Das Web und die Soziologie

Liebe Leserin, lieber Leser,

als ich vor einigen Monaten gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, für zwei Monate den Soziologie-Blog zu bestreiten, habe ich spontan zugesagt. Bislang habe ich keinerlei Erfahrung mit der Praxis des Bloggens. In den letzten Semestern haben mir aber die Studentinnen und Studenten klar gemacht, dass dies ein „professionelles Manko“ sein könnte.
Besonders deutlich ist mir dies in meiner Vorlesung „Soziale Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse“ geworden. Dort gibt es immer eine Veranstaltung zur Soziologie der Generation – über den berühmten Text von Karl Mannheim. Zum Einstieg frage ich jeden Jahrgang unseres BA-Sozialwissenschaften, welches Ereignis ihre Generation bis heute am meisten geprägt hat. Bis vor wenigen Jahren lauteten die Antworten: 1989 – der Fall der Mauer – oder der 11. September. Seit einigen Jahren erhalte ich eine vollkommen andere Antwort, kein Ereignis wird genannt, vielmehr werden soziale Netzwerke aufgezählt: Facebook, StudiVZ, WhatsApp etc. Dort hätte sich eine neue Form der Sozialität entwickelt, mit der ich und viele andere meiner Generation nicht vertraut seien. Und genau dies mache den Unterschied zwischen den Generationen aus. So unterscheide beispielsweise die ältere Generation noch zwischen „virtuellen“ Begegnungen im Netz und „realen Rendez-vous“, während dies für sie – die jüngere Generation – keinen Unterschied mache, ob sie online oder face-to-face kommunizieren.

Ob sich die heutige Generation über diese Erfahrung künftig tatsächlich identifizieren wird, ob die Interaktion in sozialen Netzwerken im Web ihre Weltsicht, ihre Art zu denken, wahrzunehmen und zu handeln prägen wird, wie die „Flakhelfergeneration“ durch die Erlebnisse des zweiten Weltkrieges, die „Nachkriegsgeneration“ durch den Wiederaufbau oder die 68er Generation über ihr Aufbegehren gegen die Verzopftheit der Adenauer-Gesellschaft, wird die Zukunft zeigen.

Für die Soziologie ergeben sich – meiner Meinung nach – aus dem Web bereits jetzt vielfältige und neuartige Herausforderungen. Möglicherweise sitzt uns in den Lehrveranstaltungen, aber eben nicht nur dort, eine „Web-Generation“ gegenüber. Womöglich wandern große Teile der Sozialität ins Web oder sind dort bereits längst angekommen. Vielleicht ist dort eine neue Form von Sozialität entstanden. Diese und viele weitere Fragen stellen eine Herausforderung dar. Eine andere besteht darin, dass die Soziologie zuallererst neue methodische Werkzeuge benötigt, um die großen Datenmengen (Big Data) im Web systematisch erschließen zu können. Ohne solche Werkzeuge werden wir nicht unseren methodischen Standards genügen können. Dies fängt bereits damit an, dass uns bekannte Suchmaschinen nach ihren Vorgaben durch das Netz führen und sich so ihre inhaltlichen Prioritäten in unsere Forschung einschreiben.

Ich weiß, dass viele Kolleginnen und Kollegen über und mit dem Web forschen. Es würde mich sehr freuen, wenn wir uns die nächsten zwei Monate über unsere Erfahrungen austauschen können. Schön wäre es ebenfalls, wenn wir Soziologinnen und Soziologen, die bislang wenig mit und über das Web arbeiten, für dieses Sujet gewinnen könnten.

14 Gedanken zu „Das Web und die Soziologie“

  1. „Eine andere besteht darin, dass die Soziologie zuallererst neue methodische Werkzeuge benötigt, um die großen Datenmengen (Big Data) im Web systematisch erschließen zu können.“

    Als sich Soziologen noch gefragt haben, wie kann man das Gewordene verstehen, um es zu kritisieren und zu verbessern, war Soziologie nicht nur eine Gesellschaftswissenschaft, es war eine Wissenschaft zur kritischen Bestimmung der herrschenden Verhältnisse.

    Ebenso wie die Partei der Grünen, ist die Soziologie im mittelständischen Wohlstand angekommen. Und damit ist natürlich auch keine Kritik mehr vonnöten. Man lebt ja schließlich in der besten aller Welten. Zumal sich eine Mehrheit der Soziologie-Funktionäre auch noch als sekundäre Elite versteht.

    Die Erfassung von Big Data ist keine Frage der Methodik. Die Erfassung von Big Data ist eine Frage der Ethik in den Wissenschaften. Wenn große Forschungsinstitute bereits begonnen haben Millionen Menschen europaweit vom Kindesalter an -selbstverständlich bestens anonymisiert- zu verfolgen (tracken klingt natürlich viel besser), dann wundert es natürlich nicht, wenn Big Data für Privatwirtschaft und Geheimdienste ebenso kein Problem sind.

    Aber natürlich darf die Wissenschaft auf diese Erkenntnisse nicht verzichten. Big Data ist ja nun mal da. Dann muss man es auch auswerten dürfen. Wenn wir es nicht machen, macht es jemand anderes.

    Den nächsten eliminatorischen Totalitarismus wird keine verfolgte Gruppierung überleben. Dafür sorgen Konzerne, Geheimdienste und die völlig unbedarft gewordene Sozialwissenschaft, die die Methoden zur Auswertung von Big Data diskutiert und bereitstellt. Wer das Internet und technische Entwicklungen nicht im Ansatz versteht, wird wohl auch kaum verstehen, dass es a) keine sichere Anonymisierung und b) keine sicheren Datenspeicher gibt.

    Wer Big Data auszuwerten vermag und dafür auch noch die wissenschaftlichen Methoden bereitstellen möchte, arbeitet an der Totalüberwachung der Bevölkerung. Eine kritische Sozialwissenschaft hätte früher mal erforscht, was das für Bedingungen sind in denen Soziogen auf solch absurde Vorstellungen kommen. Nur gibt es solche Wissenschaftler wohl kaum noch an deutschen Universitäten. Dafür haben die Architekten der Neuausrichtung der Soziologie und der Universitäten gesorgt.

    1. Diesem Kommentar, lieber Bort, würde ich ganz nachdrücklich zustimmen.

      Die medizinische, psychologische, soziologische und wertebezogene Vermessung und Normierung der Gesellschaft sowie ihrer Individuen wird unsere Welt nachhaltig und sehr negativ verändern.

      Die Freiheit, ein eigenes Selbst zu sein, wird mit dem (dann) weithin verfügbaren Wissen um Durchschnitte, Normwerte, standardisierte Abweichungen und Abweichungen, die über ein „Standardmass“ hinausgehen, verloren gehen. Die statistische Interpretation aller Datenbestände und ihre (wissenschaftstheoretisch unzulässige aber machtpolitisch verlockende) Reinterpretation als Kausalzusammenhang wird uns jedes ethische Genick brechen, das wir heute vielleicht (noch) haben mögen.

      Eine Standort-bestimmende, vorausschauende Kritik wird es von den Wissenschaften nicht geben. Zu viele Publikationen können geschrieben werden, zu viele Postdoc Stellen sind erreichbar, zu viele neue Thesen sind formulierbar, wenn man sich erst der Möglichkeiten von Big Data bedient. Wir werden alle vom Baum der Erkenntnis essen – und gemeinsam an seinen Früchten ersticken.

  2. Ich möchte gerne kurz Stellung nehmen zum ersten Kommentar von Bort und zum Hinweis auf die (heute nicht mehr vorhandene) Kritische Theorie.

    Ich erahne in der Argumentation, es gäbe heute keine kritische Soziologie mehr, weil wir alle zu bürgerlich geworden sind, eine kleine – vielleicht für die Wissenschaft an sich verheerende – Schwäche: Eine Soziologie nach dem Vorbild der Kritischen Theorie ist politisch. Und sie ist stark politisch und eindeutig politisch, und wenn wir nur nach ihr forschen und lehren, verhindert sie durch ihre vorausgesetzte Normativität möglicherweise neue Erkenntnis.

    Denn, Nostalgie und Sehnsucht nach „den alten Zeiten“ sind wohl gut und schön, und Adorno und Co. waren wohl bestimmt die richtige Antwort auf eben diese ihre alten Zeiten. Aber wenn ich mich heute als Soziologie-Student, der ich bin, von vornherein (in meiner wissenschaftlichen Arbeit) als links-politisch positionieren würde, drohe ich Glaubwürdigkeit zu verlieren, und vieles von dem, was ich zu denken und zu sagen habe, bleibt ungehört und ungelesen – weil es sowieso nur „linkes Geschwafel“ ist.

    Eine moderne, kritische Wissenschaft, als welche ich die Soziologie noch immer interpretiere, muss nicht nur Konservatives und Bürgerliches, sondern auch Linkes und Sozialistisches argumentativ hinterfragen – mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringt.

    Vielleicht ist eine Mischung aus Webers Werturteilsfreiheit und Bourdieus „Terrorismus“ eine gute Alternative. Ich als junger Soziologie-Student hoffe (und bestehe wohl auch) darauf, dass ich nicht als unkritisch und unreflektiert beschrieben werde, nur weil ich – um den Bezug zum Beitrag von Eva Barlösius noch herzustellen – nicht einer 68er-Generation, sondern vielleicht einer Generation der Sozialen Netzwerke angehöre. Was bei weitem nicht heißt, dass an Bort´s Beitrag nicht auch etwas Wahres dran ist.

  3. In einem Punkt würde ich den hier geposteten Kommentaren doch recht geben wollen: Wenn sich die Soziologie jetzt schlicht als große Auswerter-Maschine des Big-Data gebärdet, was kann dann der Anspruch einer solchen Wissenschaft sein? Im besten Fall lässt sich die Soziologie dann gleich von denen bezahlen, die ein vitales Eigeninteresse an diesen Auswertungen haben – den groß-kleinen Internet-Mega-Firmen. Die Frage: Wer-stellt-was-zu-welcher-Zeit-online, statt kritischer Gesellschaftsanalyse?
    Dann hat die Soziologie in meinen Augen jegliche Daseinsberechtigung verloren! Diese Aufgabe ist bei der Informatik und in der Statistik besser aufgehoben – sowohl vom Anspruch der jeweiligen Wissenschaft als auch rein aus Kompetenzgründen. Von einer aktuellen Soziologie würde ich mir Antworten auf andere Fragen erwarten: Was verändert sich, wenn wir unsere primären Vergesellschaftungen jetzt endgültig auf technologische Apparate verlagern, die im Besitz von kapitalistischen Firmen sind? In welcher Weise wird Transparenz des Einzelnen als Kollektivphänomen zum kapitalistischen Mehrwert akkumuliert? In wie fern wird unsere Kultur als eine im technologischen Dispositiv auf 1 und 0 reduzierten Kommunikation reduziert? Welche neuen Machtzusammenhänge etablieren sich hier vor unseren Augen?

    Auf keine dieser Fragen wird die Soziologie eine soziologische Antwort finden könne, wenn sie einfach statistische und mathematische Verfahren für das neue Big-Data entwickelt.

  4. Als Informatiker hoffe ich (sicherlich erfolglos), dass meine Wissenschaft die Finger von so etwas wie „Big Data“ läßt.

    Tiefergehendes wissenschaftliches Verständnis (im Sinne von interpretierender, Mechanismen aufzeigender Modellbildung des beobachteten Systems) sind kaum zu erwarten – dafür aber statistisch empirische Modelle, deren „Gültigkeit“ schwer zu entkräften ist, die aber keine tieferen Einsichten und keinen Mehrwert erzeugen. Ich halte es für einen grundlegenden, wenn auch sehr verständlichen und verzeihlichen menschlichen Irrtum, 1% mehr Gewinn, 2% präzisere Prognosen und große statistische Zusammenhänge, für deren Interpretation man eine Maschine benötigt, als Fortschritt der Wissenschaften oder gar nur als positiven Wert an sich anzusehen.

    Die denkbaren soziologischen bis medizinischen Anwendungen von Big Data versprechen sicher gewisse Annehmlichkeiten und vordergründige Vorteile – von dem, was uns Menschen ausmacht, was Erkenntnis oder Wissenschaft betrifft, entfernen wir uns damit aber letztlich.

  5. „In einem Punkt würde ich den hier geposteten Kommentaren doch recht geben wollen: Wenn sich die Soziologie jetzt schlicht als große Auswerter-Maschine des Big-Data gebärdet, was kann dann der Anspruch einer solchen Wissenschaft sein?“

    „Auf keine dieser Fragen wird die Soziologie eine soziologische Antwort finden könne, wenn sie einfach statistische und mathematische Verfahren für das neue Big-Data entwickelt.“

    Nur weil Prof. Barlösius die methodischen Herausforderungen in einem Satz (!) herausgehoben hat, wäre sie vermutlich nie auf die Idee gekommen, deshalb einen neuen „Empirismus“ zu beschwören.

    Forschung erfolgt freilich immer theoriegeleitet und Big-data ist eine (!) neue Möglichkeit, die Gültigkeit gewisser Theorien zu überprüfen. Ob sich diese neue Form der Großdaten wirklich nur zur theorielosen, kurzfristigen Prognose eignen, wird erst die Zeit zeigen können.

    Es zeugt darüber hinaus von Unkenntnis, wenn man voraussetzt, dass jede Auswertung von Big-Data mit der Negierung aller Persönlichkeitsrechte gleichzusetzen ist. Eine unvoreingenommene Herangehensweise erfordert es danach zu fragen, welche Daten und Methoden mit der wissenschaftlichen Ethik vereinbar sind. Diese Diskussion ist aktuell und wird von quantitativen Sozialwissenschaftlern geführt.

    Darüber hinaus sind Kommentare, die empirisch-quantitative Sozialforschung als Gegenpol zur „kritischen Sozialwissenschaft“ begreifen, an Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Um kritisch hinterfragen zu können, ist es leider notwendig, etwas über die Welt zu wissen. Empirisch-quantitative Daten und ihr Ergebnisse sind zudem wesentlich expliziter in der Art und Weise, wie sie entstanden sind. Genau deshalb sind sie leichter hinterfragbar und sollten von kritischen Sozialwissenschaftlern bevorzugt werden. Hinzu kommt diese etwas kindliche Vorstellungen vom verschwinden des Individuums in „Mittelwerten“. Keine statistische Untersuchung betrachtet nur einen Mittelwert oder eine Kennziffer, sondern versucht aus bestimmten Datenmustern UND UNTER RÜCKGRIFF AUF THEORIE (HYPOTHESENPRÜFUNG!) etwas zu erkennen.

    1. Die argumentative Not scheint groß zu sein, wenn es zweckdienlich erscheint, die folgenden Sprachbausteine zu benutzen: „erfolgt freilich immer“, „zeugt darüber hinaus von Unkenntnis“, „an Lächerlichkeit nicht zu überbieten“, „diese etwas kindliche Vorstellungen“ und wenn lauter gesprochen werden muss, wie in „UND UNTER RÜCKGRIFF AUF THEORIE (HYPOTHESENPRÜFUNG!)“.

      Das kann uns eines zeigen: Die Gräben sind bereits da – und rechts und links von ihnen stehen auch die Ängste schon bereit.

      Was die Frage nach den Mittelwerten betrifft: Mag auch eine soziologische Untersuchung, so lange sie in den Händen der Soziologen bleibt, statistisch ausgefeilte Kennziffern enthalten und mit differenziertem Blick auf die Theorie verbrämt werden: Sobald die Studie in die Hände von Entscheidern, Politikern, Managern, Planern usw gerät, droht schnell die Gefahr ihrer Reduktion auf den Mittelwert. Wenn die Ergebnisse einer Wissenschaft machtpolitisch nutzbar sind, bleiben sie nicht lange in den Händen der Wissenschaft. Den Physikern in Los Alamos haben die Militärs auch sehr schnell die Atombombe weggenommen. Ähnliches droht bei Big Data.

    2. Einige Erwiderungen und Nachfragen an den Soziologen:

      1. Von Empirismus habe ich nichts geschrieben, sondern von Verkürzung auf Statistik. Ob (Sozial-)Statistik ein Empirismus ist, wäre eine eigene Diskussion wert.
      2. Ihren zweiten Absatz kann ich intellektuell nicht folgen: Ist Forschung jetzt IMMER theoriegeleitet, oder gibt es kurzfristige und theorielose Prognosen.
      3. Zu diesem Punkt habe ich aber mit Ihrem Hinweis auf qualitative Sozialforschung eine wichtiger Nachfrage: Wie genau soll Big-Data Datenmaterial für qualitative Sozialforschung bereitstellen. Diese Idee erschließt sich mir bei besten Willen nicht. Big-Data kann Datenmetarial für statistische Großauswertungen und auch für bestimmtes Design quantitativer Sozialforschung bereitstellen. Wie genau diese Daten aber qualitativ bearbeitet werden sollen, ist mir unklar.
      4. Und auch wenn Sie es kindisch finden – ja, ich behalte mir ausdrücklich vor, kritische Sozialforschung in eine (zumindest vorsichtigen) Distanz zu jeglicher empirischen Sozialforschung zu stellen. Meinetwegen können wir darüber streiten, ob eine solche kritische Sozialtheorie ausschließlich in der Sozialphilosophie seinen Platz haben kann.
      5. In den konkreten Kontext fehlt mir zumindest die Phantasie, zu erkennen, wie eine Auswertung des Big-Data irgendwie z. B. Zeigen kann, was es bedeutet, wenn zentrale Vergesellschaftungsprozesse in einem so spezifisch vermarkteten System erfolgt.

      1. ad 2: (Gute) Forschung ist immer theoriegeleitet. Big-Data wird allerdings derzeit (vornehmlich durch Unternehmen) zur kurzfristigen Prognose eingesetzt. Ich wollte damit ausdrücken, dass sich die Nützlichkeit für die Prüfung allgemeiner sozialwissenschaftler Theorien noch wird erweisen müssen.
        ad 3: Ich schrieb „quantitative“ nicht „qualitative“ Sozialforschung. Indessen erlaubt neuere Methoden der Inhaltsanalyse die Grenzen zu verwischen.
        ad 4: Ich habe kein Problem damit, Sozialphilosophie als Bestandteil der Soziologie zu betrachten, aber auch sozialphilosophische Schlüsse müssen, sofern sie sich nicht auf normative Sätze beschränken, empirisch falsifizierbar sein. Zumeist enthält kritische Sozialforschung nämlich beides: Wertungen und behauptete Fakten.
        ad 5: Ich kann freilich nicht wissen, was der Autorin durch den Kopf gegangen ist, aber man könnte durch die Auswertung von Internetdaten z.B. erfahren (insbeosndere im Vergleich mit anderen „klassischen“ Datenquellen), inwiefern sich die Art der Kommunikation verändert, ob soziale Netzwerke die sozialen Beziehungen strukturieren, sodass sich andere Freundeskreise (mit anderen Netzwerkstrukturen) ergeben, welche wiederum auf die Sozialisation zurückwirken etc. …
        Es ist, wie ich in meinem letzten Kommentar ebenso anmerkte, nur eine mögliche Datenquelle …

        1. Eine weitere Rückfrage sei mir noch gestattet:

          Was genau ist der Traum des Big-Data: Wenn ich es richtige verstehe, die schiere Menge an Daten, dahinter lässt sich wohl die Hoffnung vermuten, dass Big_Data nun endlich eine Datenbasis schafft, in der sich mehr oder weniger verschlüsselt die soziale (Internet-)Realität offenbart.
          Worauf werden die Methoden im Umgang mit dermaßen großen Datenmengen hinauslaufen: Wie auch immer, bleiben hier am Ende diverse Interpolationsverfahren – also letztlich doch statistische Aufarbeitungen (zumindest in einem ersten Schritt). Am Ende stehen dann gern farbige Karten und andere wissenschaftsästhetisch durchaus ansprechende Artefakte.

          Wie aber, lässt sich das Versprechen, Datenmengen bisher nicht gekannter Größe, den dieser Ausgangslage angemessenen Methoden: Interpolationen und eine an der Falsifikation geschulten Forschung vereinbaren?

          Was und wie wollen statistisch ermittelte soziale (Internet-)Realitäten falsifiziert werden? Wer, was oder wo ist hier die Instanz zu vermuten, die falsifizieren kann?

          1. Ich finde Ihren Beitrag leider etwas unverständlich. Was genau meinen Sie mit „Interpolationsverfahren“?

            Der „Traum“ bzw. Vorteil von Big-Data ist a) dass es schlicht eine weitere _komplementäre_ Datenquelle ist b) sie einen Verhaltensbereich (z.B. Aktivitäten auf Internetplattformen) abbildet, der bislang wenig wissenschaftlich erforscht ist c) es insbesondere Netzwerkdaten über Interaktion sind (großes Forschungsfeld derzeit …) d) große Datenmengen vorhanden sind, was Vorzüge bei der Schätzung kleiner Effektgrößen hat e) sie kostengünstig sind …

            Um es nochmal zu betonen: Ich denke nicht, dass die meisten Sozialwissenschaftler die Zukunft ausschließlich in diesen Datensätzen sehen. Ich weile vor einigen Monaten einem Vortrag eines Unternehmeners bei, der vor einer sehr quantitativ orientierten deutschen soziologischen Fakultät einen Vortrag über „Big Data“ hielt. Die Fragen in der Diskussion zeugen von großem Interesse, aber ebenso von gleichgroßer Skepsis.

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            Noch zu Bei Träger:
            „Wenn die Ergebnisse einer Wissenschaft machtpolitisch nutzbar sind, bleiben sie nicht lange in den Händen der Wissenschaft. “
            Denken Sie nicht, dass es ebenfalls gefährlich ist, wenn die Wissenschaft dem Thema verschließt? Wenn nur Geheimdienste und Unternehmen verschlossenes Wissen darüber anhäufen, das der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht wird?

    1. An „Soziologe“ zu „Denken Sie nicht, dass es ebenfalls gefährlich ist, wenn die Wissenschaft dem Thema verschließt? Wenn nur Geheimdienste und Unternehmen verschlossenes Wissen darüber anhäufen, das der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht wird?“

      Ja. Das denke ich auch. Wenn solches Wissen nur bei Geheimdiensten und Unternehmen angesiedelt ist, wird das für die Gesellschaft sehr gefährlich.

      Meine Bemerkung war in andere Richtung gemünzt und zielte auf ethisch motivierte Selbstbeschränkung der Wissenschaften ab, im öffentlichen wie im geschlossenen Bereich. Ich mache mir nicht die Hoffnung, dass es eine solche Selbstbeschränkung in Bälde geben wird, in keinem der beiden Bereiche – aber ich halte ein Denken auch in diese Richtung für notwendig.

      Mensch (im Sinne von „Gesellschaft“) lernt extrem langsam. Wir haben rund 1000 Jahre von „Autorität“ zu „Wissenschaft“ gebraucht und noch längst nicht alle Kulturkreise haben diese Veränderung verinnerlicht. Es braucht Kriege, Greueltaten, Naturkatastrophen und Jahrhunderte-lange Misserfolge, bis sich Gesellschaft repositioniert. Damit generieren sich auch neue Kasten (vom „Priester“ zum „Wissenschaftler“) und neue Machtmechanismen (vom „durch Tieropfer beschworenen Regen in der Wüste“ zum „durch Empirie ‚bewiesene/gestützte/nicht-falsifizierte‘ ‚These/Wahrheit'“). Nach einer solchen Repositionierung ist Mensch erst einmal hunderte Jahre so von dem gerade neu erlernten „Trick“ besoffen und vermag Nachteile und Probleme nicht zu sehen.

      Das kann an den Mythos von König Midas erinnern, der sich wünscht, alles, was er berührt, möge sich in Gold verwandeln. Die Erzählung zeigt, wie diese Fähigkeit auch Probleme mit sich bringt. Die Frau in seinem Arm, das Steak in seinem Mund und die frisch gepflückte, eben noch duftende Rose: Alles wird zu „wertvollem“ klirrenden Edelmetall.

      So schnell wie Midas lernen WIR nicht. Wir sind gerade davon besoffen, fast jede quantitative These auf den Prüfstand von Big Data zu stellen, und nur die Erinnerung an Popper oder an das Schlagwort von der Theorie-geleiteten Wissenschaft bewahrt uns vor dem Übermut, von ‚bewiesenen Wahrheiten‘ zu sprechen. Die Versuchung bleibt groß, das algorithmisch gewonnene statistische Modell dennoch als eine Art richtige Weltdeutung zu betrachten, weil es zumindest „im gegebenen theoretischen Rahmen“ und „nach dem angenommenen statistischen Verfahren“ ja auf einem signifikant großen Datenausschnitt der ganzen Welt („BIG“ Data) beruht. Das kann einen echten Empiriker schon begeistern.

      Der Wert des Erhaltenen kann sich als ähnlich entpuppen wie Gold für König Midas.

      Big Data wird uns, meinem Glauben [sic] nach, in einigen, wenigen Bereichen sehr wichtige und spannende Einsichten bringen, aber die schädlichen Nebeneffekte werden viel stärker sein, weil man nun auf alles Big Data Algorithmen „wirft“ und die Modelle veröffentlicht und nutzt. Das wird die Wissenschaften verändern und die Gesellschaft – und ich glaube nicht im Positiven.

      Ich stimme völlig zu, dass es gerade durch eine Nutzung via Geheimdienste und Unternehmen zu tiefgreifenden und sehr wenig erwünschten Veränderungen kommen wird – in meinem oberen Posting habe ich aber so weit noch nicht gedacht. Ich glaube, dass die breite Anwendung in den öffentlichen Wissenschaften gefährlich genug ist, um sich eine Selbstbeschränkung zu wünschen – und denke, dass diese nicht so schnell kommen wird.

      Man kann über diese Position diskutieren. Ich schreibe „glauben“, weil ich befürchte, dass sich die angesprochenen Grenzen rationaler Wissenschaften einer erfolgreichen Behandlung durch die Methoden eben dieser rationalen Wissenschaften entziehen. Oder anders: Das Kind, das da laut ausruft „aber der Kaiser hat doch gar nichts an“, kann andere Kinder überzeugen – aber jene, welche die unsichtbaren Kleider gefertigt und dem Kaiser in Rechnung gestellt haben? Die in der Wikipedia gut beschriebene spanische Vorlage für das bekannte Märchen von Hans Christian Andersen ist hier noch etwas treffender als dieses Märchen selber.

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