Nur mit einem Bild und ohne weitere Worte setzte Queen B aka Beyoncé vor wenigen Wochen ein Statement auf Instagram gegen die im Internet kursierenden Bilder der Aktion „Women against Feminism“. In Deutschland veröffentlichte die Jugendorganisation der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) in diesem Jahr ähnliche antifeministische Statements.
Aus einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu den familien- und geschlechterpolitischen Positionen der AfD geht hervor, dass sich die AfD politisch u.a. dafür einsetzt, den sogenannten „Gender-Wahn“ zu stoppen, sie für die Abschaffung des ‚undemokratischen’ Gender Mainstreamings eintritt und sich gegen aktive Gleichstellungspolitik ausspricht, um die ‚natürlichen’ Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu bewahren. Damit stellt sich die Partei in eine Reihe mit unterschiedlichen antifeministischen und antigenderistischen Bewegungen, zu denen zwei Studien des Gunda-Werner-Instituts der Heinrich-Böll-Stiftung einen Überblick bieten.
Rosenbrock (2012) und Frey et al. (2013) weisen deutlich auf die Heterogenität der unterschiedlichen antifeministischen Gruppen hin, die ein breites politisches Spektrum abdecken, das bis zum rechten Rand reicht. Manche der Gruppen fordern u.a. die Abschaffung der Geschlechterforschung, der vorgeworfen wird, unwissenschaftlich und ideologisch überformt zu sein. Die von der Geschlechterforschung angestrebte Geschlechtergleichheit wird als „Femokratie“, als Herrschaft der Frauen und Feministinnen bezeichnet, in der Männer zu Opfern der neuen Gleichstellungspolitik erklärt werden. Nach Rosenbock werden Frauen und Männer systematisch diffamiert: „Hausfrauen werden als faul und parasitär, und alleinerziehende Mütter als ‚Abzockerinnen‘ dargestellt, die ‚Männer kaputt machen‘. Homosexuelle Männer und Frauen werden teilweise als ‚pervers‘ bezeichnet“ (ebd. 21). Mittels biologistischer Argumentation wird eine Geschlechterordnung als natürlich verklärt, in der Männern die Rolle als Kämpfer der Nation und Frauen die Rolle der Mutter zugeschrieben wird. Feminismus, Geschlechterforschung und eine ‚medienbeherrschende Homolobby’ werden verantwortlich für die Vernachlässigung der heterosexuellen Familie als zentrale und schützenswerte Institution der Gesellschaft gemacht. Damit schreiben diese Bewegungen der Geschlechterforschung eine einflussreiche, ja hegemoniale Bedeutung zu (fast könnte man als Geschlechterforscher_in geneigt sein, zu denken: Schön wär’s! – selbstredend nicht mit Blick auf die genannten Inhalte, sondern auf die angenommene große Bedeutung).
Nun würde es an dieser Stelle nicht ausreichen, wenn wir drei Bloggerinnen wie Beyoncé ein kämpferisch anmutendes Foto von uns online stellen würden, um die antigenderistischen Argumente zu widerlegen. Vielmehr möchten wir uns mit einem Aspekt eingehender beschäftigen: dem Bedeutungsverlust von Männern als Familien-(Allein-)Ernährer.
Zutreffend ist, dass Feminist_innen und Geschlechterforscher_innen das männliche Alleinernährermodell, die darin eingelassene (ökonomische) Abhängigkeit der (Ehe-)Frauen von ‚ihren‘ (Ehe-)Männern und die Verdeckung der ökonomischen und kapitalistischen Ausbeutungen produktiver wie reproduktiver Arbeitskraft von Frauen umfassend kritisiert (hat). Insbesondere die fehlende Anerkennung von – oft von Frauen unbezahlt und nicht bzw. schlecht sozial abgesichert geleisteter – Reproduktionsarbeit als wesentliches gesellschaftliches und ökonomisches Versorgungs- und Auffangnetz, das die vom Markt produzierten Risiken und Unsicherheiten kompensieren muss, stand und steht im Fokus der Kritik.
Zwar geht die Verbreitung des männlichen Alleinernährermodells seit einigen Jahren, vermutlich auch wegen der feministischen Kritik daran, zurück. Jedoch ist nach wie vor nur jede vierte Ehefrau Vollzeit erwerbstätig (Statistisches Bundesamt/WZB 2013: 55) – von einer Auflösung des Ernährermodells lässt sich damit nicht sprechen. Vor allem aber möchten wir hier argumentieren, dass das männliche (Allein-)Ernährermodell nicht nur aufgrund gleichstellungspolitischer Gründe sowie einer stärkern gesellschaftlichen Orientierung an Gleichheit erodiert. Vielmehr muss seine Erosion in den Kontext des neoliberalen Umbaus des Sozialstaates gestellt und der sozialpolitische Paradigmenwechsel vom versorgenden hin zum aktivierenden Sozialstaat stärker betrachtet werden. Der Wohlfahrtsforscher Esping-Andersen (2002) diskreditierte den Familialismus des männlichen Allein-Ernährermodell als sozialpolitische Maßlosigkeit, die schlichtweg zu teuer geworden ist: „Ideological predilections aside, it should be evident to all that we cannot afford not to be egalitarians in the advanced economies of the twenty-first century“ (2002: 3, Herv. i. O.). Die potentiellen Arbeitsmarkterträge von Frauen würden zur Aufrechterhaltung der Sozialsysteme dringend benötigt.
Mal ganz davon abgesehen, dass es den Feminismus und die Geschlechterforschung aufgrund teilweise stark heterogener Perspektiven auf ungleichheitsrelevante Themen nicht gibt, lässt sich zusammenfassend konstatieren, dass eine Zerstörung von Familie nicht als wesentliches politisches Ziel von Feminismus gesehen werden kann. Vielmehr geht es ganz basal um eine Sichtbarmachung von fehlender Anerkennung für Sorgearbeiten, eine starke Orientierung an Egalität zwischen unterschiedlichen Geschlechtern und Sexualitäten (dazu mehr im nächsten Blog-Eintrag) sowie um genuine Herrschaftskritik. Der Anti-Genderismus verkennt die Bedeutung ökonomischer und kapitalistischer Transformationsprozesse, in dem er den Einfluss des Feminismus maßlos über- und den wirtschaftlichen und sozialpolitischen Wandel unterschätzt. Es ist also weniger ein Zeichen des Sieges des Feminismus, sondern vielmehr Symptom eines Gestaltwandels der kapitalistischen Wirtschafts- und Arbeitswelt.
Was im Kontext antigenderistischer Kritik vor diesem Hintergrund völlig außer Acht gelassen wird, sind die von uns bereits in vorherigen Blog-Einträgen vielfach erwähnten Prekarisierungsprozesse in der Erwerbssphäre, die auch den Druck auf die Reproduktionssphäre erhöhen und soziale Ungleichheiten verschärfen. So wird die zunehmende Erwerbstätigkeit von hochqualifizierten Frauen in den westlichen Industrienationen insbesondere durch die Arbeit von Migrantinnen im haushaltsnahen Dienstleistungsbereich aufgefangen, die Frauen bei der Bewältigung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf entlasten. Hier findet also eine Umverteilung von Reproduktionsarbeit statt, allerdings vorwiegend zwischen Frauen und nicht zwischen den Geschlechtern. Auch ändert sich mit der zunehmenden weiblichen Erwerbsbeteilung das gesamte Frauenerwerbsvolumen kaum, da Frauen vor allem in Teilzeit beschäftigt sind. Damit kommt es eben nicht zu einer zunehmenden und ausschließlichen Besserstellung von (weißen) Frauen, sondern zu der vergeschlechtlichten Komponente von Reproduktionsarbeit kommt eine ethnisierte hinzu: Nur wenige Frauen werden durch ihre Erwerbsarbeit privilegiert. Für Migrantinnen ist sie im Rahmen von Haushaltsarbeit sehr ambivalent: Einerseits kommt ihnen ein gewisses Maß an Autonomie und Selbstbestimmung zu, weil sie häufig zu den Haupternährerinnen ihrer Familien werden. Andererseits gehen mit den Anstellungen im Haushalt oft sehr prekäre Beschäftigungsverhältnisse und schlechte Bezahlung einher.
Für Männer verschärft sich der Druck vor allem deshalb, weil ihre Berufsbiographien zunehmend unsicher werden und ihre Lebensläufe beginnen, sich mit Blick auf berufliche Diskontinuitäten und Unsicherheiten denen von Frauen anzunähern. Auch ihr beruflicher Aufstieg, der lange das zentrale Distinktionsmerkmal gegenüber Frauen war, verliert an Selbstverständlichkeit (Meuser 2004; Kreher 2007) – jedenfalls für verschiedene sozialstrukturelle Gruppen von Männern. Unterschiede in den Arbeitsmarktchancen zeigen sich z.B. nach der sozialen und regionalen Herkunft, nach Bildungsabschluss, Alter und Staatsbürgerschaftsstatus, die im Kontext eines sich verschärfenden Wettbewerbs um sichere und gut bezahlte oder allein existenzsichernde Arbeitsplätze zu Determinanten struktureller Ungleichheiten werden können, die für unterschiedliche Männer auch unterschiedliche Auswirkungen hinsichtlich ihrer sozialen Position haben. Damit müssen also die Unterschiede zwischen Männern als Genusgruppe in der antifeministischen Diskussion stärker berücksichtigt werden.
Dieses kurze, nur auf ungleichheitssoziologische Aspekte bezogene Schlaglicht beansprucht bei weitem keine Vollständigkeit in der Auseinandersetzung mit anti-genderistischen Positionen. Uns ist es aber ein Anliegen, eine Perspektivverschiebung anzuregen. Denn der Antigenderismus sieht die Geschlechterforschung in der Verantwortung für eine sich in ökonomischer Hinsicht verschärfende Lage, für die aber ökonomische und (globale) kapitalistische Transformationsprozesse verantwortlich sind, die z.B. durch die Wirtschafts- und Finanzkrise ausgelöst wurden. Ungleichheiten bestehen zwischen Menschen nach wie vor fort, vergrößern sich teilweise sogar – und hier werden nicht Frauen gegenüber Männern übervorteilt, sondern ganz im Gegenteil, die strukturellen Ursachen von Ungleichheiten sind und waren immer sehr heterogen. Berücksichtigt man in einer transnational ausgerichteten Perspektive auf ökonomische Verwertungszusammenhänge die vielfältigen Machtbeziehungen hinsichtlich Geschlecht, Ethnizität und Klasse etc. stärker, wird deutlich, dass Geschlechterforschung zu jenen Wissenschaften gehört, denen die Analyse der Komplexität dieser Entwicklung ein zentrales Anliegen ist, um Ungleichheiten umfassend beschreiben und erklären zu können. Insofern wäre es in unseren Augen produktiver, sich stärker mit den ökonomischen Ursachen von Ungleichheiten als solchen zu befassen, anstatt ‚Frauen‘ und ‚Männer‘ oder heterosexuelle und homosexuelle Lebensweisen gegeneinander auszuspielen.
Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen – und bitten um Einhaltung der Netiquette!
Literatur:
Esping-Andersen, Gøsta (2002): „Towards the Good Society, Once Again?“. In: Gøsta Esping-Andersen (Hg.), Why We Need a New Welfare State, Oxford: Oxford University Press, S. 26-67.
Meuser, Michael (2004): „Nicht als alter Wein in neuen Schläuchen? Männlichkeitskonstruktionen im Informationszeitalter“. In: Heike Kahlert/Claudia Kajatin (Hg.), Geschlechterverhältnisse im Informationszeitalter, Frankfurt/M./New York: Campus, S. 73-93.
Kreher, Thomas (2007): ‚Heutzutage muss man kämpfen‘. Bewältigungsformen junger Männer angesichts entgrenzter Übergänge in Arbeit, Weinheim: Juventa.
Statistisches Bundesamt (Destatis), Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) (2013): Datenreport 2013. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland. Bonn.
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