Bodies and Names that (don’t) matter

Ich bin wieder in Deutschland, im heißen München. Zwischen den sehr vielen Vorträgen, den zahlreichen „business meetings“, den verschiedensten Gesprächen mit Kolleg_innen aus aller Welt und der ein oder anderen sightseeing tour, war schlicht keine Zeit für mehr Berichte auf dem Blog. So sad.

Neuigkeiten gibt es von den Wahlen. Als Vertreterin der DGS nahm ich an an der Wahl a) des neuen Vorstands der ISA inkl. neuem Präsidenten und b) des  Rats der Nationalen Vereinigungen der ISA teil. Das ist beides ausgesprochen interessant, denn es geht dabei auch um „Geopolitik“, (erneut) auch um Sichtbarkeit und um Repräsentationspolitik. Die ISA (re)produziert, trotz anhaltender interner Kritik und auch trotz des Versuches, dieser Kritik Rechnung zu tragen, die ISA also (re)produziert eine strukturelle Ungleichheit zwischen Nord/Süd und auch Ost/West – so sehen es jedenfalls zahlreiche Mitglieder. Diese Ungleichheit realisiert sich nicht nur in den sehr teueren Kongressgebühren und den zum Teil sehr teuren Orten der ISA Konferenzen, für die zudem vielfach Kolleg_innen kein Visum bekommen. Diese Ungleichheiten realisieren sich auch, so kommentieren dies zahlreiche Kolleg_innen (auch aus Deutschland) an Inhalten, empirischen Beispielen, Forschungsperspektiven, Methoden.  Mein Eindruck ist das allerdings ganz und gar nicht. Selten habe ich so viel über und aus z.B. Lateinamerika, Südafrika, Vietnam oder über post-/dekoloniale Soziologie gehört und gelernt. Aber die ISA Kongresse sind ja recht ‚tribalisiert‘, so dass ich hier nur für meinen Stamm sprechen kann. ;-)

In diesem Lichte aber wird womöglich plausibler, wie sehr die Kandidaturen für Präsident/in, Executive Committee (Vorstand) und dem National Associations Liaison Committee m.E. geopolitisch geprägt waren: Kandidierende stellten sich als Stellvertretende für ein Land, eine Weltregion, oder gleich ‚the Global South‘ vor. Aus dieser Positionierung generierten sie verbandspolitische Programmatiken wie z.B. sich für open access publishing einzusetzen. Wir werden sehen, wie es weiter geht. Gewählt wurde jedenfalls SARI HANAFI von der Amerikanischen Universität Beirut, Libanon, als neuer Präsident der ISA. Alle weiteren Vorstandsmitglieder finden sich hier.

Um mit ein paar inhaltlichen Eindrücken zu schließen, die noch lange nachhallen: Am Donnerstag letzter Woche, mitten in der Konferenz, sah ich in den deutschen Teilen meiner social media bubble das Video zu einer Pegida-Demo in Dresden vom 25.6.2018. Zu diesem Zeitpunkt fährt die „Lifeline“ der Dresdner Hilfsorganisation „Mission Lifeline“ noch mit über 230 geretteten Menschen an Bord im Mittelmeer umher, sie darf keinen Hafen ansteuern.  Manche Teilnehmende der Demo in Dresden, nicht mal wenige,  ‚kommentieren‘ die humanitäre Tragödie um die „Mission Lifeline“ mit „absaufen! absaufen!“-Rufen (hierhier). Es ist widerlich. Zeitgleich höre und sehe ich Vorträge in Toronto von Soziologen und Soziologinnen, die sich seit Jahren mit Migration und Asyl, mit Flucht und Einwanderung befassen. Dabei geht es bisweilen auch um die Frage, wessen Körper, also wessen Leben und wessen Sterben wem was wert ist.

Monica Massari von der Universität Neapel stellte sich in ihrem Vortrag – wie ich meine, recht geschickt – dem Dilemma der Sichtbarkeit: Wie das Sterben und die Not zeigen, ohne in ein voyeuristisches ‚Elends-Porn‘ einzuspeisen, das im besten Fall für moralische Empörung, im normaleren aber für Wegsehen sorgt, oder aber das Sterben und die Menschen für die eigenen akademischen Zwecke in ethisch höchst dubioser Weise funktionalisiert? Monica Massari entschied für einschlägige Kunst und Installationen. Das war berührend, aber nicht überwältigend. Das war provokant, aber nicht destruktiv. Das war irritierend, aber nicht anti-reflexiv.


 

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