Ich bin gebeten worden, als Historiker für die kommenden zwei Monate den Soziologen-Blog zu bestreiten. Das ist einerseits eine reizvolle Aufgabe, andererseits fällt mir der Einstieg nicht ganz leicht. Das liegt daran, dass ich das Verhältnis zwischen Soziologie und Geschichtswissenschaft nur sehr verzerrt wahrzunehmen scheine. Obwohl ich selbst nie Soziologie studiert habe, bin ich von Beginn an durch Wissenschaftler geprägt worden, für die eine Rezeption soziologischer Theorien selbstverständlich war. Das fing mit der „Bielefelder Schule“ der „Historischen Sozialwissenschaft“ an, mit ihrem Säulenheiligen Max Weber, und setzte sich mit Pierre Bourdieu, Michel Foucault, Niklas Luhmann oder der Wissenschaftssoziologie in zahlreichen Seminaren in Geschichte, Volkskunde oder Philosophie fort. Und seit der Mitte des letzten Jahrzehnts bin ich an der Ausgestaltung eines Graduierten-Kollegs zu „Praktiken der Selbst-Bildung“ beteiligt, seitdem rauscht die Praxistheorie auf mich hernieder. Deshalb ist es kein Wunder, dass mir spätestens seit der Jahrtausendwende die produktive Aneignung soziologischer Theoreme in der Geschichtswissenschaft geradezu selbstverständlich geworden zu sein scheint. Ja, mittlerweile beginnen Historiker sogar über die Reichweite soziologischer Befunde und Generalisierungen zu reflektieren. Und auf der anderen Seite stoße ich immer wieder auf Soziologen, die mit spielerischer Leichtigkeit mit Historikern kooperieren.
Immer wieder ertappe ich mich, obwohl ich unverkennbar als Historiker sozialisiert worden bin und die Denkstruktur des Faches verinnerlicht habe, bei dem Gedanken, dass die beiden Fächer ja eigentlich eine regelrechte Symbiose miteinander eingegangen sind. Historiker, die mit der Soziologie nichts anfangen können, verwundern mich. Soziologen, die über eine blinde Empirieorientierung von Kollegen klagen, mag ich nicht glauben. Was sind das für Welten? Ich kenne nur Fachvertreter, die mit den Ansätzen des jeweils anderen Faches souverän jonglieren. Dass eine Fachkollegin mittlerweile am MPI für Gesellschaftsforschung arbeitet und ich um eine Beitrag für diesen Blog gebeten wurde, erscheint mir als Normalfall.
Aber das ist ein ganz falsches Bild. So schön ist die Welt nicht. Soziologie, so sagte mir die Kollegin, ist für uns das, was wir lesen, und das ist vor allem die Kultursoziologie. Und gerade im erwähnten GK habe ich erlebt, wie schwierig wirklich interdisziplinäre Arbeit ist. Sie ist ja ein „Muss“ in allen größeren Forschungsprojekten, aber im Grunde merkt man immer wieder, dass sie nur funktioniert, wenn Fachvertreter persönlich miteinander können, also bereit sind, sich auf den mühsamen Prozess einzulassen, eine neue Fachsprache zu lernen. Allen Formalisierungsversuchen zum Trotz, die die neue Programmarchitektur der Forschungsförderung auszeichnet, kommt Wissenschaft ohne personalisierte Beziehungen nicht aus. Wer nicht miteinander kann, kann trotzdem gemeinsame Texte schreiben — aber was kommt dabei heraus?
Ich werde in den nächsten Wochen dieses Verhältnis aus der Perspektive meiner Forschungen umkreisen. Meine Wahrnehmung ist durch persönliche Beziehungen und Lektüreerfahrungen geprägt, also selektiv, subjektiv und verzerrt. Aber nicht umsonst heißt es ja creative misreading. Mal sehen, was dabei herauskommt.
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