Medienkonflikte der Wissenschaft: Zur Wissenschaftskommunikation in Zeiten von Corona (Teil 1)

Die Corona-Pandemie wird nicht nur als Paradefall für Wissenschaftskommunikation gehandelt, sondern sie gibt auch einen besonders interessanten Fall für die empirische Wissenschaftskommunikationsforschung ab [i] . Selten waren Wissenschaftlerinnen derart präsent in den Medien wie in der aktuellen Krisensituation. Besonders der Podcast von NDR-Info „Das Coranavirus-Update mit Christian Drosten“ hat sich zum Publikumsmagneten entwickelt. Gestartet Ende Februar 2020, hat der werktägliche Podcast von Beginn an eine enorme Reichweite entwickelt mit inzwischen rund acht Millionen täglichen Downloads. Drosten, Professor und Leiter des Instituts für Virologie an der Charité Berlin, ist hierzulande die Stimme und das Gesicht der Wissenschaft in der COVID-19-Krise. Aber gerade der Hype um seine Person wird, wie er selbst betont, inzwischen zu einer besonderen Bürde. Aus der Medialisierungsforschung sind solche Personalisierungseffekte in der Wissenschaftskommunikation bekannt. Es stellt sich hier die grundsätzliche Frage, ob ein Mehr an Wissenschaftskommunikation nicht auch nichtintendierte Nebenfolgen produziert, die dem Vertrauen in Wissenschaft und damit der Legitimation politischer Entscheidungen eher schaden als nützen.

Die Medialisierung von Wissenschaft

Ende der 1990er Jahre hat Peter Weingart die zeitdiagnostische These von der Medialisierung der Wissenschaft formuliert: In dem Maße, in dem Wissenschaft zunehmend in den Massenmedien verhandelt wird und mediale Sichtbarkeit zum Wettbewerbsfaktor geworden ist, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Orientierung an massenmedialen Selektionskriterien zwecks Aufmerksamkeitsgenerierung auch die wissenschaftliche Wissensproduktion beeinflusst. Dieser These liegt ein differenzierungstheoretisches Paradigma zugrunde, das Wissenschaft und Massenmedien als eigenlogische Systeme fasst. In Zeiten von Medialisierung heißt es für die Wissenschaft: „Das abstrakte Wahrheitskriterium der Wissenschaft gilt nicht mehr allein, sondern ihm stellen die Medien das Kriterium der Zustimmung des öffentlichen Publikums gegenüber“ (Weingart 2001: 239) [ii] . Im Band „The Sciences’ Media Connection – Public Communication and its Repercussions“ haben wir 2012 die empirischen Befunde zur Medialisierung von Wissenschaft verschiedener Autorinnen zusammengetragen, um empirisch genauer zu prüfen, ob und inwiefern Medialisierungseffekte tatsächlich bis in den epistemischen Kern der Wissenschaft nachweisbar oder nicht doch eher auf der Ebene der Organisation oder der Rollen angesiedelt sind.

In meiner eigenen Arbeit habe ich die Medialisierungsthese auf das basale Element der Wissenschaft, die Publikation, angewendet und gezeigt, inwieweit bereits die Darstellung wissenschaftlicher Ergebnisse in Fachzeitschriften von der Medienlogik affiziert sein kann und damit wissenschaftliche Anschlussprobleme erzeugt. [iii]  Zu den Ergebnissen meiner empirischen Untersuchung der Stammzellforschung gehörte auch, dass Politisierung und Medialisierung von Wissenschaft nicht getrennt voneinander betrachtet werden können, sondern sich wechselseitig bedingen. „In einem hoch medialisierten Forschungsfeld erweitert sich das Publikum der Wissenschaft von der Fachwelt zur Politik und anderen Öffentlichkeiten.“ (Franzen 2011: 251) Inmitten der politischen Regulierungsdebatte zur Forschung an embryonalen Stammzellen in den 2000er Jahren wurde jede interessante Neuerscheinung sofort medial verhandelt und auf politische Entscheidungsoptionen hin ausgelotet. Während also in der ethisch umstrittenen Stammzellforschung einzelne Zeitschriftenpublikationen direkte Stellungnahmen des US-Präsidenten evozierten und politische Entscheidungen wie die einer weltweiten Konvention zum Verbot des Klonens beeinflussten, wird in der gegenwärtigen Corona-Pandemie das deutsche Regierungshandeln von einzelnen Experteneinschätzungen abhängig gemacht. Dies war die Aussage von Bundeskanzlerin Merkel in ihrer Videobotschaft vom 11. März 2020: „Die Maßstäbe für unser Handeln, unser politisches Handeln ergeben sich aus dem, was uns Wissenschaftler und Experten sagen.“ Expertinnen aus der Virologie und Epidemiologie berufen sich auf ihr Erfahrungswissen und können dabei nur auf erste vorläufige Ergebnisse zu COVID-19 rekurrieren, da die Erforschung des neuen Virus erst am Anfang steht. Die Beratung von Politik und Öffentlichkeit findet aufgrund fehlender gesicherter empirischen Befunde unter Vorbehalt statt – wie immer wieder von wissenschaftlicher Seite betont wird. Dies gilt im Übrigen aber auch für begutachtete, publizierte Ergebnisse, die erst im Nachgang auf ihre Validität und Replizierbarkeit durch die Fachcommunity überprüft werden können, auch wenn häufig so getan wird, als sei die Publikation selbst bereits ein wissenschaftliches Faktum.

Im Unterschied zum wissenschaftsbezogenen Anlass für die Medienberichterstattung wie die Verkündung von wissenschaftlichen Durchbrüchen in Publikationen, handelt es sich in diesem Fall um einen gesellschaftsbezogenen Anlass der Wissenschaftskommunikation, den Ausbruch einer weltweiten Pandemie. Wissenschaft in den Medien zu COVID-19 folgt somit nicht dem Muster, „die Wissenschaft hat herausgefunden“ wie üblicherweise auf den Wissenschaftsseiten der überregionalen Presse. Vielmehr greift das Thema Coronavirus auf alle Ressorts durch. Wissenschaft, inzwischen nicht mehr allein die Virologie, tritt hier mit Namen und Gesichtern auf. Wissenschaftsjournalismus, in Medienorganisationen eher stiefkindlich behandelt, blüht zu neuem Leben auf. Die Medienorganisationen nutzen hierfür ihr gesamtes Repertoire an Medialität von Radio, Presse, Talkshows, Videos, sozialen Medien und Podcasts, um über die Corona-Krise in Echtzeit und umfassend zu informieren. Das Gesicht der Stunde ist aber der Virologe Prof. Dr. Drosten.

Zum Verhältnis von Wissenschaft und Medien

Wissenschaftlerinnen wird immer noch nachgesagt, sie würden im Elfenbeinturm forschen. Im Unterschied zu Politikerinnen oder Sportlerinnen sind sie in der Regel keine Personen öffentlichen Lebens, man kennt vielleicht mitunter ihren Namen, nicht aber ihr Gesicht. Der Wissenschaft aber implizit oder explizit vorzuwerfen, sie würde nicht kommunizieren, ist genauso falsch wie der Ansatz, jede Forscherin zur Wissenschaftskommunikatorin ausbilden zu wollen. Vergessen wird in der Debatte um Wissenschaftskommunikation stets, dass das genuine Publikum der Wissenschaft nicht im Mediensystem, sondern im Erziehungssystem liegt; Studierende sind der primäre Adressat von Wissenschaftskommunikation. In der Lehre geht es um die Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte und Praktiken, in der Forschung darum, die Kollegen von der Relevanz der eigenen Ergebnisse zu überzeugen.

Wenn Wissenschaft jedoch medienöffentlich auftritt, dann steht neben den Inhalten auch immer die Person im Rampenlicht. Beim journalistischen Umgang mit Wissenschaft geht es einerseits um die Glaubwürdigkeit der Experten, die in der Regel durch Titel, Ämter und Publikationen nachgewiesen wird und andererseits um die Medientauglichkeit der Personen wie klare Sprache, Eloquenz, Haltung und Position. Eine Diskussionsrunde im Fernsehen zum Klimawandel oder zur Corona-Pandemie ist jedoch kein genuines Ereignis von Wissenschaftskommunikation, sondern Teil der politischen Kommunikation, selbst wenn auf eigene oder fremde wissenschaftliche Ergebnisse rekurriert wird. Es ist ebenso ein Irrglaube, dass mediale Prominenz und wissenschaftliche Reputation zwangsläufig zusammenfallen. Im Gegenteil, zu viel öffentliche Prominenz kann dem persönlichen Ansehen in der Wissenschaft ebenso schaden, die Gründe dafür sind vielfältig. Eine der Gründe aber liegt in der medialen Inszenierungslogik, die mit den wissenschaftlichen Darstellungskonventionen kaum vereinbar ist. So werden persönliche Aussagen medial oft derart zugespitzt, sei es in der Pressearbeit der Institutionen oder der journalistischen Berichterstattung, dass die betreffende Wissenschaftlerin oder der Wissenschaftler im Nachgang leicht ins Zentrum der Kritik der Fachcommunity geraten kann, sobald er (!) [iv] den Boden der gesicherten Tatsachen und den Rahmen seiner eigenen Fachexpertise verlässt.

Auf diese Gratwanderung zwischen wissenschaftlicher Aufklärung und medialer Logik muss man sich als Wissenschaftlerin im Umgang mit Journalisten einlassen. Die mediale Sichtbarkeit bleibt für einen Wissenschaftler in in der Regel nicht folgenlos. Auch hier greift der Matthäus-Effekt: ein Medienauftritt zieht häufig den nächsten nach sich. Im Falle des Virologen Drosten lässt sich dieser Prozess gewissermaßen im Zeitraffer nachvollziehen. Mitte Februar 2020 ließ er sich auf einen täglichen Podcast mit dem NDR ein, um die virologische Sichtweise auf COVID-19 zu erläutern. Einen Monat später titelte ZEIT online samt großflächigem Porträtfoto bereits: „Ist das unser neuer Kanzler?“  Dies ist somit ein sehr prägnantes Beispiel für den oben erläuterten Befund, dass sich Medialisierung und Politisierung von Wissenschaft wechselseitig bedingen. Aber was bedeutet die Medialisierung für Status und Rolle des Wissenschaftlers?

Vom Wissenschaftler zum Medienstar

Medienhypes um Wissenschaftlerinnen sind selten, aber natürlich gibt und gab es sie immer wieder. Auch in der Stammzellforschung gab es in der Hochzeit politischer Regulierungsdebatten solche Medienstars. Der auffälligste unter ihnen war der Südkoreaner Hwang Woo Suk, der damals in der hiesigen Presse zum ‚König des Klonens‘ erklärt wurde. Vom südkoreanischen Forschungsministerium bekam Hwang den eigens für ihn geschaffenen Titel des ‚Supreme Scientist‘ verliehen und avancierte schnell zum ‚Pride of Korea‘. Vermutlich ist er der einzige Wissenschaftler, für den jemals zu Lebzeiten ein offizieller Fanclub („We love Hwang“) gegründet wurde. So rasant damals sein Aufstieg verlief, so dramatisch war jedoch sein Abstieg. Hwangs Prominenz beruhte auf zwei spektakulären Artikeln in der Zeitschrift Science, in denen er als jeweiliger Hauptautor einen wissenschaftlichen Durchbruch im therapeutischen Klonen verkündete. Als 2006 mit der Vorlage des Untersuchungsberichts der Universität von Seoul markiert wurde, dass es sich bei beiden Veröffentlichungen um Wissenschaftsbetrug handelte, wurden ihm Ämter, Titel und Forschungsgelder sofort entzogen.

Vom Spitzenforscher zur persona non grata – ohne mediale Aufmerksamkeit wären solche Karrieren in die eine oder andere Richtung

kaum möglich. Ohne den damaligen politischen Druck auf die Stammzellforschung wären solche Studien mitsamt all ihrer noch ungeklärten Fragen vermutlich nicht in einer der Spitzenzeitschriften veröffentlicht worden. Es war aber vor allem die Pressearbeit von Science, die aus der ersten vorläufigen Studie einen brisanten wissenschaftlichen Durchbruch machte, der als solches dann weltweit politisch verhandelt wurde und als nationaler Vorsprung Südkoreas im Wettrennen um wissenschaftliche Technologien markiert wurde, science by press release. Indem Medien einzelne wissenschaftliche Ergebnisse derart exponieren, steigt zugleich die Wahrscheinlichkeit, dass wissenschaftliche Fehler entdeckt und Fehlverhalten öffentlich angeprangert wird (Franzen 2011: 255). Wissenschaftliche Reputationsverluste sind die Folge bis hin zu gravierenden persönlichen Konsequenzen, die aus solch einer öffentlichen Schmach gezogen werden. Aber Medien sind auch vergesslich. Heute wird Hwang wieder ein wenig medial gefeiert, doch nicht mehr als „Supreme Scientist“, sondern als erfolgreicher Geschäftsmann. Mit seiner Firma Sooam Biotech kloniert er inzwischen verstorbene Haustiere, der Markt scheint riesig.

Der Starrummel um den Virologen Drosten ist anders gelagert. Seine mediale Präsenz ist an seine wissenschaftliche Expertise geknüpft, aber nicht an ein singuläres Ereignis wie ein bestimmtes wissenschaftliches Paper, sondern an seine mehrjährigen Forschungsarbeiten zu SARS-Viren. Ihm zu Ehren wurde im Unterschied zu Hwang zwar (noch?) keine Sonderbriefmarke gedruckt. Aber er verfügt inzwischen ebenso über einen riesigen Fanclub, wenn auch noch nicht per Vereinsgründung formalisiert. Hier spricht sein Twitter-Account Bände: Drosten hat heute 217.781 Twitter-Follower, der CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn hat mitten in der Coronakrise zum Vergleich nur 142.917 Follower (Stand 3. April 2020). Drosten ist die Stimme der Krisenbewältigung, so dass bereits jede redaktionelle Einmischung in seine wissenschaftlichen Erläuterungen fast als Störung erlebt wird. Bei der NDR-Redaktion ging nach Selbstauskunft eine  Forderung wie diese ein: „Bitte lassen Sie diese lästigen Zwischenfragen.“

Dass die Medialisierung der Wissenschaft zu einem derartigen Personenkult um Drosten ausartet, wird in den sozialen Medien mehr oder weniger ironisch verhandelt.

Gerade weil politische Entscheidungen in Krisensituationen oft auf die Wissenschaft und in diesem Fall scheinbar auf einzelne Wissenschaftler ausgerichtet werden, demonstriert dieser Fall sehr eindrücklich, welche retroaktiven Effekte aus der Rollenübernahme des medialen Experten resultieren können. So kann ein Wissenschaftler kaum die „Verantwortung für die gesamte Nation“ übernehmen, wie einzelne Medienaussagen suggeriert haben. Ein solcher Anspruch verkennt nicht nur die Merkmale wissenschaftlicher Politikberatung, sondern setzt die beteiligten Forscher unter einen kaum vertretbaren Druck. So berichtet Drosten, dass ihm nicht nur unzählige positive Rückmeldungen, sondern vereinzelt sogar Drohbriefe zugehen. So wurde er bspw. per Email persönlich für den Suizid des hessischen Finanzministers verantwortlich gemacht. Er wertet im Podcast eine solche Reaktion als Medialisierungseffekt, der ihm persönlich langsam zu heikel wird. Ähnliche Zumutungen kennen wir bereits aus der biomedizinischen Forschung, und zwar häufig dann, wenn es um umstrittene Tierversuche geht. Es gab sogar Forscher, die zeitweise unter polizeilichen Personenschutz gestellt werden mussten, weil Zeitungen im Zuge einer Kontroverse ihre Privatadresse veröffentlicht hatten.

Dank sozialer Medien besteht für Wissenschaftler aber heute die Möglichkeit, sich auch jenseits der journalistisch vermittelten Angebote öffentlich zu äußern und manches richtig zu stellen. Diese Chance nutzt Drosten wie kaum ein anderer, wenn er die journalistische Verzerrung seiner Aussagen punktuell ankreidet und z.B. bei Twitter veröffentlicht:

In Folge 24 des Podcast hat Drosten zu einer weiteichenden Kritik an den Medien und ihren Inszenierungspraktiken ausgeholt. Mediale Strategien würden dazu tendieren, die aktuelle Krisenstimmung noch künstlich anzuheizen. So appelliert er hier an die gesellschaftliche Verantwortung des Journalismus, auch in Respekt vor den Personen:

„Es gibt Zeitungen, die malen inzwischen nicht nur in den Wörtern, sondern in Bildern, Karikaturen von Virologen. Ich sehe mich selber als Comicfigur gezeichnet und mir wird schlecht dabei. Ich bin wirklich wütend darüber, wie hier Personen für ein Bild missbraucht werden, das Medien zeichnen wollen, um zu kontrastieren. Das muss wirklich aufhören.“ (Christian Drosten im Gespräch mit Anja Martini, NDR Info 30. März 2020)

Lässt sich die Wissenschaftskommunikation zur Corona-Pandemie nun also als Best- oder doch eher als Worst-Practice fassen? Pauschal lässt sich das nicht beantworten, hier ist eine differenzierte Betrachtung der medialen Praktiken im Detail vonnöten [i]. Es ist jedoch wichtig, an dieser Stelle bereits festzuhalten, dass die Medienlogik Wissenschaftskommunikation sowohl befördern als auch behindern kann. Auf die retroaktiven Effekte medial gesteuerter Wissenschaftskommunikation hat die Medialisierungsforschung zwar schon oft hingewiesen. In diesem Fall aber erreichen die vorgeführten Mechanismen nun eine gesellschaftliche Thematisierungsschwelle, was angesichts der politischen Absichtserklärung zur breiten Förderung von Wissenschaftskommunikation den richtigen Zeitpunkt trifft.

Wissenschaftskommunikation und die Rolle der Massenmedien

In den letzten Jahren wurden die klassischen Massenmedien gegenüber den sozialen Medien fast totgesagt. In der Coronakrise zeigt sich nun sehr deutlich, welche Bedeutung den Massenmedien nach wie vor in der Verbreitung und Kontextualisierung aktueller Informationen innewohnt. Die Tagesschau sahen am Sonntagabend, als die Kontaktsperre verkündet wurde, mehr als 17 Millionen Zuschauerinnen. TV Talkshows erreichen Einschaltquoten wie sonst höchstens zur Bundestagswahl. Digitale Angebote der Zeitungen erleben derzeit einen sprunghaften Reichweitenzuwachs  [v]. Überraschend ist jedoch der Erfolg von Podcasts im Journalismus und speziell im Wissenschaftsjournalismus. Mit dem werktäglichen Corona-Update in Form eines 30-minütigen Podcast mit einem Wissenschaftler hat der Norddeutsche Rundfunk ein Role Model für die Wissenschaftskommunikation geschaffen. Der Programmdirektion zufolge ist der Podcast auf allen gängigen Kanälen abzurufen und wird in rund 50 Ländern gehört. Dass dieses Format allerdings auf so große Resonanz stoßen wird, haben die Programmmacherinnen selbst nicht vorhergesehen. Aber auch in der Wissenschaftskommunikationsforschung wurde das Potenzial von Podcasts bisher so nicht erahnt. Hier rächt sich gewissermaßen die methodische und empirische Engführung der Wissenschaftskommunikationsforschung, die nach wie vor mehrheitlich auf schriftliche Kommunikation und auf Pressemedien fokussiert ist.

Aber was genau zeichnet diesen spezifischen Wissenschafts-Podcast aus? Wenn wir die Ubiquität des Themas einmal außen vor lassen und lediglich die Form in den Blick nehmen, fallen einige Besonderheiten auf. Es handelt sich um ein eng getaktetes serielles Format, das werktäglich ausgestrahlt wird. Es entsteht bei regelmäßigem Konsum mit der Zeit eine parasoziale Beziehung zu dem Interviewpartner, ähnlich wie wir das aus TV-Serien kennen. Als Audio-Format kann man den Inhalt unterwegs per Kopfhörer konsumieren, die Verschriftlichung schafft eine zusätzliche Ebene der inhaltlichen Vertiefung. Die Moderation überlässt dem Experten durch relativ lange Redezeiten ganz die Bühne, ohne journalistisch reinzugrätschen. Dass diese Komplementärrollen hier geschlechtsspezifisch verteilt sind, sollte als Hinweis vielleicht vorerst genügen. Besonders hervorzuheben und bislang kaum genannt sind die Namen hinter der Moderation, die beiden Wissenschaftsredakteurinnen Korinna Hennig und Anja Martini, die dem Format überhaupt erst zum Erfolg verholfen haben – ohne Profilierungssucht in der Interviewführung.

Einige empirische Fragen an die Macher des Podcast wurden erfreulicherweise bereits beantwortet, und zwar in einer separaten Folge „Behind the Scenes“. Hennig präsentiert hier im Gespräch mit Kolleginnen aus dem NDR Think Thank „Think Radio“ sowie der NDR Info Chefredaktion die Geschichte dieses Podcast, und zwar von der ersten Idee über die Konzeption bis zur Umsetzung und Resonanz. Cover, Pressemitteilung, Soundverpackung wurden bemerkenswerterweise im Zeitraffer innerhalb von 24 Stunden realisiert.

Über stereotype Bilder von Wissenschaftler_innen wurde schon viel geforscht und geschrieben. Mit Blick auf das von NDR Info gewählte Cover belasse ich es vorerst bei der Bemerkung, dass der bis dato einer breiten Öffentlichkeit unbekannte Mann aus der Wissenschaft nicht von ungefähr im weißen Kittel erscheint.

Die Programmacherinnen erläutern, dass die Wahl für den richtigen Experten hinsichtlich der wissenschaftlichen Expertise relativ schnell auf Drosten gefallen war, der auch prompt zusagte. Die Länge von 30 Minuten war so jedoch nicht geplant, der NDR ging eher von einem täglichen fünfminutigen Update aus. Der Wunsch nach einer genaueren wissenschaftlichen Erläuterung seitens des Interviewpartners stieß in der Programmredaktion zunächst auf die verbreitete journalistische Sorge, dass es leicht zu lang und damit auch zu komplex werden würde: „Das können wir den Hörern nicht zuzumuten.“ Erst mit der Resonanz des Publikums auf den ersten Testballon zeigte sich, dass genau diese ausführlichen Erläuterungen erwünscht und erforderlich sind. Neben der Vermittlung einer komplexen Materie lebt der Podcast aber inhaltlich wie kaum ein anderes Medienformat von den Rückäußerungen des Publikums. Das zehnköpfige (!) Team hinter Hennig und Martini sondiert dafür die Emails, die täglich eingehen, um daraus Fragen an den Experten für die nächsten Folgen zu entwickeln. Angesichts der enormen Resonanz von bis dato insgesamt 16.000 Emails ist dieses Vorhaben bereits früh an Kapazitätsgrenzen gestoßen. Aus dem Hintergrundgespräch erfährt man noch eine weitere redaktionelle Entscheidung, die besonders hervorzuheben ist: Hennig erläutert, dass redaktionell an dem Titel jeder einzelnen Folge gefeilt wird, um ja keine Schlagzeilen zu produzieren.

Was den NDR-Podcast somit zusammenfassend auszeichnet, ist nicht nur in inhaltlicher Hinsicht ein anspruchsvoller Wissenschaftsjournalismus, sondern zugleich auch ein Format, das ohne jede aufmerksamkeitsheischende Inszenierung eine unvergleichliche Reichweite entfaltet hat. Wissenschaftskommunikation, die nicht primär auf PR, sondern auf Inhalte setzt. Die besondere Kunst gelungener Wissenschaftskommunikation besteht also darin, sich selbst im Journalismus der Medienlogik im Sinne der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen und sich ganz auf die inhaltliche Substanz und ihre kritische Einordnung zu fokussieren.

Dass die Vermittlung komplexer wissenschaftlicher Inhalte so gut funktionieren kann, scheint nun selbst für die Praxis von Wissenschaftskommunikation ein Aha-Erlebnis. Die als problematisch anzusehenden Medialisierungseffekte entstehen erst, so der vorläufige Befund, durch die fortlaufende Überbietungsdynamik der Medien, die im Wettbewerb um Aufmerksamkeit Wissenschaft und ihre Protagonisten instrumentalisieren und auf Soundbites festzurren.

In den nächsten Teilen dieses Blogsposts werde ich auf das in dieser Krise artikulierte Selbstverständnis von Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus sowie die mediale Überbietungsdynamik näher eingehen.

[i]  Ich stecke gerade mitten in der Materialsammlung für eine empirische Studie zur Wissenschaftskommunikation in der Corona-Krise und bin deshalb über jeden Hinweis, auch auf weitere Veröffentlichungen zum Thema sehr dankbar. In der derzeitigen Informationsexplosion übersieht man so manches leicht.

[ii] Weingart, Peter (2001): Die Stunde der Wahrheit? Zum Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.

[iii] Franzen, Martina (2011): Breaking News: Wissenschaftliche Zeitschriften im Kampf um Aufmerksamkeit. Baden-Baden: Nomos.

[iv] Die Rolle des öffentlichen Experten unterliegt aufgrund der doppelten Selektion sogar noch stärker als die Wissenschaft einem Gender Bias, dazu vielleicht später einmal mehr.

[v] Damit soll nicht gesagt werden, dass das Zeitungsgeschäft von der Krise finanziell profitieren würde. Das Gegenteil scheint der Fall, da in dieser Situation viele Anzeigenkunden wegbrechen und insbesondere Regionalzeitungen um ihre Existenz bangen.

Auf unbestimmte Zeit geschlossen. Stimmungsbilder aus dem Kiez

Seit fünf Tagen gelten bundesweit neue Maßnahmen im Umgang mit dem Corona-Virus. Statt eine Ausgangssperre zu verhängen, haben sich Bund und Länder am Sonntag auf ein erweitertes Kontaktverbot verständigt. Geltungsdauer: mindestens zwei Wochen. Seither ist es nur noch erlaubt alleine bzw. höchstens mit einer Person (außerhalb der Familie) nach draußen zu gehen.

#StayAtHome ist und bleibt die Devise, um die Verbreitung des Virus einzudämmen.

Mit der Einführung des Kontaktverbots verbindet sich zusätzlich die Schließung von Gastronomiebetrieben in Bundesländern, in denen wie in Berlin bislang noch die 1,5-Meter-Abstandsregelung gegolten hat. Schließen mussten ebenso Dienstleistungsbetriebe im Bereich der Körperpflege, in denen eine physische Distanz praktisch nicht einzuhalten ist.

Wie sich die Ausgangsbeschränkungen im Stadtbild ausdrücken, zeigen Aufnahmen wie diese aus Frankreich, Italien oder Spanien. Aber selbst ohne offizielle Ausgangssperre sind die öffentlichen Plätze hierzulande ebenso wie leergefegt.

Nur auf den Straßen im eigenen Kiez sieht man noch relativ viel Bewegung bei schönstem Frühlingswetter: Joggende, Einkaufende, Eltern mit Kinderwagen, Einzelgänger oder Paare auf einem regelkonformen Spaziergang. Wenn man mit ihnen diese Tage ins Gespräch kommt, spürt man immer wieder die Erleichterung darüber, dass der Gang nach draußen nach wie vor erlaubt ist. Doch schwingt bei jedem zufälligen Treffen auf der Straße ein latent schlechtes Gewissen mit, da alle wissen, dass es noch besser wäre, das Haus möglichst gar nicht zu verlassen.

Jeder Small Talk auf der Straße ist daher nicht nur distanziert aufgrund der gebotenen physischen Abstandssicherung, sondern auch in gewisser Weise gehetzt. Dies steht im Kontrast zu der Tatsache, dass das öffentliche Leben nahezu still steht. Wo zuvor noch geschäftiges Treiben war, haben die meisten Einzelhandelsgeschäfte und Dienstleister spätestens seit Montag geschlossen.

Die Frage im Kleinen wie im Großen ist, wird die Gesellschaft noch die gleiche sein, wenn die Corona-Krise vorbei ist? Wann ist sie vorbei? Was bleibt?

Auf diese virulenten Fragen gibt es momentan noch keine Antwort. Es herrscht eine noch nie dagewesene Unsicherheit, nicht zuletzt in wirtschaftlicher Hinsicht für den Handel und viele Solo-Selbständige. Die Hinweisschilder der kleinen Geschäfte, die sich damit auf unbestimmte Zeit von ihrer Kundschaft verabschieden, bezeugen das. Ein Schaufensterbummel gibt somit Einblick in die gesellschaftliche Stimmungslage während der Corona-Krise. [i]

Manche Geschäfte geben auf ihrem Hinweisschild ein vorläufiges Enddatum der Schließzeit an. Andere haben digitale Lösungen parat und bewerben ihr Online-Angebot. Wieder andere setzen auf solidarische Nachbarschaft, damit der sogenannte Lieblingsort weiter existieren kann. [ii]

Dass so mancher Laden in der Nachbarschaft bereits jetzt schon fehlt, bezeugen die angehefteten Mitteilungen der Stammkundschaft.

Einige Restaurants haben auf Lieferservices umgestellt, ihre Werbung dafür ist mehr oder minder offensiv. Nur wenige gastronomische Einrichtungen wie Kaffee-Shops realisieren mit einem neuen Tresen hinter der Eingangstür einen Abverkauf vor Ort.

Die meisten Restaurants und Cafés haben jedoch komplett zugemacht – mit dem Hinweis auf die Senatsverordnung, mit vorläufigem Ablaufdatum versehen oder ganz ohne Notiz. Welche Strategie sich für einen kleinen Betrieb am Ende rentiert, wer am Ende überlebt, ist offen, genauso offen wie das Ende des Shut-Downs. Relativ sicher aber ist, dass der inzwischen verabschiedete Rettungsschirm der Bundesregierung mit Soforthilfen aus dem Nachtragshaushalt von rund 156 Milliarden Euro nicht alle (kleinen) Betriebe retten kann.

Von den Gefahren für die Wirtschaft ist aktuell viel zu lesen und zu hören, aber noch relativ wenig zu sehen. Das Straßenbild hat sich bislang hier kaum verändert. Tische und Stühle der Restaurants und Cafés stehen vielfach noch draußen, ganz so, als würde sich gleich wieder jemand hinsetzen.

Dieser Blick auf die Straße weckt die Assoziation an das Märchen Dornröschen, der routinierte Alltag ist plötzlich eingefroren. Die bildhaften Abweichungen stellen sich wohl erst mit der Zeit ein, je länger der Ausnahmezustand andauert – wie hoch auch immer die Dornenhecke am Ende wächst, um im Bild zu bleiben. Dass sich bereits subkutan zahlreiche Veränderungen ergeben haben, spürt man daran, dass bestimmte Rituale und Gewohnheiten inzwischen abgelegt sind.

In den sozialen Medien werden derzeit Wünsche und Erinnerungen gesammelt, welche Erlebnisse am meisten vermisst werden, um sie im Danach mit Freude wiederaufzunehmen. Doch einige Traditionen scheinen aus der derzeitigen Wahrnehmung heraus fast gar nicht mehr fortsetzbar. Dazu gehört z.B. das  reguläre Kiezfest. Ein Foto davon bildet das letzte Bild hier unten im Blog, das von der Gegenwart nur einige Monate entfernt ist, doch jetzt der fernen Vergangenheit anzugehören scheint.

Dass der Anblick bereits befremdlich ist, lässt erahnen, wie tiefgreifend die Nachwirkungen dieser Pandemie sein werden.

[i] Eine Fotodokumentation wie diese bringt, so die Hoffnung, das Medium Blog weiter zur  Entfaltung, auch zu Forschungszwecken.

[ii] ‚Lieblingsorte‘ ist eine Berliner Nachbarschaftsaktion, um kleine Läden, Theater, Clubs, Museen, Restaurants und Cafés vor der Insolvenz zu retten. Auf der Plattform kann man ab sofort Gutscheine kaufen für die Zeit nach der Wiedereröffnung.

Ausgangssperre – hin oder her?

Es ist Samstag. Die Corona-Krise bestimmt immer stärker unser tägliches Leben. Seit meinem letzten Blogpost vor fünf Tagen hat sich die Zahl der Infizierten hierzulande von 5.813 auf 20.705, die Zahl der am Corona-Virus Verstorbenen von 13 auf 72 erhöht. Eine dramatische Entwicklung der Fallzahlen war vorherzusehen. Anfang letzter Woche wurden deshalb seitens der Bundesregierung weitere Maßnahmen angekündigt, um die dynamische Ausbreitung zu verlangsamen. Neben der bundesweiten Schließung von Kitas und Schulen betrifft dies nun auch die Schließung von Einzelhandelsgeschäften jenseits der Grundversorgung des täglichen Bedarfs (Supermärkte, Apotheken, Poststellen etc.), deren Umsetzung Sache der Länder ist und nun sukzessive erfolgt. In Bayern wurde die Geschäftsschließung auch auf Friseure, Bau- und Gartenmärkte ausgeweitet. In Berlin wurden am Mittwoch die Öffnungszeiten von Restaurants und Gaststätten reduziert auf die Zeit zwischen 6 und 18 Uhr, in Rheinland-Pfalz sind sie ab heute sogar ganz für den Publikumsverkehr geschlossen, Abhol- und Lieferservices bleiben erhalten.

Abstandssicherung einhalten

Die politische Devise zur Bekämpfung der Epidemie heißt Abstandssicherung.  Daran wird nicht mehr nur öffentlich appelliert, sondern es werden auch Zeichen gesetzt. In Supermärkten und anderen Geschäften wurden diese Woche (provisorische) Abstandsmarker installiert. Die Bezahlung an den Kassen soll vorzugsweise kontaktlos erfolgen, gleiches gilt für die Annahme von Paketlieferungen. In Berliner Bussen zeigen Absperrbänder an, nur noch hinten einzusteigen, um die Fahrer_in zu schützen.

Die politischen Vorgaben der sozialen bzw. der physischen Distanzierung als Mittel der Wahl zur Eindämmung der Corona-Pandemie ist, wie die letzte Woche zeigte, offenbar noch nicht bei allen Bürger_innen angekommen. Bei schönstem Frühlingswetter wurden in öffentlichen Parks sogenannte Corona-Partys unter Jugendlichen veranstaltet. In Großstädten wie Essen oder Berlin musste die Polizei eingreifen, weil Bars hinter dunkel verklebten Scheiben einfach heimlich weiter betrieben werden – Zustände wie im Chicago der 1920er Jahre, so die Berliner Polizei. Armin Nassehi notiert mit Blick auf das dichte Treiben auf dem Münchener Viktualienmarkt „Am Ende feiert hier die moderne Version des autoritären Charakters: Das Richtige wird nur getan, wenn es ausdrücklich befohlen wird“.

Landes- oder bundesweite Ausgangsbeschränkungen

Die Bayrische Landesregierung hat aus diesem teilweise laxen Umgang mit den politischen Vorgaben nun Konsequenzen gezogen und Ausgangsbeschränkungen angeordnet, die ab heute für mindestens zwei Wochen gelten sollen. Das Saarland hat gestern gleichsam nachgezogen. StayAtHome heißt die neue Devise. Die Missachtung der Ausgangsbeschränkung ist in diesen Bundesländern ab heute strafbar. Zum Verlassen der Wohnung müssen triftige Gründe vorliegen. Dazu gehören u.a. der Weg zur Arbeit, Arzt- und Apothekenbesuche, Einkäufe, Besuche von Lebenspartnern oder Kinderbetreuung im Wechselmodell, Versorgung von Haustieren, Sport oder Spaziergänge im Freien. Bereits beim letzten Punkt, Aufenthalt im Freien für Spaziergänge oder Bewegung, herrschen je nach Region und Bundesland bereits eigene Regeln. In Rheinland-Pfalz sind Versammlungen von mehr als fünf Menschen untersagt, in Baden-Württemberg sind öffentliche Treffen mit mehr als drei Personen (jenseits der Familie) verboten. In Hamburg sind Ansammlungen von mehr als sechs Personen untersagt, in Köln bereits von Gruppen mit mehr als zwei Personen. Erfahrungen aus Ländern, in denen die Ausgangssperre zuvor eingeführt wurde, zeigen, wie das Gassigehen mit dem Hund als Argument missbraucht wird oder zumindest humoristisch eine kreative Anwendung wie hier in Spanien findet, endlich wieder an die frische Luft zu kommen.

Ausgangsbeschränkungen und ihre sozialen Wirkungen

Nach den medial vermittelten Erfahrungen des ersten Tages der Ausgangsbeschränkung in Bayern und im Saarland zeigt diese Maßnahme offenbar Wirkung. Straßen und Plätze sind viel leerer geworden, Verstöße waren rar. Die Polizei kontrolliert bei ihrer Patrouille nicht nur Versammlungen auf öffentlichen Plätzen, sondern ebenso auch Autofahrer_innen, die nach ihrem Fahrziel befragt werden. Die politisch entscheidende Frage ist, ob es tatsächlich rechtliche Ausgehverbote braucht, um soziale Distanzierung flächendeckend zu erreichen. Für diese Entscheidung hatte Bundeskanzlerin Merkel eine Beratung mit den Ministerpräsidenten der Länder für morgen, Sonntag, angekündigt, ob bundesweit eine Ausgehsperre bzw. Ausgehbeschränkung flächendeckend notwendig wird. Umso ärgerlicher scheint aus Sicht der Bundesregierung deshalb der Alleingang bzw. der Vorstoß Bayerns und des Saarlands in dieser Angelegenheit.

Ausgangsbeschränkungen stellen einen massiven Eingriff in die demokratischen Grundrechte dar, wenn die individuelle Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird. In ihrer Rede an die Nation am Mittwoch hatte Merkel primär an die Vernunft appelliert, den Ernst der Lage anzuerkennen und mit der Einhaltung der sozialen Distanzierung dabei zu helfen, die Verbreitung des Virus einzudämmen. Da sich aber offensichtlich besonders die Jüngeren, wie die Partybilder zeigen, nicht an die Vorgabe „Bleiben Sie zu Hause“ halten, wird in den sozialen Medien quasi aus der Mitte heraus eine Ausgangssperre von einigen regelrecht gefordert („anders kapieren sie es ja nicht“). Dieser Impuls geht mit dem Eindruck einher, dass Deutschland in dieser Sache scheinbar nicht schnell genug handelt. So wurden landesweite Ausgangssperren mehr oder weniger strikt bereits in Italien, Österreich oder Frankreich umgesetzt. Wie lange sie jeweils gelten sollen, ist noch unklar.

Solche gravierenden Einschnitte bürgerlicher Freiheiten in dieser Krisensituation hinzunehmen, ist von der Hoffnung getragen, dass damit die Infektionsketten von Covid-19 durchbrochen werden können. Der aus der medizinischen Warte hergeleitete moralische Imperativ, sich solidarisch gegenüber den Alten und Menschen mit Erkrankungen zu verhalten und deshalb alle sozialen Kontakte weitestgehend einzuschränken, scheint allgemein akzeptiert. Die Frage aber ist, rechtfertigt der Zweck die Mittel? Reichen die bisherigen Maßnahmen wirklich nicht aus, braucht es jetzt zusätzlich noch eine Ausgangssperre? Was sind die Nebenfolgen für eine Gesellschaft unter Quarantäne?

Mediale Experten

In der Bild-Zeitung konnte man heute folgende Schlagzeile lesen „Ausgangssperren wären eine soziale Katastrophe“ sagen Experten. Wenn das politische Regierungshandeln immer noch vom wissenschaftlichen Expertenrat abhängt, dann wird man voraussichtlich morgen keine bundesweite Ausgangssperre verhängen. Eines der publizierten Gegenargumente lautet bspw., dass die dadurch geschaffene gespenstige Situation auch dazu führen kann, „dass die Solidarität in der Gesellschaft auseinanderbricht“. Dies wäre mittelfristig fatal, da man soziologisch weiß, dass solidarische Gemeinschaften stets robuster durch Katastrophen gehen. An dieser Stelle kommt die Experteneinschätzung aber nicht aus der Katastrophensoziologie oder z.B. der Familiensoziologie, die auf Basis empirischer Daten aus anderen Studien vor der Zunahme an häuslicher Gewalt bei sozialer Isolation warnen könnte, sondern erneut von Experten aus der Medizin (Virologie, Intensivmedizin), die sich mehrheitlich gegen die Ausgangssperre aussprechen bzw. sich verhalten zeigen, wie der Virologe Christian Drosten von der Charité. Wenn Mediziner nun auch zu Experten der gesellschaftlichen Implikationen der Corona-Krise gemacht werden, bleibt da überhaupt noch Platz für die Soziologie? Oder: Was kann und sollte die Soziologie zur Bewältigung der Corona-Krise (noch) beitragen?

Politische Handlungsoptionen

Allein der Blick auf die erschreckend wachsende Anzahl an Toten in Italien [i] signalisiert einen akuten politischen Handlungsbedarf, um die Verlaufskurve hierzulande unbedingt zu dämpfen. Aber sind Ausgangssperren das probate Mittel? Noch ergiebiger als das obige Fragespiel, Pro oder Contra Ausgangssperre, scheint mir über gangbare Alternativen nachzudenken. Blickt man auf das Ausbruchsland China, das angeblich seit zwei Tagen keine einzige Neuinfektion zu verzeichnen hat, wurde die Ausbreitung des Virus nicht nur mit einer radikalen Beschränkung der Bewegungsfreiheit gedämpft, einer strikten Ausgangssperre in den betroffenen Regionen, sondern staatlich auch entsprechend kontrolliert. Alle registrierten Infizierten werden elektronisch überwacht und bei abweichendem Verhalten sanktioniert, da ihre Bewegungsprofile laufend ausgelesen werden. Öffentlich einsehbar ist per App auch der sogenannte persönliche Gesundheitscode per Ampelsystem. Diese Form der digitalen staatlichen Kontrolle kann somit als eines der Erfolgsinstrumente zur Bekämpfung der Pandemie in einem autoritären Staat betrachtet werden.

In einer demokratischen Gesellschaft ist eine solche digitale Überwachung nicht möglich, hier gilt das Recht der informationellen Selbstbestimmung. Eine kleine Meldung im Berliner Tagesspiegel, die in der derzeitigen Informationsflut zur Corona-Krise fast untergegangen wäre, lässt mich jedoch aufhorchen. Berichtet wird hier, dass die Telekom kürzlich ein Paket an Mobilfunkdaten an das Robert-Koch-Institut übermittelt hat, um Bewegungsströme zu analysieren. Auf welcher rechtlichen Grundlage frage ich mich? Braucht es da im Sinne der Datenschutzgrundverordnung nicht meine, unsere Zustimmung? Die Rede ist von anonymisierten Daten, aber lassen sich Mobilfunkdaten tatsächlich anonymisieren, wie wurden sie aggregiert? Viele Fragen, die zu diskutieren Zeit bräuchten, die es aber derzeit nicht gibt. Würde man lediglich Bewegungsströme messen wollen, könnten auch ganz andere Daten hilfreich sein.

In Analysen wie denen von Philip Kreißel auf der Datenbasis von Google Maps zeigt sich beispielsweise, dass die soziale Dichte auf belebten Plätzen in deutschen Städten in den letzten Tagen massiv zurückgegangen ist, selbst ohne Ausgangssperren. Die eine Frage ist also, braucht man unbedingt Ausgangssperren? Die andere Frage ist, wofür benötigt das Robert-Koch-Institut Mobilfunkdaten?

Mithilfe von Mobilfunkdaten lassen sich infizierte Personen lokalisieren, doch dafür braucht man sie in nicht-anonymisierter Form. Politisch-rechtlich stellt sich in dieser Krise also implizit oder explizit die Frage, welche bürgerlichen Freiheiten schränkt man ein? Die Bewegungsfreiheit aller und/oder die informationelle Selbstbestimmung einiger? Sind solche Maßnahmen grundgesetzlich gedeckt? Eine dritte Option steht im Raum und sie wurde von der ehemaligen Richterin am Bundesverfassungsgericht Gertrude Lübbe-Wolf in einem Kommentar im Verfassungsblog formuliert, Ausgangssperre bzw. weitreichende Restriktionen ja, aber nur für die vulnerablen Personengruppen.

Für Diskussionen zu den sozialen oder rechtlichen Faktoren all jener Optionen bleibt keine Zeit. Stattdessen heißt es wohl abwarten, wie das Leben ab morgen weitergeht.

Ich freue mich auf Kommentare, Hinweise auf empirische Studien etc.! (Versuch Nr. 2, eine Diskussion zur Coronakrise im Blog anzuregen).



[i] Deutschland bildet derzeit den vierten Platz in der Rangliste der Infektionszahlen hinter China, Italien und Spanien. In Italien wurde heute die erschreckende Zahl von 800 Toten an einem Tag (am Montag waren es noch 250) vermeldet.

Gesellschaft unter Spannung. Was kann die Soziologie zur Bewältigung der Corona-Krise beitragen?

Jedes Gespräch, ob privat oder beruflich, ist momentan von einem einzigen Thema dominiert und das ist der individuelle und gesellschaftliche Umgang mit dem Corona-Virus. Der Ausbruch des Corona-Erregers wurde von der WHO inzwischen als Pandemie eingestuft, nach dem ersten Ausbruch in China sind inzwischen offenbar 148 Länder betroffen. Innerhalb der letzten Woche hat sich auch hierzulande die Krisensituation massiv verschärft. Die Gesellschaft steht enorm unter Spannung [i]. Aus diesem Grund weiche ich jetzt von meinem ursprünglichen Schreibplan des Blogs ab, um den Fokus auf die derzeitige Krise und ihre Bewältigung zu richten. Es erfolgt allerdings keine Analyse, sondern zunächst eine Dokumentation der dynamischen Entwicklung der letzten Tage, verbunden mit der offenen Frage: Welches Wissen kann und sollte speziell die Soziologie zur Krisenbewältigung beitragen?

Soziale Distanzierung als Mittel des Krisenmanagements

Das Corona-Virus hält seit Beginn des Jahres die Welt in Atem und inzwischen hat sich Europa zum Epizentrum der Pandemie entwickelt. Auf der interaktiven Landkarte der Johns Hopkins Universität lassen sich die Zahlen der registrierten Infektions- und Todesfälle in Echtzeit einsehen. Demzufolge liegt die Anzahl der Infizierten in Deutschland bei 5813, während 13 Menschen bislang an den Folgen des Corona-Virus gestorben sind (Stand heute: 16. März 2020), das Robert-Koch-Institut offeriert eine genauere Kartierung nach Bundesländern, die Zahlen differieren leicht gegenüber den letztgenannten. Es gibt regionale Epizentren wie die Gemeinde Heinsberg in Nordrhein-Westfalen und es gibt Gegenden wie in Sachsen-Anhalt oder dem Saarland, die von der Erkrankung noch weitestgehend verschont geblieben sind. Bundesweit wurden Testzentren errichtet, um eine schnellstmögliche Diagnose zu erreichen und auf diese Weise die weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen. Die politischen Maßnahmen im Umgang mit Corona haben sich gerade in den letzten Tagen massiv verstärkt und sie greifen tief in den sozialen Alltag ein: Die Lösung heißt soziale Distanzierung, um eine weitere Verbreitung über Tröpfcheninfektion zu vermeiden.

Von der Bundesregierung wurden zur Minimierung des Ansteckrisikos in einem ersten Schritt Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmenden untersagt. Dies betrifft Messen, Großkonzerte genauso wie Fußballspiele, die nun ohne Zuschauer_innen als sogenannte Geisterspiele vorläufig weiterlaufen. Der Start des Sommersemesters an Hochschulen in Berlin und vielen weiteren Bundesländern wurde auf Ende April verschoben, Präsenzveranstaltungen in der vorlesungsfreien Zeit abgesagt. Vor drei Tagen wurden in der Hauptstadt alle staatlichen Kultureinrichtungen wie Bibliotheken, Museen, Gedenkstätten und Theater-, Opern- und Konzerthäuser bis auf Weiteres geschlossen. Kneipen- und Klubschließungen wurde gegenüber dem erstgenannten Termin auf das Wochenende vorgezogen. Öffentliche Gottesdienste und Freitagsgebete wurden mehrheitlich ebenso bis auf Weiteres ausgesetzt. Im weiteren Schritt wurden alle anderen Einrichtungen mit Publikumsverkehr (Spielhallen, Kinos, Bordelle) bzw. Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmenden per Verordnung des Berliner Senats geschlossen bzw. verboten. Auch der Sportbetrieb auf allen öffentlichen und privaten Sportanlagen wurde vorübergehend eingestellt (u.a. Schwimmbäder, Fitnessstudios).

Betroffen ist somit das gesamte öffentliche Leben wie bereits in Italien [ii]. Ein besonders starker Einschnitt, der noch am längsten hinausgezögert wurde, ist die Schließung von Schulen und Kitas bis zum Ende der Osterferien und dies nahezu flächendeckend. Wie Arbeit und Kinderbetreuung konkret organisiert werden kann, bleibt vielen Arbeitnehmer_innen und Arbeitgeber_innen derzeit noch ein Rätsel. Ob und wie der öffentliche Nahverkehr weiter aufrechterhalten werden kann, ist derzeit ebenso ungewiss. Für heute wurde angekündigt, dass der Regionalverkehr eingeschränkt wird. Die Bahn rechnet damit, dass die Zahl an Berufspendler_innen wegen des Bedarfs der Kinderbetreuung nun sowieso stark abnehmen wird. Ad hoc wurden jetzt auch hierzulande Grenzkontrollen beschlossen, um den Reiseverkehr zu unterbinden mit dem Ziel, der weiteren Ausbreitung Herr zu werden. Mit der Einschränkung des Verkehrs nicht nur in Deutschland, sondern auch andernorts wächst derzeit die Sorge um Versorgungssicherheit. In manchen europäischen Ländern wie Italien, Österreich und Spanien wurden inzwischen Ausgangssperren verhängt, in Deutschland wird darüber derzeit debattiert.

Sorge um die gesellschaftlichen Auswirkungen

Über die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Krise lässt sich derzeit nur spekulieren, aber sie werden massiv sein. Der Aktienindex Dax ist heute auf ein Vierjahrsrekordtief unter 9000 Punkte gesunken. Zahlreiche Personengruppen (u.a. Kulturschaffende), Einrichtungen und Unternehmen sehen sich in ihrer Existenz bedroht, erste Petitionen sind bereits angelaufen. Finanzielle Unterstützungsmaßnahmen für die hiesige Wirtschaft wie Kreditzusicherungen, Kurzarbeitergeld und Steuererleichterungen wurden von Regierungsseite zwar bereits zugesichert, doch bieten sie momentan noch wenig konkrete individuelle Haltepunkte. Die politische Devise lautet im Einklang mit dem wissenschaftlichen Expertenrat derzeit primär „Flattening the Curve“, um einen Zusammenbruch des medizinischen Versorgungssystems bei einer exponentiellen Verbreitung hierzulande unbedingt zu verhindern. Wie lange dieser Ausnahmezustand also andauern wird und entsprechend auch die Höhe der wirtschaftlichen Konsequenzen ausfallen, ist von der Entwicklung der Zahlen an Neuinfizierten abhängig. Deshalb ist jede Bürgerin aufgefordert, den medizinischen Empfehlungen zu folgen, um dem unsichtbaren Virus möglichst zu entgehen und die Verbreitung dadurch zu verlangsamen. Die allgemeine Regel heißt, häufiges Händewaschen und Face-to-Face-Kontakte minimieren. Zur allgemeinen Verunsicherung trägt die Tatsache bei, dass die Symptome des Coronavirus SARS-CoV-2 sich nicht ohne Weiteres von Grippe- oder Erkältungssymptomen unterscheiden lassen. Dementsprechend hoch fällt der derzeitige Andrang auf die Hausärzte und die Testzentren aus, der organisatorisch bewältigt werden muss.

Die Politik rät zu Recht zur Besonnenheit. Was in dieser Krisensituation unbedingt zu vermeiden ist, sind Panik und Hysterie. Erste Anzeichen dessen zeigen sich im Phänomen der Hamsterkäufe. In den Supermärkten herrscht derzeit eine angespannte Stimmung, wenn sichtbar wird, dass ganze Regale leergefegt sind. Zwar gibt es bislang keine Lieferengpässe, doch scheint sich die Krisenwahrnehmung zunächst im Prepping niederzuschlagen. Kassierer_innen berichten von irren Einkäufen, Einkaufswagen quellen über, Toilettenpapier wird zum Symbolbild. Zur Mangelware sind hierzulande Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken geworden. Erstes kriminelles Verhalten zeigt sich in den bekannt gewordenen Diebstählen von Desinfektionsmitteln in Krankenhäusern, um mit der Angst in der Bevölkerung Geschäfte zu machen. Gesellschaftliche Solidarität ist gefordert und dies insbesondere gegenüber den als vulnerable Gruppen gefassten Kranken und Älteren. Nach ersten epidemiologischen Studien sowie den Erfahrungen mit dem Coronavirus im Ausbruchsland China liegt das Sterberisiko für diese Lungenkrankheit angeblich bei 0,3 bis fünf Prozent, bei Personen ab 65 Jahren wohl deutlich höher [iii]. Dementsprechend wurde in den Kranken- und Pflegehäusern inzwischen auch die Besuchsmöglichkeit von Patient_innen eingeschränkt. Dass eine solche Kontaktsperre auch psychische Auswirkungen auf die Betroffenen hat, seien es Patientinnen im Krankenhaus oder Personen zu Hause in Quarantäne, ist naheliegend. Die gesellschaftliche Hilfsbereitschaft wächst demgegenüber wie bestimmte Solidaritätsaktionen für Hilfsbedürftige in Wien und Berlin in der #nachbarschaftschallenge demonstrieren. Eine jüngste Umfrage für Deutschland zeigt darüber hinaus, dass die Bereitschaft, sich einzuschränken, „überraschend hoch“ ausfällt.  

Doch die Frage steht im Raum: Wie lange lässt sich ein solcher Ausnahmezustand halten, ohne die soziale Ordnung zu gefährden?

Wissenschaftliche Politikberatung

Die politischen Entscheidungen in der Corona-Krise bauen derzeit vorrangig auf wissenschaftliche Einschätzungen von Expertinnen aus der Virologie und Epidemiologie. Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte in ihrer Videobotschaft vom 11. März 2020: „Die Maßstäbe für unser Handeln, unser politisches Handeln ergeben sich aus dem, was uns Wissenschaftler und Experten sagen.“ Wissenschaft und Politik scheinen sich nie näher gewesen zu sein. Gemeinsam geht es darum, diese große gesellschaftliche Herausforderung zu meistern, die vor allem schnelles politisches Handeln erfordert [iv]. Das Verhalten in der Krise gilt zugleich als Paradebeispiel für Wissenschaftskommunikation [v]. Beispielsweise berichtet Prof. Dr. Christian Drosten von der Charité Berlin, inzwischen eine prominente Figur, seit dem 28. Februar 2020 täglich im NDR-Podcast mit sehr viel Zuruf über die neueren Entwicklungen und teilt seine wissenschaftlichen Einsichten. Bemerkenswert daran ist, dass die Stimme der Wissenschaft hier eben gerade nicht apodiktisch daherkommt, sondern ganz nah am laufenden Forschungsprozess auch Revisionen des vorher Gesagten miteinschließt und die Gründe dafür einem fachfremden Publikum genauer erläutert. Da nicht nur der Virus, sondern auch die Form einer Pandemie hierzulande unbekannt ist, sind alle politischen Entscheidungen und Verhaltensregeln derzeit nur unter dem Vorzeichen wissenschaftlicher Unsicherheit möglich. Dennoch und das ist bezeichnend, steht die epistemische Autorität der Expert_innen dadurch nicht in Frage. Hinzukommt die relative Einigkeit unter den Expert_innen. Aber reicht die medizinische Einschätzung in dieser Krise für Politik und Öffentlichkeit aus oder braucht es nicht endlich vielfältigere Stimmen aus der Wissenschaft, und zwar zu den ökonomischen, politischen und sozialen Implikationen? Wie wirken sich die gegenwärtig laufenden und angekündigten Beschränkungen des öffentlichen Lebens konkret aus, welche möglichen Risiken gilt es zu vermeiden? Wie lassen sich relevante Informationen für unterschiedliche Gruppen am besten aufbereiten und zirkulieren?

Zur Rolle der Soziologie als Beratungsinstanz

Momentan sind wir als Soziologinnen und Soziologen wie alle Bürger_innen auch vermutlich primär damit beschäftigt, die neuesten Regelungen und verwaltungstechnischen Anweisungen zu registrieren und individuelle Bewältigungsstrategien für den Alltag zu entwickeln: Wir sind eifrig dabei, unseren Forschungs- und Lehrkontext zu reorganisieren [vi], alternative Kinderbetreuung sicherzustellen, Mobilität zurückzufahren, Sorge für Familienmitglieder zu tragen und dabei dem Vorsatz der sozialen Distanzierung zu folgen. Die Berufsrolle ist zum Teil irritiert, das Handeln der Organisation verzögert, Patentrezepte gibt es nicht.

Selbst auf die Gefahr hin, dass ich meine derzeitige Rolle als Autorin des SozBlogs mit diesem Appell überziehe: Doch wäre jetzt nicht genau der richtige Zeitpunkt, um die Vielfalt der soziologischen Expertise zu bündeln und Beratungsleistungen für das Krisenmanagement auf verschiedenen Ebenen zu erarbeiten? Wäre das nicht Teil des öffentlichen Auftrags der Soziologie als Wissenschaft, die über das soziale Zusammenleben von Individuen in der Gesellschaft forscht, ihre relevanten Erkenntnisse in dieser Ausnahmesituation einzubringen, und zwar auch zu präventiven Zwecken für die Gesellschaft unter Quarantäne? Public Sociology at its best? Neben reflexivem Wissen ist momentan Orientierungswissen gefragt, doch wie und womit fängt man an? Womit wurde bereits begonnen? Welche Erkenntnisse lassen sich aus der Katastrophen-, Organisations-, Bildungs-, Medizin-, der Familien-, der Mediensoziologie oder allen weiteren Speziellen Soziologien auf diesen Fall übertragen? Welche politischen Vorkehrmaßnahmen sind zu treffen, um die zu erwartenden Negativeffekte eines gesellschaftlichen Shutdowns abzufedern und unbeabsichtigte Folgen frühzeitig zu antizipieren? Welche Forschungsprojekte sind eventuell bereits angelaufen, auch und gerade im internationalen Vergleich?

Hinweise, Sammlungen, Analysen, Anregungen, Diskussionen auf dem Blog sind herzlich willkommen.



[i] So der Titel des anstehenden Soziologiekongresses im September in Berlin, der nun wie eine weise Vorausschau klingt.  

[ii] Italien als das hinter China zurzeit am zweitstärksten vom Coronavirus betroffene Land verzeichnet momentan laut aktuellen Nachrichten 250 Tote pro Tag.

[iii] Die Bezifferung der Sterberate unterscheidet sich hier je nach Region. Angesichts der unbekannten Dunkelziffer sind zum jetzigen Zeitpunkt noch keine verlässlichen Zahlen und vergleichenden Studien verfügbar. Laufend aktualisierte Informationen dazu liefert das Fact Sheet des Science Media Centers.

[iv] In der Klimakrise gelingt dies bekanntlich nicht.

[v] Wissenschaftskommunikation mehr zu fördern, entspricht zugleich den aktuellen politischen Zielstellungen.

[vi] Dies soll Thema des nächsten Blogposts werden, falls nichts Anderes dazwischenkommt.

Das Medium 2.0 ist die Botschaft (2/2)

Bloggen für oder gegen den Ruhm?

Kann sich das Schreiben eines Blogs für eine Wissenschaftlerin lohnen? Aus reputationstaktischer Sicht sicher nicht. Dies ungeachtet dessen, dass in einigen Fächern der Ruf laut wird, ein „digital scholarship“ [i] auszubilden. Hier und anderswo ist es der begutachtete Fachartikel, der auf das Reputationskonto einzahlt. Alles andere, ob Sammelbandbeiträge, aufwändige Rezensionen oder eben Blogbeiträge sind in der Regel nicht peer-reviewed, daher zählen sie (vielerorts) nicht [ii]. Wissenschaftliche Karrierefibeln würden einem daher raten, sie gar nicht erst zu schreiben. Warum aber der standardisierte und begutachtete Aufsatz zum Goldstandard im eigenen Fach zu werden scheint, bleibt in einer Hinsicht rätselhaft. Dafür muss man nur auf die experimentellen Naturwissenschaften schauen, allen voran die Biowissenschaften, in denen die Definitionsmacht bestimmter Zeitschriften über wissenschaftliche Qualität ihren Anfang genommen hat. Mit der globalen wissenschaftlichen Expansion und der Anwendung journalbasierter Indikatoren und Ratings wurde die Was-Frage durch die Wo-Frage abgelöst, „publish-in-top- journals-or-perish“.

Dafür gibt es zunächst gute Gründe. Eine Veröffentlichung in einer renommierten Zeitschrift suggeriert geprüfte Qualität nach innen und außen. Die Delegation der Qualitätsprüfung an Journale wirkt auf die wissenschaftliche Community befreiend und beschränkend zugleich. Es befreit jede Einzelne von der genaueren Lektüre, aber beschränkt die eigene Autonomie des kritischen Urteilsvermögens im Zuge der Rezeption und Bewertung. Wie die biomedizinische Forschung illustriert, sind auch die renommiertesten Journale nicht davor gefeit, dass sich publizierte Artikel im Nachhinein als falsch oder gar als Fälschung herausstellen – trotz Peer Review. Fälle dieser Art mehren die Kritik am Peer Review-System und an der Verwendung journalbasierter Indikatoren, insbesondere, weil ganze Karrieren aus Sicht der Betroffenen an Publikationen in den Spitzenzeitschriften hängen und damit einen unlauteren Wettbewerb hervorbringen, der dem Wissenschaftssystem mehr schadet als nützt [iii].

In der Soziologie existiert bislang weder ein formalisiertes Zeitschriftenrating (wie in den Wirtschaftswissenschaften) noch erlaubt der Journal Impact Factor ein Ranking nach Prestige, wenn die numerischen Unterschiede, gerade im deutschsprachigen Raum, zumeist nur in der Nachkommastelle liegen. Daher sind die Nebenfolgen des Impact Factor Games, wie man sie aus manchen naturwissenschaftlichen Fächern kennt, hier kaum virulent. Auf die Gefahren einer missbräuchlichen Nutzung zitationsbasierter Indikatoren haben DORA und das Leiden Manifesto on Research Metrics in den letzten Jahren eindringlich hingewiesen. Schon aus methodologischen Gründen eignen sich quantitative Maßzahlen nicht für Qualitätsaussagen über einzelne Artikel. Der inhaltliche Aussagewert journalbasierter wie artikelbasierter Zitationsstatistiken ist begrenzt. So kann empirisch betrachtet ein Artikel besonders hoch zitiert werden, entweder, weil er wissenschaftlich außerordentlich relevant oder im Gegenteil, besonders kontrovers aufgenommen wird und am Ende sogar zurückgezogen wird. [iv]

Hochzitierte Beiträge bilden jedoch mit Blick auf bibliometrische Daten eher die Ausnahme, von der deutschsprachigen Soziologie sowieso einmal ganz abgesehen. Die Zitationshöhe bleibt von vielen Faktoren abhängig: Publikationssprache, Größe des Fachs, Anzahl der Autorinnen usw. [v]. Der Erfinder des Journal Impact Factors und Gründer des Institute for Scientific Information, das das Web of Science aufgebaut hat, Eugene Garfield, rechnete einmal vor, dass von insgesamt 38 Millionen Zeitschriftenartikeln aus allen Fächern, die zwischen 1900 und 2005 veröffentlicht wurden, nur 0,5 Prozent mehr als 200-mal zitiert worden sind, 50 Prozent hingegen kein einziges Mal [vi]. Aus diesen Zahlen lässt sich nun weder schließen, dass die nicht-zitierten Beiträge gar nicht rezipiert worden sind, noch, dass die zitierten Beiträge auch gelesen wurden. Fest steht lediglich: Um wissenschaftliche Forschung befruchten zu können, müssen Ergebnisse zumindest sichtbar, verfügbar und auch nachgefragt sein. Beiträge, deren Titel gar nicht erst indexiert sind [vii], lassen die nötige Sichtbarkeit und damit auch die ihrer Zitationen häufig vermissen. Über ihre Wissenschaftlichkeit ist damit noch nichts gesagt.

Der Veröffentlichungsort erfüllt seine Funktion vor allem hinsichtlich der Rezeptionswahrscheinlichkeit. Je renommierter der Publikationsort (und je prominenter die Autorin) desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wissenschaftliche Ergebnisse auch wahrgenommen werden. Werden sie wiederum wissenschaftlich zitiert, gelten sie als wissenschaftszughörig. Prinzipiell sind aber weder Wissenschaftlichkeit noch wissenschaftliche Anschlussmöglichkeiten an bestimmte Publikationsmedien gebunden. Wenn man Wissenschaft als Kommunikationssystem fasst, dann ist es quasi unerheblich [viii], wo und wie etwas erschienen ist, um Anschlüsse zu generieren. Auch Blogs, genauso wie mediale Beiträge, könnten somit genauso wie Zeitschriftenartikel Wissenschaft potenziell anregen und/ oder die eigene Forschung voranbringen. Blogs oder andere soziale Medien per se als unwissenschaftlich zu deklarieren, scheint daher verfehlt, es kommt vielmehr auf die Nutzungs- und Rezeptionsweisen an.

Ein besonderer Vorteil des von einer Fachgesellschaft betriebenen Blogs ist, dass er – ohne hier auf Zahlen zugreifen zu können – Aufmerksamkeit generiert, um spezifische Themen und Inhalte zirkulieren zu lassen. Der öffentlich zugängliche Blog bedeutet somit eine sehr viel größere Reichweite als die eines Artikels in einer speziellen Fachzeitschrift. Damit kommt der Blog dem narzisstischen Grundbedürfnis der Wissenschaftlerin sehr entgegen, gelesen und womöglich verstanden zu werden.

Blogs versus Zeitschriftenartikel

Man könnte sogar behaupten, dass Blogs wissenschaftlichen Erkenntnisansprüchen vielleicht sogar noch näherkommen können als der standardisierte Forschungsartikel. Der Grund liegt nicht nur darin, dass digitale Blogbeiträge ohne Publikationsverzögerungen erscheinen können. Vielmehr zeigt der Blick zurück auf Flecks Ausführungen, dass der Zeitschriftenartikel inzwischen einen derartigen Bedeutungswandel erfahren hat, dass er den Merkmalen der Handbuchwissenschaft heute fast näher zu sein scheint, anstatt Raum für Neues bereitzustellen. Das der Zeitschriftenpublikation vorgeschaltete Peer Review Verfahren wird inzwischen mit Anforderungen überfrachtet, die per se nicht erfüllt werden können. Die Akzeptanz eines Manuskripts bedeutet nicht, dass die Ergebnisse wahr sind, sondern dass sie (von zumeist zwei Expertinnen) für publikationswürdig gehalten werden. Eine Überprüfung unter Wahrheitsgesichtspunkten würde gerade in den experimentellen Wissenschaften bedeuten, Ergebnisse im Labor zunächst versuchen zu replizieren, um daraufhin eine Veröffentlichungsentscheidung zu treffen. Dies ist alleine aus organisatorischen Gründen nicht möglich [ix]. Bereits die Suche nach geeigneten Gutachterinnen ist herausfordernd genug.

Wenn heute disziplinübergreifend von einer Replikationskrise der Wissenschaft die Rede ist, bedeutet dies, dass nicht alle zur Publikation zugelassenen Ergebnisse halten, was sie versprechen. Die Ursachen für Replikationsprobleme sind vielfältig, sicherlich spielen auch Fehlanreize hinein, die zum Trimming und Cooking von Daten geradezu verführen, um einen der begehrten Publikationsplätze zu ergattern. Die Annahme aber, dass es sich bei Zeitschriftenartikeln um bereits gesichertes Wissen handelt oder handeln sollte, verkennt die Logik der Wissenschaft, die ja gerade von der wechselseitigen Kritik lebt, um zu gesicherten Erkenntnissen zu gelangen. Dafür müssen sich die individuell gewonnenen Erkenntnisse aber auch der Kritik der Community aussetzen dürfen, sprich, veröffentlicht werden.

Genau aus diesem Grund war die Erfindung der wissenschaftlichen Zeitschrift im 17. Jahrhundert ein Katalysator für die Ausdifferenzierung der Wissenschaft. Mit der Umstellung vom adressatenbeschränkten Briefverkehr auf die Veröffentlichung der Erkenntnisse in regelmäßig erscheinenden wissenschaftlichen Zeitschriften wurde die Kumulation von Wissen vorangetrieben. Bis sich der Zeitschriftenartikel als primäre Form der Wissenschaft durchsetzte, dauerte es noch bis zum 19. Jahrhundert, in welchem auch der Artikel zu jener Form fand, die bis heute prägend ist. [x] Der wissenschaftliche Aufsatz kam dem Wunsch nach Sicherung der Entdeckungspriorität nach. Wenn wir heute unsere Publikationslisten online ausstellen, über Autorinnenreihenfolgen streiten und aus der Neurobiologie erfahren, dass Veröffentlichungen in High-Impact Journalen Glücksgefühle auslösen, dann wird einmal mehr deutlich, wie sehr wissenschaftlicher Reputationserwerb an Veröffentlichungen geknüpft ist und damit als soziale Motivationsstruktur wirkt.

Dabei hat sich im Laufe der Geschichte der Status des Forschungsartikels verändert. „The technique of the scientific paper, through simple and probably accidental in its origin, was revolutionary in its effects. The paper became not just a means of communicating a discovery, but, in quite a strong sense, it was the discovery itself“ (de Solla Price 1981: 3) [xi].

Dass eine solche implizite Gleichsetzung an Grenzen stößt, zeigt die gegenwärtige Infragestellung zahlreicher Publikationen in allen Disziplinen. Der Blog Retraction Watch liefert dafür genügend Anschauungsmaterial. Nicht nur, dass transparent wird, dass manche Ergebnisse nicht replizierbar sind und auf Irrtümern oder Fälschungen aufruhen. Vielmehr steht zur Debatte, ob der standardisierte, begutachtete Fachartikel statt Innovationen hervorzubringen, nicht vielmehr den Mainstream befördert und zwar aus strukturellen Gründen. Dafür muss man gar nicht unbedingt der These des Akademischen Kapitalismus folgen.

Es reicht vollkommen aus, die persönlichen Leseerfahrungen in Erinnerung zu rufen. Welche Artikel haben Sie in letzter Zeit besonders inspiriert? Wo kamen die Richtungsimpulse für die eigene Forschung her, aus aktuellen oder älteren Zeitschriftenartikeln, Buchbeiträgen oder Monographien – oder gar aus Tweets, Blogs oder Gesprächen? Worüber lohnt es zu diskutieren? Welche ‚Entdeckungen‘ finden gebietsübergreifend Resonanz, an welchen Veröffentlichungen kommt man in der Soziologie aktuell nicht herum? Mit diesen Fragen will ich hier im Blog gar keine Listenerstellung in der Kommentarspalte einfordern, dafür wäre Twitter sicher das geeignetere Medium. Worauf ich nur hinaus will, ist, dass die Funktion des Blogs für die Soziologie genau darin liegen könnte, eine Inspirationsquelle abzugeben – wie jedes andere Publikationsmedium auch, nur mit dem expliziten Anspruch versehen, die Leserinnen zum Mitdenken aufzurufen.

Um dem Bloggen für die Soziologie aber zum Erfolg zu verhelfen [xii], braucht es hierzulande noch eine Verständigung über die Zitierwürdigkeit von Blogposts und die Zuweisung einer DOI, um die technische Zitierfähigkeit zu erweitern – das vielleicht als Anregung an die DGS. Dies wäre nicht zuletzt auch für die Wissenschaftsforschung lohnenswert, denn empirisch betrachtet bleiben die Verwendungsweisen von Blogeinträgen noch größtenteils im Dunkeln, da etwaige Verweise nicht automatisch (nein?) wie Zitationen auf Zeitschriftenartikel getrackt werden.

Was folgt

Damit bin ich mit meiner Selbstvergewisserung, was ein Blog kann und soll, erst einmal am Ende. Wenn ich als Wissenschaftssoziologin also ab sofort für den SozBlog schreibe, dann geht es mir darum, mein Forschungsfeld praktisch unter die Lupe zu nehmen und mich der Medialität eines Blogs spielerisch zu nähern. Die leitende Frage ist: Was bedeutet die Umstellung vom Printmedium auf digitale Verbreitungstechnologie für die Wissenschaft und die Wissenschaftlerin?

Für Sie als Leserin kann ich die Erwartungen an den Blog nur insoweit wecken, als dass ich mich in den kommenden Wochen um eine Art öffentlich geführtes Forschungstagebuch bemühe, das über Fundstücke im Bereich Wissenschaftsforschung und Wissenschaftskommunikationsforschung berichtet. Publikationsfrequenz noch offen. Länge: kürzer (!). Es ist auch für mich ein Experiment. Ich hoffe, es ist für alle etwas dabei.


[i] Vgl. Hecker-Stampehl, J. (2013). Bloggen in der Geschichtswissenschaft als Form des Wissenstransfers. In: P. Haber & E. Pfanzelter (Hrsg.), historyblogosphere. Bloggen in den Geschichtswissenschaften München: Oldenbourg, S. 37–50.

[ii] Welche Effekte die Verdrängung aller anderen Publikationsmedien zugunsten des begutachteten Artikels zeitigt, lässt sich wohl derzeit am besten in den Wirtschaftswissenschaften studieren.

[iii] Die mit der Definitionsmacht der Journale über wissenschaftliche Karrieren verbundenen Gefahren für die Wissenschaft wurden von niemandem so eindrucksvoll geschildert wie von dem Biochemiker und seines Zeichens Nobelpreisträger Randy Schekman.

[iv] Mit Retractions hatte ich mich ausführlich in meiner Dissertation beschäftigt, als es darum ging, fehlende wissenschaftliche Relevanz von Artikeln (unabhängig vom Renommee der Zeitschrift) zu operationalisieren. Eine ausführliche Erörterung der Fallbeispiele aus der Stammzellforschung findet sich dementsprechend hier auf S. 190 ff.

[v] Trotz der weiten Verbreitung bibliometrischer Indikatoren und unzähliger Analysen bildet eine Theorie der wissenschaftlichen Zitation nach wie vor ein Desiderat.

[vi] Aus: Garfield, Eugene (2006): The History and Meaning of the Journal Impact Factor. JAMA, 295, 90–93. Über Hinweise zu aktuelleren Zahlen und großangelegten Untersuchungen wäre ich dankbar.

[vii] Mit der digitalen Veröffentlichung verliert jedoch auch die Zeitschrift insofern an Bedeutung, als dass personalisierte Empfehlungsdienste per Webcrawler die Informationen ungeachtet ihres Erscheinungsorts zur Nutzerin bringen.

[viii]  Die Umstellung auf post-publication peer review könnte einen Funktions­wandel der wissenschaftlichen Zeitschrift mit sich bringen, so zumindest die weitreichende Vision von: Kriegeskorte, Nikolaus (2012). Open Evaluation: A Vision for Entirely Transparent Post- Publication Peer Review and Rating for Science. Frontiers in Computational Neuro­science, 6 (79). doi: 10.3389/fncom.2012.00079

[ix] Im Kontext eines Fälschungsskandals rund um Klonierung hat die Zeitschrift Nature tatsächlich ein sogenanntes replicator’s review veranlasst, um die proklamierten Ergebnisse vor der Veröffentlichung verifizieren zu lassen.

[x] Zur Historie des experimentellen Papiers siehe Bazerman, Charles (1988): Shaping Written Knowledge. The Genre and Activity of the Experimental Article in Science. Madison: The University of Wisconsin Press.

[xi] Price, Derek J. de Solla (1981): The Development and Structure of the Biomedical Literature.In: Warren, Kenneth S. (Hg.): Coping with the Biomedical Literature. New York: Praeger Publications, 3–16.

[xii] Wie man die Sichtbarkeit von Blogs über soziale Medien noch weiter erhöht und die Aufmerksamkeit auf Themen lenkt, lehrt das Blogimperium der London School of Economics, so bspw. der lesenswerte LSE Impact Blog.

Das Medium 2.0 ist die Botschaft (1/2)

Das Schöne an Blogs ist, dass sie kommunikative Freiräume generieren. Weder Thema, Stil noch Zeichenlänge sind vorbestimmt. Ich kann also schreiben, was und wie ich es will in den kommenden zwei Monaten, in denen ich den SozBlog bespielen darf. Ich muss mich nicht mit rigiden Formatrichtlinien herumschlagen. Kein Verlag und keine Deadlines sitzen mir im Nacken. Einzig das imaginierte Publikum bildet ein Korrektiv, das mein Schreiben in gewisse Bahnen lenkt. Wen dieser Blog tatsächlich erreicht und wie er aufgenommen wird, ist unklar. Das ist und war auch bei gedruckten Publikationen nicht anders. Der Unterschied liegt vielmehr in dem Hervortreten der Person hinter dem Text und der Möglichkeit, mit ihr direkt ins Gespräch zu kommen. Die Haltung der eigenen Fachcommunity Blogs und anderen sozialen Medien gegenüber scheint insgesamt bislang eher zurückhaltend bis skeptisch. Warum eigentlich?

Komm! ins Offene [i]

Mit der Selbstpublikation verlässt man als Wissenschaftlerin den vertrauten Pfad einer Qualitätskontrolle vor der Veröffentlichung und verliert damit auch ein Stück Sicherheit. Es gibt keine Redaktion, die über die Publikationswürdigkeit eines Beitrags auf Basis von Gutachten entscheidet und über die erforderlichen Korrekturen wacht. Die Verantwortung für die nachfolgenden Texte liegt somit ganz allein bei mir; das macht bereits der Teaser des SozBlogs deutlich, bei dem sich die DGS schon mal vorsorglich von den Meinungen ihrer Autorinnen distanziert, ja, distanzieren muss. Wenn ich also nicht meinen eigenen Blog nutze, sondern für den DGS-Blog schreibe, prägt dies auch das eigene Schreibverhalten in Form von Erwartungserwartungen. Dabei sollte es in einem Blog, auch wenn er von einer Fachgesellschaft betrieben wird, nicht darum gehen, die etablierten Schreibpraktiken im Fach einfach nur zu übertragen, das würde dem ‚neuen‘ Medium nicht gerecht. Im Wissenschaftsblog sollte es aber umgekehrt auch nicht um Privatmeinungen, Gefühle oder solche Erlebnisse gehen, die ganz andere Rollen betreffen. Inhaltlich muss in einem Wissenschaftsblog der Bezug zur Forschung gegeben sein, stilistisch darf es auch ruhig persönlicher werden. Die Gratwanderung beim Schreiben besteht somit darin, zwischen formaler und informeller Kommunikation eine individuelle Handschrift zu entwickeln, die zumindest einige Leserinnen, die an Soziologie interessiert sind, zeitweise bindet. Mit dem Bloggen betritt man auch in anderer Hinsicht ein für die Wissenschaft bislang weitestgehend unbekanntes Terrain, womöglich direkte Rückäußerungen eines noch unbekannten und fachfremden Publikums auf einen Text zu erhalten und darüber ins Gespräch zu kommen [ii]. Auf die Kommentare bin ich schon gespannt, denn die Interaktivitätsfunktion wie sie das Web 2.0 ermöglicht, hat bekanntlich ihre Sonnen- und Schattenseiten.

Wie sehr meine Vorgängerinnen auf dem SozBlog mit dieser quasi ungeschützten Rolle der Bloggerin teilweise haderten, wird jeweils in ihrem ersten Blogpost deutlich. Dieser dient häufig zunächst der Selbst- und Fremdvergewisserung zur Bedeutung des Bloggens für die Soziologie und das soziologische Selbstverständnis. Werner Rammert unterscheidet drei Stile des Bloggens: ‚professional‘, ‚personal‘ und ‚public sociology‘ und stellt zugleich fest, dass er den Aufwand des Bloggens doch unterschätzt habe, es sei ein „langwieriges und zeitraubendes Geschäft“. Sicher werde ich ihm am Ende meines Selbstversuchs noch zustimmen. Hella von Unger bewertet soziale Medien als zweischneidiges Schwert, sie „eröffnen faszinierende Möglichkeiten für Austausch, Information, Vernetzung und Forschung und sind doch auch etwas unheimlich, da sie Momente des Ungewissen und Unkontrollierbaren einschließen und starke Dynamiken entfalten (können)“. In den Kommentarspalten zeigen sich in der Tat mitunter destruktive Tendenzen im SozBlog genauso wie in journalistischen Medien auch, das kann unangenehm werden und ist wenig zielführend. Mein Kollege Jo Reichertz ging 2013 so weit zu sagen, dass das Bloggen sogar ‚gefährlich‘ werden kann – „vor allem für die, die noch auf eine Karriere in der Wissenschaft hoffen“, und zwar aufgrund „subversive[r] (Fehl-)Deutungen durch Nutzer jedweder Art“. Wenn man die neuen Möglichkeiten des wissenschaftlichen Austauschs und der soziologischen Kommunikation nach außen auch als Chance begreift, ist die Nicht-Nutzung sozialer Medien sicher keine Lösung. Stattdessen gilt es Ansätze zu finden, wie man sich speziell als Wissenschaftlerin wappnen kann und muss, um nicht getrollt zu werden. Dies könnte auch Thema für die DGS sein.

Plurale Aneignungsweisen des Blogs

Anders als bei selbst generierten Autorinnen-Blogs scheint es für viele der Kolleginnen auf dem SozBlog der DGS das erste und für manche vielleicht sogar das letzte Mal zu sein, dass sie sich auf ein solches Schreibexperiment einlassen. Die sozialen Medien sind der Wissenschaft, wenn man auf Umfragewerte blickt [iii], in weiten Teilen immer noch suspekt. Die geringe Nutzungsintensität sozialer Medien in der deutschsprachigen Soziologie betrifft sowohl die Seite der Autorinnen als auch der Rezipientinnen. Twitter scheint jedoch so langsam Fuß zu fassen. Gestartet im September 2011, hat der SozBlog inzwischen 43 Autorinnen(-Teams), mich eingeschlossen, versammelt. Pro Blogetappe wurden von den Autorinnen von zwei bis zu 43 Beiträge (Nina Baur, Chapeau!) verfasst. Genutzt wurde der Blog in ganz verschiedenen Hinsichten: als reflexives Schreiben über laufende Forschungsarbeiten, zur Theorieentwicklung oder Methodendiskussion, als Konferenzdokumentation, für Reiseberichte, als Medium aufwändiger Buchrezensionen, als Forum für politische Teilhabe und Interessenvertretung, als Präsentationsfläche für Forschungsverbünde oder als Ort für professionspolitische Grenzziehungen. Dieses Spektrum an Mitteilungen kann keine soziologische Zeitschrift bedienen. [iv] Jene Freiheitsgrade sind die Vorzüge eines Blogs, der über spezielle Fachzirkel hinausragt. Ein Wissenschaftsblog spiegelt, um ein Bild von Mareike König zu bemühen, das bunte Treiben auf einem Basar und nicht den Gang in die Kathedrale. [v]

Publikationsmedien der Wissenschaft im Vergleich

In Fächern wie der Soziologie, die ein recht diverses Spektrum an Publikationsmedien unterhält, können bekanntermaßen auch Beiträge wissenschaftliche Debatten beflügeln, bei denen es sich nicht um begutachtete, indexierte und standardisierte Fachartikel, sondern bspw. um Handbuchartikel oder Monographien handelt. Publikationsmedien erfüllen jeweils unterschiedliche Funktionen, darauf wies bereits Ludwik Fleck im Jahr 1935 hin als er die Differenz zwischen Zeitschriftwissenschaft, Handbuchwissenschaft, Lehrbuchwissenschaft und populärer Wissenschaft einführte. Allein dem Begriff nach würde man Blogs intuitiv der ‚populären Wissenschaft‘ zuordnen, ich erinnere nur an die vielen Debatten hier um public sociology auf diesen Seiten. Folgt man Flecks Charakterisierung denksozialer Formen sind forschungszentrierte Blogs aber viel näher an der Zeitschriftwissenschaft. Zu den Merkmalen der Zeitschriftenwissenschaft gehört, so Fleck, ein „Gepräge des Vorläufigen und Persönlichen“. Vorläufig, weil es sich noch nicht um abgesichertes Wissen handelt, wie es in Handbüchern zu finden ist. Persönlich, weil alleine die Problemwahl, das Material, die technische Herangehensweise u.a. mit dem Verfasser untrennbar verbunden ist. Mit anderen Worten: Der Anspruch auf Originalität, die Schaffung neuen Wissens, wird nur von der Zeitschriftwissenschaft erfüllt und zwar in Form kommunikativer Offerten. Die Relevanz und Evidenz des vorgeschlagenen, nicht additiven Wissens muss aber erst von der Wissenschaftsgemeinschaft geprüft werden, bevor sie Eingang in die (Handbuch-)Wissenschaft finden kann. Vorschläge dieser Art, das Austesten von Argumenten, findet man auch hier auf dem Blog. Diese öffentlich vollzogenen Denkbewegungen und Überzeugungsversuche sind aber eben gerade nicht mit apodiktischem Wissen gleichzusetzen, das laut Fleck die populäre Wissenschaft kennzeichnet und am ehesten in journalistischen Medien oder auf dem Sachbuchmarkt zu finden ist.  

Wenn nun aber beobachtbare Nutzungsweisen von Blogs der denksozialen Form der Zeitschriftenwissenschaft am ehesten entsprechen, bleibt fraglich, warum dennoch so weitverbreitete Vorbehalte, mich selbst eingeschlossen, existieren. Schließlich ist der Zeitschriftenartikel die heutige Währung im Wissenschaftsbetrieb. Was hindert die Wissenschaft allgemein und die Soziologie im Besonderen also daran, das Medium Expertinnen-Blog weiter für ihre Erkenntniszwecke auszuschöpfen? Mein erster Eindruck ist der, dass das Potenzial noch nicht richtig zur Entfaltung kommt, weil die Beteiligten zwar bemüht sind, etwas Interessantes zu schreiben, aber teilweise unter ihren Möglichkeiten bleiben. Das Ergebnis ist dann eben informativ, aber selten spektakulär. Kritikerinnen fühlen sich dadurch bestätigt, die Skepsis gegenüber dem Bloggen bleibt bestehen.

Diese Ladehemmung liegt vermutlich nicht im Unwillen, sondern im wissenschaftlichen Gratifikationssystem begründet. Ist der Beitrag sehr gut, lautet das Feedback: Wieso hier? Den hätte man doch sicher auch in einer Zeitschrift unterbringen können! Als Autorin steckt man somit in der Zwickmühle: Wie soll man für die Wissenschaft vernünftig bloggen, wenn es unterhalb des Niveaus von Zeitschriftenartikeln bleiben soll, aber die Autorin trotzdem dafür geradestehen muss? Wenn erwartet wird, dass es verständlich genug für ein fachexternes Publikum sein soll, aber eben nicht auf populäre Wissenschaft abzielen kann. Populäre Wissenschaft ist jene, die nichts unbedingt Neues präsentiert, sondern laut Fleck entsteht sie erst durch wiederholte Mitteilungen und Benennungen des Wissens, das somit abgerundet erscheint dank Vereinfachung, Anschaulichkeit und Apodiktizität. Mit Open Science hätte das wenig zu tun. Selbst das Publikum, das sich hier versammelt, ist ein anderes als die allgemeine Öffentlichkeit, auf die die Massenmedien zielen.

Ein vielversprechender Ansatz erscheint mir, Blogs als denksoziale Form zu begreifen für wissenschaftliche Testballons, um sie in Echtzeit zu diskutieren, und im Erfolgsfall für einen Artikel weiter auszuführen. Als Leserin wäre man quasi live am Denkprozess anderer beteiligt und genau darin könnte auch der Leseanreiz bestehen. Wenn dann noch Wert auf Sprache und Dramaturgie gelegt wird, dann wird es für die Autorin ein anspruchsvolles Unterfangen. Blogposts also am ehesten als Essays und eben nicht als populäre Beiträge. Damit entfällt gewissermaßen die Sorge, Wissenschaft bzw. die Soziologie würde sich damit automatisch popularisieren müssen. 


[i] Hier und beim leicht abgewandelten Titel frage ich mich –  sollte ich die Urheber in einem Blog eigentlich auch zitieren?  Oder geht es hier eher um eine künstlerische Referenz, sobald man den Ausspruch als bekannt voraussetzen kann?

[ii] So intensiv wie heute an vielen Orten mit Open Peer Review experimentiert wird, ist jedoch nicht auszuschließen, dass die öffentliche Kommentierung und Diskussion von Forschungsergebnissen (vor oder nach der Veröffentlichung) bald zur Routine wird. Dazu sicher später mehr.

[iii] Über Hinweise auf aktuellere und international vergleichende Umfrageergebnisse wäre ich dankbar.

[iv] Das Internetportal Soziopolis bietet aber inzwischen genau jene Vielfalt plus Nachrichtenfunktion. Hier wäre die strategische Frage, wie das Alleinstellungsmerkmal des SozBlogs noch stärker akzentuiert werden könnte.

[v] Wer mehr über Wissenschaftsblogs erfahren möchte, der sollte gleich den ganzen Artikel von Mareike König lesen.