Gesellschaft unter Spannung. Was kann die Soziologie zur Bewältigung der Corona-Krise beitragen?

Jedes Gespräch, ob privat oder beruflich, ist momentan von einem einzigen Thema dominiert und das ist der individuelle und gesellschaftliche Umgang mit dem Corona-Virus. Der Ausbruch des Corona-Erregers wurde von der WHO inzwischen als Pandemie eingestuft, nach dem ersten Ausbruch in China sind inzwischen offenbar 148 Länder betroffen. Innerhalb der letzten Woche hat sich auch hierzulande die Krisensituation massiv verschärft. Die Gesellschaft steht enorm unter Spannung [i]. Aus diesem Grund weiche ich jetzt von meinem ursprünglichen Schreibplan des Blogs ab, um den Fokus auf die derzeitige Krise und ihre Bewältigung zu richten. Es erfolgt allerdings keine Analyse, sondern zunächst eine Dokumentation der dynamischen Entwicklung der letzten Tage, verbunden mit der offenen Frage: Welches Wissen kann und sollte speziell die Soziologie zur Krisenbewältigung beitragen?

Soziale Distanzierung als Mittel des Krisenmanagements

Das Corona-Virus hält seit Beginn des Jahres die Welt in Atem und inzwischen hat sich Europa zum Epizentrum der Pandemie entwickelt. Auf der interaktiven Landkarte der Johns Hopkins Universität lassen sich die Zahlen der registrierten Infektions- und Todesfälle in Echtzeit einsehen. Demzufolge liegt die Anzahl der Infizierten in Deutschland bei 5813, während 13 Menschen bislang an den Folgen des Corona-Virus gestorben sind (Stand heute: 16. März 2020), das Robert-Koch-Institut offeriert eine genauere Kartierung nach Bundesländern, die Zahlen differieren leicht gegenüber den letztgenannten. Es gibt regionale Epizentren wie die Gemeinde Heinsberg in Nordrhein-Westfalen und es gibt Gegenden wie in Sachsen-Anhalt oder dem Saarland, die von der Erkrankung noch weitestgehend verschont geblieben sind. Bundesweit wurden Testzentren errichtet, um eine schnellstmögliche Diagnose zu erreichen und auf diese Weise die weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen. Die politischen Maßnahmen im Umgang mit Corona haben sich gerade in den letzten Tagen massiv verstärkt und sie greifen tief in den sozialen Alltag ein: Die Lösung heißt soziale Distanzierung, um eine weitere Verbreitung über Tröpfcheninfektion zu vermeiden.

Von der Bundesregierung wurden zur Minimierung des Ansteckrisikos in einem ersten Schritt Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmenden untersagt. Dies betrifft Messen, Großkonzerte genauso wie Fußballspiele, die nun ohne Zuschauer_innen als sogenannte Geisterspiele vorläufig weiterlaufen. Der Start des Sommersemesters an Hochschulen in Berlin und vielen weiteren Bundesländern wurde auf Ende April verschoben, Präsenzveranstaltungen in der vorlesungsfreien Zeit abgesagt. Vor drei Tagen wurden in der Hauptstadt alle staatlichen Kultureinrichtungen wie Bibliotheken, Museen, Gedenkstätten und Theater-, Opern- und Konzerthäuser bis auf Weiteres geschlossen. Kneipen- und Klubschließungen wurde gegenüber dem erstgenannten Termin auf das Wochenende vorgezogen. Öffentliche Gottesdienste und Freitagsgebete wurden mehrheitlich ebenso bis auf Weiteres ausgesetzt. Im weiteren Schritt wurden alle anderen Einrichtungen mit Publikumsverkehr (Spielhallen, Kinos, Bordelle) bzw. Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmenden per Verordnung des Berliner Senats geschlossen bzw. verboten. Auch der Sportbetrieb auf allen öffentlichen und privaten Sportanlagen wurde vorübergehend eingestellt (u.a. Schwimmbäder, Fitnessstudios).

Betroffen ist somit das gesamte öffentliche Leben wie bereits in Italien [ii]. Ein besonders starker Einschnitt, der noch am längsten hinausgezögert wurde, ist die Schließung von Schulen und Kitas bis zum Ende der Osterferien und dies nahezu flächendeckend. Wie Arbeit und Kinderbetreuung konkret organisiert werden kann, bleibt vielen Arbeitnehmer_innen und Arbeitgeber_innen derzeit noch ein Rätsel. Ob und wie der öffentliche Nahverkehr weiter aufrechterhalten werden kann, ist derzeit ebenso ungewiss. Für heute wurde angekündigt, dass der Regionalverkehr eingeschränkt wird. Die Bahn rechnet damit, dass die Zahl an Berufspendler_innen wegen des Bedarfs der Kinderbetreuung nun sowieso stark abnehmen wird. Ad hoc wurden jetzt auch hierzulande Grenzkontrollen beschlossen, um den Reiseverkehr zu unterbinden mit dem Ziel, der weiteren Ausbreitung Herr zu werden. Mit der Einschränkung des Verkehrs nicht nur in Deutschland, sondern auch andernorts wächst derzeit die Sorge um Versorgungssicherheit. In manchen europäischen Ländern wie Italien, Österreich und Spanien wurden inzwischen Ausgangssperren verhängt, in Deutschland wird darüber derzeit debattiert.

Sorge um die gesellschaftlichen Auswirkungen

Über die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Krise lässt sich derzeit nur spekulieren, aber sie werden massiv sein. Der Aktienindex Dax ist heute auf ein Vierjahrsrekordtief unter 9000 Punkte gesunken. Zahlreiche Personengruppen (u.a. Kulturschaffende), Einrichtungen und Unternehmen sehen sich in ihrer Existenz bedroht, erste Petitionen sind bereits angelaufen. Finanzielle Unterstützungsmaßnahmen für die hiesige Wirtschaft wie Kreditzusicherungen, Kurzarbeitergeld und Steuererleichterungen wurden von Regierungsseite zwar bereits zugesichert, doch bieten sie momentan noch wenig konkrete individuelle Haltepunkte. Die politische Devise lautet im Einklang mit dem wissenschaftlichen Expertenrat derzeit primär „Flattening the Curve“, um einen Zusammenbruch des medizinischen Versorgungssystems bei einer exponentiellen Verbreitung hierzulande unbedingt zu verhindern. Wie lange dieser Ausnahmezustand also andauern wird und entsprechend auch die Höhe der wirtschaftlichen Konsequenzen ausfallen, ist von der Entwicklung der Zahlen an Neuinfizierten abhängig. Deshalb ist jede Bürgerin aufgefordert, den medizinischen Empfehlungen zu folgen, um dem unsichtbaren Virus möglichst zu entgehen und die Verbreitung dadurch zu verlangsamen. Die allgemeine Regel heißt, häufiges Händewaschen und Face-to-Face-Kontakte minimieren. Zur allgemeinen Verunsicherung trägt die Tatsache bei, dass die Symptome des Coronavirus SARS-CoV-2 sich nicht ohne Weiteres von Grippe- oder Erkältungssymptomen unterscheiden lassen. Dementsprechend hoch fällt der derzeitige Andrang auf die Hausärzte und die Testzentren aus, der organisatorisch bewältigt werden muss.

Die Politik rät zu Recht zur Besonnenheit. Was in dieser Krisensituation unbedingt zu vermeiden ist, sind Panik und Hysterie. Erste Anzeichen dessen zeigen sich im Phänomen der Hamsterkäufe. In den Supermärkten herrscht derzeit eine angespannte Stimmung, wenn sichtbar wird, dass ganze Regale leergefegt sind. Zwar gibt es bislang keine Lieferengpässe, doch scheint sich die Krisenwahrnehmung zunächst im Prepping niederzuschlagen. Kassierer_innen berichten von irren Einkäufen, Einkaufswagen quellen über, Toilettenpapier wird zum Symbolbild. Zur Mangelware sind hierzulande Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken geworden. Erstes kriminelles Verhalten zeigt sich in den bekannt gewordenen Diebstählen von Desinfektionsmitteln in Krankenhäusern, um mit der Angst in der Bevölkerung Geschäfte zu machen. Gesellschaftliche Solidarität ist gefordert und dies insbesondere gegenüber den als vulnerable Gruppen gefassten Kranken und Älteren. Nach ersten epidemiologischen Studien sowie den Erfahrungen mit dem Coronavirus im Ausbruchsland China liegt das Sterberisiko für diese Lungenkrankheit angeblich bei 0,3 bis fünf Prozent, bei Personen ab 65 Jahren wohl deutlich höher [iii]. Dementsprechend wurde in den Kranken- und Pflegehäusern inzwischen auch die Besuchsmöglichkeit von Patient_innen eingeschränkt. Dass eine solche Kontaktsperre auch psychische Auswirkungen auf die Betroffenen hat, seien es Patientinnen im Krankenhaus oder Personen zu Hause in Quarantäne, ist naheliegend. Die gesellschaftliche Hilfsbereitschaft wächst demgegenüber wie bestimmte Solidaritätsaktionen für Hilfsbedürftige in Wien und Berlin in der #nachbarschaftschallenge demonstrieren. Eine jüngste Umfrage für Deutschland zeigt darüber hinaus, dass die Bereitschaft, sich einzuschränken, „überraschend hoch“ ausfällt.  

Doch die Frage steht im Raum: Wie lange lässt sich ein solcher Ausnahmezustand halten, ohne die soziale Ordnung zu gefährden?

Wissenschaftliche Politikberatung

Die politischen Entscheidungen in der Corona-Krise bauen derzeit vorrangig auf wissenschaftliche Einschätzungen von Expertinnen aus der Virologie und Epidemiologie. Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte in ihrer Videobotschaft vom 11. März 2020: „Die Maßstäbe für unser Handeln, unser politisches Handeln ergeben sich aus dem, was uns Wissenschaftler und Experten sagen.“ Wissenschaft und Politik scheinen sich nie näher gewesen zu sein. Gemeinsam geht es darum, diese große gesellschaftliche Herausforderung zu meistern, die vor allem schnelles politisches Handeln erfordert [iv]. Das Verhalten in der Krise gilt zugleich als Paradebeispiel für Wissenschaftskommunikation [v]. Beispielsweise berichtet Prof. Dr. Christian Drosten von der Charité Berlin, inzwischen eine prominente Figur, seit dem 28. Februar 2020 täglich im NDR-Podcast mit sehr viel Zuruf über die neueren Entwicklungen und teilt seine wissenschaftlichen Einsichten. Bemerkenswert daran ist, dass die Stimme der Wissenschaft hier eben gerade nicht apodiktisch daherkommt, sondern ganz nah am laufenden Forschungsprozess auch Revisionen des vorher Gesagten miteinschließt und die Gründe dafür einem fachfremden Publikum genauer erläutert. Da nicht nur der Virus, sondern auch die Form einer Pandemie hierzulande unbekannt ist, sind alle politischen Entscheidungen und Verhaltensregeln derzeit nur unter dem Vorzeichen wissenschaftlicher Unsicherheit möglich. Dennoch und das ist bezeichnend, steht die epistemische Autorität der Expert_innen dadurch nicht in Frage. Hinzukommt die relative Einigkeit unter den Expert_innen. Aber reicht die medizinische Einschätzung in dieser Krise für Politik und Öffentlichkeit aus oder braucht es nicht endlich vielfältigere Stimmen aus der Wissenschaft, und zwar zu den ökonomischen, politischen und sozialen Implikationen? Wie wirken sich die gegenwärtig laufenden und angekündigten Beschränkungen des öffentlichen Lebens konkret aus, welche möglichen Risiken gilt es zu vermeiden? Wie lassen sich relevante Informationen für unterschiedliche Gruppen am besten aufbereiten und zirkulieren?

Zur Rolle der Soziologie als Beratungsinstanz

Momentan sind wir als Soziologinnen und Soziologen wie alle Bürger_innen auch vermutlich primär damit beschäftigt, die neuesten Regelungen und verwaltungstechnischen Anweisungen zu registrieren und individuelle Bewältigungsstrategien für den Alltag zu entwickeln: Wir sind eifrig dabei, unseren Forschungs- und Lehrkontext zu reorganisieren [vi], alternative Kinderbetreuung sicherzustellen, Mobilität zurückzufahren, Sorge für Familienmitglieder zu tragen und dabei dem Vorsatz der sozialen Distanzierung zu folgen. Die Berufsrolle ist zum Teil irritiert, das Handeln der Organisation verzögert, Patentrezepte gibt es nicht.

Selbst auf die Gefahr hin, dass ich meine derzeitige Rolle als Autorin des SozBlogs mit diesem Appell überziehe: Doch wäre jetzt nicht genau der richtige Zeitpunkt, um die Vielfalt der soziologischen Expertise zu bündeln und Beratungsleistungen für das Krisenmanagement auf verschiedenen Ebenen zu erarbeiten? Wäre das nicht Teil des öffentlichen Auftrags der Soziologie als Wissenschaft, die über das soziale Zusammenleben von Individuen in der Gesellschaft forscht, ihre relevanten Erkenntnisse in dieser Ausnahmesituation einzubringen, und zwar auch zu präventiven Zwecken für die Gesellschaft unter Quarantäne? Public Sociology at its best? Neben reflexivem Wissen ist momentan Orientierungswissen gefragt, doch wie und womit fängt man an? Womit wurde bereits begonnen? Welche Erkenntnisse lassen sich aus der Katastrophen-, Organisations-, Bildungs-, Medizin-, der Familien-, der Mediensoziologie oder allen weiteren Speziellen Soziologien auf diesen Fall übertragen? Welche politischen Vorkehrmaßnahmen sind zu treffen, um die zu erwartenden Negativeffekte eines gesellschaftlichen Shutdowns abzufedern und unbeabsichtigte Folgen frühzeitig zu antizipieren? Welche Forschungsprojekte sind eventuell bereits angelaufen, auch und gerade im internationalen Vergleich?

Hinweise, Sammlungen, Analysen, Anregungen, Diskussionen auf dem Blog sind herzlich willkommen.



[i] So der Titel des anstehenden Soziologiekongresses im September in Berlin, der nun wie eine weise Vorausschau klingt.  

[ii] Italien als das hinter China zurzeit am zweitstärksten vom Coronavirus betroffene Land verzeichnet momentan laut aktuellen Nachrichten 250 Tote pro Tag.

[iii] Die Bezifferung der Sterberate unterscheidet sich hier je nach Region. Angesichts der unbekannten Dunkelziffer sind zum jetzigen Zeitpunkt noch keine verlässlichen Zahlen und vergleichenden Studien verfügbar. Laufend aktualisierte Informationen dazu liefert das Fact Sheet des Science Media Centers.

[iv] In der Klimakrise gelingt dies bekanntlich nicht.

[v] Wissenschaftskommunikation mehr zu fördern, entspricht zugleich den aktuellen politischen Zielstellungen.

[vi] Dies soll Thema des nächsten Blogposts werden, falls nichts Anderes dazwischenkommt.

Zu wenig Soziologie?

Eigentlich wollte ich hier etwas ganz anderes schreiben. Es sollte erst das Thema „Komplexität“, dann „Terror“ und dann (selbstverständlich) „Fuzzy-Logik“ behandelt werden. Dann aber habe ich mich zweimal geärgert: Das erste Mal nach einer Veranstaltung im Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen nach einem Vortrag von Herfried Münkler. Schöner Vortrag! Danach gesellte sich an den Schnittchenstehtisch ein mir bis heute unbekannter Mensch zu uns und fragte zunächst, ob mein von mir sehr geschätzter Gesprächspartner (Prof. Dr. El-Mafaalani) und ich auch Promovenden am KWI seien. Darüber müsste man sich nicht gleich ärgern, sondern könnte das unserem jugendlichen Antlitz zuschreiben und als Kompliment verstehen. Ich fürchte nur, so war es nicht gemeint. Denn wir hatten uns zuvor bereits als Soziologen „geoutet“ – und wenn die dann auch noch lange Haare haben…. Da haben wohl alle Vorurteile direkt getriggert. So ging es direkt dann auch (sinngemäß) weiter mit der Frage, wieso die Soziologie denn der Gesellschaft nichts mehr zu sagen habe und eigentlich sei deren Wissenschaftlichkeit ja in Frage zu stellen, wenn dieser gesellschaftliche Output nicht vorhanden sei. Nun ja, Rückzug, das Gespräch mit Aladin El-Mafaalani über die eigenen Forschungen zu Terrorismus und die Salafistenszene wurde vor der Tür fortgesetzt.

Tage danach hat mich die aktuelle Erkältungswelle erwischt und ich habe fiebrig im Bett liegend Gelegenheit gehabt, mich mehr im Internet auf Facebook, Twitter und diversen Blogs umzugucken. Die Behauptung, die Soziologie sei keine Wissenschaft und sie verdiene es, abgeschafft zu werden, scheint dort Konjunktur zu haben. Da kann man sich direkt wieder ärgern. Bekanntermaßen sind da exemplarisch die Gender Studies brutal in den Mittelpunkt gerückt (auf diese Diskussion möchte und werde ich hier nicht eingehen), aber die Soziologie in Gänze angegriffen worden.

Zweimal ärgern und nun blogge ich hier aus der Perspektive der Soziologischen Theorien, wohl wissend (gerade weil ich weiß), welch seriöse und gute Arbeit mit gesellschaftsrelevanter Reichweite die Kolleginnen und Kollegen in anderen Bereichen dieser Disziplin machen! Vielleicht nicht jede(r) einzelne, aber alle! Hier nun die Frage: Haben die Soziologischen Theorien der Gesellschaft nichts mehr zu sagen?

Oh doch, haben sie! Man beachte nur – das nächste Ärgernis – den „Fall Edathy“ und das, was es dazu an Argumenten und Einlassungen im Internet gibt (von empörten Vergleichen der 5000€, die Edathy zur Einstellung des Verfahrens zu zahlen hat mit zu den 540.000€, die der Fußballer Marco Reus für eine Strafe wegen Fahrens ohne Führerschein zahlen musste; über direkte „Schwanz ab“-Forderungen bis zu Anstiftungen zum Mord). Von der oft gepriesenen „Weisheit der Massen“ ist hier sehr wenig zu spüren, eher dieselbe Brutalität, von der oben schon die Rede war. Es scheint sich Nietzsches Vermutung aus „Menschliches, Allzumenschliches“ zu bestätigen: „Einer Erkenntnis zum Siege verhelfen heißt oft nur: sie so mit der Dummheit verschwistern, daß das Schwergewicht der letzteren auch den Sieg für die erstere erzwingt.“

Es mag sein, dass Diskussionen um das Frame-Selection-Model, die richtige Auslegung von Emergenz oder zur Frage nach der angemessenen epistemologischen Verknüpfung von handlungsfähigen Akteuren und Materialität möglicherweise (!) hier keine direkte Rolle spielen.

Aber Wissen um und über die funktionale Differenzierung der Gesellschaft beispielsweise, an der RWTH Teil der Theorien-Vorlesung im 2. Semester, sollte helfen zu verstehen, dass die Unterscheidung von Recht/Unrecht nicht dieselbe ist wie die von Achtung/Missachtung. Recht ist nicht die Moral der Gesellschaft und umgekehrt – und das ist auch gut so. Derartige Komplexität zu verstehen, dass es heutzutage immer verschiedene Blicke auf ein Ereignis gibt, welche ganz unterschiedliche Welten öffnen, diese Polyoptik lehrt u.a. die Soziologische Theorie. Und auch, welche Probleme es mit sich bringen kann, wenn die eine Welt ungeordnet in eine andere übergreift.

 

Mehr Soziologie für die Massen – vielleicht wird sie dann etwas weiser!

Der 37. DGS-Kongress in Trier. Der 5. Tag

„Außer routinierten Katastrophen ist alles gut gelaufen“, so fasste Stephan Lessenich die letzte Woche augenzwinkernd zusammen, doch bei der Saalwette musste er sich Martin Endreß geschlagen geben. Es kamen mehr „Krisenroutiniers“ auf die Bühne, als Lessenich gewettet hatte. Unter verdient tosendem Applaus wurde dem Organisationsteam und den Helfer_innen für den reibungslosen Ablauf und die Planung gedankt. So fand die Kongresswoche heute mit der Verleihung des Preises für ein hervorragendes wissenschaftliches Lebenswerk an Zygmunt Bauman einen fulminanten Abschluss.

Die Laudatio auf Herrn Bauman hielt Ulrich Beck, der seinen Vortrag mit dem Titel: „Sinn und Wahnsinn der Moderne“ überschrieb. Bauman sei „kein gewöhnlicher Mensch und kein gewöhnlicher Soziologe“, so Beck und würdigte seine tiefe Aufrichtigkeit und seinen sensiblen Sprachgebrauch. Beck hob das von Bauman erarbeitete Verhältnis von Macht und Politik hervor, diagnostizierte dieser „Ehe“ eine Trennung mit Aussicht auf Scheidung und verwies dabei unter anderem auf die politische Relevanz seines Lebenswerks.

Mit stehenden Ovationen wurde Zygmunt Bauman anschließend auf der Bühne empfangen. Scherzhaft kommentierte er, dass seine eigentliche Leistung nur darin bestehe, ein so hohes Alter erreicht zu haben – nicht nur sympathisch, auch noch bescheiden. Bezogen auf das Kongressthema ging er in seinem Festvortrag darauf ein, inwiefern vergangene Krisen Auswirkungen auf die Gegenwart haben können. Ereignisse wie der 30jährige Krieg oder die Reformationsbewegungen sind eben keine singulären Ereignisse, die für sich stehen, sondern ihre Schatten reichen weit darüber hinaus. So ist die Gegenwart weniger durch die Vergangenheit bestimmt als vielmehr durch ihre ungelösten Aufgaben geprägt. Er möchte sich nicht anmaßen, Vorhersagen über zukünftige Entwicklungen zu treffen, sondern appellierte an die ihm nachfolgenden Generationen, die richtigen Fragen zu stellen und nicht nur Antworten zu suchen.

Abschließend möchte auch ich mich bei allen Beteiligten für diese spannende und aufschlussreiche Woche bedanken. Trier hat bewiesen, dass man mit einem tollen Team und guter Zusammenarbeit auch an einer kleinen Universität einen großen Kongress stemmen kann.

Der 37. DGS-Kongress in Trier. Der 4. Tag

Während ich gestern die Hälfte des Tages mit der Präsentation unseres Forschungsprojektes beschäftigt war, konnte ich mich heute wieder mehr dem Vortragsgeschehen widmen. Ein Programmpunkt war die Mittagsvorlesung von Susanne Baer. Ich gebe zu, ich war beim Titel „Erschütternd. Zur Praxis des Verfassungsrechts“ auf eine nicht sonderlich spannende Vorlesung eingestellt, habe aber von einem Kommilitonen den Tipp bekommen, hineinzugehen, da er schon mal bei einem ihrer Vorträge war und es sich durchaus lohnen könnte. Er sollte Recht behalten. Die Vorlesung war nicht nur sehr gut strukturiert, frei vorgetragen und sprachlich toll formuliert, sondern auch inhaltlich sehr spannend. So schilderte Frau Baer das Verhältnis von Krisen und Routinen hinsichtlich der Rechtspraxis als ein dialektisches. Recht hat auf der einen Seite den normativen Anspruch, Krisen präventiv zu begegnen bzw. diesen entgegenzuwirken. Auf der anderen Seite können jedoch auch Krisen herbeigeführt werden: durch Rechtsprechung wird mit alten Routinen gebrochen und die Entwicklung neuer Routinen verlangt. In dieser Hinsicht versuchte sie der Soziologie über den Zusammenhang der Rechtsprechung mit der Krise und gesellschaftlichen Routinen ein neues Forschungsfeld aufzuweisen.

Am Nachmittag besuchte ich die Ad-Hoc-Gruppe „Die Vermessung des Selbst – Zur Quantifizierung des Körpers“. Das relativ neue Forschungsfeld setzt sich mit dem sogenannten „Self-Tracking“ auseinander, der Messung und Auswertung von Daten wie z.B. Schlafrhythmus, Essverhalten oder Herzfrequenz mittels Computerprogrammen oder Gadgets. Der Körper wird zur Datenquelle und der Mensch zum Manager seines Selbst. Die bisherigen Forschungsergebnisse zu diesem Thema speisen sich vor allem aus qualitativen Interviews und es zeigt sich, dass die (ambitionierten) Self-Tracker dies vor allem für die eigene Motivation (gegen den inneren Schweinehund) und zur Verbesserung der eigenen Leistung tun. Vorher scheinbar routinierte Handlungen wie schlafen oder Treppen steigen gewinnen jedoch unter dem Licht der Aufzeichnung in quantifizierbare Daten eine völlig neue Bedeutung. Man hat nicht mehr nur „gut geschlafen“, sondern man kann auswerten, wie gut man geschlafen hat. Die Nutzer interpretieren und veranschaulichen ihre Daten, werden also zum (vermeintlichen?) Experten über den eigenen Körper und setzen somit neue Anreize, die Verhaltensänderungen zur Folge haben. Das Thema bietet viel Raum für kontroverse Diskussionen und wird wohl nicht nur in der Soziologie noch viel Beachtung finden.

Die letzten Tage, das klang in den vorangegangen Blogbeiträgen schon mit, lieferten sehr viel Input. Heute Abend war meine letzte Schicht als HiWine und ich muss sagen, ich empfand es als eine angenehme Abwechslung, mich hierbei „nur“ körperlich zu betätigen, d.h. Kisten tragen, Flaschen einsammeln, Gläser wegräumen und helfen, wo Hilfe benötigt wurde. Umso perplexer war ich, als heute, kurz nach Feierabend, Zygmunt Bauman neben mir stand und sein Begleiter mich fragte, ob ich nicht ein Taxi bestellen und ihnen den Haupteingang zeigen könne. Ein kurzes, aber nettes Gespräch später stiegen sie ins Taxi und fuhren zum Hotel. Bis Morgen, Herr Bauman, ich freue mich auf Ihren Vortrag!

Der 37. DGS-Kongress in Trier. Der 3. Tag

Der heutige Tag war für mich zunächst vor allem durch die Präsentation unseres Forschungsprojektes „Kunst und Schrott“ auf der Postersession geprägt. Im C-Gebäude fand eine Ausstellung von Forschungsarbeiten internationaler Nachwuchswissenschaftler_innen statt. Es ist wohl auch dem Zeitrahmen zwischen 12.00 und 14.00 Uhr geschuldet, dass sich der Andrang in Grenzen hielt, denn der angeschlagene Zeitraum kollidierte sowohl mit der Mittagspause als auch mit der Mittagsvorlesung von Piotr Sztompka. Nichtdestotrotz war allein die Vorbereitung (Schreiben des Abstracts für das Bewerbungsverfahren, konkrete Umsetzung in visuell und inhaltlich ansprechender Posterform) die Erfahrung allemal wert, da diese Arbeit sicher eine gute Schule für zukünftige, vergleichbare Bewerbungsverfahren war. Darüber hinaus konnte ich mich mit anderen Beteiligten der Postersession über ihre jeweiligen Projekte und Forschungsarbeiten austauschen. Dabei hatte ich die Gelegenheit, für meine anstehende Abschussarbeit wertvolle, vor allem methodische Anregungen und Tipps zu sammeln. Leider konnte ich aufgrund der Präsentation den Vortrag von Herrn Sztompka  zum Thema „Existential Uncertainty: The Predicament of our Time“ nicht hören, der in meinen Augen zu einem der Höhepunkte auf diesem Kongress zählte.

Dafür hatte ich am Nachmittag Zeit, aus der Fülle an Veranstaltungen meinen Favoriten zu wählen. Eigentlich wollte ich die Sektion Kultursoziologie mit dem Thema „Soziologie als kritische Theorie oder Soziologie als Krisenwissenschaft“ besuchen, die mit prominenten Gästen wie zum Beispiel Stephan Moebius und Hartmut Rosa besetzt war. Hier war das Interesse aber so groß, dass der Raum völlig überfüllt war und ich mich daher nach Alternativen umsehen musste. Meine Wahl fiel dann spontan auf die Ad-Hoc-Gruppe „Kaufen für eine bessere Welt“, da ich mich für das Thema Nachhaltigkeit und die Konzeptionierung des Begriffs „ethischer Konsum“ auch abseits des wissenschaftlichen Kontextes interessiere. So wurden hier unterschiedliche Forschungsarbeiten vorgestellt, die unter anderem die Motivation des Kaufens von Fair-Trade Kaffee unter Beeinflussung verschiedener Faktoren untersuchten oder die Rolle von Verbraucherorganisationen als Intermediäre zwischen Kunden und Unternehmen in den Fokus rückten. Dabei kam es zu interessanten Ergebnissen, unter anderem, dass der Kaufpreis gegenüber anderen Faktoren wie gezielter Informationsstreuung oder dem Appell an die ethische Vernunft ein entscheidender Faktor für die Bereitschaft ist, Kaffee zu kaufen, der das Fair-Trade Siegel trägt. Hierbei zeigt sich einmal mehr, dass von diesem Kongress wichtige gesellschaftliche Impulse ausgehen können, dahingehend, dass auf der Basis solcher Studien der Frage nachgegangen werden kann, wie der Wandel hin zu einem nachhaltigen Konsum am ehesten motiviert werden kann.

Als Zwischenbilanz zur Halbzeit des Kongresses ziehe ich aus den von mir besuchten Veranstaltungen ein überwiegend positives Resümee. Etwas schade finde ich lediglich den doch sehr knapp bemessenen Raum für Fragen und Diskussionen, der sich an die Vorträge anschließt. In den Ad-Hoc-Gruppen beispielsweise stehen dafür in der Regel nur etwa 10 Minuten zur Verfügung, die mitunter von nur sehr wenigen Nachfragen und Anmerkungen gefüllt werden, wenn diese etwas weitschweifend formuliert sind.

Der 37. DGS-Kongress in Trier. Der 2. Tag

Ein inhaltsreicher erster Kongresstag liegt hinter mir. Nachdem die gestrige Eröffnungsfeier einen inhaltlichen Ausblick auf die kommenden Tage geben konnte, durften heute die Teilnehmer_innen mit Vorträgen und Diskussionsrunden das Kongressthema aus unterschiedlichster Perspektive beleuchten. Und eben hierbei stellt sich für die Studierendenden die Frage: in welche Veranstaltung soll ich gehen? Allein von 14.15 Uhr bis 16.45 Uhr fanden, laut Programmplan, parallel über 30 (!) Veranstaltungen statt, mit je unterschiedlichen Schwerpunkten. Zwar zeichnet die große Themenvielfalt diesen Kongress in besonderer Weise aus, jedoch ist es für uns bei diesem Angebot schwierig, Prioritäten zu setzen und sich zu entscheiden. Der wissenschaftliche Fokus und das spezifische Interessengebiet sind im Vergleich zu ebenso etablierten wie spezialisierten Wissenschaftlern eben nicht in gleichem Maße entwickelt. Es gilt also, aus einer Fülle an Themen zu wählen.

Ich habe mich unter anderem für die Mittagsvorlesung von Michèle Lamont entschieden, da ihre Arbeiten für mein praxisbezogenes Forschungsprojekt „Kunst und Schrott“, zu dem ich im Rahmen dieses Kongresses eine Posterausstellung mitgestalte, in vielerlei Hinsicht maßgebliche Anstöße gaben. Sie lieferte in ihrem Vortrag einen Abriss über ihr bisheriges wissenschaftliches Schaffen und verwies auf aktuelle Forschungsarbeiten, die der Frage nachgehen, wie stigmatisierte Gruppen auf eben diese Stigmatisierung reagieren und antworten. Ihr Vortrag basierte letztlich auf drei Vorlesungen, die sie auf 45 Minuten heruntergekürzt hatte. Ich muss zugeben, dass der Umfang an Informationen, die sie in dieser kurzen Zeit präsentierte, mitunter schwer zu verarbeiten war. Es war jedoch allemal bereichernd, Frau Lamont persönlich erleben zu dürfen und auf diese Weise einen neuen Einblick in die Vielfalt ihrer Arbeit zu gewinnen.

Ein weiteres Highlight des heutigen Tages war sicherlich die Abendvorlesung von Bettina Heintz, in der sie ein Plädoyer für eine „Soziologie des Vergleichs“ hielt. So stellte sie einen definitorischen Rahmen hinsichtlich der Methode des Vergleichs vor, der an verschiedene Theorierichtungen anschlussfähig ist. Darüber hinaus beleuchtete sie die empirischen, bisher allerdings wissenschaftlich weitestgehend unbeachteten Forschungsmöglichkeiten hinsichtlich kultureller, religiöser oder sportlicher Relationierungen. Sie gestaltete ihren Vortrag auf einem intellektuell sehr hohen Niveau, doch es gelang ihr die Ausführungen mit interessanten und anschaulichen Beispielen zu untermauern, sodass es eine Freude war, ihr zuzuhören.

Ein langer Kongresstag geht zu Ende, der sehr viel Input mit sich brachte. Es braucht sicher noch ein bisschen Zeit, das Gehörte zu verarbeiten und so für mich und meine weitere Arbeit fruchtbar machen zu können. Alles in allem muss man den Referent_innen, dem Organisationsteam und all den Menschen im Hintergrund (Technik-, Mensa- und Cafeteria-Personal und viele andere mehr) ein großes Lob aussprechen, denn es ist deutlich zu spüren, dass jeder hier bestrebt ist, seinen Teil zum größtmöglichen Erfolg dieses Kongresses beizutragen.

Der 37. DGS-Kongress in Trier. Der 1. Tag

„Keep calm and carry on.“ Unter dieses Motto stellte Dr. Nicole Zillien, stellvertretende Sprecherin des Kongresses, ihre einführenden Worte bei der heutigen Auftaktveranstaltung des 37. DGS-Kongresses in der Europahalle Trier. Der Slogan, der ursprünglich die Moral der britischen Bevölkerung im zweiten Weltkrieg stärken sollte und sich seit etwa 15 Jahren als Motto in unterschiedlichen Kontexten zunehmender Beliebtheit erfreut, steht sinnbildlich für das Verhältnis von Krisen und Routinen – dem Leitmotiv des diesjährigen Soziologie-Kongresses. Die Renaissance dieses Slogans in den letzten Jahren verweist uns auf den routinierten Umgang mit krisenhaften Situationen in (post-)modernen Gesellschaften: Ruhe bewahren und fortfahren – auch in Krisenzeiten.

Neben Frau Zillien sprachen an diesem Abend selbstverständlich noch andere Repräsentanten der Universität Trier, der DGS sowie der Stadt Trier und des Landes Rheinland-Pfalz. So stellte Doris Ahnen, die rheinland-pfälzische Ministerin für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur den Bezug zu aktuellen weltpolitischen Krisen (IS, Ukraine, Schuldenkrise) her und sendete eine Grußnote an das Gastland Polen unter Würdigung des deutsch-polnischen Verhältnisses. Klaus Jensen, Oberbürgermeister der Stadt Trier, ging aus kommunalpolitischer Perspektive auf das Thema Krisen ein. So stellte er beispielsweise die Frage, ob die niedrige Wahlbeteiligung (32,7%) zur Wahl seiner Nachfolge im Amt des Oberbürgermeisters der Stadt Trier am vorletzten Sonntag, als Krise der Demokratie gedeutet werden kann. Prof. Dr. Michael Jäckel, der Präsident der Universität Trier, stellte in seiner Rede die Vorzüge und Besonderheiten des Campus heraus und würdigte die Universität als Impulsgeber für die ganze Region. Nach weiteren Grußworten des Sprechers des Kongresses, Prof. Dr. Martin Endreß, und des Vorsitzenden der DGS, Prof. Dr. Stephan Lessenich, fand der Hauptprogrammpunkt des heutigen Abends statt – ein Vortrag der Präsidentin der Humboldt-Viadrina School of Governance, Prof. Dr. Gesine Schwan. Leider konnte ich die Reden von Herrn Endreß, Herrn Lessenich und Frau Schwan nicht verfolgen, denn die Pflicht rief.

Ich hatte meine erste Schicht als HiWine und war eingeteilt, die Besucher_innen zu empfangen und bei Fragen mit Rat und Tat als „Krisenroutinier“ (an dieser T-Shirt-Aufschrift erkennt man die studentischen Helfer_innen des Kongresses) zur Seite zu stehen. Hierbei konnte ich einige Eindrücke von der Atmosphäre gewinnen, die einen vielversprechenden Ausblick auf die kommenden Tage erlauben. Es herrschte eine fast schon familiäre Stimmung, viele Teilnehmer_innen kannten einander, begrüßten sich herzlich und unterhielten sich angeregt. Auch als Helferin war es sehr angenehm, auf die Gäste des Kongresses zu treffen, da sie immer auch ein Lächeln für uns Hilfskräfte übrig hatten und uns offen und freundlich begegneten. So verspricht der erste Kongressabend einen positiven Verlauf der kommenden Tage, auch außerhalb der Vortragssäle.

Während die heutige Veranstaltung außerhalb des Campus stattfand, liefen auch in den Räumlichkeiten der Universität heute die letzten Vorbereitungen auf Hochtouren. Räume wurden beschildert, Verlage bauten ihre Stände auf und noch einige Plakate wurden platziert. Für alle, die zwischen den Veranstaltungen eine Auszeit brauchen: im C-Gebäude, Raum C22, wurde zudem eine Lounge eingerichtet, in der man sich mit anderen Besucher_innen im lockeren Rahmen austauschen kann.

Freuen wir uns also auf ein paar spannende Tage und einen ergebnisreichen Austausch. Abschließend bleibt zu hoffen, dass Ministerin Ahnens Zusicherung, die Ergebnisse des Kongresses würden auch in der Politik verfolgt, zutreffen mag, sodass die Inhalte über den wissenschaftlichen Diskurs hinaus auch im politischen Diskurs Beachtung finden werden. Denn die Sozialwissenschaften betreiben ihr Geschäft nicht nur selbstreferenziell, sondern finden ihren Sinn eben auch darin, der Gesellschaft mit ihren Erkenntnissen neuen Input zu geben. Und wenn alles nichts hilft: „Keep calm and carry on.“

Der 37. DGS-Kongress in Trier. Ein Ausblick

In gut einer Woche findet an der Universität in Trier der 37. DGS- Kongress zum Thema „Routinen der Krise – Krise der Routinen“ statt. Die Vorbereitungen haben schon vor etwa zwei Jahren angefangen und laufen seit Beginn des Jahres auf Hochtouren. Nun sind die Tage bis zum Kongress gezählt. Auf den Fluren der Trierer Soziologie ist auf jeden Fall derzeit einiges los. Kaum ein Gespräch vergeht, in dem nicht „der Kongress“ auf die ein oder andere Weise zur Sprache kommt. Auch die Zeitrechnung ist eine andere: Terminabsprachen werden grundsätzlich mit nach „vor“ oder „nach dem Kongress“ eingeleitet. Im Gespräch mit den Organisatoren spürt man die Nervosität, Horrorszenarien werden sich ausgemalt und dann doch mit einem Lächeln abgewunken. Was wäre denn das Schlimmste was passieren kann? Wintereinbruch mit Schneechaos? Anfang Oktober? …wohl eher nicht. Stromausfall in der gesamten Stadt? Auch das ist eher unwahrscheinlich. Alles darunter bekommt man irgendwie geregelt. Von Krise also keine Spur. Auf der Zielgeraden macht sich eher eine positive Aufgeregtheit breit. Obwohl noch ein paar Dinge zu erledigen sind, freut man sich, dass es endlich losgeht.

Es haben sich 1609 Interessierte im Vorverkauf angemeldet (Stand: 27.09.), davon allein ca. 550 Studierende. Eine beachtliche Zahl, die eines hohen organisatorischen Aufwandes bedarf. Aus rein praktischer Perspektive stellen sich mir persönlich, die ich nun seit etwa fünf Jahren in dieser Stadt an der Mosel lebe und studiere, zunächst zur Organisation eines derart großen Kongresses in Trier zwei Fragen: 1. Wie sollen all die Besucher_innen hierher finden?, und 2. Wo werden all die Menschen untergebracht? Jedem, der die Anreise schon geplant hat, wird aufgefallen sein, dass sich die Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht nur als sehr lang sondern auch langwierig gestalten kann. Als Stadt mit der schlechtesten Bahnanbindung in Deutschland (Trier liegt auf Platz 80 der 80 untersuchten Städte Deutschlands, laut einer Studie der TU Dresden) gibt es in Trier sicher aus infrastruktureller Perspektive Nachholbedarf. Andererseits sind es jedoch vor allem die Bahnstrecken, egal ob aus nördlicher (durch die Eifel) oder südlicher Richtung (entlang der Saar), die landschaftlich einiges zu bieten haben und für die mitunter umständliche Anreise entschädigen.

Kommen wir zur zweiten Unsicherheit meinerseits: Ich habe mit ein paar Organisatoren vor Ort gesprochen und so ist es auch der guten Zusammenarbeit mit der Touristen-Information zu verdanken, dass die Gäste relativ problemlos in der Stadt unterkommen werden. Bei der Heilig-Rock-Wallfahrt im Frühjahr 2012 kamen immerhin etwa 550.00 Pilger_innen in die Stadt. Auch Reisende zieht es das ganze Jahr über in Scharen in die älteste Stadt Deutschlands. Hier erblickte nicht nur Karl Marx das Licht der Welt, sondern man findet neben einem hervorragenden Weinangebot auch die Porta Nigra, die Kaiserthermen, ein Amphitheater oder das Kurfürstliche Parlais – Zeugnisse der 2000 Jahre alten Geschichte der Stadt. Hier ist man also auf zahlreiche Besucher_innen eingestellt. Zur Not findet man sicher auch in den umliegenden Orten wie Konz, Pfalzel oder Ruwer (mit regelmäßiger Busanbindung nach Trier) noch ein Zimmer. Für das kleine Budget ist die Internetplattform Airbnb eine Alternative zum Hotel oder man wendet sich an die Fachschaft der Sozialwissenschaft in Trier, die eine Bettenbörse initiiert hat. (Die Registrierung ist für Kurzentschlossene noch immer offen.)

Wenn man den Weg hierher also gefunden und sein Zimmer bezogen hat, bleibt zu fragen, wie man außerhalb des Kongressprogrammes den Abend gemütlich ausklingen oder in kleiner Runde den Input des Tages besprechen kann. Die Weinstube Kesselstatt steht offiziell für den Dienstag mit einer Weinprobe auf dem Programm: das Lokal mit regionalem Wein, das direkt gegenüber vom Dom und der Liebfrauenkirche gelegen ist, bietet sich sicher auch die Abende danach als Treffpunkt zum kennenlernen und diskutieren an. Alternativ empfehle ich das Weinsinnig in der Palaststraße, mit ständig wechselndem Angebot an offenen Weinen, oder, etwas „studentischer“, das Simplicissimus am Viehmarkt, das den besten Viez (gegorener Apfelwein, gerne auch mit Limo gemischt) verkauft und wo man – dank eigenem Kicker – die spielerische Herausforderung suchen kann.

Ich freue mich sehr, dass die Uni Trier in diesem Jahr den DGS-Kongress ausrichtet und ich ein paar Soziolog_innen, deren Arbeiten ich bisher nur aus Seminaren oder für Hausarbeiten kenne, hier erleben darf. So erhoffe ich mir durch Gespräche mit anderen Kongressteilnehmer_innen ein paar Anregungen und Meinungen für meine anstehende Abschlussarbeit, bin sehr gespannt auf die Diskussionsforen und Arbeitsgruppen – aus persönlichem Interesse vor allem die Gespräche und Auseinandersetzungen zur Krise in der Öffentlichkeit und zur sogenannten „Medienkrise“. Weiterhin werde ich beim Kongress als HiWine arbeiten und mit ein paar Kommiliton_innen am Mittwoch unsere Forschungsergebnisse mit einem Poster vorstellen.

Die nächsten Beiträge auf diesem Blog stehen somit inhaltlich ganz im Zeichen des 37. DGS-Kongresses an der Universität Trier und ich werde mit Besucher_innen, Vortragenden und dem Organisationsteam das Gespräch suchen, meine Eindrücke zu den besuchten Veranstaltungen und Erfahrungen als Besucherin, Hilfskraft und Posterpräsentatorin auf diesem Blog beschreiben. In diesem Sinne: Allen, die mit der Bahn kommen, wünsche ich eine angenehme Anreise und denjenigen, die nicht dabei sein können, hoffe ich, ein Bild vom Kongress vermitteln zu können.

Frische Lebensmittel. Qualitätskonventionen und die Organisation der Kühlkette in den USA, Deutschland und Asien

Essen kann verderben oder durch zu lange Lagerung Keime und Bakterien ansetzen, so dass Menschen beim Verzehr krank werden. Dies zu vermeiden, ist ein Grundproblem, mit dem Lebensmärkte historisch schon immer zu kämpfen hatten. So unterscheiden sich die USA, Europa und Asien grundsätzlich in den Qualitätskonventionen (Diaz-Bone/Salais 2012; Bessy 2012; Diaz-Bone 2012; Kädtler 2012), was „frische Lebensmittel“ sind, und entsprechend sind Produktionsketten komplett unterschiedlich organisiert, um Hygiene sicherzustellen und das Verderben von Nahrungsmitteln zu vermeiden.

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Der Verbraucher und die Rolle des Konsums auf modernen Massenmärkten

Erst der Konsum schließt auf kapitalistischen Märkten den Güter- und Geldkreislauf. Gleichzeitig konstruieren Konsumenten in Interaktion untereinander und mit anderen Marktakteuren den sozialen Wert von Produkten und damit die Marktfähigkeit und den potenziellen Preis eines Produkts. Konsumentenmärkte sind damit zentral für die Entstehung von Produktpräferenzen.

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Komplexitätssteigerung und Risikoproduktion auf dem Lebensmittelmarkt

Die moderne Lebensmittelproduktion ist hochdifferenziert: Produziert wird in sehr langen, globalisierten Produktionsketten, die in komplexen Produzenten-Zulieferer-Netzwerken organisiert sind und sehr vielen Arbeitsschritte pro Produktionsstufe umfassen. Eine der Folgen ist die größere Störanfälligkeit der Gesamtproduktion, die auf Lebensmittelmärkten durch die spezifischen Machtverhältnisse auf dem Markt noch verstärkt wird.

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Markt und Macht. Ein Vergleich des Joghurt- und Automobilmarkts

Entgegen der Annahme neoklassischer Theorien spielt Macht auf modernen Massenmärkten eine große Rolle. Einerseits sind Arbeits-, Finanz-, Medien- und Konsumgütermärkte politisch reguliert und durch politische Regulierung miteinander und mit anderen Handlungsfeldern verwoben. Andererseits ist aber auch das Marktgeschehen selbst durch Machtspiele geprägt, und die relativen Machtverhältnisse der verschiedenen Produktionsstufen beeinflussen maßgeblich das Wettbewerbsgeschehen.

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Die angebliche Ohnmacht der Politik. Über die Politische Regulierung von Märkten

Ob bei der Finanzkrise oder den aktuellen Lebensmittelskandalen – immer wieder gewinnt man den Eindruck, dass moderne Gesellschaften dem Wirtschaftsgeschehen hilflos ausgeliefert sind. Auch die Politik erscheint angesichts der Globalisierung ohnmächtiger Spielball der Märkte. Was lässt sich hierzu aus (wirtschafts-)soziologischer Perspektive sagen?

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Konsumgütermärkte als komplexe Interaktionsketten. Ein Zwischenfazit

Anfang März hatte ich mir das Ziel gesteckt, meine Zeit auf diesem Blog einerseits zu nutzen, um verschiedene Textformate auszuprobieren, andererseits in dieser Zeit (im Sinne der „Public Sociology“, die Soziologie als Krisenwissenschaft deutet, die Deutungsangebote bereitstellt) ein aktuelles Thema herauszugreifen und zu diskutieren. Da ich selbst mich sehr stark für Märkte interessiere, habe ich angesichts der Lebensmittelskandale der vergangenen Monate den Lebensmittelmarkt als konkretes Beispiel einen Konsumgütermarkt ausgewählt, mit der Absicht, einen Beitrag zu dem Versuch leisten, moderne (Lebensmittel-)Märkte und die Risikoproduktion auf diesen Märkten besser verstehen. Da ich jetzt ungefähr bei der Hälfte meiner Schreibzeit angekommen bin und am Montag (zumindest hier in Berlin) die Vorlesungszeit anfängt, ist dies ein guter Zeitpunkt, um ein Zwischenfazit zu ziehen: Was habe ich bisher gemacht? Wie ordnen sich die bisherigen Beiträge in das Gesamtgefüge ein? Und was plane ich noch, in den nächsten Wochen zu schreiben?

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Was ist eigentlich Geld? Die Rolle des Finanzmarktes auf anderen Märkten

Die Finanzkrisen der letzten Jahre waren fast immer und hauptsächlich Eines: Bankenkrisen. Und es wurde politisch argumentiert, die in die Krise geratenen Banken seien systemkritisch. In gewisser Hinsicht stimmt das auch: Damit Konsumgütermärkte funktionieren, sind sie auf die Leistungen von anderen Märkten angewiesen, mit denen sie verwoben sind. Besonders wichtig sind hierbei der Arbeitsmarkt, die Medien – und der Finanzmarkt, über den Konsumgütermärkte mit Geld versorgt werden. Geld fungiert damit als Zwischenware für die auf Märkten getauschten Güter und ist einer der wichtigsten Treiber der Globalisierung. Über den Preis – gemessen in Geldeinheiten – werden Güter zueinander ins Verhältnis gesetzt. Was aber genau ist Geld, wie funktioniert die Wechselwirkung von Geldkreislauf und Güterkreislauf?

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