The Presentation of Self in Digital Life

von Michael Wetzels

Es scheint sich wieder einmal, wenn auf die Ereignisse diesen Jahres geblickt wird, die Aktualität von Erving Goffmans berühmter Frage „What is it that‘s going on here?“[i] zu bestätigen. Allerdings hätte auch er nicht die beinahe schwindelerregende Dynamik vorausgesehen, welche eine ‚Gesellschaft unter Spannung‘ auszeichnet. Denn nicht nur die „Weltgesellschaft“[ii], sondern auch die DGS steht auf diesem digitalen Kongress unter ‚Spannung‘. Die Corona-Pandemie deckt wie keine andere „Singularität“[iii] der letzten Jahre die Brüchigkeit und Routinen auf, welche sich in das universitäre Leben eingebrannt haben. Ein digitaler Kongress mag zunächst wie ein Segen klingen. Statt Kaffee vom Buffet nun Genuss aus der hauseigenen Kanne, kein frühes Aufstehen und Rennen zum nächsten Seminarraum, alles digital, alles entspannt. Wirklich? Weit gefehlt. Denn in Routinen sind auch die Formen eingelassen, welche wir als Soziolog*innen nur zu gut kennen, nämlich wissenschaftliche Inszenierungen des Selbst. War vorher noch der Auftritt vor und in einem lokalen Livepublikum Teil solcher Inszenierungsstrategien, wechselt diese Form nun auch vom Analogen ins Digitale.

Für mich als Ethnographen ist dieser Umstand höchstinteressant. Denn was macht nun solch eine räumliche „Not-Ordnung“[iv] mit der Inszenierung von Sozialwissenschaftler*innen? Interessant war dabei ein Satz der DGS-Vorsitzenden, Birgit Blättel-Mink, den Vortragenden Toleranz und Aufmerksamkeit in den Videoformaten zu schenken. Ein Satz, der so auf analogen Verfahren nicht in dieser Direktheit fallen würde und die Brüchigkeit von Inszenierungsstrategien hervorhebt. Wie wurde „live“[v] nun aber aufgetreten? Und wie wird dieses „presenting“[vi] auf dem Kongress organisiert? Um diesen Fragen nachzugehen, bin ich in dieser Woche auf Basis einer „virtual ethnography“[vii] in die digitalen Leben auf dem Kongress eingetaucht. Mein Bericht basiert dabei auf Kurznotizen[viii], Bildern und Beiträgen einiger sozialwissenschaftlicher Kolleg*innen, welche unter dem Hashtag (#) #DGSoz2020 auf der Social-Media-Plattform Twitter zu finden waren.

(1) Welcher Hintergrund darf’s heute sein? –  Räumliches „Presenting“ als refiguratives Spannungsfeld

Ob von zu Hause, aus dem Büro oder dem Café – die Digitalisierung des Kongresses durch Videokonferenzprogramme (hier das Programm Zoom) schuf neue Möglichkeitsräume der Inszenierung für die Teilnehmenden (Organisierende, Vortragende und Zuhörende), wobei dies einerseits Flexibilität wie auch Spannung bedeuten konnte. Flexibilität war dabei vor allem auf Seiten der Zuhörenden festzustellen. Die Möglichkeit zu entscheiden, ob mit oder ohne Livevideo teilgenommen werden kann, erleichterte die Inszenierungsqualität im digitalen Raum enorm, da neben einem Livevideobild entweder ein schwarzes Bild mit selbst gewähltem Namen oder ein Selbstportrait gezeigt werden konnte (Abb. 1).

Abb. 1: Bewegte Kacheln, schwarze Bildschirme und Selbstportraits

Dem Vortrag konnte so gelauscht werden, während der Kaffee in der Küche getrunken wurde, die Wohnung geputzt oder nach der Wäsche auf dem Balkon geschaut werden konnte, und das alles ohne die Vortragenden in ihrer Konzentration zu stören. Perfekte Situation also? Nicht ganz. Denn strukturelle Gepflogenheiten wissenschaftlicher Inszenierungen verschwinden nicht einfach mit der Flexibilisierung des Ortes und dies stellte gerade bei laufenden Kameras die Teilnehmenden vor neue Aufgaben. So war auffällig, dass die (privaten) Räume stets ausgeschmückt waren mit einem Hintergrund, welcher ein akademisches Umfeld suggerieren sollte (Abb. 2).

Abb. 2: Von Büchern, (weißen) Wänden und Kunst

Oft saßen Vortragende, Organisierende und auch Zuhörende entweder (1) vor mit Büchern gefüllten Regalen, (2) in Räumen, die eher schlicht, heißt mit einer (weißen) Wand und Kunstobjekten (Bilder, Statuetten etc.), ausgestattet waren oder es wurde (3) ein Bildhintergrund genutzt. Ein Theater, ein Vorlesungssaal oder auch eine virtuelle Bücherwand dienten als Verschleierung des lokalen Ortes der eigenen Inszenierung. Je nachdem, was für strukturelle Ressourcen zur Verfügung stehen (Arbeitszimmer, Büroraum etc.), kann eine Präsentation also von unterschiedlichen Spannungen begleitet sein, vor allem bei den Vortragenden und Organisierenden. Zu sehen war dies vor allem an der gewählten Kleidung. Diese war mehr konventionell (Hemd, Bluse, Anzug mit roter Krawatte) denn leger und sollte den Eindruck von Wissenschaftlichkeit und einem möglichst hohen „Prestige“[ix] vermitteln. Der Inszenierungsraum befand sich somit in einem Spannungsfeld von Refiguration[x] und erzeugte den Effekt eines verstärkten Achtens auf die eigene Inszenierung:

Bin ich zu sehen und wenn ja, was oder wer noch? Wirke ich seriös oder nicht seriös genug in diesen digitalen, wissenschaftlichen Begegnungen?[xi]

(2) Die Verstummung des Applauses: Veränderte Interaktionen in digitalen Kontrollräumen

Das Setting der räumlichen Inszenierung ist aber nur eine Facette. Es muss auch über die veränderte Konstellation (körperlicher) Kopräsenz gesprochen werden, welche einen massiven Effekt auf die Inszenierung hatte. Die Situation sollte sich noch einmal verdeutlicht werden: Das Livepublikum wurde von einer physischen Kopräsenz auf die digitale Ebene übertragen. Dies erhöhte zwar die Anzahl an Partizipierenden in den jeweiligen Sessions massiv (mittlere, dreistellige Zahlen wurden zum Teil  gemessen), veränderte aber auch die Machtkonstellation zwischen den Vortragenden, den Zuhörenden und den Veranstaltenden.

Die Videoprogramme waren dabei zugleich Mittler und Kontrollinstanz. Zunächst kam es darauf an, welches Videoprogrammformat vorlag: Ein Webinar oder ein Meetingraum.[xii] Der Unterschied ist: Während in einem Meetingraum verschiedene Partizipationsmöglichkeiten gegeben waren (Chataustausch, Einsehen der Teilnehmenden, Reaktionen per Emoticons wie Klatschen oder Daumen hoch), fehlten diese Möglichkeiten in einem Webinar. Die Mikrophone waren automatisch ausgeschaltet, die Chatfunktion deaktiviert und nur ein von den Veranstaltenden kontrolliertes F&A konnte genutzt werden, was aber an der Konstruktion dieses bestimmten Formates lag.[xiii] Die fehlende Interaktion war aber ein Punkt, der immer wieder von Teilnehmenden kritisiert wurde, sodass der Austausch auch auf andere Kommunikationskanäle wie Twitter stattfand.[xiv]

Aber auch in offeneren Meetingräumen war eine Machtasymmetrie zu bemerken, und besonders machtvoll dabei: die Veranstaltenden der Sessions.[xv] So wurde am Anfang der Sessions immer wieder auf die gängigen Regeln (z.B. die Mikros und eventuell auch Videobildschirme auszuschalten) hingewiesen. Dies förderte bei den Zuhörenden die beschriebene Flexibilität, erzeugte aber auch eine höhere Professionalität auf Seiten der Vortragenden. Die Zeitlimits wurden nicht nur penibel eingehalten, sondern auch die Stringenz der Vorträge war deutlich besser als in manch einer Präsenzveranstaltung. Dies hatte allerdings den Preis, dass untereinander (außer über Chat) keine wirkliche Interaktion stattfand, was beispielhaft am ‚stummen Applaus‘ gezeigt werden kann (Abb. 3).

Abb. 3: Applaus, Applaus, Applaus!

Das Dekret das eigene Audiosignal ausgeschaltet zu lassen, hatte die Konsequenz, dass deer Applaus, sonst ein Zeichen der positiven Zuwendung zu den Vortragenden, zu einer visuellen, ‚stummen‘ Geste transformiert wurde. Entweder war dieser sichtbar als Klatschen im Videofenster, was allerdings nicht gehört wird (rotes Symbol links unten mit durchgestrichenem Mikro) oder per anwählbaren Emoticon über die Funktion „Reaktionen“ (zwei klatschende Hände im linken Bildschirmrand). Dies ersetzte jedoch nicht, dass schlicht und ergreifend der einsetzende Ton des Applauses nach einem Vortrag fehlte. Und da dies auch als Zeichen der Missbilligung hätte verstanden werden können, versuchten die Veranstaltenden dies zu reparieren, indem sie den Applaus sprachlich vermittelten. „Ich sehe lauten oder leises Klatschen“ oder „Ich sehe viel Applaus auf den Bildschirmen“ waren solche Übersetzungsversuche, die allerdings die Sterilität des Ganzen nicht verschleiern konnten. Es blieb immer wieder das Gefühl eines ‚leeren‘ Raumes zurück, obwohl die ‚Anderen‘ anwesend waren. Dies merkte auch Birgit Blättel-Mink nach ihrem Applaus zum Abschluss der Eröffnungsveranstaltung des DGS-Kongresses an mit den Worten: „Schon gespenstisch, ne?“

(3) „Right now baby I’m torn“ – Zwischen digitaler Professionalisierung und Verlusterfahrung

Was folgt nun aus diesen Eindrücken? Zunächst einmal Lob. Sowohl an das Organisationsteam, die DGS und auch die Teilnehmenden ist nicht oft genug Dank auszusprechen. Sich der Herausforderung eines digitalen Kongresses zu stellen ist keine Selbstverständlichkeit und es bedarf einer gehörigen Portion Selbstdisziplinierung und Mut sich diesen neuen Formaten zu widmen. Es verbleibt mir in der Rolle einer soziologischen Grumpy Cat grummelig-maunzend somit zunächst zuzugeben, dass Inhalte und wissenschaftliche Diskussionen gerettet und durch die Eliminierung von Störgeräuschen sogar effizienter und zielführender gestaltet werden konnten.[xvi] Aber die „Geselligkeit“[xvii], welche zu wissenschaftlichen Inszenierungen dazu gehört, ist ein stückweit verloren gegangen. So professionell die Sessions auch gestaltet waren, am Ende befand man sich schlussendlich doch alleine vor dem Bildschirm, Diskussionen wurden abgebrochen und ein schales Gefühl des Unbehagens blieb zurück, dass hier etwas nicht stimmte.[xviii] Dieser digitale Kongress ist leider doch nur ein ‚halber‘ und kann nicht verschleiern, dass sich Gewohnheiten der Geselligkeit etabliert haben, die nun doch irgendwie fehlen. Die Umstellung von Präsenz- auf Digital’presenting‘ war und ist weiterhin eine Herausforderung, was auf dem Kongress gut beobachtet werden konnte. Die Corona-Pandemie wird somit weiter für Diskussionsstoff sorgen. Nicht nur in den Gesellschaften der Welt, sondern auch in der DGS. Über die Spannung und die Zerrissenheit zwischen erwünschter, digitaler Professionalisierung und den gegenwärtigen Verlusterfahrungen, welche auch in den zeitdiagnostischen Diskussionen zwischen Martina Löw, Hartmut Rosa und Andreas Reckwitz in der einzigen Präsenzveranstaltung des DGS-Kongresses eine zentrale Rolle spielten.[xix] Aber gerade deshalb sollten wir vielleicht alle ein bisschen mehr denken wie Silke Steets.

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[i] Goffman, Erving (1986): Frame Analysis. An Essay on the Organization of Experience. Northeastern University Press: Boston, S. 8.

[ii] Luhmann, Niklas (2005): Die Weltgesellschaft. In: Luhmann, Niklas (Hrsg.) Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft. Springer VS: Wiesbaden, S. 63-88.

[iii] Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Suhrkamp: Frankfurt am Main.

[iv] Knoblauch, Hubert/Löw, Martina (2020): Dichotopie. Die Refiguration von Räumen in Zeiten der Pandemie. In: Volkmer, Michael/Werner, Karin (Hrsg.): Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft. transcript: Bielefeld, S. 89.

[v] Kirschner, Heiko (2012): Go Live! Der User-Livestream als Präsentationsbühne. In: Lucht, Petra/Schmidt, Lisa-Marian/Tuma, René (Hrsg.): Visuelles Wissen und Bilder des Sozialen. Aktuelle Entwicklungen in der Soziologie des Visuellen. Springer VS: Wiesbaden, S. 157-171.

[vi] Goffman, Erving (1956): The Presentation of Self in Everyday Life. University of Edinburgh: Edinburgh, S. 18.

[vii] Hine, Christine (2000): Virtual Ethnography. SAGE: London/Thousand Oaks/New Delhi.

[viii] Die beschriebenen Beobachtungen sind freilich an meine eigene Perspektive gebunden und können von anderen abweichen. Zudem möchte ich insbesondere Martina Löw, Nina Elsemann und den Teilnehmenden der Session „SFB1265 goes DGS“ danken, dass ich Live-Screenshots während ihrer Veranstaltung machen durfte.

[ix] Goffman, Erving (1951): Symbols of Class Status. In: The British Journal of Sociology, 2 (4), S. 294.

[x] https://sfb1265.de

[xi] Goffman, Erving (1972): Fun in Games. In: Goffman, Erving (Hrsg.): Encounters. Two Studies in the Sociology of Interaction. Penguin University Books: Harmondsworth/Ringwood, S. 63.

[xii] Unter das Format Webinar fielen u. a. die Eröffnungsveranstaltung und die Keynotes, während die Meetings Sektionsveranstaltungen (Sessions, Mitglieder*innenversammlungen), Plenen oder AdHoc-Gruppen umfasste.

[xiii] https://twitter.com/dgskongress/status/1305549496286412802?s=20

[xiv] https://twitter.com/dawwidd/status/1305524230310834177?s=20

[xv] Betont sei, dass diese machtvolle Position nicht von Böswilligkeit begleitet war. Es stand vor allem die Funktionalität der Videosession im Vordergrund und die Organisierenden und Veranstaltenden mussten neben der Einhaltung der Regeln auch die gesamte digitale Kommunikation managen. Die Direktive zur korrekten Umsetzung der Veranstaltungsformate ging dabei von den Kongressorganisator*innen aus, s. https://kongress2020.soziologie.de/infos-fuer-organisator/innen

[xvi] https://twitter.com/ToBeAsBold/status/1306999196508192770?s=20

[xvii] Simmel, Georg (1911): Soziologie der Geselligkeit. In: DGS (Hrsg.): Verhandlungen des Ersten Deutschen Soziologentages vom 19.–22. Oktober 1910 in Frankfurt am Main. Mohr: Tübingen, S. 1–16.

[xviii] https://twitter.com/grautoene/status/1306189945489559553?s=20

[xix] https://www.youtube.com/watch?v=Na9LIrXeSIU&t=8s

„Zeitdiagnose ist die Benutzeroberfläche der Gesellschaftstheorie“

Von René Tuma und Ajit Singh

Je nach Perspektive darf es entweder als ‚wohltuende Abwechslung‘ oder als ‚ungewohnte Neuheit‘ in einer sich neuordnenden Gesellschaft angesehen werden, an einer Liveveranstaltung teilzunehmen. Die von Hubert Knoblauch organisierte Veranstaltung „Gesellschaft unter Spannung – Sonderveranstaltung zu soziologischen Diagnosen der gegenwärtigen Um_Ordnungen mit oder nach Corona“ auf dem diesjährigen DGS-Kongress holte dafür den Raum des soziologischen Diskurses zurück in den Ort der Wissensvermittlung, genauer gesagt in den zweitgrößten Hörsaal H104 des Hauptgebäudes der Technischen Universität Berlin. Derlei Ortsbezeichnungen erscheinen gegenwärtig nahezu überflüssig, weil der „Weg“ zu einer Session vornehmlich über Links und Passwörter beschritten wird. Die Sonderveranstaltung fuhr hier jedoch zweigleisig. Während sich der Großteil des Publikums mit etwa 300 Zuschauenden via Youtube-Livestream zuschalten konnte, durfte eine kleine Gruppe von etwa 25 Teilnehmenden der Sitzung im Hörsaal beiwohnen und verlieh dem Anlass auch unter diesen Bedingungen einen angemessenen Rahmen. Auch die Autoren dieses Beitrags erlebten die Diagnoseveranstaltung aus unterschiedlichen räumlichen und medial-vermittelten Perspektiven (digital und vor Ort) und möchten nun im Folgenden die Erträge zusammenfassen.  

Blickt man zurück, so kann die Veranstaltung schon in ihrer Form als Ausdruck der Themen und der Spannungen gelesen werden, die an dem Abend diskutiert wurden. Die ‘Übung’ bestand darin, vor dem Hintergrund der Pandemievermeidungsstrategie das Digitale als wesentliches Kommunikationsmedium einzusetzen und dabei gleichzeitig den Verlust der körperliche Kopräsenz zu verhindern. Das führte dazu, dass die meisten Zuhörer*innen vor ihren Geräten still, oder sollte man sagen entschleunigt da saßen und die Diskussion vor sich an den Bildschirm vorbeirauschen lassen konnten. 

Von der Gesellschaftsanalyse zur “Soziologie der soziologischen Zeitdiagnose“

Der Nachfrage nach soziologischer Expertise hat sich in den vergangenen Monaten deutlich gesteigert. Durch die Corona Krise wurde klar, dass soziale Erklärungsmuster nicht alleine aus epidemiologischen und virologischen Befunden abgeleitet werden konnten. Die sich verändernden Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens im privaten wie im öffentlichen Raum, die Neuordnung beruflicher Arbeitsweisen im „Home Office“, die soziale Dauerformierung mit der Hervorbringung neuer sozialer Formen in Videokonferenzen sind Folgeerscheinungen der Pandemie, die ein Kerngebiet soziologischer Forschung berühren: die Beschreibung gesellschaftlichen Wandels.

Mit Recht ließ sich in den vergangenen Monaten mancher soziologische Schnellschuss kritisieren, der über Ad-hoc-Analysen erste Versuche einer Zustandsdiagnose der Corona-infizierten Gesellschaft anstellte. Gleichzeitig zeigte sich in diesen Momentaufnahmen auch die Möglichkeit erster Deutungs- und Orientierungsangebote für die vorläufige Einordnung der Krise. Die Corona-Pandemie ist zweifelsohne ein globales und ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, an der allgemeinere Zustände und Entwicklungen deutlich werden. Die Gesellschaft als Ganzes bildet daher auch den Gegenstand der Diagnose-Veranstaltung, wie Silke Steets in ihrer einführenden Moderation deutlich machte. Mit der Gegenüberstellung unterschiedlicher gesellschaftstheoretischer Ansätze geht es aber nicht nur um die Analyse der Gegenwartsgesellschaft, sondern auch um eine „Soziologie einer soziologischen Zeitdiagnose“.

Mit Hartmut Rosa, Andreas Reckwitz und Martina Löw wurde ein spannendes Podium zusammengestellt, die nach jeweils einem eigenem Input miteinander ins Gespräch gebracht wurden.

Hartmut Rosa und die still vor seinen Worten im Livestream sitzenden Zuschauer

Die Welt schien uns dank Corona für eine Weile stillzustehen, wie reagiert Hartmut Rosa darauf?  In seinem engagierten und mit Verve (und Geschwindigkeit) vorgetragenen Statement greift Rosa das diagnostizierte Entschleunigungsgeschehen auf, und macht dies am weltweiten Rückgang der Zirkulation von Gütern und Menschen fest: Transport, Verkehr und Logistik kamen nahezu komplett zum Erliegen, vom sozialen Leben im öffentlichen Raum ganz zu schweigen. Wenngleich dieser Stillstand ökologisch betrachtet (zumindest temporär) positive Auswirkungen zeitigte, machte die Krise bereits bestehende Ungleichheiten und Probleme umso sichtbarer – so kann das unfreiwillige Stillgestelltsein Entbehrungen und Verluste nach sich ziehen (dazu später mehr), gleichzeitig verlagert sich die Bewegung ins Digitale, so sitzen wir unbewegt vor unseren Endgeräten und verfolgen im „rasenden Stillstand“ das Vorbeirauschen zunehmender Datenströme. Hat sich also nun durch Corona Paul Virilios Diagnose realisiert? Was bedeutet Corona nun für die Soziologie? Rosa tritt für eine Soziologie ein, die zwar kein sicheres Wissen über die Entwicklungen nach der Corona Krise haben könne, aber ihr ganzes Instrumentarium an Deutungsangeboten liefern müsse, von Daten, Statistiken und Fakten bis hin zu Meinungen und Positionen. Die Aufgabe sei es an diesem “Bifurkationspunkt” eine Wertediskussion zu ermöglichen, da es sich hier entscheide, ob die Entwicklung zurückfällt in den “Aggressionsmodus zur Welt”, oder ob eine neue (bessere) Zukunft im Handeln gestaltet werden kann. 

Andreas Reckwitz und seine Theorie des Verlustes

Reckwitz setzt ähnlich wie Rosa bei der Krisenerfahrung an und nimmt dabei ebenfalls auch eine zeitliche Perspektive ein. Dabei diskutiert er Spannungen zwischen Fortschritt und Verlust. Nachdem er das Neue ja bereits ausführlich behandelt hat, zeigt er die Probleme auf, die Unfähigkeit der Moderne produziert, die keine Antwort auf die immanent produzierten Verlusterfahrungen liefert. Vor dem Hintergrund der dominanten Fortschrittsvorstellungen, die sich in der Spätmoderne als Optimierung bis hinein in die privatesten und intimsten Lebensformen und Praxen breitgemacht hat, wird jede Form des Verlusts dem Subjekt zugeschrieben. Mit dem Verlust bricht schließlich die Negativität in die Sozialwelt ein. Diese Verlusterfahrungen werden nicht produktiv umgewandelt. Dies gilt auch für die globale Gesellschaft, die Verlust zunächst nur unzureichend, in Form aggressiver Verlusterfahrung transformiert. Reckwitz systematisiert in seinem Beitrag diese Verluste und zeigt verschiedene Spielarten auf. Sie können ganz konkret als „Realverluste“ von Status, Macht und Kontrolle auftreten. Der Verlust der Biodiversität zeitigt so Corona als Menetekel. Daneben skizziert er „Zukunftsverluste“ als einen Verlust von Utopien, wohin sich das eigene oder das gesellschaftliche Leben hin entwickelt. Was hieraus erwachsen kann, ist Agonie oder der Verlust von Handlungs- und Steuerungsfähigkeit bis hin zu Angst und Wut. „Verlustängste“ wiederum verweisen auf die Angst, den gegenwärtigen Zustand (status quo) nicht erhalten zu können. Dennoch verweist Reckwitz auch auf Umkehrstrategien, in denen die Verlusterfahrung wie am Fall des Klimawandels spürbar wird, auch die Chance auf die Herstellung einer neuen Balance besteht.  

Martina Löw und der Übergang zu Spannungen der Raumformen

Vor dem Hintergrund der Diagnosen zu Zeit und Fortschritt, die von Rosa und Reckwitz dargelegt wurden, denkt Löw Spannungen nicht zeitlich, sondern räumlich. Sie argumentiert auf Basis der Forschungen des SFB 1265, der mit dem Begriff der “Refigurationen” die Spannungen und gesellschaftlichen ‚Umbauten‘ in räumlicher Hinsicht untersucht. Verschiedene Raumformen (Territorien, Netzwerke, Orte und Bahnen) stehen nicht alleine oder einheitlich, sondern verschachteln sich und stehen in Spannung zueinander. Dieses Spannungsverhältnis konstituiert sich durch sich kontrastierende Logiken: Öffnungen und Schließungen, Homogenisierungen und Heterogenisierung räumlicher Wirklichkeitskonstruktion. Deutlich wird das daran, dass weltweit gleichzeitig immer mehr Grenzen und Mauern hochgezogen und Territorien damit eingehegt werden, aber gleichzeitig der globale Flugverkehr immer neue Verbindungsbahnen zwischen den Flughäfen der Welt erschließt. Angesichts einer globalen Epidemie wie dem Corona Virus zeigte sich ebenso anschaulich, dass trotz der voranschreitenden Reterritorialisierung von Nationalstaaten das Virus mühelos Grenzen überschreiten konnte und bis ins Lokale hinein städtische und nachbarschaftliche Räume grundlegend veränderte. Damit öffnet Löw die Debatte für eine räumliche und damit auch für eine globale Perspektive, die den methodischen Nationalismus, den Beck einst kritisiert hatte, systematisch überwindet. Sie betont, dass Diagnosen eine größere Reichweite aufweisen müssen, die über eine westliche-zentrierte Position hinausgehen. 

„Zeitdiagnose ist die Benutzeroberfläche der Gesellschaftstheorie“

Die Sonderveranstaltung lieferte der Soziologie, die sich ja nicht nur nach innen, in ihren kleinteiligen disziplinären Diskussionen erschöpfen, sondern auch die großen Fragen angehen will, ein geeignetes Forum. Durch das hybride Format war es zudem möglich, auch Fragen des Onlinepublikums mit in die Diskussion aufzunehmen. 

Die drei Vortragenden präsentierten unterschiedliche Perspektiven auf die Krise mit je eigenem theoretischen Zuschnitt. Zweimal basierte dieser auf einer zeitlichen, und einmal auf einer räumlichen Grundlage. Der Anspruch ist dabei jedoch bei allen Teilnehmenden klar über eine reine pointierte Ad-Hoc Diagnose hinauszugehen. Das Unbehagen mit dem Begriff der Zeit- oder Gegenwartsdiagnose wurde geäußert, denn hierauf hat die Soziologie ja kein Monopol oder Markenrecht. Die ihr eigene Leistung besteht darin, die Diagnosen an Theorie zu koppeln, so seien diese, wie Reckwitz pointiert feststellte, quasi “die Benutzeroberfläche der Gesellschaftstheorie”. Welches Potential sich hierin verbirgt, zeigte einst Ulrich Beck, der nicht nur zeitgeistig von der Risikogesellschaft zu berichten wusste, sondern ihr ein theoretisches Fundament gab, das bis heute (auch in vielen Ideen der Vorträge) nachhallt. Alle drei Vorträge, so unterschiedlich sie waren, eint jedoch, dass sie sich wechselseitig ergänzen und in der Zusammenschau doch ein vielfältiges, spannungsgeladenes aber dadurch auch kontrastreiches Bild ergeben. 

Link zur Aufzeichnung auf Youtube

SFB1265 goes DGS

von Nina Meier

Die um sich greifende Verbreitung digitaler Technologien, sowie weltweite Prozesse der Entgrenzung, die gemeinhin mit dem Begriff der Globalisierung bezeichnet werden, aber auch Praktiken der Begrenzung – von Fabian Gülzau in seinem Vortrag einprägsam als „Mauerbaufieber“ betitelt – verändern die Art und Weise, wie Menschen Räume erfahren, aber auch die Art und Weise, wie sie diese erschaffen. Auf diesen Wandel wirft der Sonderforschungsbereich (SFB) 1265 „Re-Figuration von Räumen“ seit Januar 2018 einen forschenden Blick. In der Sonderveranstaltung am 16.09.2020 gewährten Johanna Hoerning, Fabian Gülzau und Anna Steigemann Einblicke in einzelne Forschungsprojekte des SFBs, die sich mit unterschiedlichen Raumpolitiken befassen. Ergänzt wurden ihre Beiträge um eine Reflexion der wissenschaftlichen Arbeit an und im Sonderforschungsbereich selbst durch Séverine Marguin. Zunächst jedoch stellte Martina Löw (Sprecherin des SFBs 1265) den Sonderforschungsbereich in Kürze vor und verwies dabei auf eine Besonderheit der Öffentlichkeitsarbeit des SFBs, die unter anderem einen konkreten Zusammenhang zum DGS-Kongress aufweist: So legt der SFB in der Reflexion seiner Arbeit auch Wert auf die Verwendung künstlerischer Methoden. Ein Ergebnis dieser Überlegungen stellt die temporäre Kunstinstallation an der bauhaus reuse durch die Künstlerin Stefanie Bürkle dar. Anlässlich der Berlin Art Week 2020 sowie des 40.ten DGS-Kongresses ermöglichen es zwei Bildserien, An- und Einsichten des Kunst- und Forschungsprojektes MIGRATOURISPACE, Raummigration und Tourismus mit eigenen Augen zu betrachten. So soll der ins digitale Format übertragene DGS-Kongress einen physischen Anhaltspunkt am Berliner Ernst-Reuter Platz erhalten. Wie die Vorträge der Wissenschaftler*innen des SFBs, so behandelt auch diese Bilderinstallation die Frage, wie verschiedene Räume mit einander in Bezug gesetzt werden. Martina Löw und Nina Elsemann übernahmen zudem die Moderation der Sitzung.

Die Reihe der Präsentationen eröffnete Johanna Hoerning (TU Berlin), die den Teilnehmern unter dem Titel „Interessenspolitik zwischen Skalen, Territorien und Orten“ eine Vorstellung ihrer Forschungsarbeit vermittelte. Im Hintergrund ihres Vortrages stand die Frage nach sich wandelnden Verhältnissen zwischen lokalen, regionalen, nationalen und globalen Kontexten, welche die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in den Feldern der Wohn- und Asylpolitik beeinflussen, durch diese Akteure aber auch neu verhandelt werden.  Zunächst stellte Hoerning die beiden Politikfelder und die sie kennzeichnenden Strukturierungsprozesse vor. Für die Asylpolitik beschrieb sie drei, grundsätzlich relevante Entwicklungstendenzen: 1. Globale und regionale Fragmentierung / Renationalisierung, 2. Externalisierung und 3. Lokalisierung. Ersteres bezieht sich auf die schwindende Bindungswirkung der Genfer Flüchtlingskonventionen, während Politiken der Externalisierung den Ausbau und die räumliche Verlagerung von Migrationskontrollen bezeichnen. Lokalisierungstendenzen umfassen sowohl translokale Städte-Netzwerke und Allianzen, die Fragen der Migration als lokale Fragen thematisieren, als auch die entwicklungspolitischen Maßnahmen des humanitären Sektors, welche nicht nur Städte, sondern auch regionale Kontexte miteinbeziehen. Für die Wohnungspolitik identifizierte Hoerning zwei dominante Restrukturierungen: 1. Translokalisierung und 2. Regionalisieurng. Während Wohnen als Praxis zunächst lokal verortet ist, sind Wohnungspolitiken durch die Restrukturierung von Wohnungsmärkten und ihre Einbindung in globale Finanzkreisläufe zunehmend durch Prozesse und Strategien der Translokalisierung gekennzeichnet. Den Prozess der Regionalisierung bezog Hoerning vor allem auf Maßnahmen der Europäischen Union, die zwar rein formal kein wohnungspolitisches Mandat besitzt, jedoch durch Programme der Wohnungsbauförderung oder via Richtlinien zur Energieeffizienz de facto wohnungspolitische Wirksamkeit entfaltet. Im Anschluss an diese Skizzen der Politikfelder führte Hoerning Praktiken der Reskalierung sowie Praktiken der Verortung an, mit denen die beforschten Akteure auf die jeweiligen politischen wie ökonomischen Entwicklungstendenzen in ihrem Metier reagieren. Eine Form der Reskalierung etwa stellt das „downscaling“ in der strategischen Wahl der Ansprechpartner dar. Hoerning veranschaulichte dies anhand einer NGO aus den USA, die sich nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten Allianzen auf anderen politischen Ebenen suchen musste. Im Feld der Wohnungspolitik hingegen, welches zunehmend durch überregionale und sogar global agierende Investoren geprägt wird, lässt sich ein entsprechendes „upscaling“ der gebildeten Kooperationen beobachten, welche die vormals lokal-begrenzten Partnerschaften durch weitreichendere Vernetzungen ergänzen. Neben diesen Prozessen der Reskalierung identifiziert Hoerning in ihrer Forschung unterschiedliche Logiken der Verortung. Verortung wird dabei jeweils „als Kontingenz, als neuralgischer Punkt oder als institutionelle Verdichtung“ hervorgehoben. Zur Differenzierung dieser Logiken dient die Wahl derjenigen Orte, welche die NGOs als Niederlassungen ihrer Organisation wählen. Mal erscheint die Wahl als wenig relevant und eher zufällig, mal ist der Sitz der Organisation von symbolischer Bedeutung und mal ist die physische Nähe zu politischen Institutionen entscheidend. Skalierungen, Verortungen und Territorialisierungen sind, dies betonte Hoerning in ihrem Fazit, zwar abgrenzbare Setzungen, sie sind jedoch zugleich durch überschreitende Vernetzungen geprägt. Obwohl Skalen als solche Setzungen Eindeutigkeit suggerieren, seien sie daher nur relational zu verstehen. Auf die Nachfrage hin, welchen Beitrag die Soziologie zur Skalenforschung leisten könne, verweist Hoerning auf die Differenzierung verschiedener Akteure, die an der Produktion von Skalen beteiligt sind, sowie auf ein tiefergehendes Verständnis derjenigen Prozesse, die dazu führen, dass bestimmte Maßstabsebenen in bestimmten Kontexten relevant werden. Für beides sensibilisiere eine explizit soziologische Betrachtungsweise.

Im Anschluss an Hoernings Vortrag thematisierte Fabian Gülzau (HU Berlin) in seiner Präsentation “(Im)mobilisierung. Die Re-Figuration von Grenzen in globaler Perspektive“ die Veränderungen und Umformungen, welche die räumliche Artikulation der Grenze erfahren hat und gegenwärtig erfährt. In Rückbezug auf Habermas definierte Gülzau Grenzen als Schleusen, mit denen auf Strömungen reagiert wird. Dabei identifizierte er verschiedene Entwicklungen in der Art und Weise wie Staaten Grenzen errichten. Zum einen lässt sich beobachten, dass diese versuchen Grenzen zu implementieren, die nicht mehr entweder offen oder geschlossen sind, sondern die sich als semi-permeable Filter bezeichnen lassen. Für manche, die gedenken, sie zu überschreiten und zu durchqueren, stellen sie sich als harte, kaum zu überwindende Abgrenzungen dar. Für andere jedoch, sind sie als Begrenzungen kaum spürbar und ihrer Mobilität gegenüber wenig hinderlich. Zum anderen verzeichnet Gülzau in Anlehnung an Shachar eine Entwicklung von statischen Grenzen hin zu shifting borders. Als Antriebskräfte hinter diesen Umformungen werden Prozesse des „De-Bordering“, gemeint sind etwa Globalisierungsphänomene wie Massentourismus oder der Handel mit Waren, sowie Prozesse des „Re-Bordering“ genannt. Letzteres beschreibt beispielsweise Auswirkungen des Terrorismus und der Kriminalität, aber auch der unerwünschten Migration und Tendenzen der Nationalisierung auf die Selektionsmechanismen, die an den Grenzen ihre Wirksamkeit entfalten. Vor diesem Hintergrund definiert Gülzau drei Entwicklungslinien entlang derer sich Grenzen wandeln: Exterritorialisierung, Fortifizierung und Flexibilisierung. Ersteres bezeichnet die räumlich-vorverlagerte Kontrolle von Überschreitungswilligen, bevor diese die eigentliche Grenze erreichen. Diese Visumspraktik führt zu einer ungleichen Verteilung globaler Mobilität. Der massive Ausbau von Grenzanlagen an der Territoriallinie selbst wird hingegen unter dem Begriff der Fortifizierung gefasst. Solche „Verdickungen“ von Grenzen führen, so Gülzau, zu Diskontinuitätslinien zwischen Staaten.  Im Gegensatz zu exterritorialisierten Grenzen, bei denen Kontrollpraktiken vorverlagert werden, wird mit der Bezeichnung der Flexibilisierung eine Verlagerung von Kontrollen ins Landesinnere markiert. Als Beispiel für diese Formung der Grenze wird der Schengen-Raum genannt, in welchem etwa temporäre oder polizeiliche Kontrollen gängig sind. Aufmerksam macht der Vortragende hier selbstverständlich auch auf die veränderte Wahrnehmung dieser Begrenzungslogik im Schengen-Raum durch die COVID19-Pandemie. Es sind diese drei Dimensionen der Exterritorialisierung, der Fortifizierung und der Flexibilisierung, welche Gülzau als die Merkmale einer Re-Figuration von Grenzen kennzeichnet. Trotz aller Prozesse des „De-Bordering“, die sich vor allem punktuell durchsetzen würden, wird die Kontrollfunktion von Grenzen folglich keineswegs aufgegeben. Damit geht eine Verabschiedung von klar umrissenen und eindeutigen Grenzen einher, vielmehr, so beschließt Gülzau seinen Vortrag, müsse man von einer Überlappung und Diffusion verschiedener Grenzformationen sprechen.

Eine andere Form des ins Verhältnissetzens von verschiedenen Räumen zueinander präsentierte darauf hin Anna Steigemann (TU Berlin). Unter der Überschrift „Spatial Politics in Refugee Accommodations in Berlin“ befasste sie sich mit den alltäglichen Konstitutionen von Räumen und Praktiken des „Homemaking“ von Geflüchteten, die sich in geplanten und zunächst unpersönlichen Unterkünften wiederfinden. Steigemann greift dazu sowohl auf die Forschung des Teilprojektes „Architectures of Asylum“ als auch auf Erhebungen im Rahmen ihrer Habilitation zurück. Dies ermöglicht es ihr, in ihrem Vortrag neben den räumlichen Praktiken innerhalb der Unterkünfte auch auf die Verhältnisse der Flüchtlinge zu umliegenden Nachbarschaften und anderen Migranten außerhalb der Unterkünfte eingehen zu können. In Berlin etwa zeige sich, dass die eigentlichen Prozesse des „Homemaking“ und ein daraus resultierendes Gefühl des Ankommens für die Interviewten nicht in den von ihnen temporär bewohnten Unterkünften stattfinden, sondern vielmehr in einem anderen Umfeld realisiert werden – hier konkret in dem Gebiet rund um die Sonnenallee in Neukölln. Unter anderem spielten dabei bereits seit längerer Zeit in Deutschland lebende Migranten und Migrantinnen eine entscheidende Rolle. Steigemann verknüpfte in ihrem Vortrag daher räumliche Konstitutionen und Prozesse der Vergemeinschaftung. Innerhalb der Unterkünfte ist die Re-Figuration von Räumen vor allem durch die Spannung zwischen den Normen und Anforderungen, welche den Bau der Unterkünfte regulieren und die sich materiell in den physischen Merkmalen der Unterkünfte manifestieren, und den Aneignungen seitens der Flüchtlinge gekennzeichnet. Diese passen die räumlichen und materiellen Gegebenheiten ihren Bedürfnissen, ihren Wünschen und ihren Gewohnheiten an. Geprägt sind diese Umnutzungen von den Vorstellungen der Bewohner, wie ein Zuhause auszusehen, zu funktionieren und was es idealerweise zu ermöglichen habe. Innerhalb der Unterkünfte sieht Steigemann daher einen alltäglich verhandelten Konflikt zwischen „Politics from above“ und „Homemaking from below“. Obgleich sich Veränderungen und ein Umdenken im Design der Unterkünfte durchaus abzeichne, fände nichtsdestotrotz ein beachtlicher Teil des „Ankommens“ von Flüchtlingen außerhalb der Unterkünfte statt. Es sind die umliegenden Nachbarschaften, wie die Sonnenallee, in denen es gelinge einen „sense of belonging“ zu entwickeln, welcher über die temporäre Aneignung von Räumen innerhalb der Unterkünfte hinausgeht. Steigemann verzeichnet hier einen Punkt, der aufmerken lässt: Nicht die als privat erscheinenden Wohnunterkünfte bieten ein Gefühl des Rückzugs und der Ankunft. Es sind vielmehr die (semi-) öffentlichen Räume, die ein Gefühl des Zuhauses vermitteln. Hier gewinnt die Erforschung von Architekturen des Asyls, so Steigemann, durch die Hinzunahme soziologischer Überlegungen zu Praktiken der Gemeinschaftsbildung.

Zum Abschluss schlug die Veranstaltung eine leicht abweichende Richtung ein: Séverine Marguin (TU Berlin) nahm in ihrem Beitrag „Kritische (Miss)verständnisse in der Raumforschung“ weniger räumliche Verhältnisse an sich in den Blick, sondern reflektierte stattdessen die wissenschaftliche Erforschung dieser Bezüge selbst. Dabei ging sie über eine Beschäftigung mit den Schwierigkeiten interdisziplinärer Forschung hinaus, indem sie die Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Kritik im umfassenderen Sinne stellte. Zunächst skizzierte die Wissenschaftsethnografin unterschiedliche Auffassungen von Kritik in den Feldern der Soziologie und der Architektur, bevor sie das Aufeinandertreffen der jeweiligen Kritikbegriffe in der Arbeit des SFBs thematisierte. Obgleich sich die Soziologie als kritische Wissenschaft versteht, sei ihr Verhältnis zur Gesellschaftskritik keineswegs eindeutig. Dies hängt traditionell mit dem Anspruch der Wertefreiheit und der Differenzierung zwischen „Sein und Sollen“ zusammen, welche für die Soziologie als wissenschaftliche Disziplin eine entscheidende Rolle spielt. Gleichzeitig könnten sich aber auch Soziologen und Soziologinnen nicht der eigenen Positionalität entziehen. Innerhalb des soziologischen Diskurses sind, so Marguin, vier verschiedene Auffassungen von Kritik besonderes prominent: 1. Die Position des Kritischen Rationalismus, 2. Kritik als wissenssoziologisch aufgeklärte Gesellschaftskritik und 3. Kritik als konstitutive Aufgabe einer Soziologie, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht nur beschreiben, sondern auch problematisieren soll und Bedingungen eines guten Lebens zu identifizieren und vorzuschlagen habe. Im Gegensatz dazu hege die 4. Position eher einen Verdacht gegen das anscheinend Gute und die Fruchtbarkeit von Kritik. Während also Kritik hier ebenfalls der Problematisierung dient, so verabschiedet sich diese Auffassung doch von dem Glauben, die Soziologie müsse (oder könne überhaupt) nachhaltige Verbesserungsvorschläge unterbreiten. Marguin hob hervor, dass jede Auffassung von Kritik auf einer spezifischen Auffassung von Wissenschaft, ihrer Funktion sowie ihres Verhältnisses zur Gesellschaft beruht – geht es in erster Linie um eine Beschreibung, eine Erklärung, eine Interpretation oder um eine Intervention seitens der Soziologie? Unterschiedliche Auffassungen dieser Art treffen schon innerhalb der soziologischen Zweige des SFBs aufeinander. Noch komplexer gestaltet sich die Situation, tritt das Kritikverständnis von Gestaltungs- und Planungswissenschaften hinzu, die im SFB ebenfalls vertreten sind. In der Architektur, welche Marguin als Beispiel heranzog, wird Kritik häufig in der Aushandlung mit den Bedingungen der praktischen Arbeit geschärft, beispielsweise im Umgang mit Bauherren und Auftraggeberinnen oder staatlichen Regulierungen. Gleichzeitig schränken diese aber auch Freiräume zur Entfaltung von Kritik ein, welche wiederrum in der universitären Beschäftigung mit kritischen Fragen der Architektur – diese betreffen etwa das Verhältnis von Ästhetik und Funktion – gesucht werden. Im Gegensatz zur Soziologie interveniert die Architektur als Praxis zwangsläufig. Wo sie wirkt, verändert sie den Raum. Selbst die theoretischen Überlegungen im universitären Kontext, so Marguin, haben doch zumeist alternative Gestaltungsvorschläge zum Ziel. Diese vielfältigen Kritikauffassungen und mit ihnen einhergehend die unterschiedlichen Vorstellungen der eigenen Rolle als Wissenschaft sind es, welche Marguin als Quelle einiger Missverständnisse in der Zusammenarbeit am SFB identifiziert. Beispielsweise hegten Architekten und Architektinnen gegenüber der Soziologie meist Erwartungen an einen gesellschaftsaufklärerischen Impuls. Dies führt jedoch zu Spannungen, sollten sie dabei auf ein Gegenüber treffen, dessen soziologisches Selbstverständnis von solchen Interventionen und Verbesserungsvorschlägen absieht. Hier zeichnen sich neben unterschiedlichen Auffassungen von Kritik auch divergierende Haltungen zur Diagnose und Prognose (sowie deren Verhältnis) ab. Die Überwindung dieser kritischen Missverständnisse sieht Marguin als beständige Herausforderung der gemeinschaftlichen Forschungsarbeit, aber auch Chance, Neues auszuprobieren und von kritischen Impulsen der verschiedenen Disziplinen zu profitieren.

Die Beiträge der Sonderveranstaltung haben, bei allen thematischen Schnittmengen – etwa hinsichtlich von Fragen des Asyls oder Praktiken der Externalisierung –, doch vielfältige empirische Beispiele und unterschiedliche analytische Zugänge aufgezeigt, die verdeutlicht haben, wie sich die soziale Organisation von Räumen und die räumliche Organisation des Sozialen immer wieder gegenseitig beeinflussen. Der wissensethnografische Abschluss der Sitzung über die Eigenarten in den unterschiedlichen Disziplinen der Raumforschung hat darüber hinaus weitere Anregungen zur theoretischen Reflexion des Sonderforschungsbereichs geboten, die – darauf verwiesen die Reaktionen aus der Zuhörerschaft – durchaus auf ein nachhaltiges Interesse stoßen dürften.

Verschwunden, nicht gestorben. Warum sich die Raumsoziologie (trotzdem) wieder mit dem Dorf beschäftigen sollte

Mediale Evidenz: Verlorenes Land und sterbendes Dorf

Sie ist zurück, die tradierte kulturelle Dichotomie von Stadt und Land, genauer: von Land als Gegensatz zu Stadt – und vielleicht war sie nie verschwunden. In regelmäßiger Folge werden medial starke, meist negative Bilder von ländlichen Regionen gezeichnet, die sich vor allem auf deren prominenteste Siedlungsform beziehen: Vom „Siechtum deutscher Dörfer“ (Die Welt, 22.7.2014), dem Aussterben „ganzer Landstriche“ (SWR, 9.2.2016), so mancher Gemeinde, die „keine Zukunft“ habe (Die Zeit, 18.7.2013), einem „Tod auf Raten“ (Spiegel online, 23.4.2011) und dem „ersten deutschen Dorf“, das „dicht“ mache (Bild, 7.11.2007), ist da beispielsweise die Rede. Manche dieser Artikel scheinen erst in der jüngsten Vergangenheit – also nach über zwei Jahrzehnten Schrumpfung Ost – das Phänomen der (altersselektiven) Abwanderung zu entdecken, welche „die ländlichen Regionen stark verändern werde“, wie es ein Beitrag ganz zukunftssicher formuliert (Die Welt, 22.7.2014).

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Praktiken des Haareschneidens. Verankerung von Wissen in ökonomischen Konventionen auf dem Friseurmarkt

Auf allen modernen Märkten ist Wissen ein wichtiger Wettbewerbsfaktor. Die Schwierigkeit besteht nicht nur darin, das Wissen weiterzugeben (denn nicht Alles, was es über ein Produkt zu wissen gibt, steht in Büchern), sondern auch darin, die hochdifferenzierte Produktionskette aufrechtzuerhalten. So ist etwa die Herstellung eines eigentlich so simplen Produkts wie des Joghurts mittlerweile so komplex wie die eines Autos, und es stellt sich die zusätzliche Frage, wie man die Produktion über viele verschiedene Firmen und noch dazu große Distanzen hinweg organisiert, ohne den Überblick zu verlieren.[1]

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Unternehmen, die es nicht geben dürfte (1): Müller-Milch

In den Blog-Beiträgen dieser Woche über das Verhältnis von Politik und Wirtschaft, Lobbyismus und Machtspiele auf Märkten habe ich argumentiert, dass auf Märkten auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen als den in der Neoklassik postulierten Preis- und Qualitätswettbewerb. So dürfte es etwa die Molkerei Alois Müller GmbH & Co. KG, den Hersteller von beliebten Produkten wie „Müllermilch“, „Joghurt mit der Ecke“ und „Froop“, laut Neoklassik nicht geben – oder zumindest dürfte er nicht so erfolgreich sein.[1]

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Globale Unternehmen und lokale Lebensverhältnisse. Der Einfluss der räumlichen Organisation der Produktion auf die Gesellschaft

Wie ich gestern beschrieben habe, bestehen zwischen verschiedenen Unternehmen, die Teil eines Produzenten-Zulieferer-Netzwerkes sind, marktspezifische, aber strukturelle Machtungleichgewichte, und diese werden nicht nur strategisch genutzt, sondern beeinflussen auch das Wettbewerbsverhalten nachhaltig. Auch zwischen (globalen) Unternehmen und Regionen bzw. der Gesellschaft bestehen Machtbeziehung: Da Unternehmen immer an bestimmten Orten produzieren, sind sie auf lokale Ressourcen angewiesen, beeinflussen aber gleichzeitig die lokale Sozialstruktur, d.h. die Lebenschancen der dort lebenden Menschen. Dieses Wechselverhältnis versuchen Unternehmen gezielt zu ihren Gunsten zu beeinflussen – ein maßgeblicher Faktor ist hierbei die Art und Weise, wie die Produktionskette räumlich organisiert ist.

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Konsumgütermärkte als komplexe Interaktionsketten. Ein Zwischenfazit

Anfang März hatte ich mir das Ziel gesteckt, meine Zeit auf diesem Blog einerseits zu nutzen, um verschiedene Textformate auszuprobieren, andererseits in dieser Zeit (im Sinne der „Public Sociology“, die Soziologie als Krisenwissenschaft deutet, die Deutungsangebote bereitstellt) ein aktuelles Thema herauszugreifen und zu diskutieren. Da ich selbst mich sehr stark für Märkte interessiere, habe ich angesichts der Lebensmittelskandale der vergangenen Monate den Lebensmittelmarkt als konkretes Beispiel einen Konsumgütermarkt ausgewählt, mit der Absicht, einen Beitrag zu dem Versuch leisten, moderne (Lebensmittel-)Märkte und die Risikoproduktion auf diesen Märkten besser verstehen. Da ich jetzt ungefähr bei der Hälfte meiner Schreibzeit angekommen bin und am Montag (zumindest hier in Berlin) die Vorlesungszeit anfängt, ist dies ein guter Zeitpunkt, um ein Zwischenfazit zu ziehen: Was habe ich bisher gemacht? Wie ordnen sich die bisherigen Beiträge in das Gesamtgefüge ein? Und was plane ich noch, in den nächsten Wochen zu schreiben?

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Grenzen inmitten der Stadt einziehen. Die Konstruktion des Heiligen im öffentlichen Raum

Laut Georg Simmel gehört zu den Eigenheiten der modernen Gesellschaft ihre Ambivalenzglobale Trends gehen mit lokalen Besonderheiten einher. Ein Beispiel für solche lokalen Beharrlichkeiten ist der thailändische Buddhismus. Wie überall, verliert die Religion im Zuge der Modernisierung auch in Thailand auf den ersten Blick an Bedeutung. Sie verschwindet (scheinbar) aus dem Alltag und wird an den Rand der Gesellschaft gedrängt – räumlich symbolisiert dadurch, dass der moderne Mensch in Großstädten wie Bangkok lebt, während der Mönch klassischerweise in Klöster in Wäldern und Bergen abseits jeglicher Zivilisation pilgert und sich dort zurückzieht. Diese Pilgerschaften werden neuerdings zurück in den öffentlichen Raum inmitten der Stadt geholt – wodurch sich die Frage stellt, wie man in einer modernen Metropole die Grenzen zwischen Heiligem und Profanen zieht.

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Treiber der Geldentwicklung

Die moderne Geldwirtschaft hat sich nicht automatisch entwickelt. Vielmehr stabilisieren historisch eine Reihe endogener und exogener Faktoren die Geldentwicklung und treiben sie voran. Diese verschiedenen Ursachen der Geldentwicklung treiben sich nur wechselseitig voran, sondern die Geldentwicklung treibt – einmal in Gang gesetzt – auch ihre Ursachen voran, so dass ein komplexes dynamisches Wechselspiel entsteht.

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Deutsche Wirtschaftsregionen. Über die Regionale Variation der Lebenschancen in Deutschland

Nachdem ich nun Einiges über die soziale Konstruktion des Raumes geschrieben habe, möchte ich zurückkehren zum Wechselverhältnis von Wirtschaft und Raum. Wie ich bereits angedeutet habe, sind diese auf vielerlei Weise miteinander verbunden, etwa über die Verlängerung der Produktionsketten, die sich u.a. in Standortverlagerung und Globalisierung auswirkt. Gleichzeitig sind regionale Disparitäten eine altbekannte Dimension sozialer Ungleichheit. Die Sozialstrukturanalyse geht dabei klassischerweise von absoluten Raumvorstellungen des Behälterraums aus, d.h. sie nimmt Räume als gegebenen Handlungsrahmen. Dabei fallen u.a. gravierende Unterschiede der Lebens- und Arbeitsmarktchancen, d.h. es macht einen großen Unterschied, an welchem Ort man geboren wurde bzw. lebt.

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Mönche und Alltagsmenschen. Grenzziehungspraktiken zwischen Heiligen und Profanen im Buddhismus

Im Buddhismus wird noch deutlicher als auf der Kumbh Mela, dass Grenzen in der Interaktion sozial konstruiert werden. Das Heilige ist hier nicht ein physisches Objekt (Kirche, Wasser), sondern der Mönch selbst – und anders als die hinduistischen Naga Babas bewegen sich buddhistische Mönche ganz normal durch südostasiatische Städte. Selbst personal ist das Mönchsein nicht abgegrenzt (wohl aber geschlechtlich): Auch wenn es im Buddhismus ebenso wie im Christentum Mönche auf Lebenszeit gibt, können buddhistische Männer mehrmals im Lauf ihres Lebens zwischen dem Status des Mönchseins und dem Status des Alltagsmenschen hin- und herwechseln. Dieses transitorische Mönchsein nimmt oft die Form einer rituellen Reinigung vor einer wichtigen Statuspassage an (Erwachsenwerden, Hochzeit). Obgleich das oberste Ziel des Mönches ist, sich von den irdischen Begierden loszulösen, so ist sein Da-Sein doch zutiefst in den Alltag eingebettet. Die Grenze zwischen Heiligem und Profanen verläuft folglich hier genau zwischen der Raum-Zeit-Koordinate, auf der sich der Mönch findet, und der Umwelt. Wie wird hier die Grenze zwischen Heiligem und Profanen konstruiert?

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Soziale Konstruktion der Grenze. Über die Trennung von Heiligem und Profanen auf der Kumbh Mela

Wenn wir Orte konstruieren, müssen wir hierzu eine Grenze zwischen Innen und Außen ziehen, wobei uns hierzu verschiedene Mittel zur Verfügung stehen, wie etwa der gebaute Raum oder Karten. Am Beispiel der Kumbh Mela lässt sich aber zeigen, dass soziale Grenzen v.a. interaktiv gezogen werden. Bei diesem größten religiösen Fest der Hindus, das 2010 in Haridwar (Indien) stattfand, waschen sich die Gläubigen rituell im Ganges, um an Erkenntnis zu gelangen und sich von ihren Sünden zu befreien.

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Die Karte als Interaktionsmedium

Die Karte ist ein Interaktionsmedium, das (neben sozialen Praktiken) das Wissen über den Raum transportiert. Sie hilft dem Menschen bei der Syntheseleistung, die Ansammlung von Menschen und Gütern auf bestimmten Raum-Zeit-Koordinaten anzuordnen und zu einem Ort zu verdichten. Sie hat den Vorteil, dass sie die physische Anwesenheit eines Interaktionspartners nicht voraussetzt – dachten wir.

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Die Interaktion von Mensch und Raum durch Raumproduktion, Raumwahrnehmung und Raumaneignung

Im Zeitverlauf wirken Menschen und (physischer) Raum wechselseitig aufeinander ein. So sehr der (physische) Raum für den Mensch einen Handlungsrahmen darstellt, das in der konkreten Interaktionssituation hinderlich oder förderlich wirken kann, so sehr ist der Raum selbst auch sozial konstruiert: Menschen haben unterschiedliche Vorstellungen von Raum, nutzen und (re-)produzieren ihn auf unterschiedliche Weise.

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