Weil das Online-Geschäft lukrativer ist, trennt sich Time Warner vom TIME Magazine, Rupert Murdoch vom Wall Street Journal. In Deutschland ist die Frankfurter Rundschau (FR) das jüngste Opfer der Konzentrationsprozesse auf dem Medienmarkt infolge des Preiswettbewerbs – wie der Presse zu entnehmen ist, wird sie demnächst von der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) übernommen. Na und – könnte man sagen. Das ist eben das Resultat normaler Konkurrenz in Marktwirtschaften. Das Problem ist aber, dass Medien eben nicht nur eigene Märkte sind, sondern auch wesentliche gesellschaftliche Funktionen übernehmen.
Gesellschaftliche Funktionen von Medien
In den vergangenen vierzig Jahren haben die Medien alle gesellschaftlichen Teilbereiche, insbesondere aber die Politik, sehr stark durchdrungen, so dass Medienentwicklungen heute Gesellschaftsentwicklungen immer stärker beeinflussen (Jansen et al. 1997, Münch 1997a, 1997b). Politisch gesehen sind die Medien z.B. in modernen Demokratien wichtig für die Herstellung der bürgerlichen Öffentlichkeit, d.h. für die Kommunikation zwischen Politik und Bürger und die Herausbildung einer öffentlicher Meinung (Habermas 1990). Marktsoziologisch gesehen sind sie wichtig für die Kommunikation in Unternehmen sowie (auf Konsumgütermärkten) Mittler der Kommunikation von Kunden und Herstellern auf Märkten und zentraler Austragungsort von Konstruktionsprozessen der symbolischen Bedeutung von Produkten (Altmeppen/Karmasin 2003). Journalisten sind dabei die Gatekeeper von Kommunikationsströmen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen (Münch 1993, Rupp 1997, Wolff 2002), und Medienberichterstattung wirkt sich zeitversetzt auf die Bevölkerungsmeinung aus (Baur 2009). Die Konzentration auf dem Medienmarkt zieht deshalb deutliche Konsequenzen für fast alle gesellschaftlichen Bereiche nach sich:
Innerhalb der Medien kommt es zu einer Angebotsausdünnung und inhaltlichen Homogenisierung, verstärkten Vermischung von Berichterstattung und Werbung, Konzernjournalismus in der Medienberichterstattung, steigende Nachfragemacht bei Informationsquellen, Verminderung des intermedialen Qualitäts- und Innovationswettbewerbs, Imitation, erhöhte Marktzutrittsbarrieren, erweiterten Tabuzonen für redaktionelle Berichterstattung sowie einem Verlust von Arbeitsmarktalternativen für Journalisten (Trappel et al. 2002, Altmeppen 2000, Molina 1991). Bereits um die Jahrtausendwende warnten Kommunikationsforscher, dass die journalistische Ethik gefährdet sei, weil Public Relations und Journalismus immer mehr fließend ineinander übergehen (Jarren/Meier 2002, Trappel et al. 2002) – eine Befürchtung, die sich angesichts der Medienskandale der vergangenen Jahre bestätigt zu haben scheint.
Aus der Perspektive der Gesellschaft gibt es immer weniger Alternativen zur Herstellung öffentlicher Meinung. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sich partikuläre Interessen durchsetzen, Propagandarisiko und -druck nehmen zu. Gleichzeitig werden Nachrichten gegenüber anderen Medieninhalten abgewertet (Wolf 1999, Zerdick 1994).
Medien und Medienwirkung
Nun ist es aber nicht so einfach, Menschen durch Propaganda über Medien zu beeinflussen, wie man denkt – im Gegenteil: Die Ergebnisse der Medienwirkungsforschung sind recht widersprüchlich, weil sozialstrukturell unterschiedliche Personengruppen spezifische Medien sehr unterschiedlich nutzen und bewerten und v.a. unterschiedlich kritisch mit Medieninhalten umgehen. Hohe Medienkompetenz weisen vor allem Menschen mit hoher Bildung auf (Meyen 2001). [1]
Zu beobachten ist außerdem eine Kongruenz zwischen der redaktionellen Tendenz von Tageszeitungen und der Meinung ihrer Leser (Donsbach 1990). Hierbei ist unklar, ob die Zeitungen ihre Leser beeinflussen oder ob die Leser die Zeitung wählen, weil die redaktionelle Tendenz ihrer eigentlichen Meinung entspricht.
Medienkonsumenten nehmen jedenfalls Medieninhalte nicht passiv auf, sondern verarbeiten sie in Interaktion mit ihrem sozialen Umfeld (Schönbach/Eichhorn 1990, Meyen 2001). U. a. wird Nachrichten eine höhere Glaubwürdigkeit zugeschrieben als Werbung, weil bei Ersteren fungieren Journalisten als Gatekeeper von Kommunikationsströmen fungieren (sollen), d.h. die Informationen filtern (sollen) und so verhindern (sollen), dass der Leser ungewollt Opfer von Propaganda werden. Sollen medial vermittelte PR-Strategien langfristig wirken, müssen sie deshalb langfristig angelegt sein und hinterher die Erwartungen erfüllen, die bei Journalisten, Medien und der Öffentlichkeit geweckt wurden (Mathes 1999). Da Journalisten aber auch Opfer von Fehleinschätzungen sein können, kann das trotz aller Qualitätskontrollen nach hinten losgehen. So zeigt Koschel (1999) am Beispiel der Einschätzung der Wirtschaftslage, dass Menschen infolge des langfristigen Einfluss der Massenmedien objektives Geschehen bisweilen völlig falsch einschätzen (siehe hierzu auch Baur 2009).
Gegenspieler werden Partner
Nicht alle Medien wirken dabei gleichermaßen. Leitmedien beeinflussen die Meinungsbildung wesentlich stärker als andere und nehmen auch eine Vorreiterrolle in der Meinungsbildung ein, weil ihnen eine besondere Seriosität zugesprochen wird (Wilke 1999).
Und genau da sind wir bei dem Problem der Insolvenz gerade der FR: Die FR war eine der deutschen Zeitungen, die als Leitmedium fungierten – sie war vielleicht nicht die wichtigste, aber eine der wichtigsten deutschen Zeitungen.
Gleichzeitig war es früher so, dass die Leitmedien im Bereich der Printmedien traditionell in „links“ und „rechts“ aufgeteilt waren: Wie Grafik 1 und Grafik 2 zeigen, waren die FAZ und die Welt in den 1970ern und 1980ern eher CDU/CSU-nah und berichteten tendenziell zugunsten des konservativen Lagers (hier am Beispiel der Berichterstattung über Helmut Kohl). Die SZ und die FR waren dagegen eher regierungskritisch und etwas näher dem linksliberalen politischen Spektrum zugeneigt (und Zeitungen wie die taz, die aber erst relativ spät gegründet wurde, waren links). Der Spiegel, die Zeit und der Stern mäanderten in den vergangenen Jahrzehnten (je nach Redaktion eher) (Kepplinger et al. 1986).


Durch eine Mehrzahl an Leitmedien hab es folglich auf dem Medienmarkt Gegenspieler, die sich wechselseitig austarierten und so (als Gesamtpaket) die Möglichkeit zu einer differenzierten öffentlichen Meinung gaben. Wie Grafik 3 illustriert, hat dies durchaus eine Wirkung: Die Bevölkerungsmeinung (hier zu Helmut Kohl) bewegt sich (zeitversetzt) zwischen den Tendenzen der beiden Lager an Leitmedien (Kepplinger et al. 1986).

Und genau das ist das Problem an der Insolvenz der FR: Uns ist nicht nur ein Leitmedium verloren gegangen, sondern durch die Fusion von FAZ und FR werden ehemalige Gegenspieler Partner. Und da gleichzeitig bei der FR die Zahl der Mitarbeiter von 420 auf 28 reduziert wird (Bigalke/Riehl 2013) wird es vermutlich darauf hinauslaufen, dass künftig FAZ-Redakteure die Medieninhalte beider Zeitung produzieren.
Anmerkungen
[1] Entsprechend der Pluralisierung der Lebensstile ist das Medienpublikum heute extrem fragmentiert (Handel 2000). Kliment (1997) identifiziert etwa fünf Mediennutzertypen: die Angepasst-Inaktiven, die Angepasst-Unzufriedenen, die Häuslich-Aktiven, die konsumfreudigen Aktiven sowie die unauffälligen Konformisten. Diese Personengruppen unterscheiden sich in Alter und Lebensstil und weisen unterschiedliche Ausprägungen auf fünf Dimensionen der Mediennutzung auf: der Häufigkeit der Fernsehnutzung, der Häufigkeit der Zeitungsnutzung, der Häufigkeit der Nutzung des privaten Rundfunks, der Häufigkeit der Nutzung elektronischer Medien sowie dem Interesse an Informationen. Bei der Bestimmung von Zielgruppen für das Marketing und der Analyse Mediennutzungsmustern spielen daher seit Mitte der 1990er Jahre vor allem soziologische Lebensstil- und Milieumodelle (wie etwa das von Schulze 1996) eine große Rolle (Kliment 1997, Hartmann/Tebert 2003, Oehmichen 2003).
Literatur
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Altmeppen, Klaus-Dieter/Karmasin, Matthias (Hg.) (2003): Medien und Ökonomie. Bände 1/2, Grundlagen der Medienökonomie; Soziologie, Kultur, Politik, Philosophie, International, Geschichte, Technik, Journalistik. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag
Baur, Nina (2009): Memory and Data. Methodological Implications of Ignoring Narratives in Survey Research. In: Packard, Noel (Hg.) (2009): Sociology of Memory: Papers from the Spectrum. Newcastle: Cambridge Scholars Publishing. 289-312
Bigalke, Silke/Riehl, Katharina (2013). Zeitungskrise: Abschlussprüfung. In: SZ vom 27.02.2013. Artikel 3/4 im Teil „Medien“
Donsbach, Wolfgang (1990): Wahrnehmung von redaktionellen Tendenzen durch Zeitungsleser. In: Medienpsychologie. Jahrgang 2, Nr. 4, S. 275-301
Habermas, Jürgen (1990): Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
Handel, Ulrike (2000): Die Fragmentierung des Medienpublikums. Bestandsaufnahme und empirische Untersuchung eines Phänomens der Mediennutzung. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag
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Jansen, Andrea/Ruberto, Rosaia/Münch, Richard (1997): Mediale Konstruktion politischer Realität. Politikvermittlung im Zeitalter der Fernsehdemokratie. Wiesbaden: Dt. Univ.-Verl.
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Koschel, Friederike (1999): Wirtschaftlich geht’s uns Gold. In: Message. Internationale Fachzeitschrift für Journalismus. Jahrgang 1, Nr.1, S. 130-132
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Trappel, Josef/Meier, Werner A./Schrapa, Klaus/Wölk, Michaela (2002): Die gesellschaftlichen Folgen der Medienkonzentration. Veränderungen in den demokratischen und kulturellen Grundlagen der Gesellschaft. Opladen: Leske und Budrich
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Wolf, Michael J. (1999): The Entertainment economy. How mega-media forces are transforming our lives. New York: Times Books
Wolff, Stephan (2000): Dokumenten- und Aktenanalyse. In: Flick, Uwe/von Kardoff, Ernst/Steinke, Ines (Hg.): Qualitative Forschung – Ein Handbuch. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch. S. 502-513
Zerdick, Axel (1994): Ist die Unabhängigkeit der Medien bedroht? Neue Entwicklung der Medienkonzentration in Europa. In: Medium. Jahrgang 24, Nr.1, S. 11-14
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