The Presentation of Self in Digital Life

von Michael Wetzels

Es scheint sich wieder einmal, wenn auf die Ereignisse diesen Jahres geblickt wird, die Aktualität von Erving Goffmans berühmter Frage „What is it that‘s going on here?“[i] zu bestätigen. Allerdings hätte auch er nicht die beinahe schwindelerregende Dynamik vorausgesehen, welche eine ‚Gesellschaft unter Spannung‘ auszeichnet. Denn nicht nur die „Weltgesellschaft“[ii], sondern auch die DGS steht auf diesem digitalen Kongress unter ‚Spannung‘. Die Corona-Pandemie deckt wie keine andere „Singularität“[iii] der letzten Jahre die Brüchigkeit und Routinen auf, welche sich in das universitäre Leben eingebrannt haben. Ein digitaler Kongress mag zunächst wie ein Segen klingen. Statt Kaffee vom Buffet nun Genuss aus der hauseigenen Kanne, kein frühes Aufstehen und Rennen zum nächsten Seminarraum, alles digital, alles entspannt. Wirklich? Weit gefehlt. Denn in Routinen sind auch die Formen eingelassen, welche wir als Soziolog*innen nur zu gut kennen, nämlich wissenschaftliche Inszenierungen des Selbst. War vorher noch der Auftritt vor und in einem lokalen Livepublikum Teil solcher Inszenierungsstrategien, wechselt diese Form nun auch vom Analogen ins Digitale.

Für mich als Ethnographen ist dieser Umstand höchstinteressant. Denn was macht nun solch eine räumliche „Not-Ordnung“[iv] mit der Inszenierung von Sozialwissenschaftler*innen? Interessant war dabei ein Satz der DGS-Vorsitzenden, Birgit Blättel-Mink, den Vortragenden Toleranz und Aufmerksamkeit in den Videoformaten zu schenken. Ein Satz, der so auf analogen Verfahren nicht in dieser Direktheit fallen würde und die Brüchigkeit von Inszenierungsstrategien hervorhebt. Wie wurde „live“[v] nun aber aufgetreten? Und wie wird dieses „presenting“[vi] auf dem Kongress organisiert? Um diesen Fragen nachzugehen, bin ich in dieser Woche auf Basis einer „virtual ethnography“[vii] in die digitalen Leben auf dem Kongress eingetaucht. Mein Bericht basiert dabei auf Kurznotizen[viii], Bildern und Beiträgen einiger sozialwissenschaftlicher Kolleg*innen, welche unter dem Hashtag (#) #DGSoz2020 auf der Social-Media-Plattform Twitter zu finden waren.

(1) Welcher Hintergrund darf’s heute sein? –  Räumliches „Presenting“ als refiguratives Spannungsfeld

Ob von zu Hause, aus dem Büro oder dem Café – die Digitalisierung des Kongresses durch Videokonferenzprogramme (hier das Programm Zoom) schuf neue Möglichkeitsräume der Inszenierung für die Teilnehmenden (Organisierende, Vortragende und Zuhörende), wobei dies einerseits Flexibilität wie auch Spannung bedeuten konnte. Flexibilität war dabei vor allem auf Seiten der Zuhörenden festzustellen. Die Möglichkeit zu entscheiden, ob mit oder ohne Livevideo teilgenommen werden kann, erleichterte die Inszenierungsqualität im digitalen Raum enorm, da neben einem Livevideobild entweder ein schwarzes Bild mit selbst gewähltem Namen oder ein Selbstportrait gezeigt werden konnte (Abb. 1).

Abb. 1: Bewegte Kacheln, schwarze Bildschirme und Selbstportraits

Dem Vortrag konnte so gelauscht werden, während der Kaffee in der Küche getrunken wurde, die Wohnung geputzt oder nach der Wäsche auf dem Balkon geschaut werden konnte, und das alles ohne die Vortragenden in ihrer Konzentration zu stören. Perfekte Situation also? Nicht ganz. Denn strukturelle Gepflogenheiten wissenschaftlicher Inszenierungen verschwinden nicht einfach mit der Flexibilisierung des Ortes und dies stellte gerade bei laufenden Kameras die Teilnehmenden vor neue Aufgaben. So war auffällig, dass die (privaten) Räume stets ausgeschmückt waren mit einem Hintergrund, welcher ein akademisches Umfeld suggerieren sollte (Abb. 2).

Abb. 2: Von Büchern, (weißen) Wänden und Kunst

Oft saßen Vortragende, Organisierende und auch Zuhörende entweder (1) vor mit Büchern gefüllten Regalen, (2) in Räumen, die eher schlicht, heißt mit einer (weißen) Wand und Kunstobjekten (Bilder, Statuetten etc.), ausgestattet waren oder es wurde (3) ein Bildhintergrund genutzt. Ein Theater, ein Vorlesungssaal oder auch eine virtuelle Bücherwand dienten als Verschleierung des lokalen Ortes der eigenen Inszenierung. Je nachdem, was für strukturelle Ressourcen zur Verfügung stehen (Arbeitszimmer, Büroraum etc.), kann eine Präsentation also von unterschiedlichen Spannungen begleitet sein, vor allem bei den Vortragenden und Organisierenden. Zu sehen war dies vor allem an der gewählten Kleidung. Diese war mehr konventionell (Hemd, Bluse, Anzug mit roter Krawatte) denn leger und sollte den Eindruck von Wissenschaftlichkeit und einem möglichst hohen „Prestige“[ix] vermitteln. Der Inszenierungsraum befand sich somit in einem Spannungsfeld von Refiguration[x] und erzeugte den Effekt eines verstärkten Achtens auf die eigene Inszenierung:

Bin ich zu sehen und wenn ja, was oder wer noch? Wirke ich seriös oder nicht seriös genug in diesen digitalen, wissenschaftlichen Begegnungen?[xi]

(2) Die Verstummung des Applauses: Veränderte Interaktionen in digitalen Kontrollräumen

Das Setting der räumlichen Inszenierung ist aber nur eine Facette. Es muss auch über die veränderte Konstellation (körperlicher) Kopräsenz gesprochen werden, welche einen massiven Effekt auf die Inszenierung hatte. Die Situation sollte sich noch einmal verdeutlicht werden: Das Livepublikum wurde von einer physischen Kopräsenz auf die digitale Ebene übertragen. Dies erhöhte zwar die Anzahl an Partizipierenden in den jeweiligen Sessions massiv (mittlere, dreistellige Zahlen wurden zum Teil  gemessen), veränderte aber auch die Machtkonstellation zwischen den Vortragenden, den Zuhörenden und den Veranstaltenden.

Die Videoprogramme waren dabei zugleich Mittler und Kontrollinstanz. Zunächst kam es darauf an, welches Videoprogrammformat vorlag: Ein Webinar oder ein Meetingraum.[xii] Der Unterschied ist: Während in einem Meetingraum verschiedene Partizipationsmöglichkeiten gegeben waren (Chataustausch, Einsehen der Teilnehmenden, Reaktionen per Emoticons wie Klatschen oder Daumen hoch), fehlten diese Möglichkeiten in einem Webinar. Die Mikrophone waren automatisch ausgeschaltet, die Chatfunktion deaktiviert und nur ein von den Veranstaltenden kontrolliertes F&A konnte genutzt werden, was aber an der Konstruktion dieses bestimmten Formates lag.[xiii] Die fehlende Interaktion war aber ein Punkt, der immer wieder von Teilnehmenden kritisiert wurde, sodass der Austausch auch auf andere Kommunikationskanäle wie Twitter stattfand.[xiv]

Aber auch in offeneren Meetingräumen war eine Machtasymmetrie zu bemerken, und besonders machtvoll dabei: die Veranstaltenden der Sessions.[xv] So wurde am Anfang der Sessions immer wieder auf die gängigen Regeln (z.B. die Mikros und eventuell auch Videobildschirme auszuschalten) hingewiesen. Dies förderte bei den Zuhörenden die beschriebene Flexibilität, erzeugte aber auch eine höhere Professionalität auf Seiten der Vortragenden. Die Zeitlimits wurden nicht nur penibel eingehalten, sondern auch die Stringenz der Vorträge war deutlich besser als in manch einer Präsenzveranstaltung. Dies hatte allerdings den Preis, dass untereinander (außer über Chat) keine wirkliche Interaktion stattfand, was beispielhaft am ‚stummen Applaus‘ gezeigt werden kann (Abb. 3).

Abb. 3: Applaus, Applaus, Applaus!

Das Dekret das eigene Audiosignal ausgeschaltet zu lassen, hatte die Konsequenz, dass deer Applaus, sonst ein Zeichen der positiven Zuwendung zu den Vortragenden, zu einer visuellen, ‚stummen‘ Geste transformiert wurde. Entweder war dieser sichtbar als Klatschen im Videofenster, was allerdings nicht gehört wird (rotes Symbol links unten mit durchgestrichenem Mikro) oder per anwählbaren Emoticon über die Funktion „Reaktionen“ (zwei klatschende Hände im linken Bildschirmrand). Dies ersetzte jedoch nicht, dass schlicht und ergreifend der einsetzende Ton des Applauses nach einem Vortrag fehlte. Und da dies auch als Zeichen der Missbilligung hätte verstanden werden können, versuchten die Veranstaltenden dies zu reparieren, indem sie den Applaus sprachlich vermittelten. „Ich sehe lauten oder leises Klatschen“ oder „Ich sehe viel Applaus auf den Bildschirmen“ waren solche Übersetzungsversuche, die allerdings die Sterilität des Ganzen nicht verschleiern konnten. Es blieb immer wieder das Gefühl eines ‚leeren‘ Raumes zurück, obwohl die ‚Anderen‘ anwesend waren. Dies merkte auch Birgit Blättel-Mink nach ihrem Applaus zum Abschluss der Eröffnungsveranstaltung des DGS-Kongresses an mit den Worten: „Schon gespenstisch, ne?“

(3) „Right now baby I’m torn“ – Zwischen digitaler Professionalisierung und Verlusterfahrung

Was folgt nun aus diesen Eindrücken? Zunächst einmal Lob. Sowohl an das Organisationsteam, die DGS und auch die Teilnehmenden ist nicht oft genug Dank auszusprechen. Sich der Herausforderung eines digitalen Kongresses zu stellen ist keine Selbstverständlichkeit und es bedarf einer gehörigen Portion Selbstdisziplinierung und Mut sich diesen neuen Formaten zu widmen. Es verbleibt mir in der Rolle einer soziologischen Grumpy Cat grummelig-maunzend somit zunächst zuzugeben, dass Inhalte und wissenschaftliche Diskussionen gerettet und durch die Eliminierung von Störgeräuschen sogar effizienter und zielführender gestaltet werden konnten.[xvi] Aber die „Geselligkeit“[xvii], welche zu wissenschaftlichen Inszenierungen dazu gehört, ist ein stückweit verloren gegangen. So professionell die Sessions auch gestaltet waren, am Ende befand man sich schlussendlich doch alleine vor dem Bildschirm, Diskussionen wurden abgebrochen und ein schales Gefühl des Unbehagens blieb zurück, dass hier etwas nicht stimmte.[xviii] Dieser digitale Kongress ist leider doch nur ein ‚halber‘ und kann nicht verschleiern, dass sich Gewohnheiten der Geselligkeit etabliert haben, die nun doch irgendwie fehlen. Die Umstellung von Präsenz- auf Digital’presenting‘ war und ist weiterhin eine Herausforderung, was auf dem Kongress gut beobachtet werden konnte. Die Corona-Pandemie wird somit weiter für Diskussionsstoff sorgen. Nicht nur in den Gesellschaften der Welt, sondern auch in der DGS. Über die Spannung und die Zerrissenheit zwischen erwünschter, digitaler Professionalisierung und den gegenwärtigen Verlusterfahrungen, welche auch in den zeitdiagnostischen Diskussionen zwischen Martina Löw, Hartmut Rosa und Andreas Reckwitz in der einzigen Präsenzveranstaltung des DGS-Kongresses eine zentrale Rolle spielten.[xix] Aber gerade deshalb sollten wir vielleicht alle ein bisschen mehr denken wie Silke Steets.

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[i] Goffman, Erving (1986): Frame Analysis. An Essay on the Organization of Experience. Northeastern University Press: Boston, S. 8.

[ii] Luhmann, Niklas (2005): Die Weltgesellschaft. In: Luhmann, Niklas (Hrsg.) Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft. Springer VS: Wiesbaden, S. 63-88.

[iii] Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Suhrkamp: Frankfurt am Main.

[iv] Knoblauch, Hubert/Löw, Martina (2020): Dichotopie. Die Refiguration von Räumen in Zeiten der Pandemie. In: Volkmer, Michael/Werner, Karin (Hrsg.): Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft. transcript: Bielefeld, S. 89.

[v] Kirschner, Heiko (2012): Go Live! Der User-Livestream als Präsentationsbühne. In: Lucht, Petra/Schmidt, Lisa-Marian/Tuma, René (Hrsg.): Visuelles Wissen und Bilder des Sozialen. Aktuelle Entwicklungen in der Soziologie des Visuellen. Springer VS: Wiesbaden, S. 157-171.

[vi] Goffman, Erving (1956): The Presentation of Self in Everyday Life. University of Edinburgh: Edinburgh, S. 18.

[vii] Hine, Christine (2000): Virtual Ethnography. SAGE: London/Thousand Oaks/New Delhi.

[viii] Die beschriebenen Beobachtungen sind freilich an meine eigene Perspektive gebunden und können von anderen abweichen. Zudem möchte ich insbesondere Martina Löw, Nina Elsemann und den Teilnehmenden der Session „SFB1265 goes DGS“ danken, dass ich Live-Screenshots während ihrer Veranstaltung machen durfte.

[ix] Goffman, Erving (1951): Symbols of Class Status. In: The British Journal of Sociology, 2 (4), S. 294.

[x] https://sfb1265.de

[xi] Goffman, Erving (1972): Fun in Games. In: Goffman, Erving (Hrsg.): Encounters. Two Studies in the Sociology of Interaction. Penguin University Books: Harmondsworth/Ringwood, S. 63.

[xii] Unter das Format Webinar fielen u. a. die Eröffnungsveranstaltung und die Keynotes, während die Meetings Sektionsveranstaltungen (Sessions, Mitglieder*innenversammlungen), Plenen oder AdHoc-Gruppen umfasste.

[xiii] https://twitter.com/dgskongress/status/1305549496286412802?s=20

[xiv] https://twitter.com/dawwidd/status/1305524230310834177?s=20

[xv] Betont sei, dass diese machtvolle Position nicht von Böswilligkeit begleitet war. Es stand vor allem die Funktionalität der Videosession im Vordergrund und die Organisierenden und Veranstaltenden mussten neben der Einhaltung der Regeln auch die gesamte digitale Kommunikation managen. Die Direktive zur korrekten Umsetzung der Veranstaltungsformate ging dabei von den Kongressorganisator*innen aus, s. https://kongress2020.soziologie.de/infos-fuer-organisator/innen

[xvi] https://twitter.com/ToBeAsBold/status/1306999196508192770?s=20

[xvii] Simmel, Georg (1911): Soziologie der Geselligkeit. In: DGS (Hrsg.): Verhandlungen des Ersten Deutschen Soziologentages vom 19.–22. Oktober 1910 in Frankfurt am Main. Mohr: Tübingen, S. 1–16.

[xviii] https://twitter.com/grautoene/status/1306189945489559553?s=20

[xix] https://www.youtube.com/watch?v=Na9LIrXeSIU&t=8s

Das Medium 2.0 ist die Botschaft (1/2)

Das Schöne an Blogs ist, dass sie kommunikative Freiräume generieren. Weder Thema, Stil noch Zeichenlänge sind vorbestimmt. Ich kann also schreiben, was und wie ich es will in den kommenden zwei Monaten, in denen ich den SozBlog bespielen darf. Ich muss mich nicht mit rigiden Formatrichtlinien herumschlagen. Kein Verlag und keine Deadlines sitzen mir im Nacken. Einzig das imaginierte Publikum bildet ein Korrektiv, das mein Schreiben in gewisse Bahnen lenkt. Wen dieser Blog tatsächlich erreicht und wie er aufgenommen wird, ist unklar. Das ist und war auch bei gedruckten Publikationen nicht anders. Der Unterschied liegt vielmehr in dem Hervortreten der Person hinter dem Text und der Möglichkeit, mit ihr direkt ins Gespräch zu kommen. Die Haltung der eigenen Fachcommunity Blogs und anderen sozialen Medien gegenüber scheint insgesamt bislang eher zurückhaltend bis skeptisch. Warum eigentlich?

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Trojanische Soziologie – ‚sich der Öffentlichkeit unterjubeln‘

Eigentlich hätten wir der Welt so viel zu sagen, doch die Soziologie ‚fremdelt‘ in der Öffentlichkeit. Als Ursache für das Problem wurde die Lücke zwischen professioneller Forschung und öffentlicher Kommunikation ausgemacht – unter dem Schlagwort ‚Public Sociology‘ wird an der Rückeroberung des Publikums gearbeitet. Dabei scheint man sich heutzutage vom Begriff der Intellektuellen eher abzugrenzen – das klingt wohl zu bevormundend, größenwahnsinnig oder einfach nur altbacken. Nichtsdestotrotz: Intellektuelle des letzten Jahrhunderts stehen für eine Hochphase der öffentlichen Soziologie. Sie erfüllten den Anspruch, sozialwissenschaftliche Analyse und Kritik zu artikulieren und damit selbst Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen zu nehmen. Im Unterschied zu damals, so unsere These, muss man die Soziologie heute der Öffentlichkeit ‚unterjubeln‘ – als trojanisches Pferd.

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Eine Deutsche in Boston

Mit mir befüllt ab dem heutigen Martin Luther King Day eine Autorin den SozBlog, die sich auf ihr doppelt unbekanntem Terrain bewegt – weder kann ich Erfahrungen als Bloggerin noch als Visiting Professor im amerikanischen Hochschulsystem vorweisen, womit sich doppelte Kontingenz mit doppelter Inkompetenz verkoppelt: Während ich in meinem neuen Arbeitsalltag darum bemüht sein werde, meine organisatorische Unkenntnis und kulturelle Unwissenheit dort, wo sie sich nicht kaschieren lässt, mit um Nachsicht heischender Hilflosigkeit in gebrochenem Englisch zu korrigieren, werde ich sie hier Lesern, von denen ich nicht weiß, ob sie mich und ich sie kenne, in für einen Blog unangemessen langen deutschen Sätzen offen legen.

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Macht Powerpoint schlau? Neue Formen der Wissenskommunikation.

Macht Powerpoint schlau? Neue Formen der Wissenskommunikation.

Die Medien haben sich sehr intensiv mit den Folgen von Powerpoint beschäftigt. Mittlerweile ist es zwar wieder ruhiger um Powerpoint geworden – vermutlich weniger, weil sich die Frage nach den Folgen erübrigt hat, sondern weil Powerpoint zu sehr zur Gewohnheit geworden ist. Als ich mir diese Frage erstmals laut um das Jahr 2002 stellte, wurde ich vor allem von technikbegabten Studierenden mit der Technik konfrontiert. Man mag sich kaum mehr erinnern, dass wir damals in Vorlesungen zuweilen nur gesprochene Worte verwendet haben. Die Begegnung mit Powerpoint warf deswegen die Frage auf, ob und was sich an den Vorträgen verändert. Daraus ist ein Forschungsprojekt entstanden, dessen Ergebnisse an verschiedenen Stellen veröffentlicht worden sind (Schnettler/Knoblauch 2007; Knoblauch 2013). Da die Frage nach Powerpoint sowohl die Rolle des Wissens, der Wissenschaft und der Kommunikation angeht (die ich in diesem Blog mehrfach angesprochen habe), möchte ich hier einige Befunde über die Forschung  zu Powerpoint in der für Blogs gebotenen Kürze anführen. Dafür aber habe wir ein Video, das der „frühe“ Roman Pernack noch als Student gemacht hat, indem er unser damaliges Projekt darstellt. Das Video findet sich hier.

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Von der populären Kultur zum populären Wissen (Schluß)

Im letzten Teil (3) habe ich argumentiert, dass die massiven Veränderungen der Kommunikationsstrukturen ebenso massive Folgen für die Struktur des gesellschaftlichen Wissens haben, die ich mit dem Begriff des „populären Wissens“ charakterisieren möchte. Für den Blog möchte ich Überlegungen weiterführen, die ich an anderer Stelle schon begonnen habe. Dem Thema wird auch ein kleines Rundgespräch gewidmet, das im September in Tübingen stattfinden wird.
Der Begriff des populären Wissens schließt an meinen Überlegungen zur „populären Religion“ an (Knoblauch 2009). Er darf jedoch nicht als eine Übertragung aus dem „System“ der Religion verstehen (obwohl ich sie für noch immer sehr „kulturbedeutsam“ halte). Denn die These der populären Religion besteht ja gerade darin, dass religiöses Wissen immer weniger von den auf Religion spezialisierten Institutionen verwaltet, vermittelt, ja möglicherweise kaum mehr entscheidend von ihnen geprägt wird. Vielmehr zeichnet sich in der religiösen Kommunikation eine Ablösung von den institutionellen Strukturen ab, wie sie in allgemeinerer Form als (natürlich keineswegs vollständige) Umstellung von einer „diskursiven“ zu einer „dialogischen Kommunikationsstruktur“ skizziert wird. Wie aber ebenso schon erwähnt, ist es mit der „Dialogizität“ dieser Kommunikationsstruktur keineswegs so weit her, wie man hoffen könnte. Ich denke, dass man sie besser durch den Begriff des „populären Wissens“ bezeichnen könnte.

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Augmented Space – Augmented Reality: Technologischer Wandel – Gesellschaftlicher Wandel?

Von Claas Pollmanns

Soziale Umbrüche und Gesellschaften im Wandel – so das Thema unserer Blogreihe. Für die Generation der Digital Natives gab es nie ein Leben ohne Internet – es war schon immer da. Das Internet wirkt sich dabei weitreichend auf unsere Gewohnheiten und die Art und Weise aus, wie wir leben. Das Social Web ist nur eine von vielen Erscheinungen, wie sich der Alltag durch den Zugang zum Internet verändert. In den letzten fünf Jahren hat sich durch technologischen Fortschritt ein weiteres Tor geöffnet, welches sich als ein „mobile user paradigm“ beschreiben lässt und die Ortsgebundenheit des PC auflöst (Manovich 2004: 225). Mobiles Internet, mobile Endgeräte wie Smartphones oder Tablets und neuerdings Google Glass sind als Schlüsselelemente dieses technologischen Wandels zu betrachten. Und wie die meisten technologischen Errungenschaften in der Menschheitsgeschichte wird auch dieser Fortschritt gesellschaftliche Verhältnisse verändern. Aber was passiert hier und wie lässt sich das Beobachtete einordnen? Einige Diskussionsanregungen und Fragen.

 
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Der Ausschluss ist Alltag

In den folgenden Beiträgen will ich versuchen, eine soziologische Annäherung an das Phänomen des rechtsterroristischen „Nationalsozialistischen Untergrund“ zu leisten. Dabei soll es weniger um die Terroristinnen und Terroristen und ihre konkreten Verbrechen gehen als darum, wie die Straftaten medial und politisch thematisiert wurden.

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Kommentiert! (Weshalb ein Blog kein Oberseminar ist)

Bevor ich in den kommenden Beiträgen wieder zu soziologischen Beobachtungen komme, ist es mir ein Anliegen, noch einen weiteren Meta-Artikel abzusetzen. Und zwar zum Thema der Nichtnutzung der Kommentarfunktion aus Gründen der Zurückhaltung.

Ich selbst bin eine passive Blogleserin. Ich kommentiere selten und noch seltener schreibe ich mehr als eine Zeile Kommentar. Artikel, die mir gefallen, empfehle ich via Facebook oder Twitter weiter. Über Artikel, die mir missfallen, ärgere ich mich still oder lästere darüber in Personal Messages mit Freund*innen. Daher habe ich mich sehr über die vielen Kommentare, die ich bekomme, gefreut. Die Kommentarsituation ist aufregend, weil es schnelles Feedback gibt und ich mit Leuten diskutieren kann, deren theoretischen und praktischen Hintergrund ich nicht kenne, mit denen ich ohne diesen Blog vielleicht nie ins Gespräch gekommen wäre. Manche Menschen schreiben so bedacht und aufwändig, dass sie Stunden dafür gebraucht haben müssen. Das ist ein großes Geschenk. Ich war also von Anfang an sehr glücklich mit „meinen“ Kommentator*innen und habe mir gar nicht weiter Gedanken dazu gemacht…

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Für mehr #Soziologie auf Twitter #2

Zunächst will ich schreiben, wie sehr ich mich über all die #Soziologie-Tweets gefreut habe. Ich habe aufgegeben, die Posts, zu zählen, von der mageren Ausbeute vor einer Woche sind wir aber meilenweit entfernt. Außerdem findet sich auf der DGS-Seite nun ein Reiter (wenn sie etwas runterscrollen und den Blick rechts ausrichten, sehen sie ihn), der die #soziologie-Posts für all jene dokumentiert, die keinen Twitterzugang haben oder haben wollen. Très chic. In diesem Beitrag will ich – bevor ich mich in den nächsten Tagen wieder anderen Themen zuwende – einige der in der angeregten Diskussion in den Kommentaren zum ersten Beitrag gefallenen Argumente versammelt aufgreifen. Ich will dabei nochmal präziser herausarbeiten, weshalb ich der Meinung bin, dass Soziologinnen und Soziologen von der Beschäftigung mit Social Media profitieren können.

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SozBlog als Mittel für Public Sociology?

Vor zwei Monaten habe ich geschrieben, dass ich zwar finde, dass die Soziologie – im Sinne der „Public Sociology“ – der Öffentlichkeit Deutungsangebote bereitstellen sollte, dass ich aber nicht sicher bin, ob Blogs hierfür die geeignete Form sind und dass ich es (für mich) schlicht ausprobieren muss. Heute – an meinem letzten Tag auf diesem Blog – möchte ich diese Frage noch einmal aufgreifen und mit einer Bitte an die Leser um Feedback verbinden – insbesondere an die Nicht-Soziologen unter Ihnen, an diejenigen, die regelmäßig gelesen haben sowie diejenigen, die sonst nie etwas kommentieren (sozusagen die schweigende Mehrheit).

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Unternehmen, die es nicht geben dürfte (2): Die Privatmolkerei Bauer

Nicht nur der Erfolg der Firma Müller-Milch, auch der Erfolg der Privatmolkerei J. Bauer GmbH & Co. KG[1] lässt sich mit der neoklassischen Theorie nicht erklären – allerdings aus völlig anderen Gründen als bei Müller. Die Firma Bauer hat nämlich in den ersten hundert Jahren ihrer Firmengeschichte keine Werbung gemacht – sich also aus Perspektive der Lehren des modernen Marketing geweigert, direkt mit ihren Kunden zu kommunizieren und sie so mit Informationen zu versorgen. Dennoch war sie in den 1980ern einer der Marktführer auf dem Joghurt-Markt.

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Nicht jeder isst das Gleiche, oder: Verbrauchertypen und Esstypen

Wie bereits in der Diskussion über den Zusammenhang von Geschlecht, Milieu und Konsum angedeutet, sind nicht alle Verbraucher gleich – „den Konsumenten“ gibt es also nicht. Dennoch lassen sich oft in bestimmten Kulturkreisen, sozialen Milieus, ethnischen, Alters- oder Geschlechtergruppen typische Muster des Konsums identifizieren.

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Unternehmen, die es nicht geben dürfte (1): Müller-Milch

In den Blog-Beiträgen dieser Woche über das Verhältnis von Politik und Wirtschaft, Lobbyismus und Machtspiele auf Märkten habe ich argumentiert, dass auf Märkten auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen als den in der Neoklassik postulierten Preis- und Qualitätswettbewerb. So dürfte es etwa die Molkerei Alois Müller GmbH & Co. KG, den Hersteller von beliebten Produkten wie „Müllermilch“, „Joghurt mit der Ecke“ und „Froop“, laut Neoklassik nicht geben – oder zumindest dürfte er nicht so erfolgreich sein.[1]

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Konsumgütermärkte als komplexe Interaktionsketten. Ein Zwischenfazit

Anfang März hatte ich mir das Ziel gesteckt, meine Zeit auf diesem Blog einerseits zu nutzen, um verschiedene Textformate auszuprobieren, andererseits in dieser Zeit (im Sinne der „Public Sociology“, die Soziologie als Krisenwissenschaft deutet, die Deutungsangebote bereitstellt) ein aktuelles Thema herauszugreifen und zu diskutieren. Da ich selbst mich sehr stark für Märkte interessiere, habe ich angesichts der Lebensmittelskandale der vergangenen Monate den Lebensmittelmarkt als konkretes Beispiel einen Konsumgütermarkt ausgewählt, mit der Absicht, einen Beitrag zu dem Versuch leisten, moderne (Lebensmittel-)Märkte und die Risikoproduktion auf diesen Märkten besser verstehen. Da ich jetzt ungefähr bei der Hälfte meiner Schreibzeit angekommen bin und am Montag (zumindest hier in Berlin) die Vorlesungszeit anfängt, ist dies ein guter Zeitpunkt, um ein Zwischenfazit zu ziehen: Was habe ich bisher gemacht? Wie ordnen sich die bisherigen Beiträge in das Gesamtgefüge ein? Und was plane ich noch, in den nächsten Wochen zu schreiben?

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