Sektion Arbeits- und Industriesoziologie: Future of Work in the Platform Economy

von Oliver Giering

Digitale Plattformen zur Arbeitsvermittlung mit innovativen Geschäftsmodellen und neuartigen Formen von Arbeitsorganisation beschäftigten seit einigen Jahren zunehmend die (sozialwissenschaftliche) Forschung. Oftmals werden disruptive Entwicklungen und eine umfassende Transformation, stellenweise sogar eine Uberisierung ganzer Organisationsformen proklamiert. Anstelle betrieblicher Arbeitsorganisation mit entsprechendem Regulierungsrahmen, tritt nun die sogenannte Plattformökonomie, die Arbeitsleistung über Plattformen direkt koordiniert oder aber Arbeit im und über das Internet in hohem Maße steuert. Allerdings verbleibt der Begriff der Plattform dabei weitestgehend unscharf und umfasst vielfältige Bereiche, was in einem äußerst heterogenen (empirischen) Forschungsfeld resultiert. Daher widmete sich auch der diesjährige DGS Kongress dem Phänomen der Plattformökonomie und fragte über die Sektion Arbeits- und Industriesoziologie nach der „Future of Work in the Platform Economy“. Die Moderation dieses Panels übernahm dabei Martin Krzywdzinski (WZB).

Zu Beginn präsentierten Juliet Schor (Boston College) und Steven Vallas (Northeastern University) einige Ergebnisse ihrer gegenwärtigen Forschung „Understanding Algorithmic Management: Preliminary Findings from the Boston Study of the Algorithmic Workplace”. Mit einem interdisziplinären Team versuchen die ForscherInnen das algorithmische Management und Mechanismen der Kontrolle über die Beschäftigten auf unterschiedlichen Plattformen zu erforschen. Ihre Forschung mit bisher 70 Interviews steht dabei ganz im Zeichen der COVID-19 Pandemie, da die Interviews vornehmlich in den letzten Monaten stattfanden. Bisher zeichneten sich vor allen Dingen drei wichtige Aspekte ab: Erstens beschleunigen Plattformen die Volatilität des Arbeitsmarktes. Während die Arbeit auf digitalen Plattformen zunächst eine Lösung für Einkommensunsicherheiten war, wird diese mit fortschreitender Zeit zum Grund für eben jene. So komme es zunehmend – auch durch die Pandemie – zu einem Überangebot an verfügbarer Arbeitskraft und damit zu einem starken Wettbewerb zwischen den Beschäftigten, der wiederum in geringeren Verdienstmöglichkeiten resultiert. Die Plattformen reagieren entsprechend mit verstärkten Mechanismen der Kontrolle und Disziplinierung (etwa der Leistung). Zudem zeige sich zweitens, dass es kaum Einheitlichkeit bezüglich der Funktionsweise von Plattformen gäbe, da unterschiedliche Plattformen ganz verschieden auf (neue) Herausforderungen reagieren. Drittens werde Kritik von Seiten der Beschäftigten an den Plattformmechanismen weitaus weniger ausgedrückt als vermutet: Plattformbeschäftigte betonen eher die Flexibilität der Arbeit. Zudem böte die Arbeit auf Plattformen Verdienstmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung oder für Menschen, die andere pflegen. Weiterhin betonten manche Befragte gar das Gefühl etwas Gutes mit ihrer Arbeit für andere Menschen zu tun, besonders in Zeiten der COVID-19 Pandemie. Schor und Vallas berichten zusammenfassend, dass das Narrativ des Endes der Arbeit überzogen sei, sehen aber gleichzeitig die Möglichkeit eines „large scale technological replacement of labor“ in bestimmten Bereichen. Sie kommen deshalb zum Schluss, dass der Fokus wohl künftig eher auf Care-Work und weiteren persönlichen Dienstleistungen liegen wird, die eine Face-to-Face Situation erfordern. Es zeige sich zudem erneut, dass die Mehrheit der Plattformbeschäftigten hauptsächlich nebenberuflich auf digitalen Plattformen arbeite.

Nachfolgend präsentierten Fabian Ferrari und Alessio Berolini (beide Oxford Internet Institute) einige Ergebnisse ihrer Forschung zum Thema: “The Tip of the Iceberg: Migration and Decent Work in Germany’s Platform Economy“. Die beiden Forscher widmeten sich der digitalen, ortsgebundenen Arbeit auf unterschiedlichen Plattformen wie Lieferando, CleverShuttle oder Beutreut.de und erstellten ein Ranking, welches die Fairness der Plattform anhand bestimmter Kriterien bewerten sollte. Für ihre Forschung wurden MigrantInnen in Deutschland befragt. Die Befragten gaben an teils verbesserte Chancen auf dem Arbeitsmarkt über plattformvermittelte Arbeit zu haben, da etwa der Einstellungsprozess vereinfacht (so komme es zu weitaus weniger Bürokratie) und die Arbeit allgemein flexibler sei. Neben einem Plus an Autonomie berichteten die Befragten aber auch von rassistischer oder sexistischer Diskriminierung in Zusammenhang mit der Plattformarbeit. Dennoch kommen die Forscher zu dem Schluss, dass Plattformarbeit grundsätzlich die Möglichkeit für MigrantInnen bereitstelle, Zugang zu Arbeit zu finden.  Sie betten ihre Arbeit jedoch in die generelle Problematik des Beschäftigungssystems ein und so seien die negativen Auswirkungen der Plattformen lediglich symptomatisch in Bezug auf die generelle, problematische Situation von migrantischen ArbeiterInnen in Deutschland abseits von Plattformen. So komme es auf dem Arbeitsmarkt teils zu einer Umgehung des Mindestlohns, zum Ausschluss aus sozialen Sicherungssystemen oder etwa zur Verschleierung von Beschäftigung durch Subunternehmen – all dies ließe sich folgerichtig dann auch auf Plattformen wiederfinden. Ihre Methodik der Bewertung der Fairness von Plattformen, als auch die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und einem entsprechenden Lobbying, könnten helfen, die Bedingungen der Plattformbeschäftigten zu verbessern.

Als dritter Vortragender stellte Heiner Heiland (TU Darmstadt) seine Forschung zu „Worker’s Voice in Platform Labor – Social Composition as Obstacle or Catalyst“ vor. Er untersuchte dazu FahrerInnen von plattformvermittelten Kurierdiensten. Heiland macht dabei die wichtige Anmerkung, dass die Plattformen, die er 2018 und 2019 noch untersuchte, in dieser Form nicht mehr existieren. Foodora und Deliveroo sind so nicht mehr präsent, sondern mittlerweile dominiere Lieferando als Quasimonopol den deutschen Markt. An dieser Stelle ist anzumerken, dass wohl viele ForscherInnen im Feld der Plattformökonomie diese allgemeine Schwierigkeit erleben: die Beständigkeit von Anbietern und Plattformen ist äußerst volatil. Heiland findet in seinem Sample besonders zwei Gruppen von KurierInnen: „Dependents“ und „Messengers“. Während Erstere tatsächlich abhängig vom realisierten Einkommen durch die Plattform sind, sind Letztere eher durch die Subkultur der KurierInnen an der Arbeit interessiert. Die Plattformen bieten vermeintlich freie, aktive, „coole“ und teils auch politische organisierte Arbeit, durch die sich diese Gruppe angesprochen fühlt, wenngleich diese Attribute in der tatsächlichen Arbeit dann kaum erfüllt werden. Dennoch sind es oft genau diese „Messengers“, die politischen Wandel innerhalb der Strukturen anstreben und teils initiieren, aber durch die hohe Fluktuationsrate und ihre vergleichsweise einfache „Exit-Option“ selten daran beteiligt sind, tatsächlich nachhaltige Strukturen zu verwirklichen. Die soziale Zusammensetzung der „Rider“ bietet also über diese Gruppe grundsätzlich Möglichkeiten einer politischen Artikulation – allzu oft scheiden die Personen aber nach kurzer Zeit wieder aus und nachhaltiger Wandel hin zu besseren Arbeitsbedingungen erscheint so kaum möglich.

Zuletzt stellte Sandra Kawalec (IAB Nürnberg) ihre Forschung zum Thema „Crowdwork and Justice Expectations“ vor. Sie untersuchte dazu eine Crowdsourcinginitiative von IBM, als auch die Gerechtigkeitserwartungen von Personen auf Crowdworkplattformen. Kawalec stellt dabei vier Bereiche heraus, die von zahlreichen Personen bezüglich ihrer Erwartungen an Plattformarbeit genannt wurden. Die erste Dimension „Performance-related Justice“ bezieht sich auf die Funktionsweise bestimmter Crowdworkingplattformen. Hierbei zeige sich häufig das Problem, dass nur das beste Ergebnis tatsächlich vergütet wird und alle anderen Einsendungen gänzlich ohne Bezahlung bleiben – obgleich viel Zeit und Arbeit in sie investiert wurde. Probleme hierbei zeigen sich auch in fehlenden, eindeutigen Aufgabenbeschreibungen und objektiven Maßnahmen zur Bewertung der Leistung. Der zweite Bereich widmet sich der „Autonomy“. Befragte berichten, dass sie über eine hohe Selbstbestimmung durch die Crowdwork verfügen und sich besser selbstverwirklichen können. Als dritten Punkt berichten Plattformbeschäftigte von einem Wunsch nach mehr Transparenz bestimmter Arbeitsprozesse und in Bezug auf Kommunikation bei der Arbeit auf Plattformen. Eine Regulierung der Plattformen wird hingegen gleichermaßen nicht unbedingt positiv bewertet, da einige Befragte Risiken sehen, ihre (finanziellen) Vorteile, die sich besonders über Plattformen ergeben, zu verlieren. Als vierten Punkt „Dignity“ äußern die Befragten hohe Erwartungen an eine menschenwürdige Arbeit, die sich nicht immer über Crowdworkplattformen realisieren lassen würden. Teils wird von sehr erniedrigenden Erfahrungen berichtet. Auch in diesem Beispiel zeigen sich vielfältige Auswirkungen, die die Arbeit auf digitalen Plattformen haben kann. Kawalec belegt diese durch entsprechende Zitate aus ihren Interviews in äußerst nachvollziehbarer und interessanter Art und Weise.

Zum Abschluss des Panels fragte Martin Krzywdzinski nach den wichtigsten Herausforderungen und Fragen, die die PanelteilnehmerInnen im Feld der Plattformökonomie sehen. Die Beantwortung dieser Frage offenbarte erneut die Vielfalt und Schwierigkeiten des Feldes, da sich unter dem Begriff der „Plattformökonomie“ nicht nur außerordentlich unterschiedliche Plattformen finden, die unterschiedliche Arbeitsleistungen bieten und Arbeit unterschiedlich organisieren; das Feld unterliegt auch einem ständigen Wandel, sowohl in Bezug auf Markteintritte und –austritte sowie Fusionen, als auch in Bezug auf staatliche Regulierungen, die selbst im Falle einer einzigen Plattform wie Uber, in verschiedenen Ländern oder gar Städten sehr unterschiedlich ausfallen können. Entsprechend vielfältig gestalteten sich auch die Antworten der Vortragenden. So betonte Kawalec, dass die COVID-19 Pandemie auch eine Chance für einige Personen sein könnte, Einkommen zu generieren, allerdings sei die Frage der Fairness der Arbeit außerordentlich relevant. Wer die Akteure sind, die diese schaffen, gelte es zu bestimmen. Gewerkschaften könnten hierbei durchaus hilfreich sein. Heiland hingegen sieht vor allen Dingen das Fehlen von repräsentativen Daten in Bezug auf die Plattformökonomie als Problem an. Zudem bezögen sich die meisten Untersuchungen auf große Städte und westliche Länder, während gerade der ländliche Bereich und Forschung aus dem Globalen Süden – auch im Kontrast zur Stadt und dem Globalen Norden – von großem Interesse wären. Für Ferrari ist besonders der Aspekt der Finanzierung vieler Plattformen von besonderem Interesse: er fragt deshalb, wie lange das Finanzierungsmodell über Venture Capital mit dem Versprechen an eine profitable Zukunft noch aufrechterhalten werden könne, wenn sich doch empirisch zeige, dass kaum eine Plattform auch nach Jahren der Marktaktivität wirklich profitabel sei. Zudem werde deutlich, dass die Plattformen sich über die Zeit – auch durch Regulierung – ändern. Plattformen müssten zunehmend Verantwortung für ihre Beschäftigten übernehmen und sie sollten dabei zeigen, dass sie auch gewillt sind, dies aktiv zu tun. Juliette Schor betonte hingegen abschließend, dass die Forschung sich vornehmlich auf die Perspektive der Beschäftigten fokussiere. Die Seite der Plattformen sei aber auch interessant, möchte man die Analyse der Plattformökonomie vorantreiben. Zudem verliefen die Diskussionen über Regulierungen relativ grundlegend und es bedürfe einer Weiterentwicklung dieser Positionen mit Berücksichtigung der jeweiligen Eigenschaften der Fälle. Vallas fügte hinzu, dass es zudem die jeweiligen Strukturen der Arbeitsmärkte, besonders in Bezug auf „race“ und „gender“, zu berücksichtigen gelte.

Insgesamt lieferte das Panel detaillierte Einblicke in unterschiedliche, teils sehr spezifische Bereiche bestimmter Plattformen, die für die Analyse der Arbeitsorganisation durchaus wertvoll sind. Interessant waren dabei die internationale Zusammensetzung der Vortragenden und das vielschichtige, heterogene Untersuchungsfeld, sowie die jeweiligen Perspektiven auf dieses. Gleichermaßen offenbarte sich aber erneut genau durch diese außerordentliche Vielfalt die Schwierigkeit, Gemeinsamkeiten bei den Untersuchungen zu formulieren, da teils sehr spezielle Plattformen im Fokus der Untersuchungen standen, die jeweils entsprechend spezifische Eigenheiten aufweisen. Verbindend verbleibt daher auch weiterhin der unscharfe Begriff der „Plattform“, der es durch seine Heterogenität und seine ständige Transformation und Wandelbarkeit schwierig macht, gemeinsame und allgemeingültige Ableitungen über die Arbeit auf Plattformen und die Organisation selbiger zu treffen.

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