Gesellschaft unter Spannung. Was kann die Soziologie zur Bewältigung der Corona-Krise beitragen?

Jedes Gespräch, ob privat oder beruflich, ist momentan von einem einzigen Thema dominiert und das ist der individuelle und gesellschaftliche Umgang mit dem Corona-Virus. Der Ausbruch des Corona-Erregers wurde von der WHO inzwischen als Pandemie eingestuft, nach dem ersten Ausbruch in China sind inzwischen offenbar 148 Länder betroffen. Innerhalb der letzten Woche hat sich auch hierzulande die Krisensituation massiv verschärft. Die Gesellschaft steht enorm unter Spannung [i]. Aus diesem Grund weiche ich jetzt von meinem ursprünglichen Schreibplan des Blogs ab, um den Fokus auf die derzeitige Krise und ihre Bewältigung zu richten. Es erfolgt allerdings keine Analyse, sondern zunächst eine Dokumentation der dynamischen Entwicklung der letzten Tage, verbunden mit der offenen Frage: Welches Wissen kann und sollte speziell die Soziologie zur Krisenbewältigung beitragen?

Soziale Distanzierung als Mittel des Krisenmanagements

Das Corona-Virus hält seit Beginn des Jahres die Welt in Atem und inzwischen hat sich Europa zum Epizentrum der Pandemie entwickelt. Auf der interaktiven Landkarte der Johns Hopkins Universität lassen sich die Zahlen der registrierten Infektions- und Todesfälle in Echtzeit einsehen. Demzufolge liegt die Anzahl der Infizierten in Deutschland bei 5813, während 13 Menschen bislang an den Folgen des Corona-Virus gestorben sind (Stand heute: 16. März 2020), das Robert-Koch-Institut offeriert eine genauere Kartierung nach Bundesländern, die Zahlen differieren leicht gegenüber den letztgenannten. Es gibt regionale Epizentren wie die Gemeinde Heinsberg in Nordrhein-Westfalen und es gibt Gegenden wie in Sachsen-Anhalt oder dem Saarland, die von der Erkrankung noch weitestgehend verschont geblieben sind. Bundesweit wurden Testzentren errichtet, um eine schnellstmögliche Diagnose zu erreichen und auf diese Weise die weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen. Die politischen Maßnahmen im Umgang mit Corona haben sich gerade in den letzten Tagen massiv verstärkt und sie greifen tief in den sozialen Alltag ein: Die Lösung heißt soziale Distanzierung, um eine weitere Verbreitung über Tröpfcheninfektion zu vermeiden.

Von der Bundesregierung wurden zur Minimierung des Ansteckrisikos in einem ersten Schritt Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmenden untersagt. Dies betrifft Messen, Großkonzerte genauso wie Fußballspiele, die nun ohne Zuschauer_innen als sogenannte Geisterspiele vorläufig weiterlaufen. Der Start des Sommersemesters an Hochschulen in Berlin und vielen weiteren Bundesländern wurde auf Ende April verschoben, Präsenzveranstaltungen in der vorlesungsfreien Zeit abgesagt. Vor drei Tagen wurden in der Hauptstadt alle staatlichen Kultureinrichtungen wie Bibliotheken, Museen, Gedenkstätten und Theater-, Opern- und Konzerthäuser bis auf Weiteres geschlossen. Kneipen- und Klubschließungen wurde gegenüber dem erstgenannten Termin auf das Wochenende vorgezogen. Öffentliche Gottesdienste und Freitagsgebete wurden mehrheitlich ebenso bis auf Weiteres ausgesetzt. Im weiteren Schritt wurden alle anderen Einrichtungen mit Publikumsverkehr (Spielhallen, Kinos, Bordelle) bzw. Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmenden per Verordnung des Berliner Senats geschlossen bzw. verboten. Auch der Sportbetrieb auf allen öffentlichen und privaten Sportanlagen wurde vorübergehend eingestellt (u.a. Schwimmbäder, Fitnessstudios).

Betroffen ist somit das gesamte öffentliche Leben wie bereits in Italien [ii]. Ein besonders starker Einschnitt, der noch am längsten hinausgezögert wurde, ist die Schließung von Schulen und Kitas bis zum Ende der Osterferien und dies nahezu flächendeckend. Wie Arbeit und Kinderbetreuung konkret organisiert werden kann, bleibt vielen Arbeitnehmer_innen und Arbeitgeber_innen derzeit noch ein Rätsel. Ob und wie der öffentliche Nahverkehr weiter aufrechterhalten werden kann, ist derzeit ebenso ungewiss. Für heute wurde angekündigt, dass der Regionalverkehr eingeschränkt wird. Die Bahn rechnet damit, dass die Zahl an Berufspendler_innen wegen des Bedarfs der Kinderbetreuung nun sowieso stark abnehmen wird. Ad hoc wurden jetzt auch hierzulande Grenzkontrollen beschlossen, um den Reiseverkehr zu unterbinden mit dem Ziel, der weiteren Ausbreitung Herr zu werden. Mit der Einschränkung des Verkehrs nicht nur in Deutschland, sondern auch andernorts wächst derzeit die Sorge um Versorgungssicherheit. In manchen europäischen Ländern wie Italien, Österreich und Spanien wurden inzwischen Ausgangssperren verhängt, in Deutschland wird darüber derzeit debattiert.

Sorge um die gesellschaftlichen Auswirkungen

Über die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Krise lässt sich derzeit nur spekulieren, aber sie werden massiv sein. Der Aktienindex Dax ist heute auf ein Vierjahrsrekordtief unter 9000 Punkte gesunken. Zahlreiche Personengruppen (u.a. Kulturschaffende), Einrichtungen und Unternehmen sehen sich in ihrer Existenz bedroht, erste Petitionen sind bereits angelaufen. Finanzielle Unterstützungsmaßnahmen für die hiesige Wirtschaft wie Kreditzusicherungen, Kurzarbeitergeld und Steuererleichterungen wurden von Regierungsseite zwar bereits zugesichert, doch bieten sie momentan noch wenig konkrete individuelle Haltepunkte. Die politische Devise lautet im Einklang mit dem wissenschaftlichen Expertenrat derzeit primär „Flattening the Curve“, um einen Zusammenbruch des medizinischen Versorgungssystems bei einer exponentiellen Verbreitung hierzulande unbedingt zu verhindern. Wie lange dieser Ausnahmezustand also andauern wird und entsprechend auch die Höhe der wirtschaftlichen Konsequenzen ausfallen, ist von der Entwicklung der Zahlen an Neuinfizierten abhängig. Deshalb ist jede Bürgerin aufgefordert, den medizinischen Empfehlungen zu folgen, um dem unsichtbaren Virus möglichst zu entgehen und die Verbreitung dadurch zu verlangsamen. Die allgemeine Regel heißt, häufiges Händewaschen und Face-to-Face-Kontakte minimieren. Zur allgemeinen Verunsicherung trägt die Tatsache bei, dass die Symptome des Coronavirus SARS-CoV-2 sich nicht ohne Weiteres von Grippe- oder Erkältungssymptomen unterscheiden lassen. Dementsprechend hoch fällt der derzeitige Andrang auf die Hausärzte und die Testzentren aus, der organisatorisch bewältigt werden muss.

Die Politik rät zu Recht zur Besonnenheit. Was in dieser Krisensituation unbedingt zu vermeiden ist, sind Panik und Hysterie. Erste Anzeichen dessen zeigen sich im Phänomen der Hamsterkäufe. In den Supermärkten herrscht derzeit eine angespannte Stimmung, wenn sichtbar wird, dass ganze Regale leergefegt sind. Zwar gibt es bislang keine Lieferengpässe, doch scheint sich die Krisenwahrnehmung zunächst im Prepping niederzuschlagen. Kassierer_innen berichten von irren Einkäufen, Einkaufswagen quellen über, Toilettenpapier wird zum Symbolbild. Zur Mangelware sind hierzulande Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken geworden. Erstes kriminelles Verhalten zeigt sich in den bekannt gewordenen Diebstählen von Desinfektionsmitteln in Krankenhäusern, um mit der Angst in der Bevölkerung Geschäfte zu machen. Gesellschaftliche Solidarität ist gefordert und dies insbesondere gegenüber den als vulnerable Gruppen gefassten Kranken und Älteren. Nach ersten epidemiologischen Studien sowie den Erfahrungen mit dem Coronavirus im Ausbruchsland China liegt das Sterberisiko für diese Lungenkrankheit angeblich bei 0,3 bis fünf Prozent, bei Personen ab 65 Jahren wohl deutlich höher [iii]. Dementsprechend wurde in den Kranken- und Pflegehäusern inzwischen auch die Besuchsmöglichkeit von Patient_innen eingeschränkt. Dass eine solche Kontaktsperre auch psychische Auswirkungen auf die Betroffenen hat, seien es Patientinnen im Krankenhaus oder Personen zu Hause in Quarantäne, ist naheliegend. Die gesellschaftliche Hilfsbereitschaft wächst demgegenüber wie bestimmte Solidaritätsaktionen für Hilfsbedürftige in Wien und Berlin in der #nachbarschaftschallenge demonstrieren. Eine jüngste Umfrage für Deutschland zeigt darüber hinaus, dass die Bereitschaft, sich einzuschränken, „überraschend hoch“ ausfällt.  

Doch die Frage steht im Raum: Wie lange lässt sich ein solcher Ausnahmezustand halten, ohne die soziale Ordnung zu gefährden?

Wissenschaftliche Politikberatung

Die politischen Entscheidungen in der Corona-Krise bauen derzeit vorrangig auf wissenschaftliche Einschätzungen von Expertinnen aus der Virologie und Epidemiologie. Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte in ihrer Videobotschaft vom 11. März 2020: „Die Maßstäbe für unser Handeln, unser politisches Handeln ergeben sich aus dem, was uns Wissenschaftler und Experten sagen.“ Wissenschaft und Politik scheinen sich nie näher gewesen zu sein. Gemeinsam geht es darum, diese große gesellschaftliche Herausforderung zu meistern, die vor allem schnelles politisches Handeln erfordert [iv]. Das Verhalten in der Krise gilt zugleich als Paradebeispiel für Wissenschaftskommunikation [v]. Beispielsweise berichtet Prof. Dr. Christian Drosten von der Charité Berlin, inzwischen eine prominente Figur, seit dem 28. Februar 2020 täglich im NDR-Podcast mit sehr viel Zuruf über die neueren Entwicklungen und teilt seine wissenschaftlichen Einsichten. Bemerkenswert daran ist, dass die Stimme der Wissenschaft hier eben gerade nicht apodiktisch daherkommt, sondern ganz nah am laufenden Forschungsprozess auch Revisionen des vorher Gesagten miteinschließt und die Gründe dafür einem fachfremden Publikum genauer erläutert. Da nicht nur der Virus, sondern auch die Form einer Pandemie hierzulande unbekannt ist, sind alle politischen Entscheidungen und Verhaltensregeln derzeit nur unter dem Vorzeichen wissenschaftlicher Unsicherheit möglich. Dennoch und das ist bezeichnend, steht die epistemische Autorität der Expert_innen dadurch nicht in Frage. Hinzukommt die relative Einigkeit unter den Expert_innen. Aber reicht die medizinische Einschätzung in dieser Krise für Politik und Öffentlichkeit aus oder braucht es nicht endlich vielfältigere Stimmen aus der Wissenschaft, und zwar zu den ökonomischen, politischen und sozialen Implikationen? Wie wirken sich die gegenwärtig laufenden und angekündigten Beschränkungen des öffentlichen Lebens konkret aus, welche möglichen Risiken gilt es zu vermeiden? Wie lassen sich relevante Informationen für unterschiedliche Gruppen am besten aufbereiten und zirkulieren?

Zur Rolle der Soziologie als Beratungsinstanz

Momentan sind wir als Soziologinnen und Soziologen wie alle Bürger_innen auch vermutlich primär damit beschäftigt, die neuesten Regelungen und verwaltungstechnischen Anweisungen zu registrieren und individuelle Bewältigungsstrategien für den Alltag zu entwickeln: Wir sind eifrig dabei, unseren Forschungs- und Lehrkontext zu reorganisieren [vi], alternative Kinderbetreuung sicherzustellen, Mobilität zurückzufahren, Sorge für Familienmitglieder zu tragen und dabei dem Vorsatz der sozialen Distanzierung zu folgen. Die Berufsrolle ist zum Teil irritiert, das Handeln der Organisation verzögert, Patentrezepte gibt es nicht.

Selbst auf die Gefahr hin, dass ich meine derzeitige Rolle als Autorin des SozBlogs mit diesem Appell überziehe: Doch wäre jetzt nicht genau der richtige Zeitpunkt, um die Vielfalt der soziologischen Expertise zu bündeln und Beratungsleistungen für das Krisenmanagement auf verschiedenen Ebenen zu erarbeiten? Wäre das nicht Teil des öffentlichen Auftrags der Soziologie als Wissenschaft, die über das soziale Zusammenleben von Individuen in der Gesellschaft forscht, ihre relevanten Erkenntnisse in dieser Ausnahmesituation einzubringen, und zwar auch zu präventiven Zwecken für die Gesellschaft unter Quarantäne? Public Sociology at its best? Neben reflexivem Wissen ist momentan Orientierungswissen gefragt, doch wie und womit fängt man an? Womit wurde bereits begonnen? Welche Erkenntnisse lassen sich aus der Katastrophen-, Organisations-, Bildungs-, Medizin-, der Familien-, der Mediensoziologie oder allen weiteren Speziellen Soziologien auf diesen Fall übertragen? Welche politischen Vorkehrmaßnahmen sind zu treffen, um die zu erwartenden Negativeffekte eines gesellschaftlichen Shutdowns abzufedern und unbeabsichtigte Folgen frühzeitig zu antizipieren? Welche Forschungsprojekte sind eventuell bereits angelaufen, auch und gerade im internationalen Vergleich?

Hinweise, Sammlungen, Analysen, Anregungen, Diskussionen auf dem Blog sind herzlich willkommen.



[i] So der Titel des anstehenden Soziologiekongresses im September in Berlin, der nun wie eine weise Vorausschau klingt.  

[ii] Italien als das hinter China zurzeit am zweitstärksten vom Coronavirus betroffene Land verzeichnet momentan laut aktuellen Nachrichten 250 Tote pro Tag.

[iii] Die Bezifferung der Sterberate unterscheidet sich hier je nach Region. Angesichts der unbekannten Dunkelziffer sind zum jetzigen Zeitpunkt noch keine verlässlichen Zahlen und vergleichenden Studien verfügbar. Laufend aktualisierte Informationen dazu liefert das Fact Sheet des Science Media Centers.

[iv] In der Klimakrise gelingt dies bekanntlich nicht.

[v] Wissenschaftskommunikation mehr zu fördern, entspricht zugleich den aktuellen politischen Zielstellungen.

[vi] Dies soll Thema des nächsten Blogposts werden, falls nichts Anderes dazwischenkommt.

4 Gedanken zu „Gesellschaft unter Spannung. Was kann die Soziologie zur Bewältigung der Corona-Krise beitragen?“

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