Am 23. November fand die Tagung „Nützliche Armut“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Wuppertal statt. Die Stiftung hatte auch das „Kritische Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln“ gefördert, daher sagte ich gerne für einen Vortrag zu. Vor dem Hintergrund meines Buches „Schamland“ legte ich auf der Tagung meine Kritik an der bundesdeutschen Tafelbewegung dar und erläuterte, warum freiwilliges Engagement Armutsbekämpfung nicht ersetzen kann. Der Titel der Tagung lehnte sich bewusst (und mit Erlaubnis des Autors) an ein Buch aus den 1980er an (Wolf Wagner: Die nützliche Armut. Eine Einführung in Sozialpolitik). Er traf den Kern des zu verhandelnden Problems perfekt.
Politische Entsorgung eines Problems
Rudolf Martens (die „personifizierte“ Forschungsstelle des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes) erläuterte am Beispiel des 4. Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung pointiert, wie das politische System funktioniert: „Wenn etwas passt, wird es übernommen. Wenn nicht, dann nicht. Logik und Politik sind zweierlei Dinge.“ Durch Armutsberichte wird das Problem Armut „politisch entsorgt“, so seine These.
Martens war bei seinen Vortrag übrigens enorm kreativ: Da ihm ein Laser-Pointer fehlte, zweckentfremdete er einen Besen. Der Besen wurde dann auch von weiteren Referenten genutzt. Sehr zur Erheiterung der Anwesenden, die ansonsten beim Thema Armut wenig zu lachen hatten.

In eine ähnliche Richtung zielt meine Kritik am „Bundesverband Deutsche Tafel e.V.“, der seit Jahren einen „Armutsbeauftragten“ fordert (vgl. den Beitrag des damaligen Vorsitzenden des Tafelverbandes Gerd Häuser in Stefan Selke/Katja Maar: Transformation der Tafeln in Deutschland, Wiesbaden, S. 111-117). Ein Armutsbeauftragter ist eine schöne Idee – aus Sicht der Tafeln. Die könnten dann ihre Arbeit unbehelligt durch kritische Beobachter weiterführen und die Beschäftigung mit dem Problem Armut an den „Armutsbeauftragten“ delegieren.
„Armut ist kein Betriebsunfall“, so stand es in der Einladung zur Tagung. Vielmehr sei sie „systemnotwendig“. Heinz Sünker machte zu Beginn der Tagung deutlich, dass es „um Strukturen“ gehe. Seine allgemeine Kritik an der „Symptombehandlung“ war der perfekte Rahmen für meine Gesellschaftskritik am Beispiel der Tafeln.
In meinem Vortrag zeigte ich zunächst ein Bild aus dem Foyer des BMAS. Es zeigt die zeitgemäße Form der Ehrenamtshuldigung. Auf einer riesigen Schautafel werden 11 Personen portraitiert, die sich freiwillig in verschiedenen Bereichen engagieren. „DEUTSCHLAND SAGT DANKE!“ lautet die Überschrift auf dem zweistöckigen Display.

Freiwilliges Engagement wurde längst zu einem politisch erwünschten Standortfaktor. Dies habe ich an anderer Stelle anhand der Analyse von EU-Papieren gezeigt. Wir sind mitten in der Freiwilligengesellschaft, die eine Ehrenamts-Schattenökonomie auf Basis wertvollen aber unbezahlbaren „Humankapitals“ etabliert. Grund dafür, so redet man uns ein, sei fehlendes Geld. Die Krise, verursacht durch Wenige, wird daher immer mehr zum Motivationsproblem Vieler, die die Lücke schließen sollen. Die Privatisierung des Sozialen erweist sich als das Notlösungskonzept einer ratlosen Politik. Die schleichende Umwertung solidarischer Praktiken im Sinne einer De-Institutionalisierung wird dabei billigend in Kauf genommen.
Öffentliche Soziologie im ZDF-Chat
Nur kurze Zeit später hatte ich in der Sendung ZDF log in Gelegenheit, die CSU-Abgeordnete und Trägerin eines Bundesverdienstkreuzes Dagmar Wöhrl zu fragen, warum die BMAS-Ruhmestafel nicht ein einem öffentlichen Raum steht. Denn nur dann würden Bürgerinnen und Bürger auch mitbekommen, dass man sich bei ihnen bedankt. So aber drängt sich der Eindruck auf, dass hier ein Handlungsmodell in die Köpfe der Politiker und Sachbearbeiter implantiert wird. Die suggestive Botschaft im Vorbeigehen lautet: Warum soll man für etwas Geld ausgeben, wenn es doch so viele gibt, die es umsonst machen? Frau Wöhrl pochte in der Sendung vehement darauf, dass es Aufgabe des Staates sei, Armut zu „lindern“. Damit lieferte sie unbeabsichtigt die Bestätigung einer meiner Kernthesen zum kulturellen Wandel. Ich gehe davon aus, dass es gegenwärtig einfacher ist, öffentliche Sympathie für Armutslinderungsspektakel zu erzielen, als politische Legitimation für nachhaltige Armutsbekämpfung. Dass der Staat für Armutsbekämpfung zuständig sein könnte, fand Frau Wöhrl eher sonderbar. Die Bürger sollten sich selbst um das „Zwischenmenschliche“ kümmern.
Die Sendung war, nebenbei bemerkt, eine ganz neue Erfahrung für mich als „Öffentlicher Soziologe“. Zuschauer konnten sich direkt per Chat, Twitter oder Facebook beteiligen – das taten erkennbar sogar einige meiner Studierenden aus Furtwangen. Nach der Sendung musste ich meine Thesen noch 20 Minuten im Chat verteidigen. Das war allerdings nicht schwer, denn meine These hatte in einer Online-Umfrage unter den Zuschauern eine Zustimmung von über 70 Prozent erhalten. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam übrigens auch eine Abstimmung der ARD (Fakt-Voting des MDR). Auf die Frage, ob Tafeln eine sinnvolle Einrichtung oder eher der „Pannendienst der Gesellschaft“ seien, antworteten zwei Drittel der Befragungsteilnehmer kritisch: „Nein, die Tafeln verfestigen die Armut nur und die Gesellschaft kann die Verantwortung abwälzen.“ Noch sind das nur „Trendaussagen“. Aber sie zeigen, wie sich langsam aber stetig die Form der Debatte ändert.
Gesellschaft des Spektakels
Die Tafeln, die seit 20 Jahren mitten unter uns existieren, sind ein Prototyp zeitgeistkonformer Linderungsspektakel. Sie können als Aktualisierung der Thesen von Guy Débord (Gesellschaft als Spektakel) verstanden werden. Und das sehen nicht nur „bösartige Kritiker“, „realitätsferne Zyniker“ oder „Salonsozialisten“ so (Auswahl aus der langen Liste von Verunglimpfungsformen, die mich zwischenzeitlich erreichten), sondern durchaus auch Kritiker aus den Reihen der Tafeln selbst. So schreibt etwa Philipp Büttner vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt München (2012): „Wir helfen einerseits, Armut zu lindern. Aber wir verändern nichts, wir bekämpfen Armut damit nicht nachhaltig. Die Aktivitäten haben etwas von Pflasterkleben: Das Pflaster ist nötig, aber die Wunde darunter wird niemals heilen. Das Ziel, die Wunde zu heilen, wird verfehlt. Wer sich in der Hartz-IV-Ökonomie engagiert, muss diese zwiespältigen Wirkungen sehen.“ Was Büttner Hartz-IV-Ökonomie nennt, bezeichne ich, etwas weiter gefasst, als Armutsökonomie.
Kommodifizierung von Armut – Armut als Ware
Mit der flächendeckenden Verteilung von Pflastern lässt sich (politisch) nicht nur gut leben. Damit lässt sich auch Profit machen. Spektakuläre Abspeisung als Ersatz für reale Armutspolitik macht Armut zu einer Ware innerhalb eines stetig wachsenden armutsökonomischen Marktes. Zu diesem Markt gehören existenzunterstützende Angebote wie Kleiderkammern, Suppenküchen oder Sozialkaufhäuser. Dazu gehören zudem die (profitablen) Beratungsangebote der Wohlfahrtsverbände und die (entlastenden) Verschiebebahnhöfe der Arbeitsagenturen und Jobcenter. Prototypisch eben auch die Tafeln.
Der armutsökonomische Markt zeichnet sich dadurch aus, dass Dritte von der Armut Anderer profitieren, dies als „Engagement“ ausweisen und so strukturelle Defizite verdecken. Es kommt zu einer Ökonomisierung zweiten Grades. Die „Ökonomisierung des Sozialen“ verursacht Armut. Die Behandlung von Armut erfolgt durch die Auslagerung in private Agenturen, die ein Surrogat echter Politik darstellen. Der zweite Grad der Ökonomisierung besteht dann darin, dass innerhalb dieses Surrogatsystems weiterhin nach genuin ökonomischen Rationalitätsformen operiert wird: Effizienz, Monopolisierung (Lobbyverbände), Branding, (Stichwort: Tafeln als „Marke“), Produktdifferenzierung (Kinder-, Tier-, Medikamenten-, Brillen-, Sporttafeln) etc..
Armutsökonomische Angebote zeichnen sich insgesamt aus durch eine Ökonomie des Nehmens (Sachleistungen werden als funktionale Äquivalente zu Rechtsgütern betrachtet), einer Ökonomie des Gebens (Orientierung an Rollenbildern aus der Wirtschaft, um den eigenen „Erfolg“ zu demonstrieren, vor allem Aufzeigen des eigenen „Wachstums“, „Tonnenideologie“ bei den Tafeln), einer Ökonomie der Scham (Beschämung als nutzenmaximierendes politisches Steuerungsinstrument), einer Ökonomie des Delegierens (Instrumentalisierung des freiwilligen Engagements in Bereichen, die durch das Grundgesetz geschützt sind) sowie einer Ökonomie des Moralisierens (Individualisierung von Schuldzuweisungen den Armen gegenüber, Trennung in würdige und unwürdige Arme).
Komplementär setzt sich gerade auch die „Ökonomisierung des Engagements“ durch flächendeckendes Freiwilligenmanagement durch. „Engagementpolitik“, der Leitbegriff des BMFSFJ wurde übrigens (so wurde mir nach viermaliger Anfrage mitgeteilt) von einer Werbeagentur erdacht. Politik, die sich in neuerfundenen Begriffen erschöpft oder an anachronistische Begriffe anknüpft („Bundesfreiwilligendienst“).
20 Jahre Tafeln in Deutschland und die damit zusammenhängenden Kampagnen, PR-Lyriken, Selbstbeschreibungsformen („Helden des Alltags“, „Ritter der Tafelrunde“) sowie Legitimationsfiguren („Lebensmittel retten“) zeigen, was passiert, wenn Armut in dieser Weise zur Ware wird. Der Impuls, darin einen gesellschaftlichen Skandal zu erkennen, geht beim Gedanken daran, welche schönen neuen „Projekte“ sich im armutsökonomischen Markt umsetzen ließen, restlos verloren.
Was kann sich ändern?
„Ändern kann sich eigentlich nur etwas“, schreibt Wolf Wagner in seinem Buch Die nützliche Armut, dem Namensgeber der Armutskonferenz, wenn die Sehnsucht nach Aufstieg und die Angst vor dem Abstieg an Wirkungskraft verlieren. Denn nur dann ist wirkliche Solidarität ohne die Geste der herablassenden Hilfe oder Abschieben in eine anonyme Institution möglich“. Es geht, in anderen Worten, nicht ohne strukturelle Lösungen. Lebensmittelwetten von Politikern oder Kampagnen können keine Politik ersetzen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seines Buches (1982) sah der Autor die Chancen für eine derartige Kultur als „winzig klein“ an.
Noch kleiner erscheint die Chance in der Gegenwart. 2008, als die Tafeln ihr 15-jähriges Bestehen „feierten“, konnte Gerd Häuser, der damalige Vorstandsvorsitzende, noch behaupten: „Die Tafel-Bewegung (…) ist heute Teil der nicht mehr wegzudenkenden sozialen Absicherung einer größer werdenden Zahl von Menschen. Die Tafeln füllen eine Lücke in der Daseinsfürsorge, die die Politik aufgerissen hat.“ (Feedback-Ausgabe 2008). Im September 2013, bei der „Feier“ zum 20-jährigen Bestehen, verkündeten die Unterstützer der Tafeln aus den Reihen der Politik nur noch: „Auf die nächsten 20 Jahre“. Nachhaltige Armutsbekämpfung ist nicht mehr vorgesehen. Armut wird nicht nur politisch entsorgt, sie ist nützlich.
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