Als ich im Februar 2000 zu einer dreitägigen Vorstellungsreise nach Singapur aufbrach, ahnte ich nicht, wie sehr diese Reise mein Leben und mein Denken verändern würde. 10 Monate später erfolgte der Umzug in eine Region, die mir bis dahin gänzlich unvertraut war, und im Januar 2001 hielt ich meine erste Vorlesung an der National University of Singapore: über klassische soziologische Theorie.
Zwei Eindrücke drängten sich rasch auf, die mich seither nicht mehr losgelassen haben. Erstens der Eindruck relativer Vertrautheit. Singapur kam mir, gegen alle Erwartung, von Anbeginn ganz unexotisch vor, wenngleich nicht nur das Klima laufend daran erinnerte, dass ich mich, von Europa aus betrachtet, am anderen Ende der Welt befand. Wirklich fremd wollte der Stadtstaat mir dennoch nie erscheinen. „Anders“ schon, aber eben nur „etwas“ anders. Der Kulturschock, den ich etliche Jahre zuvor anlässlich einer Reise nach Südasien erlitten hatte, blieb also erst einmal aus. Der zweite Eindruck war, dass das in Singapur Gesehene in mancherlei Hinsicht eine Vorschau auf die Zukunft bot. Im Licht der dort wie nahezu der gesamten (süd-)ostasiastischen Region beobachteten Dynamik erschienen Westeuropa und selbst Nordamerika nicht länger als Vorboten künftiger Entwicklung, sondern eher als leicht angestaubte Repräsentanten der Vergangenheit. „Wir sind die Neuen“, und „Asia is where the action is“, waren die Slogans, mit denen die (Eliten der) Region ihr gestiegenes Selbstbewusstsein heraustrompetete(n), und für einen Westeuropäer konnte das nur heißen: „Ihr seid die Alten“, von denen zukunftsweisende Entwicklungen kaum mehr zu erwarten sind. Ihr hattet eure Zeit, habt, neben viel Leid, das ihr über die Welt gebracht habt (Stichwort Kolonialisierung), auch manche bleibende Errungenschaft geschaffen, wofür wir euch Respekt zollen, aber jetzt sind wir dran. Das waren ungewohnte Töne, und auf die Perspektiven, die sie eröffneten bzw. zum Ausdruck brachten, war ich nicht vorbereitet. So erlebte ich dann doch noch einen kleinen Kulturschock. Das Koordinatensystem der Weltbetrachtung, das in der Heimat Orientierung verschafft hatte, geriet ins Wanken, und gerade Europa wirkte bei Umkehrung der Blickrichtung auf einmal sehr klein und auch ein wenig randständig. Die geographische Lage des Kontinents am äußersten westlichen Zipfel der gigantischen eurasischen Landmasse schien insoweit durchaus symbolträchtig.
Die genannten Eindrücke haben meine Arbeit – in der Lehre, vor allem aber in der Forschung – nachhaltig beeinflusst. Ein Beispiel für den Eindruck relativer Vertrautheit ist die Haltung, die ich in der Debatte um den multiple modernities-Ansatz und die Stichhaltigkeit klassisch modernisierungstheoretischer Prämissen einnehme, von denen führende Vertreter jenes Ansatzes behaupten, sie würden durch die präsumtiv „fundamentalen Unterschiede“ (Eisenstadt) Japans und anderer ostasiatischer Länder zum Westen widerlegt. Diese Unterschiede kann ich trotz intensiven Bemühens und Forschens auch nach beinahe 12 Jahren in der Region nicht erkennen. Demgegenüber finden sich viele Anhaltspunkte für die Stimmigkeit von Kernaussagen modernisierungstheoretischer Provenienz. Der Aufstieg Ostasiens lässt sich mit nur wenig Übertreibung als Textbuchmodernisierung beschreiben und wird von den ihn vorantreibenden Kräften auch weithin so gesehen – bis hin zum aktuell besonders aufsehenerregenden Fall Chinas, wo die politische Führung und die sie beratenden wissenschaftlichen Einrichtungen explizit in Begriffen von Entwicklungsstufen denken, die das Land im Prozess des catching up mit den Vorreitern/Vorbildern bereits durchlaufen hat bzw. noch durchlaufen muss, um zu diesen aufschließen zu können. Solches Denken mag zeitgenössischen westlichen Beobachtern etwas krude vorkommen, aber der Erfolg scheint ihm recht zu geben – wenn man denn gewillt ist, Erfolge zu attestieren, wo, wie stets in Fällen grundstürzender Modernisierung, auch massive soziale und ökologische Verwerfungen zu konstatieren sind. Kurzum, im Kontext der rasanten Transformation wachsender Teile Ostasiens und ihrer unübersehbaren Parallelen zu vergleichbaren Prozessen im Westen drängt die Evidenz modernisierungstheorischer Überlegungen sich regelrecht auf. In anderen Weltgegenden mag das etwas anders aussehen – und so nimmt es denn nicht wunder, dass das Anschauungsmaterial für die ersten Diagnosen des Scheiterns der Theorie durchweg Fällen entnommen ist, die auch nach ihren eigenen Maßstäben wenig(er) erfolgreich waren/sind, nämlich Lateinamerika einerseits (Dependenztheorie) und Afrika (Wallerstein; World Systems Analysis) andererseits.
Im Unterschied zu diesen eher politökonomisch ausgerichteten Ansätzen stellt der multiple modernities-Ansatz bekanntlich auf andere Faktoren ab. Er verknüpft einen historiographisch motivierten antitheoretischen Affekt mit einem verbreiteten Interesse an Differenzmerkmalen, Singularitäten, Partikularismen, das sich dem „cultural turn“ in den Sozialwissenschaften verdankt bzw. darin seine Wurzeln hat. Und wer nach Differenzen sucht, wird welche finden – nicht nur, aber selbstverständlich auch in Ostasien. Ungeklärt bleibt freilich oft der epistemologische Status von Differenzbefunden: ihr Stellenwert für unterschiedliche Bezugsprobleme sozialwissenschaftlicher Analysen. Vielleicht unterscheidet sich die Tiefenstruktur der in Ostasien vorherrschenden Wertmuster ja wirklich von der ihrer westlichen Pendants, aber gesetzt den Fall, es verhielte sich so – wofür freilich weder die einschlägige Forschung noch die Alltagserfahrung zwingende Hinweise liefern –, wäre immer noch zu klären, was daraus eigentlich folgt. Differenz ist ubiquitär. Aber nicht jede Art von Differenz besitzt dieselbe Relevanz für jede Art von (wissenschaftlicher) Fragestellung. Man muss also „differenzieren“, und diese Differenzierung sollte, da es um theoretische Fragen geht, möglichst ihrerseits theoretisch begründet sein.
Hier haben multiple Modernisten, wie mir scheint, noch einigen Nachholbedarf. Ein anderes Problem ist, dass sie Gefahr laufen, den Identitätsbehauptungen konservativer Eliten auf den Leim zu gehen. Ein Beispiel dafür ist die Debatte um die sog. „Asian Values“, deren vermeintliche Existenz manche Beobachter, darunter nicht wenige aus dem Westen, als Beleg für die grundlegende Andersartigkeit der ostasiatischen Moderne nehmen. Die Werte, die in diesem Namen aufgerufen wurden, decken sich nämlich inhaltlich über weite Strecken mit dem, was in Nordamerika und Westeuropa unter das Etikett des Neokonservatismus rebruziert wurde. Inzwischen spricht zumindest in den entwickelteren Teilen Ostasiens kaum noch jemand von Asian Values, und die Ausbreitung individualistischer, expressiver Werthaltungen, denen man mit ihrer Hilfe Einhalt gebieten wollte, ist ebenso unübersehbar wie in Europa und Nordamerika. Auch „Dekadenz“ also kein Alleinstellungsmerkmal des Westens.
Die Kehrseite meiner Skepsis gegenüber der Idee multipler Modernitäten ist der Versuch, zur Entwicklung einer genuin globalen Soziologie beizutragen, die, im Unterschied zu jenem Verständnis von Sozialwissenschaft als Selbstbespiegelung, das im methodologischen Nationalismus seine Wurzeln hat, darum bemüht ist, den gesamten Globus ins Visier zu nehmen und, statt wie selbstverständlich in den Niederungen des Lokalen oder Nationalen zu beginnen, um dann ggf. von dort aus zu den höher gelegenen Schichten des Transnationalen und Globalen aufzusteigen, gleich die Vogelperspektive einnimmt. Ein so disponierender „methodologischer Globalismus“ (nicht: Kosmopolitismus) wendet sich nicht gegen Untersuchungen mit sozialräumlich begrenzteren Problembezügen, bettet diese aber in umfassendere Kontexte ein und kehrt damit gewissermaßen die Blickrichtung um, aus der die Sozialwissenschaften herkömmlicherweise ihre Gegenstandsbetrachtung vornehmen. Sein Herzstück ist das Konzept der „Globalen Moderne“. Dieses Konzept verarbeitet Aspekte des zweiten der eingangs genannten Eindrücke mit Hilfe eines Phasenmodells der Modernität, das das gegenwärtige Zeitalter an der Schwelle zu einer dritten Phase sieht, die zwar weder spät- noch postmodern ist, sich aber begründet als postwestlich bezeichnen lässt – mit weitreichenden Implikationen, darunter auch solchen für die Sozialwissenschaften.
Dazu mehr in späteren Beiträgen. An dieser Stelle will ich für diejenigen Kolleginnen und Kollegen, die weder mit den Verhältnissen in Singapur/Ostasien noch mit meinen Arbeiten vertraut sind, nur noch etwas Hintergrundwissen beisteuern, das ein wenig in den Kontext einführt, der meine Überlegungen nicht unerheblich mitbestimmt.
Singapur ist bekanntlich einer von vier sog. „Tigerstaaten“, der nach Japan zweiten Generation ostasiatischer Länder, die binnen weniger Jahrzehnte zu modernen Lebensverhältnissen auf westlichem Entwicklungsniveau durchgebrochen sind. Wie ebenfalls bekannt, wird der Stadtstaat politisch autoritär geführt und ist er jedenfalls keine liberale Demokratie, wenngleich die Verhältnisse gerade im letzten Jahrzehnt deutlich liberaler geworden und auch Tendenzen einer breiteren Demokratisierung unverkennbar sind. Die nationalen Medien unterliegen staatlicher Kontrolle, allerdings gibt es fast keine Beschränkungen des Zugangs zu den Weltmedien, und auch in den staatlich kontrollierten Medien gibt es inzwischen mehr offene, kontroverse Diskussionen. Starken Einfluss auf die Öffnung des politischen und medialen Klimas hatten die durch die Revolutionierung der Kommunikations- und Informationstechnologie eröffneten neuen Möglichkeiten, vor denen die Regierung (mit wenigen Ausnahmen) faktisch kapituliert hat; außerdem weiß sie, dass eine Bevölkerung, deren Bildungsstand laufend steigt, die in hohem Maße mit westlichen Lebensweisen und liberalem Gedankengut vertraut ist und von der in der Arbeitnehmerrolle immer mehr eigenständiges Denken erwartet wird, nicht auf dieselbe Weise gelenkt (und gegängelt) werden kann wie ein Heer von un- und geringqualifizierten Industriearbeitern, das kaum lesen und schreiben kann.
Vor einem halben Jahrhundert noch eine typische Dritte Welt-Stadt, liegen die Pro-Kopf-Einkommen Singapurs heute deutlich über denen von Ländern vergleichbarer Entwicklungsstufe, nicht jedoch über denen führender Weltstädte. Die Bevölkerungsstruktur ist sehr heterogen, und von ggw. gut fünf Millionen Einwohnern sind knapp zwei Millionen Ausländer mit teils privilegiertem, teils unterprivilegiertem Status. Die privilegierten Ausländer sind global umworbene expatriates mit akademischen Abschlüssen („global talent“); bei den Unterprivilegierten („foreign workers“), deren Position in mancherlei Hinsicht denen der frühen „Gastarbeiter“ in Deutschland ähnelt, handelt es sich v.a. um Bauarbeiter, un- oder geringqualifizierte Arbeitskräfte in anderen Industriezweigen und Dienstpersonal („maids“), das in den Haushalten gutsituierter Mittel- und Oberschichtler lebt. Die Einkommensverteilung ist sehr ungleich – Singapurs Gini-Koeffizient liegt über dem der USA –, aber echtes Elend gibt es nicht. Relative Armut ja, aber keine Slums, keinen Hunger, keinen extremen Mangel, kein Lumpenproletariat. Es gibt soziale Sicherungssysteme, deren Leistungen im Vergleich zu den in Europa gewohnten Verhältnissen relativ bescheiden ausfallen, deren Inklusivität aber Stück für Stück ausgeweitet wird und die mehr und mehr Risiken auf beständig erhöhtem Niveau abdecken. Expansionen werden typischerweise aus Budgetüberschüssen finanziert, die die Regierung trotz niedriger Körperschafts- und Einkommenssteuern regelmäßig erzielt. Das Steuersystem zählt vermutlich zu den einfachsten der Welt – die Steuererklärung auf dem „Bierdeckel“, die MdB Merz vor einigen Jahren für Deutschland forderte (und die einige Teilnehmer an der daraufhin geführten Debatte für schlechterdings unmöglich erklärten), ist in Singapur längst überholt; inzwischen ist das System soweit automatisiert, dass viele Einkommensbezieher gar keine Erklärung mehr vorlegen müssen.
Das moderne Singapur ist außerordentlich kosmopolitisch, und dieser Kosmopolitismus spiegelt sich auch in der Universitätskultur wider; etwa in der Zusammensetzung des Lehrkörpers an der National University of Singapore (NUS), dem Flagschiff unter den insgesamt vier staatlichen Universitäten, die es mittlerweile in der Stadt gibt. Ca. 60 % des akademischen Personals der NUS sind Ausländer überwiegend asiatischer, australischer, europäischer und nordamerikanischer Herkunft. Die Organisationsstruktur vereint aus der Kolonialzeit stammende britische Elemente mit solchen amerikanischer Art, wobei letztere immer mehr an Gewicht gewinnen – man will sich mit den führenden Universitäten der Welt messen, und da liegt es nahe, sich an den Praktiken derer zu orientieren, die global die Standards setzen. Seit Singapur und auch die NUS zu begehrten Destinationen topqualifizierter Bewerber aus aller Welt geworden sind, hat man, pragmatisch wie man ist, die „Lockprämien“ und Sondervergütungen früherer Jahre nach und nach zurückgefahren, so dass die Gehälter heute nicht mehr nennenswert über denen liegen, die vergleichbare Einrichtungen an anderen Orten bieten. Die Ausstattung bleibt allerdings, sowohl in infrastruktureller Hinsicht als auch die Verfügbarkeit von Forschungsmitteln betreffend, hervorragend. Das gilt ausdrücklich auch für die Geistes- und Sozialwissenschaften, die zwar, auch das ein vertrautes Phänomen, nicht mit den Naturwissenschaften mithalten können, aber alles in allem keinen Grund zur Klage haben.
Die Studierenden sind nach meiner Erfahrung nicht besser oder schlechter als hierzulande, und auch der sprichwörtliche Fleiß „asiatischer“ Studenten ist, jedenfalls in Singapur, eher Klischee als Wirklichkeit. Verwöhnt durch die jahrzehntelang ungebrochene Wohlstandsmehrung hat sich ein gewisser Sättigungseffekt eingestellt, der den Stellenwert harter Arbeit mindert und die Armutserfahung früherer Generationen in den Hintergrund rückt. Soweit sie nicht aus westlichen Ländern stammen – mehr und mehr Studierende aus Europa und Nordamerika kommen im Rahmen von Austauschprogrammen für ein oder mehr Semester nach Singapur (auch viele deutsche Stimmen lassen sich auf dem Campus vernehmen, aber Soziologiestudenten sind mir leider noch nicht untergekommen) –, treten sie meist etwas zurückhaltender gegenüber den Dozenten auf, aber wenn man sich bemüht und auf regionalspezifische Befindlichkeiten Rücksicht nimmt, lassen sie sich durchaus zu reger Diskussionsbeteiligung animieren. Auffällig ist, zumal bei besseren Studierenden, die Breite des Beobachtungshorizonts: Viele sind mit den Verhältnissen in Europa und Nordamerika gut vertraut und haben bei Referaten oder Hausarbeiten auch keine Berührungsängste gegenüber Themen, die den (süd-)ostasiatischen Sozialraum überschreiten. Rückläufig, wenngleich nach wie vor präsent, ist der lange Zeit andressierte Hang zum Auswendiglernen des Lehrstoffs, denn seit auch die öffentlichen Schulen vermehrt auf die Förderung „kritischen“ Denkens setzen, wächst die Bereitschaft, sich auf Reflexion, Ambiguität und Ungewissheit einzulassen. Auch insoweit nähern sich die Dinge also aneinander an, und sobald gewisse Anfangsschwierigkeiten einmal überwunden sind und der Austausch mit den Studierenden richtig Spaß zu machen beginnt, merkt man schließlich gar nicht mehr, wo man ist und dass das, was man gerade tut, „Interaktion mit (ganz) Fremden“ sein soll.
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