Die sogenannte „Akademie für Soziologie“ verpflichtet sich der Gesellschaft gegenüber vor allem darauf, eine bestimmte Leistung zu erbringen: Sie will dem steigenden Bedarf nach „verlässlichen Informationen sowie praktischen Handlungsempfehlungen“ [1] nachkommen. Und sie will das unter „Anwendung kontrollierter wissenschaftlicher Methoden“, basierend auf „klar und präzise formulierten Theorien“ und unter Einsatz von „Replikationen“ erreichen. Doch soll das der Kern der Wissenschaftlichkeit unseres Faches sein? Wirklich? Was macht Forschen zu wissenschaftlichem Forschen? Es sind nicht Daten, nicht Gesetze, nicht Normen, die wissenschaftlichen Fortschritt hervorbringen. Nein, es ist das Argument. Es geht um Argumente und als Soziologinnen wissen wir: Es geht um den sozialen Prozess des Argumentierens. Dies zweifelsohne in der „Wirklichkeitswissenschaft“ Soziologie in Auseinandersetzung mit empirischem Material, doch in Zeiten, in denen die Wissenschaften und in Teilen auch die Soziologie sich, getrieben von einseitiger Nachfrage aus Politik, Verwaltung und medialer Öffentlichkeit, dem Ideal der „evidence-based science“ verschreiben, gerät mitunter aus dem Blick, dass Soziologie sich nicht darin erschöpft, möglichst präzise Datensätze über gesellschaftliche Zustände und Prozesse zu generieren. Wer Gesellschaft (und umfassender noch: Sozialität) mit Weber „ursächlich erklären“ will, muss sie eben zunächst „deutend verstehen“. Die dazu erforderlichen Heuristiken gehen weit über Messung und Theorietest hinaus.
Das im Kontext der Akademie-Gründung propagierte Wissenschaftsmodell erweist sich dagegen als geschichtsvergessen und fällt deutlich hinter Weber, aber vor allem hinter den wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Diskurs der letzten hundert Jahre zurück. Wilhelm Windelband, Wilhelm Dilthey und eben Max Weber haben schon früh deutlich gemacht, dass die mit Sozialität befassten Wissenschaften allein mit einem, wie Windelband es nannte, „nomothetischen“ Wissenschaftsverständnis, wie es in den Naturwissenschaften seiner Zeit große Erfolge feierte, keinen Blumentopf gewinnen können. Inzwischen ist diese Position, angereichert um erkenntnis- und sozialtheoretische Argumente wesentlich weiter entwickelt worden, und es ist längst common sense, dass die Alternative zur nomothetischen oder, wie wir heute sagen würden, hypothetiko-deduktiven Vorgehensweise sich nicht in der kundigen Beschreibung von Einzelfällen erschöpft, sondern in eigenen interpretativen und rekonstruktiven Verfahren besteht, deren konsequente Umsetzung gleichwohl verallgemeinerungsfähige wissenschaftliche Aussagen hervorbringt.
Roger Berger aber schreibt in seinem die Akademie-Gründung vorbereitenden Papier [2], „dass die soziale Welt ein Teil der physischen (chemischen, biologischen, etc.) Welt ist“ und sich daraus „eine methodologische Einheit der Wissenschaften (ergibt)“. Erkenntnistheoretische Grundsätze würden für alle empirischen Wissenschaften gleichermaßen gelten, mithin auch für die Sozialwissenschaften. Dass Menschen aber auch eine symbolische Welt hervorbringen: Macht das denn erkenntnislogisch und wissenschaftstheoretisch keinen Unterschied? Wie kann man Gegenstandsangemessenheit als Gütekriterium vertreten, wenn eine so gravierende Gegenstandsbestimmung unbedacht bleibt?
In den Akademie-Papieren liest es sich so, als sei es die pure Evidenz des empirischen Datums, die Falsifizierung ermöglicht und uns gute von schlechten Theorien unterscheiden lässt. Das aber wäre Positivismus reinsten Wassers, eine Position, die nicht einmal Karl R. Popper unterschrieben hätte, der in Kreisen der kritischen Realisten gerne als Stammvater reklamiert wird. Popper wies schon 1935 in seiner „Logik der Forschung“ auf das Basissatz-Problem hin, das darin bestehe, dass wir keinen unmittelbaren Zugang zur Empirie haben, uns diese vielmehr über Basis- oder Protokollsätze verfügbar machen müssen. Er schrieb dazu: „Logisch betrachtet geht die Prüfung der Theorie auf Basissätze zurück, und diese werden durch Festsetzung anerkannt. Festsetzungen sind es somit, die über das Schicksal der Theorie entscheiden“ (S. 73)[3]. Und er fügt hinzu: „So ist die empirische Basis der objektiven Wissenschaft nichts ‚Absolutes‘; die Wissenschaft baut nicht auf Felsengrund. Es ist eher ein Sumpfland…“ (S. 75) [3]. Tatsächlich lege die Scientific Community fest, welche Sätze über Beobachtungen als gültig anerkannt werden sollen. Also Sozialkonstruktivismus aller Orten, auch schon bei Popper.
Ein (nicht nur) für die Soziologie tauglicher Begriff von Wissenschaft muss nach meinem Verständnis nicht nur die soziale Konstruiertheit jeder wissenschaftlichen Aussage anerkennen, er muss auch plausibilisieren können, wie Wissenschaft zu tatsächlich neuem Wissen kommt. Wie werden eigentlich neue Theorien erzeugt? Popper hat es als Erkenntnislogiker da einfach: Für ihn ist es im Prinzip einerlei, woher die Theorie stammt und wie sie zustande kommt, solange sie nur an der Erfahrung scheitern kann. Und methodologische Spezialprobleme der Soziologie hatte er ohnehin nicht im Focus. Aber die DFG wäre vermutlich not amused, wollten wir Projekte beantragen, die willkürlich ausgedachte soziologische Theoriekonstrukte empirisch testen wollen. Tatsächlich ist Theoriegenese eine genuine Leistung wissenschaftlicher Kreativität, die schon forschungslogisch anders prozessiert als der klassische Theorietest. Mit methodenmonistischen Positionen a là Carl G. Hempel [4] kommen wir da nicht weiter.
Mit Debatten über purifizierte Methoden vermutlich auch nicht. Wenn wir etwas über die Angemessenheit theoretisch-empirisch-methodischer Zugänge zu sozialen Phänomenen lernen wollen, dann bietet sich vielleicht eher an, was Christoph Deutschmann [5] vorschlägt: Fragen wir doch nach Beispielen für gute und erfolgreiche Studien, die das Wissen der Gesellschaft über sich unbestritten gemehrt hat, und fragen rückwirkend, wie diese Studien zustande gekommen sind. Dann ginge es nicht um methodische Reinheitsgebote, sondern um Ergebnisorientierung.
Es würde sich dann auch sehr schnell zeigen, dass es in diesem Sinne „gute“ empirische Forschung in ganz unterschiedlichen Theorie- und Methodentraditionen gibt. Was dabei als „gut“ anzuerkennen ist, lässt sich freilich nicht an messtheoretisch reduziert verstandenen Gütekriterien ablesen, sondern erfordert einen umfassenderen Zugriff. Fragen von Relevanz, Gegenstandsangemessenheit und Originalität der Forschung sind dabei mindestens ebenso bedeutsam wie die nach empirischer Sättigung und theoretischer Durchdringung.
All das spricht letztlich eher für produktiven Austausch innerhalb unseres Faches als für dessen Aufspaltung in ’sortenreine‘ Teil-Cluster, die unseren Gegenstand als Ganzen gar nicht mehr in den Blick nehmen können.
[1] http://akademie-soziologie.de/akademie/gruendungsaufruf/
[2] Berger, R. (2016). Soziologie als theoriegeleitete empirische Sozialforschung: Axiome. Unveröff. Papier, Universität Leipzig.
[3] Popper, K. R. (1994). Logik der Forschung (2., erw. Aufl. ed.). Tübingen.
[4] Hempel, C. G. (1942). The function of general laws in history. The Journal of Philosophy, 39, 35-48.
[5] pers. Kommunikation, Okt. 2017
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