Liebe Leserin, lieber Leser,
als ich vor einigen Monaten gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, für zwei Monate den Soziologie-Blog zu bestreiten, habe ich spontan zugesagt. Bislang habe ich keinerlei Erfahrung mit der Praxis des Bloggens. In den letzten Semestern haben mir aber die Studentinnen und Studenten klar gemacht, dass dies ein „professionelles Manko“ sein könnte.
Besonders deutlich ist mir dies in meiner Vorlesung „Soziale Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse“ geworden. Dort gibt es immer eine Veranstaltung zur Soziologie der Generation – über den berühmten Text von Karl Mannheim. Zum Einstieg frage ich jeden Jahrgang unseres BA-Sozialwissenschaften, welches Ereignis ihre Generation bis heute am meisten geprägt hat. Bis vor wenigen Jahren lauteten die Antworten: 1989 – der Fall der Mauer – oder der 11. September. Seit einigen Jahren erhalte ich eine vollkommen andere Antwort, kein Ereignis wird genannt, vielmehr werden soziale Netzwerke aufgezählt: Facebook, StudiVZ, WhatsApp etc. Dort hätte sich eine neue Form der Sozialität entwickelt, mit der ich und viele andere meiner Generation nicht vertraut seien. Und genau dies mache den Unterschied zwischen den Generationen aus. So unterscheide beispielsweise die ältere Generation noch zwischen „virtuellen“ Begegnungen im Netz und „realen Rendez-vous“, während dies für sie – die jüngere Generation – keinen Unterschied mache, ob sie online oder face-to-face kommunizieren.
Ob sich die heutige Generation über diese Erfahrung künftig tatsächlich identifizieren wird, ob die Interaktion in sozialen Netzwerken im Web ihre Weltsicht, ihre Art zu denken, wahrzunehmen und zu handeln prägen wird, wie die „Flakhelfergeneration“ durch die Erlebnisse des zweiten Weltkrieges, die „Nachkriegsgeneration“ durch den Wiederaufbau oder die 68er Generation über ihr Aufbegehren gegen die Verzopftheit der Adenauer-Gesellschaft, wird die Zukunft zeigen.
Für die Soziologie ergeben sich – meiner Meinung nach – aus dem Web bereits jetzt vielfältige und neuartige Herausforderungen. Möglicherweise sitzt uns in den Lehrveranstaltungen, aber eben nicht nur dort, eine „Web-Generation“ gegenüber. Womöglich wandern große Teile der Sozialität ins Web oder sind dort bereits längst angekommen. Vielleicht ist dort eine neue Form von Sozialität entstanden. Diese und viele weitere Fragen stellen eine Herausforderung dar. Eine andere besteht darin, dass die Soziologie zuallererst neue methodische Werkzeuge benötigt, um die großen Datenmengen (Big Data) im Web systematisch erschließen zu können. Ohne solche Werkzeuge werden wir nicht unseren methodischen Standards genügen können. Dies fängt bereits damit an, dass uns bekannte Suchmaschinen nach ihren Vorgaben durch das Netz führen und sich so ihre inhaltlichen Prioritäten in unsere Forschung einschreiben.
Ich weiß, dass viele Kolleginnen und Kollegen über und mit dem Web forschen. Es würde mich sehr freuen, wenn wir uns die nächsten zwei Monate über unsere Erfahrungen austauschen können. Schön wäre es ebenfalls, wenn wir Soziologinnen und Soziologen, die bislang wenig mit und über das Web arbeiten, für dieses Sujet gewinnen könnten.
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