Künftige Energie: Notizen zur Weltausstellung in Mittelasien

Energie ist entscheidend für Wohlstand auf einem endlichen Planeten. Wie dieser aussehen wird, hängt von einer Reihe wichtiger Fragen ab. Welche Arten von Energie stehen globalen Bedürfnissen zur Verfügung? Inwieweit können diese sicher genutzt werden? Wie können dabei Klimawandel und Umweltzerstörung vermieden oder gemindert werden? Wie werden Nutzen und Risiken verteilt? Angesichts solch dringender Fragen war es zeitgemäß, dass die jüngste Weltausstellung, die von Juni bis September 2017 in der kasachstanischen Hauptstadt Astana stattfand, dem Thema künftiger Energie gewidmet war. Die folgenden Notizen beziehen sich auf einen Besuch dieser Expo.

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Verschwunden, nicht gestorben. Warum sich die Raumsoziologie (trotzdem) wieder mit dem Dorf beschäftigen sollte

Mediale Evidenz: Verlorenes Land und sterbendes Dorf

Sie ist zurück, die tradierte kulturelle Dichotomie von Stadt und Land, genauer: von Land als Gegensatz zu Stadt – und vielleicht war sie nie verschwunden. In regelmäßiger Folge werden medial starke, meist negative Bilder von ländlichen Regionen gezeichnet, die sich vor allem auf deren prominenteste Siedlungsform beziehen: Vom „Siechtum deutscher Dörfer“ (Die Welt, 22.7.2014), dem Aussterben „ganzer Landstriche“ (SWR, 9.2.2016), so mancher Gemeinde, die „keine Zukunft“ habe (Die Zeit, 18.7.2013), einem „Tod auf Raten“ (Spiegel online, 23.4.2011) und dem „ersten deutschen Dorf“, das „dicht“ mache (Bild, 7.11.2007), ist da beispielsweise die Rede. Manche dieser Artikel scheinen erst in der jüngsten Vergangenheit – also nach über zwei Jahrzehnten Schrumpfung Ost – das Phänomen der (altersselektiven) Abwanderung zu entdecken, welche „die ländlichen Regionen stark verändern werde“, wie es ein Beitrag ganz zukunftssicher formuliert (Die Welt, 22.7.2014).

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Armut auf dem Lande. Ein Thema für Forschung und Politik auch in Deutschland?

Das Thema Armut in ländlichen Räumen ist in Deutschland weder in der sich seit den 1980er Jahren entwickelnden Armutsforschung sonderlich prominent, noch hat sich die Landsoziologie in der letzten Zeit näher mit dem Thema befasst. Auch im politischen Raum wird dem Thema hier wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Ich bin aber der Überzeugung, dass es gute Gründe dafür gibt, sich auch in Deutschland wieder intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Darlegen möchte ich das auf Grundlage einer Pilotstudie zu Auswirkungen von Armut in Rostock und in ländlichen Räumen Mecklenburg-Vorpommerns, in der ein Augenmerk auf der Bedeutung ehrenamtlichen Engagements für die Bewältigung der Folgen von Armut gelegt wurde. „Armut auf dem Lande. Ein Thema für Forschung und Politik auch in Deutschland?“ weiterlesen

Rurbanität am Beispiel des urbanen Gartenbaus in Bamberg

Zur Diskussion um Rurbanität

Vor 15 Jahren wies Jean-Didier Urbain darauf hin, dass dem Prozess der Urbanisierung im globalen Norden ein zweiter, entgegenlaufender Prozess zur Seite zu stellen sei (vgl. Urbain 2002). Dieser Prozess verweist auf die Ausbreitung ruraler Lebensweisen und Lebensstile in Städte und bringt dort neue Verhältnisse der Mischung aus Städtischem und Ländlichem hervor. Urbain spricht hier von der Ruralisierung des Urbanen und das Resultat dieses Prozesses mag man als Zustand der Rurbanität bezeichnen.

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Nische und Mainstream

Es gibt Menschen in unserer Gesellschaft, für die Ernährung und Landwirtschaft ein wichtiges Thema ist. Das geht nicht nur so weit, dass diese es bereits als eine politische Handlung auffassen, sich anders zu ernähren wie zum Beispiel vegan oder rohköstlich. Auch wird dem gesamten globalen Ernährungssystem (auch Agri-food-System genannt) diagnostiziert, sich in einer Krise zu befinden. Auf der anderen Seite gibt es ebenfalls Menschen in unserer Gesellschaft – unter ihnen auch Soziolog/innen -, die von dieser globalen Krise noch nie etwas gehört haben. Weder nehmen sie die Fast-Foodisierung als Krise wahr, noch die Demonstrationen unter dem Slogan „Wir haben es satt“, die jährlich im Januar aus Anlass der Grünen Woche in Berlin mit jeweils mehreren 10.000 Teilnehmer/innen stattfinden. Die Leute selbst, sind also unterschiedlicher Meinung darüber, was soziale Wirklichkeit ist und was nicht und wie sie zu bewerten sei.

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Globale Ernährungsregime

Soweit man zurückdenken kann, wurden Lebensmittel und andere agrarische Rohstoffe (z.B. Baumwolle, Kautschuk) interregional und international gehandelt. Bereits mit dem Kolonialismus ist das Ernährungssystem globalisiert. Die berühmten Kolonialwaren wie Kaffee, Tee, Kakao oder Zucker werden heute nicht nur als selbstverständliche Bestandteile globaler Ernährungskulturen wahrgenommen, sondern ihr Konsum wird sogar als charakteristisch für die sich im 19. Jahrhundert entwickelnden nationalen Identitäten und Traditionen empfunden. Engländer wie (Ost-)Friesen trinken am liebsten Tee. Letztere grenzen sich damit als Minderheit von den Kaffee trinkenden Deutschen ab. Schokolade kommt, wie jedermann weiß, aus der Schweiz und Brüssel ist berühmt für seine Pralinen.

Trotz dieser Tatsachen hat sich die Land-, Agrar- und Ernährungssoziologie, wie viele andere Teildisziplinen der Soziologie auch, lange Zeit auffallend wenig mit den internationalen politischen Ordnungen befasst, die den globalen Agrarhandel prägen und strukturieren. Sie war, wenn man so will, eher eine Soziologie der „inneren Kolonisation“, die ihr Augenmerk auf die Einbeziehung der Landwirtschaft („Agrarfrage“) und der ländlichen Räume in den von den Städten ausgehenden Modernisierungsprozess, oder, um es mit Marx zu sagen, den Prozess der Kapitalakkumulation, innerhalb von Nationalstaaten richtet.

Wie in anderen Teilsoziologien auch findet die internationale Ordnung des Agrarhandels erst mit der Krise der Nachkriegsagrarpolitiken in den USA und Europa größere Aufmerksamkeit. Die im Rahmen der GATT/WTO Verhandlungen der 1980er und 1990er Jahre vereinbarte Liberalisierung der Agrarmärkte markiert hierbei einen Wendepunkt. Im Vorfeld dieser Verhandlungen waren es insbesondere die negativen Folgen der Agrarpolitik der USA und der Gemeinsamen Agrarpolitik der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft auf Drittstaaten, die als Begründung für eine Liberaliserungspolitik dienten. Diese zielte auf den Abbau von sogenannten tarifären Handelshemmnissen (Einfuhrzöllen, Exportsubventionen, usw.), mit denen die westlichen Industrienationen ihre Landwirtschaft schütz(t)en und zugleich auch die Märkte für die landwirtschaftlichen Produzenten anderer Nationen ruinierten. Mit dem Abbau der Handelshemmnisse wurde ein neues Zeitalter des globalen Agrarhandels eingeleitet, in dem die Landwirtschaft in den Nationalstaaten in bisher nicht bekannter Weise dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt wurde.

Im Kontext dieser Debatte haben Harriet Friedman und Philip McMichael in einem wegweisenden Beitrag den Begriff des Ernährungsregimes geprägt („Food Regime“) (Friedmann und McMichael, 1989). „Globale Ernährungsregime“ weiterlesen

Integrative Perspektiven der Land-, Agrar- und Ernährungssoziologie

Jana Rückert-John und Lutz Laschewski

Ernährung ist das bislang jüngste soziologische Thema, welches in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Form einer eigenen Sektion institutionalisiert wurde. Erstaunlich ist dieser Umstand, weil Ernährung in der soziologischen Forschung eine lange Tradition hat. Jedoch sprachen wohl ihre Alltäglichkeit und die vielfältigen Verknüpfungen der Ernährung zu schon etablierten Themen gegen die gesonderte Widmung einer Sektion. Die seit einigen Jahren rasant ansteigende Aufmerksamkeit für das Thema in der Gesellschaft hat diese Annahme aufgelöst: Ernährung ist weder banal noch eine bloße Kulisse zur Illustration anderer Strukturmerkmale der Gesellschaft. „Integrative Perspektiven der Land-, Agrar- und Ernährungssoziologie“ weiterlesen

Wer erbringt hier die Leistung? Oder: Darf ein/e Autor/in von Qualifikationsarbeiten die Ergebnisse von gemeinsamen Daten-Interpretationen nutzen?

Daten in einer ‚Interpretationsgruppe’ gemeinsam auszulegen, das ist in Deutschland eine mittlerweile weit verbreitete Praktik innerhalb der qualitativen bzw. interpretativen Sozialforschung. Das Ziel dieser Interpretationsgruppen ist es, belastbares Wissen über das Handeln und die alltäglichen Praktiken von Menschen, über deren Werte, Normen und Kultur, über deren Typisierungen und den Prozess des Typisierens, kurz: über deren kommunikative Konstruktion der sozialen Welt zu generieren. Insofern sind Interpretationsgruppen spezifische Medien/Mittel der kommunikativen Generierung sozialwissenschaftlichen Wissens über die soziale Welt, also der kommunikativen Konstruktion von Wirklichkeit.

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Trojanische Soziologie – ‚sich der Öffentlichkeit unterjubeln‘

Eigentlich hätten wir der Welt so viel zu sagen, doch die Soziologie ‚fremdelt‘ in der Öffentlichkeit. Als Ursache für das Problem wurde die Lücke zwischen professioneller Forschung und öffentlicher Kommunikation ausgemacht – unter dem Schlagwort ‚Public Sociology‘ wird an der Rückeroberung des Publikums gearbeitet. Dabei scheint man sich heutzutage vom Begriff der Intellektuellen eher abzugrenzen – das klingt wohl zu bevormundend, größenwahnsinnig oder einfach nur altbacken. Nichtsdestotrotz: Intellektuelle des letzten Jahrhunderts stehen für eine Hochphase der öffentlichen Soziologie. Sie erfüllten den Anspruch, sozialwissenschaftliche Analyse und Kritik zu artikulieren und damit selbst Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen zu nehmen. Im Unterschied zu damals, so unsere These, muss man die Soziologie heute der Öffentlichkeit ‚unterjubeln‘ – als trojanisches Pferd.

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‚Make sociology great again‘? Vom Fremdeln mit dem SozBlog

Der Ruf nach einer öffentlichen Soziologie ist sicherlich nichts Neues, gewinnt aber angesichts der Debatten um die ‚Krise Europas‘ und den ‚Populismus‘ wieder an Relevanz. Die meisten SoziologInnen stehen dem ‚Projekt‘ öffentliche Soziologie wohlwollend gegenüber, zielt es doch auf eine Aufwertung der Disziplin in Sachen Sichtbarkeit und ‚social impact‘. Womöglich versprechen wir uns davon sogar den vergangenen Status einer Leitwissenschaft wiederzuerringen, frei nach dem Motto: Public Sociology – ‚make sociology great again‘. Geht es jedoch um eine konkrete Beteiligung am öffentlichen Soziologisieren, wird es meistens recht still. Wieso das? Prinzipielle Zustimmung aber praktische Vernachlässigung? Eine schöne Gelegenheit, mit diesem scheinbaren Widerspruch eine soziologische Argumentation zu motivieren. Wir ergreifen sie anhand des SozBlog, den die Frage nach öffentlicher Soziologie schon vor einigen Jahren umgetrieben hat:

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Werteunterricht ohne Gesellschaftsanalyse?! – Mehr Soziologie wagen.

Die marginale Rolle der Soziologie in den wertekundlichen Fächern entspricht nicht dem Potenzial dieser Disziplin!

In Ergänzung zu den vorangegangenen Beiträgen zur soziologischen Perspektive in den sozialkundlichen und bildungswissenschaftlichen Fächern möchte ich an dieser Stelle gerne anregen, dass sich die Soziologie stärker in wertekundlichen Unterrichtsfächern einbringt. Wertekundliche Fächer sind die je nach Bundesland unterschiedlich benannten Fächer Praktische Philosophie, Ethik, Werte & Normen sowie Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde (LER).

Im wertekundlichen Unterricht geht es – ähnlich dem Sozialkundeunterricht – im Kern um die Frage: Was hält eine moderne, demokratische Gesellschaft zusammen, was treibt sie auseinander und wie stehe ich eigentlich dazu? Im Unterschied zu den sozialkundlichen Fächern wird die Frage jedoch nicht mit Blick auf das ökonomische oder politische System beantwortet, sondern mit Bezug auf Werte, Kulturen und Religionen.  „Werteunterricht ohne Gesellschaftsanalyse?! – Mehr Soziologie wagen.“ weiterlesen

Fack ju, Sohziologie!? Eine Bemerkung zum Verhältnis von Schule und Soziologie

Die Ökonomisierung des Sozialen ist eine vielfach konstatierte und diskutierte, hier und da auch heftig beklagte Tatsache: Wirtschaftliche Paradigmen, Leitcodes, Werte durchdringen die anderen gesellschaftlichen Teilsysteme oder Bereiche und zwingen sie unter die Knute von Profit und Effizienz. Seit etlichen Jahren gibt es entsprechende Veränderungen der schulischen Lehrpläne, der Schulbuchinhalte und der Lehramtsausbildungen. Weil die Kinder und Jugendlichen keine ausreichenden Wirtschaftskenntnisse hätten, so heißt es, brauche es mehr ökonomische Bildung – die, das zeigt die Empirie (und das monierte auch Reinhold Hedtke jüngst in diesem Blog), ohne soziologische Fundierung, gar ohne jegliche soziologische Beteiligung und Expertise in die Schulbücher, Curricula und Kompetenzrahmen eingezogen ist.

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Soziologie im Lehramtsstudium: vom Nutzen einer Bildungswissenschaft

Der Begriff nimmt es schon vorweg: Soziologie im Lehramtsstudium muss sich mit Bildung auseinandersetzen und zwar nicht in dem Sinn, dass alles soziologische Wissen Bildung sei und damit immer irgendwie mit Schule zusammenhänge. Vielmehr muss im Zentrum der Soziologie für Lehramtsstudierende das Feld des Berufes der Lehrerin, des Lehrers stehen – also: die Schule.

Damit ist ausdrücklich jene Soziologieausbildung adressiert, die alle Lehramtsstudierenden absolvieren müssen. Seit den KMK-Bildungsstandards ist die Soziologie wieder als Bildungswissenschaft anerkannt und wurde mittlerweile in den meisten Bundesländern auch (zum Teil wieder) als Pflichtfach im Lehramtsstudium etabliert. Das Lehramtsstudium unterscheidet sich in einem zentralen Punkt von den „normalen“ Bachelorstudiengängen. Die Studierenden entscheiden sich vor Studienbeginn nicht für ein Fach, sondern für ein Berufsziel. Daher hat das Lehramtsstudium auch mehr gemein mit ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen oder auch der Medizin als mit den gängigen akademischen Disziplinstudiengängen.

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Ökonomische Aufklärung durch soziologische Bildung

Wer von Gesellschaft nichts versteht, der bleibt ein ökonomischer Analphabet oder kommt doch über ökonomische Halbbildung nicht hinaus. Wer keine soziologischen Zugänge zu Wirtschaft kennt, dem fehlt wesentliches Wissen über Wirtschaft und sein Verstehen wirtschaftlicher Phänomene bleibt unterkomplex. Wer die Schule verlässt, ohne einige basale soziologische Denkweisen gelernt zu haben, dessen Orientierungskompetenz in Sachen Geld, Arbeit/Beruf und Konsum, Markt, Unternehmen und Wirtschaftspolitik bleibt bescheiden. Desorientiert bleibt auch, wer die Wirtschaftswelt betritt und glaubt, in Deutschland gäbe es keinen Kapitalismus, weil Ludwig Erhard ihn mit der sozialen Marktwirtschaft abgeschafft habe.

Soziologisch informierte ökonomische Bildung tut also not!

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The women’s march is (and isn’t) feminist

Neulich war ich eingeladen, mit Ihnen einige Gedanken über der Stand der US-Politik aus soziologisch-feministischen Sicht mitzuteilen. I’ve decided that I am less likely to mislead if I pick my words carefully in English rather than venture off in my sometimes miserable German. Aber es wird mich sehr freuen, wenn Sie etwas dazu zu schreiben möchten, entweder auf deutsch oder englisch, wie auch Sie wollen.
Also, los!

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