Der schmale Grat zwischen Schutz, Selbstbestimmung und In-Dienstnahme

Eva Fleischer

Mit Beginn der ersten politischen Regulierungen im Rahmen der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 wurden von vielen Regierungen alle Personen jenseits der 65 unabhängig von ihrem persönlichen gesundheitlichen Zustand und ihrer körperlichen Fitness pauschal als „Risikogruppe“ kategorisiert. Diese Kategorisierung, die noch weitreichenderen Empfehlungen medizinischer Fachinstitutionen wie der WHO oder des RKI (Robert-Koch-Institut) folgte, zog einschneidende Maßnahmen nach sich. Der Kontakt mit Personen über 65 sollte vermieden werden und in Institutionen wurde die Selbstbestimmung von Care-Empfänger*innen massiv eingeschränkt.

Neben Besuchsverboten kam es zu Ausgangsbeschränkungen für Bewohner*innen von Pflegeeinrichtungen, aber auch von Anlagen des betreuten Wohnens, wo Menschen leben, die nur wenig oder gar nicht auf Unterstützung angewiesen sind. Zusätzlich wurden die ehemals „Best-Agers“ z.B. vom Roten Kreuz von ihren bisherigen Tätigkeiten in der Freiwilligenarbeit ausgeschlossen. Die österreichische Bundesregierung[1] rief zu einem absoluten Kontaktverbot mit der Großelterngeneration auf, damit durfte diese auch keine Care-Leistungen mehr in der Kinderbetreuung von Enkeln erbringen. All dies unter dem Titel des Schutzes.

Kein Thema war und ist bislang der Schutz der älteren Personen, die selbst Care-Leistungen für Partner*innen oder andere pflegebedürftige Angehörige erbringen, z. B. Menschen mit Unterstützungsbedarf aufgrund von Behinderungen. Es wurden Tageseinrichtungen geschlossen, aufsuchende Dienste reduziert und darauf vertraut, dass die notwendigen Care-Leistungen „irgendwie“ von „irgendwem“ erbracht werden würden.

In diesem Beitrag werden zwei Aspekte in Bezug auf Alter(n) und Care in Zeiten der Pandemie unter dem Blickwinkel der Selbstbestimmung herausgegriffen: Erstens die Aufhebung der Selbstbestimmung durch die pauschale Kategorisierung als kollektive gefährdete und care-bedürftige Gruppe bei den über 65jährigen und zweitens die Einschränkung der Selbstbestimmung durch Schutzmaßnahmen in Institutionen bei denjenigen in dieser Gruppe, die Unterstützung benötigen. Dabei wird auch eine Leerstelle aufgezeigt, nämlich die große Gruppe der älteren pflegenden Angehörigen. Ihre Selbstbestimmung und ihr Schutz werden bislang in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend ausgeblendet. Den Abschluss bilden Impulse zur Frage, wie mit dem Spannungsfeld zwischen Schutz, Gefährdung und Selbstbestimmung künftig umgegangen werden könnte.

 

Veränderter Blick auf Ältere – von der Ressource zur Risikogruppe

Die Alter(n)sbilder vor der Corona Pandemie waren in den politischen Leitlinien vom „aktiven“, „erfolgreichen“ bzw. „produktiven“ Altern, insbesondere für die „jungen“ Älteren dominiert, das der pauschalen Wahrnehmung der Älteren als pflegebedürftig und abhängig entgegenwirken sollte:

„Als fundamentales Prinzip wird ‚Aktives Altern‘ angestrebt, wodurch Gesundheit, Sicherheit und Partizipation optimiert werden sollen, um solcher Art die Lebensqualität alternder Menschen zu fördern“ (Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz 2012) so hieß es im Bundesplan für Senioren und Seniorinnen 2012. Teilhabe im Alter fördert die Gesundheit, dies ist unbestritten. Im Hintergrund dieses Blicks auf die ältere Bevölkerung stand aber auch das Interesse an den Potentialen Älterer für das Funktionieren des Sozialstaats.

„Diese Bevölkerungsgruppen (60-69jährige, 70-79jährige) stellen für Non-Profit-Organisationen eine nicht zu vernachlässigende Ressource dar, zumal diese Altersgruppen aufgrund steigender Lebenswartung wachsen.“ (IFES 2016, 65)

Quelle: Foto Caritas Wien

Und in der Tat, der Beitrag von Älteren in der Freiwilligen- und Ehrenamtsarbeit ist enorm. Die höchste Beteiligungsquote aller Altersgruppen im Freiwilligenengagement mit 57% hat die Altersgruppe der 60-69jährigen, bei den 70-79jährigen engagieren sich 43%. Männer sind dabei stärker im formellen Engagement, während Nachbarschaftshilfe besonders von den 60-69jährigen Frauen ausgeübt wird. Personen ab 60 Jahren engagieren sich zu überdurchschnittlichen Anteilen im Kunst- und Kulturbereich, bei Sozial- und Gesundheitsdiensten und im kirchlichen Bereich. 40% der 60-69jährigen leisten im informellen Bereich der Nachbarschaftshilfe vor allem Hausarbeit, handwerkliche Tätigkeiten sowie Besuche bei betreuungsbedürftigen Personen, dies mit rund 6 Stunden wöchentlich (IFES 2016). Nicht alle Tätigkeiten können als Care-Arbeit klassifiziert werden, da die repräsentative Datenerhebung hier nicht differenziert, es kann aber festgehalten werden, dass dies kein unerheblicher Anteil ist.

Ein weiterer Bereich, indem Ältere Care-Verantwortung übernehmen, ist die Betreuung und Pflege von Angehörigen. Nur ein Fünftel der Pflegegeldbezieher*innen lebt in stationärer Betreuung oder wird durch 24-h-Betreuung unterstützt. Alle anderen werden ausschließlich von Angehörigen (41,8%) oder von mobilen Diensten (32,2%) oft in Kombination mit den Angehörigen gepflegt (Hanzl 2020). Nach Schätzungen sind in Österreich 947.00 Personen in die Pflege von Angehörigen eingebunden. 50% dieser pflegenden Angehörigen sind älter als 60, immerhin 25% älter als 70 Jahre (Nagl et al 2018).

Großeltern leisten auch Care-Arbeit in der Betreuung der Enkel. So gaben bei einer repräsentativen Studie 29% der Eltern mit Kindern unter 14 Jahren an, dass ihre Kinder normalerweise von den Großeltern betreut würden (Schönherr 2020).

Und dann kam die Pandemie. Es folgte die pauschale Einstufung der Älteren als gefährdete und hilfsbedürftige Risikogruppe unabhängig vom gesundheitlichen Zustand, körperlicher Fitness und ihrer Selbsteinschätzung. Eine Welle der Freiwilligentätigkeit brandete auf, allerdings waren jetzt Menschen ab 65 nur mehr in der Rolle der Care-Empfänger*innen vorgesehen, nicht mehr als aktiv Tätige.

Quelle: twitter.com/schla-wienerin, stock.adobe.com, krone.at-Grafik

Die Folge: Nur mehr 4% der Großeltern betreuten weiterhin die Enkel (Schönherr 2020). In einer Studie, die die Folgen des „Social Distancing“ auf Ältere in Niederösterreich erforschte, gaben 60% der ehrenamtlich tätigen Personen über 60 an, dass sie ihre Freiwilligentätigkeit nicht mehr ausüben konnten, zum einen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Risikogruppe, zum anderen aufgrund der Kontaktverbote in institutionellen Kontexten (Kolland et al. 2020).

Dies bleibt nicht folgenlos: Franz Kolland hält fest: „Die alten Menschen werden zu einer Problemgruppe, sehen sich dann selbst als eine Problemgruppe, und das wirkt sich auf das eigene Alterserleben aus“. In diesem Zusammenhang zeigt sich das komplexe Spannungsfeld von Schutz, Selbstbestimmung und Bevormundung. In der oben genannten Studie gab ein Fünftel der Befragten an, dass sie sich gar nicht in politische Entscheidungsprozesse eingebunden fühlen. Dies äußerten insbesondere diejenigen, die nicht die Fremddefinition als gefährdete Gruppe übernahmen. Schutz und Bevormundung können sowohl von der Gesellschaft als auch in der Familie erlebt werden. Während 59% der Befragten sich von der Gesellschaft als nicht bevormundet und geschützt sahen, fühlten sich 28% geschützt und bevormundet zugleich und 7% bevormundet und nicht ausreichend geschützt. Ähnliche Konstellationen gibt es auch in der Familie, wobei sich hier weniger Personen bevormundet einschätzten (17%) (Kolland et al. 2020).

 

Zwischen Schutz und Selbstbestimmung

Am stärksten zeigt sich das Spannungsfeld zwischen Schutz und Fremdbestimmung bei zwei Gruppen: bei Älteren, die im informellen Bereich Care leisten und bei Care-Empfänger*innen im stationären Bereich. Die pflegenden Angehörigen wurden zur Ausfallhaftung für Strukturen im Notbetrieb, ohne dass auf ihre Schutzbedürftigkeit oder ihre Lebensrealitäten Rücksicht genommen wurde. Sie hatten und haben keinen bevorzugten Zugang zu Tests oder zu Schutzmaterialien, in Österreich werden sie auch bei der Impfung nicht als bevorzugte Gruppe behandelt. In einer Studie der Volkshilfe mit hundert pflegenden Angehörigen von Personen mit Demenzerkrankungen nannten diese eine Reihe von Belastungsfaktoren durch die Pandemie: den Rückzug von Familienmitgliedern, die Schließung / Nicht-Inanspruchnahme von Tagesbetreuungsstätten, die Einstellung der Nachbarschaftshilfe aus Angst vor Ansteckung, die Reduktion der mobilen Pflege auf ein Minimum, die Heimreise der 24-h-Betreuung, die Unmöglichkeit eigener sozialer Kontakte und persönlicher Auszeiten sowie die fehlende Ausstattung mit Masken und Schutzbekleidung. Zwei Drittel der Befragten berichten von Überforderungssituationen. Sie fühlten sich hilflos (55%), isoliert (41%) oder mit der Pflege und Betreuung allein gelassen (59%) (Volkshilfe 2020).

In den Einrichtungen kam und kommt es neben eingeschränkter Versorgung durch Betretungsverbote von externen Diensten wie Ergotherapie zu Freiheitsbeschränkungen bei Care-Empfänger*innen. So wurde in Wiener Senioreneinrichtungen trotz fehlender behördlicher Anordnungen von den Leitungen verboten, dass die Bewohner*innen die Häuser verlassen. Taten sie es doch, mussten sie einen negativen Test vorweisen oder zwei Wochen im Zimmer in Quarantäne bleiben. Menschen wurden präventiv in ihren Zimmern isoliert, Heime von Sicherheitsfirmen bewacht und Bewohner*innen am Verlassen gehindert, während der Rest der Bevölkerung sehr wohl aus dem Haus gehen konnte. Kontrollinstanzen wie Volksanwaltschaft[2] oder Fachkräfte vom Vertretungsnetz[3] durften während des ersten Lockdowns die Institutionen nicht betreten (Scherndl, Brickner 2020). Hier zeigt sich das Janusgesicht des Schutzes, wenn im Namen des Schutzes Personen dem Schutz durch Kontrollorgane entzogen werden. Im Salzburger Menschenrechtsbericht werden „rigide Beschränkungen und Entmündigung“ von Menschen in institutioneller Pflege und Betreuung dokumentiert, obwohl diese das gleiche Recht auf persönliche Freiheit wie alle anderen Bürger*innen haben. Zu denken gibt ein Beschluss des Obersten Gerichtshofs, der anlässlich einer Klage der Bewohner*innenvertretung entschied, dass eine Isolation im Zimmer bei einem an Demenz erkrankten Menschen selbst nach Vorliegen eines negativen COVID-19 Tests bis 14 Tage nach den letzten Krankheitssymptomen zulässig sei (OGH 2020).

Was ist angesichts dieser Befunde festzuhalten? Eine Spaltung der Gesellschaft in ein „Wir“ (die Gesunden, Jungen, nicht Gefährdeten, nicht Verletzbaren, die Gesellschaft), das paternalistisch „sie“, die Älteren, die Care-Empfänger*innen schützt, indem „wir“ „sie“ ausgrenzen und einschließen, blendet die eigene Verletzlichkeit aus. Gleichzeitig wird die reale Gefährdung von älteren Menschen z. B. als pflegende Angehörige verdrängt und die psychosozialen Folgen dieser Maßnahmen für die verschiedenen Betroffenen vernachlässigt.

Quelle: bmin.info (Behinderte Menschen Inklusiv)

Selbstbestimmung und Angewiesenheit, Engagement und Leben mit gesundheitlichen Einschränkungen müssen sich nicht ausschließen. Diskurse müssen verändert werden von der Perspektive des Schutzes und der Gefährdung hin zu Gerechtigkeit und Solidarität, von einfachen Lösungen zu tiefen Auseinandersetzungen und Gesprächen unter Einbeziehung der Betroffenen rund um die Themen Fürsorge und Selbstbestimmung, Schutz und Autonomie. Verletzlichkeit (besonders) im Alter soll nicht negiert werden, es ist aber unangemessen, ältere Menschen nur unter diesem Blickwinkel allein zu sehen.

Es geht vielmehr darum, die Verletzlichkeit von allen anzuerkennen, die Vielfalt des Alters und der alternden Menschen sichtbar zu machen und entsprechend Teilhabe zu ermöglichen und einzufordern. Ein erster Schritt dazu ist, von besonders gefährdeten Personen zu sprechen – gefährdet sind wir in dieser Pandemie alle. Das Alter kann ein Risikofaktor sein, ein erhöhtes Risiko haben auch jüngere Personen mit chronischen Erkrankungen, mit erhöhtem Unterstützungsbedarf, z.B. Beatmung, ebenso wie Personen in exponierten Berufen. Ein zweiter Schritt wäre die Diskussion, wie Verletzbarkeit, Schutz und Risiko von wem definiert werden. Gelten ausschließlich die Kriterien der biomedizinischen, virologischen Perspektive auf Gesundheit oder haben auch psychosoziale Kriterien ihre Berechtigung? Wie kann ein sinnvoller Schutz für wen aussehen? In welchem Rahmen kann über die individuelle Risikobereitschaft selbst bestimmt werden? Ein dritter Schritt braucht aber auch die Diskussion auf der Meso- und Makroebene. Wie können wir unser Pflegesystem so organisieren, dass ältere Menschen mit und ohne Pflegebedarf gut als Teil der Gesellschaft leben können? Es sind vor allem Großeinrichtungen, die unter den Bedingungen der Pandemie für Care-Empfänger*innen und Personal gefährlich sind. Orientierung am Bezugspflegeprinzip, bei dem Kleingruppen von Bewohner*innen unter Einbeziehung der Angehörigen – falls sie dies wollen – und Ehrenamtlichen betreut werden, könnte eine erste Maßnahme sein. Es braucht ausreichende ambulante Strukturen – auch und gerade in Krisenzeiten -, damit pflegende Angehörige selber bestimmen können, ob und wie viel sie pflegen wollen und so vor Überlastung geschützt sind.

Partizipation im Sinne von Mitbestimmung (“Mit uns, nicht über uns”) an allen Entscheidungen, die Care-Empfänger*innen betreffen, muss umfassend verankert und umgesetzt werden, wie dies in der UN-BRK oder auch der Europäischen Charta der Rechte und Pflichten älterer hilfe- und pflegebedürftiger Menschen bereits festgelegt ist. Das heißt auch, dass Nutzer*innen mit ihrer Expertise in die Entwicklung von Konzepten und Maßnahmen aktiv einbezogen werden sollen. Dazu braucht es Teilhabe fördernde Strukturen und Prozesse wie Selbstvertretungsorgane in Einrichtungen, aber auch partizipative Hilfe- und Sozialplanung. Best-Practice Beispiele und Anleitungen für letzteres gäbe es genug (z. B. Brokamp u.a. 2015).

Ich schließe mit den Worten meiner 90jährigen Mutter, die alleine lebt und noch völlig selbständig ist: „Ich will nicht dadurch geschützt werden, dass ich das Haus nicht mehr verlassen darf und komplett versorgt werde, sondern ich will dadurch geschützt werden, dass sich die „Nicht-Risiko-Personen“ an die Hygieneregeln halten, damit ich mich in der Öffentlichkeit sicher bewegen kann und weiterhin meinen Alltag allein bewältigen kann.“

 

Literatur

Brokamp, Barbara u. a.: Inklusion vor Ort. Der Kommunale Index für Inklusion – ein Praxishandbuch. Berlin 2015

Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (2012): Altern und Zukunft. Bundesplan für Seniorinnen und Senioren. Wien.

Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (2016): UN-Behindertenrechtskonvention – Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen und Fakultativprotokoll. Neue deutsche Übersetzung. Wien.

IFES (2016): Freiwilligenengagement. Bevölkerungsbefragung 2016. Studienbericht. Im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz. Wien.

Hanzl, Lisa: Qualität von Langzeitpflege und das Wohlbefinden von pflegenden Angehörigen. Wien 2020 (https://www.momentum-institut.at/system/files/2020-10/pb_20.2020_1007_angehorigenpflege.pdf, Abruf 12.11.2020)

Kolland, Franz u. a.: Covid-19 und Social Distancing im Alter. Eine Befragung der Bevölkerungsgruppe 60+ in NÖ. Krems 2020 (https://www.noe.gv.at/noe/Familien/Covid19_RapidReport.pdf, Abruf 20.12.2020)

Nagl-Cupal, Martin u. a.: Angehörigenpflege in Österreich. Einsicht in die Situation pflegender Angehöriger und in die Entwicklung informeller Pflegenetzwerke. Universität Wien. Wien 2018 (https://broschuerenservice.sozialministerium.at/Home/Download?publicationId=664, Abruf 23.12.2020)

Netzwerk Demenz vernetzen: Care trotz Corona mit und für Menschen im Alter. Ein Nachdenk-und Diskussionspapier. Wien 2020 (https://www.kardinal-koenig-haus.at/media/care_und_corona_nachdenkpapier_update_29_06.pdf, Abruf 23.12.2020)

Oberster Gerichtshof, Beschluss Freiheitsbeschränkung im Heim wegen der Gefahr einer COVID-19-Infektion vom 23.09.2020, Aktenzeichen 7 Ob 151/20m. JJT_20200923_OGH0002_0070OB00151_20M0000_000.

Schönherr, Daniel (2020): Zur Situation von Eltern während der Coronapandemie. SORA. Wien. Online verfügbar unter https://www.sora.at/fileadmin/downloads/projekte/2020_20133_Momentum_Elternbefragung_Corona_Endbericht.pdf, Abruf 20.12.2020.

Scherndl, Gabriele; Brickner, Irene 2020: Heimbewohner zwischen Freiheit und Schutz. Viele alte Menschen, die in Heimen wohnen, dürfen diese momentan nicht verlassen. In: Der Standard, Ausgabe vom 25.04.2020 (https://www.derstandard.at/story/2000117099117/heimbewohner-zwischen-freiheit-und-schutz) (https://www.derstandard.at/story/2000117099117/heimbewohner-zwischen-freiheit-und-schutz, Abruf 23.12.2020)

Thiessen, Barbara; Weicht, Bernhard; Rerrich, Maria; Luck, Frank, Jurczyk, Karin; Gather, Claudia; Fleischer, Eva & Brückner, Margrit (2020). Großputz! Care nach Corona neu gestalten. Ein Positionspapier zur Care-Krise aus Deutschland, Österreich, Schweiz, http://care-macht-mehr.com/ Abruf 2. 9. 2020

Vertretungsnetz: Über uns. Aufgaben der Bewohnervertretung. Online verfügbar unter https://vertretungsnetz.at/bewohnervertretung/ueber-uns, Abruf 23.12.2020

Volksanwaltschaft: Home. Online verfügbar unter https://volksanwaltschaft.gv.at/, zuletzt geprüft am 23.12.2020

Wahl, Erich (2020): Heimbewohner*innen in der COVID-19-Krise: Rigide Beschränkungen und Entmündigung. In: Salzburger Menschenrechtsbericht. Salzburg, S. 42–44. Online verfügbar unter https://vertretungsnetz.at/fileadmin/user_upload/5a_SERVICE_Wir_in_der_OEffentlichkeit/MB_2020/2020_menschenrechtsbericht_Wahl_Heimbewohnerinnen_in_der_Covid19-Krise.pdf, Abruf 23.12.2020.

 

 

[1] Die Daten beziehen sich – so nicht anders vermerkt – auf Österreich

[2] Die Volksanwaltschaft unterstützt bei Problemen mit Behörden und ist präventiv für die Einhaltung der Menschenrechte zuständig, in dieser Funktion werden Einrichtungen kontrolliert, in denen es zum Entzug oder zur Einschränkung der persönlichen Freiheit kommt oder kommen kann, etwa in Justizanstalten oder Pflegeheimen.

[3] Im Vertretungsnetz schützen Bewohnervertreter*innen das Grundrecht auf persönliche Freiheit von Menschen mit psychischen Erkrankungen oder intellektuellen Beeinträchtigungen u. a. in Alten- und Pflegeheimen auf Basis des Heimaufenthaltsgesetzes.

Großputz! Care nach Corona neu gestalten. Eine Blog-Reihe zum Positionspapier des Initiativkreises care-macht-mehr.com aus Deutschland, Österreich und der Schweiz

Barbara Thiessen

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie im Care-Bereich sind nicht überraschend. Aber für manche doch. Hier hat sich Sars-CoV-2 als Meister der Enthüllung erwiesen. Soziale und geschlechterpolitische Missstände, die in einer sich sozialliberal verstehenden Gesellschaft gerne unter den Teppich gekehrt werden, sind nun unübersehbar geworden. Dazu zählen

  • die anhaltende Entwertung professioneller wie privat geleisteter Care-Arbeiten,
  • die durch vermehrte Frauenerwerbsarbeit aufgeworfenen strukturellen Care-Lücken, die bislang nur notdürftige und partielle Reformen erfahren haben,
  • die sich als resistent erweisenden Geschlechterhierarchien in privaten Beziehungen sowie auf dem Arbeitsmarkt, trotz des allgegenwärtigen Wunsches nach und Bekenntnis für Geschlechtergerechtigkeit,
  • die sich hieraus ergebenden Symptome von Überforderung und Erschöpfung auf individueller Ebene, vor allem bei care-aktiven Menschen,
  • die Nutzung weltweiter Ungleichheitslagen und Migrationsbewegungen für den Bedarf an kostengünstigen Care-Arbeitskräften in Kliniken, Heimen und privaten Haushalten ungeachtet eines erheblichen Care Drain in den Herkunftsländern,
  • die Verschärfung dieser Krisenphänomene spätestens mit Beginn des 21. Jahrhunderts durch die marktorientierte Rationalisierung von Care und die Öffnung der Care-Ökonomie für Renditeziele.

Diese Gemengelage wird seit einigen Jahren als umfassende Care-Krise diskutiert. Der springende Punkt dabei ist das systematische Zusammendenken aller wesentlichen Care-Bereiche, also Erziehung, Betreuung, Pflege, Unterstützung und Beratung, bezahlt und unbezahlt, in Einrichtungen und in privaten Lebenszusammenhängen, bezogen auf Gesundheit, Erziehung, Soziale Arbeit und Pflege. Der Initiativkreis care-macht-mehr.com hat dazu 2013 bereits ein länderübergreifendes Care-Manifest verfasst.

Zur Care-Krise ist mit der Corona-Pandemie nun noch ein Notstand hinzugekommen, der Versäumnisse und fragwürdige Prioritätensetzungen bei der Ökonomisierung des Sozialen und des Gesundheitssektors schonungslos offenlegt. Die Kapazitäten an Intensivbetten können in Ländern wie Deutschland nicht genutzt werden, da es nicht gelingt, ausreichend Pflegefachpersonen für den Bereich zu begeistern und einzustellen. Denn das Berufsfeld „Pflege“ ist durch schlechte Arbeitsbedingungen wenig attraktiv und auch bereits vorhandene Stellen können seit Jahren nicht besetzt werden (vgl. Schweiz, Österreich, Deutschland). Die Corona-Pandemie zeigt wie in einem Brennglas das strukturelle Problem von Pflege heute. Dies gilt nicht nur in der Intensivpflege, sondern in allen pflegerischen Fachgebieten.

War die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schon vor der Pandemie eine Belastung, ist sie mit der Gleichzeitigkeit von Home-Office und Home-Schooling – besonders für Alleinerziehende und Familien in beengten Wohnverhältnissen – zur fast unlösbaren Aufgabe geworden. Viel ist bereits über den Trend einer „Re-Traditionalisierung“ während der Lockdowns diskutiert worden. In den noch folgenden Blog-Beiträgen wird dieser Frage differenzierter nachgegangen werden. Bemerkenswert ist, dass das Problem der Unvereinbarkeit von Home-Office und Kinderbetreuung bereits von findigen Hotelbuchungsportalen aufgegriffen wird, wie die Abbildung zeigt: Dem „Ruhe buchen“ liegt jedoch ein nicht unerwarteter Geschlechtertext zugrunde.

Nicht nur Kindertagesbetreuung hat im Privaten zugenommen. Auch Angehörige pflegebedürftiger alter Menschen und von Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen sind von erheblich gestiegenen Pflegeanforderungen betroffen, zum Beispiel durch die Schließung von Betreuungseinrichtungen in den Lockdowns. Prekäre Beschäftigungsmodelle, wie etwa die häusliche Versorgung durch „24-Stunden-Betreuerinnen“, sind in der Pandemiesituation kollabiert. Verschärft haben sich ebenso die schon schwierigen Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit.

Zwar ist dank Corona die hohe Bedeutung von Care für Daseinsvorsorge und für die Aufrechterhaltung des Alltagslebens offensichtlich geworden. Die „Systemrelevanz“ von Care-Arbeit (vgl. dazu auch den SozBlog von Martina Franzen), in der geschlechterkritischen Sozialwissenschaft längst diskutiert, wurde nun sichtbar und öffentlich beklatscht. In den Krisenstäben und Expertengremien waren Vertretungen des Care-Bereichs jedoch gar nicht oder nicht angemessen vertreten.

In der noch andauernden Pandemie wird einmal mehr deutlich, dass zum Menschsein nicht nur der Wunsch nach Unabhängigkeit und Eigenständigkeit gehört, sondern auch Verletzlichkeit und Angewiesenheit. Menschen können – in jedem Alter – ohne Care nicht (über-)leben. Frauen sind als Care-Gebende sowohl in Familien als auch in Care-Berufen überproportional aktiv. Dass Care-Tätigkeiten in beiden Bereichen sinnstiftend und erfüllend sein können, entdecken aber auch immer mehr Männer. Eine Neuausrichtung von Care gelingt jedoch nicht mit der Beibehaltung von Geschlechterklischees.

Die Initiative care-macht-mehr.com hat sich vor zehn Jahren gegründet, um wissenschaftliches Wissen zur Care-Krise länderübergreifend auszutauschen und zu systematisieren. Wir sind überzeugt, dass die Corona-Pandemie nicht nur die dramatischen Verwerfungen der Care-Krise auf drastische Weise offengelegt hat. Durch die öffentliche Aufmerksamkeit auf Care-Fragen besteht auch die Chance, Daseinsvorsorge umfassend neu zu gestalten. Die Krise kann dann dafür eine Perspektive e sein, wenn nicht nur Prämien und Held*innentitel verteilt werden, sondern die Gelegenheit genutzt wird, die Gesundheits-, Sozial- und Wohlfahrtssysteme und somit die Gesamtheit von Care-Arbeit gesellschaftlich solidarischer und geschlechtergerechter zu organisieren und zu finanzieren.

Es braucht einen Großputz: Missstände der Care-Krise, die bislang unter den Teppich gekehrt wurden, müssen endlich angegangen werden! Dazu haben wir im August 2020 ein Positionspapier verfasst, in dem wir erste Arbeitspakete vor dem Hintergrund unserer Forschungen zusammengestellt haben, die an einigen Stellen exemplarisch auf die besondere Situation in den drei Ländern Deutschland, Österreich und Schweiz Bezug nehmen. Dieser Blog gibt uns in den nächsten Wochen die Möglichkeit, einige Arbeitspakete differenzierter darzustellen. Geplant sind folgende Beiträge:

  1. Care und Bezahlung/Ökonomie, Prof. Dr. Claudia Gather
  2. Bezahlte und unbezahlte Care-Arbeit: wo alles zusammenkommt, Prof. Dr. Maria S. Rerrich
  3. Care und Gewalt, Prof. Dr. Margrit Brückner
  4. Care und Selbstbestimmung – Mitbestimmung, Prof. Dr. Eva Fleischer
  5. Transnationale Care-Arrangements – Solidarität, Dr. Sara Schilliger
  6. Männer*, Männlichkeiten und Care, Dr. des. Frank Luck
  7. Care und Zeit, Appell zu Vernetzung und Bündnissen, Dr. Karin Jurczyk

Wir freuen uns über Rückmeldung, Anmerkungen und Hinweisen zu aktuellen Forschungsprojekten im Kontext von Care.