Teilnahme ist nicht gleich Teilhabe

Beobachtungen von der Ad-hoc Gruppe „Citizen Science in der Soziologie: Möglichkeiten und Grenzen“

von Michael Weinhardt und Hannes Wünsche*

Am Freitagvormittag der ersten Kongresswoche wurde das Verhältnis von Citizen Science zur soziologischen Forschungspraxis verhandelt. Citizen Science zeichnen sich durch die aktive Beteiligung von Bürger*Innen am wissenschaftlichen Forschungsprozess aus. Dabei werden bspw. Teilaspekte laufender Forschung (etwa die Codierung von Texten) zur freien Bearbeitung öffentlich zugänglich gemacht und die Ergebnisse gesammelt. Durch die Beteiligung der Bürger*innen soll zum einen das Verständnis für Forschungspraxis und deren Erkenntnisbedingungen gestärkt werden und gleichzeitig die wissenschaftliche Wissensproduktion profitieren, um bspw. schwer zugängliche Datenbestände zu erschließen oder neue Perspektiven zu einzunehmen. Ausgangspunkt der Ad-hoc Gruppe war die Beobachtung, dass in den Sozialwissenschaften, im Gegensatz zu den Naturwissenschaften, Ansätze von Citizen Science bisher kaum verbreitet sind. Ein Ziel der Veranstaltung war es daher, die Gründe der (scheinbar) verhaltenen Aufnahme von Citizen Science in die soziologische Forschungspraxis zu erörtern, etwa ob konzeptionelle, methodologischen oder ethische Gründe dagegensprechen. Das Format entsprach dabei nicht der Struktur herkömmlicher Kongress-Panels, sondern bestand in einer Mischung aus Praxisberichten von insgesamt vier Forschungsprojekten, die mit Citizen Science Elementen arbeiten, sowie einer anschließenden Paneldiskussion zur Reflexion der gegenwärtigen Praxis und zur Erkennung zukünftiger Möglichkeiten. (Das gesamte Programm der Veranstaltung kann hier eingesehen werden: https://tinyurl.com/y9pjckay ). Die Präsentation einer Auswahl von Citizen Science Projekten aus der Soziologie und angrenzenden Fächern sollte dabei zunächst eine vergleichende Perspektive auf die gegenwärtige Praxis ermöglichen, um deren Grenzen und Chancen anschaulich zu machen.

Vier Berichte aus der Forschungspraxis

Isabell Stamm von der TU Berlin stellte das Projekt  „Datenspuren“ – Crowd Science mit didaktischem Anspruch (www.datenkunde.org). Hier wurde Crowd Science explorativ als eine Form digitalen, forschenden Lernens erprobt. Ausgangspunkt war ein forschungspraktisches und methodisches Problem: Es sollten Informationen über Unternehmer*Innen verschiedenen, öffentlich und online verfügbaren Quellen (zum Beispiel Firmenwebseiten, Zeitungsartikel, Registerdaten) recherchiert werden. Die relativ voraussetzungsreiche Aufgabe wurde mittels eines Crowd-Science-Ansatzes mit Studierenden umgesetzt. Dieser Ansatz eignete sich gleichzeitig dazu, für die Besonderheiten digitaler, prozessproduzierter Daten zu sensibilisieren, über ihre Güte und Nutzbarkeit für sozialwissenschaftliche Forschung zu reflektieren, Recherchetechniken zu erlernen und auf diese Weise einen didaktischen Mehrwert für die mitforschenden Studierenden zu generieren. Dabei sollte auf die Passung zu bestehenden Lehrkontexten einerseits und die richtige Balance von Lehr- und Forschungskomponente beim Design der zu erfüllenden Aufgaben andererseits geachtet werden. Technische Hürden ergaben sich bei der Umsetzung der Online-Plattform, da eine fertige Lösung zur Kombination aller erwünschten Elemente – Studierendenverwaltung, Aufgabenzuweisung, Datenspeicherung, Online-Lehre, nicht zur Verfügung stand. Die Motivation zur Teilnahme stellte eine weitere praktische Hürde dar, die zu einer letztendlich zu geringen Zahl an Teilnehmenden führte. Dennoch sollte die Verbindung von Crowd Science und Online-Lehre weitergedacht und –entwickelt werden, etwa durch bessere Integrationsmöglichkeiten in bestehende Lehrformate an Universitäten, aber vielleicht auch an Schulen oder anderen Bildungseinrichtungen. Durch die Zusammenarbeit verschiedener Forschungsgruppen und –Institutionen könnte gleichzeitig der Mehrwert für alle geschaffen werden, bei der die Bildungsinhalte und Forschungsaufgaben modulartig ausgetauscht werden können.

Jan-Peter Voß, ebenfalls vom Institut für Soziologie an der TU Berlin, präsentierte das Projekt „Schmeck! Qualitativ-sensorische ‚Citizen Science‘ zur Praxis und Ästhetik des Essens“ (www.schmeckprojekt.de). Hier wurden ethnomethodologische Methoden mit soziologischer Sinnesforschung im Rahmen einer (pragmatistischen) Methodologie der Wirklichkeitswissenschaft weiter- und zusammengeführt werden. Wie findet sinnliches Erleben beim Essen statt? Und wie kann das eigentlich beobachtet werden? Vorgestellt wurde das Vorgehen zur Entwicklung einer „Gustografie“ als einer Methode zur Beobachtung des ästhetischen Erlebens beim Essen. Als „grounded methods“ wurde die wissenschaftliche Methode abduktiv aus den Ethnomethoden und unter Mitwirkung eines Teams von rund 20 Alltagsexpert*innen aus deren Alltagspraxis heraus entwickelt. Die Teilnehmer*Innen am Schmeck-Experiment wurden gebeten, ihre sinnlichen Empfindungen beim Schmecken schriftlich festzuhalten. Daraus wurden im Anschluss Beobachtungsprotokolle destilliert, die im weiteren Schmeck-Runden zur Festhaltung der Geschmacksempfindungen dienen konnten. Gemäß der Selbsteinschätzung handelt es sich hierbei um einen neuen, radikalen Typus von Citizen Science, bei dem auch die Entwicklung der Methodologie selbst zusammen mit Laienforscher*Innen vorangetrieben wird.

Christoph Richter aus dem Bereich Medienpädagogik / Bildungsinformatik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel stellte das „Onlinelabor für Digitale Kulturelle Bildung“ vor, dass dort unter der Leitung von Heidrun Allert durchgeführt wird (https://digitalekultur.medienpaedagogik.uni-kiel.de). Untersucht wird hier Produktion ästhetischer Artikulationen im Rahmen digitaler Alltagspraktiken und die Nutzung sozialer Medien durch unterschiedliche Altersgruppen als einen kulturellen Bildungsraum.  Dabei ging es auch um methodische Fragen, konkret um die partizipative Entwicklung neuer Interaktionsformate mit Bürger*innen, um Bildungs- und Forschungsprozesse produktiv miteinander verschränken. Dafür wurden „cultural probes“ erstellt, die als Impulse die Teilnehmenden zu einer Reflektion auf die eigenen Praktiken der Wahrnehmung veranlassen sollten. Forschung und Bildung werden auf dieser Ebene aktiv miteinander verbunden. Bei der Umsetzung des Forschungsdesigns ergaben sich praktische Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Mitwirkenden, ein Problem, dass auch in den anderen Projekten auftrat. So nahmen kaum Einzelpersonen teil, die Teilnahme schien als Gruppenkonstellation einfacher zu sein. Die Selbstelektion der Teilnehmenden führte zu der Frage, wie mehr Inklusion möglich ist, bspw. für Gruppen ohne akademischen Hintergrund. Dafür ist auch die Frage entscheidend, wie niedrigschwellig Beteiligungsformen sein können, um nicht abzuschrecken. Interessant war auch der berichtete Umstand, dass projektbeteiligten „Laien“ ja extra als Expert*Innen der eigenen Alltagspraxis gefragt waren, ihr Wissen und ihre Erfahrungen beizutragen, diesen Expert*Innen-Status oft aber direkt an die „professionellen“ Forscher*Innen zurückübertrugen und sich wünschten, die eigenen Erfahrungen erklärt zu bekommen.

Im Projekt SMiLE (https://smile.univie.ac.at), präsentiert von Raphaela Kogler und Ulrike Zartler des Instituts für Soziologie der Universität Wien, ging es schließlich darum, Scheidung mithilfe von Illustrationen partizipativ mit Kindern sowie deren Lehrpersonen und Eltern zu erforschen. Ziel des Projektes war es, mehr über Konzepte elterlicher Trennung sowie entsprechende Kommunikationsprozesse unter Gleichaltrigen herauszufinden. Dafür wurde eigens in Zusammenarbeit mit Kindern eine Methode entwickelt, die für Kindheitsforschung nutzbar gemacht werden kann. „Concept Cartoons“ sind eine ursprünglich didaktische Technik die hier als sozialwissenschaftliches Forschungsstimulanz methodische Verwendung finden sollte. Es wurden themenspezifische Concept Cartoons in Gruppendiskussionen mit insgesamt 60 Kindern im Rahmen von 4 Forschungswerkstätten entwickelt. Anhand dieser Cartoons diskutierten Kinder über ein Thema, ohne einen eigenen Standpunkt offen legen zu müssen – sie übernehmen die Rolle einzelner Cartoon-Figuren, die für verschiedene Standpunkte stehen können. Außerdem wurden Informationsmaterialien gemeinsam mit Lehrpersonen, Eltern und interessierten im Rahmen von Diskussions-Werkstätten entworfen. Ein großes Thema in diesem Projekt war die ethischen Gesichtspunkte der Beteiligung der Kinder im Projekt. So galt es die Identität und Anonymität der beteiligten Kinder zu wahren (Stichwort: Triple Informed Consent), die allerdings ihrerseits häufig gerne gesehen hätten, dass der eigene Forschungsbeitrag auch namentlich gewürdigt wird. Zudem handelte es sich um ein ressourcenintensives Forschungsdesign, das im Spannungsfeld zwischen Kindern, Eltern und Schule viel Zeit, methodisches Know-How und pädagogisches Geschick erforderte. Die Beteiligung von Kindern in Datenanalyse bleibt dabei eine Herausforderung. Gleichzeitig zeigte das Projekt, das Ko-Forschen auch unabhängig von Wissensstand und eigenen biographischen Erfahrungen möglich ist. Mit der entwickelten Methode ist möglich, neben der Erweiterung der Methoden der partizipativen Kindheitsforschung, Kinderrechte stärken, indem Kindern eine Stimme gegeben wird.

Die vorgestellten Projekte erlaubten einen Einblick, wie tiefgehend und umfassend die Einbindung von Laienforscher*innen in die Forschungspraxis gelingen kann. Die Beiträge zeigten dabei eine große Bandbreite an Zugängen, Verwendungsweisen und methodischer Innovationen im Rahmen der gegenwärtigen Praxis von Citizen Science. Dabei war es auffallend zu sehen, wie sehr dabei die Weiterentwicklung bestehender Methoden integrativer Bestandteil der Projekte war, auch und gerade unter Einbeziehung nicht-professionell Forschender. Ein wiederkehrendes Thema war jedoch auch die Frage, wie Freiwillige für eine solche Forschung gewonnen werden können und wie diese danach für Teilnahme auch über einen längeren Zeitraum hinweg motiviert werden können.

 Reflexion begrifflicher Grundlagen und die wissenschaftssoziologische Perspektive

Im Rahmen der Podiumsdiskussion wurde dann ein Perspektivenwechsel vollzogen: von der Ebene der konkreten wissenschaftlichen Praxis zur globalen Fragen der Methodologie, aber auch der gesellschaftlichen Bedeutung von Citizen Science in der Soziologie. Die Moderation übernahm Sophie Mützel (Universität Luzern), im virtuellen Panel saßen Sascha Dickel (Universität Mainz), Martina Franzen (Kulturwissenschaftliches Institut Essen), Maike Weißpflug (Naturkundemuseum Berlin) sowie Hella von Unger (LMU München). In diesem Rahmen konnte kritisch erörtert werden, was Citizen Science für Soziologie, Wissenschaft und Gesellschaft bedeuten bzw. auf welchen Ebenen die Einbindung von bürgerwissenschaftlichen Elementen in den soziologischen Forschungsprozess am meisten Erfolg verspricht.

Martina Franzen verließ direkt die „Frosch“-Perspektive der praktischen Ebene, um nun aus der Vogelperspektive mit einem wissenschaftssoziologischen Blick auf das Verhältnis von Wissenschaft, Gesellschaft und Öffentlichkeit zu schauen. Gemäß den Proponenten von Citizen Science bietet diese Chancen der Öffentlichkeit die Praxis der Wissenschaft näher zu bringen und für mehr Glaubwürdigkeit und Verständnis zu sorgen. Die Öffentlichkeit kann dadurch ein besseres Verständnis dafür erlangen, wie Wissenschaft funktioniert und mehr Wertschätzung unter wissenschaftlichen „Laien“ gegenüber der wissenschaftlichen Praxis generieren. Im Anschluss daran, sieht Sascha Dickel Citizen Science direkt zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik, somit im Feld der Soziologie, lokalisiert. Diese Lage macht Citizen Science zu einem interessanten Forschungsgegenstand, um auf das Verhältnis dieser gesellschaftlichen Teilbereiche untereinander zu reflektieren.

Freiwillige oder Citizens?

Jenseits dieser Makro-Perspektive stieß die Diskussion jedoch immer wieder auch auf begriffliche und definitorische Fragen (etwas, das ganz regelmäßig in Veranstaltungen zu Citizen Science passiert, wie Sascha Dickel feststellte). So kann Citizen Science zwar ganz grob als Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Nicht-Wissenschaftlern zum Zweck der wissenschaftlichen Erkenntnisproduktion beschrieben werden, der Teufel steckt jedoch auf vielerlei Weise im Detail. Der Teilbegriff „Citizen“ bzw. Bürger*Innen ist bereits höchst voraussetzungsvoll und mit einer ganzen Reihe von Erwartungen normativ aufgeladen. Diese Normativität des Begriffs liegt dabei durchaus im Sinne der Erfinder*innen, wie Martina Franzen erklärte, indem Sie auf die drei ursprünglichen Ziele und Versprechen der frühen Citizen Science verwies. Dazu gehören der Anspruch, der allgemeinen Öffentlichkeit die Praxis der Wissenschaft vermitteln und durch diese Einblicke in die Praxis eine neue Nähe zwischen Wissenschaft und außerwissenschaftlichen Bereichen herzustellen. Diese „Demokratisierung der Wissenschaften“ umfasst auch die Zunahme von „scientific literacy“ unter den Laien der Forschung. Diese frühen Hoffnungen mögen eine allzu idealistische Hoffnung sein. Gleichzeitig ist aber auch klar, dass in Zeiten „alternativer Fakten“ und der weiten Verbreitung von Verschwörungstheorien dem Verständnis der Grundlagen von Wissenschaft eine politische Bedeutung zuwächst. Jan-Peter Voss ergänzte, dass der Begriff noch auf andere Weise politisch verstanden werden kann. Insofern Politik und Gesellschaft auch durch kollektive, geteilte Realitätsdeutungen konstituiert werden, können Bürger*Innen auch als „Wissens“-Bürger*Innen verstanden werden. Hier wird die Rolle der Teilhabe an kollektive Wissensordnungen für das Leben aller Beteiligten direkt relevant. Martina Franzen verwies weiterhin darauf, dass aufgrund dieser normativen Aufladung der Citizen-Begriff auch nicht unumstritten ist, selbst innerhalb der Citizen Science-Community. Während es begriffliche Alternativen denkbar sind (bspw. Freiwillige, Ehrenamtliche oder Mitforschende), sind Citizen Science eben nicht nur eine neutrale, geteilte Praxis von Forschenden oder Bürger*Innen, sondern gleichzeitig auch politisch gewollt und wissenschaftspolitisch gefördert. Gleichzeitig führt diese politische Komponente auch zu Fragen der Inklusion – welche Bevölkerungsgruppen letztendlich tatsächlich beitragen und welche ausgeschlossen bleiben.

Damit rückte eine weitere zentrale begriffliche Baustelle des Citizen Science Begriffs in den Fokus: Der Begriff der Partizipation und die Frage, inwieweit eine solche in der gängigen Citizen Science Praxis gegeben ist bzw. sein kann. Einigkeit bestand bei allen Diskussionsteilnehmer*innen darin, dass ein Mindestmaß an Einbeziehung gegeben sein muss, das über die Beantwortung von Fragen in standardisierten Fragebögen hinausgeht. Hella von Unger verwies darauf, dass Beteiligungsformen ganz unterschiedlich ausfallen, und dass bloße Teilnahme an wissenschaftlichen Praktiken noch nicht Teilhabe an solcher bedeutet, im Sinne eines Aushandelns der wissenschaftlichen Vorgehensweise auf Augenhöhe mit Praxispartnern und Ko-Forschenden. Sie berichtete aus ihrer eigenen Forschungspraxis mit benachteiligten Gruppen im Bereich der Gesundheitsforschung. Im ersten Schritt wird hier zunächst der Kontakt zu solchen Gruppen aufgenommen, deren Benachteiligung es im partizipativen Forschungsprozess zu erforschen und auch zu verändern gilt.  Am Anfang des Prozesses steht damit keine vorformulierte Forschungsfrage, sondern die Ermittlung der lebensweltlichen Bedarfe der „Zielgruppe“. Dadurch werden diese zu Ko-Forschenden und aktiv in die gesamte Planung des Forschungsprozesses einbezogen. Ein solches Vorgehen erfordert jedoch ein hohes Maß an Flexibilität und Offenheit. Aufgrund dieser prinzipiellen Offenheit kann es aber gleichzeitig schwierig sein, den Bedürfnissen wissenschaftlicher Methodenlogik zu entsprechen. Im Gegensatz zu solchen partizipativen Ansätzen der Forschung verbleibt das „epistemologische Primat, wie es Sascha Dickel formulierte,“ in der Citizen Science bei den beteiligten Wissenschaftler*innen. Die Partizipation wird hier nicht auf die letztendlich zugrundliegende wissenschaftliche Vorgehensweise, wie etwa das Design der Studie, ausgedehnt. Damit ist auch die Trennungslinie zwischen Citizen Science und „echter“ partizipativer Sozialforschung in ihren unterschiedlichen Ausprägungen markiert. Es lässt sich auf diese Weise immerhin bestimmen, was Citizen Science nicht ist.

Citizen Science: Ein unabgeschlossener Begriff

Trotz dieser begrifflichen Auftrennung sprach sich Maike Weißpflug gegen einen zu engen definitorischen Begriff von Citizen Science aus, der innovative Formen in der Kooperation zwischen Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft ausschließen würde. Sie betonte, dass Citizen Science eine breite Praxis ist und plädierte für eine „Praxis des Ausprobierens“. Auch scheinbar „simples“ Datensammeln durch Freiwillige findet immer in komplexen, sozialen Umwelten statt und kann in unterschiedlichen Kontexten ganz unterschiedliche Bedeutungen annehmen und Herausforderungen generieren (und sogar hochpolitisch sein, wenn es sich bspw. um sensitive Daten handelt). Die gegenwärtigen globalen Herausforderungen erfordern eine offene wissenschaftliche Praxis jenseits von interdisziplinären Grenzen, auch und gerade unter Einbeziehung außerwissenschaftlicher Perspektiven. Sascha Dickel merkte an, „Citizen Science“ nicht als analytischen Begriff etwa im Rahmen einer wissenschaftssoziologischen Untersuchung zu verwenden, sondern immer mitzudenken, dass es sich bei diesem Begriff um eine Selbstbeschreibung aktiv Forschender handelt, die damit gleichzeitig forschungspragmatische und – politische Ziele verfolgen. Jan Peter Voß pflichtete dem bei. Citizen Science ist für ihn ein „Umbrella-Term“, der in der wissenschaftspolitischen Landschaft eine eigene Dynamik entwickelt hat und wissenschaftspolitische Steuerungswirkung entfaltet, aber gleichzeitig inhaltlich unbestimmt, zumindest unterdeteminiert bleibt. Diese Unschärfe ermöglicht den Forschenden jedoch gleichzeitig, den Begriff nach eigenen Ideen auszugestalten, mit Leben zu füllen und unterhalb dieses Schirms innovative Forschungsdesigns zu realisieren.

Potenziale einer Integration von Citizen Science in die soziologische Forschungspraxis

Im Abschluss der Diskussion bestand Einigkeit darin, dass Citizen Science wichtige Potentiale birgt: zum einen aus einer allgemeinen Perspektive, in dem Sinn, dass das öffentliche Verständnis für Wissenschaft gestärkt werden kann (Wie funktioniert Wissenschaft? Welche Ansprüche an Wahrheit kann man haben?). Zum anderen aus der Perspektive der Wissenschaftler*Innen, die neues Wissen generieren möchten. Ein weiteres Potenzial von Citizen Science liegt in der Irritation bestehender wissenschaftlicher Praktiken und der damit verbundenen Chance, überhaupt erst auf überraschende, neue Einsichten zu stoßen. Martina Franzen verwies in diesem Zusammenhang auf den Wissenschaftsphilosophen Peter Finke, der eben aufgrund der bürokratischen Trockenlegung akademischer Phantasie die Hinzuziehung von Laienforschern als erkenntnisfördernd ansieht. Maike Weißpflug verwies ebenfalls auf die epistemische Aufwertung des Wissens der Beteiligten außerhalb des professionellen Wissenschaftsbetriebs. Hier wird viel Kreativität freigesetzt, wodurch die Erhebung empirischen Materials und die Theoriebildung gefördert werden kann.  Sascha Dickel beschrieb schließlich, wie dieses Potential zur Innovation auch seiner eigenen Forschungserfahrung entspricht: Durch die Zusammenarbeit mit Nicht-Wissenschaftlern passieren unerwartete Dinge, die letztlich aber zu neuen Erkenntnissen führen. So entsteht durch die Verwendung von Citizen Science Ansätzen in der Regel entweder mehr empirisches Material (durch die Beiträge Freiwilliger) oder andersartiges Material und neue Denkanstöße und im Idealfall alles zusammen. Hella von Unger betonte noch einmal, dass trotz aller methodischer und begrifflicher Offenheit die eigene methodologische Verortung gründlich sein muss, um an die bestehenden Methodendiskurse kompetent anschließen zu können. Dafür müssen die begrifflichen Trennungen klar sein, wie etwa die zwischen Citizen Science und partizipativer Sozialforschung. Damit war schließlich die Frage berührt, wie die Wissenschaftlichkeit des Forschens bei aller Offenheit und Mitgestaltungspotentialen verbürgt und sichergestellt werden kann. Gleichzeitig war aber auch die das zeitliche Ende des Panels erreicht. Die Frage der methodischen Kontrolle bzw. Kontrolliertheit von Citizen Science bleibt damit der weiteren Diskussion vorbehalten.

Wir danken Marie Gutzeit für ihre wertvollen Beobachtungen währen der Session, die uns bei der Erstellung dieses Blogs sehr geholfen haben.

* Hannes Wünsche ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft und am Fraunhofer-Institut FOKUS. Als Teil der Forschungsgruppe „Digitalisierung der Wissenschaft“ untersucht er die Rolle digitaler Technologien in der Öffnung der Wissenschaft, insbesondere Politiken digitaler Partizipation in Citizen Science.

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