Fuzzy denken!

In meinem ersten Beitrag wurde gefordert, dass die Gesellschaft mehr Soziologie wagen sollte. Der zweite Beitrag richtete sich an die Soziologie, mehr und gezielter Komplexität aufzunehmen.

Jetzt möchte ich Gesellschaft und Soziologie adressieren und beide auffordern, fuzzy-logisch zu denken. Damit ist gemeint, die Welt nicht nur in sich ausschließenden Gegensatzpaaren zu beobachten, sondern die Möglichkeit zu berücksichtigen, dass etwas sachlich und sozial zugleich seinem Gegenteil entsprechen kann. Buddha statt Aristoteles – oder wie es Ulrich Beck genannt hat: inklusives statt exklusives Unterscheiden.

Warum sollte man dies tun? Becks Antwort wäre, der ich mich anschließe: weil die Welt mittels Dichotomien oftmals nicht mehr angemessen erfasst wird. Wer etwa den transnationalen Terrorismus vom Typ Al-Qaida mit einfachen Unterscheidungen á la Freund vs. Feind oder „McWorld vs Jihad“ (B. Barber) zu erfassen versucht, der denkt an dem Phänomen vorbei. Und wird folglich Schwierigkeiten bekommen, Lösungen für derartige Probleme zu finden.

Wichtig ist mir, sowohl der Gesellschaft als auch der Soziologie einen solchen fuzzy-logischen Blick beizubringen. Die Gesellschaft würde auf diese Weise bestimmte Grausamkeiten vermeiden können, welche entstehen, wenn sie sich für die Reinheit ihrer dichotomen Unterscheidungen meint einsetzen zu müssen. An einem konkreten Beispiel: Wenn man Männer dichotom von Frauen unterscheidet, dann muss der auf Reinhaltung dieser bipolaren Unterscheidung bedachte Mensch jegliche „Zwischenstufen“ eliminieren. Noch konkreter: Intersexuelle Kinder werden dann einer chirurgischen Anpassung unterzogen mit jenen schlimmen Folgen, auf die der Ethikrat der Bundesrepublik 2012 aufmerksam gemacht hat. Ein fuzzy-logischer Blick könnte die nahezu unendlichen graduellen Zugehörigkeiten zu den beiden Seiten der Unterscheidung bis zu dem Punkt wahrnehmen und akzeptieren, an dem „Mann“ zugleich „Frau“ ist – ohne Zwang der Reinigung dieser Unterscheidung.

Die Soziologie (besonders die Soziologische Theorie) tut sich schwer mit der Anerkennung einer solchen Anschauung (die übrigens dem „methodologischen Kosmopolitismus“ von Beck entspricht). Sie hat sich – von Rational-Choice bis zur luhmannschen Systemtheorie – in vielen Variationen einem soziologischen Manichäismus verschrieben. Ein Glaubensbekenntnis, das oftmals dazu führt, dass die Kollegen und Kolleginnen überhaupt nicht verstehen, wovon die Rede ist, weil blinde Flecken so schwierig aufzudecken sind – und man an dem eigenen Glauben nur ungern kratzen lässt.

Meine Welt jedenfalls ist fuzzy und nur manchmal, in Ausnahmesituationen, erachte ich die Anwendung von Zweiwertigkeiten für sinnvoll. Fahre ich auf ein Hindernis mit hoher Geschwindigkeit zu, dann weiche ich links oder rechts aus und mache mir über Zwischenstufen besser keine Gedanken. Glücklicherweise sind solche Situationen selten.

Die Fuzzy-Logik kann dies ebenfalls abbilden, die 0 und 1 genauso wie die Zahlen dazwischen. Das Sowohl-als-Auch umfasst eben sowohl das zweiwertige Entweder-Oder als auch das fuzzige Sowohl-als-Auch. Fuzzy-logisches Denken ist selbstreferentiell – nach Luhmann ein Ausweis guter Theorie.

http://www.ethikrat.org/intersexualitaet

125 Gedanken zu „Fuzzy denken!“

  1. Sehr gut.Get real Freunde, die Welt ist halt auch Fuzzylogisch. Fuzzy lgic hat längst auch die Technik erobert, lässt U- Bahn sanft anfahren…Es lohnt sich gerade für Soziologen mal ein Buch drüber zu lesen. z.B. Daniel McNeill/Paul Freiberger Fuzzy Logic München 1996!!!.

  2. „Die“ Systemtheorie kann dieser Einladung zu zustimmen. Nichts liegt ihr ferner als „Manichäismus“. Unterscheidungen werden nur in der Form ihres Re-entrys in sich selber kommunikationsfähig. Dafür müssen Paradoxien in Kauf genommen werden, die jedoch ihrerseits die Bedingung für oszillationsfähige Reproduktion von Kommunikation und Handlung sind. Nicht nur die „Urworte“ (Abel, Freud, Watzlawick) sind in ihrem eigenen Gegensinn verankert. Dann weiß man auch, wofür man Beobachter braucht, die glauben, sich jeweils für eine Seite entscheiden zu können — und Beobachter dieser Beobachter, die deren Entscheidungen wieder konterkarieren.

    Sehr empfehlenswert, damit es nicht gleich fuzzy werden muss, übrigens auch Andrew Abbott Hinweis auf die fraktale Eigenschaft vertrauter soziologischer Begriffe, ihr eigenes Gegenteil auf der eigenen Seite wieder vorkommen zu lassen (Chaos of Disciplines, 2001).

    1. Lieber Herr Baecker,

      vielen Dank! Dass Luhmann (dessen Systemtheorie ich hier vor allem meine) sich gegen die manichäistische Soziologie wenden wollte, würde ich auch so sehen (den Hinweis auf das „Glaubensbekenntnis“ des Kritischen Rationalismus habe ich von ihm). Aber ob das auch gelungen ist, das würde ich anzweifeln wollen (selbst nach sehr vielen Diskussionen mit Athanasios Karafillidis an der RWTH).

      Letztlich bleibt bei Luhmann jede Operation im Rahmen einer Dichotomie, die keine graduellen Zugehörigkeiten zulässt, man flüchtet sich bei dem Problem dann zumeist in die Zeit oder zu einem anderen Beobachter, aber das löst das (theoretische) Problem m.E. nicht (empirisch manchmal vielleicht doch).

      „Wer beide Seiten zugleich verwenden will, verstößt gegen den Sinn der Unterscheidung. Es geht nicht, es liefe auf eine Paradoxie hinaus. Denn man müsste dann in einem Zuge das Verschiedene als dasselbe bezeichnen.“ (Luhmann)

      Genau, müsste man! Kann man auch, mindestens mit der Fuzzy-logik. Seltsam paradoxieavers ist Luhmann an dieser Stelle…

      1. Vor der Kommunikation ist nicht nach der Kommunikation. Jedes Ereignis lässt sich ex post zweiwertig zählen und ordnen. Ex ante jedoch ist es mit einer Unschärfe konfrontiert, die nur als Unbestimmtheit, aber Bestimmbarkeit gefasst werden kann, als „Unterscheidungsdickicht“ (Nassehi) und „Zinnüberschuss“ (ebenfalls Nassehi, gefällt mir sehr!), das bzw. der polykontextural von zwei-, drei- und mehrwertigen Kontexten durchzogen ist, zu denen man schon Mut haben muss, wenn man sie auf die Formel der Zwischenwerte (zwischen Polen) bringen will.

        1. Ich würde das (mit Lars Winter, von dem stammt der Begriff) als Poly-Optik bezeichnen. Ein Ereignis kann aus verschiedenen Perspektiven betrachtet und daran angeschlossen werden. Das ist mutig, sich dieser Komplexität zu stellen, die (so habe ich es verstanden), Armin Nassehi in seinem neusten Buch beschreibt. Ist ein Anschluss erfolgt, gilt für diesen jeweils, dass die Leitunterscheidung eindeutig festgelegt ist (zu diesem Zeitpunkt) im Rahmen einer dichotomen Unterscheidung. Der Kontext ist dann nicht mehr „poly“. Es ist der Mut sich zu entscheiden, die Unschärfe aufzulösen (ja, sie taucht dann wieder auf).
          Polykontexturalität bedeutet dann (für uns), dass die Zugehörigkeit einer Kommunikation zu einem System und vielleicht auch innerhalb eines Systems zu dem Code vage ist. In einem Augenblick („in einem Zuge“). Das ist der Mut, die Unschärfe bestehen zu lassen und nicht aufzulösen.

  3. Das ist sehr spannend. Mir stellen sich zwei Fragen:
    1. Ist die Alternative von „Entweder/Oder“ und „Sowohl/als auch“ nicht selbst wieder sehr binär gedacht? Wenn man unterscheidungslogisch denkt, dann driftet doch das Entweder/oder in ein Sowohl/als auch, weil die Unterscheidung immer beide Seiten braucht. Die Frage also: Was ist der Unterschied zur klassischen (das ist lustig, weil nachklassisch) mehrwertigen Logik? Wenn ich das richtig verstehe, geht es in technischen Fuzzy-Anwendungen doch hauptsächlich darum, mit Unschärfen umzugehen und Entscheidungen ohne Algorithmen zu treffen, die sich festlegen lassen. Das wäre soziologisch letztlich mit dem Sinnüberschuss von Kommunikation und seiner unglaublichen Formenvielfalt vergleichbar. Aber ist das nicht nur die eine Seite? Deshalb:
    2. Ist es nicht eine empirische Frage, wo binär, wo mehrwertig und wo fuzzy-mäßig unscharf operiert wird (und für welchen Beobachter das wie erscheint). Beispiel: Wenn man an der Idee codierter Funktionssysteme festhält, dann ist es doch eine EMPIRISCHE Beobachtung, dass die brutale Banalität ihrer Operationen relativ klare Unterscheidungen erzwingt, die etwa die Erfolgsbedingungen bestimmen und damit die nächste Operation wahrscheinlicher machen (Zahlen/nicht zahlen; aus der Perspektive des Regierenden oder der Opposition operieren; wahr und falsch unterscheiden; Recht und Unrecht unterscheiden usw.). Erst diese brutalen Banalitäten ermöglichen dann zweierlei: Eine mehrwertige Beobachtung der Gesellschaft, die die auf Beobachterabhängigkeit abstellt und auf die Andersheit des Selben verweist einerseits; andererseits verweist es auf das, was Sie, Thomas Krone, stark machen wollen, nämlich das operative muddling through durch den Unterscheidungsdickicht, das Vorhalten ungenauen Unterscheidens, das Zehren von Bedeutungsungenauigkeit und Zinnüberschüssen, die sich erst im Anschlussereignis niederschlagen können, nicht zuletzt, die zeitgebundene Nicht-Festlesbarkeit allen Operierens. Insofern, Herr Fuhr, ist es vielleicht übertrieben, wenn man sagt, die Welt sei fuzzylogisch (selbst für Systeme oder Netzwerke wäre das ne starke These, nicht nur für die Welt). Es käme dann wirklich auf die empirische Situation an. Das Zufahren auf die Wand ist ja ein schönes Beispiel, das so selten nicht vorkommt. Und vielleicht zehren, um Ihr Beispiel aufzugreifen, jene geschlechtlichen Zwischenstufen mehr von der Zweiwertigkeit, als es auf den ersten Blick aussieht, denn Das Dazwischen muss ja irgendwo dazwischen sein. Und das meine ich nun nicht irgendwie doof rechthaberisch, sondern als logisches Problem und als Hinweis darauf, welche Konsequenzen das für eine empirische Perspektive hätte.
    Danke für den inspirierenden Beitrag.

    1. Lieber Herr Nassehi,

      ebenso herzlichen Dank für die gestellten Herausforderungen, push, ich versuche es mal.

      Ist die Alternative von „Entweder/Oder“ und „Sowohl/als auch“ nicht selbst wieder sehr binär gedacht?

      Binär ja, aber nicht dichotom, weil diese Unterscheidung dazwischen graduelle Zugehörigkeiten zulässt (von dreiwertigen bis x-wertigen Logiken.

      Wenn man unterscheidungslogisch denkt, dann driftet doch das Entweder/oder in ein Sowohl/als auch, weil die Unterscheidung immer beide Seiten braucht.

      Auch ja, aber das (diese Einheit der Unterscheidung) sieht man nur als Beobachter, der dann wieder (bei Luhmann) dichotom von der Unterscheidung unterschieden wird. Vielleicht darf man alltagssoziologisch sagen, dass ist eine andere Dimension im Unterscheiden.

      Mir persönlich geht es nicht nur um die Modellierung von Unschärfen, sondern um die Möglichkeit der Übertragung der höchsten „fuzzy-logischen Entropie“, dass A zugleich Nicht-A ist, in soziologischen Nutzen .

      Ja, die Frage, wann wie operiert wird, muss empirisch beantwortet werden. Um „fuzzy-mäßige“ Operationen überhaupt empirisch entdecken zu können, muss man diese als Möglichkeit aber zulassen. Das, wie gesagt, hat Luhmann m.E. nicht getan.

      Vielleicht kann man soziale Systeme als solche Hochkostensituationen sehen, wie ich sie mit dem Beispiel des links-rechts beschreiben wollte, sofern ja gesichert sein muss, dass die Autopoiesis fortläuft und eine Unterbrechung dramatische Folgen hätte. Ich würde allerdings behaupten, dass das ein Ausnahmefall ist.

      Dass die Zwischenstufen von den beiden Seiten der Unterscheidung zehren, ist klar. Aber – man siehe, wie Luhmann mit dem Hermaphroditen umgeht – es ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht, ob man „Zwischengeschlechter“ sehen kann oder nicht. Vor allem für diejenigen, die entsprechend adressiert werden.

  4. Was um alles in der Welt hat die zweiwertige Logik mit falschen bzw. unzweckmäßigen Gruppeneinteilungen/Definitionen (Freund/Feind, Mann/Frau) zu tun?

    Systemtheoretiker cannot into logic.

    1. Das (nicht zweiwertige, sondern dichotome Logik) sollte anhand der Unterscheidung von Männern und Frauen deutlich geworden sein. Was fehlt Ihnen an weiteren Informationen?

      1. Wozu benötige ich die Fuzzylogik, wenn ich, wie in der Biologie üblich, davon ausgehe, dass es eine unbegrenzte Anzahl genetischer Mutationen* geben kann und auch faktisch eine Vielzahl gibt, welche nicht zufriedenstellend durch zwei Kategorien erfasst werden können? Was hat das mit Intersexualität zu tun?

        Zweiwertige Logik bedeutet, dass ich anhand einer bestimmten Definition bestimmen kann, ob jemand nicht Mann(0) oder Mann (1) ist. Sowohl Intersexuelle als auch Frauen fallen in die Kategorie „nicht Mann“. Ob die Einteilung anhand der definitorischen Kriterien sinnvoll ist, ist eine inhaltliche und theoretische Frage, welche letztlich von dem Erkenntnisinteresse abhängt.

        1. Die Unterscheidung ist nicht „Männer/Nicht-Männer“, sondern die Negation ist bestimmt: Männer vs. Frauen. Das ist ein Unterschied!

          Und ist Ihrer Meinung denn jemand „kein Mann“, der z.B. geringen Haarwuchs hat? Es ist ja nun mal faktisch so, dass die Anwendung der dichotomen Unterscheidung von Männern und Frauen Probleme erzeugt! Oft genug – so mein These – steckt dahinter das dichotome Denken.

          1. Sie legen in ihrem Beispiel fest, dass die Negation „bestimmt“ ist. Das ist aber eine weitere Annahme, die Sie einführen, die nichts mit einer zweiwertigen Logik zu tun hat.

            Mann: Wahr/Falsch
            Frau: Wahr/Falsch
            Hermaphrodit: Wahr/Falsch
            Mann ODER Frau: Wahr/Falsch
            usw.

            Ich sehe den Mehrwert einer Fuzzylogik leider nicht.

          2. Von allen Nicht-Hermaphrodit! Intersexuelle haben beispielweise seltene chromosomale Merkmale, welche sie von allen Menschen unterscheiden, welche diese nicht aufweisen. Menschen mit Turner-Syndrom unterscheiden sich von allen Menschen, welche kein Turner-Syndrom haben.

            Spielen wir ein bisschen:

            „~(Mann ODER Frau) UND Hermaphrodit“

            Das ist eine wahre Aussage, wenn die Person ein Hermaphrodit ist (~ ist die Negation). Alle Teilaussagen (Mann, Frau, Hermaphrodit) sind zweiwertig.

            „~Hermaphrodit UND ~Mann UND Frau“

            Ist eine wahre Aussage, wenn die Person eine Frau ist … usw.

            Ich verstehe einfach nicht das Problem. Wir können beliebig viele Kategorien einführen.

            Wenn ich die Fuzzylogik richtig verstanden habe, geht es darum, Unsicherheiten darzustellen (jedoch in einer anderen Weise, als das die Wahrscheinlichkeitstheorie vornimmt). Das ist aber auf Geschlechterkategorien meiner Meinung nach meistens nicht anzuwenden, außer wir betrachten subjektive Einschätzungen: Wie wird ein Intersexueller von Menschen, die meistens Mann/Frau unterscheiden, wahrgenommen? Aber in diesem Fall ist das, meiner Meinung nach, durch die normale Wahrscheinlichkeitstheorie abzubilden.

          3. Ich sehe das etwas anders. Die Bedeutung einer Bezeichnung wird immer durch den Reflektionswert, durch die Gegenseite mitgebildet. Die Bedeutung eines Hermaphroditen ergibt sich nicht durch seine Abgrenzung von allem anderen (Tische, Hunde, Gras etc.), sondern genau durch seine Zwischenstellung zwischen Mann und Frau. Wenn Sie die Forschungen zur Intersexualität verfolgen, dann wissen Sie ja, vor allem aus den vielen Interviews, dass diese sich nicht als eigenes neues Geschlecht verstehen – das manchmal auch, aber eben so oft sowohl als Mann als auch als Frau als auch als etwas dazwischen. Dieser Bereich ist deshalb so interessant für mich, weil man dort empirisch nahezu alle Formen gradueller Zugehörigkeiten innerhalb der Mann / Frau-Unterscheidung findet. Die Mann/Frau-Unterscheidung ist konstitutiv, die ist nicht wegzuanalysieren, wenn man nicht wichtige Teile dessen, was man beobachten kann, ignorieren möchte. Man trifft also empirisch auf den Punkt, dass Etwas innerhalb einer Unterscheidung sowohl der einen als auch der anderen Seite entspricht. Ich bin ja kein Logiker, aber ich glaube, das haben Sie nicht in Ihren Aussagen aufgeführt, oder?

          4. Dann hält einen nichts davon ab, eine stetige latente Variable zu modellieren, die den Grad des subjektiven Zugehörigkeitsgefühls zu einer Gruppe angibt. Es würde mich nicht wundern, wenn die Persönlichkeitspsychologie sogar bereits derlei Skalen zur Messung benutzt (so wie es Ansätze gibt, Sexualität als Kontinuum zwischen Polen „homo“ und „hetero“ zu begreifen und zu messen). Die Frage ist nur, warum das der zweiwertigen Logik widerspricht?

            Das alles ändert ja nichts daran, dass man Intersexuelle logisch (gegen eine bestimmte Definition) von Männern und Frauen abgrenzen kann. So ähnliche Diskussionen um Realdefinitionen und Nominaldefinitionen wurden auch schon ’68 geführt …

          5. Es entspricht nicht einer zweiwertigen, aber einer dichotomen Logik. Und mit solchen Skalen ist i.d.R. ausgedrückt, wie weit man einer Dimension entspricht oder nicht, es ist kaum die Rede davon, dass man zugleich zum gleichen Grade der einen wie der anderen Seite entspricht.

            Das alles ändert ja nichts daran, dass man Intersexuelle logisch (gegen eine bestimmte Definition) von Männern und Frauen abgrenzen kann

            Kann man. Und reproduziert damit die Normativität des Zweigeschlechtlichkeitsmodells. Denn Intersexuelle sind dann ja was anderes als Männer oder Frauen. Weder-noch. „Abgrenzen“ – genau, das liegt dann nahe. Das ist was ganz anderes als Sowohl-als-auch. Die Frage ist, was trifft die Empirie eigentlich besser?

          6. Ich habe jetzt etws länger darüber nachgedacht, wieso es diesen Kommentar gibt.
            Was änderte es, wenn es sich um das Turner-Syndrom handelte?
            Gruss, Rudi

          7. Es geht darum, dass die Abgrenzung für den Einzelfall möglich ist. „Intersexuelle“ sind, so wie der Begriff gemeinhin verstanden wird, kein „Sowohl als auch“, sondern etwas Bestimmbares. Entweder man hat seltene chromosomale/organische Eigenschaften oder nicht. Wenn man sich weigert, das Wissen einzubeziehen, das eine spezifische Gruppenzugehörigkeit (mit bestimmten erklärenden Merkmalen einer anderen genetischen etc. Ebene) die Ursache der Stellung „zwischen“ der klassischen Geschlechtereinteilung ist und stattdessen von einer „Mischung“ aus Mann und Frau spricht, dann will man weniger Informationen nutzen, als man hat, und begibt sich freiwillig von der wissenschaftlichen auf die mythologische Ebene.

          8. Es geht zunächst erstens überhaupt nicht darum, Wissen zu verweigern. Zweitens widerspricht ein Sowohl-als-auch keineswegs der Verortung von Bestimmtheiten! Und wenn man etwas Bestimmtes als konkreten Punkt innerhalb einer Unterscheidung angibt, dann ist das Gegenteil einer Verweigerung. Man kann selbstverständlich etwa jene 43 Millionen Kombinationsmöglichen von Geschlechtsmerkmalen, die Hirschfeld errechnet hatte, jeweils für sich als eine „Gruppe“ nehmen. Damit ist nichts gewonnen und diese Perspektive geht an der Tatsache vorbei, dass faktisch die aktuelle Leitunterscheidung Mann/Frau ist. In der Intersex-Debatte findet man zwar auch hin und wieder die Forderung, jede Ausprägung als eigenen Geschlechtstypus zu verstehen, aber das ist nicht gerade eine Mehrheitsforderung. Solche Abgrenzungen tragen übrigens das Risiko, eben weil sie als Abgrenzung zu Mann und Frau fungieren, die Reinheit dieser Unterscheidung zu betonen.

          9. Da sind wir wieder bei der Frage, was ein angemessene und gleichzeitig parsimonische Klassifikation wäre. Das hat aber nichts mit Logik zu tun.

  5. Solange man eine fuzzylogische Situation von einer anderen unterscheidet, arbeitet man (a) selbst wieder binär und nimmt man (b) eine Vogelperspektive ein, die nicht an das Handhaben von Unterscheidungen im Gegenstand gebunden ist. Interessanter ist es doch, mit selbstreferentiellen Theorielagen zu rechnen, in denen das Unterscheiden, Kreuzen, Oszillieren und Gedächtnisbilden in einem Gegenstand kreiert wird, in dem — irgendwann — auch der Vogel mit seiner Perspektive wieder vorkommt.

    1. Mhh, ich denke, dass schließt die Fuzzy-Logik alles nicht aus, sie kann währenddessen eben zusätzlich graduelle Zugehörigkeiten berücksichtigen. Dass die Unterscheidung von Fuzzy-Logik und anderen Logiker binär ist, ist ok, sie ist aber nicht dichotom. Darauf kommt es mir ja an.

  6. Das stur rechtwinkelige Denken beschädigt eigentlich immer das Erkennntisvermögen, wirkt vernebelnd, wenn die Verhältnisse dialektisch sind. Es scheint so zu sein, dass der Mensch grundsätzlich nicht anschaulich in seinen Schädel bekommt, dass ein „Gegenstand seiner Erkenntnis“ – nehmen wir den Fußballmanager als Beispiel, der zu einem längeren Aufenthalt im Gefängnis verurteilt wurde – gleichzeitig diametrale Eigenschaften aufweisen kann. Das Paradoxe ist jeder, dass jeder die Gleichzeitgkeit von widerstrebenden Gefühlen und Gedanken von sich selbst kennt, wir aber in der Begegnung mit Sachverhalten oder anderen Menschen dennoch dazu neigen, sie in die Harmonie mit unseren vorgefassten Meinungen hineinzuzwingen. Man kann im Grunde alle Formen von Extremismus und Ideologien auf dieses geradezu pathologische Bedürfnis nach Eindeutigkeit zurückführen, auf das Bedürfnis nach Kohärenz der Bias. Die Einordnung von allem, was wir bemerken, hören und wahrnehmen, in ein zweipoliges Raster sollte man aber nicht nur bei anderen suchen, sondern auch in seinen eigenen Theorien. Niemand, der nicht infizierbar ist.
    Es hat wohl mit dem Umstand zu tun, dass man außerhalb des rein mathematisch-logischen Denkens unvermeidlich von Neigungen und Emotionen beeinflusst ist. Das Bedürfnis nach dichotomischer Klarheit hat, jedenfalls im Deutschen, auch die Sprache geprägt, die nämlich quasi immer einen Zustand eher kalt und heiß findet (mit diversen Betonungsformen wie siedend-heiß, höllisch-heiß etc.), während das Vokabular für die Zwischenstufen kaum ausgeprägt ist, eher gemeiden wird oder sogar fehlt. Die Folgen lassen sich beispielhaft in den sozialen Medien studieren. Die Wortbeiträge haben dort einen natürlichen Drall zur Extrem-Verbalisierung. Wer sich nur ein wenig über irgendetwas ärgert, drückt das dann z.B. gleich als „zum Kotzen“ aus. Das Gefühl, sich „gut“ ausgedrückt zu haben, scheint erst zu entstehen, wenn der Ausdruck eindeutig und konfrontativ ausfällt – „geht gar nicht“, „nie wieder“, „völliger Idiot“ usw.
    Das Dichotomische ist quasi die die Default-Einstellung unseres Denkens (Lust vs. Unlust, Liebe vs. Hass, ja vs. nein, etwas existiert oder existiert nicht). Das prägt auch den Buchmarkt („Deutschland schafft sich ab“ läuft eben besser als „Zur längerfristigen Bildungsproblematik Deutschlands“).
    Witzig: In dieser Situation ist es eine gesellschaftlich wichtige Aufgabe von Wissenschaftlern, nicht dem Virus des dichtomischen Denkens anheimzufallen, sondern „Bilder“ anzubieten, die kompletter sind und mehr Schattierungen und Komplexität enthalten. „Wir“ sind ja als Menschen nicht völlig vernagelt, d.h. wir sehnen uns zwar nach eindeutigen Attribuierungen im Kopf, praktizieren aber am laufenden Band Inkonsequenzen und können auf dieser Basis reflektieren.
    Es wäre sicherlich spannend einmal soziologisch durchzudeklinieren, wie sich das Laster der klassischen Logik („Jede Aussage hat genau einen von genau zwei Wahrheitswerten, die meist als wahr und falsch bezeichnet werden. Man nennt dieses Prinzip das Prinzip der Zweiwertigkeit oder Bivalenzprinzip.“, Wiki), wie sich also dieses Laster in der Gesellschaft auswirkt. Definitiv ist die Politik davon geprägt, wo ein Politiker sich keinesfalls erlauben darf, einen „gemischten Standpunkt“ zu haben. Vor allem das Publikum scheint die bipolare Entscheidungssituation „dagegen“ – „dafür“ zu benötigen (die Welt als Fußballstadion).
    In der Soziologie dürfte sich die Unfähigkeit wiederholen, eine „Gestalt“ (ein Gesamtbild) anders wahrzunehmen als einsinnig und logisch weiterzuverarbeiten. Eine gewisse Schutzhaut bildet die Reflektion, also das Vermögen, das Denken selbst zu beobachten …

    1. Hallo Fritz IV,
      vielen Dank! Ich kann mich wohl größtenteils einfach anschließen. Vielleicht mit der Ergänzung, dass diese „deutsche Lust“ an der scharfen Zweiteilung und der Reinhaltung dieser Unterscheidungen nach Zygmunt Bauman etwas ist, das den Holocaust begleitet, wenn nicht sogar ermöglicht hat. Etwas weniger drastisch: das ist typisch modern.

  7. Es ist für mich schwerlich nachvollziehbar, dass stark dichotomisches Denken mit „kritischem Rationalismus“ und „Rational-Choice“ in Verbindung gebracht wird. Es ist doch eher gerade die Systemtheorie, welche immerzu von „binären Codes“ und derlei Kram redet, was dem geschulten Analytischen Soziologen hingegen lange schon suspekt gewesen ist.

    1. Die Systemtheorie (Luhmanns) kennt wenigstens noch den dritten Wert (die Einheit der Unterscheidung).
      Für Popper war mit der Anerkennung von Paradoxien die Wissenschaft als Ganze gefährdet – man lese „What is Dialekts?“. Und ich zitiere einen entsprechenden „Erben“, hier einfach mal Hartmut Esser:

      Man kann die Begriffe nicht“einfach so“sagen,“dass eine Sache X ist und gleichzeitig nicht-X, ja? Wenn das irgendwie mitschwingen sollte aus dieser alten 68er, neomarxistischen Methodologie oder so etwas, dann bin ich strikt dagegen. Und das ist eine logische Unmöglichkeit, dann kann man sich auch verabschieden.

      1. Er hat ja auch recht – auf Ebene der Logik. Der von mir beschriebene Sachverhalt hat ja auch nichts mit Logik zu tun, sondern mit er Art und Weise, wie man Theoriebildung betreibt. Diesen Irrtum versuche ich bereits in meinen anderen Beiträgen aufzuklären.

        Das, was sie z.B. in Ihrem Beitrag im Handbuch Modellbildung und Simulation an Essers Modell der Frameselektion kritisieren, wird schließlich auch von Rational-Choice bemängelt, die mit Sicherheit an der zweiwertigen Logik festhalten:

        „Selbst wenn man Details der Modellierung beiseite lässt, ist aufgrund dieser Postulate klar, dass soziales Verhalten nach dem Modell der Frame-Selektion kein gemeinsames Resultat von automatisch-spontanen und reflexivkalkulierenden Prozessen darstellt. Aufgrund der getroffenen Modellannahmen interagieren die betrachteten mentalen Teilsysteme ja überhaupt nicht miteinander
        […]
        Klarerweise sind damit sämtliche Szenarien von vornherein ausgeschlossen, die sich durch geringere Eindeutigkeit, eventuelle Zweifel und etwaige Widersprüche auszeichnen.“

        (Aus Braun & Gautschi (2014): „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“: Ein Rational-Choice-Modell innerer Konflikte)

        1. Ich weiß jetzt nicht, wer „er“ ist: Esser oder Luhmann? Ich denke, Esser hat nicht mal auf der Ebene der Logik recht.
          Dass der „abtrünnige“ Esser von seinen ehemaligen RC-Leuten kritisiert wird, ist nicht neu, dieses Argument bei Braun/Gautschi habe ich allerdings übersehen, sehr schön! Danke sehr!
          Ich würde allerdings denken, dass das für RC basale Prinzip der Nutzenmaximierung selbst wiederum dichotom gedacht wird. Und auch der Einsatz von Wahrscheinlichkeiten zur Modellierung von Unsicherheiten ist m.E. verbesserungswürdig.

  8. Sehr geehrter Herr Professor Kron,

    können Sie auf einen sozialwissenschaftlichen Artikel verweisen, welcher demonstriert, dass Fuzzylogik zur Ableitung neuer empirisch gehaltvoller Hypothesen verwendet werden kann? Am besten mitsamt einer Gegenüberstellung, welche zeigt, dass selbige nicht nur klassische Logik erreicht werden können.

    1. Ich würde zuerst tatsächlich auf Ulrich Beck und sein Konzept des Methodologischen Kosmopolitismus verweisen, welches er in den letzten Jahren entwickelt hat. Dort gibt es eine ganze Reihe von empirischen Hinweisen, was man mit der Fuzzy-Logik (auf die er selbst verwiesen hat) sehen kann, was man sonst übersieht. Dann vielleicht noch die Forschungen aus der OCA, hier besonders Charles Rain mit „Fuzzy Set Social Science“

      1. Gibt es keinen besonders geeigneten Beispielartikel, der mir anhand einer bildungssoziologischen oder wirtschaftssoziologischen oder jedenfalls einer konkreten inhaltlichen Fragestellung/Problemlage die Nützlichkeit demonstrieren kann? Auf der Seite von Charles Ragin sehe ich eine Vielzahl vornehmlich methodologischer Schriften. Das lässt mich eher ratlos zurück. Eine einzige Anwendung reichte mir aus.

        1. Da müsste ich suchen. Ragin gibt in seinem Buch Beispiele, etwa zur empirischen Messung von „Demokratie“

          1. Das wäre sehr nett, wenn Sie das machen könnten, Sie sind im deutschsprachigen Raum schließlich einer der wenigen ausgewiesenen Experten, wenn es um Fuzzylogik in den Sozialwissenschaften geht.

  9. Lieber Herr Kron,

    auf Twitter sammeln wir unter dem hashtag #counttothree gerade eine erkleckliche Anzahl semantisch dreiwertiger Unterscheidungen in einem strukturell vierwertigen Rahmen.

    Daran anschleßend vielleicht zwei Fragen:

    (1) wie würde die fuzzy logic mit solchen Figuren umgehen?

    (2) Und wie würde man die fuzzy logic in diesem Schema semantisch dreiwertig und strukturell vierwertig abbilden? Es ist ja unwahrscheinlich, dass die fuzzy logic diesem in Europa so bewährten Schema entgeht.

    Gruß

    Dirk Baecker

    1. Gucke ich mir gerne an! Danke! Mal sehen, ob ich das verstehe und dann die Fragen beantworten kann… I’ll do my very best.

  10. Hallo Herr Kron,

    das Motto „Buddha statt Aristoteles“ gefällt mir sehr gut. Was Sie über die zu starke Einengung des Denkens auf Binarität schreiben, da ist definitiv was dran.

    In Ihrem Kommentar (siehe hier http://goo.gl/ypPrQ7) werden ganz gut die Schwierigkeiten deutlich, warum ich mich mit der Fuzzy-Logik auch nicht so richtig anfreunden kann. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist Unschärfe oder Vagheit das Bezugsproblem der Fuzzy-Logik. Auf der anderen Seite schreiben Sie, dass es darum geht zu schauen, wie mit der bestehenden Unschärfe umgegangen wird. Aber gerade nicht im Sinne einer Auflösung dieser Unschärfe, sondern durch das Bestehen lassen. Das will mir schon empirisch nicht so richtig einleuchten, denn Unschärfen können keine Orientierung für die Handlungen der beteiligten Personen geben. Sofern sie handlungsrelevant werden, werden sie entweder aufgelöst oder sie sorgen für Konflikte oder Spannungen. Mir ist nicht klar, was für einen Fall Sie im Auge haben, wenn Sie davon ausgehen, dass man Unschärfen bestehen lassen sollte. Das ist das eine.

    Das andere ist die scharfe Reduktion auf binäre Code-Werte, wie Wirtschaft oder nicht Wirtschaft, Recht oder Unrecht etc. Auch hier ist mir nicht klar, welche Unschärfen Sie meinen. Man kann soziale Systeme ja auch, wie Herr Baecker und viele andere, als Spiele beschreiben. An Spielen nimmt man entweder teil oder nicht. Man spielt nicht nur ein bisschen Fußball oder nur ein bisschen Handball. Und man spielt erst recht nicht sowohl Fußball als auch Handball im selben Moment. In solchen Fällen gibt es keine Unschärfen. Und genauso wenig nimmt man sowohl ein bisschen an Wirtschaft als auch ein bisschen am Recht teil. Ich hoffe mein Problem ist deutlich geworden. Ich weiß nicht, was man mit Fuzzy-Logik in solchen Fällen ausrichten kann.

    Man kann das allerdings noch etwas weiter spinnen. Wie man nicht sowohl an wirtschaftlicher und juristischer Kommunikation zugleich teilnehmen kann, genauso wenig kann man zugleich wirtschaftlich und romantisch kommunizieren. Das lässt sich an einem Beispiel verdeutlichen. Wenn man anfängt im Laden mit einer Verkäuferin zu flirten, ist das zunächst keine wirtschaftliche Kommunikation. Flirten kann aber wirtschaftlich relevant werden, wenn die Verkäuferin merkt, dass sie speziell männlichen Kunden so leichter den Anzug verkaufen kann. Das merkt man spätestens, wenn die Verkäuferin nach dem Bezahlen nicht mehr auf die Flirtversuche anspringt. Eine scheinbare Unklarheit lässt sich anhand der beobachtbaren Anschlusskommunikation aufklären. Was könnte man mit Fuzzy-Logik dazu sagen?

    Mein genereller Eindruck, der sich auch in der Diskussion hier wieder bestätigt, ist eine zu enge Fokussierung auf die binären Codes und eine Vernachlässigung der Differenzierungsprozesse auf der positiven Seite des Codes. Der Code gibt nur das Signal, Wirtschaft oder nicht, Wissenschaft oder nicht. Alle Beteiligten kennen dann den Kontext in dem sie agieren. Diese Signale stehen aber nicht einfach am Rand der Straße, wie Schilder, sondern die Beteiligten müssen darauf achten, was die anderen machen (beobachte Beobachter). Unklarheiten und Unschärfen entstehen, wenn einer oder mehrere Beteiligte die Signale, die auf den Kontext verweisen, nicht verstanden haben.

    Viele Grüße
    RW

    1. Die Trifft-zu-/Trifft-nicht-zu-Aussagen sind natürlich möglich, vor allem da, wo etwas mit Zahlen attribuiert werden kann, z.B. „Deutschland hat 82.000.000 Einwohner“. Aber das triviale Niveau sollte man nicht verlängern auf komplexere Aussagen, wie zum Beispiel „Deutschland ist eine kapitalistische Gesellschaft“. Zwar werden auch solche Aussagen gerne „verquizzt“ und auf „trifft zu“ vs. „trifft nicht zu“ reduziert, meinetwegen auch die Kategorien noch vermehrt auf „spätkapitalistische Gesellschaft“. Aber man gewinnt eben keine Erkenntnis, wenn man bei einem der diversen Angebote „ja“ ankreuzt und bei allen anderen nein. Immer wieder gibt es bei soziologischen Fragestellungen, aber auch z.B. bei psychologischen, politischen oder historischen Themen, die Möglichkeit, dass eine „klare“ Aussage doch nur eingeschränkt gültig ist und sie „unwahr“ wird, wenn man sie absolut setzt.
      Und natürlich kann man gleichzeitig in mehreren „Codes“ „kommunizieren“, ich würde sogar behaupten, dass dies eher die Regel als die Ausnahme ist. Wirtschaft und Rechtssphäre zu trennen, ist ohnehin eine sehr konventionelle Sicht, aber selbst „Romantik“ und „Wirtschaft“ haben selbstverständlich zahllose Schnittmengen – nehmen Sie z.B. Bau und Finanzierung eines Einfamilienhauses: Das ist in gleicher Weise ein wirtschaftlicher Akt, ein durch Traditionen vorformuliertes Verhalten wie eine maximal romantische Tat, und es ist in keiner Weise einfach anzukreuzen, welche Sphäre vorherrschend ist. Am ehesten durchbrechen ja Künstler die Gewalttätigkeit der stupiden, „einwertigen“ Grenzziehungen, weil sie geradezu darauf geeicht sind, die nicht offensichtlichen Zusammenhänge zu entdecken (den Künstlern am nächsten im Komplexitätsbewusstsein kommen übrigens die Banker, vor allem die Investmentbanker, die wie keine andere Branche sich darüber klar ist, wie alles mit allem zusammenhängen kann).
      Auch die Soziologie kann doch nur dort interessant sein, wo sie über die einfachen, trivial zutreffenden Aussagen hinausgeht und die Beziehungen zwischen den durch Begriffe abgetrennten Feldern entdeckt, die von der begriffslogisch fixierten, einteilungsverliebten Nomenklatura verstellt wird.
      Ähnliche Diskussionen gibt es übrigens seit einigen Jahren auch in der Ökonomie. Lange Zeit versuchte die Ökonomen ihren Gegenstand sozusagen als Derivat der Mathematik zu begreifen. Inzwischen ist klar, dass die Ökonomie eine Volkswirtschaft nur begreift, wenn sie diese eben nicht allein ökonomisch begreift. Der Begriff „Volkswirtschaft“ suggeriert eine Klarheit des Untersuchungsfeldes, die sich unter der Hand zu einem Gutteil aufgelöst hat.
      Der Gegenstand der Soziologie, die „Gesellschaft“, lässt sich noch weniger durch Begriffsrituale einhegen, es sei denn man benimmt sich quasi wie die Ökonomen alter Chicagoer Schule und sagt: Soziologie ist, was zu den Begriffen passt, die wir in der Soziologie gerade benutzen.

      1. @Fritz Iversen

        Wer macht solch triviale Aussagen, von denen Sie schreiben? Und dass diese Aussagen auch noch zutreffen sollen, haben Sie geschrieben, nicht ich. Ich bin kein Volkswirtschaftler. Was die Probleme volkswirtschaftlicher Theoriebildung mit meinem Kommentar zu tun haben, ist mir leider nicht klar geworden. Solche Fragen müssen sie mit den entsprechenden Fachleuten diskutieren. Auch Ihre Annahme, dass nur mit Zahlen quantifizierbare Aussagen als wahr betrachtet werden können, kann ich nicht nachvollziehen. Wieso sollte das so sein? Dass Deutschland eine kapitalistische Gesellschaft ist, ist für mich auch nur eine triviale Aussage/Behauptung. Die Komplexität kommt ins Spiel, wenn Sie diese Aussage für andere nachvollziehbar darstellen. Da ist dann kein Raum mehr für simple ja- oder nein-Antworten. Im Übrigen sind empirisch gehaltvolle Aussagen immer nur begrenzt gültig.

        Formulierungen wie „Gewalttätigkeit der stupiden, “einwertigen” Grenzziehungen“ mögen vielleicht eine gewisse künstlerische Relevanz besitzen. Für Erkenntnisinteressen finde ich eine solch emotionsbeladene Metaphorik wenig hilfreich. Es geht mir nicht um Begriffsrituale, sondern wie man Sprache so einsetzen kann, dass sie wissenschaftlichen und nicht künstlerischen Ansprüchen genügt. Da man Beziehungen immer nur mit Begriffen beschreiben kann, muss man eben andere Begriffe bilden, wenn die aktuellen nicht mehr funktionieren. Die Konsequenz kann doch nicht sein auf Begriffs- und Theoriebildung zu verzichten, oder etwa doch? Ihre Bedenken gegen vermeintlich triviale Aussagen kann ich in diesem Zusammenhang daher leider nur als das übliche Abwehrritual gegen differenziertere Betrachtungen verstehen. Kunst ist eben keine Wissenschaft und Wissenschaft ist keine Kunst. Insofern wüsste ich nicht, warum man bei der Theoriebildung auf künstlerische Bedenken berücksichtigen sollte. Wenn das für Sie dann nicht mehr interessant sein sollte, ist das leider nicht zu ändern.

        1. Entschudigung, wenn ich mich missverständlich ausgedrückt habe. Das war mein Fehler.
          ad 1: „Triviale Aussagen“ – ich meine, dass sie möglich sind und zuweilen auch ihre Berechtigung haben, sich aber die Beschreibung einer „Gesellschaft“ nicht aus der Addition solcher Ja-Nein-Aussagen zusammensetzen lässt. Das enthält eine Anspielung auf empirische Soziologie, die ja in ihrer schlichtesten Form durch Fuzzy Logic überwunden werden soll (z.B. „Taking the dilemma between qualitative and quantitative approaches into account there is an anticipation to make a merger between these two.“, http://bit.ly/1CXsGQp ). Um noch ein Beispiel zu geben, zufällig herausgepickt: „Was chinesische Bildungsmigranten hoffen … Universität Bielefeld forscht mit Hochschulen in England und China … „Gleichzeitig erhoffen sie sich durch diese Bildungsmigration blendende Aussichten für ihre berufliche Karriere.“ ( http://bit.ly/1CXsXml ) Ich würde so etwas als Trivial-Soziologie bezeichnen, wobei ich dies NICHT „böse“ meine, sondern nur so: Hier befinden wir uns auf einem einfachen Erkenntnisniveau.
          ad2: Wir haben da gar keinen Dissens, ich wollte sie da eher ergänzen. Die Beschreibungsprobleme beginnen, nicht nur in der Soziologie, in dem Bereich – fuzzylogisch gesprochen – zwischen 0 und 1. In den Bruchteilen, den „Unschärfen“, den Doppeldeutigkeiten, auch dort, wo man von „Ursachen“ spricht, ohne sie im strengen wissenschaftlichen Sinn wirklich „beweisen“ zu können. Die Ökonomie, die ja auch eine Gesellschaftswissenschaft ist, stößt inzwischen auch auf höchst ambivalente Phänomene, die sie sozusagen zu Aussagen veranlasst, die für „klassische“ Ökonomen ein Greuel sind, weil sie nicht einfach durch Formelmathematik „bewiesen“ werden können.
          ad 3: Auch was den Umgang mit Begriffen angeht, liegt ein Missverständnis vor. Mein Anliegen ist das Gleiche – Differenzierung, Verfeinerung, Vergenauerung, Spezifizierung. Das bedeutet aber mE auch, dass man seine Begriffe ständig hinterfragt und sie nicht zur Uniformierung des Denkens nutzt, also immer wieder aufpasst, dass man bei der Subsumption der Beobachtungen unter die Begriffe nicht zu „gewalttätig“ wird. Ich erspare mir hier, Verdächtige zu nennen – fühlen Sie sich aber bitte nicht angesprochen ;) Jedenfalls plädiere ich wie Sie für mehr Differenzierung (mehr Perspektiven, mehr Fragen, und auch Weglassen von Begriffen, wenn sich mit ihnen nicht mehr viel anfangen lässt).

    2. Hallo Beobachter :)

      Unschärfen können keine Orientierung für die Handlungen der beteiligten Personen geben. Sofern sie handlungsrelevant werden, werden sie entweder aufgelöst oder sie sorgen für Konflikte oder Spannungen

      Abgesehen davon, dass die Aussage etwas widersprüchlich ist, weil z.B. Konflikte sehr orientierend sind: Unschärfen können selbstverständlich orientieren. Man denke (ich weiß nicht mehr, wer hier das Beispiel aufgebracht hat), an einen Flirt oder Simmels Beschreibung der Koketterie, da geht es um das Beibehalten der Unschärfen und die Auflösung würde zum Problem führen. Viele Verhandlungen an meiner Uni leben nahezu davon, Unschärfen zu erzeugen oder aufrecht zu halten, damit weiterverhandelt werden kann. Gerade Unschärfen erlauben ja viel mehr Anschlüsse als das Entweder-Oder.

      An Spielen nimmt man entweder teil oder nicht. Man spielt nicht nur ein bisschen Fußball oder nur ein bisschen Handball.

      Wie wir das modellieren mit den Systemen, haben wir unter „Fuzzy-Systems“ ja zu beschrieben versucht (http://www.soziologie.rwth-aachen.de/global/show_document.asp?id=aaaaaaaaaabxopv). Und selbstverständlich kann man Spiele so denken (kann die Fuzzy-Logik auch), aber das deckt ja nicht alles ab! Haben Sie noch nie mit jemanden gespielt, der nur „halb bei der Sache“ war? Was ist mit Schach und Boxen? (Siehe Schachboxen). Es entstehen hybride Spiele, die nur erklärbar sind mit den beiden Seiten der Unterscheidung und sich dazwischen ansiedeln. Man kann diesem Zustand dann einen eigenen Begriff zuordnen (Hermaphrodit, Mixed Martial Arts), aber wenn der Begriff dann erklärt wird, muss man auf die beiden Seiten und das Dazwischen eingehen. Übrigens: Maradonnas „Hand Gottes“ im Finale: Handball oder Fußball? ;-)

      Die Fuzzy-Logik kann der Systemtheorie helfen, Codierungsvagheiten und Zugehörigkeitsvagheiten zu modellieren! That’s it!
      Das gilt auch für Ihre weiteren Beispiele. Ich würde sagen: doch, man kann eine Kommunikation zugleich mehreren Systemen zuordnen, z.B. Liebe und Zahlung in einem. Siehe Kommentar von Fritz IV.

      Das von Ihnen beschrieben Problem ist wichtig! Aber es gibt wohl noch weitere, die man mit der Dichotomien Anlage nicht in Griff kriegt. Teubner hat regelmäßig darauf hingewiesen. Und Luhmann das Problem, glaube ich akzeptiert, auch kannte er die fuzzy sets. Aber er wollte diesen Weg schlicht nicht ausprobieren, hat aber angeraten, es zu versuchen.

      1. Zu „Unschärfen können selbstverständlich orientieren.“

        Gerade wenn es um Beurteilungen, Einstellungen und Motivationen geht, orientieren sich Menschen auch und vielleicht sogar am meisten an „proportionalen Empfindungen“, d.h. sie vergleichen und stufen dann das Verhältnis als ungefähr passend oder unpassend ein. Geringe Abweichungen von der Norm werden so als lässlich empfunden … doch irgendwann kommt immer der Punkt, wo sich das Gefühl langsam in eine andere Richtung schiebt. Die Börsenkursanalysten kennen das proportionale Denken empirisch durch die erstaunliche Aussagekraft der Fibonacchi-Proportionen. Das Proportional-Denken ist enger verknüpft mit Handlungsmotiven als die pure Logik, weil es direkt mit Gefühlen korreliert. Fast alle Aussagen in gesellschaftlichen Diskussionen um „gerecht/“ungerecht“ sind mit solchen Gefühlen von Disproportionalität verbunden. Wir haben ja gerade in letzter Zeit weltweit viel Diskussionen um die „wachsende Ungleichheit“ – dabei geht es weniger darum, dass es Reiche gibt, sondern dass sie ZU reich seien, wenn man ihren Reichtum im Verhältnis zu anderen beurteilt.
        Das ist aber nur ein Beispiel. Im Grunde ist der ganze Alltag durchzogen mit Entscheidungen, die aus einem Verhältnismäßigkeitsgefühl heraus getroffen werden, ein ungefähres Abgleichen. Das hat dann auch wieder mit dem „Fairness“-Empfinden zu tun, das ebenfalls sehr mit Proportionalität zu tun hat.

        1. @Fritz Iv

          Danke für die Klarstellung. Der vermeintliche Dissens hatte mich etwas überrascht und verwundert. Hier hab ich wohl meinerseits etwas reflexhaft geantwortet.

          Hallo Herr Kron,

          die von Ihnen genannten Ausnahmen möchte ich gar nicht bestreiten. Für mich stellt sich diesbezüglich allerdings die Frage, sieht man das gerade weil Unschärfen die Regel oder die Ausnahme sind? Ich würde sagen, weil sie die Ausnahme bleiben, werden sie auch als strategisches Mittel der Kommunikation beobachtbar. Und gerade weil Unklarheiten mehr Anschlüsse zulassen, können Sie zu einem massiven Störfaktor werden. In der Kunst ist dieser Effekt zu einem Stück weit beabsichtig. Dieser Verweisungsreichtum unklarer Formulierungen ist jedoch nicht in jeder Situation hilfreich. Für die Beobachtung, wann Unschärfen aufgelöst bzw. nicht aufgelöst werden, scheint mir der Relevanz-Begriff wesentlich hilfreicher zu sein.

          Ob ein Spieler „bei der Sache ist“, kann man nur beobachten, wenn er am Spiel teilnimmt und nicht, wenn er nicht teilnimmt. Das scheint mir eine Unschärfe zu sein, die durch den Sprachgebrauch selbst entsteht bzw. ob man bestimmte Aussage wörtlich oder metaphorisch versteht.

          Die scheinbare Unklarheit von Wörtern wie »Schachboxen« lässt sich doch sehr leicht auflösen, wenn man es nicht nur als semantisches Problem betrachtet. Sobald man sich auf Schachboxen nicht nur als hybriden bzw. zusammengesetzten Begriff konzentriert, sondern als ein separates Spiel neben Boxen und Schach löst sich doch das ganze Unschärfeproblem von allein auf. Denn immerhin soll damit ja ein Spiel bezeichnet werden, das weder Schach noch Boxen ist. Und dann lässt sich wieder klar zwischen Teilnehmern, im Sinne von Mitspielern, und Nicht-Teilnehmern unterscheiden.

          Ich bekomme ein bisschen den Eindruck, dass Fuzzy-Logik dazu verleitet sprachliche Unklarheiten zu verdinglichen, obwohl es doch in diesem Fall um Probleme des Sprachgebrauchs bzw. Unterscheidungsgebrauchs selbst geht. Oder vielleicht ist es auch die Versuchung Sachverhalte auf eine Unterscheidung reduzieren zu wollen. Mithin sind bei Kommunikationsprozessen ja immer mehr Unterscheidungen im Spiel als nur eine. Binär ist nur der Kontext bzw. der Rahmen, in dem die durch die Unterscheidungen realisierten Mitteilungen einen Sinn machen. Negiert man diesen oder beachtet ihn nicht, dann kommt es zu den Unklarheiten. In Bezug auf den Kontext gibt es nur entweder oder. Innerhalb eines Kontextes sind durchaus hybride Ausdrücke möglich, solange dadurch der Kontext nicht negiert wird. Hier könnte ich mir dann Anwendungsmöglichkeiten für Fuzzy-Logik vorstellen: wenn es um die Frage geht, wie klar oder unklar referieren die Beiträge der Beteiligten auf den jeweiligen Kontext.

          Von Binarität würde ich nur in Bezug auf den Kontext, den Rahmen oder den Code sprechen. In diesem Sinne ist die Rede von Teilnahme zunächst wörtlich zu verstehen. Durch metaphorische Verwendungen desselben Begriffs lässt sich sehr gut der Horizont möglicher Anschlüsse erweitern. Nur ändert sich damit auch das Bezeichnete, obwohl dieselbe Bezeichnung verwendet wird, so stark, dass das Risiko sehr groß ist, dass man aneinander vorbei redet. Das sind soziologisch höchst relevante Probleme. Ich verstehe allerdings Ihre Ausführungen zur Fuzzy-Logik so als ob diese Unklarheiten fuzzylogisch überhaupt kein soziales Problem wären. Dem würde ich schon aus eigener Erfahrung energisch widersprechen.

          1. Ich möchte hier kürzer antworten: Selbstverständlich können Vagheiten zum Störfaktor werden. Das ist eine empirische Frage. Mir ist wichtig, die überhaupt sehen, anerkennen und modellieren zu können. Und zwar Vagheiten vom Typ: Etwas entspricht seinem Gegenteil.

            Ob ein Spieler „bei der Sache ist“, kann man nur beobachten, wenn er am Spiel teilnimmt und nicht, wenn er nicht teilnimmt.

            Ein Fußballspieler auf dem Spielfeld nimmt teil, verliert er lustlos alle Zweikämpfe und kickt ebenso lustlos den Ball durch die Gegend, kann man doch wohl sagen, er nimmt nicht richtig teil. Reporter sagen dann „Er kommt nicht ins Spiel“.

            Sobald man sich auf Schachboxen nicht nur als hybriden bzw. zusammengesetzten Begriff konzentriert, sondern als ein separates Spiel neben Boxen und Schach löst sich doch das ganze Unschärfeproblem von allein auf

            Ja, man kann das als neue Bezeichnung einführen, die dann wieder zu unterscheiden ist, womit sich das ganze Problem der graduellen Zugehörigkeit von neuem stellt. Neue Unterscheidungen lösen manchmal im sozialen Umgang faktisch solche Probleme aber nicht prinzipiell/logisch. Sie sind jetzt der dritte oder vierte der hier so argumentiert, aber so kommt man halt nicht raus aus dem Problem. Die Bedeutung des Schachboxens wird nur deutlich, wenn sie zuvor Boxen und Schach als getrennte Spiele erkannt und erklärt haben, sonst verfehlen sie den ganzen „Witz“ – und im übrigen auch die Herausforderung, die für die Spieler damit verbunden ist.

            Mithin sind bei Kommunikationsprozessen ja immer mehr Unterscheidungen im Spiel als nur eine

            Das ist das Argument von A. Karafillidis, dort bitte die Antwort entnehmen.

            In Bezug auf den Kontext gibt es nur entweder oder

            Man kann nicht „Jein“ zu einem Kontext sagen? Die Rahmen sind immer eindeutig? Was sagt eigentlich Goffman dazu?

            Ich verstehe allerdings Ihre Ausführungen zur Fuzzy-Logik so als ob diese Unklarheiten fuzzylogisch überhaupt kein soziales Problem wären.

            Nur weil man etwas verstehen möchte, heißt das doch nicht, dass man dafür Verständnis hat oder es gut findet. Wie in den anderen Kommentare schon gesagt: Vagheiten können Probleme machen! Das ist ein Grund, diese einzubeziehen, mitzumodellieren, anzuerkennen. Wieder: Auch jene Vagheit, bei der Etwas seinem Gegenteil entspricht.

  11. Die Welt ist ein Haufen von Erscheinungen, in die wir zum einen handelnd Unterscheidungen einbringen und die wir zum anderen reflektierend mit Unterscheidungen (bevorzugt dichotom) ordnen wollen.

    Die große Frage wäre: Handeln wir implizit fuzzy-anwendend und wenn ja, ist es dann klug, dem gerecht werden zu wollen, indem man sein Beschreibungs- und Analysewerkzeug ebenfalls ver-fuzzy-t oder ginge dann Erklärungskraft aufgrund von guter Handhabbarkeit (da schön einfach) verloren?

    Was wären also die guten Gründe für die Vermutung, daß sich eine Fuzzy-Perspektive lohnt?

    1. Hallo Herr Müller,
      vielen Dank für die Anregung! Ich würde die erste Frage mit einem eindeutigen Ja beantworten. Machen Sie doch mal das Experiment und bestehen Sie einen Tag lang darauf, alles dichotom zu klären. Nehmen Sie alle Farben aus Ihrer Welt! Mal sehen, wir schnell sie froh sind, dass Sie wieder auf Grautöne und andere Schattierungen zugreifen können. (Ich stelle mir gerade vor, wie Sie im Kino sitzen und Ihre Partnerin/Ihr Partner sagt: „Rück doch mal bitte ein Stück.“ und Sie klären die Vagheiten von „ein Stück“ :-D)

      Zweite Frage: Ebenso Ja! Der Grund ist einfach, ich habe ihn bereits hier genannt: Die Fuzzy-Logik kann ja binäre Situationen modellieren! Also etwa binär codierte Systeme. Aber sie kann bei Bedarf noch etwas mehr. Man müsste mir schon zeigen, wo da Erklärungskraft verloren gehen würde – vor allem im Gegensatz zu Übersimplifikation des Dichotomierens.

  12. Hallo Fuzzy-Blogger,
    ich finde es sehr schön, dass die Diskussion um die Fuzzy Logik endlich auch im deutschsprachigen Raum vernünftig ud ernsthaft diskutiert wird. Auch die Thematik der Intersexualität finde ich hier hochinteressant.
    Vielen Dank an Thomas Kron!
    Im englischsprachigen Raum gibt es da schon einige wenige Konferenz-papers aber in den Sozial- udn Geisteswissenschaften scheinen sich bisheer nur wenige mit dieser Thematik zu beschäftigen. Es gibt einige Ansätze in der Philosophie und auch einige Juristen beschäftigen sich mit dieser Unschärfe der Begriffe.

    Meines Erachtens geht es nicht in erster Linie darum, was man mit „Fuzzy Logik“ ausrichten kann (allerdings sprechen viele technische Anwendungen dafür, dass man damit vieles ausrichten kann, zumindest Zeit-, Geld- und Ressourcensparendes), sondern dass Begriffe geklärt werden, und das bedeutet hier insbesondere, dass viele Begriffe nicht scharf gefasst werden können. Die Logik geht mindestens seit Frege davon aus, dass Begriffe scharf sein müssen, aber mir scheint, dass damit nur spezielle Fälle behandelbar sind, die Wirklichkeit entzieht sich dieser begrifflichen Unschärfe (siehe dazu auch den späten Wittgenstein).

    Rudi Seising
    mitDank an Ulrike, die mich auf diesen Blog aufmerksam machte)

    1. Hallo Rudi! Willkommen bei den Soziologen!
      Der Hinweis, dass die Soziologie hier hinterher hinkt, scheint mir wichtig. Selbst andere nahe Disziplinen (Politikwissenschaft) sind da weiter.

      Zu den Begriffe stimme ich einfach zu.

      Danke Ulrike! ;)

  13. Folgende Punkte fallen mir in diesem Blogeintrag genauso wie in unseren Diskussionen über Fuzzy-Logik in der Soziologie immer wieder auf.

    1. Das logische Problem. Deine soziologische Interpretation der Fuzzy-Logik geht unter anderem davon aus, dass Fuzziness und Polykontexturalität (oder auch: Poly-Optik) einfach so ineinander überführbar sind und letztlich irgendwie das Gleiche meinen. Das ist aber nicht der Fall. Für Gotthard Günther arbeiten Logiken, die unendlich viele Werte zwischen zwei Positionen erlauben noch immer monokontextural, weil sich entsprechende Werte nur innerhalb einer Kontextur (zB A/nicht-A, 0/1, Mann/Frau) bewegen. Eine polykontexturale Logik und eine so verstandene Gesellschaft sind aber durch einen laufenden Wechsel von miteinander verknüpften Kontexturen charakterisiert. Die Fuzzy-Logik spielt ihre Möglichkeiten bislang also nur in einem monokontextralen Rahmen aus.

    2. Das autologische Problem. Wenn fuzzy-logisch die Aussage getroffen werden kann, dass eine Aussage zu 1/3 wahr ist und 2/3 falsch, zu welchem Grad ist diese Aussage dann wiederum wahr oder falsch? Ein solches Ergebnis ist selbst vage, aber das wird nicht thematisiert. Dabei ist die Vagheit solcher Sicherheiten, auch wissenschaftlich gewonnener Sicherheiten, für Sozialität konstitutiv. Solche Sicherheiten sind momenthafte Bestimmtheiten, die im nächsten Moment wieder unbestimmt behandelt werden können.

    3. Doch dazu braucht es Zeit (das Problem der Temporalität bzw. der temporalisierten Komplexität). Die Fuzzy-Logik hält die jedoch Zeit an und schaut nicht, wie eigentlich mit einer Paradoxie praktisch verfahren wird, also wie sie im nächsten Moment zB umgangen oder versteckt oder ignoriert oder aufgebläht wird. Sie bestimmt einfach den Grad der Paradoxie selbst und übergeht damit, dass das letztlich empirisch entschieden wird, was auch Armin Nassehi bereits angesprochen hat. Eine Paradoxie (zB dass etwas seinem Gegenteil entspricht) blockiert eben die Beobachtung, aber nicht die Handlung (so Luhmann).

    4. Das ist letztlich verknüpft mit dem Problem des Beobachters. Die fuzzy-logische Soziologie agiert bislang als Super-Beobachter (also als ein Beobachter mit Vogelperspektive, so Dirk Baecker), der genau bestimmen kann, wie vage eine Handlung oder eine Situation tatsächlich ist – und zwar unabhängig von den in einer Situation involvierten Beobachtern. Das verweist erneut darauf, dass damit die empirische Frage unbeantwortet bleibt, wie mit der Unterscheidung von vage/eindeutig umgegangen wird. Es verweist aber auch auf ein fuzzy-logisches Versprechen, dass es letztlich möglich ist, objektive (mithin auch: reliable und valide) Aussagen über Vagheiten zu treffen. Die fuzzy-logische Soziologie bewegt sich damit im Rahmen einer Wissenschaftstheorie, die für eine Welt entwickelt worden ist, die gerade nicht von Vagheiten ausgeht oder in der zumindest behauptet wird, dass Vagheiten unter bestimmten Umständen ignoriert werden können (inklusive der Behauptung: dass alles andere keine Wissenschaft sein kann). Das läuft allerdings auf eine Leugnung von Komplexität hinaus.

    1. Ich möche zu Punkt 2 sagen, dass es in der Fuzzy Community eine „engere“ („narrow“) Fuzzy Logic von einer „weiteren“ Fuzzy Loik unterschieden wird. Die engere Variante wird von den mathematisch orientierten Fuzzy-Leuten betrieben und das ist sehr nah an der mehrwertigen Logik. Die weitere Variante interpretiert die Fuzzy Sets linguistisch und kümmert sichweniger um die Wete der Zugehörigkeitsfunktionen. Meines Erachtens liegt hier die Ähnlichkeit zu Wittgensteins „Familienähnlichkeiten“.

      In beide Varianten wird aber sehr wohl auch die Vagheit des Ergenisses bedacht und die Theorie der „Type-2 fuzzy sets“ trägt dem Rechnung. Die Zugehörigkeitswerte können also auch wieder „fuzzifiziert“ werden. … und selbstverständlich gibt es auch die „Type-n-fuzzy sets“, es wird also thematisiert, und sogar, das Verfahren zu iterieren.
      Wozu das führt,wenn es überhaupt zu etwas führt, darüber bin ich mir auch nicht im Klaren, das ist in der Mathematik aber auch nicht wichtig.

      Philosophisch und insbesondere wissenschaftsphilosophisch ist es allerdings interessant, wie Du schon schriebst.

      Grüße, Rudi

    2. Lieber Atha,

      herzlichen Dank für die kluge Kommentierung! Sie hilft mir, wichtige Punkte zu klären.

      zu 1) Das ist schlichtweg nicht richtig. Die Fuzzy-Logik an sich stellt sich selbstverständlich einerseits der Tatsache, dass jedes Bezeichnen eine Unterscheidung voraussetzt, das wird modelliert, so wie in der luhmannschen Systemtheorie auch. Das Ensemble der „Kontexturen“, etwa gebildet durch viele binär codierte Systeme, die dann polyoptisch zusammenwirken, ist selbstverständlich ebenfalls abbbildbar! So wie die luhmannschen Polykontexturalität nicht der Unterscheidungslogik widerspricht, so die widerspricht auch die unterscheidungsbasierte Fuzzy-Logik nicht der Polyoptik und auch nicht der Polykontexturalität. Sieh Dir nur mal den Fuzzy-Cube von Kosko an, der ja auch mit sehr vielen Kontexturen arbeiten kann (und dann zum n-dimensionalen Würfel wird). So könnte man die funktional differenzierte Gesellschaft abbilden, in einem modelliere und (wenn die Daten da sind): berechnen!

      2) Die Frage nach dem Grad der Vagheit einer Aussage kann die Fuzzy-Logik absolut genau beantworten, das ist das Maß der fuzzy-logischen Entropie. Das wird in der Fuzzy-Logik also thematisiert und berechnet und ich habe auch an verschiedenen Stellen versucht, soziologisch auszudeuten. Beispielsweise könnte man damit Erwartungsvagheiten oder Hybridität modellieren.

      3) Selbstverständlich schaut die Fuzzy-Logik an sich, als Instrument, nicht, wie sozial mit Paradoxien verfahren wird (es sei denn, man unterstellt, dass etwa Akteure tatsächlich manchmal einen fuzzy-logischen Algorithmus prozessieren, was man auch mit einiger Berechtigung behaupten könnte). Ein Hammer schaut ja auch nicht, was Handwerker damit alles machen. Man muss dieses Instrument schon soziologisch ausdeuten. Die Fuzzy-Logik ist aber – vor allem als Fuzzy-System – absolut in der Lage, Zeit aufzunehmen und in solchen Systemen entscheidet dann auch nicht die Logik, sondern gerade der Kontext (die Menschen, die Messungen oder was auch immer) über den Grad der Vagheiten. Das ist doch genau das, was aus der Fuzzy-Logik in technischen Anwendungen gemacht wird.

      4) Entschuldigung, aber das ist ziemlich daneben gedacht und unterstellt viel zu viel. Noch mal: die Fuzzy-Logik an sich beobachtet nicht und bestimmt schon mal gar nicht und erst recht nicht die „tatsächliche“ Vagheit. Der Beobachter beobachtet und das kann er z.B. formtheoretisch oder handlungstheoretisch oder fuzzy-logisch tun. Letzteres bedeutet, die relevanten Beobachtungen in die Modellierungen einzuspeisen und Regeln anzugeben, wie beobachtet wird. Das muss man schon mit empirischem Anschluss machen (am besten). Genau dann wird ja sichtbar, wie das Verhältnis von Vagheit und Eindeutigkeit ist, messbar anhand der genannten Entropie.
      Die Fuzzy-Logik verspricht m.W. lediglich, dass man sowas modellieren kann. Dass sie dabei erzieherische Effekte hat, darauf komme ich in einem anderen Kommentar.

      Die fuzzy-logische Soziologie bewegt sich damit im Rahmen einer Wissenschaftstheorie, die für eine Welt entwickelt worden ist, die gerade nicht von Vagheiten ausgeht

      Wie man darauf kommen kann, erschließt sich mir nicht.

      oder in der zumindest behauptet wird, dass Vagheiten unter bestimmten Umständen ignoriert werden können

      Tatsächlich, das kann man im empirischen Einzelfall herausfinden – worin ich keinen Nachteil sehe.

      (inklusive der Behauptung: dass alles andere keine Wissenschaft sein kann)

      Einen solchen Angriff wirst Du von mir nicht lesen…

    3. Thomas, deine Erläuterungen geben auf jeden Fall hilfreiche Antworten. Aber der Kern der angedeuteten Probleme bleibt dennoch bestehen, und zwar trotz n-dimensionalen Fuzzy-Cubes und fuzzy-logischer Entropie.

      Ich kann zum Beispiel nicht erkennen, dass Günthers Operation der Transjunktion (Ablehung der Wahl einer Kontextur selbst, nicht eines ihrer beiden Werte) einfach durch die n-Dimensionalität von Fuzzy-Würfeln geleistet wird. Ich sage nicht, dass das prinzipiell nicht geht. Aber wenn du von Polykontexturalität sprichst, dann ist hier einfach eine große Baustelle – die du natürlich ignorieren kannst.

      Außerdem würde ich gern das Modell eines n-dimensionalen Würfels sehen. Das ist nicht augenzwinkernd gemeint, denn ich kenne nur Koskos Würfel mit drei Dimensionen und wäre neugierig wie das aussehen könnte. Wäre dann die funktional differenzierte Gesellschaft eine Art Kristallgitter? Nun ja, und funktionale Differenzierung berechnen: was soll denn dabei herauskommen? Wieviele Daten möchtest du denn dazu sammeln? Ich dachte es geht um Komplexität.

      Irgendwie wird hier deutlich, dass dein Verständnis von Komplexität, auch wenn du das Gegenteil behaupten wirst, irgendwie-kompliziert-durcheinander-aber-berechenbar meint. So ein bisschen wie es die naturwissenschaftlich geprägte Chaostheorie versteht. Das entspricht jedoch nicht dem Problem, dass ich mit W. Weaver oder E. Morin oder N. Luhmann im Blick habe, wenn es um Komplexität geht.

      Die fuzzy-logische Entropie verschiebt zudem nur das autologische Problem, denn die Bestimmung des Entropiewerts einer Menge lässt wiederum nur die Frage nach der Vagheit eben dieses Werts aufkommen. Ok, zugegeben, die Fuzzy-Logik ist auf sich selbst anwendbar, aber wohl nicht iterativ, und zwar nicht weil das mathematisch nicht möglich ist, sondern weil es nichts bringt. Sie müsste aus empirischen Gründen aber iterativ anwendbar sein, weil in einer sozialen Welt genau das passiert: eine laufende Neuberechnung von Ungewissheit (Vagheit/Sicherheit). Eine Bestimmung des Entropiewerts des Entropiewerts der Menge hätte aber keinen weiteren Erkenntniswert: nur infiniter Regress. Ist diese laufende Neuberechnung auch fuzzy-logisch abbildbar? Um diesen Punkt geht es jedenfalls bei der Bestimmung von Eigen-Werten rekursiver Funktionen (Heinz von Foerster). Also nicht Bestimmung von Entropie (und Entropie der Entropie…), sondern von Negentropie.

      Die Sensibilität für Zeit und Kontext geht meiner Ansicht nach (und auch nach derjenigen einiger anderer Kommentare) nicht weit genug. Da du in diesem Zusammenhang technische Anwendungen ansprichst: Die Fuzzy-Logik berücksichtigt dabei sicherlich zeitliche Varianz, aber entscheidend ist letztlich die Formulierung von Wenn-Dann-Regeln. Sie setzt also ausschließlich auf Konditionalprogrammierung. Das könnte soziologisch für die Untersuchung (und den Aufbau) von bürokratischen Strukturen sehr hilfreich sein. Aber Sozialität darauf zurückzuführen, auch nur modellhaft, ist fragwürdig. Nichts gegen Reduktionismus, aber es bleibt doch die Frage: welche Art von Reduktionismus.

      1. Den letzten Absatz verstehe ich nicht. Soll das heißen, Sie nehmen an, dass Sozialität unkonditioniert ist? Unbedingtheit bzw. das Fehlen jeglicher Konditionalisierung ist für mich gleichbedeutend mit Entropie, denn Ordnung ist immer nur unter bestimmten Bedingungen relativ stabil.

        Ihren Ausführung im vorletzten Absatz zu der Frage, wie Fuzzy-Logik Entropie und Negentropie behandelt, würde ich mich anschließen. Die Fragen in meinem letzten Kommentar laufen auf dieselbe Pointe hinaus, da sich die Fuzzy-Logik auf die Messung von Unordnung und nicht von Ordnung konzentriert bzw. Ordnung negativ über das Maß der Unordnung bestimmt. Der Regress ist damit schon vorprogrammiert.

        Wenn Sie allerdings Sozialität als unkonditioniert beschreiben, dann wäre Sozialität gleichbedeutend mit Entropie. Das würde wiederum Ihre Ausführungen zum Verhältnis von Entropie und Negentropie aufheben. Mithin fände ich es eine ziemlich steile These zu behaupten, Konditionalisierungen würden nur in bürokratischen Strukturen vorkommen.

      2. Man muss jetzt wohl aufpassen, dass man sich hier keine sprachlichen Scharmützel liefert, sondern die Argumente bearbeitet.

        Ich habe nichts ignoriert, sondern Deine „Kontexturen“ mit unterschiedlichen Unterscheidungen übersetzt. Je Unterscheidung sind in der Fuzzy-Logik graduelle Zugehörigkeiten möglich, dem widerspricht überhaupt nicht, dass die Unterscheidungen genauso wechseln kann (für die dann dasselbe gilt). Will man die Unterscheidungen aufeinander abbilden, kommt der Fuzzy-Cube ins Spiel. Ich sehe Deinen Widerspruch zu Günter nicht.

        Ab einer bestimmten Anzahl von Dimensionen ist das natürlich nicht mehr abbildbar (für mich). Nimm einen Würfel, jede Kante stellt eine Unterscheidung dar, 12 Kanten kannste damit abbilden, das könnte für die Funktionssysteme fast schon genügen.

        Wo widerspricht das einer Komplexität? Mein Verständnis von Komplexität habe ich in meinem letzten Beitrag dargelegt. Berechenbarkeit widerspricht nicht prinzipiell komplexen Sachverhalten, das wird man nicht ernsthaft behaupten wollen. Und Luhmanns Komplexitätsbegriff sehe ich durchaus mindestens abgedeckt mit meinem Komplexitätsverständnis, von dem fuzzy-Verhältnisse nur einen Teil darstellen.

        Die fuzzy-logische Entropie verschiebt zudem nur das autologische Problem, denn die Bestimmung des Entropiewerts einer Menge lässt wiederum nur die Frage nach der Vagheit eben dieses Werts aufkommen.

        Man kann immer – das machen hier ja auch andere – weiter fragen und die Dinge auf sich selbst anwenden. Ich frage mal zurück: bis zu welcher Stufe ist das relevant? Eine laufende Neuberechnung von von Vagheiten ist genau das, was dynamische Fuzzy-Systeme machen! Ich hatte das aber schon geschrieben.
        Der Entropiewert hat selbstverständlich einen Erkenntniswert! Etwa in dem er – in einem akteurtheoretischen Rahmen zur Modellierung von Erwartungen – die Erwartungsunsicherheiten modelliert.

        entscheidend ist letztlich die Formulierung von Wenn-Dann-Regeln. Sie setzt also ausschließlich auf Konditionalprogrammierung

        In Fuzzy-Systemen: Ja. Das ist nicht allein entscheidend, aber auch. Wichtig ist hier: die Aussagen können sich widersprechen und wirken in dem System dennoch simultan.

        Schade ist übrigens der Mangel an Versuchen, die Chancen der Fuzzy-Logik mitzuführen…

        1. Deine Übersetzung von Kontexten in Unterscheidungen ist ja vollkommen in Ordnung. Ich spreche auch an keiner Stelle von Widersprüchen. Und der Punkt, dass du transjunktionale Operationen auch ignorieren kannst war kein Vorwurf, sondern ein Hinweis darauf, dass du das vielleicht gar nicht benötigst. Polykontexturalität ist nun einmal ein Begriff von Günther und du beziehst dich darauf, also musst du mit solchen Rückfragen rechnen. Die sind aber fast ausschließlich konstruktiv gemeint.

    4. Ach ja noch eine Anmerkung zum letzten Punkt 4.) meines ersten Kommentars.

      Tatsächlich hätte er im Konjunktiv formuliert sein müssen. So klang das Ganze bedauerlicherweise als Vorwurf oder gar »Angriff«, was eigentlich als Hinweis auf eine mögliche Falle gemeint war. Ich denke keineswegs, dass eine fuzzy-logische Soziologie (die für mich nicht einfach das gleiche ist wie Fuzzy-Logik) sich im Rahmen der klassischen Wissenschaftstheorie bewegt. Aber ich sehe die Gefahr einer Verwerfung, sofern so etwas wie klassische Objektivität und Reliabilität im Rahmen der numerischen Bestimmung von Vagheiten unterstellt wird. Und ich sehe diese Verwerfung bzw. Gefahr zum Beispiel bei vielen, die mit QCA arbeiten, weil sie eben Fuzzy-Logik nur als methodische Anwendungsfrage behandeln und gerade nicht an einer fuzzy-logischen Soziologie arbeiten.

      1. Ich denke keineswegs, dass eine fuzzy-logische Soziologie (die für mich nicht einfach das gleiche ist wie Fuzzy-Logik) sich im Rahmen der klassischen Wissenschaftstheorie bewegt.

        An welcher Stelle nicht?

        1. Eine Antwort darauf erübrigt sich seit dem Kommentar des Logikers von heute kurz nach Mitternacht. Mit dem Unterschied jedoch, dass der Logiker das Fehlen klassischer wissenschaftstheoretischer Kriterien beklagt und ich im Gegenteil denke, dass genau das eine fuzzy-logische Soziologie gerade interessant macht.

          Die Vorteile der Fuzzy-Logik bleiben unsichtbar in einem Rahmen, in dem nur Kausalhypothesen, deduktiv-nomologische Erklärungen und die entsprechenden Gütekriterien der Messung (und von Theorien) gelten dürfen.

          1. Ich würde mich dazwischenstellen: Die Anwendung des Instruments der Fuzzy-Logik oder deren Anschauung muss nicht zwingend klassischen wissenschaftstheoretischen Kriterien widersprechen, das müsste man zunächst erst mal nachweisen. Vielleicht bleibt sie dort ja nicht unsichtbar, sondern scheint geradezu heraus.
            Aber ich stimme Dir zu, dass eine fuzzy-logische Soziologie, wenn es diese denn mal gäbe, interessante Einsichten jenseits klassischer Kriterien liefern könnte. Zumindest habe ich die Hoffnung.

            Und: Guten Morgen! :-)

  14. Lieber Thomas
    vielen Dank für diese sympathische und höchst plausible Aufforderung. Wer in den „studies“ unterwegs ist – postcolonial, queer, gender, disability, …. studies – praktiziert gewissermaßen schon lange fuzzy logic. Einerseits.
    Andererseits (sorry, sehr zweitwertig – aber vielleicht wiederum sehr plausibel?) machen die Menschen ihre Gesellschaft und Geschichte (St. Marx) weiterhin selbst und dabei machen sie/machen wir permanent Zweiwertigkeit. Dies nicht angemessen empirisch abzubilden wäre ein grober Fehler.
    ich stimme zu, dass wir in der Soziologie Diffusität, Umeindeutigkeit, Mehrwertigkeit usw. denken und sichtbar machen sollten. Aber zugleich sollten wir die Beobachtung von Dichotomien und Differenz damit nicht verunmöglichen. Dies hat m.E. die Beck’sche Individualisierungsperspektive dann doch getan. So gerät eine bestimmte gute Theorieabsicht leider zur Sozialromantik einer bildungsbürgerlichen Elite. Leider!

    Stellt sich also die Frage: Wie empirisch plausibel beobachten, ohne unkritisch zu Reproduzieren. Ich finde das für die ‚Prekarisierungs‘-Chiffre ganz interessant. Mit dieser lässt sich womöglich die innere Instabilität und faktische Umeindeutigkeit vermeintlicher Zweiwertigkeiten einholen. Wird das zudem mit Herrschaftsanalyse – z.B. als Normalisierungsimperativ – verknüpft, kann die Soziologie theoretisch wie empirisch gehaltvoll und funky sein (also spannend!).

    Herzlich,
    Paula

    1. Liebe Paula,

      herzlichen Dank für den Hinweis! Ich denke auch: je empirischer es wird, desto fuzziger wird es oftmals. Das war auch meine Erfahrung im Fall des transnationalen Terrorismus.

      ich stimme zu, dass wir in der Soziologie Diffusität, Umeindeutigkeit, Mehrwertigkeit usw. denken und sichtbar machen sollten. Aber zugleich sollten wir die Beobachtung von Dichotomien und Differenz damit nicht verunmöglichen.

      Auch da: volle Zustimmung! Genau das leistet doch die Fuzzy-Logik! Sie kann Zweiwertigkeiten voll erfassen, modellieren, berechnen. Die Null und Eins, das Entweder-Oder. Aber zusätzlich noch die Werte dazwischen, das Sowohl-als-Auch. Die Fuzzy-Logik umfasst sowohl das Entweder-Oder als auch das Sowohl-als-Auch. Das fehlt nichts!

      „Normalisierungsimperativ“ – diesen zu vermeiden hilft m.E. der fuzzy-logische Blick, weil er immer zugleich zwingt zu schauen, ob es Zwischenstufen gibt, wenn eine Unterscheidung gesetzt ist. Muss nicht, kann aber und dann wird es oft schwierig, eine Unterscheidung normativ absolut zu setzen, bspw. das Zweigeschlechtlichkeitsmodell.

  15. Allerdings ist zu bedenken dass es auch in der Fuzzy Logik eine Version des Satzes vom Widerspruch gibt, „dass etwas sachlich und sozial zugleich seinem Gegenteil“ entspricht ist also auch hier ausgeschlossen. Für eine Logik mit Widersprüchen muss man sich anderswo umsehen, ich glaube im Formkalkül gibt es etwas in der Richtung.

    1. Hallo Kris Kelvin,
      wenn Sie diese Version ausführen könnten, wäre ich dankbar! Alles, was ich gelesen habe, widerspricht Ihrer Behauptung.

      1. In der Fuzzy Logik gibt das Prinzip vom Widerspruch nicht, das besagt, dass dass zwei einander widersprechende Aussagen nicht zugleich zutreffen — „wahr sein“ können.

        In der Fuzzy Logik können also zwei einander widersprechende Aussagen zugleich zutreffen — „wahr sein“.

        Im übrigen möchte ich darauf hinweisen, dass es nicht „die eine“ Fuzzy Logik gibt, sondern dass es viele verschiedene Systeme gibt, die sich voneinander unterscheiden — je nachdem, welche Struktureigenschaften gelten oder nicht, etwa (Ortho)modularität. Hinzu kommt, das die Operatoren „und“, „oder“ und auch die Negation keinesfalls festgelegt sind. Es gibt hier verschiedene Möglichkeiten, sie logisch zu definieren. Somit ist die „Fuzzy Logik“ eine große „Familie“ von Logik-Systemen.
        Für logische Details sei auf folgendes vor einigen Wochen erschienene Buch verwiesen: Fuzzy Logic: An Introductory Course for Engineering Students by Enric Trillas and Luka Eciolaza, Springer 2015.

        1. In der Fuzzy Logik können also zwei einander widersprechende Aussagen zugleich zutreffen — “wahr sein”.

          So weit ich weiß trifft in der Fuzzy-Logik eine Aussage immer nur in dem Maße zu, in dem ihr Gegenteil nicht zutrifft und umgekehrt. Da sehe ich keinen Widerspruch. Siehe auch meine anderen Beitrag.

          1. So is es in der Fuzzy Logik nicht. Eine Aussage kann z. B. mit Zugehörigkeitswert 0,6 wahr sein und mit Zugehörigkeitswert 0,7 falsch sein. Die Werte müssen sich nicht zu Eins addieren!

          2. Sind Sie sicher? Nach dem was ich bisher im Web gelesen habe, gibt es für Aussagen in der Fuzzy-Logik genauso wenig wie in der Klassischen Logik einen „Falschheitswert“, sondern nur einen „Wahrheitswert“, und der kann einen reellen Wert von 0 bis 1 annehmen. Wenn dann jemand trotzdem von einem „Falschheitswert“ spricht, und sagt, eine Aussage habe den „Falschheitswert 0,7“, dann kann man das, so weit ich sehe, nur nur als Negation des Wahrheitswertes interpretieren, also ¬A, was 1-A entspricht, wobei A der Wahrheitswert ist. Das bedeutet dass sich die Wahrheitswerte einer Aussage und ihrer Negation immer zu 1 addieren. Meine Aussage auf die Sie hier geantwortet haben („So weit ich weiß trifft in der Fuzzy-Logik eine Aussage immer nur in dem Maße zu, in dem ihr Gegenteil nicht zutrifft und umgekehrt.“) entspricht m.E. dem Satz „A=¬¬A“, von dem ich auch anderswo gelesen habe dass er auch in der Fuzzy-Logik zutrifft (was ja bei seiner Interpretation als Gleichung „a=-(-a)“ ohnehin der Fall wäre).

          3. Es gibt in der Fuzzy Logik verschiedene Definitionen zur Negation und dass nciht nicht A gleich A ist, ist keinesfalls ein logisches Gesetzin der Fuzzy Logik. Ich verweise hier auf die Arbeiten von Enric Trillas, der sich seit den 1980er Jahren mit der Negation, dem UND udn dem ODER beschäftigte. Auch andere Fuzzy-Logiker haben sich damit intensiv beschäftigt, z. B. Erich-Peter klement in Linz, Vilem Novak in Tschechine usw.

          4. Es gibt in der Fuzzy Logik verschiedene Definitionen zur Negation

            Okay, dann würde ich hier aber nicht von „der Fuzzy-Logik“ sprechen, sondern von „den Fuzzy-Logiken“. Denn innerhalb eines formalen Systems muss die Verwendung der Zeichen exakt festgelegt sein. Werden abweichende Axiome oder Schlussregeln verwendet, handelt sich bereits nicht mehr um das gleiche System.

            Nachdem ich im Web und bei Google books zahlreiche Beispiele gefunden habe, wo die Negation „¬a“ mit 1-a definiert wird, vermute ich, dass das die üblichste Definition ist. Auch die Definition der Kunjunktion „a∧b“ als min(a,b) scheint sehr üblich zu sein. Ob es üblich ist, dass die Gleichheit „a=b“ dem a=b der Arithmetik entspricht, habe ich bisher nicht herausgefunden, weil die Definition der Gleichheit offenbar häufig weggelassen wird (zumindest in den Beispielen die ich gefunden habe), aber die Vermutung lag für mich am nächsten wenn keine anderslautenden Angaben gemacht werden.

            Daraus schließe ich, dass der Satz „a=¬¬a“ in (mindestens) einer Variante der Fuzzy-Logik gilt, und dass diese Variante nicht gerade üblich, vielleicht sogar die üblichste ist. Oder bin ich da im Irrtum, und tatsächlich ist etwas ganz anderes üblich? Jedenfalls, für diese Variante (für diese Fuzzy-Logik) gilt meine Aussage, dass sie nicht widersprüchlich sei, weil man ansonsten einen (wie ich in einem anderen Beitrag begründet habe) wiederum sehr unüblichen Widersprüchlichkeitsbegriff zugrunde legen müsste. Darüber, ob gewisse andere Fuzzy-Logiken widersprüchlich sind oder nicht, will ich hier also gar keine Aussage machen.

            Danke auch für die Literaturhinweise, ich fürchte nur für einen tiefen Einsteig scheitert es derzeit an anderen Prioritäten.

          5. Korrektur: Es sollte natürlich heißen „dass diese Variante nicht gerade UNüblich, vielleicht sogar die üblichste ist“.

          6. Ich glaube, Sie suchen in eine falsche Richtung. In jedem fuzzy-Modell (ich würde nicht fuzzy-Logiken unterscheiden) gilt sowohl a=¬¬a (das sind die beiden Seiten der Unterscheidung) als auch a=¬a (das ist der Punkt der höchsten Entropie, die „Mitte“). Das verletzt das gewohnte Denken.

      2. Was ich hier meinte: In der klassischen Logik wäre ein Widerspruch, wenn eine Aussage wahr und falsch wäre, d.h. zugleich die Wahrheitswerte 0 und 1 hätte. Nun gibt es in der Fuzzy-Logik zwar unendlich viele Wahrheitswerte zwischen 0 („völlig falsch“) und 1 („völlig wahr“). Eine Aussage hat aber meines Wissens auch hier immer nur genau einen Wahrheitswert, z.B. „0,3“, nicht aber zwei (oder mehr) verschiedene.

        Man könnte natürlich auch sagen, allein schon ein Wahrheitswert wie „0,3“ stelle einen Widerspruch dar. Aber dann würde man meines Erachtens einen ganz unüblichen Widerspruchsbegriff zugrundelegen. Beispielsweise bei Meinungsumfragen (oder ähnlichen Befragungen in der Psychologie) steht hinter zu bewertenden Aussagen oft nicht ein Kästchen das man ankreuzen kann oder nicht, sondern z.B. sieben Kästchen die mit „trifft gar nicht zu“ (1) über „teils-teils“ (4) bis hin zu „trifft voll zu“ (7) beschriftet sind. Ich glaube nicht dass es irgendjemand als widersprüchlich bezeichnen würde, nicht immer mit 1 oder 7, sondern auch mal mit 2, 3, 4, 5 oder 6 zu antworten. Und wenn man der Ansicht ist dass es sich um eine dichotome „ganz-oder-garnicht“-Aussage handelt die da bewertet wird, dann denke ich würden die meisten Leute ein Kreuz bei 2-6 nicht als widersprüchlich, sondern einfach als sinnlos erachten. Wenn jemand dagegen tatsächlich darauf bestehen würde, bei einer Aussage nicht nur ein Kreuz zu machen, sondern zwei (etwa bei 1 und 5), dann würde man das durchaus als widersprüchlich bezeichnen.

        1. Doch genau das ist ja das Entscheidende: Etwas entspricht seinem Gegenteil! Hieran erkennt man wunderbar, wie schwierig das für uns aristotelische sozialisierte Westler, sowas auch nur zu denken. Man versteht nicht mal, was gemeint ist… Mein Vorschlag: Lesen sie die (für seine populärwissenschaftliche Sprache manchmal kritisierten) Bart Kosko. Besser als dieser kann ich es auch nicht vermitteln…

  16. @Thomas Kron

    „Was sagt eigentlich Goffman dazu?“

    … dass man zu einem Rahmen nicht Jain sagen kann. So habe zumindest ich Goffman verstanden, denn sonst macht ja seine ganze Rahmenanalyse keinen Sinn. Sein Ausgangsproblem war doch, die Frage, was geht in einer Situation vor. Der Rahmen liefert den Bedeutungszusammenhang. Ist der nicht bekannt oder doppeldeutig, wird nach Hinweisen gesucht, um ihn zu identifizieren. Und nur das eröffnete die Möglichkeit zu erkennen, dass man Rahmen auch manipulieren kann, um Personen zu täuschen.

    „Ja, man kann das als neue Bezeichnung einführen, die dann wieder zu unterscheiden ist, womit sich das ganze Problem der graduellen Zugehörigkeit von neuem stellt. Neue Unterscheidungen lösen manchmal im sozialen Umgang faktisch solche Probleme aber nicht prinzipiell/logisch.“

    Ich sehe in diesem Punkt kein Problem, weil ja schon die Konstruktion des Problems der graduellen Zugehörigkeit , die eines Beobachters ist und nicht eine Eigenschaft des beobachteten Phänomens. Ich würde nicht so vorgehen und deswegen stellt sich das Problem für mich so auch nicht. Mich interessiert, wie andere Personen die Probleme faktisch lösen. Prinzipiell/logisch lässt sich das Problem nicht lösen, weil jede Unterscheidung paradox konstituiert ist (Die Paradoxie der Form, Luhmann). Paradoxien sind nach Luhmann Hinweise auf Selbstreferenzprobleme (der zugrundeliegenden Unterscheidung).

    „Ein Fußballspieler auf dem Spielfeld nimmt teil, verliert er lustlos alle Zweikämpfe und kickt ebenso lustlos den Ball durch die Gegend, kann man doch wohl sagen, er nimmt nicht richtig teil. Reporter sagen dann “Er kommt nicht ins Spiel”“

    Mag sein, trotzdem steht er auf dem Platz und muss mitmachen. Das ist doch erstmal alles was zählt. Die Möglichkeit, so wie Sie es ausführen, beobachten zu können, ergibt sich erst wenn diese Bedingung erfüllt ist. Steht der Spieler nicht auf dem Platz, besteht überhaupt nicht die Möglichkeit so beobachten zu können. Mit Hilfe von Spencer Brown würde ich Ihre Beobachtung folgendermaßen beschreiben. Ihre Aussage „Der Spieler ist nicht im Spiel“ ist bereits das Ergebnis eines re-entries. Spiel/Nicht-Spiel ist die Unterscheidung. Die positive Seite ist der Kontext, in dem überhaupt Spiele beobachtet werden können. Auf der negativen Seite kann alles andere beobachtet werden, außer Spiele. Jetzt machen Sie oder ein Sportreporter die Beobachtung „ Der Spieler ist (im Spiel) nicht im Spiel“. Die entscheidende Information, den re-entry zu erkennen, haben Sie vergessen. Ich habe sie in Klammern ergänzt. Sie lassen die Unterscheidung auf der positiven Seite wieder eintreten und beobachten nun, ein Spieler ist im Spiel nicht im Spiel. Was heißt das denn? Andere würden stattdessen vielleicht sagen, der Spieler ist nicht in Form ;) Das Problem wäre damit schon gelöst und man läuft nicht auf die Paradoxie auf. Man könnte aber auch weiter fragen, wie wird denn das Nicht-Im-Spiel-Sein konfirmiert, um die Paradoxie, die durch den re-entry entstanden ist, zu invisibilisieren, kann man jeden Hinweis oder Indikator einsetzen, der einen schließlich zu der Schlussfolgerung führt „der Spieler ist nicht im Spiel“, wie z. B. Lustlosigkeit. Das sind aber keine Hinweise auf den Rahmen. So vermeidet man es, sich von der Paradoxie der Form verwirren und petrifizieren zu lassen. Mit Russel/Whitehead könnte man wohl auch sagen, Sie begehen einen klassischen Kategorienfehler, denn Sie verwechseln den Rahmen (das Spiel) mit einem Ereignis in diesem Rahmen (lustloses Beteiligung eines Spielers).

    Sie versuche mich mit der Gorgone (vgl. http://goo.gl/RBji6w) „Der Spieler ist im Spiel nicht im Spiel“ zu petrifizieren, indem sie die Selbstreferenz der Form Spiel/Nicht-Spiel offenlegen bzw. in sich selbst wieder eintreten lassen. Damit provozieren Sie gerade das Zugehörigkeitsproblem und blockieren so das weitere Beobachten. Ich zeige Ihnen, wie man dies pragmatisch vermeidet, um sich nicht im Beobachten zu blockieren, weil es eine prinzipielle Lösung nicht gibt. Bzw. die gibt’s und nennt sich „Laws Of Form“. Diese Lösung versteht man aber erst, wenn man sie pragmatisch wendet. Ich denke, das ist es, was Luhmann mit Euryalistik meinte. Um das nochmal klar zu stellen: das Problem, auf das Sie in dieser Weise aufmerksam machen, bestreite ich nicht. Wie man mit diesem Problem umgeht, da gehen unsere Positionen auseinander.

    1. Hallo Beobachter,

      „Was sagt eigentlich Goffman dazu?“
      … dass man zu einem Rahmen nicht Jain sagen kann. So habe zumindest ich Goffman verstanden, denn sonst macht ja seine ganze Rahmenanalyse keinen Sinn.

      Ihre Goffman-Deutung ist ein schönes Beispiel dafür, was passiert wenn man einen Autor/Text (stellvertretend für alles andere, was man untersuchen kann), aus einer dichotomen Perspektive betrachtet. Dann macht manches plötzlich „keinen Sinn mehr“. Ich lese Goffman anders, als den Kampf der Akteure um die Interaktionsordnung, durchaus mit dem Ziel, größtmögliche Eindeutigkeit (auch zur Identitätsbehauptung) herzustellen. Aber es kann dann eben auch passieren, dass man einen primären von einem modulierten Rahmen nicht unterscheiden kann. Nimmt man „Stigma“ hinzu, dann scheint es mir eher so, dass das Ziel der Eindeutigkeit so gut wie nie erreicht wird und man immer mit den Vagheiten der Situationsdefinition umgehen muss. So ja auch Esser in seiner framing-Analyse, wenn es mal nicht zu 100% „matched“, sondern es Definitionselemente gibt, die zugleich den völlig gegensätzlichen Frame nahelegen.

      Ich würde nicht so vorgehen und deswegen stellt sich das Problem für mich so auch nicht.

      Das ist mir sympathisch! Meine These (oder die von Ulrich Beck) wäre, dass man dann aber Probleme übersieht, die es gibt, wenn man nur anders beobachtet – und die offensichtlich als Probleme problematisch sind. Man wird kaum Lösungen finden für Probleme, die man nicht sehen kann.

      Zum Fußballspiel-Beispiel: Wir bewegen uns beide mit den verschiedenen Beobachtungsweisen im Rahmen einer Unterscheidung, hier Spiel/Nicht-Spiel. Nun müsste man sich verständigen, ab Erfüllung welcher Kriterien „Spiel“ gilt. Sie machen das formal-„juristisch“. Mein Eindruck ist, dass man dann ganz gut binär bleiben kann. Dann würde ein fuzzy-logischer Beobachter eben auch dasselbe modellieren. Welche Kriterien ein Fußballspiel und das Dazugehören ausmachen, das könnte man aber auch empirischer bestimmen. Sie gehen also ins Ruhrgebiet, egal ob schwarz-gelb oder blau-weiß, und fragen dort nach den Kriterien, wann ein Fußballer im Spiel ist. Vermutlich genügt das formale Kriterium, „der wurde aufgestellt“ nicht alleine, sondern es kommen noch andere Dinge hinzu, Laufleistung, sich den Allerwertesten „aufreißen“ etc. Dann wird es vager in dem von mir beschriebenen Sinn. Dies ist vermutlich auch der Grund, weshalb L. Wacquant von der „fuzzy logic“ des praktischen Sinns ausgeht. Kurz: mit der Fuzzy-Logik kann ich so wie Sie auf der Ebene der Formalität bleiben, aber auch mehr Praxis aufnehmen. Das hat dann nichts mit einem Kategorienfehler zu tun, sondern betrifft schlicht die Frage, wie man den Untersuchungsgegenstand konstituieren möchte. Dass diese Kriterien nicht immer so einfach aufrecht zu erhalten sind, wie es der soziologische Manichäismus möchte, das zeigt ja eben die Forschung zur Intersexualität und zur Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit (etwa Hirschauer).

      Zu guter Letzt: Ich sehe nicht, dass eine unserer beiden Perspektiven in eine Blockade führt. Man muss es einfach ausprobieren und sehen, wie weit man damit kommt. Luhmann selbst hat die Kosten der formtheoretische Betrachtung zumindest gesehen, dass man nämlich „alle Gradualisierungen mit Hilfe der System/Umwelt-Differenz behandeln muss“. Er sah den evolutionären Vorteil darin, dass man durch das Entweder-Oder „zu Entscheidungen gezwungen wird“ und dieses Entweder-Oder „leichter rückzumelden ist als eine Mehr-Oder-weniger-Meinung.“ Darüber ließe sich allerdings wiederum diskutieren.

      1. Wenn ich das richtig verstehe, geht es ja im Kern darum welche Aussagen man als wissenschaftlich zulassen möchte und welche nicht.
        Um beim Fußballbeispiel zu bleiben: Im logisch-zweiwertigen Frame wären nur Aussagen wie „Müller hat bis zur 76. MInute gespielt und wurde dann ausgewechselt“ zulässig. Im fuzzylogisch erweiteren Aussagebereich auch Sätze á la „Müller war 76 Minuten auf dem Platz, hatte aber eigentlich nur bis zur 30. Minute genug Kraft, um richtig mitzuspielen.“
        Es scheint mir evident zu sein, dass man immer auch Erweiterungen zulassen muss, sonst beginnt man irgendwann sich selbst seiner Erkenntnisfähigkeiten zu berauben.
        Es kommt hinzu, dass die Abschottung der Funktionslogiken einzelner gesellschaftlicher Teilbereiche ebenso sinnvoll wie meistens sehr problematisch ist, weil sich die Departementalisierung der Gesellschaft nie widerspruchsfrei durchhalten lässt. Im Falle des Fußballspiels muss man sich ja schon fragen, ob überhaupt ein Spiel stattfindet oder ob es sich vielmehr um ein Phänomen aus „Arbeit und Wirtschaft“ handelt? Oder vielleicht „Entertainment und Freizeit“? Sieht man die Spieler eines Bundesliga-Vereins als Angestellte, dann arbeiten sie jendenfalls nicht nur, wenn sie im Spiel spielen, sondern z.B. auch, wenn sie nur auf der Bank sitzen und ganz sicher schon, wenn sie sich warmlaufen. Und was machen die Spieler, wenn sie ein Tor zelebrieren? Wenn sie dem Publikum zurück applaudieren? Sogar wenn sie sich in die Eistonne setzen, handeln sie vertragsgemäß. Man spricht daher meist von „Einsätzen“, so wie Polizisten, Soldaten, Kuriere, Arbeitskräfte eben vom Management eingesetzt werden, wenn die Spielteilnahmen gezählt werden.
        Die streng logischen Rahmen haben ntürlich ihre Notwendigkeit. Sie sind z.B. unerlässlich, wenn man Statistiken aufstellen möchte: Was gehört zum BIP, was nicht? Wer gilt als Student, wer nicht? Wer gilt als Profifußballer, wer als Halbprofi, wer als Amateurfußballer? Aber die interessanten Beobachtungen, Ideen und Aussagen beginnen oft dort, wo die Rahmen weich sind oder sogar einmal ausgetauscht werden: „Fußballspieler als Contentlieferanten der Medien“ …

  17. Entschuldigung, da hat sich doch ein übler Grammatikfehler eingeschlichen. Es muss heißen:

    „Man könnte aber auch weiter fragen, wie wird denn das Nicht-Im-Spiel-Sein konfirmiert, um die Paradoxie, die durch den re-entry entstanden ist, zu invisibilisieren? Um sie zu invisibilisieren, kann man jeden Hinweis oder Indikator einsetzen, der einen schließlich zu der Schlussfolgerung führt „der Spieler ist nicht im Spiel“, wie z. B. Lustlosigkeit.

  18. Lieber Thomas Kron et al.,

    ich würde gerne einen weitern Aspekt in die Diskussion bringen, von der her ich mich für das interessieren würde, ws hier als Fuzzy-Logik firmieren soll, und das ist der Aspekt der Zeit bzw. der Operativität allen Geschehens. Man kann schön über Logik diskutieren, man kann Unterscheidungen und Dichotomien unterscheiden (sic!), man kann nach der klassischen Logik den Satz der Identität hochhalten und den des ausgeschlossenen Dritten, man kann auf Zwischenstufen in Unterscheidungen hinweisen. Man kann – und muss! – auch sehen, dass es stets Beobachter sind, die all das beobachten und stößt dann auf Paradoxien uvm. Aber all das bleibt letztlich wenig hilfreich, wenn es nicht in seiner Operativität beobachtet wird. Die klassische Logik konnte auf diese Form der Tempolaisierung verzichten, weil die dahinterstehende Ontologie zwischen Sein und Nicht-Sein unterschieden hat und schon in Schwierigkeiten geriet, wenn es darum ging, dass in der Zeit das Selbe womöglich sein UND nicht-sein könnte. Deshalb hat übrigens schon Aristoteles in der Physik ein „zählendes Bewusstsein“ postulieren müssen, wenn es um die Zeit geht, um das Nacheinander von Gegenwarten, die je für sich SIND – ergo: einen Beobachter.
    Worauf ich hinaus will: Die Verhältnisse einer Logik, die ihre eigene Bedingung mitbedachtet (also Unterscheidungen unterscheidet oder Beobachter beobachtet oder Ungleichzeitigkeit beobachtet), stößt unter „logischen“ Gesichtspunkten auf Paradoxien, die man entweder bekämpfen kann (Vorwurf: wiederlogisch, unlogisch usw.) oder die man obercool feiern kann. Viel besser wäre es, sie operativ aufzulösen. Und das ist es, was Operationen von zinnverarbeitenden Systemen stets tun: sie entparadoxieren sich nicht logisch, sondern empirisch in der Zeit. Diese „zeitweise“ Entparadoxierung hat damit zu tun, dass man im Dickicht möglicher Unterscheidungen, Bezeichnungen, Zwischenwerte usw. irgendwann einrasten muss und dann dies und nicht jenes geschieht. Wahrscheinlich kommt so Bewusstheit im Bewusstsein zustande und wahrscheinlich gelingt es deshalb Kommunikationssystemen, sich selbst wie Handoiungssysteme zu behandeln.
    Diese Zentralstaat der zeit stellt all die logischen Fragen ganz anders dar, weil es eben um die Empirie von Praktiken und Ereignissen geht und nicht um eine widerspruchsfreie oder paradoxiefeste Form der Beschreibung geht, die ihrerseits nichts anderes ist als eine Festlegung aus Möglichem.
    Wenn ich es recht verstehe, was Fuzzy-Logik in der Technik meint, dann ist es eben der Versuch, das Einrasten von Werten, Schaltern und Kenngrößen nicht dichotomisch bzw. in einem Schltplan festzulegen, sondern durch Verzeitlichung von Entscheidungen ein Herantasten an mögliches Einrasten zu gewährleisten. Ähnliches lässt sich sicher auch dabei beobachten, wie Organismen mit ZNSen ihre Selbstbewegung an eine selbst wahrgenommene Umwelt anpassen.
    Dichotomien und stabile Unterscheidungen sind erst das evolutionäre Ergebnis von Systemstabilisierungen, die ihrerseits ein Einrasten an bestimmten Punkten wahrscheinlicher machen – deshalb reden wir soziologisch von Codes, von Kommunikationsmedien, von Normen oder Habitus.
    Kann man überhaupt anders eine qualitative Empirie machen als so? Letztlich kann man dich nur beobachten, wie in Systemen so etwas wie Einrastentscheidungen erzeugt werden, wie Routinen aus unendlich vielen Möglichkeiten entstehen, wie das Bezugsproblem, dass wir immer auch anders könnten, für Ordnung sorgt. Wer hier nicht die Operativität des Geschenks mit sieht, hat einen völlig naiven Blick auf den Gegenstand der Soziologie. Dieser Gegenstand ist nichts anderes als der Horizont möglicher Ereignisse, in der Ordnung aufgebaut wird, nicht abgearbeitet wird.
    Ob man dafür nun Fuzzy-Logik braucht oder ob es nicht reicht, die Operativität unseres Gegenstandes in den Blick zu nehmen, in dem wir uns eher über Stabilität als über Instabilität wundern sollten, sei dahin gestellt.
    All dem, das wird mir ehrlich gesagt erst seit kurzem klarer, hat nicht nur Konsequenzen für die operative und ontologische Fassung unseres Gegenstandes, sondern sogar für die Frage der Normativität dessen, was in unserem Milieu meist vorausgesetzt wird. Es ist selten ein Plädoyer für Ordnungsaufbau, sondern eher eines, das Ordnung voraussetzen möchte – das kann hier nicht weiter diskutiert werden. Es ist nur ein Hinweis darauf, dass die Diskussion um die LOGIK der Sozialwissenschaften etwas mit dem Möglichkeitsraum dessen zu tun hat, was temporalisierte Beobachter sehen können – auch: soziologische Beobachter.
    Nochmals Danke für den wirklich sehr spannenden Einstig.
    Armin Nassehi

    1. Sorry für die Tippfehler, ich habs zu schnell nebenbei geschrieben – aber man kanns trotzdem richtig lesen. Auch das setzt eine operative Strategie voraus, die dann aus Ungenauigkeit genau die Genauigkeit macht, mit der sich ungenau genug operieren lässt. Auch mit Zinnüberschuss ;)

    2. Puh, vielen herzlichen Dank, darüber muss ich erst einmal gründlicher nachdenken. Da das aber hier im Blog unbefriedigend ist, versuche ich es mal, ein wenig aus der Hüfte geschossen, mit ein paar Anmerkungen:

      Die Auflösung von Paradoxien in der Zeit, wie sie bei Luhmann oft stark gemacht wird, erscheint mir manchmal genau als jene Notlösung, die man benötigt, wenn man dichotom unterscheidet. Dann muss man (wenn kein anderer Beobachter zur Verfügung steht) etwas, das seinem Gegenteil entsprechen soll, in die Zeitdimension verlegen, z.B. durch Kreuzen der Seiten, erst die eine, dann die andere Seite. Dafür gibt es vermutlich auch empirische Beispiele, verfehlt aber dennoch das Problem, dem sich die Fuzzy-Logik stellen möchte.

      Fuzzy-Systeme lösen die Paradoxie letztlich durch De-Fuzzyfizierung, meistens ist das ein bestimmter Algorithmus zur Berechnung eines Mittels. Wie immer man diese De-Fuzzyfizierung soziologisch übersetzt, sie benötigt jedenfalls auch Zeit. Und verbraucht i.d.R. auch weitere Zeit, weil der de-fuzzyfizierte Wert wieder zurückgemeldet wird und die Systembedingungen modifiziert. Einfaches Beispiel: Unscharfe atmosphärische Daten werden bei einer Klimaanlage auf einen scharfen Wert – Abkühlung um 2 Grad – de-fuzzyfiziert, was dann die Atmosphäre ändert, ohne dass die Unschärfen beseitigt würden usf.

      Diese „zeitweise“ Entparadoxierung hat damit zu tun, dass man im Dickicht möglicher Unterscheidungen, Bezeichnungen, Zwischenwerte usw. irgendwann einrasten muss und dann dies und nicht jenes geschieht.

      Dies scheint mir eine schöne Beschreibung dafür zu sein. Man benötigt manchmal schlicht scharfe Werte.
      Mir geht es ja ebenfalls um die „Empirie der Praktiken“, die ich mit einer fuzzy-logischen Sichtappartur anschaue. Nur muss man leider ja immer noch dazu die Fuzzy-Logik erst einmal näherbringen, weil sie den Soziologen kaum bekannt ist und diese Perspektive dermaßen den geübt-dichotomen Geist verwirrt, dass man nicht direkt zu den Praktiken kommen kann. Oder vielleicht doch, das müsst ich mal testen.

      Dichotomien und stabile Unterscheidungen sind erst das evolutionäre Ergebnis von Systemstabilisierungen, die ihrerseits ein Einrasten an bestimmten Punkten wahrscheinlicher machen – deshalb reden wir soziologisch von Codes, von Kommunikationsmedien, von Normen oder Habitus.

      Das würde ich voll unterstreichen, nur zum einen ergänzen wollen, dass auch Vagheiten und inklusive Unterscheidungen solche evolutionären Ergebnisse darstellen und zum anderen die Sichtweise umkehren, dass Dichotomien das Übliche und Vagheiten die Ausnahme seien.

      Es ist nur ein Hinweis darauf, dass die Diskussion um die LOGIK der Sozialwissenschaften etwas mit dem Möglichkeitsraum dessen zu tun hat, was temporalisierte Beobachter sehen können – auch: soziologische Beobachter.

      Das möchte ich einfach nur wiederholen!

  19. Lieber Herr Kron, liebe Mitdiskutanten,

    Herr Nassehi hat in seinem Kommentar einige richtige und wichtige Anmerkungen gemacht, denen ich mich weitestgehend anschließen kann. Speziell der Hinweis auf Operativität ist wichtig, denn ich habe in meinem letzten Kommentar nur die Anschlussoperationen beschrieben, die möglich sind, wenn Operationen zu einem re-entry führen. Da ich dachte, wir diskutieren hier im Kontext eines operativen Konstruktivismus, hielt ich es nicht für notwendig, dass extra nochmal betonen zu müssen.

    Rahmen sind keine absolut gesetzten Entitäten, die ohne menschliche Beteiligung existieren könnten. Sie werden durch die beteiligten Menschen etabliert und über die Zeit aufrechterhalten; ggfs. gegen Widerstände verteidigt, manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Erfolg. Beteiligung ist als Prozess zu verstehen und nicht als Zustand. Auf das Fußball-Beispiel angewendet, bedeutet dass, ich würde zunächst von den Konventionen ausgehen, die im Fußballsport selber gelten, denn die sind es, die das Erleben und Handeln der Beteiligten strukturieren und orientieren. Ein Spiel ist dann eben das Geschehen, dass sich im räumlichen Rahmen des Spielfelds und im zeitlichen Rahmen zwischen Anpfiff und Abpfiff abspielt. Man kann natürlich selbst andere Vorstellungen davon haben, was ein Spiel sein sollte. Die sollten nur bei einer soziologischen Analyse keine Rolle spielen, weil sie für das Erleben und Handeln der Beteiligten auch keine Rolle spielen. Insofern sehe ich hier überhaupt keinen Bedarf für eine Verständigung darüber, was ein Spiel ist. Diese Frage ist schon geklärt und die Antwort sollte der Ausgangspunkt sein. Die Frage, was eine Aussage, wie „ein Spieler ist nicht im Spiel“, bedeuten könnte, lässt sich nur vor diesem Hintergrund stellen. Leider sind Sie, Herr Kron, auf diesen entscheidenden Punkt nicht eingegangen. Klar kann man dann sehen, dass verschiedene Personen, etwas anderes, teilweise widersprechendes darunter verstehen. Das bestreite ich auch nicht. Nur, was bedeutet das für soziologische Theoriebildung? Würden sich soziologische Beobachtungen dann nicht in Trivialitäten erschöpfen, wie ‚alle Menschen beobachten anders‘?

    Man kann ja Rahmen und alles, was dazu dient die Aufmerksamkeit der Beteiligten auf den gemeinsamen Fokus der Aufmerksamkeit zu lenken, in Frage stellen, wie man will. Die Frage ist, wo sollte man damit aufhören, weil man sonst möglicherweise auch seine eigene Aufmerksamkeit zu sehr von dem ablenkt, was soziologisch relevant ist. Man benötigt also Stoppregeln, ansonsten mündet das in einen unendlichen Regress. Eine wichtige Stoppregel für mich ist, niemals die Rahmen der Beteiligten dekonstruktivistisch auflösen, um dann am Ende in der Negativität radikaler Skepsis zu stranden. Ihre Beobachtungsweisen, lieber Herr Kron und lieber Herr Iversen, sind mir noch zu essentialistisch und dadurch tendentiell regressiv. Man könnte sich vermutlich noch sehr lange darüber streiten, was ein Spiel ist oder sein sollte, ohne an ein Ende zu kommen. Nur was bringt das, außer die Erkenntnis, dass wir alle was anders darunter verstehen? Es lenkt vor allem davon ab, wie andere Personen ihr Erleben und Handeln koordinieren, um sich an einem Spiel zu beteiligen. Darin steckt letztlich die soziologische Ausgangsfrage, wie ist soziale Ordnung, in diesem Fall das Spiel, möglich. Um der Ablenkungsgefahr zu begegnen, wird es aus meiner Sicht immer wichtiger das Selbstreferenzproblem ernst zu nehmen. Das gilt für jeden Ansatz.

    1. Ich glaube, man kommt nicht weiter, wenn wir jetzt inhaltlich anfangen zu diskutieren, wann ein Fußballspiel ein Spiel ist oder nicht. Mir ging es nur darum zu sagen, dass man nicht die Definitionselemente so gestalten sollte, dass es zur Dichotomisierung passt. Es könnte andere Fälle geben, die man dann nämlich nicht gut erfassen kann. Und bin ja darauf eingegangen, dass es eine basale Unterscheidung geben muss, aber sehr viel eben davon abhängt, mit welchen Elementen man die beiden Seiten der Unterscheidung füllt.
      Für die Theoriebildung bedeutet das: Wenn man mehr sehen möchte, dann besser nicht dichotomisieren, sondern etwas verwenden, was Zweiwertigkeiten genauso erfassen kann wie „Fuzzyness“!

      Stoppregeln fehlen der Soziologie tatsächlich an allen Enden und Ecken! Zur Notwendigkeit, manchmal scharf zu entscheiden, siehe bitte meinen Kommentar zu Armin Nassehi.

      1. Mir ging es eigentlich auch weniger darum das Fußballspiel inhaltlich zu bestimmen, sondern auf die Unterschiede in unseren Herangehensweisen aufmerksam zu machen.

        „Für die Theoriebildung bedeutet das: Wenn man mehr sehen möchte, dann besser nicht dichotomisieren, sondern etwas verwenden, was Zweiwertigkeiten genauso erfassen kann wie „Fuzzyness“!“

        Mehr sehen zu können ist kein Wert an sich, wenn es bedeutet einfach nur die zu verarbeitenden Informationslasten zu erhöhen. Damit das nicht geschieht benötigt man die besagten Stoppregeln. Mal ist es besser mehr, manchmal weniger zu sehen. Das eine macht immer nur in Bezug auf das andere einen Sinn. Mit Spencer Brown setze ich dabei auf das, was er kontrahieren und erweitern der Referenz nennt. Generalisieren und spezifizieren geht in dieselbe Richtung.

        Ist Zweiwertigkeit/Fuzzyness nicht selbst eine Dichotomie? Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Zweiwertigkeit und Dichotomie? In diesem Zusammenhang ist es für mich dasselbe. Aber wenn schon dieser Gegensatz aufgemacht wird, ist Zweiwertigkeit dann das Gegenteil von fuzzy, also nicht vage? Ich würde ja behaupten, dass man mehr sieht, wenn man beide Seiten der Unterscheidung im Gedächtnis behält und das müsste aus Ihrer Sicht das Ergebnis einer Dichotomisierung sein, oder? Und ist es nicht genau das, was Sie im obigen Zitat meinen? Theoriebildung, und nicht nur die, bedeutet Beobachten durch unterscheiden und bezeichnen. Dazu benötigt man immer eine zweiwertige Differenz. Bei Ihnen ist es offenbar die von Zweiwertigkeit und Fuzzyness. Entpuppt sich Fuzzyness damit nicht selbst als das Ergebnis einer Beobachtung mit Hilfe einer zweiwertigen Differenz?

        „Fuzzy-Systeme lösen die Paradoxie letztlich durch De-Fuzzyfizierung, meistens ist das ein bestimmter Algorithmus zur Berechnung eines Mittels.“

        Das kenne ich aus dem Vermessungswesen als Fehlerausgleichsrechnung. Die ist aber überall, wo gemessen wird, relevant. Das wird gemacht, weil der Beobachter, in diesem Fall das Messgerät, nicht bei jeder Messung denselben Wert liefert. In diesem Sinne, wird mit der Fehlerausgleichsrechnung der Beobachter bzw. wie er beobachtet, beim Beobachten mit berücksichtigt. Wie man das auf das Beobachten mit Begriffen übertragen will, ist mir nicht ganz klar, denn man kann ja keine Mittelwerte von Begriffen bilden. Und wie steht’s eigentlich mit der Fuzzyness der Fuzzy-Logik? Kann man die defuzzyfizieren? Wäre das nicht vielleicht wieder eine Reduktion auf entweder fuzzy oder nicht; oder fuzzy oder zweiwertig? Die Fuzzy-Logik dürfte ja selbst eigentlich nicht fuzzy sein, damit nicht-fuzzy »Fuzzyness« indiziert werden kann?

        1. Zweiwertigkeit/Fuzzyness nicht selbst eine Dichotomie? Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Zweiwertigkeit und Dichotomie?

          Das ist eine wichtige Frage, danke sehr! Ich unterscheide ja die ganze Zeit zweiwertige und dichotome Unterscheidungen. Zweiwertige Unterscheidungen operieren (wie alle Unterscheidungen) mit mindestens (!) zwei Werten, es können aber auch mehr Werte sein. Dichotome Unterscheidungen operieren ausschließlich mit zwei Werten, tertium non datur. Das ganze ist selbst wiederum eine zweiwertige Unterscheidung…
          Also nein, ist nicht dasselbe!

          Ich würde ja behaupten, dass man mehr sieht, wenn man beide Seiten der Unterscheidung im Gedächtnis behält

          Ja, tut die Fuzzy-Logik

          und das müsste aus Ihrer Sicht das Ergebnis einer Dichotomisierung sein, oder?

          Nein, kann auch das Ergebnis einer zweiwertigen Unterscheidung sein.

          Theoriebildung, und nicht nur die, bedeutet Beobachten durch unterscheiden und bezeichnen. Dazu benötigt man immer eine zweiwertige Differenz.

          Ja, aber keine dichotome Differenz

          Wie man das auf das Beobachten mit Begriffen übertragen will, ist mir nicht ganz klar, denn man kann ja keine Mittelwerte von Begriffen bilden

          Doch kann man… das ist der Clou der fuzzy-System, die arbeiten mit liguistischen Variablen

          1. Können Sie für das Arbeiten mit linguistischen Variablen ein oder zwei Texte empfehlen, die zeigen, wie das funktioniert?

            „Zweiwertige Unterscheidungen operieren (wie alle Unterscheidungen) mit mindestens (!) zwei Werten, es können aber auch mehr Werte sein.“

            Wenn zweiwertige Unterscheidungen per definitionem mit zwei Werten operieren, wieso können es dann auch mehr sein? Dann sind es doch keine zweiwertigen Unterscheidungen mehr, sondern mehrwertige? Wieso unterscheiden Sie diese dann nicht auch so von den zweiwertigen? Dass mehrwertige Unterscheidungen auch zweiwertig sein sollen, finde ich höchst erläuterungsbedürftig. Ihre Begriffsverwendung ist für mich hier leider nicht nachvollziehbar.

          2. Ich würde mit den üblichen Einführungen in die Fuzzy-Logik beginnen, wenn dort die Fuzzy-Systeme erläutert werden, dann fast immer anhand der Verarbeitung linguistischer Variablen. Wir haben das am Beispiels des Bystander-Dilemmas versucht.

            Ich gehe im Anschluss an die Idee von Wille davon aus, dass sich Formen unterschiedlich strukturieren können. Jede Unterscheidung spannt sich zwischen zwei Werten auf (ist also immer zweiwertig), aber es bestehen unterschiedliche Konkretisierungen einer Form, auch durch „drei- oder mehrgliedrige Unterscheidungsstrukturen“ (Wille 2007: 43). Dichotome Unterscheidungen konkretisieren ausschließlich auf die beiden zwei Werte der Unterscheidung hin, die Fuzzy-Logik auf unendliche Werte zwischen diesen beiden.

            Wille, Katrin (2007): „Gendering Georg Spencer Brown?“ In: Weinbach, Christine (Hg.): Geschlechtliche Ungleichheit in systemtheoretischer Perspektive. Wiesbaden: VS, S: 15-50.

  20. Kommentar zu

    „Es geht darum, dass die Abgrenzung für den Einzelfall möglich ist. “Intersexuelle” sind, so wie der Begriff gemeinhin verstanden wird, kein “Sowohl als auch”, sondern etwas Bestimmbares. Entweder man hat seltene chromosomale/organische Eigenschaften oder nicht. Wenn man sich weigert, das Wissen einzubeziehen, das eine spezifische Gruppenzugehörigkeit (mit bestimmten erklärenden Merkmalen einer anderen genetischen etc. Ebene) die Ursache der Stellung “zwischen” der klassischen Geschlechtereinteilung ist und stattdessen von einer “Mischung” aus Mann und Frau spricht, dann will man weniger Informationen nutzen, als man hat, und begibt sich freiwillig von der wissenschaftlichen auf die mythologische Ebene.“

    Die Weigerung, eine eindeutige Gruppenzugehörigkeit anzuerkennen, ist allerdings gerade das, was den Kern der Fuzzy Set Theorie ausmacht. Die Aufweichung der Grenzen steht im Mittelpunkt dieser Thorie und genau dafür bietet sie eine mathematische Methode an, indem diese Gruppen, die „klassisch“ als übliche — also „scharfe Mengen“ — im Sinne von Georg Cantor modelliert werden, nun als „fuzzy“ — also unscharfe Mengen modelliert werden. Selbstverständlich muss dem niemand zustimmen. Wie jede Theorie ist das ein Angebot, und ich verstehe die Diskussion darüber so, dass man die Sinnhaftigkeit und Nützlichkeit dieses Angebots diskutiert.
    Bei einer wirklich offenen Diskussion steht dann aber doch auch die Sinnhaftigkeit bzw. die Nützlichkeit der klassischen Sicht in Frage.

    Morgedliche Grüße, Rudi

    1. Deswegen habe ich zu Anfang der Diskussion Thomas Kron nach einer konkreten Anwendung gefragt, welche die Nützlichkeit der Fuzzylogik anhand der Ableitung spezifischer und empirisch gehaltvoller Hypothesen demonstriert. Da mir bislang kein einziger entsprechender Literaturhinweis vorliegt, muss ich davon ausgehen, dass es sich um eine Scheindiskussion im Elfenbeinturm handeln, die für Sozialwissenschaftler, welche sich mit der Lösung realer Probleme befassen, nicht von Interesse sein kann.

      1. Um das klarzustellen: Es gibt einige technische Anwendungen der Fuzzylogik (etwa im Maschinenlernen). Deren Bewährung kann ich nicht beurteilen, dazu fehlt mir das Fachwissen.

        Ich schließe mithin nicht aus, dass Fuzzylogik in den Sozialwissenschaften ebenfalls sinnvoll angewandt werden kann. Allerdings haben die von Prof. Kron gegebenen Beispiele a) wenig mit Logik zu tun und b) deshalb bei mir Zweifel geweckt, dass er ein hinreichendes Verständnis der Grundlagen klassischer Logik hat.
        Wenn vornehmlich Soziologen ohne ausgeprägtes Interesse an formaler Modellbildung auf ein solches Konzept anspringen, muss ich immer an die Sokal-Affäre denken und befürchten, dass eilfertige Begeisterung für sonore Begriffe entwickelt wird.

      2. Sie haben nach Literatur gefragt, die klassische und fuzzy-Logik miteinander empirisch vergleicht! Nicht einfach nur nach konkreten Anwendungen! Man hat auch ein wenig Hofschuld, bevor man solche Bewertungen kommuniziert (ist aber nur meine persönliche Meinung)

        Für konkrete (soziologische) empirische Anwendung habe ich Charles Ragin genannt und Sie gestatten, wenn es um Handlungs- und Systemtheorie geht, folgende Hinweise:
        – Fuzzy Systems – Überlegungen zur Vagheit sozialer Systeme. In: Soziale Systeme, 2005, H. 2: 370-394 (mit Lars Winter (http://www.soziologie.rwth-aachen.de/global/show_document.asp?id=aaaaaaaaaabxopv)
        – Integrale Akteurtheorie – zur Modellierung eines Bezugsrahmens für komplexe Akteure. In: Zeitschrift für Soziologie, 2006, H. 3: 170-192. (http://www.soziologie.rwth-aachen.de/global/show_document.asp?id=aaaaaaaaaabxexw)

        Außerdem, wiederholend: Ulrich Beck!

        1. 1.) Ich habe Ihren Artikel in Soziale Systeme gelesen und frage mich, wo die empirisch gehaltvollen Hypothesen stehen. Hypothesen haben bekanntlich die Form „Wenn …, dann“ oder „Je …, desto …“ und sollten sich in irgendeiner Form auf Konstrukte beziehen, die eine Messung erlauben. Ich sehe nichts dergleichen.
          2.) Ich bin von der Anwendung der Fuzzylogik gänzlich unbeeindruckt, da sie nichts zu leisten scheint, welches über grundlegende Mathematik hinausgeht (Längenverhältnisse?).
          3.) Es ist eine Frechheit, das gemalte Dreieck und die paar Terme als „Modell“ zu bezeichnen. Haben Sie die entsprechenden Beiträge zum Modellbegriff im Handbuch Modellbildung und Simulation gelesen, zu dem Sie selbst beigetragen haben?

          PS: Ich habe einmal den Fehler gemacht, etwas von Ulrich Beck zu lesen und den werde ich nicht wiederholen. Der war schon immer ziemlich fuzzy, bevor er wusste, was es bedeutet und hat ganz ungewollt widersprüchliche und tautologische Begriffsdefinitionen gegeben.

          1. Das grundsätzliche Problem Ihres Artikels ist freilich der explizite Verzicht auf jedwede Einbettung in eine Handlungstheorie. Denn natürlich können nur Akteure eine Vorstellung davon haben, was Recht oder Unrecht bedeutet und nur Akteure können die Bewertung vornehmen. Inwiefern Unsicherheit über Einschätzung eines bestimmten Sachverhaltes nicht als Wahrscheinlichkeit modelliert* werden kann, bleibt für mich ebenso unverständlich wie der Nutzen der Fuzzylogik.

            *Dazu benötigt man allerdings zunächst ein wirkliches Modell.

          2. Wenn Sie nicht zur Kenntnis nehmen möchten, worum es in diesem Aufsatz geht, dann können Sie gerne zu solchen Bewertungen kommen. Ich hatte Ihnen vier Literaturen genannt, dieser Aufsatz beschäftigt sich mit der luhmannschen Systemtheorie. Die Erkenntnis, dass dann „jedwede Einbettung in eine Handlungstheorie“ fehle, ist zwar selbst in diesem systemtheoretischen Rahmen nicht ganz richtig, aber da ich weiß, was Sie meinen ist die Antwort: Ja!
            Der zweite Artikel beschäftigt sich dann mit Akteurtheorie. Mit nicht viel Aufwand würden Sie bei Interesse auch in diesem Kontext Artikel finden, die nahelegen, dass man Unsicherheit selbstverständlich mit Wahrscheinlichkeiten modellieren kann, dass man deren Bedeutung gleichsam diskutieren kann (etwa das mit Wahrscheinlichkeiten modellierte p in der Wert-Erwartungstheorie). Bei Ragin, (zum dritten Mal), finden Sie die empirisch „gehaltvollen“ Dinge und zu guter Letzt: Wer Beck von 1986 gelesen hat und sich weigert, alles weitere zur Kenntnis zu nehmen, mit dem kann man dann natürlich schlecht an dieser Stelle weiter diskutieren.

          3. Vielen Dank für die Rückmeldung! Es tut mir leid, wenn Ihnen der Artikel nicht gefällt und Sie dieser gar als Frechheit empfinden.
            Da Sie nur schreiben, was dort nicht geleistet wurde und nichts dazu, was drin steht (so wohlwollend muss man ja auch nicht sein), belasse ich es dabei.

  21. Wenn man sich sowohl an Zadeh (Fuzzy Sets, in: Information and Control 8, 1965) als auch an Hannan/Pólos/Carroll (Logics of Organization Theory: Audiences, Codes and Ecologies, 2007) hält, bekommen fuzzy sets den alles andere als vagen, sondern äußerst scharfen Sinn, die Mitgliedschaft von Elementen in einer Klasse zu diskutieren, über die sich Beobachter (außerhalb oder innerhalb der Klasse, je nach Anwendungsfall) uneinig sind. Sind diese oder jene Betriebsangehörige verlässliche Gewerkschaftsmitglieder oder sind sie es nicht? Arbeitet das Top Management noch für die Firma oder bereits für die Shareholder oder ihre Reputation auf dem Arbeitsmarkt? Gehört Käse auf eine Pizza mit Sardellen oder hat er dort nichts verloren? Fuzzy sets sind Mengen, die einer Uneindeutigkeit Rechnung tragen, die nicht aus der Sache, sondern aus der Einschätzung dieser Sache durch eine Diversität von Beobachtern stammt.

    Insofern ist die Menge aller soziologischen Forschungsgegenstände prinzipiell ein fuzzy set — nicht nur, weil soziologische Forschungsgegenstände Gegenstände sind, die im Gegenstand umstritten sind, sondern auch weil Soziologen darüber streiten, wie es sich diesem Gegenstand zu nähern gilt.

        1. Aber nicht nur divergierender Beobachterperspektiven, was ja schon schwer fällt. Sondern auch mehr Vagheiten einer Beobachterperspektive.

          1. Was ist eine vage Beobachterperspektive? Die Wiedereinführung der Möglichkeit von Divergenz in jede Beobachterperspektive? Das könnte nicht nur die Soziologie (verschiedene „menschliche“ und „institutionelle“ etc. Beobachter), sondern müsste auch die Kognitionswissenschaften interessieren: Konvergenz und Divergenz von Beobachtungen im Medium organischer, neuronaler, psychischer und sozialer Systeme. Wie kann ich wissen, was ich sehe, solange ich noch nicht weiß, wie sich meine Zunge und mein Magen zum Käse auf der Pizza Napoli verhalten wird?

            Noch eine Idee: Vielleicht könnte man Fuzzy Sets zumindest in unserer Diskussion hier als Elemente ihrer selbst bezeichnen. Fuzzy Sets sind Mengen unbestimmt vager Aussagen innerhalb eines Fuzzy Sets von Mengen von Aussagen, die sowohl onto-lingu-logizistisch (Vagheit) als auch soziologisch (bestimmbare Unbestimmtheit) interpretiert werden können.

            Das hat mit Polykontexturalität erst einmal nichts zu tun (siehe auch Eberhard von Goldammer), die man jedoch als eine der Bedingungen der Möglichkeit von Fuzzy Sets verstehen könnte. Fuzzy Sets sind nicht polykontextural, da Fuzzy Sets schlicht aus Aussagen eines bestimmten Typs bestehen. Dieser Typ kann jedoch rekonstruiert werden, wenn man polykontextural auf die Divergenz von Beobachtern reflektiert.

            Oder?

          2. Ich hoffe, Sie sind nicht enttäuscht, wenn ich das nur kurz kommentiere und erst einmal überdenken muss – vor dem zweiten Kaffee sollte ich mich eigentlich sowieso zu nichts äußern…
            Mir geht es nicht um die Aufteilung von Konvergenz und Divergenz auf verschiedene Beobachter, sondern um die eines Beobachters. Ich bin gar nicht sicher, ob das nicht auch mitgemeint gewesen ist, wollte es nur sicherstellen.
            Unseres Erachtens kann man mit den fuzzy sets das, was (wiederum nur unserer Meinung nach) Luhmann mit Polykontexturalität gemeint hat, besser modellieren, weil man diesen Begriff von Polyoptik abgrenzen kann. Mehr haben wir gar nicht vorgehabt, aber dann hat das eine schon mit dem anderen zu tun.

            Besonders Ihre „Idee“ ist sehr anregend, herzlichen Dank! Das muss ich allerdings erst mal sacken lassen.

  22. Liebe Blogger des SOZBLOG:
    In diesem Blog werden einige wissenschaftliche Begriffe sehr diffus verwendet, die anderswo relativ stringent beschrieben sind – Begriffe, die alles andere als diffus oder fuzzy sind.

    Die Fuzzy-Logik ist monokontextural und hat mit dem Begriff der Polykontexturalität nichts zu tun. Man könnte zwar die Fuzzy-Logik in einer polykontexturalen Beschreibung verwenden – aber dann immer nur innerhalb einer Kontextur – also intrakontextural und nicht interkontextural. Interkontexturale Übergänge gibt es in der Fuzzylogik nicht – wie in allen monokontexturalen Standard- und Nicht-Standard-Logiken – das geht auch schon aus dem Namen hervor.

    Schon 1980 hat Rudolf Kaehr in „Neue Tendenzen in der KI-Forschung“[1] die verschiedensten Logikansätze untersucht. Wem diese Arbeit zu formal ist – und das ich nachvollziehen –, dem rate ich einmal die Folie-008 aus „Leibniz reloaded“[2] anzusehen (eine etwas nähere Beschreibung findet sich im Haupttext von „Leibniz …“[3] auf Seite 27).

    Dort (auf der Folie-008) kann man sich anhand einer einfachen Grafik und einigen Tabellen einen – wenn auch einen etwas vereinfachten – Überblick verschaffen, was den Unterschied von mono- und polykontextural ausmacht. Die Abbildungen beziehen sich nur auf drei vermittelte Kontexturen als kleinster – als irreduziblen – Einheit. Eine polykontexturale Logik fängt aber nicht mit drei an, sondern mit vier – dies nur damit keine Missverständnisse aufkommen. Die Polykontexturalitätstheorie ist sehr viel umfänglicher – das kann man aus der Tabelle in der Folie-09 erahnen, in der die Entwicklungsgeschichte dieser Theorie dargestellt wurde.

    Ein kleines Glossar zur PK-Theorie findet sich bei thinkartlab.com, siehe: [4].

    Hier noch einmal URLs:
    [1] http://www.vordenker.de/ggphilosophy/rk_meta.pdf
    [2] http://www.vordenker.de/vgo/anmerkungen_leibniz_b.pdf
    [3] http://www.vordenker.de/vgo/anmerkungen_leibniz_a.pdf
    [4] http://www.thinkartlab.com/pkl/glossary/framed.htm

    Ich hoffe, dass ich mit meinem kleinem Beitrag niemanden zu nahe getreten bin und verbleibe
    mit freundlichen Grüßen
    Eberhard von Goldammer

    1. Vielen Dank für Ihre Hinweise!

      Nur eine kleine Anmerkung:

      Die Fuzzy-Logik ist monokontextural und hat mit dem Begriff der Polykontexturalität nichts zu tun.

      Wie Michael Schmid immer so schön sagt: Begriffe sind nicht gesetzlich geschützt. Insofern darf man die Fuzzy-Logik und Polykontexturalität selbstverständlich aufeinander beziehen. Haben wir gemacht. Man muss damit nicht zufrieden sein, aber dann braucht es schon mehr Argumente dagegen.

      1. Es geht nicht um „geschützte“ Begriffe, sondern um Wissenschaft und damit um eine strenge Begrifflichkeit. Man kann eben nicht so ohne Weiteres vom Besonderen auf das Allgemeine schließen, d.h. eine polykontexturale Theorie ist allgemeiner als eine monokontexturale und damit ist die polykontexturale Logik allgemeiner als die Fuzzy-Logik – das ist das wissenschaftslogische Problem, welches dahinter steckt. Sie können – ohne dass man sie schräg ansieht – auch nicht sagen: „Ich esse lieber Äpfel als Obst, weil mir Äpfel besser schmecken als Obst.“ :-)

        Der Begriff „Polykontexturalität“ ist nicht geschützt – im Gegenteil. Man sollte ihn nur – wie alle wissenschaftlichen Begriffe – korrekt anwenden, sonst braucht man keine Wissenschaft zu betreiben. Der Begriff „Polykontexturalität“ ist von Gotthard Günther Anfang der 70er Jahre – mit einer klaren logischen Bedeutung – in die Wissenschaft eingeführt worden. Er hat nicht den Begriff der „Kategorie“, sondern den der „Kontextur“ gewählt und das aus gutem Grund. Deshalb haben wir schon vor Jahren das erwähnte kleine pkl-Glossar[1] erstellt.
        [1] http://www.thinkartlab.com/pkl/glossary/framed.htm

        1. Lars Winter und ich haben an den Begriff der Polykontexturalität von Luhmann angeschlossen, ob dieser diesen Begriff im Sinne Ihrer Deutung Günters „korrekt“ verwendet (muss er das?), das vermag ich nicht zu beurteilen. Finde ich auch nicht so wirklich wichtig für den Moment, da man ja sagen kann, was man einem Begriff meint, selbst wenn das anders sein sollte als bei Autoren, die den Begriff eingeführt haben.
          Das Glossar gefällt mir, ich werde es gerne nutzen.

  23. Korrektur

    In meiner Jugend spielte Zorro eine wichtige Rolle neben Fuzzy!

    Gibt es eigentlich auch eine Zorro-Logik, vielleicht für ein anderes Paradigma?

    Wenn schon, sollte man die demokratische Logik-Palette auch über Fuzzy und Günther hinaus n-dimensional pluralistisch erweitern!

    Nur so eine Idee!

    1. Welche emotional-ideologische Haltung da nun auch immer dahinter stecken mag… Ich lass das mal so stehen.

  24. Sie beindrucken mich immer wieder mit Ihrer Reaktion, Thomas Kron!

    Nochmals Respekt.

    Jetzt sogar mit einem Begriff aus meiner Werbeveranstaltung „Soziologie des Unbewussten“!

  25. Wikipedia:“Fuzzylogik wird heute in unterschiedlichen Bereichen eingesetzt: Eine wesentliche Anwendung sind Fuzzy-Regler, z. B. in der Automatisierungstechnik, Medizintechnik, Unterhaltungselektronik, Fahrzeugtechnik und anderen Bereichen der Regelungstechnik, in denen Fuzzy-Regler mit konventionellen Reglern konkurrieren. Anwendung findet sie in auch in der künstlichen Intelligenz, in Inferenzsystemen, in der Spracherkennung und anderen Bereichen. Nützen kann die Verwendung von Fuzzylogik, wenn keine mathematische Beschreibung eines Sachverhaltes oder Problems vorliegt, sondern nur eine verbale Beschreibung. „

    Als Struktur orientierter Soziologe und als kritischer ontologischer Realist fallen mir zwei objektive Tatsachen auf!

    1.) Die Blog-Reaktion (Kommentare > 116) demonstriert eine radikale statistische Abweichung von den normalen Blog-Reaktionen der letzten Jahre. Offenbar geht es um ein Thema, das Soziologen und Soziologie-Interessierte im Gegensatz zu den anderen Themen in der aktuellen Universitäts-Landschaft nachhaltig animiert.
    Das faszinierende mathematisch-logische Thema passt scheinbar perfekt zum vagen, komplexitäts-theoretischen Angebot des systemtheoretischen Begriffs-Kartenhauses und seines operativen Konstruktivismus mit seinen interaktionistisch angelegten Beobachtungen von Beobachtungen.
    Der engagierte Versuch, soziologischen Halt im mathematisch-logischen Kalkül zu finden, ist fast körperlich spürbar.
    Es erinnert mich an „Des Kaisers neue Kleider“, dem Vorläufer des Asch-Experiments, in dem die Beobachter die schönsten Kleider, natürlich subjektiv in den schönsten unterschiedlichen Farben und Formen, wahrnehmen, ohne mit zu bekommen, dass der Kaiser nackt ist, ontologisch realistisch betrachtet.
    2.) Es scheint niemand zu bemerken, dass die erfolgreichen ingenieur-wissenschaftlichen Anwendungen auf einer vollkommen anderen wissenschaftstheoretisch-methodologischen und theoretischen Basis entstanden sind als sie die soziologische Systemtheorie bietet.
    In der Medizin-, Fahrzeug- und Automatisierungstechnik funktionieren die Systeme „in echt“ , unabhängig davon ob die jemand wahrnimmt oder nicht oder ob der Beobachter der Wahrnehmung des anderen Beobachters sie anders wahrnimmt. Sie basieren offensichtlich auf einem ontologisch realistischen wissenschaftstheoretischen und methodologischen Konzept mit objektiv überprüfbaren Ergebnissen.
    Die Anwender der Fuzzy-Logik bezogen auf soziale Systeme im Sinne der Systemtheorie versuchen Ikarus, dessen Wachs schneller in der Sonne schmilzt als ihm lieb ist, und das umso schneller, je höher er steigt, vor dem Absturz zu retten. Dabei verwechseln sie den träumenden Ikarus mit einem soliden Flugzeug, das auf der Basis objektiver physikalischer Gesetze konstruiert wurde und nicht auf der Basis konstruktivistischer, rhetorisch aufgeblasener Phantastereien ohne Realität „an sich“ (nach der eigenen konstruktivistischen Konstruktion).Ein solides Flugzeug kann selbstverständlich auch abstürzen. Aber die Differenz zu Ikarus Absturz relativistisch zu konstruieren ist in etwa so intelligent, wie auf der Erde zu erwarten, dass der Apfel nicht auf die Erde fällt, sondern himmelwärts abhebt.

    Ob die Fuzzy-Logik auch interessant sein könnte für eine realistische Soziologie, die sich für die Wirkung von Strukturen auf die VERHALTENSverteilungen interessiert, z.B. auf der Basis des von mir angedeuteten „methodologischen Strukturalismus“, kann ich nicht beurteilen.
    Ich vermute, dass eine realistische Soziologie, die am Verhalten und nicht an den subjektiven Rationalisierungen des Subjekts interessiert ist, die überlässt sie der Psychologie, mit wahrscheinlichkeitstheoretischen Konzepten ausreichend mathematisch-logisch ausgestattet werden kann.

    1. Ich vermute, dass

      Ich empfehle an dieser Stelle: Einlesen zur Fuzzy-Logik über wikipedia hinaus, ein Fuzzy-System mal selbst modellieren und die Anwendungen/Ideen, die es etwa zur Modellierung von Akteuren mittels Fuzzy-Logik vorhanden sind (ohne Eigenwerbung könnte man ja auch mal einen Blick in neuere Literatur der wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbücher zur Entscheidungstheorie werfen), kritisch studieren!

  26. Liebe Mit-Blogger*innen,

    mit dem März verabschiede ich mich als DGS-Blogger und bedanke mich herzlich für die vielen Kommentare, Anregungen, Kritiken, Hinweise!

    Ich habe hier sehr viel gelernt, sowohl Inhaltliches als auch darüber hinaus!

    Ich wünsche allen weitere spannende Diskussionen!

    Keep Calm
    and
    Fuzzy On!

  27. Korrektur!

    Ihr operativ-konstruktivistisch-exegetischer Umgang mit meinem letzten Kommentar hat mich jetzt weniger beeindruckt, Herr Kron!

    Ich weiß allerdings jetzt, was die universitäre Soziologie unter „Eigenwerbung“ versteht und welche fundamentale Bedeutung meine Konzeption der „emotional-ideologischen Komfortzone“ soziologisch hat, natürlich im Sinne des kritischen ontologischen Realismus.

    Trotzdem!

    Ich wünsche Ihnen ein frohes operativ-konstruktivistisches Fuzzy-Soziologisieren!

    1. Ihr operativ-konstruktivistisch-exegetischer Umgang mit meinem letzten Kommentar hat mich jetzt weniger beeindruckt, Herr Kron!

      Das ist nicht schlimm, meine Aufgabe liegt ja nicht im Beeindrucken!

      Ich wünsche Ihnen ein frohes operativ-konstruktivistisches Fuzzy-Soziologisieren!

      Danke sehr! :)

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