Bedrohte Meinungsvielfalt an deutschen Universitäten? Impulse für eine pluralistische Fachdebatte

Paula-Irene Villa, Richard Traunmüller & Matthias Revers 

TEIL 2

Abstract

Anschließend an die Studie von Revers und Traunmüller (2020) angestoßene Debatte, haben wir uns als Beteiligte zusammengetan, um eine weitere Fachdiskussion über die empirische Forschung zum Themenkomplex “Meinungsfreiheit, Toleranz und Debattenkultur” in der deutschen Hochschullandschaft anzuregen. Zunächst rekapitulieren wir die zentralen  Ergebnisse und Kritiken der Studie, vor allem zum Design, Repräsentativität und Toleranzmessung, und schlagen dann Verbesserungen und weitere Forschungsansätze vor. Grundsätzlich regen wir zur Zusammenarbeit über forschungsparadigmatische Trennlinien an und setzen erste Impulse in diese Richtung.

Kritik an der Frankfurt Studie, Lösungsvorschläge und Forschungsansätze

Die Kritik an Revers/Traunmüller 2020 lässt sich grob auf zwei Ebenen verorten. Erstens, auf einer inhaltlich-methodischen Ebene, die Fragen des Designs, der konkreten Itemformulierung und den daraus abgeleiteten Schlüssen berührt. Zweitens, auf einer übergeordneten, normativen Ebene, die normative framings und die mögliche politische Rezeption der Ergebnisse betrifft. Viele der vorgetragenen Kritikpunkte sind klug, berechtigt und willkommen, andere wiederum leicht zu widerlegen, sachlich falsch oder schlicht überzogen. Diese Fülle und Vielfalt zeigt, wie wichtig und diskussionswürdig das Thema ist, und wie sehr es dabei guter, reflexiver Forschung bedarf.

Im Folgenden geht es nicht um eine “Replik” auf die an der Studie geäußerte Kritik und auch nicht darum, die Einwände abzutun, zu entkräften, oder zu ‘erledigen’. Unser Anspruch ist es vielmehr, die vorgetragene Kritik als Anregung zu nehmen, um über einzelne Aspekte der Studie nachzudenken, die richtigen Folgefragen zu stellen und möglicherweise lohnende nächste Untersuchungsschritte zu skizzieren.

  • Repräsentativität und Generalisierung

 Eine erste Kritik der Studie betrifft die mangelnde Repräsentativität und die damit verbundene Frage, welche Schlüsse sich überhaupt aus den Ergebnissen ziehen lassen – und welche nicht. Diese Kritik betrifft zunächst das Studiendesign als Einzelfallstudie (‘most likely case design’). Paula-Irene Villa hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Auswahl des Einzelfalls als “most likely case” eine nicht hinreichend evidenzgestützte, nicht nach im engeren Sinne verobjektivierbaren Kriterien getroffene Wahl ist. Sie beruhe nämlich darauf, dass dieser Fachbereich im Lichte der hier entwickelten ‘Kritischen Theorie’ (Adorno/Horkheimer et al) und damit auch die Studierenden deutlich ‘links’ seien. Das mag anekdotisch (und im Fach zur Karikatur hin über-)evident sein, und warum auch nicht? Aber als Begründung für einen derart argumentativ-empirisch tragenden Einzelfall ist das prekär. So oder so, die Studierenden der Gesellschaftswissenschaften in Frankfurt sind nur ein und zudem ein besonderer Fall. Das wären die Soziologie Studierenden in Berlin, Kassel, München, Leipzig oder sonstwo allerdings ebenso. Was lässt sich anhand des Frankfurter Falles sagen?

Ein weiterer Kritikpunkt war die geringe Rücklaufquote und mögliche Verzerrung der Stichprobe. Selbst innerhalb der interessierenden Population war die sehr Rücklaufquote gering (14 Prozent). Die tatsächliche Netto-Rücklaufquote sinkt jedoch auf 7,5 Prozent, wenn nur diejenigen betrachtet werden, die auch mindestens 80 Prozent des Fragebogens ausgefüllt hatten. Wie beeinflusst dies die Interpretation der Befunde? Wir wollen an dieser Stelle keine technische Debatte zu Umfragemethodologie und der Frage führen, wie sich Rücklaufquoten in Onlineumfragen erhöhen lassen. Vielmehr möchten wir diese Kritik zum Anlass nehmen uns die allgemeinere Frage zu stellen, inwieweit Studierende (und andere Hochschulangehörige) überhaupt nur selektiv erreichbar sind und was dies für Erforschung des Themenkomplexes Toleranz, Meinungsvielfalt und Diskussionskultur bedeutet. So besteht etwa die Gefahr, dass moderate Stimmen oder solche Stimmen, die ohnehin nur leise zu vernehmen sind, auch in der Untersuchung nicht zum Vorschein kommen.

Ganz unabhängig davon wie man Probleme von Einzelfallstudien im Detail einschätzt, erscheint es uns unmittelbar naheliegend und dringend geboten, die Untersuchung wie folgt zu erweitern:

Erstens, wissen wir bislang nichts über die mögliche Verbreitung von Intoleranz und ideologischem Konformitätsdruck an anderen Fachbereichen noch darüber, inwieweit sich die Ergebnisse auf andere universitären Kontexte verallgemeinern lassen. Wir begrüßen daher ausdrücklich, dass einigen Kollegen bereits Replikationen an sozialwissenschaftlichen Fachbereichen der Universitäten Konstanz und Wien planen. Idealerweise könnte die Soziologie sich generell wieder stärker forschend der politischen Haltung von Studierenden und Universitätsangehörigen zuwenden. Aktuelle Studien  (u.a. Biskamp 2017; Koppetsch 2018; Nachtwey et al. 2020; Schröder 2018 ) liefern Hinweise darauf, dass auch akademisch gebildete Milieus zu Verschwörungsdenken, autoritären Mustern, Intoleranz und anti-demokratischen Einstellungen neigen können, wobei diese keineswegs nur “rechts” zu verorten sind.

Zweitens können wir bislang nicht sagen, ob sich die Situation in den letzten Jahren wirklich verschlimmert oder womöglich verbessert hat. Denn politische Auseinandersetzungen und Auseinandersetzungen um Politik auf dem Campus sind mitnichten neu. Man denke allein im deutschen Kontext nur an die Studierendenbewegung Ender der 1960’er und in den 1970’er Jahren, an den Widerstand von Studierenden im NS, an die Studentenproteste zum Ende der DDR hin. Politik auf dem Campus inklusive mehr oder minder massiver Proteste gegen einzelne Professor_innen oder Veranstaltungen, gegen bestimmte Inhalte oder Formen (z.B. von Feierlichkeiten) gehören zu modernen Gesellschaften dazu. Was nun wiederum nicht bedeutet, dass sie immer angemessen, sachlich richtig oder nicht selber autoritär sind. Für unsere Frage bedeutet dies wiederum, dass die aktuelle Situation Teil historischer Dynamiken ist, die ihrerseits soziologisch beforsch- und diskutierbar sind. Es ist also möglich, dass z.B. mehr Diversität der Studierenden und Lehrenden, sowie der damit vermittelt zusammen hängenden Vielfalt von Erfahrungen, Sensibilitäten und Positionen zu mehr Widerspruch und Diskussion führt (vgl. El-Mafaalani 2018 für die steigende Heterogenität der deutschen Gesellschaft insgesamt) – was von manchen womöglich als Angriff und Verunsicherung gewertet und auch erlebt wird.

Drittens, bedarf es weiterer Vergleichsgruppen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Universität. Zum einen wäre es interessant zu erfahren wie es um die Toleranz und mögliche Selbstzensur von Dozenten und Hochschullehrern (womöglich auch und gerade von Dozentinnen und Hochschullehrerinnen) sowie von Verwaltungsangestellten bestellt ist (vgl. Lazarsfeld und Thielens 1958 zur akademischen Freiheit im McCarthyismus). Desweiteren dürfte sich der subjektive Konformitätsdruck zwischen den universitären Statusgruppen unterscheiden und für den Mittelbau, welcher sich durch hoch prekäre Arbeitsverhältnisse systematisch großer Karriereunsicherheit ausgesetzt sieht, am stärksten sein. Um die Situation an der Universität besser einschätzen zu können, ist es außerdem produktiv,  Vergleiche mit der generellen Bevölkerung sowie mit anderen institutionellen Kontexten (Unternehmen, Schulen, öffentliche Verwaltung) vorzunehmen. Nur so lässt sich ein (etwaiges) Spezifikum des universitären Meinungs- und Diskussionsklimas herausarbeiten.

Viertens, und gerade In Anbetracht der Tatsache, dass der Antrieb für Sprachregelungen auf dem Campus aus dem Wunsch resultiert, empirisch redlicher, normativ reflexiver und diskriminierungssensibel  zu sprechen sowie eine integrative Lernumgebung zu fördern, wäre es aufschlussreich, eine geschlechtsspezifische Perspektive sowie eine Perspektive derjenigen einzunehmen, die als ethnische, sexuelle oder in anderer Hinsicht als Minderheiten gelten. Die vorläufigen Befunde von Revers und Traunmüller (2020)  legen signifikante Geschlechtsunterschiede in den Präferenzen für freie Meinungsäußerung und subjektiv empfundenen Konformitätsdruck nahe. Es bleibt jedoch offen, wie sich dieser Geschlechtseffekt erklären lässt, etwa durch unterschiedliche psychologische Dispositionen, kulturelle Normen oder Habitusformen. Andererseits unterscheiden sich bei Revers und Traunmüller Studierende mit  ethnischen Minderheitenstatus kaum in ihrer Sensibilität, Toleranz oder dem empfundenen Konformitätsdruck. Doch ist hier sicherlich noch nicht das letzte Wort gesprochen und weiterführende Analysen, die freilich weitaus höhere Fallzahlen benötigen würden, sind dringend notwendig. Soziologisch vielleicht sogar noch relevanter, aber bislang völlig außen vor gelassen, sind Unterschiede entlang sozialer Herkunft und sozio-ökonomischen Status.

Ursachen

Neben der rein deskriptiven Bedeutung einer solchen Ausweitung auf weitere Kontexte, Zeitpunkte und Gruppen, würde die anzunehmende Variation weitere Forschungsfragen nach den Ursachen und Konsequenzen von Toleranz, Meinungsvielfalt und Selbstzensur ermöglichen. Zwar gibt es zu den Ursachen soziologische Hypothesen, die von Sozialisation und veränderten Erziehungsstilen (Lukianoff & Haidt 2018) bis hin zu sozio-strukturellen Bedingungen reichen (Campbell & Manning 2018), aber bislang noch  genauer empirischer Behandlung harren (mit Ausnahmen z.B. Norris 2020 für die Politikwissenschaft, deren Studie wiederum allerdings als ‘biased’ kritisiert wird; vgl. Wilson 2020 in https://academeblog.org/2020/08/09/cancel-culture-in-political-science/). Dringend zu klären wäre außerdem, welche weiteren Folgen Intoleranz und Selbstzensurhandeln (überhaupt) hat bzw. hätte. Wie wirkt sich das Meinungsklima auf die Studienleistung, das Sozialleben und die psychische Gesundheit von Studierenden aus?

Grundsätzlich, so gibt insbesondere Paula-Irene Villa zu bedenken, wäre auch zu untersuchen – sowohl in empirischen Arbeiten zu Einstellungen und Deutungen wie zu begriffshistorischen oder gesellschaftsdiagnostischen Zugängen, etwa auch mittels wissenssoziologischer Diskursanalysen – ob ‘Selbstzensur’ selbst nicht ein normativer Begriff ist, der auch in der deskriptiven Methodologie für Verzerrungen sorgt. Anders gesagt: Steckt womöglich (auch) Reflexivierung, Impulskontrolle, ethische Kompetenz, akademische Bildung, Debattenfähigkeit drin, wo für manche Selbstzensur drauf steht?

Weitere methodische Zugänge

Neben den klassischen Instrumenten der umfragebasierten empirischen Sozialforschung sind daher ohne Zweifel auch andere methodische Zugriffe nötig, die weniger auf die Teilnahmebereitschaft an Umfragen angewiesen sind. So könnte etwa die durch die Corona-Krise erzwungene Umstellung auf digitale Lernformate als interessante Möglichkeit bieten, das Diskursklima an Universitäten zu untersuchen. Seminare, die auf digitalen Plattfomen abgehalten werden, lassen sich beispielsweise in ihrer Gänze aufzeichnen. Diese Aufzeichnungen würden nicht nur vollständige Seminardiskussionen, beteiligte Diskussionsteilnehmer und deren Kommunikationsverhalten festhalten, sondern zahlreiche neue Datenformate (Audio und Video) und damit auch neue Analysemöglichkeiten (sowie neue Fragen der Forschungsethik und des Datenschutzes) mit sich bringen. Auch andere digitale Plattformen, auf denen sich Studierende austauschen können interessante, ‘nicht-reaktive’ Einsichten liefen: Debatten in öffentlichen und geschlossenen Facebook Gruppen für Studierende, in Uni-spezifischen Twitter Feeds oder auch Whatsapp Gruppen könnten sowohl digital qualitativ, z.B. ethnographisch als auch (je nach Zugangsmöglichkeit) durch computergestützte Verfahren inhaltlich untersucht werden. Paula-Irene Villa ist in dieser Hinsicht zwar nicht ganz so enthusiastisch wie die beiden Autoren, sieht aber von der Frage digitaler Lehre abgesehen viele Möglichkeiten der qualitativen Forschung zum Thema, die an der Lehre ansetzt, z.B. Forschungspraktika der Studierenden selbst, Gruppendiskussionen, Diskursanalysen von Selbstverständigungsmaterial in studentischen Kontexten usw.

Seminardiskussionen und die Dynamiken von Meinungsäußerungen, Meinungskonflikt und deren Regulierung lassen sich bereits jetzt mit den herkömmlichen Methoden der Gruppendiskussionen untersuchen. Im Kontext der Frankfurt Studie von Revers und Traunmüller konnten nur acht Teilnehmer für zwei solcher Gruppeninterviews rekrutiert werden. Obwohl diese Daten nicht in die Publikation direkt eingeflossen sind, wurden sie genutzt, um die quantitativen Umfragebefunde einzuordnen. So wurde zum Beispiel erst in der Gruppendiskussion das zentrale Motiv hinter dem Wunsch, Personen mit kontroversen Positionen nicht an Universitäten unterrichten zu lassen, deutlich: Die Fokusgruppengespräche mit Studierenden legten nahe, dass die Studierenden befürchteten, dass Hochschullehrer ihre Meinung nicht von ihrer professionellen Rolle als Betreuer trennen könnten. Mit anderen Worten: Es bestand die Sorge, dass weibliche, muslimische, zugewanderte oder homosexuelle Studierende ungerecht behandelt werden könnten.

  • Toleranzbegriff und -messung

Mit Abstand am meisten Kritik in der Debatte zog die Toleranzmessung auf sich. Revers und Traunmüller (2020) stützen sich auf den klassischen Ansatz von Stouffer (1955), der die Bereitschaft untersuchte, ‘Nonkonformisten’ zu erlauben, öffentlich zu sprechen, an Universitäten zu lehren und ihre Bücher in öffentlichen Bibliotheken zu haben. Während dies zu seiner Zeit und in seinem Kontext Sozialisten, Kommunisten und Atheisten bedeutete, wurden Umfragemessungen zur Toleranz der freien Meinungsäußerung später auf weitere Gruppen (z. B. Homosexuelle, fundamentalistische Muslime usw.) und Arten der Meinungsäußerung (z. B. Abhalten einer öffentlichen Demonstration, Verteilen von Flugblättern usw.) ausgeweitet. Dieser Tradition folgend adaptierten Revers und Traunmüller (2020) die Stouffer-Methode, um Toleranz gegenüber Standpunkten zu erheben, die sich auf kontroverse Ideen zu Geschlechtergleichheit, sexueller Identität, Immigration und Islam konzentrieren. Obwohl diese Auswahl kontroverser Themen durch den tatsächlichen Inhalt aktueller Debatten über die freie Meinungsäußerung auf dem Campus angetrieben wurde, hat das resultierende Toleranzmaß, das von Revers und Traunmüller (2020) verwendet wurde, mehrere Probleme, die unser bisheriges Verständnis über die Präferenzen der Studierenden einschränken.

Erstens, ist das Maß ideologisch unausgewogen und zielt ausschließlich auf Befindlichkeiten sich selbst für links haltende Studierende. Da man nur tolerieren kann, was man ablehnt (Sullivan et al. 1979), könnten rechtsgerichtete Studenten einfach „toleranter“ erscheinen, weil sie den Aussagen entweder gleichgültig gegenüberstehen oder ihnen sogar zustimmen. Obwohl diese Auswahl kontroverser Themen durch den tatsächlichen Inhalt aktueller Debatten über freie Meinungsäußerung auf dem Campus bestimmt wurde, wäre es interessant, einige Reizthemen der rechten Seite zu testen (z. B. Abtreibung, offene nationalstaatliche Grenzen, Quoten für Frauen oder ethnisierte Gruppen).

Zweitens, vermischen die gewählten Toleranzitems moralische Wertaussagen mit empirischen Tatsachenbehauptungen.[1] Manche Kritiker sehen in den gewählten Items diskriminierende Aussagen. Unabhängig von dieser Bewertung wäre es wichtig, die Items klarer in die eine oder andere Richtung zu formulieren. Besonders interessant wäre es, divergierende Publikationen und Wissensbestände – etwa zu Geschlechtsunterschieden aus der Evolutionspsychologie einerseits, den Gender Studies andererseits, und zu den Gender Studies in der Evolutionstheorie – als Items zu formulieren und deren Akzeptanz oder Ablehnung zu untersuchen.

Drittens, versäumt es ihr Ansatz, das wichtige Problem der Verzerrung durch soziale Erwünschtheit in ihren Umfrageitems anzusprechen. Angesichts der sensiblen Natur des Themas der freien Meinungsäußerung und der Einbeziehung von ethnischen und sexuellen Minderheitengruppen sind die Studenten möglicherweise einfach nicht bereit, die Wahrheit darüber zu sagen, was sie als akzeptable Meinungsäußerung empfinden. Deshalb, und vielleicht ironischerweise, könnte sogar der wahrgenommene Konformitätsdruck die Studenten viel weniger tolerant aussehen lassen, als sie es in Wirklichkeit sind.

Viertens, und das scheint uns am wichtigsten, sind sie nicht in der Lage, die inhärente Konditionalität und Kontextabhängigkeit von Normen der freien Meinungsäußerung abzubilden. Was in den Augen der Studierenden akzeptabel ist und was nicht und welche regulatorischen Konsequenzen gefordert werden, hängt beispielsweise nicht nur davon ab, wer was zu wem sagt, sondern auch von dem spezifischen Kontext, in dem eine Äußerung gemacht wird und welche Wirkung sie hat. Bislang ist die empirische Forschung nicht gut gerüstet, um mit dieser Komplexität umzugehen.

Weiterführende Forschung und Bewertungskriterien

In einem Arbeitspapier adressieren Revers und Traunmüller diese Fragen und präsentieren ein Surveyexperiment, um die Bedingtheit und Kontextabhängigkeit von Präferenzen für die Regulierung von Sprache zu untersuchen. Insbesondere verwenden sie ein Vignetten-Experiment (Auspurg & Hinz 2014), bei dem Studenten gebeten werden, hypothetische Sprechakte zu beurteilen, die sich zufällig anhand von insgesamt sieben Dimensionen unterscheiden: den Sender (soziale Gruppenidentität und Position), den Empfänger (soziale Gruppenidentität) und die Art der Äußerung (Kritik, Witze, Beleidigungen oder Drohungen). Darüber hinaus variieren sie zufällig den Kontext, in dem die Äußerung gemacht wurde, die Reaktion des Empfängers (z.B. fühlt sich beleidigt, hat Angst, gewaltsame Reaktion) sowie die vorgeschlagenen regulatorischen Konsequenzen. Auf diese Weise sind sie in der Lage, die „Grammatik“, die den Normen der freien Meinungsäußerung von Studierenden zugrunde liegt, tiefer als bisher zu erforschen.

Eine mit Fragen der adäquaten Operationalisierung zentraler Konstrukte wie Toleranz, Meinungsvielfalt oder Selbstzensur unmittelbar verbundenes Problem ist die Frage nach der normativen Bewertung der ermittelten Befunde. Anders ausgedrückt: Ab wann ist ein gewisser Antwortanteil oder eine Situation an der Universität überhaupt problematisch? Was ist viel Toleranz, was ist wenig? Reicht eine kleine laute intolerante Gruppe von 5 Prozent bereits aus, um das Diskussionsklima an der Universität zu kippen? Wie legt man diese Kriterien fest? Was sind sinnvolle komparative Benchmarks aus anderen Kontexten?

Wirkung und Folgen der Studie: Für brückenbildende Zusammenarbeit

Eine interessante Wirkung der Studie hatte geradezu performativen Charakter. So entdeckten Kolleginnen und Kollegen, die normalerweise keine quantitativ-methodische Standards anwenden, ihr Interesse an Umfrage-Rücklaufquoten. Andere, die selbst nicht in peer-reviewed Journalen veröffentlichen, fragen, wie die Revers/Traunmüller Studie durch das Peer-Review kommen konnte. Wieder andere, die in ihrer Forschung darauf bestehen, dass Sprache Gewalt sei, betrachten die Intoleranz von Studenten als unwichtig, weil es sich schließlich nicht um manifestes Handeln handele. Diese Kolleginnen und Kollegen sind keineswegs Heuchler und haben ja Recht damit, auf fachliche Aspekte hinzuweisen. Allerdings sind wir als Forscherinnen auch ganz normale Menschen und damit (politisch) motivierte Informationsprozessoren (Taber & Lodge 2006, Kahan 2012).  Wir suchen nach Information, die unsere Vorstellungen stützt und vermeiden Information, die unseren Vorstellungen widersprechen (‘selective exposure’). In der Tendenz scheinen auch wir als Wissenschaftlerinnen solche Studienergebnisse für plausibler zu halten, die unseren – auch lebensweltlichen, auch politischen – Vorstellungen entsprechen, und bezweifeln Studienergebnisse, die unseren Vorstellungen widersprechen (‘motivated credulity/skepticism’). Wir sind uns, so zeigen es zumindest vielfache Studien, auch als Forscher, unserer Sache umso sicherer, je mehr sie unseren Vorstellungen entspricht (und am allermeisten, wenn wir wenig über sie wissen) (‘motivated certainty’).

Genau weil es sich dabei um normales menschliches Handeln handelt, und genau weil wir nie selber ganz überblicken können, welche normativen Vorannahmen unser Forschung imprägnieren, brauchen wir eine Vielfalt der Perspektiven in den Sozialwissenschaften und an der Universität, um uns gegenseitig auf dem Weg der Wahrheitssuche zu korrigieren. Die entscheidende Frage scheint uns daher zu sein, wie man mit unterschiedlichen normativen und analytischen Aprioris und Biases produktiv umgehen kann, und welche Formate der Wissensproduktion und -diskussion hierbei hilfreich sein könnten?

Ein vielversprechender Ansatz könnte in einer „pre-registered adverserial collaboration“ liegen. Dieses Format bringt Befürworterinnen und Kritikerinnen zusammen, um einer gemeinsam vereinbarten Forschungsfrage nachzugehen, und sich auf ein gemeinsames Studiendesign zu einigen. Die Studie wird gemeinsam durchgeführt und liefert Ergebnisse, die im besten Fall auch zu gemeinsam geteilten Schlussfolgerungen führen. Eine Möglichkeit wäre, einen neutralen an der inhaltlichen Frage unbeteiligten Koordinator zu involvieren und jeweils zwei Gruppen von Kritikern und Befürwortern hinzuzuziehen. Das Endergebnis bestünde in einem pre-registrierten Bericht mit ausgefeilten Forschungsfragen und Hypothesen, Forschungsdesign und Plan für die Datenerhebung samt detailliert spezifizierten Inferenzkriterien. Nach unserer Einschätzung ist dies ein zwar aufwändiger, aber auch vielversprechender Weg, mit eigenen Befangenheiten umzugehen und zur kumulativen Wissenserzeugung beizutragen.

Abgesehen vom epistemischen Nutzen dieser „adversarial collaboration“ hoffen wir auch auf einen performativen Nutzen, um etwaige Positionalitätsbedenken auszuräumen. Wir hoffen, in unserer Zusammenarbeit und in dem Vorhaben der pre-registrierten Studie einen Schritt in eine konstruktive Richtung gehen zu können. Wir haben bereits beim Verfassen dieses Textes bemerkt, wie überraschend, mühsam und in der Kombination von beidem, wie fachlich erhellend die Fachdiskussion sein kann.

Ein weiteres Vorhaben, das wir im Zuge erster Diskussionen im Kreis der Autoren und Autorin entwickelt haben, ist ein Sonderheft eines Journals mit Beiträgen aus unterschiedlichen theoretisch-konzeptuellen, normativen, empirischen, methodologischen Perspektiven zu versammeln. Angestoßen durch den hier diskutierten Beitrag, und im Lichte der wichtigen Dynamiken und Fragen, die dabei verhandelt werden – fachlich wie gesellschaftlich – könnte das Issue einen konstruktiven Impuls zur Fachdebatte leisten. Wir sind überzeugt, dass dies gelingen kann.

Bibliographie

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Campbell, B. und Manning, J. 2018. The Rise of Victimhood Culture: Microaggressions, Safe Spaces, and the New Culture Wars. New York: Palgrave Macmillan US.

El-Mafaalani, A. 2018. Das Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt. Kiepenheuer & Witsch.

Jahoda, M. und S. W. Cook. 1952. Security Measures and Freedom of Thought: An Exploratory Study of the Impact of Loyalty and Security Programs. Yale Law Journal, 61. Jg, Heft 3, 295-333.

Kahan, D. M. 2012. Ideology, motivated reasoning, and cognitive reflection: An experimental study. Judgment and Decision making, 8. Jg, 407-24.

Koppetsch, C. 2018. Rechtspopulismus als Klassenkampf? Soziale Deklassierung und politische Mobilisierung. WSI Mitteilungen, DOI: 10.5771/0342-300X-2018-5-382.

Lazarsfeld, P.F. und Thielens, W. Jr. 1958. The Academic Mind: Social Scientists in a Time of Crisis. Glencoe: Free Press.

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Schröder, M. 2018. AfD-Unterstützer sind nicht abgehängt, sondern ausländerfeindlich. SOEPapers 975/2018;
https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.595120.de/diw_sp0975.pdf (Zugegriffen: 15. Feb. 2021)

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Taber, C. S. und Lodge, M. 2006.  Motivated skepticism in the evaluation of political beliefs. American Journal of Political Science, 50. Jg, Heft 3, 755-769.

[1] Wir danken Josef Brüderl für diesen Hinweis.

Ein Gedanke zu „Bedrohte Meinungsvielfalt an deutschen Universitäten? Impulse für eine pluralistische Fachdebatte“

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