Gesellschaft unter Spannung. Was kann die Soziologie zur Bewältigung der Corona-Krise beitragen?

Jedes Gespräch, ob privat oder beruflich, ist momentan von einem einzigen Thema dominiert und das ist der individuelle und gesellschaftliche Umgang mit dem Corona-Virus. Der Ausbruch des Corona-Erregers wurde von der WHO inzwischen als Pandemie eingestuft, nach dem ersten Ausbruch in China sind inzwischen offenbar 148 Länder betroffen. Innerhalb der letzten Woche hat sich auch hierzulande die Krisensituation massiv verschärft. Die Gesellschaft steht enorm unter Spannung [i]. Aus diesem Grund weiche ich jetzt von meinem ursprünglichen Schreibplan des Blogs ab, um den Fokus auf die derzeitige Krise und ihre Bewältigung zu richten. Es erfolgt allerdings keine Analyse, sondern zunächst eine Dokumentation der dynamischen Entwicklung der letzten Tage, verbunden mit der offenen Frage: Welches Wissen kann und sollte speziell die Soziologie zur Krisenbewältigung beitragen?

Soziale Distanzierung als Mittel des Krisenmanagements

Das Corona-Virus hält seit Beginn des Jahres die Welt in Atem und inzwischen hat sich Europa zum Epizentrum der Pandemie entwickelt. Auf der interaktiven Landkarte der Johns Hopkins Universität lassen sich die Zahlen der registrierten Infektions- und Todesfälle in Echtzeit einsehen. Demzufolge liegt die Anzahl der Infizierten in Deutschland bei 5813, während 13 Menschen bislang an den Folgen des Corona-Virus gestorben sind (Stand heute: 16. März 2020), das Robert-Koch-Institut offeriert eine genauere Kartierung nach Bundesländern, die Zahlen differieren leicht gegenüber den letztgenannten. Es gibt regionale Epizentren wie die Gemeinde Heinsberg in Nordrhein-Westfalen und es gibt Gegenden wie in Sachsen-Anhalt oder dem Saarland, die von der Erkrankung noch weitestgehend verschont geblieben sind. Bundesweit wurden Testzentren errichtet, um eine schnellstmögliche Diagnose zu erreichen und auf diese Weise die weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen. Die politischen Maßnahmen im Umgang mit Corona haben sich gerade in den letzten Tagen massiv verstärkt und sie greifen tief in den sozialen Alltag ein: Die Lösung heißt soziale Distanzierung, um eine weitere Verbreitung über Tröpfcheninfektion zu vermeiden.

Von der Bundesregierung wurden zur Minimierung des Ansteckrisikos in einem ersten Schritt Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmenden untersagt. Dies betrifft Messen, Großkonzerte genauso wie Fußballspiele, die nun ohne Zuschauer_innen als sogenannte Geisterspiele vorläufig weiterlaufen. Der Start des Sommersemesters an Hochschulen in Berlin und vielen weiteren Bundesländern wurde auf Ende April verschoben, Präsenzveranstaltungen in der vorlesungsfreien Zeit abgesagt. Vor drei Tagen wurden in der Hauptstadt alle staatlichen Kultureinrichtungen wie Bibliotheken, Museen, Gedenkstätten und Theater-, Opern- und Konzerthäuser bis auf Weiteres geschlossen. Kneipen- und Klubschließungen wurde gegenüber dem erstgenannten Termin auf das Wochenende vorgezogen. Öffentliche Gottesdienste und Freitagsgebete wurden mehrheitlich ebenso bis auf Weiteres ausgesetzt. Im weiteren Schritt wurden alle anderen Einrichtungen mit Publikumsverkehr (Spielhallen, Kinos, Bordelle) bzw. Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmenden per Verordnung des Berliner Senats geschlossen bzw. verboten. Auch der Sportbetrieb auf allen öffentlichen und privaten Sportanlagen wurde vorübergehend eingestellt (u.a. Schwimmbäder, Fitnessstudios).

Betroffen ist somit das gesamte öffentliche Leben wie bereits in Italien [ii]. Ein besonders starker Einschnitt, der noch am längsten hinausgezögert wurde, ist die Schließung von Schulen und Kitas bis zum Ende der Osterferien und dies nahezu flächendeckend. Wie Arbeit und Kinderbetreuung konkret organisiert werden kann, bleibt vielen Arbeitnehmer_innen und Arbeitgeber_innen derzeit noch ein Rätsel. Ob und wie der öffentliche Nahverkehr weiter aufrechterhalten werden kann, ist derzeit ebenso ungewiss. Für heute wurde angekündigt, dass der Regionalverkehr eingeschränkt wird. Die Bahn rechnet damit, dass die Zahl an Berufspendler_innen wegen des Bedarfs der Kinderbetreuung nun sowieso stark abnehmen wird. Ad hoc wurden jetzt auch hierzulande Grenzkontrollen beschlossen, um den Reiseverkehr zu unterbinden mit dem Ziel, der weiteren Ausbreitung Herr zu werden. Mit der Einschränkung des Verkehrs nicht nur in Deutschland, sondern auch andernorts wächst derzeit die Sorge um Versorgungssicherheit. In manchen europäischen Ländern wie Italien, Österreich und Spanien wurden inzwischen Ausgangssperren verhängt, in Deutschland wird darüber derzeit debattiert.

Sorge um die gesellschaftlichen Auswirkungen

Über die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Krise lässt sich derzeit nur spekulieren, aber sie werden massiv sein. Der Aktienindex Dax ist heute auf ein Vierjahrsrekordtief unter 9000 Punkte gesunken. Zahlreiche Personengruppen (u.a. Kulturschaffende), Einrichtungen und Unternehmen sehen sich in ihrer Existenz bedroht, erste Petitionen sind bereits angelaufen. Finanzielle Unterstützungsmaßnahmen für die hiesige Wirtschaft wie Kreditzusicherungen, Kurzarbeitergeld und Steuererleichterungen wurden von Regierungsseite zwar bereits zugesichert, doch bieten sie momentan noch wenig konkrete individuelle Haltepunkte. Die politische Devise lautet im Einklang mit dem wissenschaftlichen Expertenrat derzeit primär „Flattening the Curve“, um einen Zusammenbruch des medizinischen Versorgungssystems bei einer exponentiellen Verbreitung hierzulande unbedingt zu verhindern. Wie lange dieser Ausnahmezustand also andauern wird und entsprechend auch die Höhe der wirtschaftlichen Konsequenzen ausfallen, ist von der Entwicklung der Zahlen an Neuinfizierten abhängig. Deshalb ist jede Bürgerin aufgefordert, den medizinischen Empfehlungen zu folgen, um dem unsichtbaren Virus möglichst zu entgehen und die Verbreitung dadurch zu verlangsamen. Die allgemeine Regel heißt, häufiges Händewaschen und Face-to-Face-Kontakte minimieren. Zur allgemeinen Verunsicherung trägt die Tatsache bei, dass die Symptome des Coronavirus SARS-CoV-2 sich nicht ohne Weiteres von Grippe- oder Erkältungssymptomen unterscheiden lassen. Dementsprechend hoch fällt der derzeitige Andrang auf die Hausärzte und die Testzentren aus, der organisatorisch bewältigt werden muss.

Die Politik rät zu Recht zur Besonnenheit. Was in dieser Krisensituation unbedingt zu vermeiden ist, sind Panik und Hysterie. Erste Anzeichen dessen zeigen sich im Phänomen der Hamsterkäufe. In den Supermärkten herrscht derzeit eine angespannte Stimmung, wenn sichtbar wird, dass ganze Regale leergefegt sind. Zwar gibt es bislang keine Lieferengpässe, doch scheint sich die Krisenwahrnehmung zunächst im Prepping niederzuschlagen. Kassierer_innen berichten von irren Einkäufen, Einkaufswagen quellen über, Toilettenpapier wird zum Symbolbild. Zur Mangelware sind hierzulande Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken geworden. Erstes kriminelles Verhalten zeigt sich in den bekannt gewordenen Diebstählen von Desinfektionsmitteln in Krankenhäusern, um mit der Angst in der Bevölkerung Geschäfte zu machen. Gesellschaftliche Solidarität ist gefordert und dies insbesondere gegenüber den als vulnerable Gruppen gefassten Kranken und Älteren. Nach ersten epidemiologischen Studien sowie den Erfahrungen mit dem Coronavirus im Ausbruchsland China liegt das Sterberisiko für diese Lungenkrankheit angeblich bei 0,3 bis fünf Prozent, bei Personen ab 65 Jahren wohl deutlich höher [iii]. Dementsprechend wurde in den Kranken- und Pflegehäusern inzwischen auch die Besuchsmöglichkeit von Patient_innen eingeschränkt. Dass eine solche Kontaktsperre auch psychische Auswirkungen auf die Betroffenen hat, seien es Patientinnen im Krankenhaus oder Personen zu Hause in Quarantäne, ist naheliegend. Die gesellschaftliche Hilfsbereitschaft wächst demgegenüber wie bestimmte Solidaritätsaktionen für Hilfsbedürftige in Wien und Berlin in der #nachbarschaftschallenge demonstrieren. Eine jüngste Umfrage für Deutschland zeigt darüber hinaus, dass die Bereitschaft, sich einzuschränken, „überraschend hoch“ ausfällt.  

Doch die Frage steht im Raum: Wie lange lässt sich ein solcher Ausnahmezustand halten, ohne die soziale Ordnung zu gefährden?

Wissenschaftliche Politikberatung

Die politischen Entscheidungen in der Corona-Krise bauen derzeit vorrangig auf wissenschaftliche Einschätzungen von Expertinnen aus der Virologie und Epidemiologie. Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte in ihrer Videobotschaft vom 11. März 2020: „Die Maßstäbe für unser Handeln, unser politisches Handeln ergeben sich aus dem, was uns Wissenschaftler und Experten sagen.“ Wissenschaft und Politik scheinen sich nie näher gewesen zu sein. Gemeinsam geht es darum, diese große gesellschaftliche Herausforderung zu meistern, die vor allem schnelles politisches Handeln erfordert [iv]. Das Verhalten in der Krise gilt zugleich als Paradebeispiel für Wissenschaftskommunikation [v]. Beispielsweise berichtet Prof. Dr. Christian Drosten von der Charité Berlin, inzwischen eine prominente Figur, seit dem 28. Februar 2020 täglich im NDR-Podcast mit sehr viel Zuruf über die neueren Entwicklungen und teilt seine wissenschaftlichen Einsichten. Bemerkenswert daran ist, dass die Stimme der Wissenschaft hier eben gerade nicht apodiktisch daherkommt, sondern ganz nah am laufenden Forschungsprozess auch Revisionen des vorher Gesagten miteinschließt und die Gründe dafür einem fachfremden Publikum genauer erläutert. Da nicht nur der Virus, sondern auch die Form einer Pandemie hierzulande unbekannt ist, sind alle politischen Entscheidungen und Verhaltensregeln derzeit nur unter dem Vorzeichen wissenschaftlicher Unsicherheit möglich. Dennoch und das ist bezeichnend, steht die epistemische Autorität der Expert_innen dadurch nicht in Frage. Hinzukommt die relative Einigkeit unter den Expert_innen. Aber reicht die medizinische Einschätzung in dieser Krise für Politik und Öffentlichkeit aus oder braucht es nicht endlich vielfältigere Stimmen aus der Wissenschaft, und zwar zu den ökonomischen, politischen und sozialen Implikationen? Wie wirken sich die gegenwärtig laufenden und angekündigten Beschränkungen des öffentlichen Lebens konkret aus, welche möglichen Risiken gilt es zu vermeiden? Wie lassen sich relevante Informationen für unterschiedliche Gruppen am besten aufbereiten und zirkulieren?

Zur Rolle der Soziologie als Beratungsinstanz

Momentan sind wir als Soziologinnen und Soziologen wie alle Bürger_innen auch vermutlich primär damit beschäftigt, die neuesten Regelungen und verwaltungstechnischen Anweisungen zu registrieren und individuelle Bewältigungsstrategien für den Alltag zu entwickeln: Wir sind eifrig dabei, unseren Forschungs- und Lehrkontext zu reorganisieren [vi], alternative Kinderbetreuung sicherzustellen, Mobilität zurückzufahren, Sorge für Familienmitglieder zu tragen und dabei dem Vorsatz der sozialen Distanzierung zu folgen. Die Berufsrolle ist zum Teil irritiert, das Handeln der Organisation verzögert, Patentrezepte gibt es nicht.

Selbst auf die Gefahr hin, dass ich meine derzeitige Rolle als Autorin des SozBlogs mit diesem Appell überziehe: Doch wäre jetzt nicht genau der richtige Zeitpunkt, um die Vielfalt der soziologischen Expertise zu bündeln und Beratungsleistungen für das Krisenmanagement auf verschiedenen Ebenen zu erarbeiten? Wäre das nicht Teil des öffentlichen Auftrags der Soziologie als Wissenschaft, die über das soziale Zusammenleben von Individuen in der Gesellschaft forscht, ihre relevanten Erkenntnisse in dieser Ausnahmesituation einzubringen, und zwar auch zu präventiven Zwecken für die Gesellschaft unter Quarantäne? Public Sociology at its best? Neben reflexivem Wissen ist momentan Orientierungswissen gefragt, doch wie und womit fängt man an? Womit wurde bereits begonnen? Welche Erkenntnisse lassen sich aus der Katastrophen-, Organisations-, Bildungs-, Medizin-, der Familien-, der Mediensoziologie oder allen weiteren Speziellen Soziologien auf diesen Fall übertragen? Welche politischen Vorkehrmaßnahmen sind zu treffen, um die zu erwartenden Negativeffekte eines gesellschaftlichen Shutdowns abzufedern und unbeabsichtigte Folgen frühzeitig zu antizipieren? Welche Forschungsprojekte sind eventuell bereits angelaufen, auch und gerade im internationalen Vergleich?

Hinweise, Sammlungen, Analysen, Anregungen, Diskussionen auf dem Blog sind herzlich willkommen.



[i] So der Titel des anstehenden Soziologiekongresses im September in Berlin, der nun wie eine weise Vorausschau klingt.  

[ii] Italien als das hinter China zurzeit am zweitstärksten vom Coronavirus betroffene Land verzeichnet momentan laut aktuellen Nachrichten 250 Tote pro Tag.

[iii] Die Bezifferung der Sterberate unterscheidet sich hier je nach Region. Angesichts der unbekannten Dunkelziffer sind zum jetzigen Zeitpunkt noch keine verlässlichen Zahlen und vergleichenden Studien verfügbar. Laufend aktualisierte Informationen dazu liefert das Fact Sheet des Science Media Centers.

[iv] In der Klimakrise gelingt dies bekanntlich nicht.

[v] Wissenschaftskommunikation mehr zu fördern, entspricht zugleich den aktuellen politischen Zielstellungen.

[vi] Dies soll Thema des nächsten Blogposts werden, falls nichts Anderes dazwischenkommt.

Das Medium 2.0 ist die Botschaft (2/2)

Bloggen für oder gegen den Ruhm?

Kann sich das Schreiben eines Blogs für eine Wissenschaftlerin lohnen? Aus reputationstaktischer Sicht sicher nicht. Dies ungeachtet dessen, dass in einigen Fächern der Ruf laut wird, ein „digital scholarship“ [i] auszubilden. Hier und anderswo ist es der begutachtete Fachartikel, der auf das Reputationskonto einzahlt. Alles andere, ob Sammelbandbeiträge, aufwändige Rezensionen oder eben Blogbeiträge sind in der Regel nicht peer-reviewed, daher zählen sie (vielerorts) nicht [ii]. Wissenschaftliche Karrierefibeln würden einem daher raten, sie gar nicht erst zu schreiben. Warum aber der standardisierte und begutachtete Aufsatz zum Goldstandard im eigenen Fach zu werden scheint, bleibt in einer Hinsicht rätselhaft. Dafür muss man nur auf die experimentellen Naturwissenschaften schauen, allen voran die Biowissenschaften, in denen die Definitionsmacht bestimmter Zeitschriften über wissenschaftliche Qualität ihren Anfang genommen hat. Mit der globalen wissenschaftlichen Expansion und der Anwendung journalbasierter Indikatoren und Ratings wurde die Was-Frage durch die Wo-Frage abgelöst, „publish-in-top- journals-or-perish“.

Dafür gibt es zunächst gute Gründe. Eine Veröffentlichung in einer renommierten Zeitschrift suggeriert geprüfte Qualität nach innen und außen. Die Delegation der Qualitätsprüfung an Journale wirkt auf die wissenschaftliche Community befreiend und beschränkend zugleich. Es befreit jede Einzelne von der genaueren Lektüre, aber beschränkt die eigene Autonomie des kritischen Urteilsvermögens im Zuge der Rezeption und Bewertung. Wie die biomedizinische Forschung illustriert, sind auch die renommiertesten Journale nicht davor gefeit, dass sich publizierte Artikel im Nachhinein als falsch oder gar als Fälschung herausstellen – trotz Peer Review. Fälle dieser Art mehren die Kritik am Peer Review-System und an der Verwendung journalbasierter Indikatoren, insbesondere, weil ganze Karrieren aus Sicht der Betroffenen an Publikationen in den Spitzenzeitschriften hängen und damit einen unlauteren Wettbewerb hervorbringen, der dem Wissenschaftssystem mehr schadet als nützt [iii].

In der Soziologie existiert bislang weder ein formalisiertes Zeitschriftenrating (wie in den Wirtschaftswissenschaften) noch erlaubt der Journal Impact Factor ein Ranking nach Prestige, wenn die numerischen Unterschiede, gerade im deutschsprachigen Raum, zumeist nur in der Nachkommastelle liegen. Daher sind die Nebenfolgen des Impact Factor Games, wie man sie aus manchen naturwissenschaftlichen Fächern kennt, hier kaum virulent. Auf die Gefahren einer missbräuchlichen Nutzung zitationsbasierter Indikatoren haben DORA und das Leiden Manifesto on Research Metrics in den letzten Jahren eindringlich hingewiesen. Schon aus methodologischen Gründen eignen sich quantitative Maßzahlen nicht für Qualitätsaussagen über einzelne Artikel. Der inhaltliche Aussagewert journalbasierter wie artikelbasierter Zitationsstatistiken ist begrenzt. So kann empirisch betrachtet ein Artikel besonders hoch zitiert werden, entweder, weil er wissenschaftlich außerordentlich relevant oder im Gegenteil, besonders kontrovers aufgenommen wird und am Ende sogar zurückgezogen wird. [iv]

Hochzitierte Beiträge bilden jedoch mit Blick auf bibliometrische Daten eher die Ausnahme, von der deutschsprachigen Soziologie sowieso einmal ganz abgesehen. Die Zitationshöhe bleibt von vielen Faktoren abhängig: Publikationssprache, Größe des Fachs, Anzahl der Autorinnen usw. [v]. Der Erfinder des Journal Impact Factors und Gründer des Institute for Scientific Information, das das Web of Science aufgebaut hat, Eugene Garfield, rechnete einmal vor, dass von insgesamt 38 Millionen Zeitschriftenartikeln aus allen Fächern, die zwischen 1900 und 2005 veröffentlicht wurden, nur 0,5 Prozent mehr als 200-mal zitiert worden sind, 50 Prozent hingegen kein einziges Mal [vi]. Aus diesen Zahlen lässt sich nun weder schließen, dass die nicht-zitierten Beiträge gar nicht rezipiert worden sind, noch, dass die zitierten Beiträge auch gelesen wurden. Fest steht lediglich: Um wissenschaftliche Forschung befruchten zu können, müssen Ergebnisse zumindest sichtbar, verfügbar und auch nachgefragt sein. Beiträge, deren Titel gar nicht erst indexiert sind [vii], lassen die nötige Sichtbarkeit und damit auch die ihrer Zitationen häufig vermissen. Über ihre Wissenschaftlichkeit ist damit noch nichts gesagt.

Der Veröffentlichungsort erfüllt seine Funktion vor allem hinsichtlich der Rezeptionswahrscheinlichkeit. Je renommierter der Publikationsort (und je prominenter die Autorin) desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wissenschaftliche Ergebnisse auch wahrgenommen werden. Werden sie wiederum wissenschaftlich zitiert, gelten sie als wissenschaftszughörig. Prinzipiell sind aber weder Wissenschaftlichkeit noch wissenschaftliche Anschlussmöglichkeiten an bestimmte Publikationsmedien gebunden. Wenn man Wissenschaft als Kommunikationssystem fasst, dann ist es quasi unerheblich [viii], wo und wie etwas erschienen ist, um Anschlüsse zu generieren. Auch Blogs, genauso wie mediale Beiträge, könnten somit genauso wie Zeitschriftenartikel Wissenschaft potenziell anregen und/ oder die eigene Forschung voranbringen. Blogs oder andere soziale Medien per se als unwissenschaftlich zu deklarieren, scheint daher verfehlt, es kommt vielmehr auf die Nutzungs- und Rezeptionsweisen an.

Ein besonderer Vorteil des von einer Fachgesellschaft betriebenen Blogs ist, dass er – ohne hier auf Zahlen zugreifen zu können – Aufmerksamkeit generiert, um spezifische Themen und Inhalte zirkulieren zu lassen. Der öffentlich zugängliche Blog bedeutet somit eine sehr viel größere Reichweite als die eines Artikels in einer speziellen Fachzeitschrift. Damit kommt der Blog dem narzisstischen Grundbedürfnis der Wissenschaftlerin sehr entgegen, gelesen und womöglich verstanden zu werden.

Blogs versus Zeitschriftenartikel

Man könnte sogar behaupten, dass Blogs wissenschaftlichen Erkenntnisansprüchen vielleicht sogar noch näherkommen können als der standardisierte Forschungsartikel. Der Grund liegt nicht nur darin, dass digitale Blogbeiträge ohne Publikationsverzögerungen erscheinen können. Vielmehr zeigt der Blick zurück auf Flecks Ausführungen, dass der Zeitschriftenartikel inzwischen einen derartigen Bedeutungswandel erfahren hat, dass er den Merkmalen der Handbuchwissenschaft heute fast näher zu sein scheint, anstatt Raum für Neues bereitzustellen. Das der Zeitschriftenpublikation vorgeschaltete Peer Review Verfahren wird inzwischen mit Anforderungen überfrachtet, die per se nicht erfüllt werden können. Die Akzeptanz eines Manuskripts bedeutet nicht, dass die Ergebnisse wahr sind, sondern dass sie (von zumeist zwei Expertinnen) für publikationswürdig gehalten werden. Eine Überprüfung unter Wahrheitsgesichtspunkten würde gerade in den experimentellen Wissenschaften bedeuten, Ergebnisse im Labor zunächst versuchen zu replizieren, um daraufhin eine Veröffentlichungsentscheidung zu treffen. Dies ist alleine aus organisatorischen Gründen nicht möglich [ix]. Bereits die Suche nach geeigneten Gutachterinnen ist herausfordernd genug.

Wenn heute disziplinübergreifend von einer Replikationskrise der Wissenschaft die Rede ist, bedeutet dies, dass nicht alle zur Publikation zugelassenen Ergebnisse halten, was sie versprechen. Die Ursachen für Replikationsprobleme sind vielfältig, sicherlich spielen auch Fehlanreize hinein, die zum Trimming und Cooking von Daten geradezu verführen, um einen der begehrten Publikationsplätze zu ergattern. Die Annahme aber, dass es sich bei Zeitschriftenartikeln um bereits gesichertes Wissen handelt oder handeln sollte, verkennt die Logik der Wissenschaft, die ja gerade von der wechselseitigen Kritik lebt, um zu gesicherten Erkenntnissen zu gelangen. Dafür müssen sich die individuell gewonnenen Erkenntnisse aber auch der Kritik der Community aussetzen dürfen, sprich, veröffentlicht werden.

Genau aus diesem Grund war die Erfindung der wissenschaftlichen Zeitschrift im 17. Jahrhundert ein Katalysator für die Ausdifferenzierung der Wissenschaft. Mit der Umstellung vom adressatenbeschränkten Briefverkehr auf die Veröffentlichung der Erkenntnisse in regelmäßig erscheinenden wissenschaftlichen Zeitschriften wurde die Kumulation von Wissen vorangetrieben. Bis sich der Zeitschriftenartikel als primäre Form der Wissenschaft durchsetzte, dauerte es noch bis zum 19. Jahrhundert, in welchem auch der Artikel zu jener Form fand, die bis heute prägend ist. [x] Der wissenschaftliche Aufsatz kam dem Wunsch nach Sicherung der Entdeckungspriorität nach. Wenn wir heute unsere Publikationslisten online ausstellen, über Autorinnenreihenfolgen streiten und aus der Neurobiologie erfahren, dass Veröffentlichungen in High-Impact Journalen Glücksgefühle auslösen, dann wird einmal mehr deutlich, wie sehr wissenschaftlicher Reputationserwerb an Veröffentlichungen geknüpft ist und damit als soziale Motivationsstruktur wirkt.

Dabei hat sich im Laufe der Geschichte der Status des Forschungsartikels verändert. „The technique of the scientific paper, through simple and probably accidental in its origin, was revolutionary in its effects. The paper became not just a means of communicating a discovery, but, in quite a strong sense, it was the discovery itself“ (de Solla Price 1981: 3) [xi].

Dass eine solche implizite Gleichsetzung an Grenzen stößt, zeigt die gegenwärtige Infragestellung zahlreicher Publikationen in allen Disziplinen. Der Blog Retraction Watch liefert dafür genügend Anschauungsmaterial. Nicht nur, dass transparent wird, dass manche Ergebnisse nicht replizierbar sind und auf Irrtümern oder Fälschungen aufruhen. Vielmehr steht zur Debatte, ob der standardisierte, begutachtete Fachartikel statt Innovationen hervorzubringen, nicht vielmehr den Mainstream befördert und zwar aus strukturellen Gründen. Dafür muss man gar nicht unbedingt der These des Akademischen Kapitalismus folgen.

Es reicht vollkommen aus, die persönlichen Leseerfahrungen in Erinnerung zu rufen. Welche Artikel haben Sie in letzter Zeit besonders inspiriert? Wo kamen die Richtungsimpulse für die eigene Forschung her, aus aktuellen oder älteren Zeitschriftenartikeln, Buchbeiträgen oder Monographien – oder gar aus Tweets, Blogs oder Gesprächen? Worüber lohnt es zu diskutieren? Welche ‚Entdeckungen‘ finden gebietsübergreifend Resonanz, an welchen Veröffentlichungen kommt man in der Soziologie aktuell nicht herum? Mit diesen Fragen will ich hier im Blog gar keine Listenerstellung in der Kommentarspalte einfordern, dafür wäre Twitter sicher das geeignetere Medium. Worauf ich nur hinaus will, ist, dass die Funktion des Blogs für die Soziologie genau darin liegen könnte, eine Inspirationsquelle abzugeben – wie jedes andere Publikationsmedium auch, nur mit dem expliziten Anspruch versehen, die Leserinnen zum Mitdenken aufzurufen.

Um dem Bloggen für die Soziologie aber zum Erfolg zu verhelfen [xii], braucht es hierzulande noch eine Verständigung über die Zitierwürdigkeit von Blogposts und die Zuweisung einer DOI, um die technische Zitierfähigkeit zu erweitern – das vielleicht als Anregung an die DGS. Dies wäre nicht zuletzt auch für die Wissenschaftsforschung lohnenswert, denn empirisch betrachtet bleiben die Verwendungsweisen von Blogeinträgen noch größtenteils im Dunkeln, da etwaige Verweise nicht automatisch (nein?) wie Zitationen auf Zeitschriftenartikel getrackt werden.

Was folgt

Damit bin ich mit meiner Selbstvergewisserung, was ein Blog kann und soll, erst einmal am Ende. Wenn ich als Wissenschaftssoziologin also ab sofort für den SozBlog schreibe, dann geht es mir darum, mein Forschungsfeld praktisch unter die Lupe zu nehmen und mich der Medialität eines Blogs spielerisch zu nähern. Die leitende Frage ist: Was bedeutet die Umstellung vom Printmedium auf digitale Verbreitungstechnologie für die Wissenschaft und die Wissenschaftlerin?

Für Sie als Leserin kann ich die Erwartungen an den Blog nur insoweit wecken, als dass ich mich in den kommenden Wochen um eine Art öffentlich geführtes Forschungstagebuch bemühe, das über Fundstücke im Bereich Wissenschaftsforschung und Wissenschaftskommunikationsforschung berichtet. Publikationsfrequenz noch offen. Länge: kürzer (!). Es ist auch für mich ein Experiment. Ich hoffe, es ist für alle etwas dabei.


[i] Vgl. Hecker-Stampehl, J. (2013). Bloggen in der Geschichtswissenschaft als Form des Wissenstransfers. In: P. Haber & E. Pfanzelter (Hrsg.), historyblogosphere. Bloggen in den Geschichtswissenschaften München: Oldenbourg, S. 37–50.

[ii] Welche Effekte die Verdrängung aller anderen Publikationsmedien zugunsten des begutachteten Artikels zeitigt, lässt sich wohl derzeit am besten in den Wirtschaftswissenschaften studieren.

[iii] Die mit der Definitionsmacht der Journale über wissenschaftliche Karrieren verbundenen Gefahren für die Wissenschaft wurden von niemandem so eindrucksvoll geschildert wie von dem Biochemiker und seines Zeichens Nobelpreisträger Randy Schekman.

[iv] Mit Retractions hatte ich mich ausführlich in meiner Dissertation beschäftigt, als es darum ging, fehlende wissenschaftliche Relevanz von Artikeln (unabhängig vom Renommee der Zeitschrift) zu operationalisieren. Eine ausführliche Erörterung der Fallbeispiele aus der Stammzellforschung findet sich dementsprechend hier auf S. 190 ff.

[v] Trotz der weiten Verbreitung bibliometrischer Indikatoren und unzähliger Analysen bildet eine Theorie der wissenschaftlichen Zitation nach wie vor ein Desiderat.

[vi] Aus: Garfield, Eugene (2006): The History and Meaning of the Journal Impact Factor. JAMA, 295, 90–93. Über Hinweise zu aktuelleren Zahlen und großangelegten Untersuchungen wäre ich dankbar.

[vii] Mit der digitalen Veröffentlichung verliert jedoch auch die Zeitschrift insofern an Bedeutung, als dass personalisierte Empfehlungsdienste per Webcrawler die Informationen ungeachtet ihres Erscheinungsorts zur Nutzerin bringen.

[viii]  Die Umstellung auf post-publication peer review könnte einen Funktions­wandel der wissenschaftlichen Zeitschrift mit sich bringen, so zumindest die weitreichende Vision von: Kriegeskorte, Nikolaus (2012). Open Evaluation: A Vision for Entirely Transparent Post- Publication Peer Review and Rating for Science. Frontiers in Computational Neuro­science, 6 (79). doi: 10.3389/fncom.2012.00079

[ix] Im Kontext eines Fälschungsskandals rund um Klonierung hat die Zeitschrift Nature tatsächlich ein sogenanntes replicator’s review veranlasst, um die proklamierten Ergebnisse vor der Veröffentlichung verifizieren zu lassen.

[x] Zur Historie des experimentellen Papiers siehe Bazerman, Charles (1988): Shaping Written Knowledge. The Genre and Activity of the Experimental Article in Science. Madison: The University of Wisconsin Press.

[xi] Price, Derek J. de Solla (1981): The Development and Structure of the Biomedical Literature.In: Warren, Kenneth S. (Hg.): Coping with the Biomedical Literature. New York: Praeger Publications, 3–16.

[xii] Wie man die Sichtbarkeit von Blogs über soziale Medien noch weiter erhöht und die Aufmerksamkeit auf Themen lenkt, lehrt das Blogimperium der London School of Economics, so bspw. der lesenswerte LSE Impact Blog.

„Man darf sich nie von seinem Gegner den Grad der Radikalität des eigenen Denkens und Handelns vorschreiben lassen“. Hans Paul Bahrdt und die „68er“-Bewegung. Ein Gespräch mit Wolfgang Eßbach (Teil 1)

Römer:

Lieber Herr Eßbach, im Rahmen des 39. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) werden Sie über den Kriegsheimkehrer und Soziologen Hans Paul Bahrdt reden und Bahrdts Weg zur Soziologie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg skizzieren. Bereits im Wintersemester 2015/16 haben Sie einen autobiographisch orientierten Vortrag über Ihre Zeit in Göttingen von 1966 bis 1986 gehalten, in dem auch Bahrdt eine wichtige Rolle spielte. Es liegt deshalb nahe, in einem Gespräch auf die Verknüpfungen zwischen beiden Vorträgen etwas ausführlicher einzugehen. Bahrdt selbst war ja in den 1960er Jahren neben dem aus Wilhelmshaven gekommenen Max Ernst Graf zu Solms Roedelheim das professorale Gesicht des Göttinger Soziologischen Seminars. Zugleich hatte Bahrdt schon in den späten 1950er Jahren mit den gemeinsam mit Heinrich Popitz, Ernst August Jüres und Hanno Kesting durchgeführten empirischen Untersuchungen in der Hüttenindustrie des Ruhrgebiets als Industriesoziologe auf sich aufmerksam gemacht – eine Untersuchung, die nicht nur wichtige methodologische Innovationen bot, sondern auch in der zwischen Soziologie, Sozialdemokratie und westdeutscher Linker ausgetragenen Diskussion über die Klassenstruktur der Bundesrepublik intensiv zur Kenntnis genommen wurde. Mit dem 1961 erschienenen Buch „Die moderne Großstadt“ wirkte Bahrdt über eine engere Fachöffentlichkeit hinaus in andere Berufsfelder wie zum Beispiel Architektur und Stadtplanung. Er machte Mitte der 1960er Jahre außerdem eine Sendereihe für das Fernsehen, um die Soziologie einem breiteren Publikum zu präsentieren und war Impulsgeber für die Gründung des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) in Göttingen.

Kurzum: Bahrdt war ein öffentlicher Soziologe, wie er im Bilderbuch steht, und in der Zeit, in der Sie nach Göttingen kamen, auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft und Bekanntheit. „„Man darf sich nie von seinem Gegner den Grad der Radikalität des eigenen Denkens und Handelns vorschreiben lassen“. Hans Paul Bahrdt und die „68er“-Bewegung. Ein Gespräch mit Wolfgang Eßbach (Teil 1)“ weiterlesen

Trojanische Soziologie – ‚sich der Öffentlichkeit unterjubeln‘

Eigentlich hätten wir der Welt so viel zu sagen, doch die Soziologie ‚fremdelt‘ in der Öffentlichkeit. Als Ursache für das Problem wurde die Lücke zwischen professioneller Forschung und öffentlicher Kommunikation ausgemacht – unter dem Schlagwort ‚Public Sociology‘ wird an der Rückeroberung des Publikums gearbeitet. Dabei scheint man sich heutzutage vom Begriff der Intellektuellen eher abzugrenzen – das klingt wohl zu bevormundend, größenwahnsinnig oder einfach nur altbacken. Nichtsdestotrotz: Intellektuelle des letzten Jahrhunderts stehen für eine Hochphase der öffentlichen Soziologie. Sie erfüllten den Anspruch, sozialwissenschaftliche Analyse und Kritik zu artikulieren und damit selbst Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen zu nehmen. Im Unterschied zu damals, so unsere These, muss man die Soziologie heute der Öffentlichkeit ‚unterjubeln‘ – als trojanisches Pferd.

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‚Make sociology great again‘? Vom Fremdeln mit dem SozBlog

Der Ruf nach einer öffentlichen Soziologie ist sicherlich nichts Neues, gewinnt aber angesichts der Debatten um die ‚Krise Europas‘ und den ‚Populismus‘ wieder an Relevanz. Die meisten SoziologInnen stehen dem ‚Projekt‘ öffentliche Soziologie wohlwollend gegenüber, zielt es doch auf eine Aufwertung der Disziplin in Sachen Sichtbarkeit und ‚social impact‘. Womöglich versprechen wir uns davon sogar den vergangenen Status einer Leitwissenschaft wiederzuerringen, frei nach dem Motto: Public Sociology – ‚make sociology great again‘. Geht es jedoch um eine konkrete Beteiligung am öffentlichen Soziologisieren, wird es meistens recht still. Wieso das? Prinzipielle Zustimmung aber praktische Vernachlässigung? Eine schöne Gelegenheit, mit diesem scheinbaren Widerspruch eine soziologische Argumentation zu motivieren. Wir ergreifen sie anhand des SozBlog, den die Frage nach öffentlicher Soziologie schon vor einigen Jahren umgetrieben hat:

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Fack ju, Sohziologie!? Eine Bemerkung zum Verhältnis von Schule und Soziologie

Die Ökonomisierung des Sozialen ist eine vielfach konstatierte und diskutierte, hier und da auch heftig beklagte Tatsache: Wirtschaftliche Paradigmen, Leitcodes, Werte durchdringen die anderen gesellschaftlichen Teilsysteme oder Bereiche und zwingen sie unter die Knute von Profit und Effizienz. Seit etlichen Jahren gibt es entsprechende Veränderungen der schulischen Lehrpläne, der Schulbuchinhalte und der Lehramtsausbildungen. Weil die Kinder und Jugendlichen keine ausreichenden Wirtschaftskenntnisse hätten, so heißt es, brauche es mehr ökonomische Bildung – die, das zeigt die Empirie (und das monierte auch Reinhold Hedtke jüngst in diesem Blog), ohne soziologische Fundierung, gar ohne jegliche soziologische Beteiligung und Expertise in die Schulbücher, Curricula und Kompetenzrahmen eingezogen ist.

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Teilende Wirtschaft und Gesellschaft

Die Sharing Economy bewegt die Gesellschaft. Die Proteste französischer Taxifahrer gegen den Mitfahranbieter Uber und das verschärfte Zweckentfremdungsverbot für Berlin, das vor allem gegen Übernachtungsanbieter wie Airbnb gerichtet ist, verdeutlichen dies eindrucksvoll. Was kann eine soziologische Analyse dazu beitragen, das offenbar nicht friktionslose Verhältnis von teilender Wirtschaft und Gesellschaft besser zu verstehen?

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„Drei Stile des Bloggens: Professional – Personal – Public Sociology“

Sozblog 1: „Drei Stile des Bloggens“

Intro:
Bloggen ist für mich eine ganz neue Praxis. Am besten fängt man einfach damit an; nur so kann man Erfahrungen sammeln – frei nach Kleist: Über die Verfertigung der Gedanken beim Schreiben! Trotzdem vorweg ein Ergebnis meiner Recherche in alten Sozblogs und anderen benachbarten Blogs: drei Stile und Gattungsverwandtschaften soziologischen Schreibens: „professional“, „personal“ und „public sociology“. „„Drei Stile des Bloggens: Professional – Personal – Public Sociology““ weiterlesen

Public Sociology und populäres Wissen (2):

Public Sociology, Wissenschaft und Öffentlichkeit

Armin Nassehi bestreitet die These von Nina Baur, das SozBlog würde bereits „öffentliche Soziologie“ (also „public sociogy“) bedeuten (in den Kommentaren). Dennoch steht außer Frage, dass Blogs (Weblogs) besondere kommunikative Medienformate darstellen. Diese gehen aufgrund ihrer interaktiven und technischen Formate weit über eine bloße neue „Textsorten“ hinaus, sind aber keineswegs spezifisch für die Wissenschaft. Blogs werden ja von allerlei Menschen für allerlei Zwecke geschrieben (Diese Zwecke kann man vermutlich kaum als „Funktionen“ beschreiben, auch wenn man vermuten kann, dass der Blog – wie jede kommunikative Gattung – bestimmte Probleme kommunikativen Handelns löst). Aus diesem Grund entspricht das Blog durchaus der Forderung des ehemaligen Präsidenten der Amerikanischen Soziologischen Gesellschaft, die Soziologie in die Gesellschaft zu tragen, indem sie sich an öffentlichen Debatten beteiligt (Burawoy 2005).

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Das Sommerloch-Soziologische-Theorie-Blog, Public Sociology und das Populäre

Mit dem ersten August übernimmt Hubert Knoblauch den Staffelstab des SozBlog von der Redaktion des soziologiemagazins e.V. Damit tritt an die Stelle des kollektiven „Wir“ der Redaktion wieder ein „ich“, das besondere Hintergründe und thematische Interessen hat (mehr zu meiner Person als in der Kurzangabe zu den AutorInnen können Sie auf meiner Homepage erfahren). Mit diesem Wechsel tritt an die Stelle von „digital natives“, die gekonnt mit dem Medium umgehen können, ein Vertreter jener Generation, die ihr Handwerk noch mit den alten Medien gelernt hat. Zumindest meine Magisterarbeit habe ich noch auf einer (mechanischen) Schreibmaschine getippt und Blogs gehören für mich – eher aus zeitlichen Gründen – keineswegs zu den vertrauten Umgangsformen. Aus diesen Gründen stellt die Übernahme des Blogs für mich auch ein Experiment dar, zumal ich ihn mit einer dezidiert theoretischen Ausrichtung betreiben möchte. Diese experimentelle Ausrichtung war auch der Grund für meinen Vorschlag an die Deutsche Gesellschaft für Soziologie. Ich bin der DGS dankbar, dass sie dieses Wagnis mit mir eingegangen ist.

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SozBlog als Mittel für Public Sociology?

Vor zwei Monaten habe ich geschrieben, dass ich zwar finde, dass die Soziologie – im Sinne der „Public Sociology“ – der Öffentlichkeit Deutungsangebote bereitstellen sollte, dass ich aber nicht sicher bin, ob Blogs hierfür die geeignete Form sind und dass ich es (für mich) schlicht ausprobieren muss. Heute – an meinem letzten Tag auf diesem Blog – möchte ich diese Frage noch einmal aufgreifen und mit einer Bitte an die Leser um Feedback verbinden – insbesondere an die Nicht-Soziologen unter Ihnen, an diejenigen, die regelmäßig gelesen haben sowie diejenigen, die sonst nie etwas kommentieren (sozusagen die schweigende Mehrheit).

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Konsumgütermärkte als komplexe Interaktionsketten. Ein Zwischenfazit

Anfang März hatte ich mir das Ziel gesteckt, meine Zeit auf diesem Blog einerseits zu nutzen, um verschiedene Textformate auszuprobieren, andererseits in dieser Zeit (im Sinne der „Public Sociology“, die Soziologie als Krisenwissenschaft deutet, die Deutungsangebote bereitstellt) ein aktuelles Thema herauszugreifen und zu diskutieren. Da ich selbst mich sehr stark für Märkte interessiere, habe ich angesichts der Lebensmittelskandale der vergangenen Monate den Lebensmittelmarkt als konkretes Beispiel einen Konsumgütermarkt ausgewählt, mit der Absicht, einen Beitrag zu dem Versuch leisten, moderne (Lebensmittel-)Märkte und die Risikoproduktion auf diesen Märkten besser verstehen. Da ich jetzt ungefähr bei der Hälfte meiner Schreibzeit angekommen bin und am Montag (zumindest hier in Berlin) die Vorlesungszeit anfängt, ist dies ein guter Zeitpunkt, um ein Zwischenfazit zu ziehen: Was habe ich bisher gemacht? Wie ordnen sich die bisherigen Beiträge in das Gesamtgefüge ein? Und was plane ich noch, in den nächsten Wochen zu schreiben?

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Public Sociology. Über die Soziologie als Krisenwissenschaft

Auf diesem Blog wurde mehrmals die Frage gestellt, worin der Sinn des Bloggens oder – allgemeiner – der Sinn der Soziologie liege. Dies ist keine neue Frage – in der Tat stellt sich die Soziologie diese immer wieder selbst und muss sie sich vielleicht als „ewig jugendliche Wissenschaft“ (Weber 1904: 206 [1]) immer wieder stellen.

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Soziologie und Öffentlichkeit: eine Wissenschaft über den Wolken oder zum Anfassen – was wollen wir? (SozBlog 2012, Treibel 2)

Annette Treibel, 27. Januar 2012, für SozBlog, den Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

Vom 29. September bis zum 1. Oktober 2011 fand der Soziologie-Dreiländerkongress in Innsbruck zum Thema „Neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit“ statt. Dort haben 700 TeilnehmerInnen die Öffentlichkeit(en) unter die Lupe genommen, aber nicht so sehr sich selbst.
Der Kongress war gut organisiert, mehrheitlich gut gelaunt und schwitzte, zumindest draußen – die sommerlichen Temperaturen führten dazu, dass die Schattenplätze vor dem SOWI-Gebäude und in den Straßencafés besonders begehrt waren. Und der Kongress fuhr auf den Berg – das war ein logistisch aufwändiges Unternehmen, bis die TeilnehmerInnen in mehreren Etappen mit Seilbahn(en) und Bussen hinauf- und vor allem wieder hinunter geschafft waren. „Soziologie und Öffentlichkeit: eine Wissenschaft über den Wolken oder zum Anfassen – was wollen wir? (SozBlog 2012, Treibel 2)“ weiterlesen

Mikroblogging: kurz, schnell und unberechenbar (3/3)

Der Versuch einer soziologischen Interpretation des Phänomens Mikroblogging im letzten Post hatte zu drei Thesen geführt, die mit den Schlagworten „Häppchenkommunikation“, „Subjektivierter Stil“ und „Ultrabeschleunigung“ überschrieben wurden. Mit vier weiteren Thesen soll das Bild komplettiert werden. Dies kann und will insgesamt nicht mehr sein als eine erste Annäherung an dieses eigenwillige Medium auf Basis persönlicher Erfahrungen (als ein „Selbstversuch“ begleitend zu einem Forschungsprojekt). Ein Medium, das sich derzeit mit großer Dynamik verbreitet, deren Konsequenzen noch kaum abschätzbar sind. Wenn man regelmäßig ‚twittert‘, kann man regelrecht zuschauen, wie sich die Formen entwickeln und der Kreis der Nutzer sprunghaft erweitert und dabei verändert. „Mikroblogging: kurz, schnell und unberechenbar (3/3)“ weiterlesen