Zur Empfehlung des DGS-Vorstandes, aus dem CHE-Ranking auszusteigen 4
Im Oktober des vergangenen Jahres habe ich an einem Workshop über University Rankings an der Universität Helsinki teilgenommen. Der Workshop war geprägt von kritischen Beiträgen, die sich mit den methodischen Mängeln und den fatalen Effekten von Rankings für Forschung und Lehre an den Universitäten beschäftigten. Am Abend gab es einen Empfang beim Vizerektor für Forschung, der die international bedeutende Position der Universität Helsinki in Forschung und Lehre herausgehoben hat und darüber berichtete, dass die Universität alle Anstrengungen unternehmen wird, um im Shanghai-Ranking der 500 sichtbarsten Universitäten der Welt von gegenwärtig Platz 68 auf einen Platz unter den ersten 50 aufzusteigen. Über Sinn und Zweck globaler und nationaler Universitätsrankings hat der Vizerektor kein Wort verloren, methodische Mängel waren nicht im Fokus seiner Ansprache. Vielmehr erhoffte er sich, dass wir in unserem Workshop die richtigen Strategien für einen solchen Aufstieg herausfinden würden. Beim anschließenden Gespräch sagte ich ihm, das sei gar nicht so schwierig. Die sicherste Strategie sei doch, wenn die Regierung den anderen finnischen Universitäten ein Viertel ihrer Grundausstattung wegnähme und der Universität Helsinki das eingesammelte Kapital übergäbe, damit sie die weltweit reputiertesten, im Web of Science sichtbarsten Forscher berufen könne. Er meinte, dass sich die anderen Universitäten natürlich dagegen wehren würden und dieser Weg für seine Universität verschlossen sei. Stattdessen wolle man auf Schwerpunkte der Forschung setzen und für sie mehr Drittmittel einwerben, wodurch sich natürlich langfristig doch eine verstärkte Konzentration von Ressourcen auf die Universität Helsinki ergäbe.
Akademischer Kannibalismus
Man sieht an diesem Beispiel, dass die entscheidende Strategie – die Ressourcenvermehrung – nicht alle zugleich wählen können, weil bei nicht endlos wachsenden Summen die einen weniger bekommen, was die anderen mehr erhalten. Bei einem Nullsummenspiel ist eben der Gewinn des einen der Verlust des anderen. Wozu nahezu alle bis auf die Reichsten gezwungen werden, ist die sogenannte Profilbildung, im Klartext die Abstoßung von allem, was unter der wettbewerbsfähigen kritischen Masse liegt, und die Investition der freiwerdenden Mittel in wenige Schwerpunkte. An die Stelle der Universität tritt dann eine Spezialhochschule mit eingeschränktem Denkhorizont, wodurch die Chancen für interdisziplinäres Arbeiten just zu einer Zeit sinken, wo alle danach rufen.
Wenn der Wettbewerb von Hochschulen um Ressourcen erstens zu einer größeren Ungleichheit ihrer Verteilung führt, zweitens die meisten Universitäten in Spezialhochschulen transformiert und drittens die Diversität von Forschung und Lehre reduziert, dann muss man sich fragen, was diesen Wettbewerb so antreibt, dass er für die Hochschulleitungen zum völlig unhinterfragten Faktum geworden ist. In meinen Augen ist es die große Verwechslung des genuin wissenschaftlichen Wettbewerbs um Erkenntnisfortschritt mit dem ökonomischen Wettbewerb um Monopolrenten. Wer sich den Wettbewerb nicht wünscht, der setzt sich sofort dem Verdacht aus, es sich bequem machen und auch ohne Anstrengung zu Geld und Ehren kommen zu wollen. Nur, worin besteht denn die Anstrengung von Hochschulleitungen, die ihre Universität im Ranking um ein paar Plätze nach oben bringen wollen? Sie kann allein darin bestehen, Kapital zu generieren, das in schon vorhandene Schwerpunkte investiert wird. Wenn kein Geldgeber von außen kommt, dann kann nur die innere Kannibalisierung der Fachgebiete unterhalb der kritischen Masse den erwünschten Erfolg bringen.
Die Verwechslung des managerialen mit dem wissenschaftlichen Wettbewerb
Mit einer Steigerung der „wissenschaftlichen“ Leistungsfähigkeit der Universität hat diese Strategie direkt nichts zu tun, denn die Wissenschaftler fördern ihre Erkenntnisse unabhängig von ihrer Arbeitsstelle zutage und machen sie der Allgemeinheit zugänglich. Das ist dasselbe Spiel wie im Fußball, wo Mario Gomez, Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo ihre Tore unabhängig davon schießen, ob sie für Bayern München, den FC Barcelona oder Real Madrid spielen. Es handelt sich lediglich um eine Steigerung der managerialen Handlungsfähigkeit von Universitäten. Bei Wirtschaftsunternehmen und Fußballklubs kann das die richtige Strategie sein, bei Universitäten steht jedoch mehr auf dem Spiel als die bloße manageriale Handlungsfähigkeit. Es zählt nicht die manageriale Leistung von Uli Hoeneß, sondern allein die Publikation von Forschungsergebnissen. Wo diese entstanden sind, spielt für die Wissenschaft keine Rolle, solange sie noch als Kollektivgut betrachtet werden. Ist das nicht mehr der Fall, dann hat man ohnehin den Rubikon überschritten und die wissenschaftliche Arbeit komplett in ein ökonomisches Streben nach Monopolrenten umgewandelt.
Die Erhaltung der Universitäten im Wortsinne ist eine wesentliche Voraussetzung für die Horizonterweiterung in Forschung und Lehre. Wenn das nicht gegeben ist, gehen wir einer Welt voller Fachidioten entgegen. Die neu geschaffenen Schwerpunkte sind in aller Regel weit über den optimalen Punkt hinaus überausgestattet und deshalb umso mehr vom Gesetz des sinkenden Grenznutzens jenseits dieses Punktes betroffen. Die wachsende Ungleichheit der Ressourcenverteilung führt außerdem dazu, dass es neben den überausgestatteten Zentren eine Vielzahl von unterausgestatteten Fachbereichen in der Peripherie gibt. Das gesamte System schöpft deshalb seine Ressourcen nicht optimal aus. Genau diese ökonomische Fehlleistung mit fatalen Konsequenzen für den Erkenntnisfortschritt wird paradoxerweise unter der Agenda des „Leistungswettbewerbs“ zwischen den Hochschulen erbracht.
Die HRK auf der Fährte der neoliberalen Reformagenda
Wie wenig die Protagonisten des Universitätsrankings wissen, was sie tun, zeigt die Gründung des Centrums für Hochschulforschung (CHE) durch die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in Zusammenarbeit mit der Bertelsmann-Stiftung im Jahre 1994. Die HKR ist damit den Isomorphiezwängen der global wirksamen neoliberalen Reformagenda gefolgt und hat sich auf der Linie dieser Agenda für den Leistungswettbewerb zwischen den Hochschulen stark gemacht, wobei als eigene „Einsicht“ angegeben wird, was nichts anderes als das Aufspringen auf einen globalen Trend war: „Hintergrund war die in der HRK gewachsene Einsicht, dass sich das Hochschulwesen in Deutschland stärker wettbewerblich orientieren muss und hierfür geeignete Instrumentarien zu entwickeln sind“ (HRK 2012). Das laut HRK „geeignete Instrumentarium“ ist das CHE-Hochschulranking. Die HRK hat sich damit unmissverständlich auf die Seite des weltlichen Pols im akademischen Feld gestellt. Auf dieser Seite stehen die Universitäten unter der neoliberalen Reformagenda in einem verstärkten Kampf um mediale Sichtbarkeit, Einfluss in der politischen Arena und Geld im ökonomischen Wettbewerb um Drittmittel. In diesen Kämpfen überlagern die Gesetzmäßigkeiten der medialen Erzeugung von Aufmerksamkeit, der politischen Einflussnahme und der Erringung ökonomischer Wettbewerbsvorteile die Praxis von Hochschulbildung und –forschung. Weil diese weltliche Seite des akademischen Feldes enorm an Gewicht gewonnen hat und einstige Treuhänder der Wissenschaft wie die HRK und die Hochschulleitungen die Seite gewechselt haben und zu Protagonisten eines Verdrängungswettbewerbs geworden sind, hängt die Erhaltung der Autonomie der Wissenschaft umso mehr von ihren genuinen Trägerinnen, von den wissenschaftlichen Fachgesellschaften ab. Genau dieser Herausforderung hat sich der DGS-Vorstand mit seiner Empfehlung gestellt, aus dem CHE-Ranking auszusteigen. Als Fachgesellschaft steht die DGS auf der Seite des autonomen Pols des wissenschaftlichen Feldes und liegt damit im Konflikt mit Hochschulleitungen und HRK auf der Seite des weltlichen Pols.
Die Agenda der Fachgesellschaften: Verteidigung der Autonomie der Wissenschaft
Beim Kampf gegen das Diktat von Rankings geht es nicht nur um behebbare methodische Mängel, sondern viel grundsätzlicher darum, ob sich die Fachdisziplinen einen wissenschaftsfremden Distinktionskampf aufzwingen lassen wollen, der nur wenige Gewinner, aber viele Verlierer kennt und Wissenschaft und Bildung daran hindert, ihre genuinen Aufgaben zu erfüllen. Das gilt national und weltweit. Die Drohung des CHE, dass das weltweite QS-Ranking so oder so die Hierarchisierung von Wissenschaft und Bildung betreiben wird, sollte als solche verstanden und angenommen werden. Das wäre eine Aufgabe für die International Sociological Association. Die DGS ist als Fachgesellschaft die geborene Treuhänderin von Wissenschaft und Bildung. Es ist ihre Aufgabe, für deren Autonomie und gegen deren Usurpation durch wissenschafts- und bildungsfremde Interessen zu kämpfen (Bourdieu 1975; Bourdieu und Wacquant 2006: 212-237). Weder von Regierungen noch von den Universitäten kann das erwartet werden. Regierungen verfolgen politische Interessen und instrumentalisieren Wissenschaft und Bildung zwangsläufig für diese Interessen. Sie kreieren z.B. Leuchttürme, um im politischen Standortwettbewerb zu punkten. Dieses Interesse ist nicht identisch mit dem Interesse am Erkenntnisfortschritt und an einer bestmöglichen Bildung für alle. Die Universitäten sind durch das Einfrieren oder sogar Schrumpfen der Grundausstattung und den Ausbau der Drittmittelförderung in der Tendenz in Unternehmen transformiert worden, die ein Interesse an der Akkumulation von Wettbewerbsvorteilen und der Distanzierung von Konkurrenten haben. Auch dieses Interesse ist nicht identisch mit der Förderung von Erkenntnisfortschritt und Bildung per se. Weil Politik und unternehmerische Universitäten das Feld von Wissenschaft und Bildung in neuer Weise fremden Interessen unterwerfen, sind die Fachgesellschaften umso mehr herausgefordert, die Autonomie der Wissenschaft zur Geltung zu bringen.
Rankings bedienen das Interesse der Medien, Aufmerksamkeit zu erzeugen und Leser zu gewinnen, das Interesse der Politik, im Standortwettbewerb durch die Investition in Leuchttürme mitzuhalten und das Interesse von unternehmerischen Universitäten, sich durch die Investition in ihre eigenen Leuchtturm-Fächer gut zu positionieren. Sie erzeugen dabei wenige Gewinner und viele Verlierer. Zu den Verlierern zählt auch die Wissenschaft selbst, weil Rankings die ideale Sprechsituation (Habermas 1971) als Grundbedingung des wissenschaftlichen Diskurses aushebeln. Sie bieten sich als Heilsbringer in einer angeblich völlig unübersichtlich gewordenen Welt an und versprechen eine „objektivierte“ Reduktion von Komplexität als sichere Entscheidungsgrundlage für Studieninteressierte, Hochschulleitungen und Regierungen. Das Medikament, das sie dem angeblich von der Informationsflut überforderten Patienten verabreichen, zerstört jedoch die eigenen Lebenskräfte des angeblichen Patienten. Es verursacht eine Art Seuche, die das ganze Wissenschaftssystem befällt und es seiner inneren Funktionsfähigkeit beraubt. Der angebliche Helfer erweist sich als ein Diktator, der Forschung und Lehre sein eigenes Spiel aufzwingt. Wenn die Wissenschaft ihre Autonomie wiedergewinnen will, muss sie sich von der Diktatur der Rankings befreien. Weil Politik und Universitäten in ihrem Interesse an der instrumentellen Nutzung der Wissenschaft für ihre eigenen, wissenschaftsfremden Interessen als Komplizen der Rankings agieren, sind die Fachgesellschaften als genuine Treuhänder der Wissenschaft, deren Interesse allein der Förderung des Erkenntnisfortschritts gelten kann, umso mehr herausgefordert, dagegenzuhalten. Das heißt, sich der Oktroyierung von Rankings zu widersetzen und dabei auch den Konflikt mit Hochschulleitungen und Ministerien nicht zu scheuen. Im Interesse der Autonomie der Wissenschaft ist es ihre Pflicht, diesen Konflikt auszutragen.
Für die Forscher und Lehrer entstehen Loyalitätskonflikte neuer Art. Die unternehmerische Universität nimmt ihnen ein Stück ihrer Freiheit der Forschung und Lehre, die sie nach bestem Wissen und Gewissen nach den Maßstäben ihrer Fachgesellschaften ausgeübt haben. Sie macht sie in der Tendenz zu weisungsgebundenen Angestellten eines Betriebs, dessen Interesse die durch Rankings dokumentierte Positionierung im Wettbewerb mit anderen Universitäten ist. Aus genau diesem Grund arbeitet die Hochschulrektorenkonferenz mit dem CHE zusammen. In der Tat werden Forscherinnen und Forscher ja auch verstärkt in den Wettbewerb gegeneinander um allerlei Trophäen geschickt. Dabei geht auch ein gewisses Maß an Kollegialität und damit an wechselseitigem Vertrauen verloren, eine wesentliche Voraussetzung für das Funktionieren der Wissenschaft.
Der DGS-Vorstand hat das richtige Zeichen gesetzt. Er erinnert seine Mitglieder mit diesem Zeichen auch daran, dass sie nicht nur Angestellte eines Betriebs sind, sondern eine Verantwortung für die Wissenschaft jenseits betrieblicher Interessen haben. Diese Verantwortung wahrzunehmen, ist die genuine Aufgabe der Fachgesellschaften.
Literatur
Bourdieu, Pierre. 1975. The Specifity of the scientific field and the social conditions of the progress of reason. In: Social Science Information 14 (6), S. 19-47
Bourdieu, Pierre und Loïc Wacquant. 2006. Reflexive Anthropologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Habermas, Jürgen. 1971. Vorbereitende Bemerkungen zu eine Theorie der kommunikativen „Kompetenz“. In: J. Habermas und N. Luhmann: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie? Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 101- 141.
HRK (Hochschulrektorenkonferenz). 2012. Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). http://www.hrk.de/de/projekte_und_initiativen/117.php. Abgerufen am 30.07.2012.
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