im Privaten ist eine unverzichtbare Grundlage von Ökonomie und Gesellschaft.

[1]  Das Projekt fand im Rahmen des Bayerischen Forschungsverbunds ForGenderCare von 2015-2019 unter der Leitung von Birgit Erbe (Frauenakademie München e.V.), Gerd Mutz und mir (beide Hochschule München) statt. Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen waren Maya  Halatcheva-Trapp, Kathrin Roller und Sabrina Schmitt.

[2] Die Definition von Daminger (2019): “(…) cognitive labor entails anticipating needs, identifying options for filling them, making decisions, and monitoring progress “, vgl. Allison Daminger (2019) The Cognitive Dimension of Household Labor. In: American Sociological Review zit. nach https://doi.org/10.1177/0003122419859007 (Zugriff 2020-12-05)

Der Markt wird’s nicht richten – Löhne in der Care Ökonomie

Claudia Gather

Care-Arbeiten, insbesondere solange sie unbezahlt im Haushalt stattfinden, kommen in den ökonomischen Mainstream-Theorien nicht vor. Sie werden als selbstverständliche Vorbedingung für die eigentliche wirtschaftliche Tätigkeit auf dem Markt ausgeblendet. „Die Versorgung der Menschen mit dem zum (guten) Leben Notwendigem muss jedoch zentraler Gegenstand der Ökonomie sein“, so feministische Ökonominnen wie z.B. Ulrike Knobloch (2019: 18). Ohne eine absolut „grundlegenden Paradigmenwechsel lässt sich „weder die Care-Krise noch die Klima-Krise lösen“, so auch Uta Meier-Gräwe (2020: 28). Der notwendige Paradigmenwechsel ist allerdings ein großer Schritt und ein langer Weg.

Ein Aspekt der Forderungen auf diesem Weg betrifft die Bezahlung der professionellen Care-Arbeit, um die es im Folgenden gehen soll. Care-Arbeit wird dafür eher breit definiert als „unverzichtbare Tätigkeiten wie Fürsorge, Erziehung, Pflege und Unterstützung, bezahlt und unbezahlt, in Einrichtungen und in privaten Lebenszusammenhängen, bezogen auf Gesundheit, Erziehung, Betreuung u.v.m. – kurz: die Sorge für andere, für das Gemeinwohl und als Basis die Sorge für sich selbst, Tag für Tag und in den Wechselfällen des Lebens“ (Care Manifest 2020). Ich möchte hier explizit zur Sorge auch die Versorgung dazurechnen, also z.B. Putzen und Kochen.

Care- oder Sorgearbeit kann unentgeltlich „aus Liebe“ (Bock/Duden 1976) z.B. im Haushalt verrichtet werden, sie kann vom Staat bereitgestellt werden (z.B. in Kitas, Schulen, Altenpflegeeinrichtungen), von freigemeinnützigen Trägern (z.B. Arbeiterwohlfahrt, Kirchen, Non-Profit-Organisationen, etc.) erbracht oder privatwirtschaftlich über den Markt angeboten werden. Viele Studien beklagen, nicht nur für Deutschland, einen Rückzug des Staates aus den Care-Bereichen und die Ökonomisierung von Care- und Sorgearbeiten, die zu schlechteren Arbeits- und Versorgebedingungen führen. Die Folgen der Privatisierung sind in aller Regel geringere Löhne, denn die Tarifverträge des öffentlichen Dienstes beinhalten so gut wie immer bessere Bedingungen für die Beschäftigten. Hinzu kommt eine Rationalisierung, das bedeutet zumeist Arbeitsverdichtung und Personaleinsparungen (siehe z. B. Gather u.a. 2005 für die Gebäudereinigung, Kumbruck/Rumpf/Senghaas-Knobloch 2010 und Auth 2013 für die Pflege). Zudem verweigern sich kommerzielle Anbieter in der Altenpflege nicht selten Tarifverträgen und betreiben Lohndumping (ver.di 2020). Die Ökonomisierung der Sorge erschwert die Sorgebedingungen für Gebende wie Empfangende (Hartmann 2020). Anna Hartmann nennt das das ungelöste Problem der Sorge.

Die Entlohnung von Care-Arbeiten variiert je nach Branche und dem ausgeübten Beruf, der Art der Tätigkeit sowie dem Arbeitgeber (z.B. öffentlicher Dienst vs. Privatwirtschaft). Über Löhne oder Arbeitsentgelte entscheiden in aller Regel die Tarifvertragsparteien. Die Tarifautonomie ist in Deutschland grundgesetzlich verankert (Artikel 9 GG). Wenn man sich mit der Entlohnung beschäftigt, gilt es deswegen sich zunächst mit der kollektiven und damit zumeist gewerkschaftlichen Interessenvertretung zu befassen. So kann z.B. die bessere Entlohnung von Männern auch mit ihrer längeren Tradition der gewerkschaftlichen Organisation und dem höheren gewerkschaftlichen Organisationsgrad erklärt werden (Berninger/Schröder 2017: 178). Daten des SOEP zeigen den Zusammenhang zwischen der geschlechtsspezifischen Lohnlücke und dem gewerkschaftliche Organisationsgrad: Steigt der gewerkschaftliche Organisationsgrad um 10%, gibt es um knapp 0,7% höhere Löhne. In Frauenberufen ist eine Zunahme des Organisationsgrades um 10% sogar mit einer Lohnsteigerung von 2,4% verbunden (Berninger/Schröder 2017: 186). Wären Frauen zu 40% gewerkschaftlich organisiert (eine allerdings derzeit eher utopische Annahme), würde die geschlechtsspezifische Lohnlücke verschwinden. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad stellt vor allem wegen der Finanzkraft und der Repräsentanz in den Betrieben einen wichtigen Indikator für die Macht einer Gewerkschaft dar.
Der Organisationsgrad bei den Gewerkschaften sowie in Berufsverbänden (die sich auch als Berufsgewerkschaften verstehen können) ist ein gut gehütetes Geheimnis und wird nicht veröffentlicht (es gibt lediglich Schätzungen). „Im Gegensatz zur exportorientierten Industrie und einigen Kernbereichen des öffentlichen Sektors ist der Großteil des Dienstleistungssektor, in dem Frauen ganz überwiegend arbeiten, gewerkschaftlich schwach oder gar nicht organisiert“ (Hassel/Schröder 2018). Für die Pflege wird der verbandliche oder gewerkschaftliche Organisationsgrad der Beschäftigten grob auf nur rund zehn 10% geschätzt. Allerdings könnten die letzten Streiks die Mitgliedschaft auch in diesem Beruf etwas erhöht haben.

Der geringe Organisationsgrad von Frauen hat vielfältige Gründe, etwa die mangelnde Überzeugung der Wirkungsmacht, mangelnde Informiertheit, die Tradition Gewerkschaften als Männerdomänen zu betrachten oder die geringe Bereitschaft weiblicher Beschäftigter im Care-Bereich von ihrem ohnehin geringen Lohn 1% abzuzweigen. Frauen arbeiten zudem oft in Teilzeit und in kleineren Betrieben, in denen es keinen Betriebsrat gibt. Anstatt sich gegen schlechte Bedingungen zu wehren, reduzieren sie ihre Arbeitszeit oder verlassen den Arbeitsplatz. Hinzu kommt, dass sie vielfach wenig zusätzliche Zeit haben, die sie einsetzen können und wollen. Die Krankenpflege hat eine Tradition, die einen Zusammenschluss zur Vertretung der eigenen Interessen erschwert. Viele Pflegende wollen in erster Linie Menschen helfen. Dazu passt es nicht als Mitglied in einem Berufsverband oder in einer Gewerkschaft für die eigenen Bedürfnisse einzustehen, so Johanna Knüppel vom BDfK (dem mit rund 20.000 Mitgliedern größten deutschen Berufsverband für Pflegeberufe).

Die Arbeitsbedingungen und Löhne im Care-Bereich und in den sogenannten „systemrelevanten“ Berufen sind recht unterschiedlich. Diese Unterschiede sind interessant, das möchte ich kurz darstellen.
Um einen Vergleich zwischen verschiedenen Berufen zu ermöglichen, werden im Folgenden  nur Vollzeit beschäftigte Fachkräfte (Leistungsgruppe 3, in aller Regel mit dreijähriger Berufsausbildung und Berufserfahrung) in ausgewählten Berufen gezeigt und zwar: Verkäufer*innen, Reinigungskräfte, Altenpfleger*innen, Krankenpfleger*innen und Abfallentsorger*innen.

Laut dem Statistischen Bundesamt liegen Verkäufer*innen im Lebensmitteleinzelhandel (mit durchschnittlich monatlich EUR 2.186 brutto) am unteren Ende der Einkommen, gefolgt von den Gebäudereiniger*innen (brutto im Durchschnitt EUR 2.756). Etwas höhere durchschnittliche Monatseinkommen weisen die Fachkräfte in den Altenheimen mit EUR 3.116 auf, ähnlich wie Facharbeiter*innen in der Abfallentsorgung (EUR 3.180). Das Monatseinkommen in den Krankenhäusern ist mit EUR 3.505 am höchsten, es liegt allerdings immer noch deutlich unter dem Durchschnittsmonatseinkommen aller Arbeitnehmer*innen in Deutschland, das EUR 3.994 (Destatis 2020) beträgt. Diese Lücke verkleinert sich erfreulicherweise durch den neuen Tarifvertrag vom Oktober 2020 für den öffentlichen Dienst. Für die Pflege im Krankenhaus (nur im öffentlichen Dienst) steigen die Löhne überproportional, hier beträgt die Tarifsteigerung 8,7% und für Intensivpflege sogar 10%. Auch Wechselschicht und Samstagsarbeit werden nun materiell anerkannt (ver.di publik 2020). Damit sind allerdings noch lange nicht alle Forderung von Pflegekräften erfüllt, die in einer Petition an Jens Spahn neben anderen Forderungen ein Einstiegsgehalt von EUR 4.000 für Pflegefachpersonen fordern.

Wir sehen hier insgesamt eine Lohnspreizung bei den Care Berufen. Verkäuferinnen im Einzelhandel und Reinigungskräfte in der Gebäudereinigung (nennen kann man hier auch weitere Berufe wie Frisör*innen, Köch*innen, Kellner*innen, etc.) stehen am unteren Ende der Einkommensskala. Diese erheblichen Unterschiede sind meines Erachtens eine Herausforderung für die Diskussionen um Care und das betrifft auch die Frage, wie breit und weit die Definition von Care gefasst ist und sein soll(te).

Die Einkommen in der Altenpflege kann man noch weiter differenzieren. Altenpflege im Krankenhaus ist mit EUR 2.880 Bruttoentgelt  deutlich besser entlohnt als in einem Pflegeheim (2.308 Euro) oder in einem ambulanten Dienst (1.991 Euro, Evans/Ludwig 2019: 7). In allen diesen Pflegebereichen (Kranken- wie Altenpflege) herrscht ein extremer Personalmangel, d.h. die Einkommensunterschiede können nicht auf das Verhältnis von Angebot und Nachfrage, wie das ja gerne in der Ökonomie getan wird, zurückgeführt werden. Was sind also die Gründe dafür? Die problematischen Arbeitsbedingungen in der Pflege im Krankenhaus waren in den letzten Jahren oft in der öffentlichen Diskussion. Es gab Streiks und viele Stimmen, die sich für eine bessere Bezahlung eingesetzt haben. Unterdessen gibt es für die Pflege mit dem Berufsverband DBfK, dem Bochumer Bund, den Pflegekammern in einigen Bundesländern und dem Deutschen Pflegerat auch viel Lobbyarbeit und Vertretung der Interessen. Zudem wurde 2018 gemeinsam von Gesundheits-, Arbeits- und Familienministerium die „Konzertierte Aktion Pflege“ ins Leben gerufen (und vom BMG das Pflege-Netzwerk Deutschland). Für die Pflege gibt es neben dem allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn Branchenmindestlöhne für Fach- wie für Hilfskräfte (dies betrifft die Kranken- wie die Altenpflege). Diese werden durch eine “Pflegekommission”, bestehend aus Vertreter*innen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, verhandelt. Dies zieht allerdings nur eine Untergrenze ein, unter die die Löhne nicht fallen dürfen.

Wenn wir über die Bezahlung sprechen sind auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht zu vernachlässigen (z.B. die Abrechnung nach Minuten in der Altenpflege mit den Pflegekassen), die für alle Anbieter gelten und damit den Leistungs- und Kostenrahmen vorgeben. Auch diese strukturellen Rahmenbedingungen gilt es grundlegend zu hinterfragen und so zu verändern, dass gute Bedingungen für die zu Pflegenden wie für die dort Arbeitenden ermöglicht werden.

In den Krankenhäusern wird nach Fallpauschalen, die einen Kostenrahmen setzen, abgerechnet. Hier wurden die Pflegepersonalkosten der Krankenhäuser seit 2020 aus den Fallpauschalen ausgegliedert. Mit der Veränderung dieser strukturellen Rahmenbedingung wurde der Weg für eine Anhebung der Bezahlung und Aufstockung von Pflegepersonal in Krankenhäusern frei.

Im Gegensatz zur Krankenpflege werden die Interessen der Altenpflege (wie auch der anderen Berufe) insgesamt weniger artikuliert. In der Altenpflege gilt es, die Verdienstverhältnisse denen der Pflegekräfte im Krankenhaus anzupassen. Das bedeutet für die Altenpflege auch über Veränderungen der bereits angesprochenen politisch gesetzten strukturellen Rahmen nachzudenken. Für die Altenpflege hieße dies: weg mit der Minutenpflege. Hierfür gilt es auch die Refinanzierungsvoraussetzungen zu schaffen. Natürlich ist dies auch eine verteilungspolitische Frage. Erweiterte Leistungen in der Pflege könnten über die Sozialversicherungen, Steuern oder Staatsausgaben finanziert werden.

Man kann häufig feststellen, dass in Einrichtungen mit Tarifbindung das Einkommen höher ist und die Arbeitnehmer*innen öfter Sonderzahlungen wie Weihnachts- und Urlaubsgeld erhalten (siehe dazu den WSI Lohnspiegel 2020, z.B. in Bezug auf die Erzieher*innen). Zudem ist in Deutschland der Anteil der tarifgebundenen Arbeitgeber*innen, die in Gewerkschaften und Verbänden organisiert sind, in vielen dieser Branchen gering. Damit fehlen wesentliche Voraussetzungen für erfolgreiche Tarifverhandlungen und auch für Flächentarife. Für alle Verbesserungen ist es daher erforderlich, dass sich deutlich mehr Beschäftigte aus dem Care-Bereich zusammenschließen, gewerkschaftlich organisieren und auch Institutionen schaffen, die ihre Interessen vertreten (siehe das Beispiel der Pflege). Solange dies nicht der Fall ist, ist die Politik gefordert, entsprechende Rahmenbedingungen und Mindeststandards zu setzen. Der Staat als regulative Instanz verfügt hierzu über einige Instrumente, wie das Entsendegesetz, den Mindestlohn, das Leiharbeitsnehmer- und Werkvertragsgesetz und die Erklärung der Allgemeingültigkeit eines Tarifvertrages Hassel/Schröder 2018).

Der Gesetzgeber ist zudem entweder aufgefordert die Privatisierung des Care-Sektors zu stoppen bzw. in Teilen rückgängig zu machen oder die Privatwirtschaft stärker zu regulieren. Statt der Erwirtschaftung von Renditen, sollten die Einrichtungen dem Gemeinwohl verpflichtet sein. Das Beispiel Österreich zeigt, dass es möglich ist, dies auch politisch umzusetzen: So sind dort in mehreren Bundesländern Altenpflegeheime verpflichtend gemeinnützig zu führen.

Der Markt (mit seiner unsichtbaren Hand) tut nichts zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, im Gegenteil, die Vermarktlichung des Pflegebereichs verschlechtert eher die Bedingungen für die dort Arbeitenden. Für die Krankenpflege gibt es, wie oben kurz dargestellt, ein massives und breites Unterstützungssytem, viel öffentliche Diskussion und eine Änderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen, das fehlt noch weitgehend für die Altenpflege und weitere Care-Berufe. Die Verhandlungsmacht der Care-Berufe muss gestärkt werden. Bessere Bedingungen lassen sich durch eine starke Interessenvertretung, massive öffentliche Diskussionen, berufspolitische Zusammenschlüsse, sowie gesetzgeberische Regulierungen erreichen. Das ist ein großer Kraftakt, der noch lange nicht für alle Care-Berufe gleichermaßen zu sehen ist.
Es gilt zudem insgesamt einen Paradigmenwechsel einzuleiten: Wirtschaft muss von den Bedürfnissen der Menschen und von Care aus neu gedacht werden. Die Versorgung der Menschen mit dem zum guten Leben Notwendigem muss zum zentralen Gegenstand der Ökonomie werden. Dabei sind Anerkennung und eine angemessene Bezahlung (und auch gute Arbeitsbedingungen, die hier gar nicht angesprochen wurden) für alle der dort Arbeitenden ein absolut notwendiger Schritt.

Großputz! Care nach Corona neu gestalten. Eine Blog-Reihe zum Positionspapier des Initiativkreises care-macht-mehr.com aus Deutschland, Österreich und der Schweiz

Barbara Thiessen

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie im Care-Bereich sind nicht überraschend. Aber für manche doch. Hier hat sich Sars-CoV-2 als Meister der Enthüllung erwiesen. Soziale und geschlechterpolitische Missstände, die in einer sich sozialliberal verstehenden Gesellschaft gerne unter den Teppich gekehrt werden, sind nun unübersehbar geworden. Dazu zählen

  • die anhaltende Entwertung professioneller wie privat geleisteter Care-Arbeiten,
  • die durch vermehrte Frauenerwerbsarbeit aufgeworfenen strukturellen Care-Lücken, die bislang nur notdürftige und partielle Reformen erfahren haben,
  • die sich als resistent erweisenden Geschlechterhierarchien in privaten Beziehungen sowie auf dem Arbeitsmarkt, trotz des allgegenwärtigen Wunsches nach und Bekenntnis für Geschlechtergerechtigkeit,
  • die sich hieraus ergebenden Symptome von Überforderung und Erschöpfung auf individueller Ebene, vor allem bei care-aktiven Menschen,
  • die Nutzung weltweiter Ungleichheitslagen und Migrationsbewegungen für den Bedarf an kostengünstigen Care-Arbeitskräften in Kliniken, Heimen und privaten Haushalten ungeachtet eines erheblichen Care Drain in den Herkunftsländern,
  • die Verschärfung dieser Krisenphänomene spätestens mit Beginn des 21. Jahrhunderts durch die marktorientierte Rationalisierung von Care und die Öffnung der Care-Ökonomie für Renditeziele.

Diese Gemengelage wird seit einigen Jahren als umfassende Care-Krise diskutiert. Der springende Punkt dabei ist das systematische Zusammendenken aller wesentlichen Care-Bereiche, also Erziehung, Betreuung, Pflege, Unterstützung und Beratung, bezahlt und unbezahlt, in Einrichtungen und in privaten Lebenszusammenhängen, bezogen auf Gesundheit, Erziehung, Soziale Arbeit und Pflege. Der Initiativkreis care-macht-mehr.com hat dazu 2013 bereits ein länderübergreifendes Care-Manifest verfasst.

Zur Care-Krise ist mit der Corona-Pandemie nun noch ein Notstand hinzugekommen, der Versäumnisse und fragwürdige Prioritätensetzungen bei der Ökonomisierung des Sozialen und des Gesundheitssektors schonungslos offenlegt. Die Kapazitäten an Intensivbetten können in Ländern wie Deutschland nicht genutzt werden, da es nicht gelingt, ausreichend Pflegefachpersonen für den Bereich zu begeistern und einzustellen. Denn das Berufsfeld „Pflege“ ist durch schlechte Arbeitsbedingungen wenig attraktiv und auch bereits vorhandene Stellen können seit Jahren nicht besetzt werden (vgl. Schweiz, Österreich, Deutschland). Die Corona-Pandemie zeigt wie in einem Brennglas das strukturelle Problem von Pflege heute. Dies gilt nicht nur in der Intensivpflege, sondern in allen pflegerischen Fachgebieten.

War die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schon vor der Pandemie eine Belastung, ist sie mit der Gleichzeitigkeit von Home-Office und Home-Schooling – besonders für Alleinerziehende und Familien in beengten Wohnverhältnissen – zur fast unlösbaren Aufgabe geworden. Viel ist bereits über den Trend einer „Re-Traditionalisierung“ während der Lockdowns diskutiert worden. In den noch folgenden Blog-Beiträgen wird dieser Frage differenzierter nachgegangen werden. Bemerkenswert ist, dass das Problem der Unvereinbarkeit von Home-Office und Kinderbetreuung bereits von findigen Hotelbuchungsportalen aufgegriffen wird, wie die Abbildung zeigt: Dem „Ruhe buchen“ liegt jedoch ein nicht unerwarteter Geschlechtertext zugrunde.

Nicht nur Kindertagesbetreuung hat im Privaten zugenommen. Auch Angehörige pflegebedürftiger alter Menschen und von Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen sind von erheblich gestiegenen Pflegeanforderungen betroffen, zum Beispiel durch die Schließung von Betreuungseinrichtungen in den Lockdowns. Prekäre Beschäftigungsmodelle, wie etwa die häusliche Versorgung durch „24-Stunden-Betreuerinnen“, sind in der Pandemiesituation kollabiert. Verschärft haben sich ebenso die schon schwierigen Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit.

Zwar ist dank Corona die hohe Bedeutung von Care für Daseinsvorsorge und für die Aufrechterhaltung des Alltagslebens offensichtlich geworden. Die „Systemrelevanz“ von Care-Arbeit (vgl. dazu auch den SozBlog von Martina Franzen), in der geschlechterkritischen Sozialwissenschaft längst diskutiert, wurde nun sichtbar und öffentlich beklatscht. In den Krisenstäben und Expertengremien waren Vertretungen des Care-Bereichs jedoch gar nicht oder nicht angemessen vertreten.

In der noch andauernden Pandemie wird einmal mehr deutlich, dass zum Menschsein nicht nur der Wunsch nach Unabhängigkeit und Eigenständigkeit gehört, sondern auch Verletzlichkeit und Angewiesenheit. Menschen können – in jedem Alter – ohne Care nicht (über-)leben. Frauen sind als Care-Gebende sowohl in Familien als auch in Care-Berufen überproportional aktiv. Dass Care-Tätigkeiten in beiden Bereichen sinnstiftend und erfüllend sein können, entdecken aber auch immer mehr Männer. Eine Neuausrichtung von Care gelingt jedoch nicht mit der Beibehaltung von Geschlechterklischees.

Die Initiative care-macht-mehr.com hat sich vor zehn Jahren gegründet, um wissenschaftliches Wissen zur Care-Krise länderübergreifend auszutauschen und zu systematisieren. Wir sind überzeugt, dass die Corona-Pandemie nicht nur die dramatischen Verwerfungen der Care-Krise auf drastische Weise offengelegt hat. Durch die öffentliche Aufmerksamkeit auf Care-Fragen besteht auch die Chance, Daseinsvorsorge umfassend neu zu gestalten. Die Krise kann dann dafür eine Perspektive e sein, wenn nicht nur Prämien und Held*innentitel verteilt werden, sondern die Gelegenheit genutzt wird, die Gesundheits-, Sozial- und Wohlfahrtssysteme und somit die Gesamtheit von Care-Arbeit gesellschaftlich solidarischer und geschlechtergerechter zu organisieren und zu finanzieren.

Es braucht einen Großputz: Missstände der Care-Krise, die bislang unter den Teppich gekehrt wurden, müssen endlich angegangen werden! Dazu haben wir im August 2020 ein Positionspapier verfasst, in dem wir erste Arbeitspakete vor dem Hintergrund unserer Forschungen zusammengestellt haben, die an einigen Stellen exemplarisch auf die besondere Situation in den drei Ländern Deutschland, Österreich und Schweiz Bezug nehmen. Dieser Blog gibt uns in den nächsten Wochen die Möglichkeit, einige Arbeitspakete differenzierter darzustellen. Geplant sind folgende Beiträge:

  1. Care und Bezahlung/Ökonomie, Prof. Dr. Claudia Gather
  2. Bezahlte und unbezahlte Care-Arbeit: wo alles zusammenkommt, Prof. Dr. Maria S. Rerrich
  3. Care und Gewalt, Prof. Dr. Margrit Brückner
  4. Care und Selbstbestimmung – Mitbestimmung, Prof. Dr. Eva Fleischer
  5. Transnationale Care-Arrangements – Solidarität, Dr. Sara Schilliger
  6. Männer*, Männlichkeiten und Care, Dr. des. Frank Luck
  7. Care und Zeit, Appell zu Vernetzung und Bündnissen, Dr. Karin Jurczyk

Wir freuen uns über Rückmeldung, Anmerkungen und Hinweisen zu aktuellen Forschungsprojekten im Kontext von Care.