Im letzten Teil (3) habe ich argumentiert, dass die massiven Veränderungen der Kommunikationsstrukturen ebenso massive Folgen für die Struktur des gesellschaftlichen Wissens haben, die ich mit dem Begriff des „populären Wissens“ charakterisieren möchte. Für den Blog möchte ich Überlegungen weiterführen, die ich an anderer Stelle schon begonnen habe. Dem Thema wird auch ein kleines Rundgespräch gewidmet, das im September in Tübingen stattfinden wird.
Der Begriff des populären Wissens schließt an meinen Überlegungen zur „populären Religion“ an (Knoblauch 2009). Er darf jedoch nicht als eine Übertragung aus dem „System“ der Religion verstehen (obwohl ich sie für noch immer sehr „kulturbedeutsam“ halte). Denn die These der populären Religion besteht ja gerade darin, dass religiöses Wissen immer weniger von den auf Religion spezialisierten Institutionen verwaltet, vermittelt, ja möglicherweise kaum mehr entscheidend von ihnen geprägt wird. Vielmehr zeichnet sich in der religiösen Kommunikation eine Ablösung von den institutionellen Strukturen ab, wie sie in allgemeinerer Form als (natürlich keineswegs vollständige) Umstellung von einer „diskursiven“ zu einer „dialogischen Kommunikationsstruktur“ skizziert wird. Wie aber ebenso schon erwähnt, ist es mit der „Dialogizität“ dieser Kommunikationsstruktur keineswegs so weit her, wie man hoffen könnte. Ich denke, dass man sie besser durch den Begriff des „populären Wissens“ bezeichnen könnte.
Populäre Kultur
Obwohl das „Populäre“ (in der Nachfolge des „Volkstümlichen“ bzw. der „Folklore“) vor allem mit den „Cultural Studies“ in den Mittelpunkt des sozialwissenschaftlichen Interesses gerückt und ein beliebter Gegenstand intellektueller Diskurse ist, musste ich in meiner Arbeit an der „Populären Religion“ feststellen, dass der Begriff einer entschiedenen Revision bedarf. Vor der Kontrastfolie der bekannteren, bisherigen theoretischen Konzepte möchte ich deswegen auf die neuen Aspekte des Populären hinweisen
Seine wesentliche Prägung hat der Begriff einmal aus der kritischen Theorie erfahren, die das Populäre als ein Produkt der „Kulturindustrie“ ansieht: Die Anwendung der rationalen und entfremdenden Methoden auf die Produktion von sinnhaften Gütern der Kultur ist verbunden mit einer Standardisierung, Verflachung und Irreführung (als „falsches Bewusstsein“) auf der Seite der Konsumenten, der auf der Seite der „bewusstseinsindustriellen“ Produzenten Gewinnmaximierung und manipulative Techniken gegenüberstehen (Kausch 1988). Religion und auch ihre „okkulten“ Formen (wie etwa die von Adorno [1957] untersuchte Astrologie) dienen hier lediglich als Verbrämung eines eigentlich von der rationalisierten Industrie fremdgesteuerten Lebens.
Dieses Konzept des Populären wird zum anderen von den Cultural Studies geprägt, die daran jedoch wesentliche Änderungen vornehmen (Winter, Mikos 1999). Für die Cultural Studies ist Kultur ebenso Teil der ökonomischen Produktion, trägt aber zur Aufrechterhaltung der dominanten Ideologie“ (Fiske 2001: 28) bei. Allerdings werden diese Bedeutungen von den Rezipienten keineswegs einfach übernommen, sondern „decodiert“: Sie werden durch die in den jeweiligen sozialen Klassen bestehenden Praktiken auf je besondere Weise angeeignet. Diese Praxis der Aneignung führt dazu, dass Formen des „populären Wissen“ entstehen, die zwar auf das „offizielle“ Wissen bezogen bleiben, dieses aber aus ihrer Perspektive umdeuten, die auch Quelle eigener Wissensbestände ist.
Auch wenn die Cultural Studies die Möglichkeiten differenter Aneignungen dessen, was medial vermittelt wird, einräumen, so bleiben sie dennoch entschieden an einem Modell orientiert, das Ähnlichkeiten zur „diskursiven Kommunikationsstruktur“ aufweist. Sie führt, grob gesagt, dazu, dass die institutionell spezialisierte Institutionen sozusagen „monopolartig“ die Wissensvermittlung kontrollieren, besonders scharf formuliert in Althussers (für die Cultural Studies so einflussreichen) „ideologischen Staatsapparaten“ (Knoblauch 2010: 230ff.). In der Tat wirken die formal stark organisierten Institutionen der Massenmedien (neben den Zugangskontrollen zu Wissen in Institutionen) als soziale Kontrollen für die Wissensvermittlung – wie nicht nur an der Zensur, sondern auch am „Bildungsauftrag“ erkennbar wird.
Neben die institutionell organisierten Zugangskontrollen und die Massenmedien treten allerdings, wie erwähnt, nunmehr netzwerkartige Kommunikationsstrukturen. Weil diese Strukturen die als Wissen genutzten Informationen nicht mehr scharf regulieren, kommt es deswegen zur ebenfalls schon erwähnten einer Öffnung des Zugangs zu Wissen. Der durch die Verbreitung der Technologie schrumpfende „Information Gap“ zwischen arm und reich führt dazu, dass immer mehr Menschen Zugang zum unterschiedlichsten Wissen haben. Da dieses Wissen weitgehend über technische Abläufe zugänglich ist, nimmt dieser Zugang zwar Züge einer technischen „Interaktion“ an, die nur begrenzt die Hoffnung auf eine Verstärkung der Dialogizität erfüllt. Das Wissen zeichnet sich vielmehr durch das aus, was ich – im Unterschied zur „populären Kultur“, die einer „Expertenkultur“ und ihren spezialisierten Institutionen gegenübergestellt ist – als populäres Wissen bezeichnen möchte.
Populäres Wissen
Während sich die populäre Kultur „dominante Kultur“ der herrschenden Klassen und der etablierten Institutionen bzw. Systeme definiert, zeichnet sich das populäre Wissen dadurch aus, dass auch das institutionell spezialisierte Wissen prinzipiell für alle zugänglich ist. Wir haben es also mit einer Entgrenzung des institutionalisierten Wissens zu tun. Auf diesen Aspekt des Populären weisen erstaunlicherweise systemtheoretische Autoren hin (Huck/ Zorn 2007). Erstaunlich ist dies, weil die Systemtheorie ja darauf besteht, dass die gegenwärtige Gesellschaft durch die „funktionale Differenzierung“ in verschiedene Systeme der Kommunikation und damit des institutionalisierten Sonderwissens geprägt ist (vgl. den Kommentar). Das Populäre ist nun für Huck und Zorn genau dasjenige, was diese differenzierungstheoretische Begrenzungen überschreitet hinweg: Es ist das Scharnier zwischen dem Menschen als (außersozialem) psychischen und organischen System auf der einen Seite und den funktional differenzierten Systembereichen auf der anderen Seite.
Was das bedeutet, haben wir schon mit Blick auf die Wissenschaft und die Wissensgesellschaft angesprochen. Denn in dem Maße, wie die Wissenschaft ihr Wissen allzugänglich macht (etwa über Open Acces-Zeitschriften oder Massive Open Online Courses), löst sich die Bindung des Wissens von den institutionellen Strukturen: Wer immer will, kann sich nun über medizinische Fachprobleme informieren, und auch die soziologische oder philosophische Diskussion steht nicht nur jeder offen, sie kann auch in unterschiedlichen gängigen Formen geführt werden. Aus der Perspektive der Institutionen, die das Wissen tragen, könnte man diese Entgrenzung des Wissens auch als „Entstrukturierung“ beschreiben: Wissen löst sich nicht nur von der personalen Bindung an bestimmte Personen, Professionen und deren „Kompetenzen“. Mit dieser Lösung von Personen und Institutionen löst sich das wissen auch von institutionell geregelten Sequenzen des Wissenserwerbs. Es kommt deswegen zu einer Autodidaktisierung des Wissenserwerbs, deren Umfang, Form und Folgen in meinen Augen bislang viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Und mit der Lösung von Personen werden auch die institutionellen Wissens-Ordnungen mit ihren zeitlichen – altes und neues Wissen – und räumlichen – „Grundlagen“, „Aufbau“ und „Anwendung“ – Dimensionen. Besonders die Auflösung der zeitlichen Dimension erzeugt eine sozusagen automatische „Dauerinnovation“: wenn es keine Rolle spielt, was schon als Wissen vorhanden war, ist Neuheit garantiert.)
Aufgrund der All-Verfügbarkeit „Information“ (die in der Nutzung zu Wissen transformiert wird) bezieht sich die Entgrenzung zwar nicht auf die Informationsstrukturen (deren „kommunikative Figuration, wie Andreas Hepp (2012) betont, besondere Beachtung verdient), wohl aber auf die Inhalte. Weil sich die Inhalte nicht von den Formen trennen lassen, kommt auch zu einer Entgrenzung der Formen. Das bedeutet nicht nur, dass akademische Veranstaltungstypen populär werden (man denke nur an die steile Karriere des „Seminars“, das sich seit den 1980er zu einer gesellschaftsweit verbreiteten Form entwickelt hat), sondern auch zur Aufnahme populärer Kommunikationsformen in der Wissenschaft: man denke nur an das Poster, die rasante Ausbreitung der (an die Comedy angelehnten) Science Slams, des Blog oder der Powerpoint-Präsentation (Knoblauch 2013). Man darf vermuten, dass die dramatische Evaluationswut dazu führt, dass auch die klassischen kommunikativen Gattungen der wissenschaftlichen Kommunikation der Forderung nach „Gefallen“ („like“) folgen müssen. Weil dem Gefallen eine durch die bloße Subjektivität begründete Präferenz (der alten Form „Otto? Find ich gut“) zugrunde liegt, erscheint dieses Gefallen auch mit Blick auf institutionalisierte Prozesse immer seltener als begründbar oder „kritisierbar“.)
Das führt uns auf die Rolle der Subjektivität des populären Wissens. Denn beim populären Wissen spielt zwar die (in verschiedener Hinsicht) weite mediale Verbreitung nach wie vor eine große Rolle, doch bleibt diese nicht mehr massenhaft, sondern ein „networked individualism“ (Castells 2009). Die „Nutzer“ sind nicht nur die Endpunkte und „Adressaten“ ihrer je eigenen Geräte; sie sind auch diejenigen, die von den Geräten zu den vorformatierten Entscheidungen gezwungen werden („Veröffentlichens“ im Blog; „Kaufen“ bei Amazon, „Like“ bei Facebook). Auch wenn die Nutzer durch die technisierten Kommunikation somit „subjektiviert“ werden, so bleiben diese Subjekte doch nicht leer: Sie suchen sich nicht nur das in einem so großen Detail heraus, was sie so persönlich interessiert, formulieren, was sie meinen oder zeigen, was sie sind, so dass man von einer „Psychologisierung“ des Sozialen reden kann. Wie etwa Boris Traue in seinen Analysen von You-Tube-Videos zeigt (2012), schaffen sie auch die Inhalte dessen, was kommuniziert wird, auf eine so subjektiv-kreative Weise, dass diese psychologische Innenwelt nicht nur weithin sichtbar zum Ausdruck kommt, sondern sich in Kommunikationsgemeinschaften stabilisiert, die sich in interaktiven Medienformaten bildet.
Die neue Rolle des Subjekts weist auf einen weiteren Aspekt des populären Wissens hin. Es ist die Tendenz zur Entgrenzung zwischen Privatem und Öffentlichem, die uns ja schon eingangs beschäftigt hatte (Imhof/Schulz 1998). Was noch vor wenigen Jahren als intimstes Geheimnis galt (etwa die sexuellen Geschmäcker, die religiösen Erfahrungen oder der eigene Bauchnabel) ist in einer enorm kurzen Zeit für eine riesige Menge an Menschen potentiell zugänglich – in Worten, als Bild oder gar als Video. Dabei weisen die informationstechnischen Möglichkeiten über das Panoptikon auf ein Synoptikon, wie es von Zygmunt Bauman erahnt wurde: nicht nur die Regierungsbehörden, alle haben Zugang zu allem und überwachen damit alles.
Entgrenzung und Grenzarbeit
Allerdings bedeutet schon die „Entgrenzung von Öffentlichkeit und Privatheit“ möglicherweise keine postmoderne Auflösung der Grenzen, sondern eine Verschiebung, Verlagerung, vielleicht sogar Vervielfältigung der Grenzen. Wenn die „Veröffentlichung der Person“ an die Stelle der Öffentlichkeit tritt, wie Han (2012: 59) vermutet, ist eine Intensivierung der Verrechtlichung der Person zu befürchten. Zudem kann man schon absehen, dass die spezialisierten Institutionen die Tendenzen zur Entgrenzung keineswegs widerstandslos hinnehmen. Vielmehr führt die wachsende Akzeptanz des Populären zu Konflikten an den Grenzen, die aufgegeben werden, wie auch den Stellen, an denen neue Grenzen gezogen werden. Dabei ist zu erwarten, dass die die spezialisierten Institutionen die Jurisdiktion über das von ihnen verwaltete Wissen zu verstärken suchen: So begegnen die wissenschaftlichen Disziplinen den von allen Seiten gestellten Anforderungen nach Offenheit, Verständlichkeit, Nutzen nach außen, Trans- und Interdisziplinarität mit einer zunehmenden Kanonisierung (Lehrbücher, Handbücher, curriculare Strukturen) sowie einer internen Auffächerung in immer mehr Subdisziplinen mit ihren eigenen Sprachen, Zeitschriften und Tagungen. Dazu gehört übrigens in meinen Augen jene Form der Didaktisierung, die die Vermittlung nach einem asymmetrischen Sender-Empfänger-Modell zuschneidet, das das Wissen der Kritik entzieht und damit auf eine Weise verdinglicht, die weniger dem Verständnis der „kritischen“ Wissenschaft als den Anforderungen der „Wissensgesellschaft“ entspricht.
Literatur
Adorno, T. W. (1957): The stars down to earth: The LA Times astrology column. A study in Secondary Superstition. Jahrbuch für Amerikastudien 19-88.
Castells, M. (2009): Communication Power. New York: Oxford University Press.
Fiske, J. (2001): Die britischen Cultural Studies und das Fernsehen, in: R. Winter, L. Mikos (Hg.), Die Fabrikation des Populären. Bielefeld, 17-68.
Gerhards, Jürgen (2001): Der Aufstand des Publikums. Zeitschrift für Soziologie 30,3, 163-184.
Hepp, Andreas (2013): The communicative figurations of mediatized worlds. Arbeitspapier 1 “Kommunikative Figurationen”. Bremen. http://www.kommunikative-figurationen.de/fileadmin/redak_kofi/Arbeitspapiere/CoFi_EWP_No-1_Hepp.pdf
Huck, C. , Zorn, C. (Hg.) (2007): Das Populäre der Gesellschaft. Zur Einleitung. In: Das Populäre der Gesellschaft. Systemtheorie und Populärkultur. Wiesbaden, 7-41.
Kausch, M. (1988): Kulturindustrie und Populärkultur. Kritische Theorie der Massenmedien. Frankfurt am Main.
Knoblauch, Hubert (2009): Die populäre Religion. Frankfurt am Main und New York.
Knoblauch, Hubert (2013): Powerpoint, Communication, and the Knowledge Society. Cambridge.
Rammert, Werner (2006): Die technische Konstruktion als Teil der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit, in Dirk Tänzler, Hubert Knoblauch und Hans-Georg Soeffner (Hg.): Zur Kritik der Wissensgesellschaft, Konstanz: UVK
Traue, Boris (2012): Kommunikationsregime, in: Reiner Keller, Hubert Knoblauch und Jo Reichertz (Hg.): Kommunikativer Konstruktivismus. Wiesbaden: 257-274.
Winter, R., Mikos L. (Hg.) (1999): Die Fabrikation des Populären: Der John Fiske -Reader. Bielefeld: Transcript-Verlag, 17-68.
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