Wer von Gesellschaft nichts versteht, der bleibt ein ökonomischer Analphabet oder kommt doch über ökonomische Halbbildung nicht hinaus. Wer keine soziologischen Zugänge zu Wirtschaft kennt, dem fehlt wesentliches Wissen über Wirtschaft und sein Verstehen wirtschaftlicher Phänomene bleibt unterkomplex. Wer die Schule verlässt, ohne einige basale soziologische Denkweisen gelernt zu haben, dessen Orientierungskompetenz in Sachen Geld, Arbeit/Beruf und Konsum, Markt, Unternehmen und Wirtschaftspolitik bleibt bescheiden. Desorientiert bleibt auch, wer die Wirtschaftswelt betritt und glaubt, in Deutschland gäbe es keinen Kapitalismus, weil Ludwig Erhard ihn mit der sozialen Marktwirtschaft abgeschafft habe.
Soziologisch informierte ökonomische Bildung tut also not!
Dabei kommt es weniger darauf an, den ökonomischen Imperialismus in der Bildung zu kritisieren, der die Bildungsdomäne Wirtschaft auf wirtschaftswissenschaftliches Wissen reduzieren will. Dem disziplinären Alleinvertretungsanspruch muss man natürlich laut und deutlich widersprechen.
Selbstverständlich muss man auch dem ökonomischen Separatismus entschieden entgegentreten. Er will die ökonomischen Themen aus den integrativ angelegten Schulfächern der sozialwissenschaftlichen Domäne herauslösen, in ein separates Schulfach Wirtschaft verfrachten und dort ausschließlich aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht behandeln. Das ist zwar didaktischer Unsinn, aber für die Soziologie in der Schule nicht das eigentliche Problem.
Vorrangig ist vielmehr die Frage, ob der Soziologie im doppelten Wortsinn Kompetenz für wirtschaftliche Themen im Unterricht zugesprochen wird oder nicht. Vor allem geht es darum, ob die organisierte Soziologie den Anspruch erhebt, dass sie zu wirtschaftsbezogener Bildung Wesentliches zu sagen hat.
Das ist für den soziologischen Beitrag zur allgemeinen Bildung und zu den einschlägigen gesellschaftswissenschaftlichen Schulfächern sowie für die Stellung der Soziologie in der Lehramtsausbildung geklärt. Dies gehört zu den Aufgaben, die der Vorstand der DGS vor einigen Jahren aufgegriffen und im Ausschuss Schule organisiert hat.
Aber eine klare Ansage, dass Soziologie Wirtschaftskompetenz besitzt und ökonomische Bildung ohne Soziologie wenig Sinn macht, fehlt.
Tatsächlich sprechen die Curricula – und damit die Bildungspolitik – der Soziologie faktisch die Kompetenz ab, bildungsrelevantes Wissen über Wirtschaft zur Verfügung zu stellen. In den wirtschaftlichen Inhaltsfeldern der einschlägigen Lehrpläne für allgemein bildende Schulen fehlt Soziologie in aller Regel. Soziologie hat also in Schulen offiziell zum Thema Wirtschaft nichts zu sagen, sie kommt in dieser Sache nicht zu Wort. Nur ein paar soziologische Passagen finden sich bei wirtschaftsnahen Themenfeldern wie Arbeit und Beruf.
Angesichts des Standes der soziologischen Wirtschaftsforschung ist das absurd. Im Grunde genommen verstößt es gegen das Gebot der Wissenschaftsorientierung von Bildung, wenn den Lernenden der soziologische Zugang zu Wirtschaft systematisch vorenthalten wird.
Allerdings hat sich die organisierte Soziologie in den vergangenen zwei Jahrzehnten hier auch nicht gerade nach vorne gedrängt. So ging beispielsweise der wirtschaftssoziologische Boom bislang an Lehrplänen und Unterricht spurlos vorüber, während dort wirtschaftswissenschaftliche Inhalte expandierten.
Führt man sich die soziologische Forschung zu einschlägigen wirtschaftlichen Themen vor Augen, kann man sich über die soziologische Bescheidenheit gegenüber der ökonomischen Bildung nur wundern. Basales Wissen beispielsweise aus Wirtschafts- und Organisationssoziologie, Arbeits- und Industriesoziologie, Arbeitsmarkt- und Unternehmenssoziologie, Geld- und Finanzmarktsoziologie, Soziologie der Sozialpolitik, Konsum- und Umweltsoziologie, Technik- und Innovationssoziologie gehört in den Kanon einer allgemeinen ökonomischen Bildung, die über Wirtschaft informieren und aufklären will.
Selbstverständlich kann und soll in den Schulen soziologisches Wissen und Können das wirtschaftswissenschaftliche nicht schlicht ablösen. Über Inflation und Geldpolitik, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und Konjunkturpolitik oder die Techniken des betrieblichen Rechnungswesens hat die Soziologie nur wenig für die Schule Brauchbares zu sagen. Eine Verdrängung des ökonomischen Imperialismus durch einen soziologischen würde jedenfalls den Lernenden nicht nutzen.
Was die Soziologie aber rasch angehen sollte ist eine Aufkündigung des stillschweigenden Einverständnisses, dass die Wirtschaft in der Schule den Wirtschaftswissenschaften gehört. Ohne eine starke Stellung der Soziologie in den Schulen kann man Wirtschaft nicht angemessen verstehen. Ohne soziologisches Wissen über Wirtschaft bleibt man als Arbeitnehmerin, Selbstständige, Konsumentin, Investorin, Bürgerin oder Aktivistin schlecht informiert, auch über sich selbst. Das hemmt auch die wirtschaftliche und politische Handlungsfähigkeit.
Als Disziplin hat allerdings die Soziologie eben so wenig einen Anspruch auf einen Platz in der Stundentafel und den Lehrplänen wie die Volkswirtschaftslehre oder irgendeine andere Disziplin. Der einzige Grund, der ihr den legitimen Zugang zur Schule verschaffen kann, ist ihr besonderer Beitrag zur Bildung der Kinder und Jugendlichen. Was soziologische Bildung heute heißt, das sollte sie öffentlich offensiv kommunizieren. Zu Public Sociology gehört nämlich auch die öffentliche Bildung.
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