Öffentlichkeit und Alltagswissen
Der letzte Blogbeitrag hat das sich ändernde Verhältnis zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit behandelt und damit zugleich die Verwendung des Blogs als kommunikativer Gattung in einem wissenschaftlichen Kontext reflektiert. Da der Begriff der „Öffentlichkeit“ sehr vieldeutig ist, möchte ich in diesem dritten Teil versuchen, die Veränderungen aus einer wissenssoziologischen Perspektive anzugehen. Im abschließenden vierten Teil dieses ersten Blocks meines Sommerloch-Soziologische-Theorie-Blogs will ich unter dem Titel des Populären skizzieren, in welche Richtung sich diese Veränderungen zu bewegen scheinen.
Das angeschnittene Verhältnis zwischen Wissenschaft und „Öffentlichkeit“ ist in der neueren Wissenssoziologie (Berger/Luckmann 1970; Schütz 1984) als Verhältnis zwischen Wissenschaft und „Alltagswissen“ behandelt worden. Der Begriff des Alltagswissens umfasst dabei jene Bestände dessen, was uns als sebstverständlich gilt, die unausgesprochen in unseren „alltäglichen“ Handlungen enthalten sind. Unter Alltagswissen verstehen wir aber auch jenes Wissen, das als Voraussetzung für eine Verständigung über verschiedene spezialisierte Wissensbereiche (darunter auch der Wissenschaft) hinaus dient. Wie etwa die ethnomethodologischen Studien zur wissenschaftlichen Praxis gezeigt haben (Garfinkel 1973), kann dieses Alltagswissen durchaus auch in den institutionell spezialisierten Wissensbereichen zum Tragen kommen. Aus diesem Grunde lassen sich die gesellschaftlichen Teilbereiche auch nicht als ausschließlich funktional differenziert ansehen, wie man heute (u.a. mit der soziologische Systemtheorie) gemeinhin annimmt.
Wenn wir uns allerdings die Veränderungen des Verhältnisses von Alltagswissen und zu den großen institutionell spezialisierten Wissensbereichen näher betrachten wollen, ist sicherlich der Blick auf eine klassische Untersuchung hilfreich, die dieses Verhältnis thematisiert. Ich möchte auf Schütz‘ berühmten Aufsatz über den „gut informierten Bürger“ zurückgreifen, da dieser auch in der soziologischen Diskussion über Öffentlichkeit eine große Rolle spielt und zudem auch für Schütz enorm starkes „zivilgesellschaftliches Engagement“ während des Dritten Reichs handlungspraktische Folgen hatte (Barber 2004).
Schütz‘ gut informierter Bürger.
In seinem Essay, der 1946 erstmals veröffentlicht wurde (Schütz 1972), behandelt Alfred Schütz ausdrücklich die „soziale Verteilung des Wissens“. Dazu unterscheidet er bekanntlich zwischen „Experten“ (der ihm für das institutionell spezialisierte Wissen steht), dem „Mann auf der Straße“ (geschlechtsneutral vielleicht zu übersetzen als „Alltagswissen“) und schließlich dem „gut informierten Bürger“ (die man sich auch gut als Bürgerin denkt). Die drei Typen sind zum einen durch das Wissen definiert: die Expertin verfügt über ein klares und deutliches Wissen auf einem eingegrenzten Gebiet, der Mann auf der Straße verfügt über ein allgemeines Rezeptwissen, während schließlich gut informierte Bürger zwischen beiden Typen schwebt, indem er sich bemüht, „vernünftig begründete Meinungen auf dem Gebiet zu erlangen, die seinem Wissen entsprechen und ihn zumindest mittelbar angehen, obwohl sie seinem zuhandenen Zweck direkt nicht beitragen“(88).
Auch wenn das Wissen in unterschiedlicher Nähe zur Erfahrung steht (Schütz unterscheidet „Augenzeuge“, „Insider“, „Analytiker“ und „Kommentator“), spielt die für Schütz so bedeutsame Kategorie der Relevanz die zweite Dimension für die Bestimmung der Typen. Schütz (1972:91) unterscheidet verschiedene „Relevanzzonen“ des Wissens (die Welt in meiner Reichweite als Zone primärer Relevanz; die Zone, die der Beherrschung offen steht, jedoch nur mittelbar mit der Relevanz verbunden ist; die Zonen, die zur Zeit nicht relevant sind, undschließlich die Zonen, die irrelevant sind). Damit ist die „Sozialfigur“ des gut informierten Bürgers nicht nur ein beinahe mustergültiges Beispiel für Schütz‘ Variante des (Weberschen) Idealtypus, die er auch „Homunculus“ nennt. Es ist damit auch ein Exempel dafür, wie Handelnde mit den Mitteln der Wissenssoziologie (re-) konstruiert werden, indem man sie im Rahmen einer bestimmten Wissensverteilung mit bestimmten Relevanzen ausstattet. (Der reale Mensch – also ich – ist immer eine Mischung aus solchen Typen, etwa Experte in Sachen Soziologie, Mann auf der Straße in Sachen, sagen wir, Käsekunde.)
Die Typen aber, die Schütz hier konstruiert, hängen ganz offenbar mit einem weiteren Merkmal zusammen: Wie Angela Keppler (1985: 18f.) schon andeutet, spielt nämlich auch die mediale Vermittlung des Wissens eine bedeutende Rolle für die Unterscheidung dieser Typen: Während der „Mann auf der Straße“ vor allem von seiner „ingroup“ und damit der mündlichen Kommunikation geprägt ist, schwebt Schütz beim „Experten“ die damals sehr beschränkt zugängliche Form der wissenschaftlichen Fachkommunikation vor, die nur durch den stark regulierten körperlichen Zugang zu Fachbibliotheken und Spezialliteratur möglich war. Für den „gut informierten Bürger“ schwebt ganz offensichtlich die Öffentlichkeit der Zeitungen vor Augen. In der Tat finden sich in seinen Ordnern zu dem Aufsatz „The Well Informed Citizen“ ausschließlich Zeitungsartikel, und zwar Artikel zu blinden Kindern (wohl zum Problem der Augenzeugenschaft) sowie zahllose Artikel zu den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki, die ihm als Beispiel für das vermittelte Wirken dienten.
Damit ist die Unterscheidung für unsere Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Wissensverteilung und medialer Vermittlung von Bedeutung: Der Experte kann auf Wissen bauen, das ihm durch den exklusiven Zugang zu Institutionen offen steht; der gut informierte Bürger wählt sich den Zugang zum massenmedial vermittelten Wissen, während der „Mann auf der Straße“ das wissen aus einfacheren Kanälen bezieht (zu denen man vermutlich auch bei Schütz neben den mündlichen Quellen die „trivialen“ Massenmedien rechnen kann, die Adorno damals so scharf zu kritisieren begann).
„Dialogische Medien“ und die Veränderung der institutionellen Strukturen des Wissens“
Nur vor dem Hintergrund der zentralen Stellung der Massenmedien ist die These der Transformation der Öffentlichkeit als Transformation der Wissensvermittlung zu verstehen, die ich hier formulieren möchte. Allerdings thematisiert Schütz die Rolle der Massenmedien ja nur indirekt (vgl. Knoblauch 2013). Sucht man auf eine Theorie, die die Veränderung von Wissensvermittlung und Medien, erscheint der Ansatz nützlich, den Vilém Flusser in der „Vorgeschichte“ der neuen Medien entwickelte. Flusser nämlich unterscheidet verschiedene „Diskurs-„ oder „Kommunikationsstrukturen“, die man durchaus als verschiedene institutionalisierte Strukturen der medialen Wissensvermittlung verstehen kann. (Wie nah Flusser kommunikations- und wissenssoziologischen Überlegungen steht, zeigt sehr schön Oliver Bidlo 2006.) Unter den stark institutionalisierten Formen der Wissensvermittlung unterscheidet Flusser (2007) z.B. Pyramidendiskurse (wie er sie in der katholischen Kirche vermutet) von „Baumdiskursen“ (die Wissensvermittlung in der disziplinär organisierten Wissenschaft charakterisieren).
So hilfreich seine weiteren Untertypen als Heuristik für Modelle der medialen Wissensvermittlung sind, so ist für unsere Zwecke doch eine übergeordnete Unterscheidung entscheidend: Flusser nämlich unterscheidet zwischen den „dialogischen Medien“ und „diskursiven Medien“. Während die dialogischen Medien den Beteiligten die dialogische Partizipation erlauben, zeichnen sich „diskursive Medien“ dadurch aus, dass Wissen über eine mehr oder weniger stark zentralisierte Organisation vermittelt werden. Dialogische Medien bzw. dialogische Formen der Wissensvermittlung sind etwa Kreisdiskurse (wie etwa der „Lesekreis“ oder die „Diskussionsrunde“); dagegen zählen die für die „gut informierten Bürger“ so wichtigen Massenmedien, (auch die auf Experten spezialisierten Medien) zu den diskursiven Medien.
Da Flusser die „Netzstruktur“ und die Netzdialoge so beschreibt, dass man hierunter nicht nur das Blog, sondern (angesichts des Netzbegriffes nicht überraschend) vielerlei neue Formen der digitalen Kommunikation fassen könnte, könnte man die Transformation der Öffentlichkeit, der Wissensvermittlung bzw. der Kommunikation, die wir vor dem Hintergrund von Schütz beobachten, auch mit dem Wechsel von diskursiven zu dialogischen Formen näher bezeichnen. Mit dem Übergang zu mediatisierten dialogischen Netzwerken vollzieht sich nach Flusser der Übergang in eine „telematische“ Gesellschaft.
Dass allerdings die Flussers an die „telematische Gesellschaft“ geknüpfte Hoffnungen in eine neue dialogische Vernunft, die er für viele Netzwerkaktivist/innen vorformulierte, deutlich überzogen sind, wird nicht erst mit solchen massenmedial verbreiteten Skandalen wie dem Fall Snowden deutlich. Ganz abgesehen davon, dass die „dialogischen“ Medien die alten Massenmedien keineswegs ersetzen, sondern sich (wie so häufig in der Mediengeschichte) an ihre Seite stellen, sollte man nicht so naiv sein, die massiven institutionellen Strukturen zu übersehen, die mit dem „Netzwerk“ verbunden sind. Dazu gehört nicht nur eine enorme technisch-materielle Struktur, die in den letzten Jahrzehnten auch mit großen öffentlichen Finanzeinsatz geschaffen wurde – eben jene „Informationsgesellschaft“, von der oben schon die Rede war (Knoblauch 2010, 263ff). Dazu gehört auch eine Reihe von neuen, explosiv gewachsenen und global tätigen privatwirtschaftlichen Firmen, die das vermeintlich dialogische Netzwerk betreiben und seine Formate (auch die medialen Formate) mit gestalten. Sie bilden bedeutende institutionelle Strukturen, die dem dialogischen Prinzip auch der gegen sie antretenden sozialen Bewegungen deutliche Grenzen setzen.
Auch wenn die vermeintlichen dialogischen Medien also durchaus eine starke institutionelle Kommunikationsmacht aufweisen (Castells 2009), so hat die von ihnen geschaffene Netzwerk-förmige Kommunikationsstruktur durchaus Folgen für die Wissensvermittlung: Denn der Erfolg der (informationellen) Netzwerkstruktur war von Anfang an darauf angewiesen, dass er mit „content“ gefüllt würde und dass „content“ nachgefragt wurde. Deswegen erweisen sich diese Institutionen prinzipiell für alles Wissen besonders offen. Diese Offenheit erklärt nicht nur den Erfolg der sie tragenden institutionellen Struktur; sie führt auch zur Veränderung der Wissensvermittlung, die selbst grundlegende Annahmen über die „Strukturen der Lebenswelt“ (Schütz/Luckmann 1984) berührt. Diese Veränderungen möchte ich im abschließenden Teil dieses Blocks des Blogs unter dem Begriff des „populären Wissens“ erläutern.
Literatur
Barber, Michael (2004): The participating citizen. A biography of Alfred Schutz. New York.
Berger, Peter L. und Thomas Luckmann (1970): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt am Main.
Bidlo, OIiver (2006): Martin Buber. Ein vergessener Klassiker der Kommunikationswissenschaft. Marburg.
Castells, Manuel (2009): Communication Power. Oxford.
Flusser, Vilém (2007): Kommunikologie. Frankfurt am Main.
Garfinkel, Harold (1973): Das Alltagswissen über soziale und innerhalb sozialer Strukturen, in: AG Bielefelder Soziologen (Hg.): Alltagswissen, Interaktion und gesellschaftliche Wirklichkeit. Reinbek, 189-262.
Keppler, Angela (1985): Präsentation und Information. Zur politischen Berichterstattung im Fernsehen. Tübingen.
Knoblauch, Hubert (2010): Wissenssoziologie. Konstanz.
Knoblauch, Hubert (2013): Alfred Schutz‘ Theory of Communicative Action, in: Human Studies, June 2013 (Online First), 1-15.
Schütz, Alfred (1972): Der gut informierte Bürger. In: Gesammelte Aufsätze II. Njimwegen, 85-101.
Schütz, Alfred und Thomas Luckmann (1984): Strukturen der Lebenswelt II. Frankfurt am Main.
Schreibe einen Kommentar